Vom Leben des Menschen und der Erde
Über das Wesen des Christentums
GA 349
21 April 1923, Dornach
11. Schlafen und Wachen — Das Leben nach Ei Tode — Das Christus-Wesen — Die beiden Jesusknaben
[ 1 ] Guten Morgen, meine Herren! Haben Sie sich eine Frage ausgedacht?
Fragesteller: Herr Doktor war so freundlich, uns zu sagen, wie es ist, wenn der Geist den Körper verlassen hat. Der letzte Vortrag ist mir und meinen Kollegen sehr verständlich gewesen. Aber in der «Theosophie» steht ein Satz, daß, wenn der Geist abgeschieAn ist vom Körper, die Seele noch Begierden behält. Das ist noch eine sehr harte Nuß für uns.
Ich hätte noch eine weitere Frage, etwas ganz anderes.
[ 2 ] Dr. Steiner: Sehr schön, sagen Sie mir auch noch die zweite Frage!
[ 3 ] Der Fragesteller: Es ist mir durch Zufall eine Broschüre in die Hand gekommen von einem Dr. Heuer. Ich nehme an, daß Herr Doktor die Broschüre gelesen hat, daß man also das schon weiß. Dieser Hauer stellt Herrn Doktor so hin, als ob er nichts Neues sagte, als ob man das schon alles wisse, was er in der Anthroposophie sagt, daß man das schon alles kennt. Und dann sagt er aber unter anderem, daß ihm das Unglaublichste bei der Anthroposophie dies sei von den beiden Jesusknaben.
[ 4 ] Der Fragesteller müsse allerdings auch sagen, daß ihm das selbst auch unverständlich sei von den zwei Jesusknaben, wie der eine Jesusknabe aus einer andern Welt herkomme. - Herr Doktor werde die Broschüre haben.
[ 5 ] Dr. Steiner: Die Broschüre habe ich auch, nur noch nicht aufgeschnitten.
[ 6 ] Der Fragesteller fährt fort: Wenn es nicht unbescheiden sei, möchte er bitten, daß Herr Doktor über die Jesusfamilie etwas sagen würde.
[ 7 ] Weitere Fragestellung: Ich bin gefragt worden in den letzten Tagen von meinen Kollegen über die Christus-Wesenheit. Da wäre es mir sehr lieb, wenn Herr Doktor etwas sprechen könnte über die Christus-Wesenheit.
[ 8 ] Dr. Steiner: Ist vielleicht sonst noch eine Frage zu stellen, damit wir das dann im Zusammenhang behandeln können?
[ 9 ] Nun also möchte ich zuerst auf die erste Frage eingehen mit den Begierden. Die Sache ist ja so: Wenn Sie auf dasjenige hinschauen, was der Mensch anders erlebt, als es Stein und Pflanze erleben können, dann werden Sie finden: Der Mensch erlebt seine Gedankenwelt. Die Pflanze zeigt nicht, daß sie eine Gedankenwelt hat. Gedanken sind da, die in der Pflanze leben. Aber bewußte Gedanken in der Pflanze zu suchen, das wäre ein Unsinn.
[ 10 ] Es ist ja allerdings bei der äußerlichen Art, wie heute zum Teil die Wissenschaft vorgeht, etwas Merkwürdiges gekommen. Es gibt heute alle möglichen Arten von Gelehrten, und da es auch solche gibt, die doch nicht ganz daran glauben können, daß überall nur physische Vorgänge sind, mineralische, unlebendige Vorgänge sind, so nehmen sie wenigstens an, daß es Seelisches gibt. Aber da sie über das Seelische selbst nichts wissen, sagen sie: Das Seelische äußert sich dadurch, daß irgendein Wesen dieses oder jenes ausführt.
[ 11 ] So gibt es Pflanzen, die sich höchst merkwürdig benehmen. Da ist zum Beispiel eine Pflanze, die heißt deshalb, weil sie sich so merkwürdig benimmt, die «Venusfliegenfalle». Diese Venusfliegenfalle, die hat nämlich Rosettenblätter, die an ihrem verbreiterten Stiel eine Blattspreite tragen. Die besteht aus zwei Teilen. Auf beiden Spreitenseiten sitzen drei borstenförmige Auswüchse. Wenn nun ein Insekt, das sich auf das Blatt niedersetzt, an diese Auswüchse stößt, dann klappen die beiden Spreitenflügel so schnell zusammen, daß das kleine Insekt gefangen ist. Also das gibt es.
[ 12 ] Diejenigen, die nur in äußerlicher Weise über die Seele reden und nichts wissen über sie, die sagen: Geradeso wie im Menschen eine Seele ist, ist auch in der Pflanze eine Seele. - Diesen Leuten erwidere ich immer nur eines: Ich kenne ein kleines Instrument, in das man etwas Speck hineingibt, den man etwas angebräunt hat: eine Mäusefalle, und wenn die Maus an dem Speck nippt, so schließt sich die Mäusefalle von selbst zu. Also derjenige, der aus solchen Dingen, wie bei der Venusfliegenfalle, schließt, da müsse eine Seele drinnen sein, der müßte auch sagen: die Mäusefalle hat eine Seele, denn sie schließt sich auch von selbst zu. Es kommt eben immer darauf an, aus welchen Gründen man die Sache annimmt.
