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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Anthroposophische Grundlagen
für ein erneuertes christlich-religiöses Wirken
GA 342

14 Juni 1921, Stuttgart

Vierter Vortrag

[ 1 ] Rudolf Steiner: Ich denke, dieses soll wieder eine Art Diskussionsstunde sein, und ich denke, Sie werden recht viel auf dem Herzen haben. Bitte, sich also ruhig auszusprechen nach allen Richtungen!

[ 2 ] Emil Bock: Auf dem Herzen liegt uns die Kultusfrage, weil wir von uns aus die neue Kultusform nicht gestalten können.

[ 3 ] Rudolf Steiner: Nun, es wird ja natürlich schon notwendig sein, daß man nach dieser Richtung hin einiges Symbolisches ausbildet, daß heißt einfach, daß wir in dem Kultus, von dem wir gesprochen haben, gewissermaßen einzelne Beispiele von Kultusformen ausarbeiten. Die Gestaltung des Kultus ist ja eigentlich eine solche, daß man dazu kommt, wenn man die Voraussetzungen dazu hat. Natürlich, es handelt sich dabei durchaus darum, sich einzugewöhnen in das bildhafte Gestalten desjenigen, woran man heute so gewohnt ist, es intellektuell zu betrachten. Und Herr Uehli hat, glaube ich, heute einiges gesagt, nicht wahr, über etwas Kultusartiges, wie es in der Waldorfschule gehandhabt wird. Daß das Kultusartige schwierig zu gestalten ist, das mag Ihnen schon daraus hervorgehen, daß man seit langer Zeit allen Kultus darauf beschränkt hat, das Traditionelle zu übernehmen. Alle Kultusformen, die man heute hat, sind eigentlich uralt, nur in dem einen oder andern etwas umgestaltet. Und in der Zeit, in der der Menschheit abhanden gekommen ist die Fähigkeit, bildhaft zu gestalten, in der Zeit ist ja auch der Kultus in gewissem Sinn bekämpft worden. Vielleicht kann es Ihnen helfen zum Verständnis des Kultus, wenn wir zu dem, was wir heute morgen gesagt haben, noch einiges hinzufügen von einer ganz andersartigen Kultusgestaltung.

[ 4 ] Sie wissen ja, daß eigentlich überall da, wo wirkliche Gemeinschaft gesucht wird, innere Gemeinschaft, daß da der Kultus eine gewisse Rolle spielt. Ich erinnere Sie nur daran, daß, als die etwas bedenkliche Heilsarmeebewegung sich verbreitete, sogar diese Heilsarmeebewegung nach einem gewissen Kultus trachtete; und es ist ja auch bekannt, daß sogar die Abstinenzbewegung ganz spärliche Surrogate von Kultus hat. Überall da, wo darauf gesehen wird, daß eine richtige Gemeinschaftsbewegung erzielt werden soll, überall da wird nach irgendeiner Form des Kultus gestrebt.

[ 5 ] Nun, eine sehr weitgehende Gemeinschaft ist ja, wie Sie wissen, die Freimaurerbewegung in der neueren Zeit. Nicht wahr, diese Freimaurerbewegung sucht auch die Pflege der Gemeinschaftsbildung durchaus durch den Kultus zu erreichen, und man kann schon sagen, die Freimaurerbewegung zeigt, wie der Kultus werden muß, wenn er übergeht in eine rein materialistische Bewegung. Denn eigentlich ist ja die Freimaurerbewegung die materialistische Form einer geistigen Bewegung.

[ 6 ] Sehen Sie, die Freimaurerbewegung hat im wesentlichen zu ihren Kultushandlungen und Kultussymbolen das Geheimnis der menschlichen Wesenheit. Wenn Sie den Menschen betrachten und das eigentliche Wesen des Menschen in seinem Zusammenhang mit der Welt studieren wollen, dann wird Ihnen heute der materialistisch gesinnte Forscher sagen: Der Mensch hat eigentlich nur dieselben Muskelformen, dieselben Knochenformen wie die höheren Tiere, sogar dieselbe Zahl dieser organischen Formen — er ist ein höher ausgebildetes Tier, ein umgestaltetes Tier. Das ist ja doch dasjenige, was mehr oder weniger klar ausgesprochen unserer gegenwärtigen Erkenntnis zugrunde liegt. Diese Erkenntnis wird sogleich [aus dem Felde] geschlagen, wenn man Rücksicht darauf nimmt, wie der Mensch sich ganz anders eingliedert in den gesamten Kosmos [als das Tier]. Das Wesentliche des Tieres — wenn man einzelne Abweichungsformen, die ja überall sind, nicht berücksichtigt, das Wesentliche des Tieres ist doch, daß seine Rückgratlinie auf die Horizontale hin gebaut ist. Bitte, mißverstehen Sie nicht, was ich damit meine. Es kann natürlich sich ein Tier so aufsetzen wie das Känguruh, und dadurch kann scheinbar seine Rückgratlinie einen Winkel bilden mit der Horizontalen. Das ist aber eigentlich nicht in der organischen Konstitution bedingt. Ebenso können gewisse Vögel, Papageien, eine mehr oder weniger aufrechte Stellung haben; es ist aber nicht der plastische Bau des Tieres darauf angelegt, die Rückgratlinie aus der Horizontalen herauszuheben. Dagegen ist das Wesentliche des Menschen die Bildung seiner Rückgratlinie in vertikaler Richtung. Der Mensch hat also die Rückgratlinie in vertikaler Richtung gebildet. Dies gibt eine von den wesentlichen Charakteristiken zur Unterscheidung des Menschen von der Tierwelt. Sie müssen eben nur bedenken, daß man ein Wesen in der Welt nicht bloß für sich betrachten kann.

[ 7 ] Sehen Sie, wenn jemand eine Magnetnadel betrachtet, so wird es ihm nicht einfallen zu sagen, diese Magnetnadel nimmt eine bestimmte Richtung ein durch dasjenige, was nur in ihr ist, sondern er sagt ganz natürlich, die Erde hat einen magnetischen Nord- und Südpol, die Magnetnadel wird gerichtet durch die ganze Erde. Nur beim Organischen gefällt es dem Menschen, alles dasjenige, was im Organismus ist, nur aus dem Organismus selber erklären zu wollen, den Menschen gar nicht in Beziehung zu bringen zum ganzen Weltall. Derjenige, der aber die Dinge durchschaut, bringt auch den Organismus in Beziehung zum ganzen Weltall. Da stellt sich die Sache doch so, daß durch das ganze Weltall Systeme von Kräften gehen; [die einen] umkreisen die Erde [horizontal], [die anderen wirken] so, daß diese Horizontalkräfte von Kräften durchsetzt sind, die in der radialen Richtung gehen, so daß der Mensch seine Rückgratlinie einstellt in der Richtung der radialen Kräfte. Damit gliedert er sich ganz anders dem Weltall ein, als das Tier eingegliedert ist, das sein Rückgrat, also die wichtigste körperliche Linie, in die Horizontale, also in eine Parallele mit der Erdoberfläche eingliedert. Nun, darauf beruht noch manches andere.

[ 8 ] Sehen Sie, das menschliche Gehirn, das ja 1300 bis 1400 Gramm schwer ist, es würde, wenn es sein volles Gewicht ausüben würde, sofort alle Blutgefäße, die darunter sind unter dem Gehirn, erdrükken. Das Gehirn ist [durch sein Gewicht] durchaus geeignet, die Blutgefäße zu erdrücken. Warum erdrückt das Gehirn sie nicht? Weil das Gehirn eingebettet ist im Gehirnwasser. Das Gehirnwasser oszilliert durch den Arachnoidalraum, den die Rückenwirbelsäule innerlich bildet; da strömt das Gehirnwasser unter dem Einfluß des Atmens auf und ab. Das ganze Gehirn schwimmt im Gehirnwasser. Aus der Physik wissen Sie vielleicht, daß ein Körper so viel an Gewicht verliert, als das verdrängte Flüssigkeitsvolumen wiegt, so daß das Gehirn statt mit 1300 bis 1400 Gramm zu drücken, höchstens mit 20 Gramm auf die Blutgefäße drückt. Sie sehen also, das menschliche Gehirn ist darauf eingerichtet, nicht in seiner Schwere zu beharren, sondern einen Auftrieb zu haben, sich zu entreißen der Schwere. Das ist nur möglich, wenn der Mensch die Rückgratlinie vertikal hat. Beim Tier drückt die ganze Schwere des Gehirns, und zwar deshalb, weil der Arachnoidalraum horizontal hineingeht in das Gehirn. Die Zirkulation, die bewirkt wird, geht in ganz anderer Weise vor sich.

