The Emergence of Natural Science
in World History
and its Subsequent Development
GA 326
2 January 1923, Dornach
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The Emergence of Natural Science, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, meine lieben Freunde, es sind von vielen Seiten von unseren Freunden und den Freunden unserer Sache Kundgebungen ihrer Anteilnahme und ihrer Verbundenheit mit unserem Schmerze über den Verlust des Goetheanums eingelaufen. Ich werde mir dann erlauben, morgen oder übermorgen über die einzelnen Kundgebungen Ihnen Bericht zu erstatten.
[ 1 ] Ladies and gentlemen, my dear friends, we have received expressions of sympathy and solidarity from many of our friends and supporters regarding our grief over the loss of the Goetheanum. I will take the liberty of reporting to you on these individual messages tomorrow or the day after tomorrow.
[ 2 ] Nun möchte ich heute in Fortsetzung der gestern gepflogenen Auseinandersetzungen über, man könnte sagen, das Unvermögen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die seit dem 15. Jahrhunderte heraufgekommen ist, den Menschen in seinem Wesen erkennend zu erfassen, sagen: Es fehlt eben auf allen Gebieten dieser Weltanschauung an dem, woran es schon im Mathematisch-Mechanischen fehlt. Man hat das Mathematisch-Mechanische abgesondert vom Menschen. Man betrachtet es so, als ob beim Erleben des Mathematischen der Mensch nicht mehr dabei wäre. Dieser Gang der menschlichen Vorstellungen für das Mathematische, er hat zur Folge auf der einen Seite, daß das Bestreben entsteht, auch anderes im Weltengebiete vor sich gehendes Geschehen vom Menschen abzusondern und es in keine Verbindung mehr zu bringen mit der menschlichen Wesenheit. Dadurch entsteht auf der anderen Seite das Unvermögen, erkennend eine wirkliche Brücke zu schaffen zwischen dem Menschen und der Welt.
[ 2 ] Today, continuing the discussions we had yesterday about—one might say—the inability of the scientific worldview, which has emerged since the 15th century, to grasp the essence of the human being, I would like to say: What is lacking in all areas of this worldview is precisely what is already lacking in the mathematical-mechanical realm. The mathematical-mechanical has been separated from the human being. It is viewed as if the human being were no longer present in the experience of the mathematical. This trajectory of human thinking regarding mathematics has the consequence, on the one hand, of giving rise to the endeavor to separate other events taking place in the world from human beings and to no longer connect them with the human being. This, in turn, leads, on the other hand, to the inability to consciously build a genuine bridge between human beings and the world.
[ 3 ] Über eine andere Folge dieses Unvermögens werde ich dann noch später sprechen. Betrachten wir aber zunächst einmal, ich möchte sagen, die Grundursache, warum die naturwissenschaftliche Entwickelung diesen Gang genommen hat. Sie hat die Möglichkeit verloren, dasjenige innerlich zu erleben, wovon heute in der Anthroposophie gesprochen wird, und was in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung Gegenstand einer instinktiven Anschauung oder, wenn das Wort nicht mißverstanden wird, eines instinktiven Hellsehens war. Das Hineinschauen in den Menschen und ihn aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt finden, das ist der naturwissenschaftlichen Anschauung verlorengegangen.
[ 3 ] I will discuss another consequence of this inability later on. But let us first consider—I would say—the root cause of why scientific development has taken this course. It has lost the ability to experience inwardly what is spoken of today in anthroposophy, and what in earlier times of human development was the subject of an instinctive perception or, if the word is not misunderstood, of instinctive clairvoyance. The ability to look into the human being and find him composed of various elements—this has been lost to the scientific perspective.
[ 4 ] Erinnern wir uns doch, wie wir gliedern den Menschen, um seinem Wesen nahezukommen, innerhalb unserer anthroposophischen Anschauung. Wir reden von dem physischen Leib des Menschen, von dem ätherischen Leib, von dem astralischen Leib und von der Ich-Organisation des Menschen. Wollen wir uns das einmal heute zum Verständnis der Entwickelung naturwissenschaftlicher Weltanschauung recht vor Augen halten: Physischer Leib, ätherischer Leib, astralischer Leib, Ich-Organisation. Ich brauche diese Gliederung des Menschen heute nicht des Näheren auseinanderzusetzen, da ja jeder zum Beispiel in meinem Buche «’Theosophie» das Nötige darüber finden kann. Aber wir wollen uns nun doch einmal an dieser Gliederung des Menschen orientieren. Wir wollen uns zunächst fragen, wenn wir auf den physischen Leib des Menschen hinschauen und ins Auge fassen die Möglichkeit der inneren Orientierung, also die Möglichkeit, seinen physischen Leib innerlich zu erleben, was erlebt man denn dann an diesem physischen Leibe? Man erlebt eben gerade an dem physischen Leib dasjenige, wovon ich ja jetzt öfter gesprochen habe, das Rechts-Links, das Oben-Unten, das Vorne-Hinten. Man erlebt an dem physischen Leib die Anschauung der Bewegung als Ortsveränderung dieses eigenen physischen Leibes. Man erlebt an diesem physischen Leib aber auch, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, variiert, zum Beispiel das Gewicht. Aber man erlebt das Gewicht eben in einer durchaus modifizierten Art. Als diese Dinge noch erlebt wurden in den verschiedenen Gliedern der Menschheitsorganisation, da dachte man eben über Dinge nach, über die nachzudenken man im naturwissenschaftlichen Zeitalter keine Neigung mehr hatte. Tatsachen, die für das Weltverständnis von fundamentaler Bedeutung sind, ließ man völlig unbeachtet. Nehmen Sie einmal die folgende Tatsache: Nehmen Sie an, daß Sie etwa einen Menschen tragen würden, der, wenn Sie ihn auf die Waage setzen, gleich schwer ist mit Ihnen. Nehmen Sie an, Sie tragen diesen Menschen. Sie gehen mit diesem Menschen irgendeine Strecke, indem Sie ihn tragen. Sie werden ein Erlebnis von seinem Gewichte haben. Indem Sie selber durch die gleiche Raumstrecke gehen, tragen Sie auch sich selber. Aber das erleben Sie nicht in derselben Weise. Es ist tatsächlich so, daß Sie ja Ihr Gewicht durch den Raum tragen, aber es nicht erleben. Ins Erleben wird das eigene Gewicht ganz anders hereingenommen. Wenn man alt wird, so fühlt man in einem gewissen Sinne seine Glieder so, daß man sagt, man fühle ihre Schwere. Das hängt auch in einem gewissen Sinne mit der Schwere, mit dem Gewichte zusammen, weil Altwerden eben ein gewisses Zerfallen des Organismus bedeutet, wodurch seine einzelnen Teile mehr herausgerissen werden aus dem inneren Erleben, selbständig werden, ich möchte sagen, atomisiert werden, und in der Atomisierung der Schwere verfallen. Aber wir könnten das natürlich in keinem Momente unseres Lebens bis zur Tatsächlichkeit bringen. Vielleicht werden wir sogar sagen, wir können ja den Ausdruck, daß wir die Schwere unserer Glieder fühlen, nur vergleichsweise brauchen. Eine genauere Wissenschaft zeigt allerdings, daß es nicht bloß vergleichsweise ist, sondern daß es etwas Bedeutsames an sich hat. Aber jedenfalls, das Erleben unseres eigenen Gewichtes zeigt sich eigentlich für unser Bewußtsein als eine Art Auslöschen unseres eigenen Gewichtes.
