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The Rudolf Steiner Archive

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Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage
für eine soziale Neugestaltung
Altes Denken und neues soziales Wollen
GA 329

6 November 1919, Bern

8. Der Geist als Führer Durch die Sinnes- und in die übersinnliche Welt

[ 1 ] Wenn Sie von hier aus nach Basel fahren, dort am Aeschenplatz einsteigen in die elektrische Bahn, den Weg nach Dornach nehmen, so finden Sie dort auf dem benachbarten Hügel einen Bau der allerdings noch nicht vollendet ist, aber schon die Absichten auch in seinem Außenwerk zeigt, die mit ihm verbunden sind -, einen Bau, der sich nennt, der dienen soll als freie Hochschule für Geisteswissenschaft, der repräsentieren soll äußerlich dasjenige, was angestrebt wird durch jene geistige Bewegung, welche sich selber nennt: anthroposophisch orientierte, geisteswissenschaftliche Bewegung.

[ 2 ] Man kann heute schon, seit der Bau ja auch äußerlich sichtbar gezeigt hat, daß es so etwas wie eine solche Bewegung gibt, mancherlei hören und mancherlei lesen über das, was dieser geistigen Kulturbewegung zugrunde liegt. Gewiß ist auch mancherlei, was als eine Ausnahme aber noch zu gelten hat, vorhanden, was Treffendes enthält über diese Bestrebungen. Im ganzen darf aber heute noch gesagt werden, daß das, was so in der Öffentlichkeit gesagt oder geschrieben wird über sie, ziemlich das Gegenteil von dem ist, was durch diese Bewegung wirklich angestrebt wird. Sie wird sehr häufig geschildert wie eine unwissenschaftliche, obskure, im schlimmen Sinne mystische Bewegung. Sie wird namentlich sehr häufig so geschildert, als ob sie im Gegensatz stehen wollte zu dem oder jenem, zu Gesellschaften, Bekenntnissen und dergleichen mehr. In Wahrheit will diese Bewegung und dieser Dornacher Bau, das Goetheanum, durch den sie repräsentiert wird, denjenigen Sehnsuchten, denjenigen Zielen dienen, die heute oftmals so unbewußt wohnen in den Menschenseelen, in den Menschenseelen breitester Massen, die in vieler Beziehung noch nicht die Form finden, sich auszusprechen, die aber zusammenhängen mit alledem, was die gegenwärtige und die zukünftige Menschheit herausführen soll aus dem Kulturchaos, das ja für jeden Unbefangenen wahrzunehmen ist, und aus dem sich jeder Unbefangene in der Gegenwart herauslösen muß.

[ 3 ] Soll man andeuten aus geschichtlichen Erscheinungen heraus, worinnen, ich möchte sagen, der Hauptnerv dieser Bewegung liegt, so darf man vielleicht hinweisen auf etwas, was dem heutigen Menschen scheinbar recht ferne liegt, was auch scheinbar recht abstrakten Regionen des Denkens und Vorstellens angehört, was aber nur ausgebildet zu werden braucht für die allgemeinsten und breitesten menschlichen Interessen, um uns mitten in dasjenige hineinzuführen, was gerade der heutigen Kultur zu ihrer Erneuerung, zu ihrer Wiedergeburt nötig ist. Hinweisen möchte ich auf dasjenige, was Goethe angestrebt hat aus der ganzen Breite und Tiefe seiner Weltanschauung heraus, die heute noch lange nicht genug gewürdigt ist, hinweisen auf das, was er angestrebt hat als eine Erkenntnis der lebendigen Welt im Gegensatze zu der toten, zur unlebendigen, zu der unorganischen Welt.

[ 4 ] Dasjenige, was Goethe als Erkenntnis angestrebt hat, hing eng zusammen mit seinem gesamten geistigen Streben, und er hat sich das Beste, was seine Weltanschauung zum Inhalte hat, hervorgeholt aus der Anschauung der Kunst, hat aber dasjenige, was er aus der Anschauung der Kunst gewonnen hat, ausgedehnt auf das wirklich wissenschaftliche Erkennen, wie er es anschauen mußte eben im Sinne der Weite und Breite seiner Weltanschauung. Goethe ließ auf sich wirken, allerdings mit Bezug auf die ihm so liebe Pflanzenwelt und ihre Betrachtung, alles dasjenige, was ihm zur Verfügung stehen konnte in bezug auf die Pflanzenwelt aus der damaligen Wissenschaft; aber man kann sagen, nichts genügte ihm zur Erklärung des Wesens der Geheimnisse dieser Pflanzenwelt von dem, was er auffinden konnte in der damaligen Wissenschaft. Und so wendete er denn seinen umfassenden Blick selber aus der Ursprünglichkeit seines Wesens heraus über die ganze Pflanzenwelt, soweit sie ihm zugänglich war, über alle ihre Formen, und suchte aus der Mannigfaltigkeit, aus der Verschiedenheit der Pflanzen heraus eine Einheit. Er suchte dasjenige aus der Mannigfaltigkeit der Pflanze heraus, was er seine Urpflanze nannte. Wenn man definieren hört, was er unter seiner Vorstellung versteht, so könnte es abstrakt scheinen, es ist aber nicht so. Goethe verstand unter seiner Urpflanze ein Einheitsbild, von dem jede Pflanze, welche äußere Form sie auch tragen mag, ein Abbild ist, ein einheitliches, ideelles, geistiges Gebilde, mit dem man die Pflanzenwelt durchlaufen kann, und das sich gewissermaßen in jeder einzelnen Pflanze offenbart.

[ 5 ] Eine solche Urpflanze - so schrieb Goethe aus Italien seinen Weimarischen Freunden -, eine solche Einheitspflanze, die nur im Geiste zu erschaffen ist, die nirgends in der äußeren Welt zu ersehen ist, die müsse es doch geben können - so sagte er scheinbar abstrakt -, wie könnte man sonst wissen, daß ein einzelnes Gebilde eine Pflanze ist?

[ 6 ] Allein darauf kommt es weniger an, was er für eine abstrakte Meinung über diese Dinge hatte, es kommt vielmehr darauf an, daß er den Glauben hatte, den tiefgehenden und mit dem Wesen der Dinge zusammenhängenden Glauben hatte, der sich in den folgenden Worten ausspricht. Er sagte und schrieb über diese Urpflanze: Wenn man sie gefaßt hat im Geiste, dann muß es einem möglich sein, nicht nur mit ihr die Pflanzenformen, die da draußen in der Welt sind, zu vergleichen und zu erkennen, sondern es muß einem möglich sein, innerlich geistig selber Pflanzenformen zu ersinnen, die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten.

[ 7 ] Es ist dieses ein gewichtiges, ein bedeutsames Wort. Denn was will ein Mensch, ein erkennender Mensch, der solch eine geistige Idee erfassen will? Er will nichts Geringeres als in seiner Seele einen Gedanken wachrufen, der ihn dazu führen kann, ich möchte sagen, um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen: zu erfinden die äußere Wirklichkeit, die dann in die Erscheinung treten kann. Er möchte also innerlich so verwandt werden mit dem, was in der Pflanze, was in den lebenden Gebilden überhaupt heranwächst, daß er in seinem eigenen Geiste, in seinem Denken, in seinem Vorstellen das innerlich habe, was sich äußerlich im Wachstum als Kraft offenbart. Er möchte also innerlich untertauchen mit seinem ganzen Wesen in die äußere Welt. Es ist das Streben viel bedeutsamer als dasjenige, was Goethe im einzelnen damit erreicht hat. Wie gesagt, wenn man es nur so in bezug auf die Pflanzenwelt, die ja den einen interessieren mag, den anderen weniger, wenn man es nur so in bezug auf die Pflanzenwelt charakterisiert, was Goethe gewollt hat, so könnte es manchem abstrakt erscheinen. Aber in dieser Art geistiger Bestrebung liegt etwas, was man erweitern kann über den ganzen Umfang menschlicher Erkenntnis, menschlicher Weltanschauung.

[ 8 ] Dann steigt man auf von der Betrachtung des einzelnen, unbedeutenden Lebewesens zu derjenigen des ganzen Menschen, des Menschen, der in sich nicht nur enthält dann, wenn man zu seiner Ganzheit aufsteigt, dasjenige, was heute die äußere Naturwissenschaft beobachtet, was vielfach der materialistische Sinn der Zeit als das einzige ansieht an dem Menschen, sondern der umfaßt Leib, Seele und Geist.