[ 9 ] Man darf nicht bloß auf den Bau des Menschen schauen, sondern man muß auch auf die Hineinstellung ins Weltall schauen. So daß man sagen kann: Wenn man die hervorragende Stellung des Menschen im Weltall betrachtet, so ergeben sich vor allen Dingen mehrere wichtige Linien. (Es wird an die Tafel gezeichnet.)

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[ 10 ] Erstens die Linie parallel zu der Erdoberfläche, die Horizontale. Zweitens dasjenige, was den Menschen unterscheidet von dem Tier, daß bei ihm die Rückgratlinie vertikal steht auf der Horizontalen. Damit haben Sie zwei Gebilde hingezeichnet; erstens die Horizontale, also die Waagrechte, und zweitens den rechten Winkel. Wenn man sich bewußt ist, welche Bedeutung die Horizontale hat, die die Tierheit schafft im Grunde genommen, und welche Bedeutung der rechte Winkel hat für die Hineinstellung des Menschen in das Weltall, dann verbindet man gewisse Vorstellungen mit der Horizontalen und mit dem rechten Winkel, die dadurch zu Symbolen werden können.

[ 11 ] Das Freimaurertum, das das Wesen des Menschen charakterisieren will, hat die Wasserwaage und den rechten Winkel unter seinen Symbolen. Auch die anderen Symbole sind durchaus nachgebildet den Kräften des Weltalls. Wie sie nachgebildet sind den Kräften des Weltalls, das kann sich Ihnen ergeben noch aus der folgenden Betrachtung.

[ 12 ] Sehen Sie, wenn wir hier uns die Erde denken; der Mensch bewegt sich auf der Erde, sagen wir so, ich will es also radial zeichnen, dann ist es so, daß der Mensch hier in der Vertikalen seine Richtung hat und daß die Art, wie er sich verbindet mit dem Erdmittelpunkt, ein Dreieck ist. Sie haben wiederum das Dreieck als ein Symbolum im Kultus der Freimaurer. Alles in dieser Freimaurerei ist — im ersten Grad — von der Konfiguration des Menschen genommen. Da sehen Sie die Herausbildung der Symbolik. Die Symbolik ist da, wo sie auftritt in ihrer Wirklichkeit, nicht willkürlich ausgedacht. Zur Symbolik kommt man nur, wenn man sie studiert an der Wirklichkeit. Die Symbolik ist im Weltall begründet, sie ist irgendwo da. So ist es auch mit dem Kultus.

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[ 13 ] Sehen Sie, der Mensch ist in seinem zeitlichen Leben zwischen Geburt und Tod so konstituiert, daß er die Kräfte in sich hat, die ihn fortwährend töten. Das sind die Kräfte, die ihn verfestigen, die wirksam sind, indem das Knochensystem entsteht, und die in ihrem krankhaften Sichausbilden zur Sklerose, zur Gicht, zur Diabetes und so weiter führen können. Diese Kräfte hat der Mensch in sich, ich möchte sagen, als die Verfestigungskräfte. Das ist das eine Kräftesystem. Das andere Kräftesystem, das der Mensch in sich hat, ist dasjenige, was ihn fortwährend verjüngt. Es ist das Kräftesystem, das besonders zum Ausdruck kommt, wenn man in Pleuritis verfällt, in Fieberkrankheiten, in alles dasjenige, was den Menschen innerlich verbrennt. Ich habe in der anthroposophischen Weltanschauung die Verfestigungskräfte ahrimanische Kräfte, und die Kräfte, die ins Fieber führen, die also Wärmekräfte sind, die luziferischen Kräfte genannt. Beide Kräfte müssen im Menschen in fortwährendem Gleichgewicht gehalten werden. Werden sie nicht im Gleichgewicht gehalten, dann führen sie den Menschen leiblich, seelisch und geistig zu irgendeinem verderblichen Extrem. Würden die Fieberkräfte und die Verfestigungskräfte, die Salzbildungskräfte nicht fortwährend physiologisch im Gleichgewicht gehalten, so würde der Mensch notwendigerweise entweder zur Sklerose oder zum Fieber kommen. Wenn der Mensch nur ausbildet die Verstandeskräfte, wenn er nur zum Intellektualismus hinneigt, verfällt er dem Ahrimanischen; bildet er nur die feurigen Elemente aus, die Leidenschaft, das Emotionelle, dann verfällt er dem Luziferischen. Und so ist immer der Mensch zwischen zwei Polaritäten drinnen und muß das Gleichgewicht halten. Denken Sie aber, wie schwierig es ist, das Gleichgewicht zu halten. Das Pendel, das im Gleichgewicht sein soll, tendiert immer nach einem Ausschlag hin. Es sind diese drei Tendenzen: die Gleichgewichtstendenz, die Wärmetendenz und die Verfestigungstendenz in dem Menschen. Er muß sich aufrecht erhalten, so daß man den Menschen symbolisch erblicken kann als ein Wesen, das fortwährend sich aufrecht zu erhalten sucht gegen die Kräfte, die fortwährend sein Leben gefährden.

[ 14 ] Das stellt der dritte Grad des Freimaurertums dar. Dem Freimaurer, der in den dritten Grad eingeweiht wird, wird symbolisch dargestellt, wie der Mensch bedroht wird von drei widerspenstigen Mächten, die an ihn herankommen und sein Leben bedrohen. Es wird das in verschiedener Weise gemacht. Die einfachste Form ist so: Ein Mensch wird in einem Sarge vorgeführt und drei Mörder schleichen sich heran, die ihn töten wollen. Im Anschauen dieser dreifachen Gefahr, in der der Mensch schwebt, wird ihm ein Bewußtsein beigebracht, daß er in jedem Augenblick in der Gefahr des Todes stehe und sich erheben muß.

[ 15 ] So erlebt der Mensch in dieser symbolischen Einkleidung eine Art wirklicher Kultushandlung, er erlebt zeremoniell etwas wirklich Wichtiges, das mit dem Leben zusammenhängt. Und so ist es ja wirklich, daß man versuchen muß, das Leben kennenzulernen, denn dann ergeben sich aus dem Leben heraus die Symbole. Die Freimaurerei hat ja ihre Schattenseiten darin, daß zwar diese Symbole gebraucht werden, Kultushandlungen verrichtet werden — in der Blauen Maurerei in den ersten drei Graden, in der Hochgrad-Maurerei gibt es noch viele andere Dinge — und daß dieses Zeremonielle aus uralten Traditionen geschöpft ist, daß sie aber nicht mehr verstanden werden. Es besteht gar kein Zusammenhang mehr mit den Ursprüngen, die ich Ihnen jetzt in einer kleinen Skizze darlegen wollte. Die Leute schauen sich nur das Zeremoniell an, und — und das ist das Gefährliche —: sie bleiben am Zeremoniell haften; sie werden nicht so hineingeführt in das Zeremoniell, um durch das Zeremoniell auf das Geistige zu kommen.

[ 16 ] Sehen Sie, eine andere Art, wie man noch verhältnismäßig spät, sogar noch im 18. Jahrhundert, eine ganz lebhafte Empfindung gehabt hat von dem bildhaften Vergegenwärtigen der Weltgeheimnisse, ist zum Beispiel diese: Sie sehen, wenn Sie manche Bücher aufschlagen mit Bildern, die noch im 18. Jahrhundert verbreitet waren — die waren verbreitet, um die Menschen auf dasjenige aufmerksam zu machen, was nicht in Verstandesbegriffen zu fassen ist —, Sie sehen da ein immer wieder kehrendes Bild, das ist das, daß Sie einen Mann dargestellt finden mit einem Stierkopf und eine Frau dargestellt finden mit einem Löwenkopf. Es stehen nebeneinander der Mann mit dem Stierkopf und die Frau mit dem Löwenkopf. Zunächst ist die Sache für denjenigen, der die Sache nicht durchschaut, schockierend. Aber es ist ja wirklich so, daß wir Menschen eigentlich so konstituiert sind, daß wir formhaft am allervollkommensten sind in unserem physischen Leib. Da sind wir eigentlich Menschen. Der physische Leib ist ja, wie Sie in meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt finden, derjenige, der auf die ältesten Anlagen zurückgeht; er ist das Vollkommenste. Des Menschen Ätherleib ist so geformt wie der physische Leib. Könnte man den physischen Leib wegnehmen von dem Ätherleib, würde er nur mehr sich anpassen dem Astralleib, dann würde dieser Ätherleib wahrscheinlich zum Verdruß sehr vieler Menschen eine Tierform annehmen, denn dann wird er der Ausdruck des Emotionellen, des Leidenschaftlichen. Er ist in der verschiedensten Weise gestaltet bei verschiedenen Menschen.