[ 4 ] Let us recall how, within our anthroposophical worldview, we divide the human being into parts in order to gain insight into his nature. We speak of the human physical body, the etheric body, the astral body, and the human “I” organization. Let us keep this clearly in mind today as we seek to understand the development of the scientific worldview: physical body, etheric body, astral body, and the “I”-organization. I do not need to go into greater detail about this division of the human being today, since everyone can find the necessary information on this subject, for example, in my book *Theosophy*. But let us now use this structure of the human being as our guide. Let us first ask ourselves: when we look at the human physical body and consider the possibility of inner orientation—that is, the possibility of experiencing one’s physical body from within—what do we actually experience in this physical body? It is precisely in the physical body that one experiences what I have spoken of so often—right and left, up and down, front and back. In the physical body, one experiences the perception of movement as a change in the position of one’s own physical body. But one also experiences in this physical body—at least to a certain degree, and in varying ways—for example, weight. But one experiences weight in a thoroughly modified way. When these things were still experienced in the various members of the human organism, people used to reflect on matters that, in the age of natural science, they no longer felt inclined to consider. Facts of fundamental importance to our understanding of the world were left completely unheeded. Consider the following fact: Suppose you were to carry a person who, if placed on a scale, weighs the same as you do. Suppose you are carrying this person. You walk a certain distance with this person while carrying them. You will have an experience of their weight. As you yourself walk the same distance, you are also carrying yourself. But you do not experience this in the same way. It is indeed the case that you are carrying your own weight through space, but you do not experience it. Your own weight is incorporated into your experience in a completely different way. As one grows old, one feels one’s limbs in a certain sense in such a way that one says one feels their heaviness. This is also connected, in a certain sense, with heaviness, with weight, because growing old entails a certain disintegration of the organism, whereby its individual parts are increasingly torn away from inner experience, become independent—I would say, atomized—and, in this atomization, succumb to heaviness. But of course, we could never bring this to actual reality at any moment in our lives. Perhaps we might even say that we can only use the expression “we feel the heaviness of our limbs” in a comparative sense. A more precise science, however, shows that it is not merely comparative, but that it has something significant in itself. But in any case, the experience of our own weight actually presents itself to our consciousness as a kind of obliteration of our own weight.
[ 5 ] Nun, da haben wir also die im Menschenwesen liegende Notwendigkeit, Wirkungen, die zweifellos innerhalb dieser Menschenwesenheit sind, im Menschen auszulöschen, auszulöschen durch entgegengesetzte Wirkungen, derart entgegengesetzt, wie ich das für die Totalität des Menschen auseinandergesetzt habe, als ich die Analogie zwischen dem Menschen und dem Jahreslauf in den anderen Vorträgen, in den anthroposophischen Vorträgen, zur Darstellung brachte. Aber wir haben immerhin, ob wir nun die mehr deutlich erlebbaren Vorgänge, wie die drei Raumdimensionen, die Bewegung, oder die weniger deutlichen Vorgänge des Gewichtes erleben, wir haben Vorgänge, die erlebt werden können in dem physischen Leibe des Menschen.
[ 5 ] So here we have the necessity inherent in the human being to to extinguish within the human being those effects that are undoubtedly present within this human being—to extinguish them through opposing effects, effects that are as opposite as I have explained with regard to the totality of the human being when I presented the analogy between the human being and the course of the year in the other lectures, the anthroposophical lectures. But in any case, whether we experience the more clearly perceptible processes—such as the three spatial dimensions and movement—or the less clearly perceptible processes of weight, we have processes that can be experienced in the human physical body.
[ 6 ] Dasjenige, was da einst in früheren Zeiten erlebt wurde, das wurde seither völlig abgesondert vom Menschen. Das wurde gewissermaßen aus ihm herausgestellt. Bei der Mathematik ist es uns ja ganz anschaulich geworden. Bei anderen Erlebnissen des physischen Leibes wird es eben aus dem Grunde weniger anschaulich, weil im Leibe die entsprechenden Vorgänge, so wie das Gewicht, wie die Schwere, eben für das Bewußtsein, wie es heute ist, wie es sich entwickelt hat, ganz ausgelöscht werden. Aber sie waren eben nicht immer ganz ausgelöscht. Man hat heute, beeinflußt durch dasjenige, was der naturwissenschaftlichen Vorstellung als Menschenseelenstimmung zugrunde liegt, eben keine Idee mehr davon, wie das innere Erleben des Menschen doch anders war. Gewiß, sein eigenes Gewicht trug der Mensch nicht in früheren Zeiten bewußt durch den Raum. Aber er hatte dafür das Gefühl, daß dieses Gewicht zwar vorhanden ist, aber auch ein Gegengewicht vorhanden ist. Und wenn er etwas lernte, wie es zum Beispiel bei den Schülern der Mysterien der Fall war, dann lernte er erkennen, wie er zwar seine eigene Schwere in sich und immer mit sich trägt, wie aber in dem Lichte auch die Gegenwirkung fortwährend tätig ist. So daß der Mensch in gewisser Beziehung — es kann das schon so ausgedrückt werden — fühlte, er müsse jener Geistigkeit, die im Lichte ist, dankbar sein, daß sie in ihm entgegenwirkt derjenigen Geistigkeit und Seelenhaftigkeit, die in der Schwere wirkt. Kurz, man könnte überall nachweisen, eine Anschauung von etwas, das von dem Menschen wie ganz abgetrennt wäre, gab es eigentlich in älteren Zeiten nicht. Der Mensch erlebte die Vorgänge in sich gemeinsam mit demjenigen, was solche Vorgänge in der Natur sind. Der Mensch erlebte zum Beispiel, wenn er in der Natur, der Tatsächlichkeit nach abgesondert von sich, den Fall eines Steines sah, das Wesen der Bewegung. Dies erlebte er an dem Vergleich, was in ihm selber eine solche Bewegung sein würde. Wenn er also einen fallenden Stein sah, so erlebte er etwa dieses: Wenn ich in derselben Weise mich bewegen wollte, dann müßte ich mir eine gewisse Geschwindigkeit geben, und diese Geschwindigkeit, die ist beim fallenden Steine anders, als wenn ich zum Beispiel eine ganz langsame, kriechende Wesenheit vor mir sehe. Es erlebte der Mensch die Geschwindigkeit des fallenden Steines dadurch, daß er sein Bewegungserlebnis anwandte auf die Anschauung des fallenden Steines. So wurden tatsächlich diejenigen Vorgänge der Außenwelt, die wir heute zur Physik zählen, von jenen älteren Menschen allerdings auch objektiv angesehen, aber ihr Erkennen wurde durchaus so betrieben, daß man das eigene Erleben zu diesem Erkennen zu Hilfe nahm, um das, was in einem vorgeht, wieder zu schauen in demjenigen, was draußen in der Welt vorgeht. Und so liegt eigentlich in der ganzen physikalischen Anschauungsweise bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts etwas, wovon man sagen kann: Diese physikalische Anschauungsweise brachte die Objekte der Natur selbst in ihrem physischen Geschehen dem inneren Erleben des Menschen nahe. Der Mensch erlebte auch da mit der Natur. Aber mit dem 15. Jahrhundert beginnt die Absonderung der Anschauung solcher Vorgänge vom Menschen. Und mit ihr die Absonderung des Mathematischen, eine Denkweise, die sich ja dann mit der ganzen Naturwissenschaft verbindet. Jetzt erst war eigentlich völlig verloren das Innenerleben im physischen Leibe. Jetzt war völlig verloren dasjenige, was innere Physik des Menschen ist. Die äußere Physik wurde ebenso vom Menschen abgesondert wie dieMathematik selbst. Der Fortschritt, der dadurch geschehen ist, besteht in der, ich möchte sagen, Verobjektivierung des Physikalischen. Sehen Sie, man kann in zweifacher Weise ein eminent Physikalisches anschauen. Bleiben wir bei dem fallenden Stein. Man kann diesen fallenden Stein verfolgen (Zeichnung, Pfeil) mit der äußeren Anschauung und man kann ihn zusammenbringen mit dem Erlebnis jener Geschwindigkeit, in die man sich versetzen müßte, wenn man selber so rasch laufen wollte, wie der Stein fällt. So ergibt sich ein Verständnis durch den ganzen Menschen, nicht bloß ein Verständnis, das nur zusammenhängt mit der Gesichtswahrnehmung.
