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The Rudolf Steiner Archive

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Anthroposophische Grundlagen
für ein erneuertes christlich-religiöses Wirken
GA 342

14 Juni 1921, Stuttgart

Dritter Vortrag

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Wir wollen heute zuerst unsere gestrige Betrachtung etwas fortsetzen und dann sehen, wie wir heute zur weiteren Behandlung der gestern berührten Angelegenheiten kommen. Ich wollte Ihnen gestern namentlich über die innerliche Seite der Gemeinschaftsbildung auf religiösem Gebiet sprechen. Ich möchte jetzt übergehen zu dem zweiten Gebiet, das Sie ja selbst als für Sie besonders wichtig bezeichnet haben, zum Kultus.

[ 2 ] Es ist durchaus wohl so, daß ohne die Inaugurierung eines gewissen Kultus mit seiner sogenannten Symbolik die religiöse Vertiefung der Menschheit nicht zustande gebracht werden kann, und ich möchte Ihnen dies mit einigen Worten begründen, weil man doch eben nur dann wirken kann innerhalb eines Gebietes, wenn man einsieht, um welche Bedingungen und um welche Kräfte es sich handelt.

[ 3 ] Sehen Sie, in der neueren Zeit hat im Grunde genommen die ganze Menschheitsbildung des zivilisierten Teiles der Menschheit eine intellektualistische Form angenommen, eine Form, die die bloßen Begriffe in ihrer Abstraktheit zum Bewußtseinsinhalt macht. Und es ist ein so, ich möchte sagen, gründliches Gefühl entstanden davon, daß man nur in dieser Abstraktheit wirkliche Erkenntnisse erringen kann, daß dieses Gefühl übergegangen ist dazu, in einer gewissen Weise eigentlich nur den abstrakten Bewußtseinsinhalt zu schätzen. Nun kann man begreifen, daß dieser abstrakte Bewußtseinsinhalt gerade in einer Zeit geschätzt werden mußte, wo die Geltendmachung des Individuellen aus dem ganzen Menschen heraus immer mehr als eine Menschheitsforderung auftrat. Der abstrakte Bewußtseinsinhalt stellt uns ja vor etwas ganz Universelles. Man hat das Gefühl, durch das abstrakte Weltbegreifen könne man in das einzelne menschliche Individuum alles Verständnis für die Welt hereinbringen.

[ 4 ] Wohin sollen unsere Begriffe reichen? Sie sollen zunächst dazu ausreichen, dasjenige, was sich uns in der Sinneswelt darstellt als Wahrnehmung, in der verschiedensten Weise zu kommentieren und da Gesetze, die sogenannten Naturgesetze oder die historischen Gesetze, zu finden. Dann aber schickt sich dieser intellektuelle Inhalt auch an, über dasjenige, was nicht wahrgenommen wird, Hypothesen zu bilden, teilweise solche Hypothesen, die sich auf das erstrekken, was zeitlich und räumlich nicht wahrnehmbar ist, teilweise sich auf solches erstrecken, was aus prinzipiellen Gründen nicht wahrnehmbar ist. Zeitlich und räumlich nicht wahrnehmbar ist zum Beispiel Erdenanfang und Erdenende. Wir haben aus dem Intellektualismus der neueren Zeit Hypothesen bekommen über die Erdenentstehung und über das aus den physikalischen und geologischen Zusammenhängen hervorgehende Erdenende. Wir haben in bezug auf Räumliches Hypothesen, sagen wir, über die innere Wesenheit der Sonne oder anderer Weltenkörper, etwa der Weltennebel, wie man sie nennt, und so weiter. Man bedenkt gewöhnlich nicht, wenn man sagt, die Sonne sei so oder so beschaffen, daß das nicht mehr ist als eine Hypothese, und man glaubt sogar, man hat in dieser Hypothese ein physikalisches Ergebnis. Die Physiker würden sehr staunen, wenn sie wahrnehmen könnten, schauen könnten, was an derjenigen Stelle des Weltenraumes wirklich ist, wohin sie eine Art von sehr dünnem Gas als Sonnenball ins Weltenall hinausversetzen. Es ist eben an der Stelle in Wirklichkeit durchaus nicht etwas mit unseren Gasen, nicht einmal mit unserem Äther Vergleichbares, es ist an der Stelle nicht nur leerer Raum, sondern etwas, was wir im Vergleich zur Intensität unseres leeren Raumes als negativ bezeichnen, es ist eine Aussparung des Raumes an der Stelle, wo wir von der Sonne sprechen. Es ist nicht nur von der Materie entleerter Raum da, ja es ist nicht einmal jene Intensität der Leere da, welche man als Raum gewöhnlich bezeichnet in abstracto: Es ist weniger an der Stelle vorhanden als Raum, und man kommt auf diese Weise aus dem Physikalischen heraus ins Geistige. Man kann nur in geistiger Beziehung in Wirklichkeit von der Sonne sprechen.

[ 5 ] Das will ich heute nur anführen, um Sie darauf aufmerksam zu machen, in welcher Weise der Intellektualismus, der auf naturwissenschaftlichem Gebiet ja durchaus berechtigt ist, in der neueren Zeit alle Gebiete ergriffen hat. Er dehnt sich dann auch aus über das prinzipiell Nichtwahrnehmbare, über die Molekül- und Atomwelt, die prinzipiell nicht wahrnehmbar sein darf aus dem einfachen Grunde, weil die Wärme, das Licht, die Töne schon aus Bewegungsvorgängen dieses molekularistisch und atomistisch Konstituierten hervorgehen sollen, so daß in die Atomwelt nichts Wahrnehmbares hineinversetzt wird. Man hypothetisiert irgend etwas hinein, was vorhanden sein soll.

[ 6 ] Also es hat sich der Intellektualismus über das Zeitliche und das Räumliche der äußeren Raum- und Zeitwelt und über das prinzipiell Unwahrnehmbare ergossen; er hat sich aber auch ergossen über alles dasjenige, was historisch ist und über alles, was religionshistorisch ist. Wenn Sie die ganze Evangelien-Literatur und EvangelienWissenschaft verfolgen, überhaupt die biblische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, so wird Ihnen dabei aufgehen, wie diese ganze biblische Wissenschaft allmählich übergleitet von einer ganz anderen Art des Seeleninhalts in ein intellektualistisches Ergreifen der Bibel, der Evangelien. Man kann sagen: Am Ende des 19. Jahrhunderts war die Sache so weit, daß eigentlich vom Evangelium durch den Intellektualismus selbst für die Theologen nichts mehr übriggeblieben ist. Charakteristisch muß durchaus sein, daß dieser Intellektualismus jene Formen angenommen hat, die er zum Beispiel bei dem Theologen Schmiedel zeigt, wo wir sehen, daß über die Persönlichkeit des Christus nicht mehr geschlossen wird aus dem, was in den Evangelien steht, sondern es werden aufgesucht eine Anzahl von Stellen im Evangelium, wo etwas Abträgliches über den Christus Jesus gesagt wird, wo zum Beispiel gesagt wird, er kümmerte sich um seine Mutter und seine Geschwister nicht. Und aus dieser geringen Anzahl von Verunglimpfungen, die über die Persönlichkeit des Christus Jesus in den Evangelien zusammengestellt werden, wird geschlossen, daß sie sich auf etwas Wahres beziehen müssen, denn man würde nicht, wenn man etwas erfinden wollte, eine solche Verunglimpfung beifügen, sondern man würde Lobeshymnen erfunden haben.

[ 7 ] Nun, Sie sehen, in welche Schlupfwinkel hinein sich dasjenige begeben hat, was aus Intellektualismus heraus sich geltend gemacht hat, um an die Evangelien überhaupt noch heranzukommen. Ich führe dies an aus dem Grunde, weil es ja von theologischer Seite hervorgegangen ist, denn dasjenige, was von nicht-theologischer Seite an Verstiegenem geleistet worden ist, das ist ja, nicht wahr, bis ins Ungeheuerliche gekommen. Sie brauchen nur daran zu denken, daß es heute eine ausgebreitete psychiatrische Forschung über die Evangelien gibt, daß wir heute Literaturwerke haben, die deutlich zum Ausdruck bringen, daß man nicht begreifen kann, was in den Evangelien eigentlich steckt und die Mitteilungen [in den Evangelien] als abnorme Dinge bezeichnen, wie man eben Dinge vom psychiatrischen Standpunkt aus betrachtet. Es ist sogar so, daß man für den Ursprung des Christentums eine Krankheit des Christus Jesus annimmt, die infizierend gewirkt hat auf alle Christen. Man leitet also den Ursprung des Christentums her aus der geistigen Krankheit des Christus Jesus, der er verfallen sei.

