Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage
für eine soziale Neugestaltung
Altes Denken und neues soziales Wollen
GA 329
10 November 1919, Basel
9. Der Geist als Führer Durch die Sinnes- und in die übersinnliche Welt
[ 1 ] Es gilt wohl heute noch in weiten Kreisen als das Zeichen eines besonders aufgeklärten Geistes, wenn man die Möglichkeit ablehnt, durch menschliche Erkenntnis einzudringen in die geistige, in die übersinnliche Welt. Man kann zwar sagen, daß in einzelnen Kreisen gerade der naturwissenschaftlichen Denkungsart gegenwärtig schon gegen diese sogenannte Aufklärung Front gemacht wird. Allein so viel auch vielleicht von dieser Seite über Geist und übersinnliche Welt von diesem oder jenem Gesichtspunkte aus gesprochen wird, man kann nicht sagen, daß ein wirklich befriedigender Weg in die Welt des Geistes in weiteren Kreisen heute schon auch nur versucht oder angestrebt wird.
[ 2 ] Daß es die Möglichkeit gibt, nicht bloß durch einen unbestimmten, schulmäßigen Glauben, sondern durch eine echte und wahre Fortsetzung derjenigen Vorstellungsart, welche gerade das naturwissenschaftliche Denken in der neueren Menschheit so groß gemacht hat, in die übersinnliche Welt einzudringen, das sucht die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die - wie ich schon vor einigen Wochen hier sagte - ihre äußere Repräsentation finden soll durch das Goetheanum in Dornach, als einen durch das Erlebnis des Geistes zu ergründenden Beweis vor der Welt hinzustellen.
[ 3 ] Wenn ich wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus, als ich das in zahlreichen Vorträgen schon hier getan habe, begreiflich machen soll, wie gerade der Weg dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ist, so möchte ich heute einleitungsweise über etwas scheinbar recht Abstraktes, für manchen vielleicht fernliegend Scheinendes sprechen.
[ 4 ] Das Goetheanum hat ja nicht umsonst seinen Namen von Goethe genommen. In einer gewissen Beziehung bildet die ganze Weltanschauung, die ganze Vorstellungsart Goethes den Ausgangspunkt für ein neueres geisteswissenschaftliches Streben. Und wenn man auch sagen kann, daß dasjenige, was man bei Goethe findet, noch durchaus als ein Anfang sich darstellt, so kann man gerade das Prinzipielle am besten vielleicht veranschaulichen, wenn man von gewissen einfachen Gedanken oder Ideen Goethes ausgeht. In weiteren Kreisen wohl bekannt, aber leider heute noch allzuwenig gewürdigt, ist ja dasjenige, was Goethe seine Metamorphosenlehre genannt hat, in der wir auch seine Idee von der Urpflanze finden.
[ 5 ] Mit dieser Urpflanze meint Goethe nicht etwa ein sinnliches Pflanzengebilde einfacher Art, wie der richtige heutige Naturforscher sagen müßte, sondern Goethe meint mit seiner Urpflanze etwas, das nur im Geiste zu erfassen und zu erleben ist. Aber er meint zu gleicher Zeit mit dieser Urpflanze etwas, das nicht in irgendeiner einzelnen Pflanze zu finden ist, sondern das auffindbar ist in jeder einzelnen Pflanze des weiten Pflanzenreiches der Erde. Er setzt also voraus, daß - ich möchte sagen - innerhalb jeder sinnlichen Pflanze eine übersinnlich zu erfassende, im Geiste zu erlebende Urpflanze vorhanden ist.
[ 6 ] Dasselbe stellt er sich auch vor, obwohl er es weniger deutlich ausgeführt hat, für die anderen, für die nichtpflanzlichen Organismen. Und wenn Goethe, zum Teil gerade aus seiner künstlerischen Gesinnung heraus, diese Idee von der Urpflanze entwickelt hat, so muß man doch sagen, daß sein hauptsächlichstes Streben darauf gerichtet war, durch so etwas wie die Urpflanze etwas im allerbesten Sinne Wissenschaftliches zu finden, etwas, das dem Menschen als Idee Führer sein kann, geistig Führer sein kann durch die ganze weite Pflanzenwelt.
[ 7 ] Als Goethe zur Klärung und Reifung seiner Weltanschauung durch Italien zog, da schrieb er einmal an seine Weimarer Freunde, die gut dasjenige kannten, was er eigentlich mit seiner Urpflanze wollte, daß ihm besonders in der reichen, strotzigen Pflanzenwelt Italiens wiederum das Bild der Urpflanze aufgegangen sei. Zunächst abstrakt - man braucht sich nicht, wie wir gleich sehen werden, an das Abstrakte zu halten -, zunächst abstrakt sagt er: Eine solche Urpflanze muß es doch geben, denn wie könnte man sonst in dem ganzen mannigfaltigen Pflanzenreiche finden, daß jedes einzelne Wesen wirklich eine ganze Pflanze sei? - Wie gesagt, das ist abstrakt ausgesprochen, aber Goethe drückt sich über diese Urpflanze noch viel bestimmter, wesentlich eindringlicher aus. So sagt er zum Beispiel: Wenn man im Geiste diese Urpflanze erfaßt hat, dann kann man aus dem lebendigen Bilde dieser Urpflanze heraus selber sich Bilder von einzelnen wirklichen Pflanzen machen, welche die Möglichkeit des Existierens haben.
[ 8 ] Man muß nur im rechten Sinne auf das hinschauen, was mit einem solchen Worte eigentlich gesagt ist. Goethe will also im Geiste zu einer Idee von dem Pflanzenwesen kommen, und er will im Geiste die Möglichkeit haben, aus seiner Urpflanze heraus ein Gebilde geistig zu formen, das eine einzelne Pflanze ist, nicht aber gleich einer Pflanze, die er sinnlich sieht, sondern das gewissermaßen zu den sinnlichen Pflanzen eine solche hinzu erfindet, die nicht sinnlich existiert, die aber doch die Möglichkeit hätte, wenn die Bedingungen da wären, in der Sinnlichkeit zu existieren. Worauf ist da eigentlich hingewiesen? Da ist darauf hingewiesen, daß der Mensch durch seine Seele in die sinnliche Wirklichkeit so untertauchen kann und in diesem Untertauchen in die sinnliche Wirklichkeit das Geistige, das in der sinnlichen Wirklichkeit drinnen ist, so erleben kann, daß er ganz zusammenwächst mit diesem Geiste, der überall in der Natur schaffend webt und lebt.
[ 9 ] Das ist gerade das Große der Goetheschen Weltanschauung, daß sie hinzielt auf dieses Untertauchen in die Wirklichkeit, und daß sie überzeugt davon ist, daß, sofern man in diese Wirklichkeit untertaucht, man auf das Geistige dieser Wirklichkeit kommt, so daß man den Geist der Wirklichkeit entdeckt, der einem dann Führer sein kann durch die ganze verwirrende Mannigfaltigkeit des Sinnlichen selbst.
[ 10 ] Nun kann man dasjenige, was Goethe angestrebt hat, ausdehnen auf die gesamte, den Menschen umgebende Welt und auf den Menschen selbst. Diese Vorstellungsart im weitesten Kreise auf alles dasjenige auszudehnen, was dem Menschen von anderem und von sich selbst entgegentritt, das macht sich die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zur Aufgabe. Sie ist damit das Gegenteil von allem unklaren Obskurantismus, das Gegenteil von allem unklaren Mystizismus. Sie strebt dasjenige an, was Goethe für seine Weltanschauung beansprucht: mit mathematischer Klarheit, mit mathematischer Durchsichtigkeit in die geistige Welt unterzutauchen.
[ 11 ] Nun fühlt sich diese Geisteswissenschaft darin durchaus im Einklange gerade mit der neueren Naturwissenschaft, obwohl sie weit über die Naturwissenschaft der neueren Zeit hinausgeht. Man muß nur durch diese Naturwissenschaft durchgegangen sein um einzusehen, wie aus dieser Naturwissenschaft selbst diese Geisteswissenschaft heraussprießen muß. Sehen wir einmal hin auf dasjenige, was gerade diese neuere Naturwissenschaft eigentlich anstrebt. Sie sieht ja ihr eigentliches Ziel darin, eine solche Erkenntnis der den Menschen umgebenden Dinge, der mineralischen, pflanzlichen und tierischen Welt, ja des Menschen selbst zu finden, bei welcher nichts mitspricht von irgendwelchen subjektiven Gefühlen oder Vorstellungen des Menschen selbst. Diese Naturwissenschaft sucht namentlich auf ihrem neueren Standpunkte, dem des Experimentes, auf den sie sich mit Recht gestellt hat als Naturwissenschaft, die Natur so zu erforschen, daß die einzelnen Erscheinungen und Vorgänge der Natur selbst ihr Wesen, ihre Gesetze enthüllen, daß der Mensch nichts hineinwebt in dasjenige, was er Naturerkenntnis nennt, von dem was er in sich selbst findet.