[ 6 ] What was once experienced in earlier times has since been completely separated from human beings. It has, so to speak, been set apart from them. This has become quite clear to us in the case of mathematics. With other experiences of the physical body, it becomes less vivid for this very reason, because the corresponding processes in the body—such as weight and heaviness—are completely erased from consciousness as it is today, as it has developed. But they were not always completely erased. Today, influenced by what underlies the scientific conception of the human soul’s state of mind, we simply no longer have any idea of how different the inner experience of human beings actually was. Certainly, in earlier times, human beings did not consciously carry their own weight through space. But they did have the feeling that while this weight was indeed present, a counterweight was also present. And when they learned something—as was the case, for example, with the students of the Mysteries—they came to recognize that while they carry their own heaviness within themselves and always with them, the counteracting force is also constantly at work in the light. So that, in a certain sense—it can indeed be put this way—people felt they had to be grateful to that spirituality which is in the light for counteracting within them the spirituality and soulishness that operate through heaviness. In short, one could demonstrate everywhere that a conception of something that was regarded as entirely separate from the human being did not actually exist in earlier times. Human beings experienced the processes within themselves in conjunction with what such processes are in nature. For example, when a person saw a stone falling in nature—which, in reality, was separate from himself—he experienced the essence of movement. He experienced this by comparing it to what such a movement would be like within himself. So when he saw a falling stone, he experienced something like this: If I wanted to move in the same way, I would have to give myself a certain speed, and this speed is different in the case of the falling stone than when, for example, I see a very slow, creeping entity before me. People experienced the speed of the falling stone by applying their own experience of movement to the observation of the falling stone. Thus, the phenomena of the external world that we today classify as physics were indeed viewed objectively by those people of the past; yet their cognition was carried out in such a way that they drew upon their own experience to aid this cognition, in order to see what was happening within themselves reflected in what was happening out in the world. And so, in fact, the entire physical way of viewing the world up to the beginning of the 15th century contains something about which one can say: This physical way of viewing the world brought the objects of nature themselves—in their physical processes—closer to the inner experience of human beings. Human beings experienced nature in this way as well. But with the 15th century began the separation of the perception of such processes from human beings. And with it came the separation of mathematics—a way of thinking that then became intertwined with the entire natural sciences. Only now was the inner experience within the physical body truly lost. Now what constitutes the inner physics of the human being was completely lost. External physics became just as separated from human beings as mathematics itself. The progress that resulted from this consists in what I would call the objectification of the physical. You see, one can observe something eminently physical in two ways. Let’s stick with the falling stone. One can follow this falling stone (drawing, arrow) with external observation, and one can combine this with the experience of the speed one would have to attain if one wanted to run as fast as the stone is falling. This results in an understanding that involves the whole person, not merely an understanding connected solely to visual perception.


[ 7 ] Betrachten wir jetzt dasjenige, was aus einer solchen älteren Anschauung mit dem Beginne des 15. Jahrhunderts wird. Gehen wir von diesem Ausgangspunkte zu jener Persönlichkeit, an der man ganz besonders diesen Übergang, den ich auf diese Weise charakterisiert habe, sehen kann, gehen wir zu Galilei. Galilei ist ja gewissermaßen der Entdecker der Fallgesetze, wie man sie nennt. Und das wichtigste Objektive an diesem Fallgesetze Galileis ist, daß er bestimmt hat, einen wie großen Weg ein fallender Körper in der ersten Sekunde zurücklegt. So daß also eine ältere Anschauung neben das Sehen des fallenden Steines das innere Erlebnis hingestellt hat von der Geschwindigkeit, in die man sich versetzen muß, wenn man es dem fallenden Steine gleich tun will. Neben den fallenden Stein setzte man das innere Erlebnis (Zeichnung, rot). Galilei betrachtet auch den fallenden Stein. Aber er setzt hinzu nicht das innere Erlebnis, sondern er mißt die Länge des Weges im äußerlich gewordenen Raume, die der Stein, wenn er anfängt zu fallen, bis zum Ende der ersten Sekunde durchmißt. Da der Stein mit beschleunigter Geschwindigkeit fällt, so mißt er dann auch die nächsten Wegstrecken. Also er stellt daneben kein inneres Erlebnis, sondern etwas, was man äußerlich abmißt, ein Vorgang, der gar nichts zu tun hat mit dem Menschen, er wird vollständig von dem Menschen getrennt. Das Physikalische wird in der Anschauung, in der Erkenntnis so aus dem Menschen herausgeworfen, daß man sich gar kein Bewußtsein mehr davon verschafft, daß man es eigentlich auch innerlich hat.