[ 8 ] Man wird kaum sagen können, daß irgendeine Bezeichnung zu stark ist, wenn man darauf hinweisen will, daß das gesamte sogenannte Geistesleben der Gegenwart, das in Intellektualismen sich bewegt, eigentlich zum Abgraben gerade des christlich-religiösen Elementes führen muß, und zwar mit der größten Geschwindigkeit. Daß man auf diese Tatsache nicht genügend hinschaut, ist einer der großen Schäden unserer Zeit. Würde man darauf hinschauen, so würde man dazu kommen, sich zu sagen: vor allen Dingen ist von seiten derjenigen, die es mit dem religiösen Leben ernst nehmen, darauf zu sehen, daß dieses religiöse Leben wiederum dem Intellektualismus entrissen wird.

[ 9 ] Ich will ja nicht etwa kritisch mich ergehen darüber, daß in den letzten vier Jahrhunderten durch den Protestantismus selbst sehr viel getan worden ist, um auch auf religiösem Gebiet zu diesem Intellektualismus zu kommen. Man findet immer mehr und mehr, vielleicht sogar unbewußt, ein heidnisches Element in dem Kultus und der Symbolik. Nun, dasjenige, was aber davon abgehalten hat, mehr an den Kultus und an die Symbolik sich zu halten, das liegt nicht in der Empfindung, daß man darin etwas Heidnisches hat, sondern das liegt darin, daß man keinen Sinn mehr hat für jene Ausdrucksformen, die im Kultus und in der Symbolik durchaus liegen. Bedenken Sie nur, dem Menschen wird durch das intellektuelle Begreifen der Welt vorgetäuscht, er könne sich mit seinem Seeleninhalt über die ganze Welt klar werden, er bringe in intellektuelle Begriffe alles herein. Daher fühlt sich der intellektuelle Mensch im Besitz der ganzen Welt, wenn er seine intellektuellen Begriffe hat. Gerade dadurch, daß der Mensch sich vortäuscht, daß er den gesamten Weltinhalt erfaßt hat, gerade durch dieses universelle Element fühlt sich der Mensch intellektuell befriedigt und glaubt, keines anderen Elementes mehr zu bedürfen zum Weltbegreifen, zum Weltempfinden. Man kann verstehen, daß gerade in unserer Zeit der Intellektualismus überhand nehmen konnte, weil der Mensch eben glaubt, die Welt in intellektuelle Begriffe hereinzubekommen. Aber weil der Mensch auf diese Weise selbst befriedigt wird, dadurch, daß er in sein Ego scheinbar die ganze Welt hereinbekommt, verliert er den sozialen Zusammenhang mit der übrigen Welt, und dasjenige, was als Soziales leben soll, wird atomisiert, atomisiert bis in die einzelnen Individuen hinein. Wir haben schon durchaus in der Jugendbewegung in der neueren Zeit dieses, daß einfach durch das Überhandnehmen des Intellektualistischen die Menschen in einzelne Atome auseinanderfallen, so daß jeder nur sein eigenes Religionsbekenntnis haben will. Man geht auf darin, daß man sagt, Religion ist überhaupt eine Sache, die nicht über die menschliche Haut hinausgehen kann. Das ist es, was die Gründe anzeigt dafür, daß gerade das universalistische intellektuelle Leben das religiöse Leben zersplittert, atomisiert, daß man also durch die besondere Form der modernen Wissenschaft zur Untergrabung des religiösen Lebens kommen muß. Und es ist eigentlich die stärkste Kraft zum Untergang des religiösen Lebens vorhanden in denjenigen Universitäts- und sonstigen Bildungstheologen, welche das wissenschaftliche Denken unserer Zeit angenommen haben, um das Religiöse, die Religionstatsachen als solche zu begreifen.

[ 10 ] Es wird nicht einmal so viel getan zur Untergrabung des religiösen Lebens durch das Laienhafte der heutigen Zeit, wie durch die moderne Theologie; und es ist eigentlich schade, daß solche Bestrebungen nicht einen kräftigeren Fortgang gefunden haben wie die von Overbeck, die eingeschlagen waren in dem außerordentlich bedeutsamen Buch «Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie», in dem der Beweis angetreten ist, daß der moderne Theologe unchristlich ist. Overbeck, der Basler Kirchenhistoriker, der mit Nietzsche befreundet war und der auf ihn einen sehr tiefen Eindruck gemacht hat, wollte den Beweis erbringen, daß die moderne Theologie das Unchristlichste ist, ganz und gar das Christentum von sich abgeworfen hat und am meisten zur Untergrabung des Christentums beiträgt, weil sie rein intellektualistisch geworden ist durch die universelle Suggestion, die der Intellektualismus auf die moderne Bildungswelt ausgeübt hat. Ohne daß Sie einsehen, daß die moderne Theologie, wie sie an den modernen Fakultäten getrieben wird, zur Untergrabung des Christentums führt, werden Sie nicht den richtigen Impuls in Ihre Bestrebungen hineinbekommen.

[ 11 ] Nun, dasjenige, um das es sich unbedingt handelt, ist, daß wir wieder lernen fortzuschreiten zu der anderen Form des Welterlebens als es die bloß intellektuelle ist, und die andere Form besteht eben in dem Bildhaften, in demjenigen, was übergehen kann in den Kultus und was übergehen kann in die Symbolik.

[ 12 ] Sehen Sie, als wir hier die Waldorfschule errichtet haben — ich möchte Ihnen gewissermaßen aus dem unmittelbar gegenwärtigen Leben heraus die Dinge zeigen —, als wir hier die Waldorfschule errichtet haben, da handelte es sich darum zunächst, daß das mehr aus dem Zeitbewußtsein heraus geschehen mußte und der Welt klarzumachen, daß wir nicht das Bestreben haben, mit dieser Waldorfschule eine Weltanschauungsschule zu begründen. Es ist die schlimmste Verleumdung der Waldorfschule, wenn in der Außenwelt immer wieder gesagt wird — und die Dinge pflanzen sich schon bis nach Amerika hinüber fort —, sie sei dazu da, um den Kindern Anthroposophie beizubringen. Dazu ist sie nicht da! Sie ist keine Weltanschauungsschule. In die Pädagogik und Didaktik kann dasjenige einfließen, was man durch Anthroposophie gewinnen kann. Es soll nur in der pädagogischen Behandlung selber dasjenige liegen, was die Anthroposophie ergründen kann. Daher haben wir von Anfang an — weil das noch nicht anders sein kann, solange Sie noch nicht gewirkt haben — den katholischen Kindern den Religionsunterricht von einem katholischen Pfarrer und den evangelischen Kindern den Religionsunterricht von einem evangelischen Pfarrer geben lassen. Nun ist ja die Waldorfschule zunächst entstanden für die Kinder der Waldorf-Astoria-Arbeiter; die waren der Grundstock. Es kamen sehr viele Sozialdemokraten- und Dissidentenkinder heran. Man stand vor der Frage: Sollen diese Kinder nun ganz religionslos aufwachsen? Nicht war, es war eine gewisse Art Sorge. Aber es haben sich auch Stimmen innerhalb der Eltern erhoben, daß sie ihre Kinder nicht religionslos aufwachsen lassen wollten. So waren wir genötigt, so wie wir den katholischen Kindern katholischen Unterricht erteilen ließen, den evangelischen Kindern evangelischen Unterricht erteilen ließen, auch eine Art anthroposophischen Religionsunterricht zu geben, — und der hat ja wohl die meisten Kinder, ich glaube wenigstens, nicht wahr, es ist doch so?

[ 13 ] Ernst Uehli: Weitaus die meisten.

[ 14 ] Rudolf Steiner: Also, weitaus die meisten Kinder. Dagegen sind katholisch unterrichtete Kinder auch relativ viele, und die evangelisch unterrichteten Kinder sind in der Minderzahl. Nun, wir konnten nichts dafür, wir haben durchaus nicht dem evangelischen Religionslehrer den Rang ablaufen wollen und haben es sogar zunächst noch für unsere Schule bedauerlich gefunden, als einmal der evangelische Religionslehrer sagte, er könne doch nicht recht weiterkommen, weil die Kinder nach und nach in den anthroposophischen Religionsunterricht hinüberlaufen. Es war doch an ihm gelegen, sie zu halten. Wir konnten ja nichts dafür, daß sie hinüberliefen. Wir haben Anthroposophie nicht als irgendeinen Gegenstand im Lehrplan der Schule, sondern geradeso wie der katholische und der evangelische wird der anthroposophische Religionsunterricht von außen herangetragen. Wir haben versucht, eine Methodik dafür zu bekommen und so weiter. Das alles ist natürlich im Anfang, denn Dinge, die mit der Realität arbeiten, die können nicht von heute auf morgen entstehen; das ist etwas, was aus dem Praktischen, nur aus reichlicher Erfahrung kommen kann, aber es muß damit der Anfang gemacht werden. Es hat sich — und das ist für unsere gestrige Betrachtung wichtig — aus einer unbefangenen Wahrnehmung das Bedürfnis ergeben, zu der religiösen Unterweisung einen Kultus hinzuzufügen, unsere Sonntagshandlung nämlich, die zwei Ihrer Kollegen sich angesehen haben am letzten Sonntag. Natürlich ist das auch etwas, was durchaus im Anfange steht. Es sind bis jetzt vorhanden ein Ritual für eine solche Sonntagshandlung — an jedem Sonntag — und ein Ritual für die Kinder, welche das vierzehnte Jahr, die Vollendung der Volksschule erreicht haben und die in diesem Ritual zunächst das erleben, von dem man sich denkt, daß es erlebt werden soll durch die Konfirmation oder die Firmung. Sie müssen das aber alles so betrachten, daß es am Anfange steht, aber die Notwendigkeit, überzugehen zu einer Art von Kultus, zu einer Art von Wirken durch das Ritual, die hat sich ganz aus der Sache heraus ergeben. Und Sie werden, wenn Sie Ihre Sache mit wirklicher innerer Teilnahme verfolgen, auch nicht anders können, als sich zu sagen: Der Kultus, das Ritual, die Symbolik müssen dazukommen.