[ 9 ] Goethe ist von der Naturwissenschaft ausgegangen. Was sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennt, geht auf der einen Seite von Goethe aus, indem es ausbilden möchte die Weltanschauungsgesinnung, die im Geiste solches verarbeitet, solches sich offenbaren läßt, das mit der Wirklichkeit so wirklich innig verwandt ist, wie Goethes Idee von der Urpflanze mit der einzelnen Pflanze; andererseits weiß sich diese geistige Bewegung in völligem Einklange ihrerseits mit der wahrhaftigen naturwissenschaftlichen Gesinnung in unserer Zeit, nicht mit irgendeiner obskuren Mystik. Und sie weiß sich auf der anderen Seite in vollem Einklange mit einem wirklichen ehrlichen und zeitbedingten religiösen Bestreben des Menschengeistes in der modernen Zeit. Ich habe auch an diesem Orte in den verflossenen Jahren öfters gesprochen davon, daß die Anthroposophie, die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft diese Naturwissenschaft durchaus nicht in ihrer Bedeutung, in ihrem gewaltigen Einflusse auf die moderne Kultur verkennt, ja, daß sie diese Naturwissenschaft viel besser würdigt, als mancher derjenigen, die auf dem Boden dieser Naturwissenschaft stehen wollen. Wer nicht nur die landläufigen Vorurteile über die Naturwissenschaft sich aneignet und damit glaubt, ein echter Naturwissenschafter zu sein, sondern wer mit vollem Bewußtsein sich in dasjenige vertieft, was die Naturwissenschaft für die ganze Erziehung der Menschenseele und des Menschengeistes leisten könnte, der muß sagen: würde diese Naturwissenschaft, wie sie sich seit drei bis vier Jahrhunderten, insbesondere aber im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, entwickelt hat, würde diese Naturwissenschaft sich in ihrem eigenen Wesen voll selbst ergreifen, würden diejenigen, die sie betreiben, ihre eigene Art voll verstehen, dann würde diese Naturwissenschaft heute bereits von sich aus dasjenige verkünden, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft verkünden will. Es würde diese Naturwissenschaft von sich aus sprechen von Menschenseele und Menschengeist, von dem, was Ewigkeitswert in der menschlichen Wesenheit ist.

[ 10 ] Warum tut das die Naturwissenschaft nicht, trotzdem sie so gewissenhaft, mit so eindringlichen Methoden in die äußere sinnliche Wirklichkeit der Natur eindringt? Warum erhebt sich diese Naturwissenschaft auf der anderen Seite nicht in derselben Art, wie Goethe für die Pflanzenwelt, zu solcher innerer Verarbeitung der Naturidee, daß man in seinem Inneren eins wird mit der schaffenden Natur selber?

[ 11 ] Um diese Frage zu beantworten, muß man ein wenig zurückblicken auf die geschichtliche Entwickelung der Menschheit in der neueren Zeit. In der Naturwissenschaft selber wurden große, gewaltige Fortschritte gemacht. Man braucht nur zurückzugehen auf dasjenige, was von Kopernikus, von Galilei ausgegangen ist, was sich entwickelt hat bis herauf in die neueste Zeit, bis in die Gegenwart an Natureinsichten. Aber man muß zu gleicher Zeit in Erwägung ziehen, wie wenig eigentlich dieser Betrieb der Naturwissenschaft völlig frei in bezug auf sein ganzes Walten, in bezug auf seine ganze Arbeit innerhalb des Geisteslebens der modernen Zivilisation war. Er war es nicht, denn nicht eine einheitliche Weltanschauung gestaltete sich aus im Laufe der neueren Menschheitsentwickelung, die neben der freien, unabhängigen Naturwissenschaft auch einzudringen versuchte in das Wesen der äußeren Sinneswelt. In der äußeren Sinneswelt gab es Monopole, Monopole für die Erkenntnis der Seele und des Geistes. Die religiösen Weltanschauungen behielten weiterhin gewisse Ideen über Seele und Geist. Und sie brachten es dahin, daß in der Öffentlichkeit man ihnen, mehr oder weniger gezwungen oder frei, zugestand, daß nur sie irgend etwas zu sagen haben über des Menschen Seele, über des Menschen Geist.

[ 12 ] Die Naturforscher standen ebenso wie andere Menschen unter dem Einfluß desjenigen, was sich so, ich möchte sagen, als eine Monopolerkenntnis über Seele und Geist geltend machte. Und sie beschränkten sich, weil sie sich nicht getrauten aufzusteigen von der Erkenntnis der Welt zu der Erkenntnis der Seelenwelt, zu der Welt des Geistes, sie beschränkten sich darauf, zu sagen: Ja, die Naurwissenschaft hat eben ihre Grenzen; sie müsse sich auf die Sinneswelt allein beschränken.

[ 13 ] Solch ein Geist wie Goethe, der gewiß durchdrungen gewesen ist sein ganzes Leben von einem verehrungsvollen religiösen Aufschwung im Empfinden eines Göttlichen in der ganzen Natur und in der ganzen Welt, er hat immer auch die Notwendigkeit empfunden, einheitlich zu gestalten seine Anschauung über das Leibliche, über das Seelische und über das Geistige.

[ 14 ] Nur muß man hinsehen auf das, worin sich in gewisser Beziehung die Naturwissenschaft durch den Druck der eben genannten Erkenntnismonopole befand, hinsehen auf das, was die Naturwissenschaft durch ihre eigene Kraft dem Menschen geben kann. Dann wird man ein solches einheitliches Erkenntnis- und Geistesstreben, wie es bei Goethe vorhanden war, verstehen. Wer sich nicht bedrükken läßt, ich möchte sagen, durch das Gebot, du sollst nicht Seele und Geist erkennen, der wird gerade durch die Art und Weise, wie der moderne Geist einzudringen versucht in die Geheimnisse der Naturwissenschaft, er wird eine Erziehung seines Geistes durchmachen. Und diese Erziehung gibt dann die Anregung, fortzusetzen die Entwickelung des Menschengeistes zu höheren Entwickelungsstufen als diejenigen sind, die man einfach hat, indem man als Mensch geboren wird.

[ 15 ] Um aber solche Entwickelungsstufen zu verstehen, dazu bedarf man einer gewissen intellektuellen Bescheidenheit. Diese intellektuelle Bescheidenheit, sie ist sehr notwendig dem gegenwärtigen Menschen. Diese intellektuelle Bescheidenheit muß den gegenwärtigen Menschen dazu führen, sich zu sagen: Du bist nicht nur ein Wesen, das sich vielleicht im Werden der Weltenordnung aus niederen Organismen heraufentwickelt hat zu der gegenwärtigen Vollkommenheit, sondern du bist ein Wesen, das sich selber weiterentwikkeln kann, weiterentwickelt hat in diesem Leben; so daß die Kräfte, die du bei der Geburt empfangen hast, eine höhere und immer höhere Ausbildung erfahren können.

[ 16 ] Sehen Sie, man muß sich folgendes sagen können. Man muß unbefangen auf das fünfjährige Kind hinsehen können, das etwa einen Band lyrischer Gedichte von Goethe in der Hand hat. Dieses fünfjährige Kind wird mit dem lyrischen Gedichtband Goethes wahrhaftig nicht viel anfangen können, jedenfalls nicht das, was der erwachsene Mensch mit dem lyrischen Band von Goethe anzufangen weiß. Es wird vielleicht den Band zerreißen oder irgend etwas anderes mit ihm machen. Es muß erst heranwachsen, dann wird es den Band lyrischer Gedichte von Goethe in der rechten Weise behandeln. Es muß seine Entwickelung in die Hand genommen werden. Denn als fünfjähriges Kind ist zwar auch alles dasjenige, was in dem Bande lyrischer Gedichte drinnen ist, vor den Augen dieses Menschen, aber es ist noch nicht die Möglichkeit vorhanden, daß dieser Mensch aus diesem Band lyrischer Gedichte alles dasjenige herauszieht, was für ihn darinnen sein kann. So muß der Mensch der Gegenwart sich fühlen lernen gegenüber der ganzen Weite des Natur- und Weltendaseins. Er muß sich sagen können in intellektueller Bescheidenheit: Du stehst gegenüber der Natur so, daß sie dir vermöge deiner gegenwärtigen Entwickelung nicht dasjenige geben kann, was sie wahrhaftig in sich enthält; man muß die Möglichkeit voraussetzen können, seine Entwickelung in die Hand zu nehmen, damit man dann, indem man eine höhere Entwickelungsstufe erlangt als diejenige, die einem einfach durch die Geburt zukommt, indem man dann dasjenige, was man immer vor sich hat, was man zu erkennen glaubt - wie das fünfjährige Kind, das noch nichts damit anzufangen weiß -, daß man das in derjenigen Weise zu behandeln vermag, daß es einem alles dasjenige offenbart, was es in sich an Geheimnissen verschließt. Gerade die Anstrengung, die man vollführt, wenn man heute die naturwissenschaftliche Methode anwendet, intensiv anwendet, die Tiefe, in die man eindringt, die kann einen dazu veranlassen, aus der Anstrengung des Geistes heraus eine Kraft wie erweckt zu fühlen, durch die man eine solche Entwickelung durchmacht. Es liegt wahrhaftig nicht an der modernen Naturwissenschaft, daß die Menschen so ungerne zugeben, daß der Mensch eine Entwickelung durchmachen kann! Nein, es liegt an dem Druck, den ich eben vorhin charakterisiert habe, und den man nur vorurteilslos anschauen muß, um sich frei hingeben zu können dem, was in der naturwissenschaftlichen Behandlung der Welt selber liegt. Dann wird man fühlen, daß die Seele innerlich erweckt wird, gerade indem sie die Natur im modernen Sinne betrachtet, daß in ihr Kräfte erwachsen, die vorher nicht da sind. Zur Erweckung dieser Kräfte bringen sich in der Regel gerade die Naturwissenschafter der Gegenwart nicht. Aber wenn sie sich dazu brächten, so kämen sie eben dazu, daß gerade sie verkündigen könnten dasjenige, was man sucht in dem Problem der Unsterblichkeit der Seele, der Ewigkeit des Menschengeistes. Naturwissenschaftliches Denken, naturwissenschaftliche Gesinnung, sie können zu einer inneren Erweckung des Menschengeistes führen. Und die kann dann fortgesetzt werden, kann systematisch ausgebildet werden.