[ 7 ] Let us now consider what became of such an older view at the beginning of the 15th century. Let us proceed from this starting point to the figure in whom this transition—which I have characterized in this way—can be seen most clearly: let us turn to Galileo. Galileo is, in a sense, the discoverer of the laws of falling bodies, as they are called. And the most important objective aspect of Galileo’s laws of falling bodies is that he determined the distance a falling body travels in the first second. Thus, an earlier conception placed, alongside the sight of the falling stone, the inner experience of the speed one must attain if one wishes to move at the same rate as the falling stone. The inner experience (drawing, red) was placed alongside the falling stone. Galileo also observes the falling stone. But he does not add the inner experience; rather, he measures the length of the path in the externalized space that the stone traverses from the moment it begins to fall until the end of the first second. Since the stone falls with increasing speed, he then also measures the subsequent distances. Thus, he does not juxtapose an inner experience, but rather something that is measured externally—a process that has nothing at all to do with the human being; it is completely separated from the human being. The physical is cast out of the human being in perception and cognition to such an extent that one no longer even becomes aware that one actually possesses it internally as well.
[ 8 ] Es entsteht ja auch in dieser Zeit vom Beginne des 17. Jahrhunderts eine Gegnerschaft gegen Aristoteles, der durch das ganze Mittelalter hindurch als die große Autorität der Wissenschaft angesehen worden war — der sie ja aber auch aufgehalten hat, diese Wissenschaft —, es entsteht eine Gegnerschaft gegen Aristoteles bei all denjenigen Geistern, die vorwärts wollen. Wenn man die heute vielfach mißverstandenen Erklärungen des Aristoteles über so etwas wie den fallenden Stein sachgemäß ins Auge faßt, so laufen sie eben auf das hinaus, daß er überall angibt, wenn man draußen in der Welt etwas sieht, wie das wäre, wenn man es selbst durchmachen würde. Für ihn handelt es sich also nicht darum, die Geschwindigkeit festzusetzen durch Abmessen, sondern die Geschwindigkeit so vorzustellen, daß der Vorgang mit einem Erlebnis des Menschen in Beziehung gebracht wird. Natürlich, wenn der Mensch sich sagt, er muß sich in diese Geschwindigkeit versetzen, dann fühlt er gewissermaßen hinter dem Sich-Versetzen in diese Geschwindigkeit auch etwas Lebendiges, in sich Kraftvolles, wodurch er sich in diese Geschwindigkeit versetzt. Er fühlt in einer gewissen Beziehung den eigenen inneren Anstoß, und es liegt ihm natürlich ganz ferne, zu denken, da zieht ihn etwas hin in die Richtung, in die er geht. Er denkt viel eher darüber nach, wie er stößt, als daß er denkt, es zieht ihn etwas. Daher wird Anziehungskraft, Gravitation, eigentlich erst in diesem Zeitalter des 17. Jahrhunderts etwas, was für die menschliche Anschauung eine Bedeutung hat. In radikaler Weise ändern sich die Vorstellungen, die der Mensch sich über die Natur macht. Und so wie ich es beim Fallgesetz gezeigt habe, so ist es für alle physikalischen Vorstellungen. Eine von diesen Vorstellungen ist zum Beispiel diese, die man heute in der Physik das Trägheitsgesetz nennt. Beharrungsvermögen sagt man auch. Aber Trägheitsgesetz ist ja etwas sehr allgemein so Benanntes. Es verrät noch dieses Trägheitsgesetz seinen Ursprung vom Menschen. Ich brauche Ihnen nicht zu schildern, was Trägheit beim Menschen bedeutet, denn davon hat ja wohl jeder eine Erfahrung. Es ist jedenfalls etwas, was innerlich erlebt werden kann. Was ist das Trägheitsgesetz unter dem Einflusse des Galileismus in der Physik geworden? In der Physik ist es das geworden, daß man sagt: Ein Körper — oder ein Punkt, muß man eigentlich sagen —, ein Punkt, auf den kein äußerer Einfluß ausgeübt wird, der sich selbst überlassen ist, bewegt sich im Raume mit gleichförmiger Geschwindigkeit, das heißt, er legt durch alle Zeiträume hindurch in jeder Sekunde dieselbe Raumstrecke zurück. So daß, wenn kein äußerer Einfluß da ist und der Körper einmal in der Geschwindigkeit ist, daß er sich in der Sekunde so weit bewegt, so bewegt er sich auch in jeder folgenden Sekunde ebensoweit (siehe Zeichnung). Er ist träge. Er hat kein Bestreben, wenn kein äußerer Einfluß ausgeübt wird auf ihn, sich zu ändern in dieser Beziehung. Er läuft immer so fort, daß er in jeder Sekunde dieselbe Wegstrecke zurücklegt. Es wird nur noch gemessen, gemessen die Wegstrecke in einer Sekunde. Ja, man nennt dann einen Körper träge, wenn er so sich zeigt, daß er in jeder Sekunde dieselbe Wegstrecke zurücklegt.
[ 8 ] Indeed, during this period—the early 17th century—opposition arose against Aristotle, who had been regarded throughout the Middle Ages as the great authority on science—though he had also held back the progress of that very science— opposition to Aristotle arose among all those minds that sought to move forward. If one properly considers Aristotle’s explanations—which are often misunderstood today—regarding such things as a falling stone, they essentially boil down to this: he consistently points out that whenever one observes something in the world, one should imagine what it would be like to experience it oneself. For him, then, it is not a matter of determining speed through measurement, but of conceiving of speed in such a way that the process is related to a human experience. Of course, when a person tells himself he must project himself into this speed, he feels, in a sense, behind this act of projecting himself into it, something alive and powerful within himself that propels him into this speed. In a certain sense, they feel their own inner impulse, and it is, of course, quite foreign to them to think that something is pulling them in the direction they are going. They think much more about how they propel themselves than about being pulled by something. Therefore, gravitational force—gravity—only really became something of significance to human perception in the 17th century. Human conceptions of nature are changing in a radical way. And just as I have shown with the law of falling bodies, the same applies to all physical concepts. One such concept, for example, is what is today called the law of inertia in physics. It is also referred to as the principle of persistence. But the “law of inertia” is, of course, a very general term. This law of inertia still reveals its human origin. I need not describe to you what inertia means for human beings, for surely everyone has experienced it. In any case, it is something that can be experienced inwardly. What has become of the law of inertia in physics under the influence of Galileanism? In physics, it has come to mean that a body—or, more precisely, a point—a point upon which no external influence is exerted, left to its own devices, moves through space at a constant velocity; that is, it covers the same distance in every second throughout all periods of time. Thus, if there is no external influence and the body has reached a velocity such that it moves a certain distance per second, it will also move that same distance in every subsequent second (see diagram). It is inertial. It has no tendency, in the absence of any external influence, to change in this respect. It continues to move in such a way that it covers the same distance every second. The only thing that is measured is the distance covered in one second. Indeed, a body is said to be inert when it behaves in such a way that it covers the same distance every second.


[ 9 ] Einstmals hat man das anders empfunden. Einstmals hat man gesagt: Wie erlebt man einen solchen bewegten Körper, der in jeder Sekunde dieselbe Wegstrecke zurücklegt? Man erlebt ihn so, daß man in dem Zustand, in dem man einmal ist, beharrt, daß man gar niemals eingreift in sein eigenes Verhalten. Man kann das als Mensch natürlich höchstens als ein Ideal betrachten. Der Mensch erreicht dieses Ideal der Trägheit nur in sehr geringem Maße. Aber man wird merken, wenn man das hat, was man Trägheit im gewöhnlichen Leben nennt, man wird merken, daß das immerhin eine Annäherung an dieses ist, immerfort in jeder Sekunde des Lebens dasselbe zu machen.