[ 12 ] Dadurch unterscheidet sich dasjenige, was seit drei bis vier Jahrhunderten, insbesondere aber im 19. Jahrhundert als Naturwissenschaft aufgetreten ist, von dem Naturerkennen früherer Zeiten. Wer dieses Naturerkennen früherer Zeiten verfolgt, der weiß, daß die Menschen dasjenige, was sie sich in ihren Vorstellungen ausbildeten, in die Naturerscheinungen hineintrugen und gewissermaßen selbst das wiederum aus den Naturerscheinungen herausholten, was sie erst hineingetragen hatten. Daß das gerade nicht geschehe, daß der Mensch ganz unbefangen die Natur zu sich sprechen lasse, das ist das Bestreben der neueren Naturwissenschaft.
[ 13 ] Aber man kann doch nicht anders, wenn man über die Natur forscht, als den Geist forschen lassen. Man kann nicht anders, als dasjenige, was man als Gedanken-, als Ideenleben in sich hat, und was geistiger Natur ist, auf den Zusammenhang der Naturerschei nungen anwenden. Nun kann man einen zweifachen Weg einschla“gen. Den einen Weg hat die gewöhnliche naturwissenschaftliche Weltanschauung der neueren Zeit eingeschlagen; den anderen aber möchte die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einschlagen.
[ 14 ] Wenn die Naturwissenschaft ihre Ideen ausbildet, diese Ideen, die so rein, wie ich es dargestellt habe, an der Natur gewonnen sein sollen, dann kann sie mit diesen Ideen, ich möchte sagen, sich selbst betrachten; dann kann sie sich fragen: Welches Wesen, welchen Wert haben denn die Ideen, die wir auf die äußere Natur anwenden’? - Das tut die neuere Naturwissenschaft nicht. Die neuere Naturwissenschaft beschränkt sich darauf, alles dasjenige über die Natur zu erkennen, was nicht eine Antwort gibt auf die Frage: Was ist denn der Mensch eigentlich selbst? - Das ist ja das Charakteristische, von allen, man darf sagen, einsichtigen Naturforschern, das Hervorgehobene, daß man sagt: Ja, wir können vieles erforschen über die physische Welt außer uns und in uns - die Frage wird dadurch nicht beantwortet: Was ist der Mensch selbst? - Und immer wieder und wiederum muß man betonen: Indem die Naturwissenschaft die Natur zu erkennen bestrebt ist, stellt sie ein Weltbild hin, in dem der Mensch nicht drinnen ist als Seele und Geist. Auf die Frage nach Seele und Geist hat die ehrlich auf dem heutigen Standpunkte stehende Naturwissenschaft keine Antwort.
[ 15 ] Man muß die Frage, warum dies so ist, historisch beantworten. Die Naturforschung weiß selbst nicht, warum sie nicht vordringt zu der Erkenntnis von Seele und Geist, warum sie haltmacht trotz ihrer bewunderungswürdigen Resultate über die äußere Natur vor Seele und Geist, warum immer wieder und wieder Naturforscher auftreten, die sagen: Ja, wenn die Naturwissenschaft sprechen würde von Seele und Geist, würde sie ihre Grenzen überschreiten. - Man glaubt unbefangen über die Natur zu reden. Man redet nicht unbefangen, denn als eine Last, als ein Druck befindet sich über der Naturwissenschaft, eigentlich über der Denkweise der neueren Naturforschung dasjenige, was sich seit Jahrhunderten als eine gewisse Vorstellungsart festgesetzt hat. Und dieser Druck besteht darinnen, daß von gewissen Bekenntnisströmungen aus ein Monopol beansprucht wurde über die Wahrheiten von Seele und Geist.
[ 16 ] Gehen wir einige Jahrhunderte zurück, so finden wir gerade in derjenigen Zeit, in der die neuere Naturwissenschaft ihr Frührot hatte, wie die religiösen Bekenntnisse ihr Monopol beanspruchen, die Wahrheiten zu diktieren über Seele und Geist. Vor diesem Monopolanspruch wich die Naturwissenschaft der neueren Zeit zurück. Die Naturwissenschaft der neueren Zeit ist mit Großartigkeit eingedrungen in die äußere Natur; aber nicht, weil man durch dieses Eindringen in die äußere Natur erkannt hätte, daß man nicht aufsteigen könnte zu Seele und Geist, hat man dieses Aufsteigen unterlassen, sondern weil es so festgewurzelt war in den unbewußten menschlichen Anschauungen, daß Rechnung getragen werden muß dem Monopolanspruch der Bekenntnisreligionen. Deshalb verwandelte sich dieser Glaube in einen scheinbaren Beweis, man könne nicht in Seele und Geist eindringen.
[ 17 ] Wer sich ernst befaßt hat mit den naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden der neueren Zeit, und der dann gerade dasjenige innerlich seelisch verarbeitet hat, was sich als Ideen über die äußere Natur mit Ausnahme des eigentlichen Wesens des Menschen ergibt, der weiß, daß der andere Weg, den die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einschlägt, weiter in die Menschheitszukunft hinein gegangen werden muß. Würde die Naturforschung sich selbst verstehen, würde sie nicht unter dem angedeuteten Drucke leben, dann würde sie gerade, weil sie eine Naturwissenschaft anstrebt, die vom Subjektiven des Menschen absieht, zu dem Goetheschen Prinzipe kommen, zusammenwachsen mit dem Geiste, der in den Erscheinungen und Tatsachen und Wesen der Natur ausgebreitet ist. Und die neuere Naturwissenschaft würde, wenn sie sich selbst verstünde, von sich aus gerade dasjenige erwählen, was nun die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Richtung für sich in Anspruch nehmen muß.
[ 18 ] Allerdings, wesentlich unterstützt werden muß dasjenige, was sich an innerlicher Vorstellungskraft, an Denkkraft, gerade durch die Naturwissenschaft heranerziehen läßt, durch sorgfältige innere geistige Methoden. Und auf der Ausbildung solcher innerer geistiger Methoden beruht alles dasjenige, wodurch die hier gemeinte Geisteswissenschaft den Weg in die übersinnliche, in die geistige Welt hinein überhaupt finden will.
[ 19 ] Man stellt sich heute vielleicht dasjenige viel zu leicht vor, was hier mit diesem Weg in die übersinnliche Welt gemeint ist. Man denkt, da sei so etwas gemeint wie ein inneres Spintisieren, ein SichHingeben an allerlei Vorstellungen, durch die man allerlei auswebt von dem, was das Wesen der Dinge sein soll. Man stellt sich vielleicht vor, das sei leicht gegenüber der Schwierigkeit der Experimentiermethode oder gegenüber den Methoden, die an Sternwarten und in Kliniken angewendet werden. Allein wenn Sie so etwas durchlesen, wie ich versucht habe darzustellen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft», so werden Sie sehen, daß es sich nicht um irgendein beliebiges Herumspinnen in inneren Vorstellungen handelt, sondern um ein streng gesetzmäßiges, inneres seelisches Arbeiten des Geistes in den Geist hinauf. Denn wirkliche Geisteswissenschaft kann nimmermehr der Anschauung sein, daß man in den Geist eindringen könne durch äußere Experimentiermethoden, sondern wahre Geisteswissenschaft muß die Anschauung vertreten, daß nur der Geist im Menschen den Geist der Welt finden kann.
[ 20 ] Was da der Mensch in seinem Inneren durchzuführen hat, habe ich hier in diesen Vorträgen, habe ich in meinen Büchern als Meditation, als Konzentration des öfteren bezeichnet. Ich möchte heute nur darauf hinweisen, daß diese Konzentrations-, diese Meditationsarbeit eine rein innere Seelenarbeit ist. Aber wohin strebt diese innere Seelenarbeit? Wohin strebt dieses Arbeiten nur mit inneren Seelenkräften, diese Hingabe an das reine Walten des Seelisch-Geistigen in dem Menscheninneren?
[ 21 ] Sie wissen, indem wir in der Welt leben, nehmen wir durch unsere Sinne die Welt wahr, und dann verarbeiten wir diese Welt. So macht es ja auch die Naturwissenschaft. Dann verarbeiten wir diese Welt, indem wir über sie nachdenken, indem wir ihre Gesetze enthüllen, indem wir uns Vorstellungen über sie machen. Sie wissen aber auch, daß dieses Vorstellungmachen zu etwas anderem noch führt, zu etwas, das innig zusammenhängt mit der Gesundheit unseres persönlichen Menschenwesens. Dieses Vorstellungmachen über die Welt hängt zusammen damit, daß wir die Eindrücke der Welt, wie wir sagen, durch unser Gedächtnis, durch unsere Erinnerungskraft behalten können. Über diese Erinnerungskraft, dieses Gedächtnis des Menschen geht der Mensch so leicht hinweg, weil sie ihm etwas so Alltägliches sind. Aber das ist gerade das Eigentümliche des wirklichen Erkenntnisstrebens, daß dasjenige, was vielfach Alltägliches ist, für den Menschen gerade als dasjenige aufgefaßt werden muß, dem gegenüber die wichtigsten, die bedeutungsvollsten Fragen aufgeworfen werden müssen.