[ 13 ] Sehen Sie, das ist gerade das Charakteristische bei der Anthroposophie, daß man überall von Gründen ausgeht, währenddem die anderen, wenn sie nun doch wiederum eine Seele annehmen, nichts von der Seele wissen und nun einer solchen Pflanze, bei der, wenn das Insekt in die Nähe kommt, etwas Ähnliches vor sich geht wie bei der Mäusefalle, auch eine Seele zuschreiben. Aber in der Anthroposophie ist nichts von Äußerlichkeiten, die dazu führen, sondern da ist es die wirkliche Erkenntnis des Seelischen. Zu dieser Erkenntnis des Seelischen gehört auch, daß der Mensch Begierden entwickelt. Begierde ist es, wenn er zum Beispiel Durst hat. Wenn ich Durst habe, habe ich die Begierde, Wasser oder etwas anderes zu trinken. Nun also, schön; durch das Wasser wird der Durst befriedigt. Alles das ist Begierde, wo man aus dem Innern seines Organismus heraus etwas wünscht, etwas will; das ist immer Begierde.
[ 14 ] Sehen Sie, über etwas denken die Menschen fortwährend nicht nach. Sie denken nicht nach, welcher seelische Zustand zugrunde liegt, wenn der Mensch aufwacht. Nicht wahr, wenn der Mensch aufwacht, da untersuchen jetzt die Leute, wieviel mehr Kohlensäure im Blut ist und so weiter, das heißt, sie untersuchen nur die physischen Zustände. Aber die Wahrheit ist diese, daß der Mensch aufwacht, weil er Begierde hat nach seinem physischen Körper. Wenn Sie abends einschlafen, so haben Sie keine Begierde mehr nach Ihrem physischen Körper. Der ist ganz angefüllt von Ermüdungsstoffen. Da drinnen ist nicht mehr gut sein. Die Seele, also das Ich und der astralische Leib, wollen sich außerhalb des physischen Leibes erholen. Morgens, wenn der physische Körper wieder hergestellt ist, was die außer dem physischen Körper befindliche Seele merkt an dem Zustand der Haut, weil sie in seiner Nähe ist, da geht die Seele wieder in den physischen Körper hinein, weil sie die Begierde hat, im physischen Körper drinnen zu sein, solange der physische Körper überhaupt imstande ist zu leben. Die Seele hat also das ganze Leben hindurch die Begierde, im Körper drinnen zu leben.
[ 15 ] Nehmen Sie etwas anderes: Sie schneiden sich in den Finger und es schmerzt Sie. Da wäre der Finger (Zeichnung $. 202). Jetzt schneiden Sie sich da hinein, und es schmerzt Sie. Was ist denn da geschehen? Ja, da ist der physische Körper ein Stückchen auseinandergerissen. Sie können in den physischen Körper hineinschneiden, aber nicht in den astralischen Leib. Ich will jetzt den astralischen Leib in den physischen Körper hereinzeichnen. Wenn ich das jetzt groß zeichne, so ist da eine Lücke, und da ist der astralische Körper drinnen. Aber der hat die Begierde, nun auch dort, wo der physische Leib auseinandergerissen ist, hineinzukönnen. Er hat die Begierde, im Körper drinnen zu sein, und kann das nicht, weil der Körper da aufgerissen ist. Das macht den Schmerz aus.
[ 16 ] Nun denken Sie sich, wenn die Seele das ganze Leben hindurch die Begierde nach dem physischen Leib hat, dann muß ja etwas eintreten nach dem Tode.
[ 17 ] Wenn Sie sich als Kind die Begierde aneignen, möglichst viel Zucker zu essen, dann entwickeln Sie die Begierde, Zucker zu bekommen. Und findet irgend jemand es in einem gewissen Stadium Ihres Lebens nützlich für Sie, daß Sie nicht mehr so viel Zucker essen, so haben Sie doch weiterhin die Begierde nach dem Zucker. Nehmen wir an, Sie haben die Zuckerkrankheit bekommen, und Sie sollen es deshalb nicht mehr tun - ja, das dauert lange, bis man sich das abgewöhnt! Man hat immer die Begierde nach dem Zucker und muß sie sich erst langsam abgewöhnen. Sie wissen ja, wenn einer sehr viel säuft, so hat er die Begierde danach bekommen; er muß sie sich langsam wieder abgewöhnen. Wenn einer Opium ißt, wie ich es Ihnen neulich erzählt habe, und es wird ihm abgewöhnt, da wird er ganz verrückt vor lauter Begierde nach dem Opium.