[ 15 ] Denn sehen Sie, es ist schon einmal so, daß alles religiöse Leben verschwinden muß, wenn es keine Realität darstellen kann, wenn das religiöse Leben nur etwas sein soll, von dem so gesprochen werden kann, daß alles in Gedanken intellektualistisch ausgedrückt werden kann. Dann kann dieses religiöse Leben so überhaupt nicht gepflegt werden. Es muß durch das religiöse Erleben etwas geschehen können, es müssen Vorgänge existieren, die gewissermaßen als solche, als Vorgänge, nicht nur [für den Menschen] eine ewige Bedeutung haben, sondern im Weltgeschehen etwas sind.

[ 16 ] Und da müssen wir uns eben sagen: Alles dasjenige, was wir intellektualistisch in unsere Seele hereinversetzen, alles dasjenige, was die moderne Wissenschaft als wissenschaftliche Errungenschaft anerkennt — nicht dasjenige, was wir in unserer Seele als lebendige Begriffe formen, das eignen wir uns allmählich an während unserer Kindeslebenszeit, das verwandelt sich dann im Laufe unserer Lebenszeit —, aber der intellektualistische Inhalt, auch wenn er sich über die noch so verzweigten Naturgesetze erstreckt, er ist mit uns sterblich.

[ 17 ] Nehmen Sie diesen Satz nicht leicht. Dasjenige, was intellektualistischer Seeleninhalt ist, ist im besten Falle nur Bild des Geistigen, es ist sterblich wie der menschliche Leib. Denn gerade das Intellektualistische wird restlos durch den Leib vermittelt. Alles Seelenieben, das intellektualistisch vermittelt wird, entsteht nach der Geburt und geht mit dem Tode zugrunde. Dasjenige, was in der Seele ewig ist, ist erst hinter dem Intellektualistischen. Also, kein abstrakter Begriff geht durch die Todespforte mit uns, sondern nur dasjenige, was wir über abstrakte Begriffe hinaus im Leben erlebt haben. Daher ist es auch so, daß aus der jetzigen Bevölkerung heraus viele Seelen nach dem Tode ein langes Schlafleben führen müssen, weil sie nur eingespannt waren in Intellektualität und weil die Intellektualität abdämmert nach dem Tode und der Mensch sich dann erst in langer Zeit einen überintellektualistischen Inhalt erobern muß, den er wiederum verarbeiten kann für das nächste Erdenleben. Es ist tatsächlich so, daß vieles von der jetzigen Lebenszeit durch das intellektuelle Leben für die Menschen in ihrer Gesamtentwickelung verlorengeht.

[ 18 ] Das wird heute als eine Narretei angesehen bei unseren Zeitgenossen, jedenfalls auch von unseren Theologen; es ist aber ein gesichertes geisteswissenschaftliches Resultat. Dadurch, daß unsere gesamte Bildung heute nur auf Intellektualismus gebaut ist, dadurch, daß wir so stolz sind auf diesen Intellektualismus, entziehen wir dem Menschen in demselben Maße unsterblichen Inhalt, wie wir ihm diesen sterblichen Intellektualismus einimpfen von den verschiedensten Standpunkten aus. Das müssen Sie durchaus in Ihre Seelen aufnehmen.

[ 19 ] Meine lieben Freunde, es ist durchaus richtig, statistisch zu zählen, wieviel von einer Bevölkerung Nichtanalphabeten sind, wieviele lesen und schreiben können in verhältnismäßig früher Kinderzeit. Aber wenn die Erziehung nur gebaut wird auf Intellektualismus, wie es an den heutigen Schulen geschieht, so bedeutet dies das Ertöten des Seelisch-Geistigen und nicht die Erweckung des Seelisch-Geistigen. Für die Erde muß es so sein. Aber auf der anderen Seite muß auch für das Gegengewicht gesorgt werden. Daher haben wir in unserer Pädagogik und Didaktik in der Waldorfschule nicht das Intellektualistische in der Anleitung des Lese- und Schreibunterrichtes. Das Kind lernt auch hier aus dem Bildlichen, aus dem Künstlerischen heraus, um eben nicht alles Unsterbliche zu ertöten. Es lernt, indem es aus dem Bildlichen heraus den Buchstaben bekommt, aus dem konkret Bildhaften das Abstrakte, das heute unser Buchstabe ist, um wenigstens dem Kinde das nicht zu nehmen, was noch ein wirkliches Seelenleben ist. Diese Pädagogik und Didaktik der Waldorfschule geht immer aus dem anthroposophischen Erfassen des ganzen menschlichen Lebens hervor. Und an dem starken Haß, den man dem entgegenbringt, zeigt sich schon, wie sehr man fühlt, daß hier wiederum an etwas gegangen wird, das in den letzten drei bis vier Jahrhunderten — allerdings zum [Unheil] des Lebens der modernen Menschheit — in der Außenwelt ausgelöscht worden ist. Wir brauchen uns auch kaum zu wundern, daß das religiöse Leben abgedämpft worden ist, denn wir haben eine Wissenschaft, die einfach von dem Unsterblichen gar nicht mehr reden kann. Und die weitere Kultur, die heraufgekommen ist, die zeigt das noch viel mehr, daß die Wissenschaft nur ein Flitter geworden ist; ein Flitterschaum vom Denken hat sich in der allgemeinen Menschheitskultur gezeigt.

[ 20 ] Wir haben in den neueren Sprachen wohl ein Wort für «unsterblich»; das hat der Mensch aber nur aus seinem Egoismus heraus, aus seinem Sich-ewig-haben-Wollen. Wir haben ein Wort für «unsterblich», aber wir haben kein Wort für «ungeboren-sein»; ein gangbares Wort für «ungeboren-sein» haben wir nicht. Das müßten wir aber haben, ebenso wie das Wort «unsterblich». Wir sehen nur an das eine Ende des Lebens, wenn wir vom Ewigen in der Seele sprechen. Und mit diesem parallel geht eben die Atomisierung, die Zersplitterung, das Hineinverweben des Intellektuellen in das einzelne Leben, wo es heute sogar aufgesucht wird im Unterbewußten, wie in der JamesSchule in Amerika und so weiter. Dem muß gegenübertreten, wenn man es ernst mit der Pflege des Religiösen meint, das Wirken durch das Bild, durch die Handlung, durch das Ritual im besten Sinne des Wortes. Bedenken Sie nur — ich will es an einem Beispiel zeigen —, was eben doch dieses Ritual als solches bedeutet.

[ 21 ] Ich will ganz gewiß nicht, wie es Bilderstürmer gegeben hat, die die Bilder ausrotten wollten, und wie es Kultusstürmer gegeben hat, [die den Kultus ausrotten wollten,] so will ich nicht etwa das Gegenteil vor Ihnen heute entfalten. Ich möchte aber doch an einem Beispiel zeigen, was der Kultus bedeutet.

[ 22 ] Nehmen Sie das Meßopfer. Das Meßopfer kann ja im Grunde genommen nicht als römisch-katholisch betrachtet werden. Das darf es gar nicht, denn das Meßopfer führt zurück auf uralte, vorchristliche Zeiten. Man kann sagen allerdings, daß das Meßopfer gehüllt war in die Geheimnisse der alten Kulthandlungen in den Mysterien, daß es sehr umgewandelt worden ist im Laufe der Zeit; aber so, wie wir das Meßopfer heute im römischen Katholizismus vor uns haben, so ist es eben doch nur etwas, was zum Teil umgewandelt ist aus den ägyptischen und vorderasiatischen Mysterien.

[ 23 ] Und was war es denn da? Was war denn da jene Kulthandlung, die schließlich in das Meßopfer übergegangen ist, dessen Bedeutung im Grunde genommen nur die eingeweihtesten Katholiken noch kennen, während es von der breiten Masse der Katholiken angeschaut wird im Bilde? Was war denn dasjenige, das dem Meßopfer zugrunde liegt?