[ 22 ] Wenn wir die Sinneswelt wahrnehmen, uns Vorstellungen von ihr bilden, nach einiger Zeit scheinbar diese wiederum aus unserem Inneren hervorbringen, so daß wir uns an erlebte Ereignisse erinnern, so lebt in diesen Erinnerungen, in diesem Gedächtnis-Walten viel Unbewußtes. Denken Sie nur, wie wenig Sie eigentlich mit Ihrem Willen Herr sind Ihres Gedächtnisses, wie wenig Sie befehlen können sozusagen Ihrer Erinnerungskraft. Bedenken Sie vor allen Dingen, wie wenig Sie in der Lage sind, während Sie äußerlich wahrnehmen, auch an diese Erinnerung zu denken. Oder ist es etwa so, daf3 der Mensch, indem er mit seinem Auge hinaus in die Welt sieht, indem er mit seinem Ohre die Töne hört, daß er da zu gleicher Zeit dafür sorgt, daß Vorstellungen da sind, die eine Wiedererinnerung möglich machen? Nein, da müßte der Mensch neben den Wahrnehmungen, neben den inneren Sinneswirkungen noch eine andere Kraft bewußt ausüben. Das tut er in Wirklichkeit im gewöhnlichen Leben nicht. Ich möchte sagen, das Gedächtnis mit seiner Kraft läuft so nebenher neben dem äußeren Leben. Es ist aber dasjenige, was da unterbewußt wirkt, was gewissermaßen alles Leben in der äußeren Sinneswelt mitbestimmt, so daß wir dieses Leben mittragen durch unsere Erinnerung durch das Leben. Es ist dieses aus dem Unterbewußten als eine Kraft heraufzuholen. Mit anderen Worten: Wir können dasjenige, was wir so nebenherlaufend unbewußt in Erinnerungskraft ausüben, nicht heraufholen aus den Tiefen unserer Seele, indem wir uns bloß an unsere Erlebnisse erinnern, sondern indem wir versuchen, die Kraft, die wir sonst gar nicht kennen, die eben nebenher läuft, wie ich es gesagt habe, zu einer solchen bewußten Klarheit zu bringen, wie sonst nur das äußere sinnliche Wahrnehmen ist, indem wir diese Kraft heraufholen aus den unterbewußten Tiefen und weben und leben in dem, was sonst im Unterbewußten des Gedächtnisses ist. Wenn wir die Erinnerungskraft nicht zum Gedächtnis, nicht zur Erinnerung verwenden, sondern dazu, Ideen und Vorstellungen, die sonst eben nur durch die Erinnerungskraft wachgehalten werden, bewußt in unserem Geiste anwesend sein zu lassen, so stärken wir etwas in unserem Geiste, wodurch wir, wenn der nötige Zeitpunkt eingetreten ist, kennenlernen ein ganz anderes Erwachen als dasjenige ist, das wir jeden Morgen erleben. Wenn man immer wieder und wiederum bewußt so arbeitet, wie sonst nur das Gedächtnis, die Erinnerungskraft arbeitet, dann erlebt man etwas von einem neuen Erwachen in der Seele. Man erlebt etwas von einem Auftreten eines ganz anderen Menschen in der Seele, als derjenige Mensch ist, der sonst durch die Sinneswelt geht. Den Geist kann man nicht durch Theoretisieren erreichen. Jede philosophische Auseinandersetzung, die den Geist durch bloße Schlußfolgerung erreichen will, hat eigentlich nichts anderes im Auge als das Wort oder die Worte vom Geiste. Der Geist will erlebt sein. Und er kann dadurch allein erlebt sein, daß wir dasjenige, was sonst unterbewußte Erinnerungstätigkeit ist, was in tieferen Schichten unseres Menschenseelenwesens lebt, heraufheben, so daß es in uns lebt mit einer solchen lichten Klarheit, wie sonst dasjenige in uns lebt, was wir durch unsere Augen sehen, was wir durch unsere Ohren hören, und daß in diesem Heraufgeholten der bewußte Wille so lebt, wie der bewußte Wille lebt, wenn ich das Auge von dieser Wand richte nach jener Wand hinüber, um den Blick von dem abzuwenden, was ich hier sehe, und hinzuschauen auf dasjenige, was ich dort sehen kann. Indem ich mich meiner Sinne bediene, lebt in diesem Sich-Bedienen der Sinne der bewußte Wille. Dieser Wille muß voll durchdringen
[ 23 ] diese innere Seelenarbeit, dann kommt man zu etwas, was eine Fortsetzung der gewöhnlichen Seelentätigkeit des Menschen ist, was sich ebenso verhält zu der gewöhnlichen Seelentätigkeit des Menschen, wie sich das wache Tagesleben zu dem Schlafesleben, aus dem höchstens der Traum heraufspricht, verhält.
[ 24 ] Daß es so etwas in der Menschennatur gibt, was heraufgeholt werden kann und was ein neues Erkenntnisorgan wird, was zu dem wird, was Goethe nennt Seelenauge, Geistesauge, das ist dasjenige, was durch allmähliches Einleben in solche innere Seelenarbeit anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft erweisen will. Sie wird dadurch dasjenige sagen, was Naturwissenschaft nicht zu sagen vermag, weil sie unter dem angedeuteten Druck lebt. Dieser Druck aber muß, weil die Menschheit danach Sehnsucht hat - man kann diese Sehnsucht bemerken, wenn man nur unbefangen genug dazu ist -, dieser Druck muß hinwegfallen von der Menschheitserkenntnis.
[ 25 ] So sehen Sie, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht irgendeine verkehrte Mystik, nicht irgend etwas Obskures, sondern eine wirklich echte Fortsetzung desjenigen sein will, was gerade in der Naturwissenschaft gewußt wird. Und gerade derjenige, der eine naturwissenschaftliche Erziehung genossen hat, wird es leichter haben mit dem Konzentrieren und Meditieren der Gedanken; denn er ist gewöhnt an Methoden, an Forschungsweisen, die von dem Subjektiven des Menschen absehen, die ins Objektive ganz hineingehen. Wendet man nun dasjenige, was man so sich heranerzogen hat an der Naturwissenschaft, gerade auf das Meditieren an, dann schaltet man alle menschliche Willkür aus, dann bringt man etwas in das Meditieren, in die innere Seelenarbeit herein, was eine solche objektive Gesetzmäßigkeit ist, wie diejenige der Natur selber. Gerade indem man die Denk- und Vorstellungsweise der Naturwissenschaft herein nimmt in den Menschen, wird die chaotische, die unklare Selbsterkenntnis, die mit mancher vertrackten und verkehrten Mystik angestrebt wird, wo man nur immer hineinbrüten will in sein eigenes Inneres, überwunden. Gegen dieses ungeschulte Hineinbrüten in sein eigenes Inneres steht dasjenige Arbeiten in dem eigenen Inneren, das bei jedem Schritte dieses Arbeitens so verfährt, wie nur der gewissenhafteste Naturforscher verfährt, indem er seine Urteilskraft ausdehnt über dasjenige, was sich vor seinem Auge oder vor seinen Instrumenten ausbreitet.
[ 26 ] Das ist die eine Seite. Ich möchte sagen, es ist die Seite, die hinweist auf die Erweckung besonderer Erkenntniskräfte. Die gewöhnliche Erinnerungskraft wird allerdings in solchen Augenblicken nicht da sein, in denen man das Geistige unmittelbar erforschen will, denn diese Erinnerungskraft hat selbst eine Metamorphose durchgemacht. Sie ist zu einem Geistauge geworden, das den Geist wahrnehmen kann. Mit den gewöhnlichen Schlußfolgerungen, die die heutige landläufige Logik hat, kann man nicht zum wirklichen Geiste vordringen. Wer sprechen will von einem wirklichen Vordringen zum Geiste, der muß hinweisen auf die real vorhandenen Kräfte, die zu diesem Geiste führen. Und eine solche real vorhandene Kraft ist die Erinnerungskraft. Nur muß diese Erinnerungskraft umgewandelt werden, muß zu etwas ganz anderem werden. Jedes andere Eindringen in den Geist führt zu gleicher Zeit ins Dunkle, weil der menschliche Wille dabei ausgeschaltet wird, und damit das wichtigste Stück des menschlichen Wesens selbst. So wie wir dasjenige, was aus, ich möchte sagen, organischen Untergründen unseres Geistes aufsteigt als phantastisch, so wie wir das, was wir nicht in der Gewalt haben, nicht als richtige Erinnerung bezeichnen, so wird der wahre Geistesforscher keinen Seeleninhalt annehmen für seine Geistesforschung, den er nicht mit dem Lichte seines Willens vollständig durchdringt.