[ 18 ] Nun lebt im Ich und astralischen Leib das ganze Leben hindurch Begierde nach dem Körper. Die Seele möchte nach dem Tod immer wieder in den Körper hinein aufwachen. Das muß sie sich erst abgewöhnen. Dieses Abgewöhnen dauert ungefähr ein Drittel des ganzen Lebens. Ein Drittel des ganzen Lebens dauert nämlich der Schlaf. Am ersten Tag, nachdem man gestorben ist, will man zurückgehen. Man will dasjenige, was am letzten Tag des Lebens ausgeführt worden ist, ausführen; am zweiten Tag will man das vom vorletzten Tag ausführen, und so geht es fort. So hat man die Begierde für dieses Drittel des Lebens sich abzugewöhnen. Also nach dem Tode hat man zwar nicht Durst- oder Hungerbegierde, aber fortwährend die Begierde nach all dem, was man durch den physischen Leib gehabt hat. Nach dem Tode ist es so: Sie haben Ihr ganzes Leben lang die nächste Umgebung ihres Heimatortes lieb gewonnen. Das haben Sie immer gesehen. Ja, das haben Sie durch Ihren physischen Leib gesehen. Das glaubt ja nur der Türke, daß er etwas viel Schöneres an Wiesen und Blumen und so weiter hat nach dem Tode, als er hier auf Erden hat. Also das müssen Sie sich alles abgewöhnen. Und dieses Abgewöhnen ist es eben, warum man sprechen muß davon, daß die Begierden noch bleiben. Ist das nicht verständlich? (Anwort: Jawohl!)
[ 19 ] Also nach dem Tode bleiben die Begierden nach dem physischen Leib und dem Leben überhaupt, nicht mehr Hunger und Durst, denn dazu braucht man einen Magen; den hat man nicht mehr, den hat man in den Sarg gelegt. Aber man hat nach dem Tode namentlich noch die Begierde, das alles zu sehen, was man während des Lebens gesehen hat.
[ 20 ] Nun aber kommt etwas anderes dazu: Nach dem Tode kann man ebensowenig schon in der geistigen Welt, in die man jetzt eingetreten ist, richtig auf geistige Art sehen, geradesowenig wie das Kind hier in der physischen Welt sogleich sehen kann. Man muß sich das erst erwerben. Man muß erst hineinwachsen in die geistige Welt. So daß also der erste Zustand nach dem Tode, ein Drittel des Lebens, darinnen besteht, daß man noch blind und taub ist für die geistige Welt, aber noch Sehnsucht hat nach der physischen Welt. Das tritt dann ein, nach zwei, drei Tagen, binnen deren, wie ich erzählt habe, der Tote zurückschaut. Und erst, wenn er sich das abgewöhnt hat, wächst er auch hinein in die geistige Welt und kann dann auf geistige Art wahrnehmen. Dann hat er nicht mehr die Begierde nach der physischen Welt. Also wer das Seelenleben beurteilen kann, kann auch beurteilen, was vom physischen Leben bleibt. Und es bleibt natürlich nicht bloß Angenehmes. Wenn einer die Begierde gehabt hat, fortwährend die Menschen zu prügeln, so bleibt ihm die Begierde zu prügeln, und dann muß er sich das alles langsam abgewöhnen. Das sind eben die Dinge, die man einsieht.
[ 21 ] Anthroposophie geht überall darauf aus, zu erkennen, was an der Seele wirklich gesehen werden kann, was also wirklich sichtbarlich ist. Das ist dasjenige, um das es sich dabei handelt.
[ 22 ] Was nun die andere Frage betrifft, die Christus Jesus-Frage, so wollen wir auch, damit nichts Unbefriedigtes in Ihnen ist, gleich heute auf sie etwas eingehen. Da muß ich allerdings eine geschichtliche Sache vorausschicken.
[ 23 ] Ich habe Ihnen von allerlei Zuständen erzählt, in denen die Erde in sehr alten Zeiten war. Nun ist das so: Jetzt haben wir Zustände auf der Erde, die eigentlich auch nach naturwissenschaftlichen Beobachtungen nicht älter sind als etwa sechs- bis acht- oder neuntausend Jahre, also sagen wir sechs- bis neuntausend Jahre. Ich habe Sie schon einmal darauf aufmerksam gemacht. Vor dieser Zeit, da konnten Sie nicht sehr weit gehen von hier aus, da kamen Sie in die sogenannte Gletscherregion hinein. Da war die Schweiz dort, wo Sie heute herumgehen können, bis hinunter überall von Gletschern bedeckt. Da flossen die Gletscher in Tälern, wo jetzt die Flüsse sind; die Aare, die Reuß und so weiter sind ja übriggebliebene verdünnte Gletscherströme von ehemals, von früher.
[ 24 ] Nun aber ging dieser Zeit, in welcher ein großer Teil von Europa von diesen Gletschern bedeckt war, eine ganz andere Zeit voran. Denn die Erde ist ja fortwährend so — nur muß man große Zeiträume in Betracht ziehen -, daß ihre Oberflächen steigen und fallen, steigen und fallen. Wenn zum Beispiel hier das Meer ist (es wird gezeichnet), und da oben Land, so schwimmt dieses Land da im Meere. Alles Land schwimmt nämlich im Meere. Kann man sich das vorstellen? Es ist nicht so, daß das hinuntergeht bis zum Grund, sondern das Land, alle Länder, schwimmen im Meere. Unter den Ländern ist auch Meer.
[ 25 ] Nun werden Sie sagen: Warum schwimmt denn das nicht hin und her wie ein Schiff? Ich will Ihnen zuerst etwas anderes noch sagen. Tatsächlich schwimmen die Länder im Meere, aber nehmen Sie an, das sei Großbritannien, England (es wird gezeichnet). England ist eine Insel. Die schwimmt tatsächlich so im Meere, schwimmt allerdings in der Nähe von Europa, und die Entfernung ändert sich nicht. Aber selbst nach naturwissenschaftlichen Ansichten war das nicht immer so, wie es jetzt ist, sondern es gab auch Zeiten, in denen das Wasser da oben drüber ging. Da war England unter dem Meer drunten. Man kam dann, wenn man dieses Stückchen Meer durchquerte, natürlich auf den Boden. Also die Sache ist so, daß es Zeiten gegeben hat, wo England unter dem Meere war.