[ 9 ] People used to see things differently. People used to say: How does one experience such a moving body that covers the same distance every second? One experiences it in such a way that one remains in whatever state one happens to be in, that one never intervenes in one’s own behavior at all. Of course, as human beings, we can regard this at most as an ideal. Humans achieve this ideal of inertia only to a very limited extent. But one will notice that when one has what is commonly called inertia in everyday life, one will realize that this is, after all, an approximation of it—doing the same thing continuously, every second of one’s life.
[ 10 ] Es wurde die ganze Vorstellungsorientierung des Menschen vom 15. Jahrhundert ab in eine Richtung gelenkt, die damit bezeichnet ist: Der Mensch vergißt sein inneres Erleben. Zunächst haben wir es hier mit dem inneren Erleben des physischen Organismus zu tun. Der Mensch vergißt es. Und dasjenige, was Galilei für solche dem Menschen naheliegende Dinge, wie das Fallgesetz, das Trägheitsgesetz, ersonnen hat — denn es ist ja ein Ersinnen, ein Ersinnen, das allerdings sich beschäftigt mit dem, was in der Natur beobachtet werden kann —, dasjenige, was Galilei auf Naheliegendes angewendet hat, es wurde nun auch in einem weiteren Umfange angewendet.
[ 10 ] From the 15th century onward, the entire orientation of human thought was steered in a direction characterized by this: Human beings forget their inner experience. First and foremost, we are dealing here with the inner experience of the physical organism. Human beings forget it. And what Galileo devised for such things that are obvious to human beings—such as the law of falling bodies and the law of inertia—for it is indeed a devising, a devising that, admittedly, deals with what can be observed in nature—what Galileo applied to the obvious was now also applied on a broader scale.
[ 11 ] Wir wissen, wie Kopernikus ein neues Weltsystem im physischen Sinne heraufgebracht hat dadurch, daß er die Sonne in den Mittelpunkt rückte, nicht mehr die Erde, daß er die Planeten in Kreisen um diese Sonne sich herumbewegen ließ, und darnach dann beurteilte den Ort irgendeines planetarischen Körpers am Himmel. Das war ein Bild, das Kopernikus entworfen hat von unserem Planetensystem, Sonnensystem, ein Bild, das man ja auch aufzeichnen kann. Ja, dieses Bild strebte noch nicht ganz radikal nach jener mathematischen Gesinnung hin, welche die Außenwelt ganz absondert vom Menschen. Wer die Schriften des Kopernikus liest, der bekommt durchaus die Anschauung, daß Kopernikus noch fühlt, die ältere Astronomie, die hat in den komplizierten Linien, durch welche sie das Sonnensystem zum Beispiel hat begreifen wollen, nicht nur die aufeinanderfolgenden, sagen wir, optischen Orte der Planeten zusammengefaßt, sondern diese ältere Astronomie, die hat auch eine Empfindung gehabt von dem, was erlebt werden würde, wenn der Mensch drinnen stecken würde in diesen Bewegungen des Planetensystems. Man möchte sagen: In älteren Zeiten hatten die Leute eine sehr deutliche Vorstellung von den Epizyklen und so weiter, von denen man sich dachte, daß gewisse Sterne sie beschreiben. Da war aber überall noch, ich möchte sagen, wenigstens ein Schatten von menschlichem Empfinden darinnen. So wie man, sagen wir, wenn jemand einen Menschen malt mit einer bestimmten Armstellung, wie man diese Armstellung begreift, weil man selbst erleben kann, wie es einem ist, wenn man diese Armstellung macht, so war noch etwas Lebendiges im Nacherleben eines solchen Herumgehens eines Planeten um seinen Fixstern. Ja, selbst bei Kepler — bei diesem sogar besonders stark — ist noch etwas durchaus Menschliches in den Berechnungen der Planetenbahnen.
[ 11 ] We know how Copernicus established a new world system in the physical sense by placing the Sun at the center—rather than the Earth—and by having the planets move in circles around this Sun, and then determining the position of any planetary body in the sky based on that. This was a model that Copernicus devised of our planetary system—the solar system—a model that can, of course, be depicted. Yes, this image did not yet strive quite so radically toward that mathematical mindset which completely separates the external world from human beings. Anyone who reads Copernicus’s writings certainly gains the impression that Copernicus still senses that older astronomy—which sought to comprehend the solar system, for example, through its complicated lines—did not merely summarize the successive, let us say, optical positions of the planets, but this older astronomy also had a sense of what it would be like to experience these movements of the planetary system from within. One might say: In earlier times, people had a very clear conception of the epicycles and so on, which were thought to be described by certain stars. But there was still, I would say, at least a shadow of human feeling in all of that. Just as, let’s say, when someone paints a person with a certain arm position, one understands that arm position because one can experience for oneself what it’s like to make that arm position—so there was still something alive in the re-experiencing of a planet’s orbit around its fixed star. Yes, even with Kepler—and particularly so with him—there is still something thoroughly human in the calculations of planetary orbits.


[ 12 ] Das abgesonderte Galileische Prinzip, das wendet nun Newton an auf die Himmelskörper, indem er so etwas wie das kopernikanische System hinnimmt in der Anschauung, indem er solche Vorstellungen konstruiert wie etwa diese: Ein Zentralkörper, also eine Sonne, sagen wir, zieht einen Planeten so an, daß die Kraft dieser Anziehung abnimmt mit dem Quadrat der Entfernung, immer kleiner und kleiner wird, aber im Quadrat kleiner, und zunimmt mit der Masse der Körper. Also wenn der anziehende Körper größere Masse hat, ist die Anziehungskraft größer. Wenn die Entfernung größer wird, wird die Anziehungskraft immer kleiner, aber so, daß sie, wenn die Entfernung zweimal so groß ist, viermal kleiner wird, wenn sie dreimal so groß ist, neunmal kleiner wird und so weiter. Wiederum wird jetzt in das Bild ein reines Messen verlegt, das wiederum ganz abgesondert gedacht wird vom Menschen. Bei Kopernikus und Kepler ist es noch nicht so; bei Newton wird ein sogenanntes objektives Etwas konstruiert, wobei gar nichts mehr von einem Erleben bemerkt wird, sondern wo nur konstruiert wird. Es werden Linien konstruiert in der Richtung, in der man sieht, und da gewissermaßen Kräfte hineingeträumt — denn das, was man sieht, ist ja keine Kraft, die Kraft muß dazu geträumt werden. Man sagt natürlich: dazu gedacht, so lange man an die Sache glaubt, und wenn man nicht mehr daran glaubt, so sagt man: hinzugeträumt. So daß man sagen kann: Durch Newton wird die abgesonderte physikalische Anschauungsweise nun so weit generalisiert, daß sie auf den ganzen Weltenraum angewendet wird. Kurz, es ist das Bestreben vorhanden, ganz und gar zu vergessen das Erleben innerhalb des physischen Leibes des Menschen, und dasjenige, was man früher eng verbunden gedacht hat mit dem Erleben des physischen Leibes, das verobjektiviert zu sehen, unabhängig von diesem physischen Leibe im Raume draußen, den man selbst erst aus dem physischen Leib herausgerissen hat, und Mittel und Wege zu finden, um davon zu reden, ohne überhaupt auch nur an den Menschen zu denken. So daß man sagen kann: Durch die Absonderung vom physischen Leibe, durch die Absonderung des in der Natur Angeschauten vom Erlebnis im physischen Leibe des Menschen entsteht die neuere Physik, die eigentlich erst da ist mit dieser Absonderung gewisser Naturvorgänge vom Selbsterleben im menschlichen physischen Leibe (Zeichnung, gelb).