[ 17 ] Wenn man den männlichen Kopf, den Ätherkopf, betrachtet als Ausdruck desjenigen, was in der emotionellen Natur lebt, so hat man schon als Typus, als Durchschnitt, etwas Stierhaftes im männlichen Kopf. Im Frauenkopf, sobald man den Ätherkopf betrachtet, hat man etwas Löwenhaftes. Das sind Durchschnittsformen. Man kann das auch moralisch empfinden, wenn man sich einläßt auf das, was die Frauennatur umfaßt, wie sie Typus ist des Löwenhaften. Man kann den Stier beim Mann fühlen und den Löwen bei der Frau fühlen.

[ 18 ] Das sind Dinge, die scheinen bloß bildlich gesprochen zu sein, sie sind aber aus der übersinnlichen Natur [des Menschen] herausgeholt. Wenn der astralische Leib [aus dem physischen Leib] herausgenommen [betrachtet wird], dann nimmt er komplizierte Pflanzenformen an, und das Ich des Menschen ist ein rein mineralisch, kristallhaft geformtes Wesen, es ist ganz geometrisch geformt. So daß man sagen kann: Der Form nach ist der Mensch im physischen Leib Mensch, im Ätherleib ist er eigentlich tierisch, im Astralischen pflanzenhaft und im Ich mineralhaft geformt. Wenn man all diese Dinge kennt, dann kommt man darauf, wie in einem früheren hellsichtigen Zustande die Leute wirklich gewußt haben von höheren Welten und aus diesen höheren Welten heraus sich diese Bilder geformt haben.

[ 19 ] Nun, das soll nur darauf hinweisen, wie Symbole entstanden sind und wie sie sich dann traditionell fortgepflanzt haben. In unserer Zeit ist es nur möglich zu Symbolen zu kommen, wenn man sich ganz liebevoll vertieft in die Weltgeheimnisse; und nur aus Anthroposophie heraus kann heute eigentlich ein Kultus oder eine Symbolik erwachsen.

[ 20 ] Denn sehen Sie, es ist schon notwendig, daß da von den Elementen ausgegangen wird. Das erste ist, daß man wiederum in einem gewissen Sinn hineinwächst in den Genius der Sprache selbst. Unsere Sprache hat ja im Grunde genommen gerade da, wo die Zivilisation am höchsten ist, eine furchtbar äußere abstrakte Form angenommen. Wir reden heute, ohne zu fühlen im Reden. Sehen Sie, unser heutiges Reden ist eigentlich etwas furchtbar Unmenschliches, denn wir leben gar nicht mehr drinnen in unserer Sprache. Nehmen Sie einmal das deutsche Wort «Kopf». Wenn wir es fühlen, so fühlen wir zugleich, wie es durchaus zusammenhängt mit der runden Form, mit dem Abgerundeten. Sagen wir dagegen das romanische Wort «testa», das hängt zusammen mit dem Testieren, Bezeugen, irgend etwas Festsetzen. Es geht also aus einem ganz anderen Untergrund hervor. Und fühlt man, was in den beiden Worten liegt, so fühlt man auch den Unterschied zwischen dem romanischen und dem germanischen Element. Das germanische Element bildet das Wort aus der Plastik, das romanische, das lateinische Element bildet es aus den seelischen Kundgebungen. Nehmen Sie das Wort «Fuß», das hängt mit «Furche» zusammen; «pied» hängt zusammen mit dem Aufstellen. Das geht überall durch die Sprache, und man kann es überall fühlen, wie eigentlich die besondere Weltempfindung im Genius der Sprache zum Vorschein kommt. Bedenken Sie, wie stark man in der Zeit, in der Goethe geschrieben hat, noch gefühlt hat das Bildhafte der Sprache. Erinnern Sie sich an die Szene, wo der Pudel erscheint auf der Bühne, der da nachläuft dem Faust und dem Wagner, und wo der Wagner vom Pudel spricht und sagt: «er zweifelt» — er meint damit, daß er den Schwanz bewegt; mit dem Wort «zweifeln» drückt er die Bewegung des Schwanzes aus. Wenn Sie das anschauen, was da noch im Bilde lebt, und es vergleichen mit unseren heutigen Abstraktionen, wie Sie da in dem Wort «Zweifel» dieses Wedeln, dieses Hin- und Herpendeln drinnen haben, so kann man sich wirklich in die bildhafte Art, wie der Sprachgenius gewirkt hat, allmählich hineinfühlen.

[ 21 ] Das ist das erste Element des bildhaften Seelenlebens, wenn man sich in das Bildhafte der Sprache hineinlebt. Es ist wirklich so, daß man in das Bildhafte der Sprache hineinwächst, wenn man es nur will; und das ist schon eine gute Erziehung der Seele, in das Bildhafte der Sprache hineinzuwachsen. Wir reden heute in abstracto, die Worte bedeuten nichts mehr für uns. Sehen Sie, in meiner Heimat heißt ein gewisser Blitz, den man in einer besonderen Art sieht, «Himmlatzer». Ich möchte wissen, wie man das Bild des Blitzes nicht fühlen sollte in «Himmlatzer», das Wort malt ja. Und so ist es auch durchaus möglich, wenn man mehr in das Dialektartige, in die Dialekte hinuntergeht, noch mehr in das Bildhafte hineinzuwachsen. Man sollte sich schon dazu erziehen, an der Sprache das Bildhafte zu haben. Es ist heute manchmal fast gar nicht möglich, irgend etwas, was man hat, auszudrücken, weil das Bildhafte der Sprache verlorengegangen ist. Man muß natürlich absehen von allen künstlich herbeigeführten Dingen. Wer irgendwie spintisiert, dem geht es so, wie es dem Falb gegangen ist. Der ging einmal mit einem Freund und sprach lebhaft — und trat in einen Tümpel hinein, und denkt nach — Tümpel? — Tempel! — Natürlich, so spintisieren darf man nicht, indem man äußerliche Ähnlichkeiten sucht. Gerade innerlich muß man sich vertiefen in das Bildhafte der Sprache. Dann wird man wirklich das Wort «Zwei» verstehen. Es war ursprünglich die «Zwei» nicht so gedacht, daß man eins und eins zusammenlegte, sondern die «Zwei» war so gedacht, daß man die Eins entzwei machte. Das ältere Bilden der Zahlen beruht auf der Analyse, nicht auf der Synthese. Sie können das noch verfolgen, wenn Sie zum Beispiel die arabische Arithmetik noch im 12. nachchristlichen Jahrhundert nehmen.

[ 22 ] Es ist jetzt ein interessantes Büchlein von unserem Freund Ernst Müller erschienen über Abraham Ibn Esra — ich will Ihnen den genauen Titel morgen angeben —, das handelt von den Zahlen und ist außerordentlich interessant für die Erkenntnis der früheren Art, Zahlen zu bilden. [Wenn man das verfolgt,] dann wird man finden, ohne Spintisierereien zu machen, die Ähnlichkeit des Wortes «zwei» wiederum mit dem Wort «Zweifel»; man wird da geführt auch auf den Auslaut «el». So kann man sich in das Bildhafte der Sprache hineinfinden. Das ist das Abc des bildhaften Vorstellens.

[ 23 ] Das weitere ist das Sichhineinfinden in die ganze komplizierte Art, wie zum Beispiel der Mensch aufgebaut ist. Einiges habe ich als Probe heute angegeben. Wie gesagt, gelangt man auf diese Weise zu wirklicher Erkenntnis, dann ergeben sich die Bilder zunächst für die Symbolik, und wiederum kommt man dazu, das geschichtliche Leben wirklich zu begreifen. Dann kommen Sie auch dazu, Kultushandlungen imaginativ vor sich haben zu können.

[ 24 ] Nehmen Sie zum Beispiel folgendes. Sehen Sie, der Grieche hatte noch nicht die Möglichkeit, die Begriffe ganz abgesondert von den Dingen zu haben. So wie wir die Farben wahrnehmen, so nahm der Grieche die Begriffe an den Dingen wahr, sie waren für ihn Wahrnehmungen. Wenn wir davon ausgehen, dann kommen wir wirklich dazu, zu begreifen, wie die Menschheit sich seit der Griechenzeit verändert hat. Würde man zum Beispiel eine Art Altar darstellen wollen, der mehr geeignet wäre für den Griechen, so würde man ihn in hellen Farben darstellen. Wollte man einen Altar darstellen, der geeignet ist für einen Menschen, der mehr im Modernen lebt, der nicht hingeordnet ist auf die lebhaften Farben — der Grieche hatte ja keine Farbwahrnehmungen in dem Sinn, wie wir sie haben —, sie müßten ihn heute mehr in blauer Farbe bauen.