[ 24 ] Das war ein äußeres Bild für das, was man Initiation oder Einweihung nennt. Es ist durchaus so. Wenn man das Meßopfer verfolgt und absieht von demjenigen, was — zum Teil voll berechtigt, zum Teil auch durch Mißverständnis — sich an die Grundbestandteile angeschlossen hat, wenn man nur auf diese Grundbestandteile hinschaut, dann ist das Meßopfer ein äußerer bildhafter Ausdruck für die Initiation oder Einweihung.

[ 25 ] Die vier Teile sind: Das Evangelien-Vorlesen, das Offertorium, die Wandlung — die Transsubstantiation — und die Kommunion. In diesen vier Grundteilen liegt das Wesen des Meßopfers.

[ 26 ] Evangelien-Vorlesen, was bedeutet das? Es bedeutet das Hereinklingen, die Offenbarung des Wortes in die Gemeinde. Dem liegt deutlich das Bewußtsein zugrunde, daß einen wirklichen Inhalt das Wort nur hat, wenn es nicht vom Menschen erkundet wird durch intellektuelle Arbeit, sondern wenn der Mensch das inspirierte Wort, das aus der geistigen Welt hereinklingt, erfährt. Ohne das Bewußtsein, daß die übersinnliche Welt im Worte sich verkörpert, ohne dieses Bewußtsein wäre das Evangelien-Vorlesen nicht ein wirkliches Vorlesen. Wir haben also das göttlich verklärte Verkünden des Lehrgutes im ersten Teile des Meßopfers vor uns. Dasjenige, was die übersinnliche Welt den in der sinnlichen Welt befindlichen Menschen gibt, das haben wir zunächst in der Evangelien-Vorlesung.

[ 27 ] Dasjenige dagegen, was der Mensch von sich aus an die übersinnliche Welt geben kann, das, was von ihm versucht wird in der Darbringung des Opfers, gewissermaßen als Gegengabe, das reale Gebet, das tritt bildlich vor uns im Offertorium. Das Offertorium, die Opferung, bringt symbolisch dasjenige zum Ausdruck, was der Mensch in seiner Seele empfinden kann als Weihegefühl zum Übersinnlichen. Das wird durch die symbolische Handlung des Offertoriums gewissermaßen als Antwort zur Evangelien-Vorlesung gesagt. Das ist der zweite Teil.

[ 28 ] Der dritte Teil, die Transsubstantiation, die Wandlung, besteht darin, daß symbolisch dargestellt wird jenes Bewußtsein, das sich im Menschen entwickelt, wenn in ihm gefühlt wird die göttliche Substanz, wenn er in seiner eigenen Seele erfühlt die göttliche Substanz. Für den Christen ist diese Wandlung nichts anderes als der Ausdruck des paulinischen Wortes: Nicht ich, sondern der Christus in mir. — Er opfert sich nicht nur, er wird sich bewußt, daß das Übersinnliche in ihm selber lebt. Das ist dasjenige, was im Bilde der Transsubstantiation einem entgegentritt. Und es bleibt immer eine schöne, eine bedeutsame Begleiterscheinung der Transsubstantiation, daß, während das Sanktissimum erhoben wird, über den Kelch hinaufgehoben wird, die Gläubigen eigentlich ihre Augen zu schließen haben, also in sich zu kehren haben das Bewußtsein, so daß sie miterleben die Transsubstantiation nicht durch äußerliches Anschauen, sondern im innersten Bewußtsein. Es ist ja auch bedeutsam, daß das Sanktissimum eigentlich besteht aus dem Brot und dem Brothalter, der mondförmige Gestalt hat, so daß in der Tat im Sakraments-Symbolum, das ja das Sanktissimum umhüllt (siehe Zeichnung S.100), Sonne und Mond im Bilde vorhanden sind, was ja deutlich darauf hinweist, daß in den Zeiten, in denen das Meßopfer ausgestaltet worden ist in seiner Urform, ein Bewußtsein vorhanden war von dem Zusammenhange des Christus mit der Sonne und des Jahve mit dem Monde. Dasjenige, was die Welt empfangen hat in dem Christentum und was sich auferbaut hat auf der Mondreligion des Jahve, das drückt sich in diesem Aufsitzen der Hostie auf der Mondform durchaus aus, und es ist wirklich ein Symbolum für das Zusammenfließen des Sterblichen im Menschen mit dem Unsterblichen.

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[ 29 ] Und der vierte Teil des Meßopfers ist dann die Kommunion, die ja nichts anderes als dieses ausdrücken soll: Nachdem der Mensch mit diesem Übersinnlichen zusammengewachsen ist, läßt er seine ganze irdische Wesenheit sich hineinergießen in die Vereinigung mit dem Übersinnlichen. Dieser vierte Teil stellt bildhaft dar, was der zu Initiierende, der Einzuweihende, auch in den älteren und neueren Mysterien zu erleben hatte.

[ 30 ] Das erste Hauptstück besteht darin, daß man lernt, dasjenige, was man empfängt als Welterkenntnis und Weltempfindung in abstracto, umzuwandeln, so daß man mit innerer Ehrlichkeit sagen kann: Im Urbeginne war das Wort, und aus dem Wort ist alles Entstandene geworden. — Ich bitte Sie, meine lieben Freunde, doch einmal zu betrachten, wie sehr die moderne Christenheit abgekommen ist von dem Verständnis gerade des Johannes-Evangeliums. Bedenken Sie, daß heute allgemein eigentlich nur das Bewußtsein vorhanden ist, man hat in dem Vatergott den Schöpfer der Welt. Der Vatergott, den man noch dazu mit dem Jahvegott — der der jüdische Volksgott ist — verwechselt, wird als der Schöpfergott angesehen, während doch im Evangelium steht: Im Urbeginne war das Wort, und alles ist durch dasselbe geworden, und außer durch dieses Wort ist nichts von dem Entstandenen geworden. — Dasjenige, was wir als Entstandenes in uns haben, ist das Schöpferische, das Wort in ganz rechtgläubigem Sinn, und von dem Vatergott müßte man eigentlich die Vorstellung haben, er subsistiert allem, und in dem Gottessohn hat er der Welt dasjenige gegeben, was das Schöpferische der Welt bedeutet.

[ 31 ] Ich will das nur deshalb sagen, weil das Verständnis des Einzuweihenden aufzurücken hat dazu, daß dasjenige Wort, das verkündet wird, durchaus aus dem Übersinnlichen ertönt, während unser heutiges gangbares Wort aus dem Intellektuellen, aus dem Vergänglichen heraus tönt. Das ist der erste Akt der Initiation, daß man den Inhalt der Seele sich zum Wort gestaltet als eine übersinnliche Offenbarung, als ein wirkliches Ereignis, ein Ereignis, das hervorgeht aus dem Angelion-All, aus der Summe der geistigen Welt. Was sich heraushebt aus der geistigen Welt, in uns die Form des Wortes annimmt, das ist der erste Akt des Meßopfers. In dem bewußten Durchsprechen selber sollte man sich dessen bewußt werden, daß das eine Verkündigung des Übersinnlichen ist, und daß das nicht eine Verkündigung von der Sinneswelt darstellt.

[ 32 ] Das zweite ist, daß der Mensch in ein reales Verhältnis zu dem Übersinnlichen tritt durch das Opfer. Finden wir die Möglichkeit, das Opfer anzudeuten, also gewissermaßen die Gegengabe gegenüber dem Göttlichen anzudeuten, dann haben wir eigentlich erst das in der Vielseitigkeit vor uns, was doch da sein muß. Sehen Sie, der Katholizismus der neueren Zeit hat ja dieses sich verdunkeln lassen. Der Katholizismus der neueren Zeit möchte eigentlich alles von der Gottheit haben und nichts der Gottheit wiedergeben.

[ 33 ] Nun, wir wollten in unserem Ritual [der Sonntagshandlung in der Waldorfschule] nicht gar zu sehr gegen das Vorurteil der heutigen Zeit verstoßen. Aber wir waren doch genötigt, einfach in der Frage desjenigen, der die Opferhandlung vollbringt, an das Kind, ob es streben will nach dem Gottesgeist, und in der Antwort: «Ja, ich will ihn suchen, ich werde suchen nach dem Gottesgeist», wenigstens im Worte eine Andeutung zu geben von dem realen Verhältnis. Es soll etwas vorgehen, es soll etwas geschehen dadurch, daß jedes Kind gefragt wird, ob es den Gottesgeist suchen will. Wir mußten wenigstens die Andeutung des Abendmahles [in unserer Sonntagshandlung haben], und das andere muß sich eben später ergeben.