[ 12 ] Newton now applies the distinct Galilean principle to the celestial bodies by adopting something like the Copernican system in his conception, constructing ideas such as this: A central body—say, the Sun—attracts a planet in such a way that the force of this attraction decreases with the square of the distance, becoming smaller and smaller, but decreasing proportionally to the square of the distance, and increases with the mass of the bodies. Thus, if the attracting body has greater mass, the force of attraction is greater. As the distance increases, the force of attraction becomes smaller and smaller, but in such a way that, when the distance is twice as great, it becomes four times smaller; when it is three times as great, it becomes nine times smaller, and so on. Once again, a purely mathematical measurement is introduced into the picture, which is in turn conceived as entirely separate from human experience. With Copernicus and Kepler, this is not yet the case; with Newton, a so-called “objective something” is constructed, in which nothing of an experience is perceived at all, but where only construction takes place. Lines are constructed in the direction in which one looks, and forces are, so to speak, imagined into them—for what one sees is, after all, not a force; the force must be imagined into it. Of course, one says: “conceived” as long as one believes in the matter, and when one no longer believes in it, one says: “imagined.” So that one can say: Through Newton, the separate physical way of viewing things is now generalized to such an extent that it is applied to the entire universe. In short, there is an endeavor to to completely forget the experience within the human physical body, and to view as an object that which was previously thought to be closely connected with the experience of the physical body—independent of this physical body in the space outside, which one has oneself first torn away from the physical body—and to find ways and means to speak of it without even thinking of the human being at all. So that one can say: Through the separation from the physical body, through the separation of what is observed in nature from the experience within the human physical body, modern physics arises—which actually only comes into being with this separation of certain natural processes from the direct experience within the human physical body (drawing, yellow).


[ 13 ] Nun hatte man auf der einen Seite vergessen das Selbsterleben im physischen Leibe (vgl. Zeichnung 5.103, rot). Aber indem man nun alles da draußen mit dem abgesonderten Mathematisieren, mit der abgesonderten physikalischen Anschauungsweise durchtränkte (gelb), konnte man nicht wieder zurück mit dieser Physik in den Menschen herein. Was man erst abgesondert hatte, das konnte man nicht wieder auf den Menschen anwenden. Kurz, es entsteht die andere Seite der Sache, das Unvermögen, wiederum zum Menschen zurückzukommen mit dem Wissenschaftlichen.
[ 13 ] On the one hand, people had forgotten the experience of the self within the physical body (see Figure 5.103, red). But by now saturating everything out there with isolated mathematical analysis and an isolated physical perspective (yellow), it was no longer possible to return to the human being with this physics. What had first been isolated could not be applied to the human being again. In short, the other side of the matter emerges: the inability to return to the human being with scientific knowledge.
[ 14 ] Nun, beim Physikalischen bemerkt man das nicht so; aber man bemerkt es sehr stark, wenn man sich jetzt frägt: Wie ist es mit dem Selbsterleben des Menschen im ätherischen Leibe, in diesem feineren Organismus? Da erlebt ja der Mensch auch allerlei. Aber dieses Erleben, das ist noch früher und mit einem stärkeren Radikalismus vom Menschen abgesondert worden. Nur war man da nicht so glücklich beim Absondern, wie man es in der Physik war. Denn gehen wir einmal zurück auf einen naturwissenschaftlichen Menschen der ersten christlichen Jahrhunderte, auf den Arzt Galen, da finden wir, daß Galen, indem er ins Auge faßt, was in der äußeren Natur lebt, im Sinne seines Zeitalters die vier Elemente unterscheidet: Erde, Wasser, Luft und Feuer — wir würden sagen: Wärme. Das nimmt man wahr, wenn man den Blick nach außen richtet. Richtet man aber den Blick nach innen, richtet man den Blick auf das Selbsterleben des ätherischen Leibes und frägt man sich: Wie erlebt man diese Elemente, das feste Erdige, das Wässerige, das Luftförmige, das Wärmende, Feurige in sich? — da sagte man sich eben damals: Man erlebt es mit dem ätherischen Leibe. Dann erlebt man es als innerlich erfühlte Säftebewegung, und zwar die Erde als «schwarze Galle», das Wasser als «Schleim», die Luft eben als «Pneuma», als dasjenige, was durch den Atmungsprozeß aufgenommen wird, die Wärme als «Blut». Man erlebt also in den Säften, in demjenigen, was überhaupt im menschlichen Organismus zirkuliert, innerlich dasselbe, was man äußerlich anschaut. So wie man die Bewegung des fallenden Steines im physischen Leibe miterlebt, so erlebt man die Elemente mit in den innerlichen Vorgängen; wie im Stoffwechselprozeß, wie man sich dachte, Galle, Schleim und Blut durcheinanderwirken, das empfand man als das innere Erlebnis des eigenen Leibes, aber als diejenige Form des inneren Erlebnisses, der die äußeren Vorgänge entsprechen, diejenigen Vorgänge, die sich zwischen Luft, Wasser, Feuer, Erde abspielen.
[ 14 ] Well, in the physical realm, one doesn’t really notice this; but one notices it very strongly when one asks oneself: What about a person’s inner experience within the etheric body, within this finer organism? After all, a person experiences all sorts of things there as well. But this experience was separated from the human being even earlier and with greater radicalism. It’s just that this separation wasn’t as successful as it was in physics. For if we go back to a scientist of the early Christian centuries, the physician Galen, we find that Galen, in observing what exists in the external natural world, distinguished—in the spirit of his age—the four elements: earth, water, air, and fire—what we would call heat. This is what one perceives when one directs one’s gaze outward. But when one directs one’s gaze inward, focusing on the inner experience of the etheric body, and asks oneself: How does one experience these elements—the solid, earthy; the watery; the airy; the warm, fiery—within oneself?—people at that time simply said: One experiences them through the etheric body. Then one experiences it as an inwardly felt movement of the humors: earth as “black bile,” water as “phlegm,” air as “pneuma”—that which is taken in through the process of breathing—and warmth as “blood.” Thus, one experiences inwardly in the humors—in that which circulates throughout the human organism—the very same thing one observes externally. Just as one experiences the movement of a falling stone in the physical body, so does one experience the elements in the inner processes; just as in the metabolic process—where, as was once thought, bile, phlegm, and blood interact—one perceived this as the inner experience of one’s own body, but as that form of inner experience corresponding to external processes—those processes that take place between air, water, fire, and earth.