[ 25 ] Wenn man heute mit dem Kultus vor eine Gemeinde hintreten will, müßte man ihn außerordentlich einfach gestalten. Ein komplizierter Kultus würde heute die Menschen nicht befriedigen, so daß man ihn außerordentlich einfach gestalten muß. Vor allen Dingen brauchen wir im Kultus überall einen Ausdruck für die innere Verwandlung des Menschen. Diese innerliche Verwandlung des Menschen, die man nennen könnte die Durchchristung des Menschen — denn der Mensch wird eigentlich durchaus nicht so geboren, daß er schon von vornherein vererbungsgemäß durchchristet ist, er muß den Christus in sich finden —, die ließe sich nun in der mannigfaltigsten Weise symbolisch ausdrücken durch einfache, aber wirkungsvolle Kultushandlungen.

[ 26 ] Ich will als ein Beispiel sagen: Würde jemand einen Spruch formen, so würde er diesen Spruch in sieben Zeilen bestehen lassen. In den ersten drei Zeilen würde man im wesentlichen ausdrücken den Menschen, wie er noch unter dem Einfluß der Vererbungsverhältnisse dasteht, wie er also aus dem Vaterprinzip der Welt herausgeboren ist. Die vierte Zeile, die mittlere, würde dann darstellen, wie diese Vererbungsprinzipien durch die seelischen Prinzipien überwunden werden. Und die drei letzten Zeilen würden darstellen, wie der Mensch dadurch zu einem Erfasser des Geistigen wird. Nun könnte man einer Gemeinde solche sieben Zeilen so vorlesen, daß man die ersten drei Zeilen mit einer etwas abstrakteren, rauheren Sprache vorbringt, bei der mittleren, vierten, übergeht zu einer etwas wärmeren Sprache, und die letzten drei Zeilen in gehobener Sprache, mit erhobenem Tone vorträgt. Und man würde darin in einfacher Weise eine Kultushandlung haben, die darstellen würde das Durchchristetwerden und Durchgeistigtwerden des Menschen.

[ 27 ] Es kommt gar nicht darauf an, daß man so etwas etwa hinterher erklärt — das sollte man gerade nicht tun —, sondern man sollte es fühlen lassen. Das Bild sollte gefühlt werden, und man sollte sich danach verhalten. So sehen Sie, wie es immerhin möglich ist, zum Kultushaften aufzusteigen. Dann muß man ein Gefühl dafür bekommen, wie alles dasjenige, was sich auf das Denkerische bezieht, dem Lichte ähnlich ist, und wie alles dasjenige, was sich auf die Liebe bezieht, der Wärme ähnlich ist. Nun denken Sie, was Sie für ein Machtmittel in der Sprache haben, wenn Sie bildhaft überall, wo Sie etwas ausdrücken wollen, was nach dem Denkerischen hinneigt, es mit dem Lichte zusammenbringen. Wenn Sie sagen: «Die Weisheit durchleuchte den Menschen», dann haben Sie etwas Wirkliches gesagt. Sie werden fühlen, wie das Denkerische tatsächlich das aufgefangene Licht ist, das zum Gedanken wird. Ebenso gebraucht man überall die Bilder, die von Wärmeverhältnissen hergenommen sind, wenn man von Liebe redet. Wenn man also sagt: «Eine gemeinsame Idee breitet sich wärmend über eine Menschengemeinschaft aus», dann haben Sie das Bild des Wärmens darinnen, aber Sie haben real gesprochen. So kommen Sie, wenn Sie die inneren Weistümer der Sprache fühlen, in das Bildhafte hinein.

[ 28 ] Das ist ein solcher Weg, und ich will Ihnen später einmal, wenn wir wieder zusammenkommen, ganz ausführliche Beispiele geben. Man kann sogar den modernen Kultus auf Grundlage dieser Dinge ausarbeiten. Ich wollte Ihnen heute nur das Praktische andeuten, wie man in der Tat hineingeführt wird. Es handelt sich aber immer um unsere — verzeihen Sie den harten Ausdruck — ausgemergelten Seelen. Wir sind ja gar nicht Menschen, wir sind so tot geworden durch die materialistische Bildung. Der Mensch fühlt heute alles getrennt. Er fühlt gar nicht, daß seine Nerven auffangen das Licht, daß seine Nerven durchglüht werden vom Licht. Er glaubt, daß Vibrationen vorgehen. Aber am Lichte bildet sich der Gedanke. Es ist nicht nur ein Bild, sondern Realität, wenn man sagt: «Der Mensch wird von Gedanken durchleuchtet».

[ 29 ] Man weiß das viel zu wenig, deshalb kann man nicht zum bildhaften Vorstellen kommen. Aber ich glaube, daß, wenn Sie zum Beispiel mein Buch «Die Geheimwissenschaft» durchlesen und sich einmal rein daraufhin hineinvertiefen, wie ich die drei Metamorphosen Mond, Sonne, Saturn darstelle, um sich zu vergegenwärtigen, wie das alles in Bildern verläuft, dann kommen Sie ganz von selber [in das bildhafte Vorstellen] hinein. Wenn Sie nicht bei der Abstraktion stehen bleiben oder gar glauben, ich hätte etwas konstruiert oder ausgedacht, sondern wenn Sie die Notwendigkeit fühlen, daß das so dargestellt werden muß, dann haben Sie schon darin eine Schule für das bildhafte Vorstellen. Und da ist überall Veranlassung, überzugehen zu kultischen Handlungen. Man muß aus dem, [was ich dargestellt habe,] sich ein Gefühl erwerben auch für die innere zahlenhafte Gliederung im Weltenall.

[ 30 ] Heute wird man natürlich vielfach ausgelacht, wenn man von der Siebenzahl oder von der Dreizahl spricht. Aber diese Zahlen sind ja doch einfach empirisch aus dem Weltall zu gewinnen. Ich möchte wissen, wie einer nicht an die Zahl Drei denken muß, wenn er an den Menschen denkt. Der Mensch ist einmal ein dreigliedriges Wesen, und man kommt überall zur Dreizahl, wenn man richtig denkt. Wenn man zum Beispiel zu einer Kinderschar, zu einer älteren Kinderschar spricht: «Das Licht, dein Denken durchleuchte dich», so hat man gar nicht fertig gesprochen, wenn man nicht gleich auch sagt: «Das Leben, dein Fühlen durchrege dich», oder «durchdringe dich»; und «Das Feuer, dein Wille durchkrafte dich». Die Dinge gliedern sich von selber zusammen, das rinnt dann in die Kultusform hinüber. Man muß ein Gefühl dafür kriegen, daß irgend etwas unvollständig ist, wenn man nur sagt: «Das Licht, dein Denken durchleuchte dich», das ist geradeso, wie wenn ich einen menschlichen Kopf allein hinstelle. Das kann nicht sein, ich kann mir nicht denken, daß einer bloß den menschlichen Kopf hinstellt, das kann es nicht geben, das andere gehört dazu. So muß ich auch das Gefühl haben, wenn ich sage: «Das Licht, dein Denken durchleuchte dich», das ist nichts Vollständiges, ich muß auch sagen: «Das Leben, dein Fühlen durchdringe dich» und «Das Feuer, dein Wille durchkrafte dich». Wenn ich nur eines nehme, habe ich geradesoviel, wie wenn ich nur den menschlichen Kopf habe. So kommt man schon dahin, das andere dazu zu denken. Dann kommt man in dieses Selbstschöpferische der Zahlenorganisation der Welt hinein, und so ergibt sich aus der Sache selbst heraus die kultische Form:

Das Licht, dein Denken durchleuchte dich
Das Leben, dein Fühlen durchdringe dich
Das Feuer, dein Wille durchkrafte dich

[ 31 ] Das ist ja dem zugrundliegend, was Herr Uehli Ihnen heute mitgeteilt haben wird [über die Sonntagshandlung in der Waldorfschule]. In der Formel, da liegt das ja drinnen, da ist das überall eigentlich so gebildet. Das versteht man so schwer, wenn es im Leben auftritt.