[ 17 ] Wie das möglich ist, habe ich öfter skizzenhaft von diesem Orte aus und ausführlich geschildert in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», und im zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt. Man kann dasjenige, wovon man bemerkt, daß es sich durch die moderne naturwissenschaftliche Erkenntnis entwickelt, in voller Selbsterziehung fortsetzen. Man kann dasjenige anwenden auf den Geist, was man Meditation, Konzentration des Gedankenlebens, des Fühlens, des Willens nennt. Man kann jene innere Vorstellungswelt so weit treiben, oder wenigstens die Vorstellungen, die man anwendet, indem man Sterne beobachtet, indem man im chemisch-physikalischen Laboratorium arbeitet, indem man äußerlich Pflanzen oder Menschen oder Tiere betrachtet, man kann dasjenige, was man da anwendet an innerer Geisteskraft, weiter ausbilden, indem man sich Gedanken so hingibt, daß man nur in diesen Gedanken so leben will, bis wenigstens der Gedanke die Seele dahin bringt, innere Zusammenhänge zu erfassen. Die kann man nicht erfassen, wenn man nicht der Seele eine solche innere Selbstkultur angedeihen läßt. Eine Erweckung einer inneren Seelenkultur ist möglich. Man kann in der Tat eine solche Erweckung erreichen, so daß einem das gewöhnliche Leben, das man auslebt auch in der gewöhnlichen Wissenschaft, wie ein Schlafen vorkommt, aus dem man erwacht. Und aus diesem Erwachen kann man neu das, was einen als Welt umgibt, beobachten.

[ 18 ] Das ist das eine, was der moderne Mensch durchmachen kann. Wird er die Naturwissenschaft in der richtigen, ich möchte sagen, in der goetheschen Weise anwenden, so wird er zu einer religiösen Erkenntnis, zu einer wirklichen Geist-Erkenntnis kommen.

[ 19 ] Aber auch aus dem Leben des modernen Menschen selber geht dasjenige hervor, was auf einen solchen Weg und, ich möchte sagen, zu einem entsprechenden Zukunftsziele hin führt.

[ 20 ] Wer die Geschichte äußerlich betrachtet, so wie sie gewöhnlich heute äußerlich dargestellt wird, der hat nicht die wirkliche Geschichte vor sich. Man muß das geschichtliche Leben der Menschen mehr innerlich betrachten. Man muß vergleichen können, wie zum Beispiel noch ein Mensch des 9., 10. nachchristlichen Jahrhunderts in seiner ganzen Seelenverfassung war, und wie ein Mensch der Gegenwart, selbst wenn er ein einfachst primitiv lebender Mensch draußen ist, wie ein Mensch der Gegenwart ist; denn auch der einfachste Mensch unterscheidet sich heute ganz wesentlich von dem Menschen des 9., 10. nachchristlichen Jahrhunderts. Ich will gar nicht weiter zurückgehen. Die Menschen sind durchaus in Entwikkelung begriffen. Man muß heute das Wort Entwickelung nicht bloß in jenem eingeschränkten Sinne nehmen, in dem es die Naturwissenschaft gewöhnlich nimmt. Man muß es in einem viel weiteren Sinne nehmen können, wenn man in das Wesen der Menschheitsentwickelung eindringen will.

[ 21 ] Man muß sich sagen können, daß vor einer Reihe von Jahrhunderten, also in den Jahrhunderten, die ich eben angedeutet habe, die Menschen sich viel näher standen innerhalb gewisser Verbände. Ein Mensch war mit seinem Nächsten vor dieser verhältnismäßig kurzen Zeit dadurch verbunden, daß er ihm blutsverwandt war, daß er ihm stammesverwandt war. Diese Nähe, dieses Nahe, das die Menschen zusammenführte in Verbände vor verhältnismäßig kurzer Zeit, ist in der modernen Zeit nicht mehr vorhanden. Wenn man unbefangen ist, kann man das überall sehen. Der moderne Mensch ist vielmehr in sich abgeschlossen; der moderne Mensch ist viel mehr, ich möchte sagen, ein Einsamer seiner Seele geworden. Die Menschen der älteren Zeit gingen nicht so aneinander vorbei wie die Menschen der neueren Zeit. Die Menschen der neueren Zeit sind sich fremder geworden, sind sich ferner geworden. Aber es entspringt dafür, möchte ich sagen, aus einem geistigen Gewissen heraus etwas anderes, als noch vor Jahrhunderten für den Menschen entsprungen ist. Es entspringt - wiederum kann man es sehen, wenn man unbefangen in die eigene Seele hineinblickt und einen Sinn für solche Sachen hat, wiederum kann man wahrnehmen etwas wie eine innere Stimme -, es entspringt etwas wie eine innere Verpflichtung: Du sollst nun, da du nicht mehr durch Blutsverwandtschaft, Stammesverwandtschaft den dir unmittelbar Nächststehenden dich nahe genug fühlst, durch deine Seelenentwickelung ihm nahe kommen können. Du sollst seinen Willen in einer wirklichen Menschenliebe in dir aufnehmen. Du sollst, damit du sozial mit ihm leben kannst, nicht an ihm vorbeigehen, sondern du sollst seinen Willen in deinen aufnehmen können, seine Gedanken zu deinen Gedanken machen können. Du sollst mit seiner inneren Seelenverfassung in deiner inneren Seelenverfassung denken, fühlen und wollen können. Du sollst dich ihm geistig-seelisch nähern können.

[ 22 ] Gerade so, wie das Beschäftigen mit der Naturwissenschaft eine Art Erweckung für das seelische Leben darstellt, eine Art Aufwachen im gewöhnlichen Bewußtsein, das man sonst im Alltag und in der gewöhnlichen Wissenschaft hat, wenn man nur die gewöhnliche Wissenschaft richtig betrachtet, so gibt diese gewöhnliche Wissenschaft, ich möchte sagen, innere soziale Pflichten, die immer mehr und mehr im Menschen erwachen. Sie stellt etwas dar, was man im Gegensatze zu dieser Erweckung bezeichnen kann - ich werde es jetzt etwas paradox ausdrücken müssen, allein manche von den Wahrheiten, die in der Gegenwart sich dem Kulturleben einverleiben müssen, müssen heute noch paradox klingen -, was man bezeichnen kann als ein Gefühl, das uns überkommt, wenn wir so recht innerlich fühlen: geistig-seelisch nahe müssen wir dem Nächsten treten, wir müssen uns in seinen Willen, seine Gedanken einleben; es ist das etwas, was sich wie ein Verlieren in den Menschen ausnimmt. Dieses Verlieren in den Nächsten mit seinem GeistigSeelischen, diese Hingabe an den Nächsten, das liegt eigentlich zugrunde dem so vielfach karikierten Vorgang von sozialer Empfindung in der Gegenwart.

[ 23 ] Und wenn man sagt: Die Naturwissenschaft kann uns aufwekken -, dieses Gefühl, es bringt, ich möchte sagen, die entgegengesetzte Seelenverfassungüber uns, einemerkwürdige Seelenverfassung, wenn man sie nur verstehen kann. Aber geradesowenig wie man das Erwachen aus der naturwissenschaftlichen Methode heraus gewahr wird, ebensowenig wird man dieses Sich-in-den-Nächsten-Hineinfühlen gewahr. Aber es wird immer mehr und mehr den modernen Menschen ergreifen. Dann werden sie dieses, im Gegensatze zu der Erweckung durch die Wissenschaft, empfinden wie ein Einschlafen, wie ein Ruhen in der Umgebung, wie ein Übergehen der eigenen Seele in die Seele des anderen. Und wie aus dem natürlichen Schlafe heraus erwacht, lebensvoll erwacht das geheimnisvolle Leben des Traumes, so kann erwachen aus dieser Hingabe an das MenschlichSeelenvolle, das immer mehr und mehr wie eine Gewissenspflicht die moderne Menschheit überkommen wird, es kann heraus erwachen aus dieser Hingabe, die, ich möchte sagen, in einem höheren Sinne die eines Schlafens ist, Liebe, die sich ausdrückt in einer solchen Hingabe. Es ist eine Art Schlaf in der menschlichen Umgebung; aus der heraus aber hebt sich etwas wie ein Traum aus dem natürlichen Schlaf. Und dieser Traum aus dem natürlichen Schlaf läßt sich vergleichen mit dem, was auftauchen wird immer mehr und mehr aus der wirklichen, nicht aus der karikierten sozialen Empfindung.