[ 27 ] Soviel über die eine Seite, das Vorstellungsleben, wie es die Geistesforschung verwendet. Aber noch etwas anderes im Menschen ist verwendbar und muß verwendet werden, wenn man den Weg in das Übersinnliche, in die geistige Welt hinein wirklich finden will. Und geradeso wie aus dem Geiste der Naturwissenschaft durch die Vorstellungsweise der neueren Zeit die Geisteswissenschaft herausgefordert ist, so ist auf der anderen Seite durch das menschliche Leben in der neueren Zeit die Geisteswissenschaft herausgefordert. Wer unbefangen, nicht mit dem Vorurteil des heutigen Historikers, sondern eben unbefangen die Entwickelung der Menschenseele durch die letzten Jahrhunderte verfolgt, der kann sich sagen, daß gerade um die Mitte des 15. Jahrhunderts ein gewaltiger Umschwung eingetreten ist in der Verfassung der Menschenseelen, allerdings nur innerhalb der zivilisierten Welt, aber eben innerhalb dieser zivilisierten Welt. Es ist nur ein Vorurteil, wenn man hinblickend bloß auf die äußeren historischen Tatsachen glaubt, eine Menschenseele der zivilisierten Welt im 8., 9. nachchristlichen Jahrhundert habe dieselbe innere Verfassung gehabt wie die heutigen Menschenseelen. Gewiß, es gibt auch heute zurückgebliebene Menschenseelen, die mehr oder weniger noch auf dem Standpunkte des 8., 9. Jahrhunderts stehen; aber die sind gerade lehrreich, weil sie uns auch äußerlich zurückführen in jene Zeit. Aber im ganzen können wir sagen: Man braucht ja nur der Erfahrung gemäß wirklich hinzublicken auf das menschliche Leben. Es ist ein gewaltiger Umschwung eingetreten, der seit der Mitte des 15. Jahrhunderts immer stärker und stärker in seinen Wirkungen sich zeigte. Will man ihn näher bezeichnen, so muß man sagen: Wenn man hinter diesen Zeitpunkt zurückgeht, so findet man, daf) der Mensch dem Menschen ganz anders gegenüberstand, als das heute eigentlich der Fall ist, und als es von unbewußten menschlichen Kräften in die Zukunft hinein von der Menschheit eigentlich erstrebt wird. Was man auch aus gewissen Vorurteilen dagegen sagen mag, es wird etwas in bezug auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch erstrebt, das in dem bezeichneten Zeitpunkte seinen Anfang genommen hat. In der früheren Zeit stand der Mensch dem Menschen nahe durch Blutsverwandtschaft, durch Stammesverwandtschaft, durch alles dasjenige, was aus seinem Organiismus heraus ihn verwandt machte mit dem anderen Menschen, oder was ihn verwandt machte mit dem anderen Menschen auch aus dem organischen Zusammenhange heraus, der sich zum Beispiel in der Geschlechtsliebe äußert. Sehen wir denn nicht, wenn wir nur sehen wollen, daß an die Stelle des alten Blutszusammenhanges, an die Stelle des alten Sippenzusammenhanges, des alten Familienzusammenhanges, des alten Stammeszusammenhanges, immer mehr und mehr dasjenige tritt, was von Mensch zu Mensch so wirkt, daß es von der Seele, von der wollenden Seele des einen Menschen übergeht auf die wollende Seele des anderen Menschen? Sehen wir nicht, daß die Entwickelung der Neuzeit immer mehr und mehr notwendig macht, daß der Mensch durch etwas ganz anderes als durch seinen bloßen leiblichen Organismus dem anderen Menschen nahetritt? Wir sehen ja, daß das Bewußtsein der Persönlichkeit seit dem angegebenen Zeitpunkte wächst, daß der Mensch immer innerlicher und innerlicher und damit auch immer einsamer und einsamer geworden ist. Der Mensch lebt mit seinem Seelenleben seit diesem Zeitpunkt, ich möchte sagen, in sich immer mehr und mehr isoliert. Das Seelenleben schließt sich gegenüber der Außenwelt ab. Das Blut spricht nicht mehr, wenn wir den Nächsten gegenüberstehen. Wir müssen unser Inneres regsam machen. Wir müssen uns hinüberleben in den anderen. Wir müssen seelisch in dem anderen aufgehen. Man mißversteht sehr, vielfach besonders in denjenigen Kreisen, die sich heute die sozialistischen mit Recht zu nennen glauben, dasjenige, was man das soziale Prinzip, den sozialen Impuls der neueren Zeit nennen kann. Man sieht ihn aufgehen, diesen sozialen Impuls; man weiß aber heute noch in den wenigsten Kreisen, worin er eigentlich besteht.
[ 28 ] Er besteht darin, daß immer mehr und mehr in dem einsam gewordenen Menschen der Impuls erwacht, seelisch-geistig durch seinen Willen sich hinüberzuleben in die anderen Menschen, so daß der Nächste derjenige wird, der es durch unser Bewußtsein, nicht durch unser Blut, nicht durch unseren organischen Zusammenhang wird. Da stehen wir den Menschen gegenüber und haben die Notwendigkeit, uns in sie einzuleben. Was wir heute Wohlwollen, was wir heute Liebe nennen, ist etwas anderes, als was man vor Zeiten so genannt hat. Aber indem wir uns so in die anderen Menschen einleben, ist es, wie wenn alles dasjenige, was in uns selber pulsiert, was in uns als Wille lebt, aufnehmen würde den Willen des anderen. Wir treten ganz hinüber mit unserer Seele in den anderen. Wir gehen gleichsam aus unserem Leibe heraus und gehen in den Leib des anderen hinein. Wenn dieses Gefühl immer mehr und mehr überhand nimmt, wenn dieses Gefühl liebedurchdrungen, ich möchte sagen, als moderne Nächstenliebe über die Menschen sich ausbreitet, dann tritt aus diesem Miterleben des Willens, des ganzen Seelenlebens des anderen Menschen etwas auf, was eine wirkliche Lebenserfahrung ist. Heute könnten viele Menschen schon diese Lebenserfahrung haben, wenn sie sich nicht durch Vorurteile sie trüben lassen würden. Wo sie auftritt, da schlägt man sie zurück mit wahrhaftig nicht guten Gründen. Man braucht sich nur zu erinnern an einen Menschen wie Lessing. Er hat am Ende seines Lebens, als alles dasjenige durch seine Seele gezogen war, was er an menschlich Großem hervorbringen konnte, noch seine «Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben, die gipfelt in der Anerkenntnis der Tatsache der wiederholten Erdenleben des Menschen. Es gibt höhere Philister, wie es höhere Töchter gibt, und die haben ihr Urteil fertig über so etwas. Die sagen: Ja, der Lessing war eben sein ganzes Leben gescheit; aber dann ist er altersschwach geworden und ist zu solchen vertrackten Ideen gekommen, wie die der wiederholten Erdenleben.
[ 29 ] Aber diese wiederholten Erdenleben sind keine erfundene Idee; sie sind dasjenige, was wir erleben, wenn wir nun nicht durch bloße Blutsverwandtschaft oder durch bloßes organisches Zusammengehören dem anderen Menschen gegenüberstehen, sondern wenn wir wirklich uns hinüberleben können in dasjenige, was in seiner Seele lebt. Da geht uns auf dasjenige, was uns entgegendringt, da tritt der Geist des einen Menschen dem Geist des anderen Menschen gegenüber, da entspringt ihm erfahrungsgemäß das, wovon er sagen kann: das, was hier ein Band für deine Seele, für deinen Geist mit dem anderen Menschen knüpft, das ist nicht durch dieses Leben entstanden. Durch dieses Leben ist entstanden dasjenige, was im Blute liegt. Was aber im Geiste als Notwendigkeit auftritt, das ist entstanden durch etwas, was diesem Leben vorangegangen ist. Wer wirklich diese Entwickelung des neueren Menschheitslebens seit der Mitte des 15. Jahrhunderts verfolgt - es ist nur ein Nebel noch darüber gebreitet für die weitesten Kreise der Menschheit -, der wird aus dem Zusammenleben mit den Menschen zu der Idee der wiederholten Erdenleben kommen. Und was da zur Erscheinung kommt, das tritt auf, ich möchte sagen, wie ein Traum. Ich sage «wie ein Traum» aus folgendem Grunde: Indem wir einschlafen, schlafen wir in ein Unbewußtes hinein. Dann tritt aus diesem Unbewußten das oder jenes als Traum heraus. Man kann dieses Einschlafen ins Unbewußte hinein vergleichen mit dem Untertauchen in die Seelen unserer Mitmenschen, so wie ich es eben charakterisiert habe. Dann taucht aus diesem Untertauchen, ich möchte sagen, nicht eigentlich bildlich, sondern sehr eigentlich, aus diesem Hineinschlafen in unsere Mitmenschen auch zunächst etwas auf wie der Traum der wiederholten Erdenleben und macht uns aufmerksam darauf, daß so etwas gesucht werden muß, um das Leben zu begreifen, um den Weg durch die Sinneswelt zu finden. Und dasjenige, was wie ein Traum aus dem sozialen Leben herausleuchtet, das wird zu einer vollständigen Gewißheit, wenn wir nun ebenso, wie ich es vorhin dargestellt habe für das Gedächtnis, den menschlichen Willen ausbilden. Aber so wie das Gedächtnis zu einer vollbewußten Kraft werden muß, so muß der Wille andererseits etwas ablegen, was ihn im gewöhnlichen Leben ganz und gar dirigiert.