[ 32 ] Sehen Sie, wenn Sie aus meiner «Philosophie der Freiheit» ein Stück herausnehmen würden, ein Kapitel, so ist es fast so, wie wenn Sie dem Menschen ein Glied abschneiden. Sie ist nur als ein Ganzes gedacht, denn das ist eine besondere Form des Denkens, sie ist nicht aus einzelnen Teilen kombiniert, sie ist wachsen gelassen. Und das kann weiter ausgebildet werden.

[ 33 ] Paul Baumann: Könnten Sie uns, Herr Doktor, über das Musikalische im Kult etwas sagen?

[ 34 ] Rudolf Steiner: Da ist die Sache so: Wir Menschen sind so in die Welt hineingestellt, daß wir — wenn ich es gleich bildhaft mache (es wird an Tafel 2 die Tafel gezeichnet) — auf der einen Seite Kopforganisation sind. Diese Kopforganisation ist wesentlich dadurch bedingt, daß das Äußere der Welt hineindringt und überall gehemmt wird. Alles dasjenige, was von der Welt in das Haupt dringt, spiegelt sich eigentlich im Haupte, und das, was wir draußen wahrnehmen, das ist das Gespiegelte, das ist dasjenige, was wir gewöhnlich im wachen Bewußtsein drin haben. Und wenn Sie den Bau des Menschen nehmen, namentlich das, was vom Auge gemacht wird, aber auch von den anderen Sinnesorganen, dann finden Sie, daß das alles dahin tendiert, daß es hinten abgegrenzt wird; es wird etwas gespiegelt. Auf der anderen Seite bildet der Mensch das Knochensystem aus, das Muskelsystem und so weiter. Beim Kopf hat man eigentlich die runde, abgeschlossene Schädelkapsel. Dann hat man die Röhrenknochen, die Muskeln und so weiter (siehe Tafel 2). Der Kopf ist eigentlich ganz undurchdringlich für das, was in ihn hineinwirkt, so wie der Spiegel undurchdringlich ist für das Licht; darum spiegelt er. Das ist bei dem, was man im weitesten Sinne Gliedmaßen-Stoffwechsel-Organismus nennt, anders; da wird von der Welt hereingefaßt dasjenige, was da Röhrenknochen und Muskel ist, so daß man sagen kann: In der Kopforganisation wird alles zurückgestoßen, aber die Gliedmaßen nehmen auf, so daß eigentlich die Vorgänge des GliedmaßenStoffwechsel-Organismus bewirkt werden von außen herein durch die Art und Weise, wie ich eingegliedert bin in den Weltorganismus. Da wird nichts zurückgestoßen, es wird gewissermaßen hindurchorganisiert, da wird hereingenommen. Und das staut sich dann, staut sich namentlich in der Lunge. Die Lunge ist so ein Stauorgan, wo das Äußere der Welt sich in Formen gestaltet. Und eine zweite, schon durchgesiebte Stauung ist im Gehörorgan. Das Gehörorgan ist eigentlich eine Lunge auf höherer Stufe. Wer einen Sinn dafür hat, kann selbst noch am Bau des äußeren Gehörorganes sehen, wie das nicht so gebildet ist wie das Auge. Das Auge ist von außen nach innen gebildet. Das Gehörorgan ist abgeschlossen und umschließt dasjenige, was das eigentliche Sinnesorgan ist. Alles dasjenige also, was sichtbar ist am Gehörorgan, ist so herausgebildet, daß der Mensch gebildet ist von zwei Wirbeln. Der eine Wirbel wird zurückgeworfen, spiegelt sich, geht in sich eigentlich zurück; und der andere bildet einen Organismus, bildet die Form heraus, kommt dem entgegen und sie stoßen dann hier zusammen (siehe Tafel 2), so daß alles dasjenige, was von außen nach innen kommt, hier gespiegelt wird und das gewöhnliche Gedächtnis gibt, zum Beispiel das Gedächtnis für die gesehenen Bilder. Dagegen dasjenige, was den Menschen aufbaut, das ist ja Bewegung, das ist durchaus Bewegung, das sind Vibrationsformen, die in ihm verlaufen. Ich habe Ihnen erzählt von dem Gehirnwasser, nicht wahr, der Mensch ist ja zu 92% Wasser und nur zu 8% fest; was fest ist, das gliedert sich nur ein. Das Ganze ist alles Bewegung. Was den Menschen organisiert aus der Bewegung, das organisiert ihn aus dem Wort heraus. Der Mensch ist wirklich ein fleischgewordenes Wort im buchstäblichsten Sinn, und dieses fleischgewordene Wort stößt zusammen mit dem, was sich da spiegelt, so daß wir sagen können: Wir sind zunächst auf das Visuelle hin gebaut, das aber ganz organisiert ist auf das Zurückgeworfenwerden; und dann sind wir auf das Auditive gebaut, auf dasjenige, was den Menschen formt, auf zu Worten geformten Ton, der sich dann staut im Hören, der gehörter Ton wird.

[ 35 ] Der Mensch wird sich bewußt der Außenwelt durch das direkte oder das umgewandelte Sichtbare. Durch dasjenige, was in ihm selber Ton wird, was musikalisch wird, ist der Mensch das Wesen, das aus der Sphäre des Musikalischen aufsteigt und befruchtet wird durch die Sphäre des Optischen, des Sichtbaren, so daß das Musikalische in der Tat dasjenige ist, das in uns aus der Welt heraus weiterwirkt. Wir sind durch Musik aufgebaut, unser Körper ist eine verkörperte Musik. Das ist im vollen Sinn der Fall. Und das Licht wirkt hier (siehe Tafel 2) herein und spiegelt sich. Das gibt auch den großen Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Gedächtnis, das wir gegenüber der Außenwelt haben, wo wir das Visuelle behalten, und dem musikalischen Gedächtnis. Das musikalische Gedächtnis ist etwas ganz anderes — das wird Ihnen auch wunderbar erscheinen —, das musikalische Gedächtnis entsteht in entgegengesetzter Weise, es entsteht bei der Stauung des durchströmenden Tones; da wirft der Mensch seine eigene Natur in sich zurück. Es ist also dasjenige, was musikalisch in dem Menschen wirkt, seine allerinnerste Natur.

[ 36 ] Nun denken Sie, wir stellen Bilder hin in irgendeiner Weise, sei es, daß wir sie sichtbarlich vor den Menschen hinstellen im Kultus, sei es, daß wir die Bilder hervorrufen, indem wir sprechen, und dann durchdringen wir diese Bilder mit dem Musikalischen, sei es mit dem Instrumental-Musikalischen oder sei es mit dem Gesanglichen. Es ist nichts anderes, als daß im Grunde genommen die beiden Hauptweltprinzipien einander gegenübergestellt werden. Was der Mensch ist als Lichtgeschöpf, wird in Zusammenhang gebracht mit dem, was der Mensch ist als Tongeschöpf. Und der Kultus wird dadurch [.. Lücke] zur Polarität. Allerdings ist das schon beim Wort der Fall, und die älteren Kulte haben auch daher nicht das abstrakte Sprechen verwendet, sondern das Rezitativ, das schon etwas Gesanghaftes hat. Und dieses Rezitativ, das schon im alten Meßopfer eine so große Rolle spielte, weil die Messe gesungen wurde, sollte durchaus darstellen die Durchdringung des Lichthaften mit dem Tonhaften, so daß das Musikalische im Kultus dasjenige ist, was am wesentlichsten den Menschen verinnerlicht, was also das mystische Element fördert, währenddem das übrige dasjenige ist, was das Pantheistische, das Ausgießen des Menschen an das Weltall fördert.

[ 37 ] Wir haben dadurch die Möglichkeit, auf der einen Seite den Menschen in die Expansion zu treiben durch alles Lichthafte, Gedankenhafte, und auf der anderen Seite ihn ins In-sich-Zusammenziehen, ins Aufnehmen des Übersinnlichen durch das Musikalische zu führen. Und während zum Beispiel das Nichtmusikalische, das Lichthafte im Kultus dazu angetan ist, uns ein Weltgefühl beizubringen, ist das Musikalische dazu angetan, uns das Ichgefühl bis zum Göttlichen zu vertiefen, und das Ideal wäre, bis zu einem gewissen Grad das Lichthafte zu treiben und es dann in das Musikalische übergehen zu lassen, ganz organisch in das Musikalische übergehen zu lassen. Dadurch hätte man tatsächlich den Menschen in seiner Konstitution durch den Kultus nachgebilder.