[ 24 ] Dieser Traum, er wird erstehen lassen dasjenige, was dem Menschen sagt: Siehe, indem du dich einlebst in den Willen, der da neben deinem Willen sich entwickelt, indem du verwachsen wirst mit dem Gedanken, der neben deinen Gedanken sich entwickelt, weißt du, wie du mit diesem Menschen innerlich zusammenhängst.

[ 25 ] Wie Goethe fühlte etwas, das ihm gegeben wurde durch seine Idee der Urpflanze, was er bezeichnen mußte als ein Einleben in die ganze Kraft der Pflanzenwelt selber, so lebt man sich hinein wie in die Umgebung, in die lebendige Umgebung der Menschenwelt, gerade durch das modernste Empfinden. Und wiederum erwacht einem aus diesem Einleben in die Menschenwelt heraus etwas, was nun wie eine neue Erkenntnis gerade aus dem sozialen Leben aufgeht. Man fühlt, mit dem Wesen des anderen Menschen bist du verbunden. Man fühlt, aus dem Wesen des anderen Menschen spricht wie traumhaft in dir etwas, was dir bezeugt: du warst mit diesem Menschen in Vorzeiten schon verbunden.

[ 26 ] Aus diesem wirklichen Erleben, aus diesem echt modernen Erleben wird der neueren Menschheit als eine Erfahrung, als ein richtiges Erlebnis erwachsen dasjenige, was einzelnen bevorzugten Geistern schon erwachsen ist, wie zum Beispiel Lessing. Man kann, wenn man durchaus pedantisch sein will, wenn auch im höheren Sinne pedantisch, man kann sagen: Lessing, solch ein Mensch war gewiß groß, aber er hat in seinem Alter, als er schon halb schwachsinnig war, seine «Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben und ist da auf die verrückte Idee gekommen, daß die Menschheit in wiederholten Erdenleben lebe. Es ist aber für denjenigen, der nicht ein Pedant ist, sondern der wirklich hineinblicken kann in die Entwickelung eines solchen Menschen wie Lessing, der doch immer weiter und weiter aufgestiegen ist, ganz anschaulich, daß ein solcher Mensch nur der Vorgänger war für alle diejenigen, die kennenlernen diese Eigentümlichkeit, diese gewaltige Erfahrung, die aus dem richtig verstandenen sozialen Fühlen hervorgehen wird, aus ihm auftauchen wird, lebensvoll, wie ein Traum; aber es wird ein lebensvoller Traum sein, nicht bloß wie träumend, das Verbunden-gewesen-Sein mit Menschen, die man wieder antrifft im Erdenleben, das Verbunden-gewesen-Sein in früheren Erdenleben, mit dem Hinsehen darauf, daß man in späteren Erdenleben wieder mit ihnen zusammensein wird. Dasjenige, was die Erfahrung der wiederholten Erdenleben ist, es wird gerade sich entwickeln aus dem richtigen sozialen Leben und Empfinden des modernen Menschen heraus.

[ 27 ] Die gewöhnliche Naturwissenschaft, sie ist ja heute auch schon durch ihre Forschungen dazu gekommen, nicht mehr rein materialistisch sein zu wollen, mindestens bei einzelnen Geistern. Aber wenn dann der gewöhnliche Naturforscher nachweisen will, daß in dem Menschen etwas lebt, was geistig-seelischer Natur ist, was nicht bloß ein Ausdruck ist des Leibes, dann wendet er sich nicht an solche Erscheinungen, die er nachweisen kann, hinstellen kann, wie man Erscheinungen des Laboratoriums, der Klinik und dergleichen hinstellt, sondern er wendet sich gerade an die abnormen Erscheinungen des menschlichen Lebens. Und ich möchte sagen, in die Mode gekommen ist gerade da, wo man versucht, darauf hinzuweisen, wie der Mensch auch ein Geistiges und ein Seelisches in sich hat, die Traumwelt zu untersuchen, die so geheimnisvoll aufwacht aus dem natürlichen Schlafe. Aber das heißt, alles dasjenige zu untersuchen, was sich ergibt aus den Erscheinungen der Suggestion, der Hypnose, des Somnambulismus und der Mediumschaft und so weiter. Auch da liegt es nahe, während die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aus einer gesunden Naturerkenntnis und aus einem gesunden Miterleben der Menschenwelt heraus schöpfen will, sie zu verwechseln mit demjenigen, was sich anlehnen möchte für eine wirkliche Erkundung des menschlichen geistig-seelischen Wesens an solche Erscheinungen wie Hypnotismus, Somnambulismus und dergleichen.

[ 28 ] Man kann, um diesen Erscheinungen etwas näherzukommen, geradezu von der Traumeswelt ausgehen, man kann darauf aufmerksam machen, wie diese Traumeswelt in Sinnbildern etwas vor die Menschen, die menschliche Seele hinzaubert in der Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, da der Mensch nicht voll gebunden ist mit seinem geistig-seelischen Leben an den ruhenden Leib. Aber derjenige, der diese Traumeswelt sachgemäß studieren kann, wird er sich jemals etwa auf die Frage: Was ist diese Traumeswelt? die Antwort geben: Diese Traumeswelt ist etwas, was den Menschen über sein gewöhnliches äußeres Tagesleben hinausführt. - Dann müßten nicht in diese Traumeswelt - für den Unbefangenen ist es ganz klar - sich einmischen allerlei Dinge, die bloß von den niederen, tierähnlichen Trieben der Menschennatur kommen.

[ 29 ] Bedenken Sie nur, was der Mensch alles im Traume in der Lage ist zu tun, wie er hinneigt zum niederen Triebleben, wie er hinneigt selbst oftmals zum Verbrecherleben in dem, was er im Traume sich vorgaukelt. Der Mensch muß sich sagen: nicht in irgendein höheres Geistiges ist er versetzt, wenn er träumt, sondern im Gegenteil, in das Untermenschliche ist er hinuntergewandert. Wahrhaftig, es ist selber ein Traum, wenn die Menschen heute behaupten wollen ganz gutwillig behaupten wollen -, im Traume würden sie in eine höhere Welt entrückt. Nein, in eine niedrigere Welt als diejenige ist, in die wir blicken durch unsere Sinne, werden wir durch den Traum gebracht. Und erst recht dann, wenn auf den Menschen ein solcher Einfluß ausgeübt wird, von seiten irgendeines geeigneten Mitmenschen, daß er in den schlafähnlichen Zustand der Hypnose versetzt wird, kann man es dazu bringen, daß, ich möchte sagen, sogar unverantwortliche Einflüsse auf den Menschen ausgeübt werden, indem man hereinwirkt in eine Art schlafähnlichen Zustand. Dann sieht er eine Kartoffel für eine Birne an und ißt sie für eine Birne, deshalb, rein deshalb, weil ihm suggeriert wird, eingegeben wird diese Idee: diese Kartoffel ist eine Birne. Und noch ganz andere Dinge können ihm eingegeben werden! Es ist ja nur der extreme Zustand, der auch sonst als, ich möchte sagen, nicht ein ganz erlaubter Zustand existiert, wo man rechnet auf die Herabdämpfung des Bewußtseins durch den anderen Menschen, und ihm im, ich möchte sagen, Vergewaltigen Ideen einreden will. Für denjenigen, der im Sinne wahrer Geisteswissenschaft arbeitet, für den entsteht die Frage: Was ist es für eine Seelenverfassung, in der der Mensch im Traume ist? Was ist es für eine Seelenverfassung, in der der Mensch ist, wenn er in einem solchen hypnotischen oder medialen der ist ja auch einem hypnotischen Zustand ähnlich -, wenn er in einem solchen hypnotischen Zustand solche Einflüsse erfahren kann von irgendeinem Mitmenschen oder auch von anderer Umgebung?