[ 26 ] Ja, die Sache ist sogar so: Wenn Sie den Boden von England untersuchen, dann finden Sie in diesem Boden gewisse versteinerte Tiere. Aber die sind nicht alle gleich. Wenn Sie hier ein Stück Boden von England untersuchen, und weiter oben wieder, so sind da ganz andersartige versteinerte Tiere, und noch weiter oben sind wiederum ganz andere versteinerte Tiere und noch weiter oben wiederum ganz andersartige versteinerte Tiere. Vier aufeinanderfolgende Lagen von versteinerten Tieren findet man im Boden von England!
[ 27 ] Woher kommen denn diese versteinerten Tiere? Wenn das Meer ein Land überschwemmt, dann sterben die Tiere ab. Ihre Schalen fallen hinunter, und die Tiere werden versteinert. Wenn ich vier übereinander folgende Lagen finde in einem Boden, so muß das betreffende Land viermal vom Meer überschwemmt worden sein. Da hat es immer eine Lage abgesetzt. Und so findet man bei England, daß das Land viermal oben und wieder unten war. Viermal war England über Wasser, ist immer wieder gestiegen.
[ 28 ] Nun können Sie fragen: Warum geht denn solch eine Insel, die eigentlich im Wasser schwimmt, nicht hin und her wie ein Schiff? Ja, von der Erde aus wird sie nämlich nicht gehalten. Wenn es auf die Erde bloß ankäme, man kann es sich gar nicht vorstellen, wie da alles durcheinander gerüttelt würde! Da würde bald England an die Küste von Norwegen angeschlagen werden, bald nach Amerika hinübergeschlagen werden und so weiter, und die Länder würden alle durcheinandergeschlagen werden, wenn es bloß auf die Erde ankäme. Aber es kommt nicht bloß auf die Erde an, sondern die Sternkonstellation am Himmel sendet die Kräfte aus, welche ein Land an einer bestimmten Stelle festhalten. Also an der Erde liegt das nicht. Es liegt an der Sternkonstellation. Und man kann immer nachweisen: Wenn sich die Lage geändert hat, da hat sich die Sternkonstellation verändert — natürlich nicht die der Planeten, sondern der Fixsterne. Derjenige, der nichts wissen will von dieser Welt, der macht es eben so wie die Leute, die sagen, die Kräfte zum Denken kommen allein aus dem Gehirn heraus. Wenn ich da den weichen Erdboden habe und mache nur meine Fußspuren, und es kommt meinetwillen einer vom Mars herunter und meint, die Fußspuren kommen von der Erde, die Erde wirft bald den Sand auf, bald zieht sie ihn herunter — so ist es ja gar nicht, ich habe von draußen hereingestoßen. Und so sind auch die Windungen meines Gehirns von außen, vom seelischen Denken hineingekommen. $o ist es auch mit den Ländern, die über die Erde gekommen sind: sie sind festgehalten von den Sternkonstellationen. Wir müssen also Geist nicht nur sehen in den Menschen auf der Erde, und auf der Erde überhaupt, sondern im ganzen Weltenall.
[ 29 ] Solche Sachen, meine Herren, denken Sie sich nur, die haben ältere Menschen merkwürdigerweise gewußt, aber auf eine ganz andere Art gewußt als wir heute. Ich will Ihnen einen Beweis liefern. Es gibt einen großen griechischen Philosophen, der mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt gelebt hat, Plato hieß er. Der wußte ja sehr viel. Er erzählt, daß einer der Weisesten seiner Landesgenossen, Solon, der Gesetzgeber von Griechenland, einmal bei einem Ägypter war. Die Ägypter waren das mehr ältere Volk damals; nur haben sich die Griechen gescheiter benommen, als wir uns benehmen. Nicht wahr, die Griechen haben die Ägypter hoch verehrt — das werden wir gleich sehen —, aber sie haben nicht Ägyptisch gelernt, die alte Sprache der Ägypter. Die Griechen haben nicht Ägyptisch gelernt! Unsere Gelehrten, die müssen alle Griechisch lernen! Die Griechen waren nämlich viel gescheiter. Wir machen ihnen dasjenige, was sie damit befolgt haben, nicht nach; wir machen ihnen aber ihre Sprache nach. Unsere Gelehrten werden eben gerade dadurch befangen, daß sie nicht hineinwachsen, in dasjenige, was ihnen urtümlich auf der Erde ist, sondern sie werden abgelenkt von dem, was den Menschen eigen ist, indem sie sich in eine ganz alte Sprache hineinfinden müssen. Nun, in der Schweiz kämpft man ja jetzt dagegen; aber das hat lange gedauert. Man hat unseren Jungens, wenn sie Mediziner werden wollten, erst die Köpfe verdreht, indem sie Griechisch lernen mußten. Ich sage es nicht, weil ich es auch einmal lernen mußte, ich liebe sie sehr, die griechische Sprache. Doch das sollen einige lernen, die etwas davon haben wollen, aber nicht, wer Mediziner oder Jurist werden will, und sie im späteren Leben wieder vergißt.