[ 15 ] Nun gelang es einem hier nicht so entschieden und radikal, das innere Leben zu vergessen und noch genügend mitzubringen für die äußere Anschauung. Beim Fall konnte man messen, etwa den Fallraum in der ersten Sekunde. Ein Trägheitsgesetz bekam man, indem man sich dachte, daß es eben bewegte Punkte geben kann, die ihren Bewegungszustand nicht ändern, sondern ihre Geschwindigkeit beibehalten. Aber indem man das, was so spezifisch eigentümlich als Innenerlebnis in älteren Zeiten empfunden wurde, aus diesem Innenerlebnis hinauswerfen wollte, die Elemente, konnte man zwar das Innere vergessen, aber man brachte in die Außenwelt nicht so etwas Ähnliches mit, wie es das Messen usw. war oder ist. So gelang es einem nicht, in derselben Weise das hierauf Bezügliche zu objektivieren wie das Physikalische. Und so ist es im Grunde bis heute noch geblieben. Und daher ist bis heute die Chemie, die dadurch hätte entstehen können, daß man in derselben Weise so viel hätte heraustragen können aus sich in die Außenwelt für den ätherischen Leib, wie es für den physischen gelungen ist, die dadurch hätte etwas werden können, was sich der Physik an die Seite stellen ließe, diese Chemie ist so etwas nicht geworden, sondern heute noch immer so, daß sie, wenn sie von ihren Gesetzen sprechen will, von etwas ziemlich Unbestimmtem und Vagem spricht. Denn in der Tat will die Chemie dasselbe in bezug auf den ätherischen Leib, was man mit der Physik gemacht hat in bezug auf den physischen Leib. Die Chemie sagt zwar: Wenn sich Körper chemisch verbinden, wobei sie ja ihre Eigenschaften vollständig ändern können bis auf den Aggregatzustand, dann geschieht natürlich etwas. Aber wenn man nicht bloß zu der Vorstellung greifen will, die ja die einfachste und bequemste ist, so weiß man nicht viel über dieses Geschehen. Wasser besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff — ja, die beiden muß man sich im Wasser irgendwie ineinander denken (Zeichnung, gelb und rot); aber wie das ineinander gedacht werden soll, darüber wird keine innerlich erlebbare Vorstellung gebildet. Man erklärt es dann durch etwas Außerliches, aber recht äußerlich: Der Wasserstoff bestehe aus Atomen oder Molekülen meinetwillen, der Sauerstoff auch. Die fahren durcheinander, prallen aufeinander und bleiben aneinander haften und so weiter. Das heißt, man war, indem man das innere Erlebnis vergaß, nun nicht in derselben Lage wie bei der Physik, wo man messen konnte — denn immer mehr kam es der Physik auf das Messen, Zählen und Wägen an —, sondern man war genötigt, sich den inneren Vorgang rein auszudenken. Und so ist es in einer gewissen Beziehung mit der Chemie bis heute geblieben. Denn dasjenige, was für das Innere solcher chemischen Vorgänge heute noch vorgestellt wird, das ist im Grunde genommen etwas zu den Vorgängen Hinzugedachtes.
[ 15 ] Here, however, one was not quite so resolute and radical in forgetting one’s inner life, yet still managed to bring enough of it along for external observation. In the case of a fall, one could measure, for example, the distance fallen in the first second. A law of inertia was derived by assuming that there could be moving points that do not change their state of motion but rather maintain their velocity. But by attempting to expel from this inner experience—which in earlier times was perceived as something so specifically unique—the elements that constituted it, one was indeed able to forget the inner realm, yet one did not bring into the external world anything comparable to what measurement, etc., was or is. Thus, one did not succeed in objectifying what pertained to this in the same way as one did with the physical. And this is essentially how it has remained to this day. And that is why, to this day, chemistry—which could have emerged had one been able to extract from oneself into the external world for the etheric body as much as was achieved for the physical body, and which could thereby have become something that could stand alongside physics— this chemistry has not become such a discipline; rather, even today it remains the case that when it seeks to speak of its laws, it speaks of something quite indeterminate and vague. For in fact, chemistry seeks to do for the etheric body what physics has done for the physical body. Chemistry does say: When substances chemically combine—in the process of which they can completely change their properties, except for their state of aggregation—then, of course, something happens. But if one does not simply want to resort to the simplest and most convenient conception, one does not know much about this process. Water consists of hydrogen and oxygen—yes, one must somehow conceive of these two as intertwined within the water (diagram, yellow and red); but no concept that can be experienced inwardly is formed regarding how they are to be conceived as intertwined. One then explains it through something external, but quite superficially: hydrogen consists of atoms or molecules, for the sake of argument, and so does oxygen. These move about, collide with one another, and stick together, and so on. In other words, by neglecting the inner experience, one was no longer in the same position as in physics, where measurement was possible—for physics came to rely more and more on measuring, counting, and weighing—but was instead compelled to conceive of the inner process purely through thought. And in a certain sense, this has remained the case with chemistry to this day. For what is still conceived of today as the inner nature of such chemical processes is, in essence, something added to the processes through thought.


[ 16 ] Eine der Physik gewachsene Chemie wird man erst haben, wenn man mit voller Einsicht des heute Dargestellten daran gehen wird — wenn man auch nicht mehr das unmittelbare Erlebnis des Menschen hat wie ein früheres instinktives Hellsehen —, dennoch die Chemie wiederum mit dem Menschen zusammenzubringen. Das wird natürlich nicht früher gelingen, als bis man eine Einsicht darinnen hat, daß man eigentlich auch in bezug auf das Physikalische — wenigstens zur Vervollständigung der einzelnen Kenntnis zur Weltanschauung — die Gedanken über die einzelnen Erscheinungen mit dem Menschen wird zusammenbringen müssen. Denn was einem auf der einen Seite dadurch geschieht, daß man das innere Erleben vergißt und an das Äußere dann herangeht und äußerlich messen will — im Äußeren, im sogenannten Objektiven stehenbleiben will —, das rächt sich auf der anderen Seite. Denn man kann leicht sagen: Trägheit drückt sich aus in der Bewegung eines Punktes, der in jeder Zeitsekunde denselben Weg zurücklegt. Aber solch einen Punkt gibt es nicht. Diese gleichförmige Bewegung kommt nirgends vor da, wo man beobachtet mit den menschlichen Mitteln. Sie kommt nirgends vor, denn ein Bewegliches ist immer in irgendeinem Zusammenhang, wird da oder dort beeinträchtigt in seiner Geschwindigkeit. Kurz, das, was man als träge Masse schildern könnte, oder was man auf das Trägheitsgesetz bringen könnte, das gibt es nicht. Aber wenn man von Bewegung spricht und nicht zurückgehen kann auf das innere Miterleben der Bewegung, also auf das Zusammenerleben mit der Natur, auf das Erfassen, sagen wir, der Fallgeschwindigkeit durch die Art, wie man selbst erleben würde in dieser Geschwindigkeit, dann muß man eben sagen, ja, da bin ich ganz heraußen aus der Bewegung. Ich muß mich an der Außenwelt orientieren. Wenn ich also hier einen Körper sich bewegen sehe (siehe Zeichnung), und wenn das seine aufeinanderfolgenden Orte sind, so muß ich irgendwie wahrnehmen, daß sich dieser Körper bewegt. Wenn hier hinten eine Wand ist, so sehe ich in dieser Richtung, sehe dann in dieser Richtung, sehe in dieser Richtung usw. Wenn ich mir die hintere Wand ruhig denke, dann sage ich: Der Körper bewegt sich in dieser Richtung fort. — Aber es würde dazu noch notwendig sein, daß ich von hier aus (dunkler Kreis) die Anschauung leite, also ein inneres Erlebnis noch gewahr werde.