[ 34 ] Nun, sehen Sie, in dem dritten Akte wird dann bewußt, daß das Übersinnliche nicht bloß präsent ist, sondern daß die menschliche Seele sich mit ihm verbinden kann. Und in dem vierten Akt des Meßopfers, in der Kommunion, wird dann der vierte Akt der Initiation dargestellt, der darin besteht, daß der Mensch sich ganz durchdringt mit dem Übersinnlichen, so daß er sich selber nur mehr fühlt als ein äußeres Zeichen, ein äußeres Weltsymbolum, daß er das Wort wahr macht: Der Mensch ist das Ebenbild der Gottheit.

[ 35 ] Es ist ja so sehr das Bewußtsein abhanden gekommen von diesen Zusammenhängen, daß man heute eben nur mit gewissen Schwierigkeiten auf sie hinweisen kann. Man kann also sagen, man hat in dem Meßopfer — das natürlich nicht einfach vom Katholizismus übernommen werden kann, sondern im Sinn unserer heutigen Zeit ausgestaltet werden muß — dasjenige vor sich, was so und so oft dem Menschen im Bilde vorstellt den zutiefst bedeutsamen geistigen Weg des Menschen. Und so sollte es auch schon sein, daß wir begleiten mit solchen ritualhaften Handlungen wichtige Lebenspunkte, wie zum Beispiel den Hinausgang aus der Schule in das Leben, daß wir aber auch bei den Erwachsenen durch den Kultus, das heißt durch das Bild wirken, denn das Bild wirkt eben nicht nur auf das Intellektuelle, das Bild wirkt auf den ganzen Menschen. Soll ich irgend etwas Intellektuelles begreifen, dann begreife ich es ganz in mir allein. Stehe ich einem Bilde gegenüber, so geht das in viel tiefere Schichten meines Menschenwesens hinein als das Intellektuelle. Und wenn dasjenige, was durch das Ritual geschieht, in die Mitglieder einer Gemeinde hineingeht, so erleben sie ein Übersinnliches gemeinsam, und dasjenige, was atomisiert wird durch das Lehrgut, wird ja synthetisiert in der Kultushandlung. Was im Lehrgut, wenn man es abstrakt ausspricht, nachgebildet ist aus intellektualistischen Ideenformen, was da zur Zersplitterung, zur Analyse im einzelnen Menschen führt, das wird wieder vereinigt, wird synthetisiert, wenn man versucht im Bilde zu sprechen.

[ 36 ] Sehen Sie, in der neueren Zeit hat eigentlich nur eine Gemeinschaft gelernt im Bilde zu sprechen, doch das ist eine Gemeinschaft, die dieses Symbolische, das imaginativ beseelte Sprechen mißbraucht, nämlich das Jesuitentum. Und sehen Sie, ich muß immer wieder und wiederum hinweisen darauf, wie in den Jesuitenbildungsanstalten, aber eben zum Unheil der Menschheit, ganz methodisch gelehrt wird, das auch immer im Bilde zusammenzufassen, wenn man irgend etwas [den Menschen] beigebracht hat.

[ 37 ] Ich will Ihnen ein recht anschauliches Beispiel geben, weil ich selbst einmal die ungeheure Bedeutung, theoretisch möchte ich sagen, erlebt habe, da ich mir ansehen wollte, wie die Sache wirkt. Es handelte sich um einen berühmten jesuitischen Kanzelredner — es ist jetzt schon zehn Jahre her —, er predigte über die Einsetzung der österlichen Beichte. Er wollte ad absurdum führen dasjenige, was die Gegner des Katholizismus sagen: die österliche Beichte, die Forderung nach der österlichen Beichte wäre eine päpstliche und nicht eine übersinnliche Institution. Das also wollte er vor seinen Gläubigen ad absurdum führen. Ich habe mir das auch angesehen. Wenn Klinckowström, so hieß der Jesuitenprediger, in der abstrakten Form, in der man sonst predigt, das seiner damaligen Zuhörerschar hätte beibringen wollen in dieser Weise, wie man gewöhnlich auf evangelischem Gebiet zu predigen gewöhnt ist, hätte er gar nichts erreicht; er hätte nicht das geringste erreicht. Er hat es auf folgende Weise gemacht, indem er zusammenfassend sagte: «Ja, meine lieben Christen, seht ihr, wenn man sagt, der Papst hat die österliche Beichte eingesetzt, so ist das wirklich so, wie wenn man folgendes sagen würde: Denkt euch eine Kanone, und an der Kanone steht der Kanonier; der Kanonier hält die Zündschnur in der Hand, und dann steht der Offizier etwas weiter davon. Was geschieht? Der Kanonier hält die Zündschnur, der Offizier gibt das Kommando; und in dem Augenblick, wo der Offizier das Kommando gibt, wo das Kommandowort ertönt, da zieht der Kanonier an der Zündschnur, die Kanone geht los, und durch das Pulver, das in der Kanone ist, wird alles hervorgebracht, was durch den Kanonenschuß geschieht.» — Wie eine einzige Seele war diese ganze Gemeinde, als dieses Bild anschaulich vor sie hingestellt wurde. — «Nun», fuhr er fort, «denkt euch, es käme jemand und würde etwa sagen, der Kanonier habe alles gemacht, durch ihn sei eigentlich alles geschehen. Aber er hat doch nur auf den Befehl des Offiziers an der Zündschnur gezogen, und der Offizier hätte ohne das Pulver auch nicht den Schuß befehlen können. Diejenigen, die sagen, der Papst habe die österliche Beichte eingesetzt, die gehen noch viel weiter, denn das wäre dasselbe, als wenn jemand behaupten würde, der Kanonier, wenn er nur auf den Befehl des Offiziers an der Zündschnur zieht, habe das Pulver erfunden! Ebenso grundfalsch ist es, wenn die Leute sagen, der Papst hätte die österliche Beichte eingesetzt. Er war nur dabei, er hat als Vertreter der übersinnlichen Welt an der Zündschnur gezogen.»

[ 38 ] Alles war selbstverständlich durchdrungen von der Wahrheit desjenigen, was der Pater Klinckowström da verkündet hat. Es ist nicht so, daß das durch eine besonders glückliche Veranlagung dieses Paters so war. Sie können sich überzeugen, daß es durchaus zum methodischen Unterricht der Jesuiten gehört, alles auszugestalten in solche Bilder. Es gibt heute sogar schon ein Literaturwerk — warum es erschienen ist? Ich habe es nicht geprüft; die katholische Kirche wird auch da irgendeine Absicht haben, denn sie hat ja immer Absichten —, worin bis in die Einzelheiten hinein beschrieben wird, wie man den Zeigefinger zu bewegen hat, wenn man dieses oder jenes Wort spricht, wie man die Hand zu bewegen hat, wenn man dieses oder jenes sagt. Darüber gibt es sogar Zeichnungen, es ist da eine bis ins kleinste Detail hineingehende methodische Arbeit vorhanden, eine Arbeit, die hineinarbeitet in das Bild. Und man muß eben sagen: Warum wird nicht der Versuch gemacht, dasjenige, was zum Unheil der Menschen ausgebildet wird auf der einen Seite, auch zum Heile der Menschen auszubilden? Denn es kann auch zum Heil ausgebildet werden, es kann und muß auch zum Heil ausgebildet werden, es muß aus den ernsten seelischen Absichten heraus die Kraft kommen, das Abstrakte umzuformen in das Bildhafte, und dieses Bildhafte muß erlebt werden mit der Gemeinde. Dadurch wird eine Gemeinde seelisch herangehoben, dadurch wird erst der Gemeindesinn wirklich begründet, und der Kultus ist dasjenige, was Ihnen die Gemeinde zusammenhalten wird; ohne den Kultus können Sie die Gemeinde nur atomisieren. Wenn man dies aus theoretischen Gründen bekämpft, dann geht man von Vorurteilen aus.

[ 39 ] Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß ein Freund unserer Sache, ein altkatholischer Pfarrer — als solcher liest er ja die Messe in deutscher Sprache, in der Landessprache überhaupt, bringt auch andere Ritualien in der Landessprache vor —, die Ritualien nicht in der sonderbaren Übersetzung bringen wollte, in der man sie heute vielfach liest. Er hat mich dazu veranlaßt, einiges aus den gangbaren katholischen Ritualien in die Form zu bringen, die eigentlich ursprünglich darin lag. Dadurch sieht man erst, wie die geistige Welt in diesen Dingen vielfach auflebt, und man sieht, was entstellt worden ist seit der Hieronymuszeit.