[ 30 ] Da erzählt Plato, daß Solon bei einem Ägypter war, und dieser gescheite Ägypter hätte ihm gesagt: Ihr Griechen, ihr seid zwar fortgeschrittene Menschen, aber ihr seid doch noch Kinder, denn ihr wißt ja nichts davon, daß die Länder fortwährend herausgezogen werden übers Meer und wieder hintertauchen, daß immer Umwälzungen stattfinden.
[ 31 ] Also die alten Ägypter haben es noch gewußt; die Griechen nicht mehr. Nur noch Plato. Der hat etwas davon gewußt, daß da draußen im Atlantischen Ozean, wo jetzt die Schiffe von Europa nach Amerika fahren, Land war, daß also die europäische Westküste mit der amerikanischen Ostküste durch Land verbunden war. Aber die alten Wahrheiten, die sind eben vergessen worden. Und das war deshalb, weil die Menschen eben ein noch mehr unbewußtes Wissen gehabt haben. Wir haben uns das abstrakte Wissen angeeignet. Das brauchen wir zu unserer Freiheit. Denn die Menschen damals waren nicht frei; aber sie wußten eben mehr. Und Lessing, sagte ich Ihnen, der gab etwas darauf, daß diese alten Menschen mehr gewußt haben als die späteren.
[ 32 ] So kommen wir dazu, uns zu sagen: Es ist so, daß da alte Zeiten waren, in denen die Menschen durch ihre eigene Natur gewußt haben: es ist da überall ein Geistiges ausgebreitet. Das haben die Menschen ziemlich lange gewußt.
[ 33 ] Da gibt es zum Beispiel einen römischen Kaiser, Julian, im 4. Jahrhundert nach Christus. Dieser Julian ist bei denjenigen Menschen unterrichtet worden, die noch etwas von asiatischem Wissen gehabt haben. Und dieser Julian hat gesagt: Es gibt nicht eine, sondern es gibt drei Sonnen. Die erste Sonne ist die physische Sonne, die zweite ist eine seelische Sonne, und die dritte Sonne ist eine geistige Sonne. Die erste ist uns sichtbar, die zwei andern sind unsichtbar. Das sagte dieser Julian.
[ 34 ] Nun ist etwas sehr Merkwürdiges geschehen. Der Julianus, der ist überall in der Geschichte verleumdet worden; denn er glaubte nicht ans Christentum. Aber er glaubte an dasjenige, was die Menschen vor dem Christentum gewußt haben. Und als Julian einmal einen asiatischen Feldzug führen mußte, da wurde er ganz plötzlich ermordet. Es war eine Art Attentat. Aber dieses Attentat haben diejenigen ausgeführt, die ihn gehaßt haben, weil er noch das alte Wissen sich angeeignet hat.
[ 35 ] Sie müssen nur bedenken, daß auch damals in älteren Zeiten überhaupt die Sache ganz anders gehandhabt wurde als heute. Die Ägypter waren so furchtbar gescheite Leute, wie ich es Ihnen gesagt habe. Aber sie hatten nicht eine solche Schrift wie wir, sondern sie hatten eine Bilderschrift. Da war immer das Wort ähnlich dem, was es bedeutete. Und denjenigen Menschen, die in Ägypten Schreiber waren, denen wurde eingeschärft: Schreiben ist etwas Heiliges; ihr müßt ganz getreu die Sachen nachahmen. Und wissen Sie, was dem passiert ist, der damals aus Nachlässigkeit einen Fehler im Abschreiben von Bilderschriften gemacht hat? Der ist zum Tode verurteilt worden! Nun, heute würde man schön schauen, wenn einer, der einen orthographischen Fehler macht, deshalb zum Tod verurteilt würde. Aber die Menschengeschichte verläuft eben anders, als man es sich träumt. In der Tat waren die alten Ägypter weise und grausam in gewisser Beziehung. Ein Fortschritt ist natürlich doch vorhanden in der Menschheit. Aber deshalb, weil ihnen das Schreiben etwas so Heiliges war, dürfen wir doch nicht ableugnen, daß sie wiederum weise waren in anderer Beziehung und Dinge gewußt haben, die erst jetzt wiederum nach und nach in der Anthroposophie herauskommen, in ganz anderer Art. Die haben es nämlich geträumt, und wir wissen es; das ist eine ganz andere Art gewesen.
[ 36 ] Nun, sehen Sie, der Julianus hatte recht. Es ist tatsächlich so: Wie Sie in Ihrem Körper Seele und Geist haben, so hat die Sonne Seele und Geist. Das sagt eben derjenige, der das Seelische kennt. Er spricht nicht davon, daß die Venusfliegenfalle eine Seele habe, weil das ein Unsinn ist, zu sagen, daß alles, was sich irgendwie zweckmäßig bewegt, eine Seele hat. Aber er weiß, daß wenn das Licht scheint, es Seele hat, sich seelisch bewegt; denn das nimmt er wahr. Und so wußte man: Die Sonne enthält ein lebendiges Wesen.