[ 30 ] In hypnotischem Zustand ist es in der Tat möglich, daß Gedankenübertragungen über weite Entfernungen sich darstellen können, sie können experimentell dargeboten, bewiesen werden. Aber es frägt sich nur, in welche Regionen man einen Menschen bringt, mit seinem ganzen menschlich-leiblich-seelisch-geistigen Wesen, wenn man in diese Regionen hinuntersteigt. Man bringt ihn dann in eine Region, die ein Untermenschliches ist, die das Tierische in dem Menschen darstellt.

[ 31 ] In der Tat wird der Mensch heruntergeschraubt, herunterhypnotisiert, herunterprofaniert in dasjenige, was als Tierisches in ihm spielt. Und gerade dadurch lernt man das Tierische im Menschen kennen, das doch noch etwas ganz anderes als das Tierische der Tierreihe ist; aber man gelangt in die Region des Untermenschlichen hinein.

[ 32 ] Im Gegensatz zu alledem, was da sich darbietet, möchte die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dahin führen, das Seelisch-Geistige im Menschen dadurch zu erreichen, daß man nicht das, was schon im Menschen ist, herunterdämpft, um scheinbar etwas Geistig-Seelisches zu empfinden, sondern daß man hinaufentwickelt dasjenige, was schon in der Sinneswelt da ist, zu einer höheren Anschauung dadurch, daß man den Gedanken, den Willen, die Empfindung durch Meditation, Konzentration so erzieht, wie es in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargestellt ist. - Den Menschen über sich hinausführen, in gesunder Weise über sich hinausführen über das, was in der Sinnesanschauung und gewöhnlichen Wissenschaft schon da ist, das will anthroposophische Geisteswissenschaft.

[ 33 ] Dadurch gelangt sie in eine Region hinein, die durchaus etwas Neues ist gegenüber der äußeren Sinneswelt. Das ist sehr wichtig, daf man einsieht, daß der Mensch abhängig wird, indem er in Hypnose, in somnambulen, in medialen Zustand versetzt wird, oder auch, indem er sich gewöhnlich der Traumphantasie bloß hingibt, daß er abhängig wird von seiner äußeren sinnlichen Umgebung in einer solchen Weise, wie er nicht mehr abhängig ist, wenn er sich dem normalen Sinnesleben hingibt; wenn wir uns in wachem Zustande dem Sinnesleben hingeben, dann kann unser Wille die Augen abwenden von etwas, auf das hin er sie nicht wenden will, kann sogar geringe Aufmerksamkeit auf das, was er hört, wenden. Kurz, wir sind unserer Menschlichkeit mächtiger durch den Willen, wenn wir durch die Sinne mit der Umgebung in Beziehung stehen. Das, was da in die Freiheit unseres Wollens gestellt ist, was uns in ein freies Verhältnis bringt, wenn wir im wachen Zustande sinnlich wahrnehmen, wird ein Zwangsverhältnis, wie es in der Tierheit ist, wenn wir heruntergedämpft werden im Wachzustand durch Hypnose. Da entdecken wir nicht das eigentlich Seelische im Menschen, da entdekken wir dasjenige von der Tierheit in uns, was sonst verhüllt wird durch unsere freie Geistigkeit; was sonst verhüllt wird, das wirkt herauf, wird beherrschend den Menschen. Der Mensch wird hinunterorganisiert zum Tiere. Nur erkennt man nicht - da der Mensch sich nicht benimmt wie das Tier, sondern sich schon geistiger zum Ausdruck bringt -, daß es sich doch um ein Hinunterorganisieren zu der Tierheit handelt. Das, was anthroposophische Geisteswissenschaft will, das will im Gegensatz dazu den Menschen hinauferheben zu einer höheren Bewußtseinsstufe, und dadurch erkennt man erst dasjenige, was sich auf einer niedrigeren Bewußtseinsstufe darstellt. Denn dann, wenn der Mensch so sein Geistiges, wie ich es dargestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», entwickelt, dann tritt auch eine andere Beziehung zur Welt auf. Aber nicht diejenige Welt stellt sich dar, die sich darstellt, wenn wir hypnotisiert sind oder wenn wir in medialem Zustande sind, oder wenn wir somnambul werden, nicht die Welt der gewöhnlichen sinnlichen Umgebung stellt sich dar, sondern eine neue Welt, eine geistige Welt, eine Welt, die der Mensch früher nicht gekannt hat, aber die sich ihm darstellt als eine wirkliche, so wie sich die äußere Sinneswelt für die Sinne als eine wirkliche Welt ankündigt.

[ 34 ] Sehen Sie, diese Entwickelung kann der Mensch durchmachen, indem er hinaufsteigt von dem Menschlichen in ein Übermenschliches, so wie er von der Hypnose, vom Somnambulismus aus hinuntersteigt in ein Untermenschliches. Diese Entwickelung kann durchgemacht werden, und der Mensch kann dadurch hinaufkommen zu einem unmittelbaren Wahrnehmen, unmittelbaren Erleben des Geistigen. Der Geist kann dadurch hereintreten in das menschliche Bewußtsein.

[ 35 ] Nun kann man ja sagen: Gewiß, in einem solchen Buche, wie in dieser Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?» ist dargestellt, welche Entwickelung man durchmachen muß, um zu begreifen, daß das wirklich eine wahre Welt ist, die man auf diese Weise kennenlernt, wie ich es geschildert habe. Aber es kann nicht jeder Mensch selbst ein Geistesforscher werden, es kann nicht jeder Mensch selber eintreten in diese geistige Welt, so daß er Mitteilungen aus dieser geistigen Welt machen kann. Derjenige allerdings, der bis zu jener Entwickelung kommt, die man immer, da wo man wufste von dem Vorhandensein einer geistigen, einer übersinnlichen Welt, genannt hat die Welt jenseits der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins, wer eintritt in diese Welt, in der er das Geistige so um sich herum hat, wie man für das gewöhnliche Bewußtsein das Sinnliche um sich hat, der macht seine Entdeckungen im Geistigen. Der weiß zum Beispiel mit diesen Entdeckungen unmittelbar, daß durch dasjenige, was heute vom Menschen erscheint, indem man ihn in hypnotischem, somnambulem Zustand hat, indem man medial wird, sein gewöhnliches Bewußtsein herabgedämpft wird. Was da im Menschen erscheint als das Untermenschliche, das stellt in Wahrheit eine frühere Entwickelungsstufe des Menschen dar, und dasjenige, was sich heute als seine Sinneswahrnehmung, seine Verstandeswahrnehmung entwickelt, das stellt eine spätere Entwickelungsstufe dar. Und sogar das kann man erkennen - Sie können es nachlesen in der «Geheimwissenschaft» -, daß der Mensch heute, wenn man ihn in Hypnose versetzt, so wird auf eine abnorme Weise, wie er war in seiner Umgebung in einer Entwickelung der Erdenwelt, die weit zurückliegt hinter dem, was uns die geologische äußere Wissenschaft als Erdenentwickelung darstellt. Man kann geradezu etwas erfahren über einen viel geistig-seelischeren Zustand des Erdenplaneten, in dem der Mensch aber auch schon vorhanden war und so seine Umgebung wahrnahm, wie er heute seine Umgebung wahrnimmt, wenn sein Bewußtsein herabgedämpft ist. Wir erkennen etwas von der Vergangenheit der Erde, die nicht so war, wie es die Kant-Laplacesche Theorie darstellt, sondern so war, wie ein geistig-seelisches Wesen selbst, in das der Mensch als Sinneswesen eingebettet war. Und andrerseits erkennt man den Menschen der irdischen Zukunft, wo die Erde wieder geistiger sein wird, wo der Mensch durch seine natürliche Beschaffenheit so erkennen wird, wie man heute erkennt, wenn man die Seele weiterentwickelt, wie ich es geschildert habe.