[ 38 ] Gottfried Husemann fragt, ob die bisherige Kirchenmusik, zum Beispiel Bach, noch zu brauchen sei. Würde der neue Kultus nicht auch eine neue Art Musik brauchen?

[ 39 ] Rudolf Steiner: Nicht wahr, wenn man genötigt ist, heute schnell etwas zu tun, so wird man ja diese älteren musikalischen Dinge wieder beleben. Aber es ist schon durchaus so, daß der Mensch nicht mehr ein ganz innerliches Verhältnis zu diesen älteren Formen gewinnen kann, geradeso wie man als erwachsener Mensch nicht dieselben Lebensformen entwickeln kann wie das Kind. Es ist schon durchaus notwendig, daß aus dem heutigen Empfinden heraus wiederum auch Musikalisches geformt wird. Man muß natürlich da anfangen, wo man die Möglichkeit dazu hat. Sie werden doch schon bemerkt haben, daß da, wo wir Eurythmie treiben und uns in Musikalisches hineinarbeiten, unsere Freunde schon aus dem musikalischen Empfinden der heutigen Zeit ganz gute musikalische Formen herausgefunden haben. Das wird darauf beruhen, daß immer mehr der Mensch umlernen wird im Musikalischen, geradeso wie auf dem Gebiet des Malerischen. Tapsende Versuche gibt es ja, die man nicht zu verurteilen braucht, sondern man muß wissen, daß das eben tapsende Versuche sind, so auch im Musikalischen, zum Beispiel bei Debussy, der sich in den einzelnen Ton hineinlebt, der im einzelnen Ton lebt. Nur darf es nicht Tonmalerei werden. Es ist so, daß immer mehr das erlebt werden wird, was im einzelnen Ton sich wie ein Geheimnis ergibt, und man wird dann suchen, den einzelnen Ton zu analysieren. Vielleicht wird man die Skala erweitern müssen, einige Töne einfügen, aber hauptsächlich dadurch bereichern, daß man den Charakter des einzelnen Tones erleben wird. Und dadurch werden sich besondere musikalische Möglichkeiten ergeben. [Zu Herrn Baumann:] Das erhoffen Sie doch auch, daß man dann im einzelnen Ton schon Melodien erleben wird? — Es ist tatsächlich so, daß man das kann. Da liegt dann eine Ausbildungsmöglichkeit. Da werden die anthroposophischen Musiker den anderen entgegenkommen müssen. Ich habe ja überhaupt die Überzeugung, daß anthroposophische Musiker noch sehr, sehr viel zu tun haben werden, daß gerade die anthroposophischen Musiker eine große Mission haben werden. Die alte Musik ist eigentlich in einer Sackgasse gewesen vor Wagner. Aber Wagner hat ja nicht eigentlich die Musik weitergebracht. Er hat der Musik Erweiterung dadurch gegeben, daß er sie in eine Nebenströmung hineingebracht hat. Das kann man groß und genial finden, aber es ist doch eine Nebenströmung. Man wird die vorwagnerische Musikentwickelung aufnehmen müssen und gerade da dasjenige finden, was auch dem Kultus viel geben kann. Bis dahin wird es natürlich sehr gut sein, Älteres zu verwenden. Es sind eigentlich im Grunde ganz wunderbare Dinge da, sowohl in der protestantischen wie in der katholischen Kirchenmusik. Für den modernen Menschen wird das Verhältnis kein ganz innerliches mehr sein, man wird da schon versuchen müssen, sich ins Musikalische selbst zu vertiefen.

[ 40 ] Emil Bock stellt eine Frage, welche die Quäkerbewegung betrifft.

[ 41 ] Rudolf Steiner: Ich habe bei den Quäkern immer das Gefühl gehabt, daß das eigentlich eine Bewegung ist, die spezifisch aus dem angloamerikanischen Element herauskommt. Ich konnte nicht finden, daß gerade für diese Art von Gemeinschaftsbildung, die im Quäkertum zutage tritt, in Mitteleuropa irgendwelche bedeutsamere Anlagen vorhanden sind. Ich kenne diese Bestrebung noch nicht aus eigener Anschauung und kann daher natürlich nicht wissen, ob da irgend etwas Fruchttragendes drinnen sein kann oder nicht, aber ich zweifle daran, daß aus dem mitteleuropäischen Geist heraus etwas QuäkerÄhnliches erwachsen kann. Denn sehen Sie, das anglo-amerikanische Element erlebt eigentlich das Religiöse in einer durchaus anderen Form als es der Mitteleuropäer erleben kann. Der Mitteleuropäer erlebt das Religiöse zuerst durchaus im Denken. Das ist das Urphänomen. Es ist durchaus ein vom intellektuellen Licht durchleuchtetes Mystisches. Das ist überall drinnen, selbst wo ganz radikale religiöse Formen, sektiererische Bestrebungen auftreten. In Mitteleuropa werden Sie überall vom denkerischen Licht durchleuchtetes Mystisches finden, während der Anglo-Amerikaner das religiöse Element eingetaucht sein läßt noch in das Instinktive des Menschen. Natürlich tritt das in verschiedener Weise auf, und es würde interessant sein, irgendwie zu untersuchen, aus welchen Blutsmischungen sich die Quäker rekrutieren. Man muß auf das Instinktive, Bluthafte gehen, da wird man die Untergründe finden. Sie werden sehen, daß man da sicher so etwas finden wird wie eine Instinktanlage, aber auf Instinktanlagen gründet der Mitteleuropäer niemals etwas Gemeinschaftsbildendes.

[ 42 ] Das ist wirklich ein deutlicher Unterschied zwischen dem Westen, der Mitte und dem Osten. Der Westen sucht das Höhere mehr oder weniger im Unterbewußtsein, in der Mitte sucht man es im Bewußtsein, und im Osten sucht man es im Überbewußten, da ist man überhaupt immer hinaufschauend. Der Amerikaner besonders sieht zur Erde und erwartet von der Erde alles, der Russe — noch mehr der Asiate — schaut eigentlich immer hinauf. Der Mitteleuropäer sieht geradeaus. Es ist schon so, daß wir gerade auf religiösem Gebiet in gefährliche Bahnen kommen könnten, wenn wir das eigentlich westliche Element nachahmen wollten. Das dürfen wir auf keinem Gebiet tun. Es hat uns ja in der Naturwissenschaft den großen Schaden gebracht und führt auf religiösem Gebiet ganz besonders zur Erstarrung. Wir müssen da schon mehr mit der Seele arbeiten als mit dem Leib.

[ 43 ] Emil Bock: Wir haben davon gehört, daß es schon Rituale gibt, die bei Gelegenheit einmal ausgegeben worden sind, ein Taufritual und ein Beerdigungsritual und ein Stück einer umgearbeiteten Messe. Ich möchte nun einmal fragen, ob es die Möglichkeit gibt, daß wir zum Hineinleben solche Stücke kennenlernen könnten?

[ 44 ] Rudolf Steiner: Gewiß, diese Dinge würden als Ausgangspunkte in Betracht kommen. Das Beerdigungsritual ist dadurch entstanden, daß ein Mitglied unserer Bewegung ein solches Beerdigungsritual haben wollte. Natürlich mußte man anknüpfen an die gewöhnlichen Beerdigungsrituale, aber dadurch, daß man das gewöhnliche Ritual übersetzt hat, natürlich nicht lexikographisch, sondern richtig, ist etwas wesentlich anderes herausgekommen. Diese Dinge würde ich einmal zurückerbitten und würde sie sehr gerne zugrundelegen unserer Kursbetrachtung. Ich werde einfach unseren Freund bitten, daß er sie abschreibt und dann vielleicht hierher schickt; das ist durchaus möglich. Beim Meßopfer habe ich zunächst auch nur eine Übersetzung des [katholischen] Meßopfers gegeben, aber es ist eigentlich etwas Neues geworden. Aber ich bin mit der Übersetzung nur bis zum Offertorium gekommen, sie ist noch nicht fertig. Im altkatholischen Gottesdienst wird ja die Messe in der Landessprache gelesen. Unser Freund ist so weit gegangen, daß er im altkatholischen Gottesdienst die Messe bis zum Offertorium in dieser Übersetzung gelesen hat.