[ 30 ] Was dirigiert denn im gewöhnlichen Leben unseren Willen, unsere Begehrungen, unsere Begierden? Würden unsere Begierden nicht entspringen aus unserem organischen Leibesleben heraus, der Wille hätte gewissermaßen nichts zu tun. Wer den Willen erfahrungsgemäß durchschaut, der weiß, daß dieser Wille sich stützt auf die Begierde. Aber wir können auch dasjenige, was als die eigentliche Kraft des Willens wirkt, von unseren Begierden loslösen. Bis zu einem gewissen Grade lösen wir es eben los im sozialen Leben. Aber das macht uns erst aufmerksam auf das, worauf es eigentlich ankommt. Wir lösen es los im sozialen Leben dadurch, daß wir, indem wir unseren Nächsten lieben, indem wir in dem Nächsten untergehen, ihn Ja nicht begehren wie ein Stück Fleisch. Nicht aus unseren Begierden heraus lieben wir den Nächsten, sondern es ist daein Anwenden eines begierdelosen Willens. Aber auch dieser begierdelose Wille kann durch eine besondere Schulung herangezogen werden. Das geschieht dann, wenn wir nicht bloß das wollen, was in der Außenwelt zu erreichen ist, das, wonach das eine oder das andere Begehren geht, sondern wenn wir den Willen auf unseren Menschen und seine Entwickelung selber anwenden. Das können wir. Wir überlassen uns nur zu häufig dem Leben, wie es uns trägt. Aber man kann auch dann, wenn man der Schule entwachsen ist, das heißt, wenn die anderen nicht mehr die Erziehung besorgen, eine fortwährende Selbsterziehung, eine fortwährende Selbstzucht ausüben. Man kann sein eigenes seelisches Wesen in die Hand nehmen, man kann sich vornehmen, dies und jenes zu erreichen. Man kann sich vornehmen, wenn einen das Leben bis zu einem gewissen Zeitpunkte dahin geführt hat, in diesem oder jenem Gebiete des Lebens sich auszukennen, auf ein anderes Gebiet des Lebens seine Urteilskraft zu übertragen, kurz, man kann den Willen umkehren. Während sonst der Wille immer von innen nach außen wirkt, wie die Begierde das Äußere beherrscht, so kann der Wille umgekehrt werden, nach innen gekehrt werden. Indem wir durch unseren Willen Selbstzucht üben, indem wir versuchen, uns immer besser und besser nach der einen oder anderen Richtung zu machen, wenden wir die eigentliche begierdelose Willenskraft an. Und dasjenige, was Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» finden, das zielt neben dem anderen, was ich schon charakterisiert habe, darauf hin, daß der Mensch eine solche Willenskultur auf sich selber anwende, so daß er immer mehr und mehr, ich möchte sagen, mit seinem Willen in sich selber hineindringt. Dann aber, wenn diese zwei Kräfte zusammenwirken, die aus dem Unbewußten herausgeholte Erinnerungskraft, die dann erfaßt den menschlichen Willen, dann weiß sich der Mensch innerlich als Geist, dann weiß er, daß er auf rein geistige Weise innerlich den Geist ergriffen hat, dann weiß er, daß er das nicht durch die Organe des Leibes ausführt. Dann weiß er, wie geistiges Handeln im Geiste ist, dann weiß er, was es heißt: Seele und Geist sind unabhängig vom Leibe.
[ 31 ] Man kann nicht beweisen, daß die Seele und der Geist unabhängig vom Leibe sind, denn sie sind es im gewöhnlichen Leben nicht. Im gewöhnlichen Leben ist Geist und Seele vom Leibe durchaus abhängig. Aber in uns lebt ein anderer Mensch, der ist unabhängig, den können wir aus seinen Tiefen heraufholen. Dann zeigt sich uns erst dasjenige, was im Menschen als das Ewige waltet.
[ 32 ] Sie sehen, es ist durchaus nicht eine verkehrte, vertrackte Mystik in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Es ist in ihr durchaus dasjenige, was sich in vollständig klarer Weise ausdrükken läßt, wozu man aber nur kommt, wenn man es sich wirklich innerlich erklärt und nicht nur sagt: Du sollst dein Inneres ausbilden, du sollst in dich hineinschauen, du sollst den Gott in deiner eigenen Natur finden. - In der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wird auf ganz bestimmte Kräfte, die in einer ganz bestimmten Weise in Zucht genommen werden sollen, hingewiesen. Das ist es, worauf es hier ankommt. Damit ist allerdings diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in einer anderen Art die Fortsetzung des modernen naturwissenschaftlichen und sozialen Strebens. Man kann ja auf dem Gebiete der Naturwissenschaft nicht mehr ganz und gar vom Geiste absehen. Und so ist es gekommen, daß, weil man den Druck nicht beseitigen wollte, den ich eingangs charakterisiert habe, man mit denselben Methoden, mit denen man, ich möchte sagen, sich duckt unter den gekennzeichneten Druck, auch den Nachweis führen will heute, daß es im Menschen so etwas gibt wie einen Geist, wie eine Seele. Und das ist dasjenige, was aufgetreten ist bei denen, die die ganze Sachlage in der Kulturentwickelung der Gegenwart nicht durchschauen.
[ 33 ] Diesem Streben nach dem Geiste, das aber in einer verkehrten Richtung sich bewegt, verdanken wir alle die Hoffnungen, die sich auf gewisse berechtigte Untergründe aufbauen, die Hoffnungen, die gerade manche Naturforscher haben in bezug auf Hypnotismus, in bezug auf die Möglichkeit, daß der eine Mensch dem anderen bei herabgedämpftem Bewußtsein irgendeine Idee einsuggeriert. Wir verdanken diesem Streben die Hoffnungen, die manche setzen auf die Untersuchung des Traumlebens und dergleichen mehr, und wir verdanken diesem Streben, doch zum Geiste zu kommen - weil der Mensch nicht anders kann, als den Geist doch zu suchen -, den ganzen Irrtum des Spiritismus.
[ 34 ] Was wird eigentlich auf diesem Gebiete gesucht? Nun, nehmen Sie so etwas, wie es der Fall ist beim Hypnotisieren oder beim Mediumismus, was geschieht denn da eigentlich? Da wird dasjenige, was das normale menschliche Bewußtsein ist, durch das der Mensch fest drinnensteht im gewöhnlichen Leben, herabgedämpft. Indem der Mensch hypnotisiert wird, wird dasjenige, was seine bewußte Fähigkeit ist im gewöhnlichen Leben, herabgedämpft. Gewissermaßen auf den unbewußten oder halbbewußten oder viertelsbewußt gewordenen Menschen wirken dann andere Kräfte ein, die vielleicht vom Nebenmenschen oder von anderen ausgehen. Da kommt, das ist zweifellos, allerlei Interessantes zutage. Gewiß, es kommt auch durch den Mediumismus allerlei Interessantes zutage; aber dasjenige, was zutage tritt, das ist erreicht auf der Grundlage einer Herabdämpfung, einer Einschläferung des gewöhnlichen Bewußtseins. Das wird niemals angestrebt bei den Forschungsmethoden der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Die Forschungsmethode der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft sagt: Der Mensch ist vorgedrungen in seiner Entwickelung zu dem Bewußtsein, das er im gewöhnlichen Leben durch seine Sinne im wachen Zustande hat; will man etwas über den Menschen ersprießliches Neues erkennen, so soll man ihm nicht dieses Bewußtsein lähmen, es nicht herabdämpfen, sondern im Gegenteil weiterführen, wie ich das angedeutet habe. Man soll die Klarheit erhöhen, die Sinneswahrnehmungen hinführen in die Erinnerungskraft, indem man den Willen, der sonst nur aus der dumpfen Begierde entspringt, anwendet auf die Selbstzucht. Weil man diesen Weg nicht geht, nicht den Mut und die Ausdauer hat zu diesem Weg, dämpft man den Willen herab und glaubt, daß man dadurch zu einer Erkenntnis des Seelischen, des Geistigen im Menschen komme.