[ 36 ] Allein diese Erkenntnisse, sie werden zunächst, obwohl sie ein Bedürfnis sind des neueren, des modernen Menschen, sie werden zunächst selbstverständlich, möchte ich sagen, nur von einzelnen Menschen erreicht werden, einzelne Menschen werden hineinkommen in diejenige Region des Lebens, die da liegt jenseits der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins. So vieles ist notwendig, wenn man wirklich zu diesen höheren Erkenntnissen kommen will. Sehen Sie, ich will Ihnen eine einfache höhere Erkenntnis anführen. In dieser einfachen höheren Erkenntnis aber sieht derjenige, der zu ihr kommt, zum Beispiel, worauf das Erlangen höherer Erkenntnisse, die Entdeckung höherer Erkenntnisse eigentlich beruht. In der gewöhnlichen Geschichte weiß man heute nicht, daß im Grunde genommen die Entwickelung der ganzen Menschheit ebenso innerlich bedingt ist wie die Entwickelung des einzelnen Menschen. Wer würde es heute nicht lächerlich finden, wenn man sagen würde: der Mensch, der sieben, vierzehn, zwanzig Jahre und so weiter alt wird, der ist immer das Ergebnis desjenigen, was er ißt und trinkt; dasjenige was er ißt, das bewirkt, daß das Kind von Kindheit auf sich immer weiter entwickelt, das macht es zum erwachsenen Menschen. Jeder Mensch weiß, daß das nicht der Fall ist, daß der Mensch gewisse Stufen seiner Entwickelung durchmacht, die ihn sogar über gewisse Sprünge in der natürlichen Entwickelung führen. Einen solchen deutlichen Sprung haben wir zum Beispiel um das siebente Jahr herum, wenn der Zahnwechsel eintritt. Derjenige, der einen Sinn hat für solche Dinge, der weiß, welch gewaltige Revolutionen sich im menschlichen Organismus abspielen zum Beispiel dann, wenn die Geschlechtsreife eintritt; später sind die Umschwünge nicht mehr so deutlich und klar wahrzunehmen, sind aber dennoch vorhanden. Da entwickelt sich im Menschen etwas, was aus der Tiefe seines Wesens herausspringt. So aber auch bei der ganzen Menschheit. Und so war es etwa um die Mitte des 15. Jahrhunderts unserer nachchristlichen Zeit, wo die Menschheit einen Sprung in ihrer Entwickelung durchmachte. Die Seelenverfassung der Menschen ist eine ganz andere geworden. Eben dasjenige ist aufgetreten, was ich heute charakterisiert habe als das, daß der Mensch sich einsam fühlt gegenüber dem anderen Menschen, daß er in sich abgeschlossen ist, daß er nicht mehr durch die bloße Blutsverwandtschaft sich dem Menschen so nahe fühlt wie früher. Dieses Selbständigerwerden, dieses Persönlicherwerden hat sich so entwickelt, wie das aufgetreten ist, daß der Zahnwechsel, die Geschlechtsreife eintritt bei der einzelnen menschlichen Individualität, bei der einzelnen menschlichen Organisation. So, aus der ganzen Menschheitsentwickelung heraus, ist da etwas gekommen in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Solch ein Erkenntnisinhalt kann nur aus der geistigen Welt kommen. Und erst wenn man einen solchen Erkenntnisinhalt gewinnt, wie eine innere Erfahrungstatsache, kann man ein Urteil auch haben über die Wirklichkeiten der wiederholten Erdenleben, über den Gang des Geistes in der menschlichen Entwickelung, über das Leben des Geistes in dem natürlichen Dasein und so weiter.

[ 37 ] Aber alles dasjenige, was man tun kann, um zu solchen Erkenntnissen zu kommen, das ist: man kann sich dazu vorbereiten, durch Meditation, Konzentration, durch Hingebung der Gedanken, Empfindungen, Willensimpulse, wie es geschildert ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Man kann sich entwikkeln, kann sich dann sagen: Du bist jetzt bereit, höhere Erkenntnis aufzunehmen; aber dann hat der Mensch zu warten. Die Art der Geisteswissenschaft bezieht sich nicht darauf, daß man losgehen kann und Erkenntnisse sammeln; sondern man kann nur die eigene Seele bereit machen; dann muß sie warten. Dann muß man, ich möchte sagen, auf den Moment warten, den man empfindet wie eine Gnadenwirkung aus der geistigen Welt heraus; man muß warten, bis die Erleuchtung kommt. Daß Erleuchtungen aus der geistigen Welt auftreten, tritt bei dem einen Menschen auf, bei dem anderen Menschen nicht. Daher sind die Wahrheiten so, daß sie in einigen Menschen auftreten, die sie ihren Mitmenschen mitteilen müssen. Selbst wenn solche einfachen Erkenntnisse, wie die von dem Umschwunge der ganzen Entwickelung der Menschheit im 15. Jahrhundert, auftreten, man muß sie heute kennengelernt haben im reinen Seelenleben. Man muß verzichten gelernt haben auf das gewaltsame Erobern der geistigen Welt, man muß gearbeitet haben nur an der Entwickelung der Seele, um sich bereit zu machen zum Empfangen der Wahrheiten. Dann kommen sie, kommen im geeigneten Moment. Man muß sich darauf beschränken, sie als solche einzelnen Wahrheiten hinzunehmen. Man muß sich nur klar sein darüber: wenn man Konsequenzen daraus ziehen will, so wie einzelne Menschen es machen, dann bringt man nur Karikaturen der geistigen Welt. Nehmen wir an, irgendein Mensch hat mancherlei innere Entdeckungen gemacht; er kommt zu einer Idee; dann baut er gleich ein ganzes System daraus, ein Natursystem, ein Geschichtssystem, ein ökonomisches oder ein soziales System, oder irgend etwas. Die Menschen sind nicht zufrieden, solche einzelnen geistigen Erfahrungen zu machen, sondern ziehen weiterhin ihre Konsequenzen, bauen Systeme darüber auf. Derjenige, der erfahren ist in der geistigen Welt, der arbeitet nur an seiner geistigen Entwickelung, daß er bereit ist, zu empfangen, was sich ihm offenbart. Dann nimmt er wiederum eine solche einzelne Erfahrung hin, wartet wiederum, bis sich ihm eine andere ergibt. Wie in der äußeren sinnenfälligen Wirklichkeit auch die neue Erfahrung herankommt, so muß man warten, so muß man immer innerlich von Resignation erfüllt sein, durch die man warten kann, bis sich die einzelnen inneren Erkenntnisse ergeben. Sonst bringt man oftmals Gebilde der Phantasie zustande. Und weil die meisten Menschen nur solche verschwommenen Phantasievorstellungen haben, deshalb meint man, die Gesetze, die in Betracht kommen, kämen nur aus Phantasiegebilden heraus. In Wahrheit kommen aber keine Phantasiegebilde heraus, wenn der Mensch sich anstrengt, vorwärtszukommen. Nur wenn er sich nicht anstrengt, über das Unsichtbare Ideen zu gewinnen, kommt er zu Phantasiegebilden. Sondern nur, wenn er anstrebt, alle Gedanken und Entwickelung, alles Arbeiten im Geiste lediglich darauf abzielen zu lassen, daß der Geist in seinem Erkenntnisvermögen immer vollkommener und vollkommener wird, dann kann er genügend weit kommen; wenn er warten gelernt hat, dann ergeben sich ihm die Entdeckungen in der geistigen Welt durch dasjenige, was mitzuteilen ist in der geistigen Welt. - Es kann allerdings der Mensch, wenn ihm sein Schicksal, ich möchte sagen, nach dieser Richtung hin günstig ist, und er warten lernt, selber zu Entdeckungen kommen. Aber er kann vor allen Dingen dahin kommen, daß er dasjenige, was geistige Entdecker ihm sagen, als Wahrheit anerkennen kann, und daß er sich die Urteile aneignet durch eine solche innerliche Entwickelung, um auch dasjenige, was ihm der andere gibt, in seiner Wahrheit einzusehen.

[ 38 ] Das ist gerade das Geheimnis des Lebens, das die Menschen führen werden , wenn der Geist ihr Führer in der Sinneswelt und in die übersinnliche Welt werden wird. Gerade das wird die Eigentümlichkeit sein, daß das menschliche Zusammenleben intimer werden wird. Heute sehen wir einen iillusionären, einen falsch verstandenen Sozialismus, sehen, wie die Menschen sozial wirken wollen, aber immer mehr und mehr sozial sich eigentlich voneinander entfernen. Dann aber, wenn man einsehen wird: Du kannst dich dazu entwikkeln, daß du dasjenige, wozu der andere durch die Intimitäten seines Innenlebens kommt, wodurch er geistige Entdeckungen macht, wirst anerkennen können, dann wirst du dich selber im Zusammenleben mit ihm geistig bereichern können. Dann wird man einsehen, daß gerade wenn der Geist Führer sein wird in dem Sinnesreich des Menschen, durch diesen Geist auch das soziale Leben erst seinen rechten Sinn wird erhalten können.

[ 39 ] Das Hineindringen in geistige Welten setzt ja voraus, wenn man wirklich bewußt jenseits der Schwelle kommen will, daß man in einem gewissen Sinne furchtlos werde gegenüber den Erlebnissen der geistigen Welt. Die gewöhnliche Sinneswelt, sie läßt uns, ich möchte sagen, in einer gewissen Weise in Sicherheit eingewiegt sein. Derjenige, der von dieser Sinneswelt über die Schwelle der geistigen Welt hinübergelangt in die wirklichen geistigen Welten, die zugrunde liegen unserer Sinneswelt, der macht die Erfahrung, daß gewissermaßeen der bequeme, feste Erdboden nicht mehr unter ihm ist. Die geistige Welt hat nicht dieselben Kräfte der Schwere und dergleichen, die diese Sinneswelt hat. Innerhalb der geistigen Welt fühlt sich der Mensch wie auf einem wogenden Meere, und diejenige Sicherheit, die man sonst durch einen festen Standpunkt in der äußeren Sinneswelt hat durch das gewöhnliche Leben, diese Festigkeit, die muß gegeben werden durch innere Kraft, durch die man durchsteuert die geistige Welt.