[ 40 ] Sie brauchen nun nicht zu glauben, daß ich, wie vielfach gesagt worden ist, irgendwie katholisch angekränkelt wäre, wenn ich so über den Kultus der katholischen Kirche rede. Ich will die Dinge nur aus dem Objektiven heraus sehen und Sie aufmerksam darauf machen, daß es ganz unmöglich ist, ohne den Übergang zu finden zum Kultus, zum Sprechen im Symbolum, wirklich das religiöse Leben zu pflegen. Sie mögen noch so gut zu überzeugen verstehen, zu wirken durch intellektuelle Darstellung — auf religiösem Gebiet erreichen Sie nur etwas, wenn Sie an geeigneten Orten das in Ihrer Rede theoretisch Dargestellte in das Symbolum ausklingen lassen können. Das Symbolum müssen Sie selber als eine Wahrheit erleben, daher sollen Sie auch nur denken an solche symbolische Darstellungen, die wirklich zusammenhängen mit demjenigen, was real ist in der Welt.

[ 41 ] Aber dem stehen noch mancherlei Schwierigkeiten gegenüber, und ich will Sie durchaus darauf aufmerksam machen. Nehmen Sie zum Beispiel folgenden Fall an: Es soll sich heute jemand vorstellen das Physischwerden des Menschen auf der Erde. Ja, wenn Sie sich heute an die Naturwissenschaft wenden mit all den Dingen, die sie Ihnen gibt über weibliche Eizelle, männliche Befruchtungszelle, die sie Ihnen gibt über das Herauswachsen, das Hereinwachsen der befruchteten Eizelle und so weiter, so bekommen Sie trotz der naturwissenschaftlichen Errungenschaften, trotzdem man bewundern muß, was aus rein naturwissenschaftlicher Denkweise über solche Sachen errungen worden ist, nicht etwa Vorstellungen, die Sie auf den Weg bringen, die Wesenheit zu erfassen, sondern Sie bekommen solche Vorstellungen, die Ihnen direkt die Wahrheit stückweise zudecken. Sehen Sie, der hauptsächlichste Bestandteil des Menschlichen, des Tierischen, des Organischen überhaupt, ist das Eiweiß. Vergleichen Sie die Konstitution des Eiweißes mit der Konstitution irgendeiner mineralischen Substanz in der Welt. Sie ist so verschieden, daß heute natürlich der Forscher sagt — und das sagt er mit Recht —, die Konstitution des Eiweißes ist eine außerordentlich komplizierte, man kommt dem nicht bei, und man kann keine Brücke finden zwischen irgendeiner kristallisierten, unorganisch konstituierten Materie und dem, was im Eiweiß als Konstitution vorhanden ist. Aber, sehen Sie, das weiß die heutige Wissenschaft nicht, daß, wenn wir irgendeine — ich will es symbolisch zeichnen — unorganische Form haben, die wir gewissermaßen dergestalt einfach verfolgen können (a), und wir vergleichen sie mit der Eiweißkonstitution (b), so haben wir zunächst scheinbar etwas ungeheuer Kompliziertes; in allen Stoffen unserer Nahrungsmittel, überall im Organischen fügt sich diese scheinbar komplizierte Konstitution ein. Man sagt dann: Das Unorganische wird im Organischen komplizierter konstituiert und dann erst baut sich aus diesem kompliziert Konstituierten zum Beispiel auch der menschliche Leib auf; das geschieht durch Zellteilung, durch eine bestimmte Konfiguration des Gewebes und so weiter. Aber das Ganze ist ja, nicht wahr, weiter nichts als ein Unsinn. Denn das, was wirklich geschieht, ist die völlige Vernichtung aller unorganischen Formen. Die Kompliziertheit des Eiweißes besteht darin, daß alles Unorganische ins Chaos kommt. Das Eiweiß ist immer auf dem Weg ins Chaotische, um die dem Unorganischen entsprechende Form aufzulösen und die Materie ins Chaos überzuführen; und am stärksten ins Chaos übergeführt ist diejenige Materie, die in der befruchteten Eizelle vorliegt. Das ist einfach ins Chaotische getriebene Materie. Mit diesem Chaos kann überhaupt die gesamte irdische Naturgesetzlichkeit nichts mehr anfangen, die ist ausgeschaltet. Eiweiß geworden sein auf irgendeiner Stufe bedeutet: ausgeschaltet sein von der irdischen Naturgesetzlichkeit. Und was ist die Folge? Daß die außerirdische Naturgesetzlichkeit, die Konstellation der Planeten, die ganze außerirdische Welt anfängt, auf dieses Chaos zu wirken, um diesem Chaos nun eine Konstitution erst wiederum zu geben. Dadurch, daß in der Überführung in Eiweiß die Materie ins Chaos kommt, wird die Materie wiederum bereit zu empfangen; nicht nur vom Irdischen zu empfangen, sondern aus dem ganzen Weltall, vom Kosmischen herein ihre Konstitution zu empfangen. Und darin besteht die Nachbildung des menschlichen Hauptes, das ja das Himmelsgewölbe nachbildet.

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[ 42 ] Eine richtige Naturwissenschaft wird man natürlich erst bekommen, wenn man aus diesen irdischen Dingen hinausgeht. Die ganze Naturwissenschaft hat sich daran gewöhnt, alles rein aus dem Unorganischen herzuleiten. Man hat ja in der Naturwissenschaft heute etwas vor sich, was alles ins Absterben führt, weil die Naturwissenschaft nur das für den Intellekt als berechtigt gelten läßt, was man in abstracto durchforschen kann. In dem Augenblick, wo Sie zu denken haben den Übergang, wo dasjenige, was nur in intellektueller Form erforscht werden kann, ins Chaos übergeht, da müssen Sie aufhören zu denken, da müssen Sie anfangen zu schauen und müssen übergehen zu einer andersartigen Erkenntnis. Und da liegt die Schwierigkeit. Denn sehen Sie, der Intellektualismus macht uns nicht nur zu Leuten, die das Bildliche ablehnen, er verhindert uns sogar, aus dem Intellekt herauszukommen und selber Bilder zu formen. Man kriegt es nicht mehr fertig, wenn man einmal ganz intellektualistisch abstrakt geworden ist; man kriegt es einfach nicht fertig!

[ 43 ] Es ist so, daß diese intellektualistische Kultur der neueren Zeit über die Menschen so große Macht hat, daß sie alle einem erscheinen wie irgend jemand, der als kleines Mädchen oder auch als kleiner Knabe in der Waldorfschule sticken lernen will und es nur dahin bringt, die verschiedenartigen Fäden von oben nach unten und von unten nach oben laufen zu lassen; er kann sticken, aber er bringt nicht wirkliche Bilder zustande. Das kann er nicht. Die ganze Seelentätigkeit unserer modernen Kultur, in welche man sich eingespannt hat, drückt so, daß keiner den Geist hat, beweglich genug zu sein, um einzusehen, daß im Eiweiß einfach alles ausgelöscht ist von diesen naturwissenschaftlichen Ergebnissen und dadurch die Materie geöffnet wird der Empfängnis von seiten des Kosmos. Das ist dasjenige, was dann auf die Notwendigkeit hinweist, gerade durch Anthroposophie auch die Religionserneuerung zu suchen. Deshalb betonte ich gestern: Selbstverständlich ist es so, daß wir heranziehen müssen auch diejenigen aus dem heutigen Predigerstand, die mit ehrlichem Herzen als sogenannte Protestanten herankommen, und die daher ablehnen dasjenige, was ich gerade heute besprochen habe. Aber der wirksame Kern, auf den sich alles aufbauen soll, das müssen eigentlich doch Anthroposophen sein. Denn Anthroposophie will eben dasjenige, was man überall vergebens sucht: sie will in ein wirkliches Erfassen der Realitäten hineinführen. Ohne daß wir das durchgemacht haben, dieses Herauskommen aus dem naturwissenschaftlichen Ergreifen der Welt, das heute schon die Theologen ergriffen hat, kommen wir nicht zu der Fähigkeit, symbolische Bilder zu finden, so daß man sich auch wirklich in solchen Bildern aussprechen kann vor der gläubigen Gemeinde. Und kommt man an dieses anthroposophische Erfassen der Welt heran — Sie können es überall in meinen Zyklen verfolgen —, an bestimmten Stellen muß man es einfach auslaufen lassen ins Bild. Und wenn Sie meine «Geheimwissenschaft» lesen, in der ich ja die Vorstufen der Erde als Sonne und Mond bezeichnet habe, so habe ich damit nur in Bildern gesprochen. Wenn ich sage, es sieht etwas so aus, wie wenn einem eine Geschmacksempfindung entgegenkommt, dann kann es ein ganzes Dutzend von Naturwissenschaftern wie Dessoir, Oesterreich und so weiter nicht verstehen, nichts damit anfangen.

[ 44 ] In der praktischen Ausübung des Predigeramtes, da ist Anthroposophie das, was das Inspirierende bedeuten soll, damit man überhaupt erst in die Handhabung des Symbolischen, des Rituellen und des Kultusmäßigen hineinkommt und dadurch tatsächlich die Möglichkeit der Gemeindebildung hat. Sonst wird man nur die Möglichkeit haben, zu einzelnen Menschen zu reden. Gemeindebildung wird durch das Abstrakte im Leben eben niemals erreicht werden können.