[ 45 ] Die Dinge brauchen Zeit, und wir haben wenig Zeit. Aber das alles kann Ihnen wirklich zur Verfügung gestellt werden. Nur würde es natürlich notwendig sein, daß insbesondere ein Taufritual neu geschaffen werden müßte; denn das alte Taufritual ist ja dadurch nicht ganz entsprechend, daß es überall darauf abgezielt hat, erwachsene Menschen zu taufen, und dann hat man es auf das Kind übertragen. Will man heute Kinder taufen, muß erst ein [neues] Ritual gefunden werden. Auch dazu liegen Elemente schon vor, die ich Ihnen auch zugänglich machen kann. Die Taufrituale sind herausgewachsen aus Taufen für Erwachsene. Wenn man ein Kind tauft, spricht man doch zu einem Unbewußten, und es muß doch auch eine entsprechende Handlung sein. Das Kind weiß nichts davon. Nicht wahr, soweit dürfen wir nicht gehen, daß wir gegen die Kindertaufe an sich uns auflehnen, dabei können wir bleiben. Aber manches muß am Ritual erneuert werden. Wenn Sie die Johannestaufe nehmen, so beruht sie ja darauf, daß der Mensch untergetaucht wurde im Wasser, der erwachsene Mensch wurde untergetaucht. Sie wissen ja, daß der Mensch dabei bis zu dem Punkt [des Bewußtseins] gebracht werden kann, daß sein Erdenleben ihm im bloßen Tableau erscheint. Es erscheint ihm sein Leben in einer Art Tableau, und er erlebt dadurch unbedingt, daß er einer geistigen Welt angehört. Er macht eine Erfahrung davon, daß er einer geistigen Welt angehört. Das ist eigentlich auch im Taufritual ausgedrückt. So können wir das beim Kind nicht machen. Wir müssen ein Ritual haben beim Kind, das zum Ausdruck bringt, wie das Kind aufgenommen wird in unsere Gemeinschaft, und die gemeinschaftliche religiöse übersinnliche Substanz, die in der Gemeinde lebt, die muß auf das Kind überströmen. Das müssen wir im Taufritus zum Ausdruck bringen, und das kann ja auch geschehen.

[ 46 ] Sehen Sie, es ist ja natürlich bisher in der anthroposophischen Bewegung keine Veranlassung gewesen, diese Dinge wirklich konkret auszubilden aus dem einfachen Grunde, weil wir das ja vermeiden wollten. Die Fälle sind nicht wenige, wo man solche Dinge einführen wollte. Ich habe es immer abgelehnt aus dem Grund, weil natürlich dadurch die anthroposophische Bewegung von Anfang an totgemacht worden wäre. Man mußte eben bei dem bleiben, was einem halbwegs gestattet war.

[ 47 ] Vor 20 Jahren war es noch mehr, heute ist es weniger der Fall, daß die katholische Kirche das Rituelle als ihr Monopol betrachtet hat. Wir würden gleich totgemacht worden sein, und deshalb war auch wenig Veranlassung, das Ritual nach dieser Richtung auszubilden. Das andere, wo allerdings die Form eines Rituals ausgebildet war, das ist durch den Krieg unterbrochen worden, wo man nicht mehr weitermachen konnte; denn sobald diese Dinge weitergeführt worden wären, wäre man als geheime Gesellschaft behandelt worden.

[ 48 ] Das sind die Dinge, warum die rituelle Seite innerhalb der anthroposophischen Bewegung nicht ausgebildet worden ist. Aber in Ihrer Bewegung wird sie ausgebildet werden können, denn es wird als etwas ganz Natürliches betrachtet werden können, daß das Rituelle in einer religiösen Bewegung ausgebildet wird. Wenn auch der Protestantismus einen gewissen Horror hat vor dem Kultusartigen, so glaube ich doch, daß [die Notwendigkeit des Rituellen] wiederum gefühlt werden könnte.

[ 49 ] Ein Teilnehmer: Zunächst haben die Katholiken mehr Sakramente als die Protestanten. Was liegt dem zugrunde und welches ist die eigentliche Bedeutung der Kulthandlung des Abendmahles?

[ 50 ] Rudolf Steiner: Dasjenige, was im katholischen Dogma liegt, geht ja auf bestimmte Formen älterer Erkenntnis zurück. Man stellt sich vor, daß zwischen Geburt und Tod der Mensch sieben Stadien durchmacht. Erstens die Geburt selber, dann dasjenige, was man das Reifwerden nennt, die Pubertät, dann das, was man das Bewußtwerden der Innerlichkeit nennt um das 20. Jahr herum, dann das Gefühl, der Welt nicht zu entsprechen, nicht ganz Mensch zu sein, das ist das vierte. Und dann, nicht wahr, das allmähliche Hineinwachsen in das Geistige. Diese Dinge sind dann etwas schwankend geworden, aber man stellte sich das ganze menschliche Leben einschließlich des sozialen in sieben Etappen vor, und man stellte sich vor, daß der Mensch zwischen Geburt und Tod herauswächst aus dem Geiste. Die katholische Kirche kennt ja in der neueren Zeit keine Präexistenz. Es ist nur ein Gedanke Gottes vorhanden, und dieses Herauswachsen aus dem Gottesgedanken wird in sieben Etappen dargestellt. Diesen sieben Etappen müssen [jeweils] andere Kräfte entgegengehalten werden. Die Geburt ist eine Evolution, das Reifwerden ist eine Evolution, jeder Evolutionsform wird eine Involutionsform entgegengestellt: der Geburt die Taufe, der Pubertät die Firmung. Jedes Sakrament ist das Inverse zu einer natürlichen Etappe in der Evolution. Man kann sagen, die katholische Lehre stellt sieben Evolutionsstufen dar, denen sie gegenüberstellt sieben Involutionsstufen, und das sind die sieben Sakramente, von denen vier irdisch sind, nämlich Taufe, Firmung, Altarsakrament, Buße. Diese vier sind so allgemeinmenschlich wie physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Wenn Sie höher hinaufgehen, kommen Sie zum Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen. So wie das Hereinscheinen aus der geistigen Welt, so sind die drei letzten Sakramente diejenigen, die in das Soziale gehen: die Ehe, die Priesterweihe, die Letzte Ölung. Das Hereindringen der geistigen Welt kommt in der Priesterweihe zum Ausdruck. Das sind also die sieben Sakramente, von denen die letzten sind die Letzte Ölung, die Priesterweihe und die Ehe. Es sind einfach die Sakramente die inversen Vorgänge für die natürlichen Vorgänge, die sich vollziehen für den Menschen, und danach sind auch die entsprechenden Kulthandlungen eingerichtet.

[ 51 ] Der Gedanke der sieben Sakramente ist schon durchaus ein solcher, der nicht willkürlich ist. Willkürlich ist es vielmehr, diese sieben Sakramente auf zwei zu beschränken. Das ist geschehen in einer Zeit, wo man kein Gefühl mehr hatte für die innere Zahlenkonstitution der Welt. Diese Dinge sind es natürlich, die wirklich ernst zu nehmende katholische Priester, namentlich die Ordensgeistlichen, zu solchen Verächtern des Protestantismus machen. Sie halten ihn durch die Bank für einen Rationalismus, für etwas, was nichts mehr weiß. Es gibt echte durchgeistigte Naturen unter den Ordensgeistlichen — die Jesuiten, nicht wahr, die werden ja zubereitet — ich habe einen unter den Ordensgeistlichen von Monte Cassino gefunden, den Pater Storkeman, mit dem ich auch über Dionysios Areopagita gesprochen habe, der mir den Altar gezeigt hat, wo er gewöhnlich Messe liest. Der hat mir über seine Gefühle bei der Messe gesprochen, da sah man, das hat nichts zu tun mit der gewöhnlichen Konfession der katholischen Kirche.

[ 52 ] Und ein andermal, in Venedig, da war ein Patriarch, das war ein fürchterlicher Kerl. Ein anderer, ein jüngerer Kleriker predigte, und dem, der gepredigt hatte, dem sah ich es okkult an, daß er wirklich durchgeistigt war. Die Predigt war auch wirklich etwas ganz Feines. Gerade durch das Zeremoniell zeigen sich einzelne, die herausfallen. Ich habe auch einen die Messe lesen sehen im unteren Erdgeschoß [einer Kirche] in Neapel, da konnte ich an der Transsubstantiation wirklich sehen dasjenige, was der katholischen Wandlung zugrundeliegt. Es ist tatsächlich so: Wenn die Transsubstantiation durch einen wirklichen Priester durchgeführt wird, dann bekommt die Hostie eine Aura. Nun, das mögen Sie glauben oder nicht, ich kann es nur erzählen.