[ 40 ] Außerdem müssen Sie bedenken, daß, wenn man hineingelangt in diese geistige Welt, man zunächst an diese geistige Welt nicht angepaßt ist. Man ist angepaßt einer Welt als Mensch zwischen Geburt und Tod; man ist nicht angepaßt an dasjenige, was als Ewiges sich enthüllt der Menschennatur, wenn man gerade in die Geisteswelt eindringt. Man ist angepaßt an die diesseitige Welt, an die Welt hier. Tritt man nun ein in die geistige Welt, nachdem man sich entwickelt hat, um hineinzugelangen, so fühlt man sich eigentlich zunächst, solange man noch im Leibe ist, noch nicht durch die Pforte des Todes gegangen ist, noch nicht für die ganze Entwickelung angepaßt. Man fühlt das oftmals als brennenden Schmerz, möchte ich sagen. Davor schrecken viele zurück. Nur wenn man sich gut vorbereitet, um das eine wie das andere zu erfahren, kann man über sich selbst hinauswachsen, kann sich hinauswagen auf das offene Meer der geistigen Erkenntnisse, auf dem man den Führer, den geistigen Führer in sich selber haben muß.

[ 41 ] Aber für jeden Menschen ist es heute schon möglich, wenn er beobachtet solche Dinge, wie ich sie dargestellt habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?», einzusehen aus seiner eigenen Überzeugung heraus, nicht durch Überlegungen, einzusehen, daß dasjenige auf Wahrheit beruht, der Wirklichkeit entnommen ist, was die Geist-Entdecker, die modernen Seher wirklich der Welt enthüllen können.

[ 42 ] Ein menschliches Zusammenleben wird sich dadurch ergeben, daß wir wiederum einsehen lernen können, wenn der andere in sich die Fähigkeiten entwickelt, das Entdeckte voll anzuerkennen. Ein Zusammenleben im Geistigen wird sich ergeben, das die Grundkraft abgeben wird für ein Leben, wie es die Menschheit in der Zukunft brauchen wird, gerade wenn manche Strukturen im sozialen Organismus überwunden werden sollen, die aus alten Kräften hervorgegangen sind und die nur überwunden werden durch neue Kräfte des Geistes, die sich von Seele zu Seele entwickeln.

[ 43 ] Gerade dadurch, daß das Geistige für die Menschen eine Wirklichkeit werden wird, gerade dadurch werden die Menschen einander näher kommen. Man muß nur bedenken, ob der eine Mensch dies oder jenes in der geistigen Welt entdeckt; das hängt ab von der Art und Weise, wie sein Leben ist. Nicht wahr, von der äußeren Sinneswelt weiß der Mensch anderes, je nachdem er, ich will sagen, in Europa oder in Amerika oder in Asien geboren ist. So weiß jeder Mensch auch, wenn er ein geistiger Entdecker, ein Seher ist, von der geistigen Welt etwas anderes. Das andere, das er weiß, das ist wiederum dem anderen Menschen, der wiederum etwas anderes weiß, eine Ergänzung zu seinem eigenen Wissen. Die Menschen werden einzelnes, vom Geiste her verschiedenes wissen. Aber sie werden einander ergänzen können.

[ 44 ] Vor einer wirklichen Geist-Erkenntnis, die so gemeint ist, wie sie heute hier vorgetragen worden ist, ist es wahrhaftig keine Schande oder irgend etwas Herabwürdigendes, wenn der eine Mensch in einem wirklich sozialen Dasein einfach dasjenige aus der geistigen Welt heraus ihm Übermittelte aufnimmt, was der andere zu entdekken befähigt ist. Denn das ist nicht zu fürchten, daß irgendein Mensch, der ein geistiger Entdecker wird, durch Unbescheidenheit glänzen würde innerhalb seiner Mitmenschengenossenschaft. Man muß, gerade wenn man in die geistige Welt eindringen will, sich zuerst dasjenige gar sehr in der entsprechenden hohen Kraft aneignen, was ich intellektuelle Bescheidenheit genannt habe, und man weiß sehr gut, gerade dann, wenn man beginnt, etwas von der geistigen Welt zu wissen, wie wenig man eigentlich weiß. Das ist nicht zu fürchten, daß die geistigen Erkenner besonders hochmütig werden. Diejenigen, die von der geistigen Welt in Phrasen reden, die von dem Geiste reden, ohne daß sie etwas von ihm wissen, die von ihm reden durch bloße philosophische Schlüsse, die mögen hochmütig werden. Aber diejenigen, die in die geistigen Welten eindringen, die wissen außerdem, wie klein sie sind als Menschen gegenüber dieser geistigen Welt, die sich durch sie verwirklichen will, und sie wissen wahrhaftig, daß sie weder hochmütig noch rechthaberisch werden sollen.

[ 45 ] Nun möchte ich noch etwas anderes erwähnen. Wenn man auf der einen Seite sagen muß: zum Heile der Zukunft der Menschheit ist es heute notwendig, daß hingehorcht werde von seiten derjenigen, die noch nicht gewisse Wahrheiten entdeckt haben, auf diejenigen, die sie entdeckt haben, und das durchaus nicht etwas Beschämendes, die Freiheit Herabwürdigendes ist, so kann zu gleicher Zeit auch darauf hingewiesen werden, daß ja auch derjenige, der vielleicht in einem hohen Grade schon erkennen kann, der ein Seher ist, an seinem Mitmenschen Ungeheures lernt. Das ist das Merkwürdige, daf$ man in dieser Richtung ein ganz neues Verhältnis gerade durch das Sehertum, gerade durch die Entwickelung des Seelisch-Geistigen, zu seinem Mitmenschen gewinnt. Man muß sich sagen, daß auch in einer einfachen, elementaren Lebensart Dinge sich offenbaren können. Wir erfahren sie, wir haben den Sinn, einzudringen in dasjenige, was als geheimnisvolle seelisch-geistige Tiefen sich zum Beispiel auch durch ein Kind offenbart. Das gibt Veranlassung, wenn wir nur nicht es symbolisch deuten, wenn wir nur nicht nachgrübeln, sondern uns ihm in Liebe hingeben, gerade es geistig zu erkennen, daß nachher, wenn der Seher eine solche Liebe ausgeübt hat für das Einfache, für ihn der begnadete Moment eintritt, etwas Großes zu erkennen. Und jeder große, wirkliche Geist-Erkenner wird Ihnen erzählen können von denjenigen Momenten, wo nicht durch Ausle‚gung desjenigen, was er eben gesehen hat, sondern wie wirklich gerade dann, wenn in ihm diese Kraft ausgelöst worden ist, er hinterher an irgendeinem Menschen etwas anderes erfahren hat, indem er den Geist zu seinem Führer erkor. Man lernt einen Menschen kennen. Dasjenige, was er einem mitteilt aus seinen Erlebnissen, aus seinen Erfahrungen heraus, vielleicht als einfachster, primitivster Mensch, führt einen in seelische Tiefen hinein, wenn man richtig zu erkennen vermag, den richtigen Zusammenhang zu finden vermag. Man macht die Entdeckung, daß, was die Menschen erleben, was die Menschen erfahren, daß das bei jedem Menschen zu einer Offenbarung führen kann.

[ 46 ] Ja, über die ganzen weiten Umkreise der Menschen hin kann von jedem Menschen, dem wir gegenübertreten, wenn wir den Geist zum Führer der Sinneswelt und zum Führer in die übersinnliche Welt wählen, es kann von jedem Menschen uns, wenn er uns seine Erfahrungen und Erlebnisse mitteilt, dasjenige, was er aus der Welt mehr gewonnen hat, etwas geben, es kann in uns zur Offenbarung kommen etwas, was man zu seiner weiteren Entwickelung durchaus nötig hat. Wir merken nur oftmals, daß die Menschen selber mit ihren mangelhaften Kräften nicht auf ihr Leben anwenden, was sie in ihrem Bewußtsein, in ihrem bewußten Seelenleben zu haben glauben; sie meinen, das ist etwas höchst Unwichtiges, weil die Menschen unzulänglich sind, durch ihre eigene Urteilskraft zu erreichen, Übersinnliches zu schauen. Sieht man hinein in die Tiefen der Menschenseele, wenn man sich den Sinn auf diese Weise angeeignet hat, wie ich es heute geschildert habe, so kann man auch gerade als Geistesforscher so viel gewinnen in der neueren Naturwissenschaft, durch die Art, wie die Naturwissenschaft in den Kliniken, auf den Sternwarten, in chemischen und physikalischen Laboratorien arbeitet. Wenn wir dasjenige, was die Forscher mit ihrer Urteilskraft oftmals aus sich selber sehr unzulänglich auffassen, wenn sie beschreiben ihr Tun und ihre Ergebnisse, was sie selbst mit dem, was sie darüber sagen, durchaus nicht recht erreichen, nicht in seinen Tiefen enthüllen können, wenn wir dasjenige hinnehmen, was uns erzählt wird von der Arbeit in den naturwissenschaftlichen Werkstätten, dann enthüllen sich uns tiefe Naturgeheimnisse. Und gerade durch dasjenige, was Geisteswissenschaft auf diesem Gebiete macht, wird sich vergeistigen dasjenige, was die Medizin heute so vielfach anstrebt, was sie mit eigenen Mitteln nicht erreichen kann, was in Verbindung steht mit dem, was ich geschildert habe, daß die Medizin, die Naturwissenschaft gerade durch Geisteswissenschaft befruchtet werden können.