[ 45 ] Soweit möchte ich die Sache jetzt darstellen und werde sie morgen dann weiter darstellen und übergehen zum eigentlichen Predigtinhalt. Wir werden morgen um 11 Uhr wieder da sein, und ich schlage vor, daß wir unsere heutige Diskussion auch über die anderen Gebiete heute um 7 Uhr [abends] fortsetzen.

[ 46 ] Jetzt möchte ich nur noch sagen: Ich habe also gestern den Herren vom «Kommenden Tag» den Vorschlag gemacht, daß durch den «Kommenden Tag» eine Art von Brücke geschaffen werden sollte zu dem, was in dem Kreise von Ihnen hier sich vollziehen will. Nicht wahr, ich habe als das Wichtigste hingestellt, daß diese Sache gewissermaßen finanziert wird. Wie wir uns auch diese unsere Sache denken, finanziert werden muß sie ja. Es muß gleich zu freier Gemeindebildung führen, wenn dies auch vorzugsweise aus der gegenwärtigen Kirche gewonnen werden muß. Ich muß schon sagen: Ich glaube, wenn wirklich sachgemäß gearbeitet wird, daß es möglich sein könnte, in drei Monaten schon so weit zu sein, daß sich dann auch die Finanzierarbeit selber trägt. Also, ich meine, daß dann mindestens so viel da sein wird, daß die Finanzierarbeit sich tragen kann, und daß eine Stelle voll besetzt werden kann mit jemandem, der diese Arbeit beginnt. «Der Kommende Tag» wird sich bereit erklären, für diese drei Monate zu sorgen; und ich glaube ja, Sie sind übereingekommen, Herrn Dr. Heisler zu ersuchen, diese Finanzierarbeit zu übernehmen. Zunächst wird ja vielleicht die Sache auf realem Boden stehen, wenn sie Herr Heisler übernimmt. Ich bin durchaus der Meinung, daß wenn man mit einer solchen Sache soweit ist, daß man angefangen hat, soweit eben wie wir jetzt sind, so kann man es sich nicht gestatten, lange zuzuwarten, denn die Verhältnisse drängen, und man bemerkt oftmals nicht, wie stark heute die niederziehenden Kräfte sind, und wie leicht es der Fall sein kann, daß man ganz einfach den Anschluß versäumt, wenn man zu lange zuwartet.

[ 47 ] Wir würden heute mit der Dreigliederung viel weiter sein, wenn man damals im Frühling 1919 die Sache richtig erfaßt hätte. Es wurde dazumal auf Grundlage meines Kultur-Aufrufes ein Kulturrat begründet. Man hatte sich mit Recht vorgestellt, daß auch Leute in Amt und Würden die Sache zu der ihrigen machen würden. Man hat sogar Rücksicht genommen auf die Leute in Amt und Würden, man hat die Sache so abgefaßt, daß sie nicht gar zu starke Gänsehaut bekommen haben, weil man real wirken wollte, aber die Leute waren natürlich nicht bei der Stange zu halten. Es ist schon so, daß sie nicht bei der Stange zu halten waren und daß alles nichts nützte. Sie werden darum doch in die Notwendigkeit versetzt werden, sich an die Jugend halten zu müssen, an die jüngeren Leute, die empfunden haben, daß die Alten eben alt geworden sind und nicht mehr können. Man muß versuchen, keine Zeit zu verlieren. Deshalb möchte ich Ihnen auch dieses sagen, daß wir versuchen sollten, die Brücke hinüber zu schlagen, denn ich glaube, es ist ein berechtigtes Gefühl, daß für dieses gerade die Finanzierung, wenn sie richtig betrieben wird, nicht allzuschwer werden kann. Man wird Leute finden, die gerade für dieses Verständnis haben, und ich glaube, die Beredsamkeit des Herrn Dr. Heisler wird schon offene Türen finden, wenn er sich gerade jetzt in den nächsten Monaten darauf beschränkt, die individuellen Menschen zu bereden, daß sie die Börse aufmachen oder die Scheine schreiben. Natürlich, mit Vorträgen kann man die Leute nicht gewinnen. Da rücken die Leute nichts heraus. Man muß zu den einzelnen gehen. Er wird seine Aufgabe darin sehen müssen, die gesamte Zeit dazu zu verwenden, um zu den einzelnen zu gehen. Das einzig Unangenehme ist, daß man mit Worten — doch bloß mit Worten, andere Fälle sind noch nicht passiert — hinauskomplimentiert wird. Das geht schon nicht anders, das muß man schon hinnehmen, und die Mehrzahl der Fälle ist es doch nicht, daß man mit Worten hinauskomplimentiert wird. Ich habe zum Beispiel bei der Sammlung der Schweizer «Futurum AG.» von allen Herren gehört, die mit der Sammlung beauftragt waren, daß ein einziges Mal ein Hinauswerfen mit Worten stattgefunden hat, sonst beschränkten sich die Leute darauf, außerordentlich freundlich und liebenswürdig zu sein und die Sache außerordentlich interessant zu finden, aber eben die Börse nicht aufzumachen. Manche schreiben dann hinterher einen Brief; den braucht man natürlich nicht zu beantworten. Man muß natürlich wissen, daß man nur in einem geringen Prozentsatz etwas erreicht, aber man muß es eben versuchen. Es ist schon nicht anders, als daß man nur auf Selektionen hinarbeiten muß, daß man viel versuchen muß, um in wenigen Fällen Erfolg zu haben.

[ 48 ] Wäre vielleicht noch etwas anderes zu besprechen, oder dieses weiter zu verfolgen? — Vielleicht haben noch einige darüber etwas zu sagen. Wir wollen dann heute abend die Diskussion auf alle drei Hauptstücke ausdehnen, die Sie gestern genannt haben.

[ 49 ] Gottfried Husemann: Ich glaube, wir möchten darüber sprechen, wie weit wir uns jetzt vorzubereiten haben auf einen Predigerberuf, auf das Sprechen in bildhafter Weise. Von der Universität können wir diese Vorbereitung nicht erwarten.

[ 50 ] Rudolf Steiner: Sind Sie da eben der Meinung, daß nach dieser Richtung etwas getan werden kann? Positives, nicht wahr? In diesen Stunden kann ich nur die Richtlinien angeben; es kann natürlich nicht auf Einzelnes eingegangen werden. Auf Details einzugehen, das erfordert doch mindestens einen vierzehntägigen Kurs. Also man könnte natürlich nach dieser Richtung durchaus daran denken, daß, wenn unser Kreis in den nächsten paar Monaten noch größer geworden ist, wir dann einen solchen Kurs veranstalten wollen, der dann in vierzehn Tagen in der Form das gibt, was man an den Lehranstalten zwar unter dem Titel «Symbolik» hat, was aber eigentlich nichts ist. Nur in der katholischen Kirchenfakultät bedeutet Symbolik noch etwas. Sie sehen vielleicht ihr inneres Gefüge noch nicht ganz richtig.

[ 51 ] Sehen Sie, dieses innere Gefüge können Sie an den Tatsachen am besten sehen. Ich habe es erlebt, daß eine große Anzahl von katholischen Priestern, die eine Stelle als Gymnasiallehrer innehatten — was in Österreich in der damaligen Zeit noch ganz häufig war —, oder die als Universitätslehrer nicht bloß an der theologischen Fakultät, sondern auch an der philosophischen und anderen Fakultäten gelesen hatten, daß solche katholischen Priester — es waren zum großen Teil Ordensgeistliche, die man später Modernisten genannt hat — gerüffelt worden sind von Rom. Nun sprach ich einmal mit einem Mann, der in der Exegese ungeheuer bedeutsam war, wie er dazu käme, von Rom aus gerüffelt zu werden wegen des Inhaltes seiner Rede, die eigentlich im Grunde genommen einen Rüffel gar nicht herausforderte, während — wenn man von dem Gesichtspunkt ausgeht, von dem aus der Rüffel erteilt wurde — man sagen mußte, daß der Professor Bickell, der den Jesuiten angehörte, ungeheuer viel weiterging als gerade ein extremer Liberalist, in Rom aber persona grata war. Ich sagte ihm das, und er antwortete mir: Ich bin Zisterzienser, und von den Zisterziensern erwartet man [in Rom], daß sie in dem Augenblick, wo sie nicht mehr das sagen, was der von Rom festgelegte Inhalt ist, dann ihrer Überzeugung folgen und allmählich vom Katholizismus abkommen könnten. — Das setzt man bei Zisterziensern voraus. Bei den Jesuiten wie bei dem Professor Bickell weiß man, daß sie, wenn sie noch so liberal sprechen, treue Söhne Roms sind; sie lassen nicht [von Rom] ab; deren ist man ganz gewiß, denen gestattet man Liberalismus, sie dürfen ihre Unterlage auf ganz andere Dinge setzen als auf das Lehrgut.