[ 53 ] Man braucht nicht damit zurückzuhalten [das auszusprechen]: Es liegt schon im Kultus eine innere Realität, das ist zweifellos der Fall. Man sieht gerade dann die Schäden im Katholizismus, wenn man auf der anderen Seite sieht, was er gewesen ist, und was in der rationalistischen Zeit verlorengegangen ist. Das ist sinnlos, daß [der Protestantismus] aus sieben Sakramenten zwei herausgenommen hat; das hat keine Raison.

[ 54 ] Emil Bock: Dürften wir noch dazu fragen, was in der früheren Christenzeit die Handauflegung für eine Bedeutung gehabt hat?

[ 55 ] Rudolf Steiner: Da müssen Sie sich klar sein darüber, daß die Menschheit eine Entwickelung durchgemacht hat und daß gewisse geistige Kräfte, die in der Vormenschheit da waren, immer mehr und mehr im Rückgang sind, indem der Mensch intellektueller wurde, die Freiheit ausbildete. Gegenüber dem natürlichen Leben gingen gewisse Kräfte durchaus zurück, und deshalb versteht man viele Dinge nicht, die in der biblischen Geschichte erzählt werden und die etwas ganz anderes bedeuten, als was der Mensch heute damit verbindet. Ich mache Sie da zum Beispiel aufmerksam, wie gemein, widerlich gemein die moderne Zeit so etwas auffaßt wie das Verhältnis des Sokrates zu seinen Schülern. Man redet da von einer Art Homosexualität, während das auf eine Seite der Seelenkräfte hinweist, wo nicht nur durch das Wort, sondern durch das Beisammensein des Sokrates mit seinen Schülern etwas bewirkt wurde. Die Anwesenheit des Menschen bedeutete ihnen etwas. Es ist eine ekelhafte Verleumdung der Dinge, wenn heute auf diese Sachen im Griechentum die Begriffe der Homosexualität angewendet werden. Und so ist es auch mit der Berührung bei der Handauflegung. Die Hand des Menschen hat im wesentlichen nicht nur eine fühlende Bedeutung, sondern sie hat auch eine Ausströmung, und die Ausströmung war in früherer Zeit stärker, sie kann etwas Gesundendes bekommen. Ich habe das öfter in Vorträgen in eine bestimmte Formel gebracht: Das menschliche Leben ist ein Ganzes, und die Kindheit gehört zusammen mit dem späteren Lebensalter. Kein Mensch bekommt im späteren Lebensalter die Gewalt, zu segnen, der nicht in der Kindheit zu beten vermag. Wer niemals in der Jugend betend die Hände gefaltet hat, kann die Hände niemals segnend halten. Das Handauflegen war einfach ein Einweihungsvorgang [.. Lücke in der Nachschrift], was sich da involviert, das involviert sich in der Handauflegung. Das war etwas, was früher ausgebildet worden ist, und die gesundende Wirkung des Handauflegens, die sollte man durchaus ins Auge fassen. Nicht wahr, der heutige Mensch ist nicht mehr in derselben Lage, er wird gar nicht in seiner Jugend dazu angehalten, so etwas auszubilden. Solche Dinge hat man früher ausgebildet, das ist schon eine Realität gewesen einmal. Es ist aber gar nicht ausgeschlossen, daß in einer vergeistigteren Zukunft diese Dinge wieder ausgebildet werden. Würden Sie das nicht für wünschenswert halten? — Das Händefalten ist eine Vorbereitung zum Segnen. Ebenso ist zum Beispiel im älteren Katholizismus durchaus gelehrt worden: Lernst du knien, so lernst du in der richtigen Weise das «dominus vobiscum» sagen. — Das ist Ihnen sonderbar? — Sie wissen ja, wie man das «dominus vobiscum» sagt. Das wird erlernt durch das Knien, sonst hat es nicht die Gewalt.

[ 56 ] Ein Teilnehmer: Es wurde gesagt, daß die Priester im Ägyptertum eine außerordentliche Führerstellung gehabt haben. Wir haben gehört, daß Eingeweihte die Menschheit geführt haben, daß sie durch reale Gedanken gewirkt haben. Die Frage geht dahin, wie das heute modifiziert werden müßte durch das Neue.

[ 57 ] Rudolf Steiner: Ja, neu werden muß es insofern, als wir nicht mehr zurückkehren [dürfen] zu diesem stark unbewußten, atavistischen Element, sondern wir müssen durch das viel Bewußtere gehen, mehr Rücksicht darauf nehmen, daß jeder Mensch sich zur Persönlichkeit ausbilden muß. Es ist ja auch heute noch im Katholizismus so, daß die Persönlichkeit des Priesters vollkommen unterdrückt wird. Wenn die Stola gekreuzt wird, dann ist der Priester nur ein Figurant der Kirche, er ist nicht mehr Mensch. Das dürfen wir nicht pflegen. Gerade im ägyptischen Priestertum beruhte viel darauf, daß eigentlich, solange der höchste Priester lebte, die anderen nur Figuranten sein durften. Erst wenn er starb, konnte wiederum ein anderer eintreten. Es war immer nur einer. Das alles müssen wir heute ausschließen.

[ 58 ] Ein Teilnehmer: Wie steht es mit der Gewandung des Priesters?

[ 59 ] Rudolf Steiner: Die liturgische Gewandung ist so entstanden, daß man sich die Färbung einer persönlichen Empfindung im Verhältnis zum Realen vorgestellt hat, so zum Beispiel vorgestellt hat den segnenden Priester. Das gibt natürlich eine ganz bestimmte Färbung des astralischen Leibes, und danach ist das liturgische Gewand gebildet. Nicht wahr, Segnen ergibt ein Aufgehen der eigenen Persönlichkeit in der übersinnlichen Welt und ein Überströmenlassen des Segens auf die Gemeinde; das gibt ein blaues Untergewand und ein rotes Übergewand. Man bildet einfach den astralischen Leib nach. Ebenso ist das für die anderen Handlungen, für das Beten und so weiter. Sie stellen sich zum Beispiel vor, daß man Ausgießung des Geistigen hat. Das kann man ganz genau verfolgen: Färbung des astralischen Leibes — Priestergewand. Das liturgische Gewand ist einfach die Färbung des astralischen Leibes. Das wäre durchaus nachzubilden, und es wird sich nur fragen, wieweit die Menschheit dazu reif ist, so etwas wiederum gelten zu lassen.

[ 60 ] Ich habe einen ausgezeichneten protestantischen Geistlichen als Freund gehabt, der hatte ein großes Ideal, das heißt, er hatte viele sehr schöne Ideale, aber unter anderen hatte er eines, und das war die Abschaffung des Lutherrockes. Er wollte dahergehen wie ein gewöhnlicher Stutzer. Es genierte ihn, daß er nicht wie ein Stutzer dahergehen konnte, wenn er Pastor war. Daher war es für ihn sehr schmerzlich, nicht einhergehen zu können in diesem modernen ästhetischen Männergewande, wo man eingespannt ist in zwei Ofenröhren. Diese Scheußlichkeit wird ja heute als das einzig mögliche Gewand angesehen, und alles andere, was etwa neu aufkommt, wird als etwas angesehen, was eine Narrheit ist. Die größte Narrheit ist unser Männeranzug. Eine Menschheit, die sich einen Frack anzieht und einen Zylinder aufsetzt —, es ist ohne weiteres ersichtlich, daß eine solche Menschheit kein Verständnis haben kann für Kultgewänder. Das muß in der Menschheit wieder heranerzogen werden. Es wird dann, wenn auch Frauen diesen Beruf ergreifen können, wenn also Predigerinnen kommen, ja vielleicht ein Weg sein, eher zum Kultgewand zu kommen. Denn die Frauen werden schon irgend etwas tun müssen, um auf den Predigerstuhl zu gelangen. Aber die Männer wollen es heute doch so machen wie ein schweizerischer Redner. Der fand es zum Beispiel richtig, allerdings nicht Predigten, aber Reden zu halten, indem er mit der Zigarette im Mund hin und her spazierte auf dem Katheder. So hielt er seine Vorträge.

[ 61 ] Nicht wahr, Sie wissen ja auch, daß das Kultgewand nicht bloß auf die Kirche beschränkt war, denn die Richter hatten auch Kultgewänder — und wenn Sie heute einem Richter zumuteten, die alten Kultgewänder anzuziehen, würde er auch dagegen remonstrieren —, ja selbst das Hofzeremoniell ging einher mit einer Art von Kultgewändern. Und schließlich haben Sie an den Universitäten noch die Rektorenmäntel, die immer von einem Rektor auf den anderen übergehen. In dieser Beziehung brauchen wir nur unsere ästhetischen Vorstellungen zu ändern, dann geht es schon.