[ 37 ] Nun wissen Sie ja, daß erzählt wird: In Palästina wurde zu einer bestimmten Zeit der Jesus von Nazareth geboren. Sehen Sie, meine Herren, der Jesus von Nazareth, der wuchs auf - man kann nämlich heute nachprüfen, was in den Evangelien steht, also wahr ist — als ein ziemlich einfacher Knabe. Er war der Sohn eines Schreiners, eines Zimmermanns. Das stimmt. Als ein ziemlich einfacher Knabe wuchs er auf. Nun hatte er noch sehr viel von der alten Weisheit. Deshalb beruht es wiederum auf Richtigkeit, daß er im zwölften Jahre den Gelehrten sehr gescheit antworten konnte. Es passiert nämlich heute auch noch, daß ein zwölfjähriger Knabe vernünftigere Antworten gibt, als ein «verlernter» Gelehrter! Aber daran erkannte man, daß er ein sehr begabter Knabe war. Nun wuchs er weiter heran, und als er dreißig Jahre alt war, da änderte sich ganz plötzlich etwas in ihm. Das ist eine Tatsache; es änderte sich ganz plötzlich etwas in ihm.
[ 38 ] Was änderte sich in ihm, als Jesus dreißig Jahre alt war? Als Jesus dreißig Jahre alt war, da ging ihm plötzlich auf, allerdings vorbereitet durch sein früheres großes Wissen, das, was man damals nicht mehr gewußt hat, was nur einzelne verborgene Gelehrte aus einer alten Weisheit gehabt haben, von denen es später der Julian noch hat finden können. Ihm ging auf durch ein älteres Wissen: Das ganze Weltenall und die Sonne enthält Seele und Geist. Er wurde durchdrungen von dem, was im Weltenall lebte, indem er dies wußte. Wenn man es weiß, hat man es auch.
[ 39 ] Nun mußte man damals, in der damaligen Zeit, den Menschen die Dinge in Bildern beibringen. Das, was ich Ihnen heute sage, kann man erst seit dem 15. Jahrhundert so ausdrücken. Vorher hatte man nicht diese Begriffe. Das drückte man also so aus, daß man sagte: Eine Taube senkte sich herunter, und er bekam den Heiligen Geist in sich. Das ist natürlich so, daß derjenige, der das wahrnehmen konnte, wußte: Da ist etwas geschehen mit ihm. Er drückte das so aus, und in einem Evangelium steht es: Da erscholl eine Stimme vom Himmel: «Dies ist mein vielgeliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe», richtig übersetzt: «Dieser ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn geboren.» Das heißt, man faßte das, was da im dreißigsten Jahre geschah, richtig wie eine zweite Geburt auf. Mit der Jesus-Geburt ist eben nur Jesus geboren, der begabter war als die anderen, aber der eben noch nicht dieses Fühlen in sich hatte. Das empfand man als etwas außerordentlich Wichtiges. Und das ist die Johannestaufe im Jordan.
[ 40 ] Da gab es für mich einmal etwas, was mir große Sorge machte. In der Wissenschaft gibt es schon solche Sorgen, meine Herren! Da hatte man, Sie wissen es, die vier Evangelien, das Matthäus-, das Markus-, das Lukas-Evangelium, und das Johannes-Evangelium. Nicht wahr, heute weiß jeder, diese vier Evangelien widersprechen sich ja. Wenn Sie anfangen zu lesen im Matthäus-Evangelium und da lesen, wie der Stammbaum des Jesus ist, und vergleichen das mit dem Stammbaum des Jesus im Lukas-Evangelium, so widerspricht sich das nämlich. Die Leute sagen: Das widerspricht sich. - Aber sie denken nicht weiter nach darüber, warum sich das widerspricht. Sie sagen höchstens: Das hat der eine, das hat der andere erfunden; der eine hateben etwas anderes erfunden als der andere, deshalb können sich die Sachen widersprechen.
[ 41 ] Aber so ist es nämlich nicht. Es ist so: Goethe sagt zum Beispiel von sich selber: Vom Vater hab’ ich die Statur — das heißt, er schaute so ähnlich aus wie der Vater —
[ 42 ] Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
[ 43 ] Nun, aber fabulieren hat der Goethe vielleicht mit drei Jahren noch nicht gekonnt; er konnte es aber vielleicht mit neun Jahren. Da mußte er sagen: Schön, von der Mutter habe ich die Lust zum Fabulieren, die ist von der Mutter auf mich übergegangen, die ist von der Mutter in mich hineingekommen.
[ 44 ] Das sage ich Ihnen, weil sich Ihnen verständlich machen wird, wie sich mir meine Sorge in bezug auf die Widersprüche in den Evangelien aufgelöst hat.