[ 16 ] We will only have a chemistry that has grown out of physics when we approach it with a full understanding of what has been presented here today—even if we no longer have the direct human experience of an earlier, instinctive clairvoyance—and nevertheless bring chemistry back into harmony with humanity. Of course, this will not succeed until we realize that, even with regard to physics—at least to complete our individual knowledge into a worldview—we must also bring our thoughts about individual phenomena back into harmony with the human being. For what happens on the one hand when one forgets inner experience and then approaches the external world, seeking to measure it externally—seeking to remain in the external, in the so-called objective—will take its toll on the other hand. For one might easily say: Inertia expresses itself in the motion of a point that travels the same distance every second. But no such point exists. This uniform motion does not occur anywhere when observed with human means. It does not occur anywhere, for a moving object is always in some kind of connection and is affected in its speed here or there. In short, what one might describe as an inertial mass, or what one might attribute to the law of inertia, does not exist. But when one speaks of motion and cannot draw upon the inner experience of motion—that is, the shared experience with nature, the grasping, let’s say, of the speed of a fall through the way one would oneself experience that speed—then one must simply say, yes, I am completely outside of that motion. I have to orient myself to the external world. So if I see a body moving here (see drawing), and if these are its successive positions, then I must somehow perceive that this body is moving. If there is a wall back here, I look in this direction, then in that direction, then in this direction, and so on. If I calmly imagine the back wall, then I say: The body is moving away in this direction. — But it would also be necessary for me to direct my perception from here (dark circle), that is, to become aware of an inner experience.


[ 17 ] Orientiere ich mich nur da draußen, lasse ich den Menschen ganz weg, sondere ich ihn völlig ab, dann kommt dasselbe heraus, ob hier ein Gegenstand sich weiter bewegt, oder ob er ruht und die Wand sich so bewegt (siehe Zeichnung). Ich kann schlechterdings nicht mehr unterscheiden, ob der Körper nach der einen Richtung sich bewegt oder die dahinterliegende Wand nach der entgegengesetzten Richtung. Und berechnen kann ich im Grunde genommen alles unter der einen und unter der anderen Voraussetzung.
[ 17 ] If I orient myself solely based on what is out there, if I completely disregard the person and isolate him entirely, then the result is the same, whether an object here continues to move or whether it is at rest and the wall moves instead (see drawing). I simply can no longer tell whether the body is moving in one direction or the wall behind it is moving in the opposite direction. And, strictly speaking, I can calculate everything under both sets of conditions.


[ 18 ] Also ich verliere die Möglichkeit, innerlich die Bewegung überhaupt zu erfassen, wenn ich sie nicht miterlebe. Und das gilt auch für andere physikalische Ingredienzien, wenn ich so sagen darf. Indem man das Miterleben herausgeworfen hat, ist man verhindert, irgend noch eine Brücke hinüber zu schlagen zum objektiven Geschehen. Wenn ich selbst laufe, so wird es mir nicht gelingen, zu sagen, es sei gleichgültig, ob ich laufe oder ob der Boden sich in der entgegengesetzten Richtung bewege; aber wenn ich selbst einen anderen Menschen in Äußerlichkeit betrachte, der sich über einen Boden bewegt, so ist es für diese bloß äußerliche Anschauung ganz gleichgültig, ob der Mensch dahinläuft, oder ob der Boden unter ihm nach der anderen Richtung geht. Und die Gegenwart hat es tatsächlich dahin gebracht, daß sie, ich möchte sagen, die Rache des Weltengeistes für dieses Absondern des Physikalischen erlebt.
[ 18 ] So I lose the ability to even grasp the movement internally if I don’t experience it firsthand. And that also applies to other physical elements, if I may put it that way. By eliminating firsthand experience, one is prevented from building any bridge at all to the objective event. If I am walking myself, I will not be able to say that it makes no difference whether I am walking or whether the ground is moving in the opposite direction; but when I myself observe another person from the outside as they move across the ground, it makes no difference at all to this purely external observation whether the person is running there or whether the ground beneath them is moving in the other direction. And the present age has indeed reached the point where it is, I might say, experiencing the world spirit’s vengeance for this separation of the physical.
[ 19 ] Während Newton noch ganz sicher war, er könne absolute Bewegungen annehmen, sehen wir heute zahlreiche Leute sich bemühen, zu konstatieren, wie die Bewegung, die Erkenntnis der Bewegung zugleich mit dem inneren Erleben verlorengegangen ist. Das ist ja das Wesen der Relativitätstheorie, die den Newtonismus heute aus den Angeln heben will. Diese Relativitätstheorie ergibt sich auf eine ganz historische Weise. Sie muß da sein heute, denn man kommt über sie nicht hinaus, wenn man eben nur innerhalb derjenigen Vorstellungen bleibt, die vom Menschen ganz abgesondert wurden. Denn will man Ruhe oder Bewegung erkennen, dann muß man sie miterleben. Erlebt man sie nicht mit, dann sind selbst Ruhe und Bewegung zueinander nur relativ.
[ 19 ] While Newton was still entirely certain that he could assume absolute motion, we see today many people striving to demonstrate how the concept of motion—and the understanding of motion—has been lost along with the inner experience of it. This, after all, is the essence of the theory of relativity, which today seeks to upend Newtonian physics. This theory of relativity has emerged in a thoroughly historical manner. It must exist today, for one cannot go beyond it if one remains confined to those concepts that have been completely separated from human experience. For if one wishes to recognize rest or motion, one must experience them firsthand. If one does not experience them firsthand, then even rest and motion are relative to one another.
[ 20 ] Nun, wir werden morgen um acht Uhr hier über diese Dinge weiter sprechen.
[ 20 ] Well, we'll continue discussing these matters here tomorrow at 8:00 a.m.