[ 47 ] Aber auch das Soziale wird befruchtet werden können, wenn der Geist wird Führer werden können durch die sinnliche und in die übersinnliche Welt hinein. Und man wird nicht zu glauben brauchen, daß dasjenige, was als religiöses Element eine der Grundkräfte jedes Menschenwesens sein sollte, durch die Erkenntnis des geistigen Lebens, dadurch, daß das geistige Leben unter uns Platz greift und der Geist zum Führer des Menschen in der Menschenwelt wird, daß das etwa darunter leiden würde! Nein, das Gegenteil ist gerade der Fall. Gerade dasjenige, was die religiösen Bekenntnisse selber gesucht haben, zu dem konnten sie wegen der Bedürfnisse, die aus dem gesunden naturwissenschaftlichen Leben hervorgegangen sind, nicht gelangen, indem sie alte Traditionen bewahrt haben. Dadurch konnten sie dasjenige, was sie über Seele und Geist als Glaube des Menschen erzeugen wollten, nur durch dogmatische Gebote erreichen, während in Wahrheit, indem die Menschen dazu kommen werden, daß sie den Geist zu ihrem Führer in der Sinneswelt machen, die Menschen im Geistigen drinnenstehen werden mit ihrem Seelenleben. Menschen aber, die den Geist erkennen, Menschen, die mit ihren Vorstellungen, mit ihren Empfindungen im Geiste leben, sie werden auch den Geist verehren können, sie werden den Weg zur wahrhaft religiösen Verehrung finden können. Diejenigen Menschen, die nichts wissen vom Geiste, werden auch nicht, wenn sie einer «Wortreligion» sich zuzählen, in Wirklichkeit religiöse Menschen sein. Diejenigen, die den Geist zum Führer haben, die fürchten nicht, daß das Christentum Schaden nehmen könnte dadurch, daß durch moderne Geisteswissenschaft der Geist durchdrungen werde. O nein, diejenigen zeigen sich klein, die da sagen: es soll keine Geist-Erkenntnis kommen, denn die wird das religiöse Gefühl, die wird das Christentum untergraben. Wer wirklich den Geist erkennt, kann nicht so gering denken von der Kraft des ChristusImpulses, der seit dem Mysterium von Golgatha in der Welt wirklich wirkt. Er muß viel höher denken. Er muß so denken, daß er sich sagt: was auch für Erkenntnisse kommen mögen, je mehr man in den Geist eindringen wird, desto besser wird man gerade auch verehren lernen dasjenige, was nur erhöht werden kann in seiner Bedeutung für die Menschen dadurch, daß es immer besser und besser erkannt werde.

[ 48 ] Nicht Geisteswissenschaft wird die wirkliche religiöse Entwickelung der Menschheit hindern, sondern das Stehenbleiben-Wollen jenseits der wirklichen Erkenntnis und des geistigen Fortschritts wird hemmend wirken auf die religiöse Entwickelung. Und es könnte sein, daß in einer gar nicht zu fernen Zeit zahlreiche Menschen einsehen werden, woher eigentlich die Hemmnisse der religiösen Entwickelung kommen. Sie kommen davon, daß die Konfessionen nicht mehr leben wollen mit demjenigen, was im innerlichsten Menschen als Bedürfnis vorhanden ist.

[ 49 ] Sehen Sie, ich wollte damit nur - ich kann das allerdings skizzenhaft nur tun in einem solchen Vortrage, wie ich ihn hier halten durfte -, ich wollte damit nur kennzeichnen, wie der Geist der Führer des Menschen werden kann durch die Sinneswelt hindurch und in die übersinnliche Welt hinein.

[ 50 ] Der Mensch lernt dasjenige in ihm, was ewig und unsterblich ist, was durch Geburt und Todespforte geht, gerade dadurch kennen, daß er den Geist in sich entwickelt, dem er angehörig ist. Er lernt erkennen, daß er durch seine Seele und seinen Geist ein Angehöriger der geistigen Welt ist, so wie er durch seinen Leib ein Angehöriger dieser Welt ist.

[ 51 ] Heute ist es ja allerdings so, daß dasjenige, was ich charakterisiert habe, zwar in den tiefen Untergründen des Unterbewußten voll lebt. Derjenige, der heute durchschaut die Dinge, der weiß es, wie zahlreiche Menschen da sind, welche die Sehnsucht haben nach einer solchen Gefolgschaft des Geistes; aber in dem Bewußtsein der Menschen ist das oftmals nicht so. In weitesten Kreisen ist noch, möchte ich sagen, eine Abneigung, eine Antipathie gegen solche geistige Führerschaft. Derjenige aber, der drinnensteht in einer solchen geistigen Bewegung, der sieht auf die Art und Weise, wie geistigen Bewegungen oder auch äußeren Kulturbewegungen begegnet worden ist im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit! Und wenn man heute mit Herz und Sinn hängt daran, daß so etwas wie der Dornacher Bau, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, das Goetheanum, als äußerer Repräsentant - er ist Ja noch nicht fertig, ist ja erst im Bau begriffen, aber er wird in nicht allzulanger Zeit hoffentlich fertig werden -, daß so etwas dastehen soll als das sichtbare Zeichen für die geistige Bewegung, die ich Ihnen heute im Vortrage charakterisiert habe, so hat man schon nötig, gegenüber mancherlei absprechenden Urteilen, sich an Geschichtliches zu erinnern.

[ 52 ] Denken Sie, wie die heutige Welt aussehen würde, wenn damals, als Kolumbus ein paar Schiffe ausrüsten wollte, um nach Westen hin zu steuern in Gegenden, von denen er wahrhaftig nichts wußte, und die anderen auch nichts wußten, wenn die Meinung gesiegt hätte Sie können es in der Geschichte nachlesen, daß sie sehr vorhanden war, diese Meinung -, die diese Absicht des Kolumbus für eine Narrheit, für einen Wahnsinn angesehen hat! Aber schließlich, er hat gesiegt. Denken Sie, was geworden ist in der modernen Zeit dadurch, daß nicht die Gescheitheit derjenigen, die dem Kolumbus die Schiffe verweigert haben, gesiegt hatte, sondern daß gesiegt hat der «Wahnsinn» des Kolumbus. Dieser Wahnsinn des Kolumbus ist für viele Menschen dasjenige, was anthroposophische Geisteswissenschaft will. Heute noch ist es vielen ein Wahnsinn. Dieser Wahnsinn aber schließt nicht bloß ein dasjenige, was nur eine Geist-Erkenntnis ist, nein, dieser Wahnsinn schließt ein eine solche Entwickelung des Geistes, durch die man auch ein wirklich praktischer Mensch wird, durch die man zu einem solchen Menschen wird, daß man praktisch wird angreifen können eine Entdeckungsfahrt in das wirkliche Leben. Eine wirkliche Entdeckungsfahrt in das Leben soll inauguriert werden durch dasjenige, für das dieser Dornacher Bau der äußere Repräsentant sein soll.

[ 53 ] Mögen daher viele Menschen in dem, was damit unternommen werden soll, einen Wahnsinn sehen. Wer aus innerer Erkenntnis heraus Herz und Sinn verbunden hat mit dem, was als Wahrzeichen dafür stehen soll, daß beginnen soll der Geist Führer in der Menschheitsentwickelung zu werden durch die sinnliche Welt und in die übersinnliche Welt hinein, der weiß, daß sich entwickeln muß aus diesem «Wahnsinn» heraus dasjenige, was viele Menschen, und zuletzt alle Menschen der zivilisierten Welt suchen müssen, damit herausgekommen werde aus manchem von dem, was von dem Unbefangenen heute als Chaotisches, als Kulturwirrwarr empfunden wird, um hinzugelangen zu demjenigen, was zahlreiche Menschen und zahlreiche Seelen doch ersehnen, mehr ersehnen, als einstmals die Zeitgenossenschaft des Kolumbus Indien ersehnt hat, ersehnen als dasjenige Licht, das der Menschheit aufgehen soll, damit sie wirklich höheren Kulturzielen in der Menschheit entgegengehen könne.