[ 35 ] Wozu aber kommt man dadurch, daß man dem Menschen seine sonstige Fähigkeit nimmt? Dadurch, daß man den Menschen einschläfert, kommt man zu einer äußeren Betrachtungsweise des Menschen, die ihn nicht zeigt als Geistig-Seelisches, die ihn zeigt gerade in seinem Untermenschlichen, in demjenigen, was ihn dem Tiere ähnlicher macht, als er im gewöhnlichen Leben ist. Das muß streng betont werden, daß durch alle diese manchmal gut gemeinten Forschungsmethoden der Mensch in das Untermenschliche hinuntergeführt wird. Wenn ich jemanden hypnotisiere und ihm eine Kartoffel gebe, aber durch die suggestive Kraft ihm klarmache, das ist eine Birne, und er in die Kartoffel hineinbeißt mit dem Bewußtsein, in eine Birne hineinzubeißen, dann umdüstere ich sein höheres Bewußtsein so, wirke auf ihn so, wie gewirkt wird auf den Instinkt des Tieres. Nur daß der Mensch auch in seinem Untermenschlichen nicht ganz ein Tier ist, sondern daß sich seine Tiernatur in einer anderen Weise äußert. Das ist das Wesentliche. Und wenn man sucht nach irgendwelcher Gedankenübertragung im eingeschläferten Zustande oder bei herabgesetztem Bewußtsein überhaupt, so hat man es wiederum zu tun mit einer ins Menschliche übersetzten instinktiven Tätigkeit, das heißt mit einem Untermenschlichen. Wer zusammenwirft dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sein will, mit diesen Dingen, der verleumdet anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Denn hier handelt es sich nicht darum, den Menschen herunterzuführen von seinem gewöhnlichen Bewußtseinszustand in ein Untermenschliches, sondern ihn über sich hinauszuführen, so daß das gewöhnliche Bewußtsein fortwirkt und ein höheres Bewußtsein zu diesem gewöhnlichen Bewußtsein hinzukommt.
[ 36 ] Gerade das ist es, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft durch ihre Forschungsmethode zeigt, daß dem Menschen, den wir hier haben in der Sinneswelt, zugrunde liegt ein tierischer, ein untermenschlicher Instinkt; und den kann man, indem man das gewöhnliche Bewußtsein einschläfert, hervorrufen, aufzeigen. Wenn er sich anders äußert als im gewöhnlichen Bewußtsein, so kann gerade die hier gemeinte Geisteswissenschaft diese andere Äußerung verfolgen. Sie charakterisiert diese andere Äußerung, die immer in der Hypnose, im mediumistischen Zustande stattfindet, als ein Untermenschliches, als ein Herabsteigen in die Tierheit. Aber es zeigt sich zu gleicher Zeit, daß dasjenige, was als Tierisches im Menschen lebt, nicht so ist wie beim gewöhnlichen Tier. Die Forschungsmethode, von der ich hier gesprochen habe als von der der hier gemeinten Geisteswissenschaft, die weiß, daß dasjenige, was zum Vorschein kommt durch solche Experimente wie beim Hypnotismus, wie beim Mediumismus, etwas ist, was im Menschen heute noch lebt aus früheren menschlichen Zuständen. Gerade dadurch, daß diese Geisteswissenschaft nicht zu einer subjektiv gefärbten, sondern zu einer objektiven Selbsterkenntnis kommt, kann sie ein Urteil darüber gewinnen, was das eigentlich ist, was durch Hypnose, was durch Mediumismus auftritt. Das ist etwas, was dieser irdischen Welt gar nicht angehört.
[ 37 ] Verfolgt man mit den Mitteln der Geisteswissenschaft dasjenige, was in der irdischen Welt sich ausbreitet im tierischen, im pflanzlichen, im mineralischen Reich, verfolgt man es in seiner Beziehung zum Menschen, dann findet man, daß der Mensch, wie er jetzt ist, der Erde gerade dadurch angepaßt ist, daß er sein heutiges Bewußtsein hat. Die Bewußtseinszustände, die bei eingeschläfertem, nicht gewöhnlichem Bewußtsein, die in der Hypnose, im Mediumismus auftreten, sind nicht Bewußtseinszustände, sind nicht menschliche Kräfte, die davon herrühren könnten, daß der Mensch der Erde angepaßt ist; das rührt her von einer solchen Anpassung, die dem Menschen eigen war, bevor die Erde Erde geworden ist. Und zurückgewiesen wird gerade durch solche Zustände durch die Forschung auf Zustände der Erde selbst, die aber dem heutigen Erdenzustand vorangegangen sind.
[ 38 ] Erforscht man nun weiter, wie der heutige Erdenzustand zusammenhängt mit der Tier- und Pflanzenwelt, so sieht man, daß der Mensch etwas in sich trägt, was ihn nicht als angepaßt erscheinen läßt an das heutige Erdendasein, daß die Tier- und Pflanzenwelt aber an das heutige Erdendasein angepaßt ist. Damit gewinnt man dann den Ausblick darauf, daß der Mensch allerdings in primitiven Zuständen, die, wenn heute hervorgerufen, nichts als sein Bewußtsein herabdämpfend sind, vorhanden war, bevor die heutigen Tiere in ihrer jetzigen Gestalt vorhanden waren. So daß wir zu sagen haben: Nicht aus der tierischen Welt ist der Mensch aufgestiegen, sondern der Mensch war, allerdings mit solchen Seelenzuständen und Geisteszuständen, wie wir sie heraufholen, wie sie tierähnlich auftreten in den charakterisierten Zuständen, vorhanden, bevor die Erde zu diesem jetzigen planetarischen Zustande kam.
[ 39 ] Ich kann Ihnen heute nicht die Einzelheiten, die Sie in meinen Büchern nachlesen können, auseinandersetzen. Ich wollte aber wenigstens andeuten, daß gerade, indem verfolgt wird manches, worauf heute Hoffnungen gesetzt werden für die Erkenntnis des heutigen Wesens des Menschen, damit ein Weg gezeigt wird, um den Ausblick in vorirdische Zeiten und in das Wesen des Menschen in solchen Vorzeiten zu gewinnen. Ebenso aber werden wir dadurch, daß wir Bewußtseinszustände hervorrufen können, welche über dem heutigen, der Erde angepaßten Bewußtseinszustand liegen, darauf hingewiesen, wie wir leben werden in diesen höheren Bewußtseinszuständen dann, wenn die Erde nicht mehr unser Wohnplatz sein wird.
[ 40 ] Diese Dinge eröffnen sich dem inneren Schauen. Man kann nicht sagen: Diese Dinge kann man nicht beweisen, geradesowenig wie Sie beweisen können, daß es Kamele gibt. Sie müssen sie gesehen haben, oder irgend jemand muß sie gesehen haben, dann weiß man, daß es Kamele gibt. So kann man nicht mit der gewöhnlichen Urteilskraft, die nur für die gewöhnliche Welt gilt, das Übersinnliche beweisen. Man muß zeigen, wie man zum Schauen des Übersinnlichen kommt. Aus diesem Schauen des Übersinnlichen ergibt sich dasjenige, was zwar in die Sinneswelt hereinwirkt, was aber in der Sinneswelt selber niemals gesehen werden kann.
[ 41 ] So könnte natürlich nun gesagt werden: Ja, du zeigst uns, wie es einzelnen Menschen gelingt, durch ein übersinnliches Schauen den Geist zum Führer zu machen durch die Sinneswelt und in die übersinnliche Welt hinein. Aber können denn alle Menschen so zum Schauen in die übersinnliche Welt hinein kommen? - Mit dieser Sache verhält es sich so: Wenn Sie dasjenige auf sich wirken lassen, was in den schon angeführten Büchern von mir beschrieben ist als eine innere Zucht, als eine innere Entwickelung, die Sie selbst in die Hand nehmen für Ihre Seele, so gelangen Sie unbedingt dazu, aus Ihrer eigenen Urteilskraft, aus Ihrem eigenen gesunden Menschenverstand, der dann eben entwickelt ist, dasjenige einzusehen, was der Geistesforscher in der geistigen Welt entdecken kann. Aber geradeso, wie es für die physische Forschung einzelne Forscher gibt, die das eine oder das andere aufsuchen, und man dann entgegennehmen muß, was sie aufgefunden haben, so wird es in der Zukunft der Menschheitsentwickelung einzelne Geistesforscher geben, die dies oder jenes in der geistigen Welt erforschen. Für sie hängt, ob sie etwas erforschen können, davon ab, ob ihnen in gewissen Augenblicken des Lebens, auf die sie gewartet haben, ohne ihr Zutun denn man kann nur durch Seelenentwickelung sich zum Wartenden machen -, dasjenige, was als geistige Tatsache auftritt, erkennbar wird. Das muß, so könnte man, einen religiösen Ausdruck gebrauchend, sagen, wie durch eine Gnade kommen. Diese Gnade wird für den Menschen als Geistesforscher ebenso eintreten, wie, sagen wir, für den einen Menschen und für den anderen diese oder jene Erfahrung in der sinnlichen Welt eintritt. So wird es sein, daf) gewisse Tatsachen immer einzelne Menschen aus der geistigen Welt hervorholen werden.