[ 45 ] Nun habe ich diese zwei Evangelien zunächst genommen, das Matthäus- und das Lukas-Evangelium. Da kommt, wenn man nicht überhaupt bloß nachlässigerweise sagt, das ist erfunden, kein Mensch darauf, warum sich diese zwei Dinge widersprechen. Und ich habe nun geisteswissenschaftlich untersucht, was dahintersteckt, und habe gefunden: Es wurde eben nicht ein Knabe geboren, sondern es wurden zwei Jesusknaben geboren. Beide Knaben hatten den Namen Jesus. Da braucht man sich nicht weiter darüber zu verwundern; denn wenn in Österreich zum Beispiel ein Knabe Joseph heißt, dann wundert man sich auch nicht, wenn ein anderer Knabe, der zu gleicher Zeit geboren wird, auch Joseph heißt. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn zwei Knaben Seppl oder Franz heißen. So brauchte man sich auch gar nicht zu wundern, wenn damals zwei Knaben Jesus hießen. Es waren wirklich zwei Knaben geboren, die Jesus hießen. Und beide haben miteinander gelebt bis zu ihrem zwölften Jahre. Und da ist das Eigentümliche geschehen: Dadurch, daß sie miteinander gelebt haben, da ist nämlich dasjenige, was der eine an Begabung gehabt hat, plötzlich bei dem andern erschienen. So wie der Sohn von der Mutter erben kann, so hat da zum Beispiel der eine Jesusknabe von dem andern die Begabung geerbt. Und der eine Jesusknabe, von dem der andere die Begabung geerbt hatte, der hat nicht weitergelebt, der ist gestorben mit zwölf Jahren, der ist bald danach gestorben. So blieb der eine übrig und hatte durch die Erschütterung, daß der andere zugrunde ging, in sich aufleuchten gehabt die Weisheit des anderen. Dadurch hat er eben vor den Gelehrten erst glänzen können.
[ 46 ] Die Eltern haben sagen können: Wo hat denn der das alles her? — Wenn man eben Seelischem Einflüsse zuschreibt, dann ist das auch erklärlich. Und solche seelischen Einflüsse gibt es einfach. Der eine Jesusknabe hat bis zu seinem zwölften Jahre die Weisheit nicht gehabt; der andere ist gestorben, und die Weisheit ist nun auf den einen Jesusknaben übergegangen, teilweise durch die Erschütterung, daß der gestorben ist, teilweise, daß sie freundschaftlich miteinander verkehrt haben. Und der machte die Taufe im Jordan durch. Es sind eben zwei Jesusknaben geboren worden, nicht einer; im zwölften Jahr ist der eine gestorben, und der andere ist durch dieses erschütternde Ereignis plötzlich aufgewacht, und hat die Weisheit des andern gehabt.
[ 47 ] Und dann kriegen Sie heraus: der eine der Evangelisten, Matthäus, hat für die Kindheit Jesu den einen Jesusknaben beschrieben, und der andere, Lukas, hat den andern Jesusknaben beschrieben. Und so stimmen die zwei miteinander überein. Ich habe das nicht ausgedacht. Das hat sich mir als Forschungsresultat ergeben. Und deshalb rede ich von den zwei Jesusknaben, gerade aus einer gewissen Wissenschaft heraus, die eben die andern nicht haben.
[ 48 ] Und daraus ersehen Sie, daß man dieselben Grundsätze, die man in der Naturwissenschaft befolgt, daß, wenn die Ursachen da sind, die Wirkungen auftreten, auch in der Geisteswissenschaft verfolgt. Man geht nicht einfach darauf aus, daß man sagt: Nun ja, da haben halt zwei etwas erfunden, der eine Jesusknabe des Matthäus ist erfunden, der andere Jesusknabe des Lukas ist erfunden. — In der Zeit, in der das Matthäus- und das Lukas-Evangelium geschrieben worden sind, war von einem solchen Erfinden überhaupt keine Rede. Die Leute haben bildlich gesprochen; aber erfunden haben sie nichts, denn man hat die Sachen so ernst genommen, daß man ein paar Jahrhunderte früher in Ägypten denjenigen, der irgend etwas aufgeschrieben hat, was nicht gestimmt hat, zum Tode verurteilt hat. Für ältere Zeiten darf man nicht so leichtsinnig sein und sagen, die Leute hätten etwas erfunden. Sie haben es in Bildern ausgedrückt; aber es wäre ihnen gar nicht eingefallen, etwas zu erfinden. Der redet also als ein ganz Unwissender, der da sagt, es könnten das Matthäus- und Lukas-Evangelium erfunden sein. Das sagen aber die heutigen Gelehrten und Theologen. Weil sie sich nicht anders helfen können, müssen sie die Widersprüche zugeben. Aber dadurch, daß man weiß, es sind eben zwei Jesusknaben, der eine der Jesusknabe des Matthäus-Evangeliums, der andere der Jesusknabe des Lukas-Evangeliums, dadurch klärt sich die Geschichte in der besten Weise auf.
[ 49 ] Nun kommt der Herr Hauer, der neben dem, daß er Privatdozent in Tübingen ist, auch ein Wanderlehrer ist, und der aufgetreten ist — das Reden für die Anthroposophie bringt ja heute nichts ein, aber das Reden gegen die Anthroposophie trägt schon heute etwas ein -, der also aufgetreten ist gegen die Anthroposophie, dieser Herr Hauer kommt nun und findet: Das ist etwas Absonderliches. — Ja, meine Herren, etwas Absonderliches ist es natürlich, weil keiner darauf gekommen ist! Es ist natürlich etwas Absonderliches, wenn ich da behaupte, es hat nicht einen, sondern zwei Jesusknaben gegeben; von denen ist einer im zwölften Jahre gestorben. Das ist natürlich etwas Absonderliches, selbstverständlich. Man braucht sich gar nicht zu verwundern, daß es etwas Absonderliches ist. Aber es ist eben deshalb etwas Absonderliches, weil es nicht jeder gesagt hat. Deshalb finder es der Hauer absonderlich. Das finden Sie auf der einen Seite des Hauerschen Buches.