[ 52 ] Diesen Mangel [an Beweglichkeit] hat die katholische Kirche nicht, daher ist sie viel lebensfähiger in ihrer Auffassung. Ich kam zum Beispiel einmal — es ist jetzt ungefähr 40 Jahre her — mit einem katholischen Theologen ins Gespräch, der Professor war an der Wiener theologischen Fakultät und der so gelehrt war, daß man von ihm sagte, er kenne die ganze Welt und noch drei Dörfer dazu. Er war ein grundgelehrter Zisterzienser. Selbst ein Zisterzienser war fähig, in der folgenden Weise über das Lehrgut zu sprechen. Wir kamen im Laufe des Gesprächs darauf, über [das Dogma] der conceptio immaculata zu sprechen und ich sagte zu ihm: Ja, sehen Sie, man kann, wenn man innerhalb der katholischen Logik stehenbleibt, die unbefleckte Empfängnis, die conceptio immaculata Mariae zugeben. — Das ist nicht das Dogma der conceptio immaculata des Jesus, das ja immer da war in der Kirche. Aber die unbefleckte Empfängnis, wie sie von seiten der Katholiken von der heiligen Anna behauptet wird, also das Hinaufsteigen von der conceptio immaculata der Maria zur unbefleckten Empfängnis der heiligen Anna — ? Wenn man da dieselbe Logik benützt, muß man weitergehen über alle folgenden Generationen hinauf. — Ja, sagte er, das gibt es nicht, das können wir nicht, die Logik fordert das nicht. Wir müssen stehenbleiben bei der heiligen Anna; wenn wir da weitergingen, da kämen wir bis zum «Davidl», und beim Davidl ginge es uns schlecht mit der conceptio immaculata. —

[ 53 ] Aus solchen Worten spricht gar nicht reiner Wahrheitssinn. Wenn der Mann außerhalb der Kirche spricht, da spricht eine ganz andere Formulierung des Wahrheitsimpulses, und das ist [in der katholischen Kirche] überall vorhanden. Es werden die Begriffe so geformt, daß sie sich einleben können in die breite Masse — nicht nach irgendeiner Logik werden sie geformt —, das macht den Katholizismus so groß. Das kann auf keinen Fall irgendwie gutgeheißen werden, aber man muß es kennen. Man muß wissen, mit wem man es zu tun hat.

[ 54 ] Es ist zum Beispiel so, daß das reale Drinnenstehen in der Welt — so daß man mit dem Denken, insofern es nicht nur intellektualistisch ist, sondern insofern es reines Denken ist, in der Welt drinnensteht — manchmal bei katholischen Priestern in einer gewissen Weise vorhanden ist. Ich habe gerade durch mein Lebensschicksal viele katholische Priester kennengelernt. Unter diesen war auch der Kirchenhistoriker an der Wiener Universität. Der Mann war ein außerordentlich interessanter Mensch, aber ganz urkatholisch, bis zum äußersten Grad so katholisch, daß er selbst zugab, er gehe nicht mehr auf die Straße, wenn es abends finster geworden ist und die Laternen noch nicht voll brennen. Als ich ihn fragte, warum er nicht mehr auf die Straße gehe, sagte er: Da sieht man die Menschen nur in unbestimmten Umrissen, und in Wien begegnen einem auch Freimaurer, und einen Freimaurer, den darf man nur in scharfen Umrissen sehen, weil man an ihm nur vorbeigehen kann, wenn man sich scharf von ihm unterscheiden kann. — Sie sehen, man kann absolut gelehrt sein und in der ganzen Theologie drinnenstecken und kann dennoch die Meinung haben, daß es in der realen Welt etwas bedeutet, wenn man an einem Freimaurer vorbeigeht, ohne ihn abzuweisen durch die scharfe Kontur. Die Auren gehen ineinander über, und es geht nicht, daß man da solch ein Mischmasch von katholischem Priester und Freimaurer bewirken läßt.

[ 55 ] Ernst Uehli: Die katholische Kirche hat doch sehr stark mit Legenden gearbeitet; und ich denke, es ist so, daß die katholische Bewegung sehr durch die Legende gestützt worden ist. Es läßt sich wohl denken, daß es in einer künftigen Kirchengemeinschaft zu einer neuen Legendenbildung kommen könnte.

[ 56 ] Rudolf Steiner: So ist es. Und wenn Sie besonders einzelne meiner Vorträge, die ich in Dornach gehalten habe, lesen, so werden Sie sogar den Versuch finden, gewisse Dinge, die jetzt ausgesprochen werden können, in Legendenform auszusprechen. Ich habe ganze Vorträge in Legendenform gehalten; und ich mache Sie auf eines aufmerksam. Ich versuchte einmal das Wesen der Künste zu charakterisieren. Man kommt mit Begriffen nicht hinein in das Wesen der Künste, es bleibt alles äußerlich, was man abstrakt aufbaut. Da muß man, wenn man solches darstellen will, zum Bilde greifen. Das Büchlein «Das Wesen der Künste» ist ganz bildlich dargestellt. Da wird man gleich wieder mißverstanden. Als ich diese Sache ganz aus der Imagination heraus hingesprochen hatte, trat ein ganz alter Theosoph vor mich hin, der nichts anderes zu sagen wußte als: Ja, da haben Sie ja die neun Musen umgewandelt. — Nicht wahr, es lag mir so fern wie nur irgend etwas, an die neun Musen zu denken, es hat sich alles aus der Notwendigkeit der Sache ergeben. Es lag mir fern, alte Geschichten aufzuwärmen, aber man konnte sich nichts anderes vorstellen, als daß das ein abstraktes Vorgehen war.

[ 57 ] So muß man sagen, die Notwendigkeit, zum Bilde zu greifen, ist durchaus wieder gegeben. Wir haben zum Beispiel noch nicht ein Bild für eine sehr wichtige Sache. Bedenken Sie die Fülle der StierLegenden, Stier-Erzählungen im Beginne des 3. Jahrtausends bei dem Übergange des Frühlingspunktes in das Sternbild des Stieres. Bedenken Sie die Legenden von dem Argonautenzuge, als im vorchristlichen 8. Jahrhundert die Sonne eingetreten ist in das Sternbild des Lammes. Jetzt ist sie im Sternbild der Fische. Diese Legende muß noch nachgeholt werden. Wir brauchen eine bildhafte Legendenbildung. Obwohl die Sache schon lebt, haben wir dafür noch keine Legende. Dieses Imaginative, das muß noch ausgebildet werden. Und so sind zahlreiche andere Dinge, die heute wirklich nur abstrakt leben, die heute aus dem Weltgeschehen heraus in Bildhaftes übergehen sollen. Daran muß gearbeitet werden. Wir müssen dadurch wiederum den Anschluß an die Welt finden. Heute ist die Welt eigentlich nur dasjenige, was nur intellektuell erfaßt werden kann. Was ist die Welt für den heutigen Menschen? Man könnte geradezu sagen: Für den intellektuellen Menschen der Gegenwart ist der ganze Kosmos nichts anderes als erstarrte Mathematik und Mechanik. Und wir müssen wiederum dazu kommen, über die bloße Mathematik und Mechanik hinauszugehen, wir müssen zum Imaginativen, zum Bildhaften kommen und auch zur Legende.

[ 58 ] Wir müssen uns nur klar werden, daß solche Forschungen, wie sie mein verstorbener Freund Ludwig Laistner über Sagen, Mythen und Legendenbildung in dem Buche «Das Rätsel der Sphinx» dargestellt hat, sehr viel helfen können. Ich betone ausdrücklich, Ludwig Laistner hat nichts verstanden von Geisteswissenschaft. Ich möchte nur sagen, daß das Buch bei der Forschung helfen kann, obgleich Laistner alle Mythen und Sagen auf Geträumtes zurückführt. Aber es ist interessant, dem nachzugehen, wie er die Legendenbildung nicht auf dem wahnsinnigen Wege sucht, auf dem sie die heutigen evangelischen und katholischen Forscher suchen, indem sie sich sagen: Die Urvölker haben gedichtet, sie haben ins Gewitter hinein die Götter versetzt, ebenso beim Kampf des Winters mit dem Sommer. — Als ob die Leute nie ein Bauerngemüt kennengelernt hätten; das Bauerngemüt dichtet nie. Diese Menschen, denen da das Dichten zugeschrieben wird, die sind soweit weg vom Dichten wie die Bauern. Es war alles imaginativ. Ludwig Laistner führt alles auf Träume zurück; dennoch ist es interessant [zu lesen, wie er einen Zusammenhang der inneren Erlebnisse des Menschen sieht in der slawischen Sage von der Mittagsfrau und der Sage von der] Sphinx in Griechenland. Deshalb heißt das Buch «Das Rätsel der Sphinx». Legenden müssen aus dem Leben heraus fließen, jetzt im vollen Bewußtsein. Das ist ungeheuer wichtig.