[ 42 ] Um diese Tatsachen hervorzuholen, ist verschiedenes nötig; da ist nicht bloß nötig, daß man dasjenige durchgemacht hat, was in den genannten Büchern steht, daß man restlos verstehen kann, was der Geistesforscher ausspricht, sondern da ist nötig etwas, was als Eigenschaft des Menschen bezeichnet werden kann mit «furchtlos» in einem sehr hohen Grade gegenüber der geistigen Welt. Die Menschen dringen ja so ungern in die geistige Welt ein aus dem Grunde, weil sie eigentlich Furcht haben vor dem Unbekannten, wie der Mensch immer Furcht hat vor dem Unbekannten. Furchtlos muß der Geistesforscher werden. Und auf der anderen Seite muß er sich die Eigenschaft der Leidfähigkeit, der Schmerzfähigkeit aneignen; denn eine wirkliche Entdeckung aus der geistigen Welt heraus, sie kann nicht erreicht werden ohne einen gewissen Schmerz, ohne ein gewisses Leid. Sie werden begreifen, daß das so sein muß, wenn Sie sich einfach vorstellen, daß ja der Zustand des geistigen Schauens nicht angepaßt ist an die gewöhnlichen Erdenverhältnisse, ebensowenig angepaßt ist im Grunde genommen, wie angepaßt ist unsere Seele unserem krank gewordenen Organismus, der schmerzt. Versetzt man sich wirklich mit der entwickelten Seele in die Tatsachen der geistigen Welt, so ist man in einer Welt, für die man zunächst nicht organisiert ist. Man dringt ein in eine Welt, die da schneidet, die da brennt. Das muß durchgemacht werden. Und man dringt zu den Tatsachen nur, wenn man wirklich mit der Gesinnung sich ihnen nähert, die darinnen besteht, daß man alles anwendet, was die Seele entwickeln kann, daß man dann aber wartet, bis in gewissen, ich möchte noch einmal sagen, gnadevollen Augenblicken die geistigen Tatsachen an die Menschen herantreten.
[ 43 ] Das soll man sich durchaus nicht vorstellen als irgend etwas, das an einen so herantritt wie eine Phantasie-Idee, sondern das soll man sich vorstellen als ein Erlebnis von einer durchgreifenden Intensität in bezug auf das innere Dasein des Menschen. Ich will nur diese einfache Tatsache nehmen, die ich schon angeführt habe, die eigentlich nur durch Geistesforschung heute vor der Menschenseele auftreten kann, die Tatsache, daß in der Mitte des 15. Jahrhunderts das ganze Menschengeschlecht der zivilisierten Welt einen Umschwung erlebt hat - eine einfache Tatsache. Daß man sie aussprechen darf wie eine naturwissenschaftliche Tatsache, das darf nur davon herrühren, daß man an seiner Seele gearbeitet hat, emsig gearbeitet hat, daß man nicht durch Willkür den Geist hat erobern wollen, sondern daß man sich durch dieses Arbeiten versetzt hat in einen erwartungsvollen Zustand, bis da gekommen ist dasjenige, was sich als eine solche scheinbar einfache Wahrheit enthüllt.
[ 44 ] Dann ist noch etwas notwendig. Es gibt Menschen, ich erinnere nur zum Beispiel an den Philosophen Schelling oder an andere, die bekamen durch besondere Gnadenaugenblicke den einen oder anderen Eindruck aus der geistigen Welt. Was taten sie? Sie konnten nicht schnell genug, wenn sie einen Eindruck aus der geistigen Welt empfingen, eine Weltanschauung aufbauen. Sie ziehen Konsequenzen aus irgendeiner Impression, die sie aus der geistigen Welt bekommen. Einen Eindruck haben sie bekommen, dann machen sie ein ganzes System daraus, eine ganze Weltanschauung. Das ist es, was sich der wirkliche Geistesforscher ganz und gar abgewöhnen muß. Der wirkliche Geistesforscher muß stehenbleiben bei dieser einzelnen Tatsache, die sich ihm enthüllt, und er muß weiter warten, bis sich ihm eine andere Tatsache enthüllt. Man darf nicht, wenn man zum Beispiel die Tatsache, die ich heute erwähnt habe, kennengelernt hat, daß der Erde vorirdische Zustände vorangegangen sind, in denen der Mensch schon gelebt hat, daraus ein ganzes wissenschaftliches System ableiten über die Evolution der Erde, sondern muß solch eine Tatsache hinnehmen als eine isolierte, einzelne Tatsache und andere ebenso isolierte, einzelne Tatsachen herankommen lassen, so daß sich Tatsache nach Tatsache hinstellt, reichhaltig oder weniger reichhaltig. Aber man muß auf jede einzelne Tatsache warten; darauf kommt es an. Wenn auch geistige Erleuchtungen durchaus dasjenige sind, was zugrunde liegt der Geistesforschung, so treten diese geistigen Erleuchtungen nur ein, wenn das Schicksal den Menschen dazu prädestiniert. Geradeso wie man nicht schließen darf aus der nördlichen Halbkugel der Erde auf dasjenige, was auf der südlichen Halbkugel der Erde ist, sondern gesondert erforschen muß, was auf der südlichen Halbkugel der Erde ist, so darf man nicht von einem Winkel der geistigen Welt aus auf das andere der geistigen Welt schließen, sondern muß in der geistigen Welt lernen herumzuwandern, die Einzelheiten in ihrer Isolierung aufzufassen. Daraus schon ersehen Sie, daß verteilt sein wird über die Menschen dasjenige, was sie erforschen können aus der geistigen Welt; sie können ja manches lernen.
[ 45 ] Nun könnten Sie sagen: Ja, aber liegt denn da nicht die Gefahr vor, daß diejenigen, denen sich solche geistigen Tatsachen enthüllen, nun hochmütig unter den Menschen werden, daß sie sich als besondere Geschöpfe betrachten, die hervorragen über die übrigen Menschen? - Dafür ist schon gesorgt. Dasjenige, was als erstes vorangehen muß der wirklichen Geistesforschung, das ist absolute Bescheidenheit, gerade intellektuelle Bescheidenheit. Ohne daß diese Bescheidenheit entwickelt wird gegenüber der ganzen übrigen Menschheit, kann man nicht weiterkommen auf geistesforscherischem Gebiete. Der Geistesforscher weiß zwar seinen Mitmenschen einzelne Tatsachen aus der geistigen Welt mitzuteilen, aber die Tatsache, daß er die Gnade hat, mitzuteilen etwas, was ihm geoffenbart wird, verdankt er zu gleicher Zeit der Art, wie er seinen Mitmenschen entgegentritt. Der Geistesforscher ist ein solcher, der mit wahrer Ehrfurcht selbst dem kleinsten Kinde gegenübertritt, wenn es ihm etwas vorlallt aus dem in dem Menscheninnern verborgenen Geist und der in ihm verborgenen Seele, auch wenn sie nur aus Kindeskehle schreiend sich geltend macht. Der Geistesforscher ist froh, wenn er dies oder jenes aus der Erfahrung des einzelnen Menschen hört. Die Erlebnisse, die ihm die Menschen mitteilen, sind seine Schule. Der ordnet er sich vollständig unter. Er weiß nur eines, er weiß, daß dasjenige, was die Menschen erleben, und wenn sie auch auf noch so primitiven Bildungsstufen stehen, ein unendlich Wertvolles ist, daß nur dasjenige dabei nicht nachkommt, was gewöhnlich des Menschen Urteilskraft ist. Wenn die Menschen das, was sie erlebt haben, richtig beurteilen würden, würden sie Seelen- und Geistesschätze aus ihrem Innern und aus dem Untergrund ihres Wesens hervorholen. Auf die blickt der Geistesforscher hin. Jeder Mensch ist für ihn ein gleiches Wesen mit heiligen Rätseln in der Seele, nur daß das Oberbewußtsein, das Urteilsvermögen manchmal nicht nachkommt dem, was in den Tiefen der Seele ist. So wird gerade der Geistesforscher ein bescheidener Mensch, weil er in dieser Beziehung die geistige Gleichheit der Menschen immerfort vor seinem Auge hat, und weil er weiß, daß er dasjenige, was er in der geistigen Welt erforscht, nur dadurch hat, daß er ein Mensch unter Menschen ist. Dadurch ist er aber prädestiniert, zu arbeiten im Geiste für die anderen Menschen, die nun ihrerseits durch Meditation, Konzentration ihre Seelen so weit bringen können, daß sie dasjenige entgegennehmen, was der Geistesforscher sagt.
[ 46 ] Sie können erwidern, das sei aber doch nicht sehr gut eingerichtet, daß die Menschen so nebeneinander leben sollen, daß man von einzelnen Menschen erfahren soll, was man zwar begreifen kann, was man aber nicht selbst erforschen kann. Darauf kann ich Ihnen ein Zweifaches erwidern. Das eine ist, daß dies eben eine Tatsache ist, die man hinnehmen muß wie eine andere Tatsache des Lebens, mag es für manchen auch anders wünschenswert sein. Das ist das eine, was ich erwidern kann. Das andere aber ist, daß derjenige, der eine solche Menschenzukunft voraussieht, eine Menschenzukunft, in der es unter den Menschen solche gibt, die hineinschauen in die geistige Welt, und aus dieser geistigen Welt den Menschen intime Angelegenheiten enthüllen, so daß auf diese Weise die anderen Menschen aus ihrem Verständnisse heraus miterleben, was sie auf die angedeutete Weise gewinnen können, der weiß auch, daß sich dann intimste Verhältnisse von Mensch zu Mensch entwickeln. Und er weiß auch, daß gerade dadurch die sozialen Impulse von Seele zu Seele hinübergehen und dadurch das wirkliche soziale Leben im Geiste hervorgerufen wird, wovon man heute glaubt, es nur mit äußeren Mitteln erringen zu sollen. Denken Sie nur, wie die Menschen zusammengebracht werden, wie sie in ihrem Zusammenleben eine soziale Struktur darstellen werden, wenn die Menschen so einander gegenüberstehen werden, daß der eine Mensch annimmt das, was der andere als eine für ihn wichtigste, intime Angelegenheit erforscht. Gerade dadurch werden die Menschen in der Zukunft einander in der wünschenswerten Weise nahekommen, daß so Geist in die Seele des nächsten Menschen hinüberwirkt, wie das angedeutet worden ist. Diejenigen, die den Geist erforschen können, werden für die anderen Menschen wie eine Notwendigkeit empfunden werden. Auf der anderen Seite wird die ganze Menschheit auch von dem Geistesforscher empfunden als das, in dem er wurzelt, ohne das er nicht leben kann, ohne das er selbst mit seiner Geistesforschung nicht den allergeringsten Sinn hätte.
[ 47 ] Hat man heute auch die soziale Frage zu etwas gemacht, was bloß äußerlich materialistisch aufgefaßt wird, so zeigt - gerade innerlich angesehen - dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist, daß, wenn der Geist der Führer wird durch die Sinneswelt und aus der Sinneswelt heraus in die übersinnliche Welt, dadurch auch im sozialen Zusammenleben der Menschen diejenige Struktur herbeigeführt wird, durch die der Mensch in der Zukunft für den Menschen das werden kann, was er eigentlich werden soll.
[ 48 ] Damit versuchte ich Ihnen heute wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus, als ich es in den zahlreichen früheren Vorträgen gemacht habe, zu charakterisieren, wie durch Anthroposophie versucht wird, in den Geist einzudringen, und wie dieses Eindringen auf der Grundlage ruht, die Eigenkräfte der menschlichen Seele zu entwickeln. Das versuche ich - es sind bald zwei Jahrzehnte - in dem zu vertreten, was ich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nenne. Noch immer wird in zahlreichen Kreisen gesagt, daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft darstelle irgend etwas von einem Streben nach Buddhistischem oder dergleichen. Ich habe schon im letzten Vortrage hier angedeutet, wie gerade diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die aus der Wesenheit des Menschen, aus der gegenwärtigen Wesenheit des Menschen selbst heraus arbeitet, perhorresziert jene Schwäche der Menschen, die nicht aus dem, was da ist, nicht aus dem, was wir uns in der neueren Naturwissenschaft angeeignet haben, streben will, sondern die meinetwillen nach dem Orient, nach Indien hinübergehen und da dasjenige nehmen will, was für ein ganz anderes Zeitalter angepaßt war und in unsere Gegenwart nicht mehr hereinpaßt. Wir erleben es immer wieder und wieder. Vor ein paar Tagen konnte es hier wiederum erlebt werden, daß Leute sagen: Anthroposophismus, wie sie sich ausdrücken, stelle auch irgendeine Flucht nach Indien dar. Wenn das insbesondere gesagt wird von Leuten, die sich «christlich» nennen, dann möchte ich diesen Christen einmal ins Gedächtnis rufen etwas, was sie vielleicht kennen werden: «Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten.» Denn es ist nichts anderes als ein falsch Zeugnis ablegen wider seinen Nächsten, wenn man von dem, was hier gemeint ist als anthroposophische Geisteswissenschaft, so spricht, als ob das irgend etwas Obskures, als ob das irgend etwas von einem Suchen sei für die rein passiv gewordene Menschheit und dergleichen. Weil die Menschheit passiv geworden ist, weil die Menschheit nicht mehr zur Tätigkeit kommen kann durch dasjenige, was ihr durch die Jahrhunderte traditionell vermittelt wird, muß gesucht werden ein neuer Geist als Führer durch die Sinneswelt und in die übersinnliche Welt hinein.
[ 49 ] Denjenigen, die immer nur von der Aufwärmung des alten Geistes sprechen und perhorreszieren, wie man die Naturwissenschaft zu Galileis Zeit perhorresziert hat, dasjenige, was als Geisteswissenschaft auftritt, denen sollte vor allen Dingen gesagt werden, namentlich wenn sie vom christlichen Geiste aus sprechen wollen: Derjenige, der es mit dem Christentum ernst nimmt, der braucht keine Furcht davor zu haben, daß durch irgendeine, sei es auch geistige Entdeckung, dem Christus-Impuls in seiner wahren Bedeutung, dem religiösen Verehren der Menschen überhaupt Abbruch getan werde. Im Gegenteil, höherer Glanz wird dem religiösen Leben dadurch verliehen, daß die Menschen wiederum wissen werden, was Geist und was Seele ist, daß sie sich nicht diktieren lassen werden, was Geist und was Seele ist, daß sie suchen werden im Innern der Seele den Weg zum Erleben des Geistes und der Seele. Das aber ist es, was angestrebt wird in derjenigen Bewegung, die draußen in Dornach im Goetheanum ihre äußere Repräsentation hat.
[ 50 ] Durch diese Bewegung wird das angestrebt, was in zahlreichen Seelen, ohne daß sie es wissen, unbewußt als Sehnsucht lebt. Man wird es aus diesen Seelen nicht durch ein bloßes Dekret oder Diktat herausholen können, sondern es wird in den Seelen als ein Streben leben, auch wenn man es dahin bringen würde, die eigentliche Vertretung dieses Strebens niederzutreten. Denn geradeso wie der Mensch absterben würde, wenn er in seinem fünfunddreißigsten Lebensjahr aufhören würde, neue Lebenskräfte in sich aufzunehmen, wie er von diesem Zeitpunkt an nicht weiterleben könnte, wenn er sich nicht neue materielle Lebenskräfte zuführen würde, so kann die Menschheit nicht weiterleben, wenn sie nur das Alte, Traditionelle verarbeiten will, wenn nicht in gehörigem Zeitmomente ein neuer Geist auftritt, der sich in die Menschheitsentwickelung hineinwebt.
[ 51 ] Denn das möchte diese Geisteswissenschaft hinstellen, klar und deutlich hinstellen, nicht Obskurantismus, nicht vertrackte Mystik. Das möchte sie klar und deutlich hinstellen, daß der Geist das Lebendige ist, der rechte Führer ist durch die Sinneswelt und in die übersinnliche Welt. In der Sinneswelt werden wir richtungslos ohne den Geist. Entwickeln wir aber den Geist als einen Führer durch die Sinneswelt, dann erweist er sich nicht als ein abstrakter Ideengeist allein, dann erweist er sich als der lebendige Geist in uns. Und dann müßten wir ihm geradezu die Schwingen beschneiden, durch die er in sein eigentliches Heimatland, in das Heimatland des Geistes hineinstreben will, wenn wir nicht, nachdem wir ihn zum Führer durch die Sinneswelt gewählt haben, aufsteigen wollten durch ihn, durch seine Führerschaft in die übersinnliche Welt. Denn der Geist ist lebendig. Und wenn der Glaube sich verbreiten kann, daß der Geist gegenüber der Materie nichts selbständig Lebendiges ist, was ist Schuld daran? Schuld daran ist nur dieses, daß der Mensch den Geist in sich durch seinen Willen ertötet, und so der tote Geist den lebendigen Geist nicht erfassen kann. Wird aber der Geist im Menschen belebt, dann ergreift lebendiger Geist im Menschen den lebendigen Geist in der Welt.