[ 50 ] Auf der anderen Seite finden Sie: Ja, der Steiner sagt überhaupt nichts anderes, als was man schon gewußt hat. Ja, meine Herren, dasjenige, was der Herr Hauer noch nicht gewußt hat, das findet er absonderlich. Darüber schimpft er. Auf Grund desjenigen, was er irgendwoher — weil man ja die alte Weisheit gehabt hat, die ist heute natürlich überall verzeichnet — sich zusammengelesen hat, ich lese es nicht zusammen, aber er liest es sich zusammen!, kommt er zu dem Schluß: Ja, der Steiner sagt ja gar nichts, als was andere auch schon gesagt haben. — So ist man diesen Leuten ausgeliefert. Da, wo irgend etwas gesagt werden muß, da sagen sie: Der sagt nichts Neues. - Wenn ich ein Geometriebuch schreibe, so muß ich natürlich den Pythagoräischen Lehrsatz hineinschreiben; der ist von Pythagoras 600 Jahre vor Christi Geburt gefunden. Natürlich, wenn ich eine Anzahl neue Sachen da drinnen habe, den Pythagoräischen Lehrsatz muß ich auch drinnen haben; ich werde ihn heute etwas anders beweisen, aber drinnen ist er. Das kann man einem doch nicht vorwerfen, daß das, was schon einmal da war, wieder gefunden wird, nachdem es vergessen war! Und so ist es, daß viele von den Sachen, die natürlich heute Geisteswissenschaft behauptet, in einer anderen Weise, denn in derselben Weise ist es ja nicht der Fall, in einer anderen Weise sich finden bei den alten Gnostikern, die eben die Schriftsteller einer alten Zeit sind. Zur Zeit, als Christus da war, hat es noch solche Gnostiker gegeben, und noch später. Diese haben solche alte Weisheit hingeschrieben, aber nicht aus der Wissenschaft heraus, sondern aus altem Wissen heraus, nicht wie die Anthroposophie. Nun vergleichen die Leute das, was die Anthroposophie sagt, und das, was bei den Gnostikern steht. Das ist ein wenig so, wie es bei den Gnostikern wieder vorkommt, weil es wahr ist. Und dann sagen sie: Nun, der sagt ja gar nichts anderes, als was die andern auch gesagt haben! — Aber bei den zwei Jesusknaben, da kann der Herr Hauer nämlich nicht sagen: Da ist der Steiner auf etwas drauf gekommen, was die andern schon gewußt haben! - denn da hat er nämlich keine Ahnung davon, daß das schon einmal irgendeiner gewußt hat.
[ 51 ] Das ganze Buch, ich habe es noch nicht aufgeschnitten, aber was ich davon gesehen habe, wimmelt von solchen Widersprüchen. Es hat überhaupt nicht Hand und Fuß, wenn man eine Seite mit der andern vergleicht. Aber so machen es die heutigen Gelehrten. Auf der einen Seite sagen sie: Das haben andere auch schon vielfach gesagt. - Und auf der anderen Seite sagen sie: Der sagt ja nichts Neues, das haben wir ja alles schon gewußt! — Ja, wenn sie das alles schon gewußt haben, warum schimpfen sie denn darüber? Und auf der andern Seite, wenn etwas kommt, was sie nicht gewußt haben, finden sie es unglaublich.
[ 52 ] Aber sehen Sie, nachdem ich dieses gefunden hatte, wirklich ganz durch geistige Forschung gefunden hatte von den zwei Jesusknaben, die bis zum zwölften Jahre nebeneinander gelebt haben, da wußte ich auch nichts anderes als dieses, daß das eine Tatsache ist. Dann sahen wir einmal ein Bild in Turin. Das Bild ist ganz merkwürdig. Da ist nämlich die Mutter Jesu darauf und zwei Knaben, wovon der eine nicht Johannes ist, denn den Johannes kennt man aus all den Bildern, wo der Jesus und der Johannes gleichzeitig sind, sondern da sind zwei Knaben darauf, die einander ziemlich ähnlich sehen, aber doch nicht Brüder sein können, denn sie sehen sich ähnlich, und wiederum nicht ähnlich. Es ist ziemlich klar gemacht, daß das zwei kleine Freunde sind. Wer zuerst das gefunden hat, daß es zwei Jesusknaben gegeben hat, der kommt dann darauf, was dieses Bild bedeutet. Dieses Bild ist verhältnismäßig in späten Jahrhunderten entstanden; aber als man noch gewußt hat, daß es zwei Jesusknaben gibt, hat ein italienischer Maler die zwei Jesusknaben auf ein Bild gemalt.
[ 53 ] Würde der Hauer heute schon wissen, daß das noch der Fall war aus altem Wissen heraus, so würde er jetzt sagen: Der Steiner hat einfach in Turin das Bild gesehen! - Er würde sagen, das habe er sowieso schon gewußt. Dann würde er an derselben Stelle sagen: Der Steiner behauptet ja gar nichts Neues, der behauptet ja nur die Dinge, die man ohnehin schon gewußt hat. - So sind die Leute!
[ 54 ] Es ist eigentlich etwas ganz Furchtbares, wenn man hineinschaut in diese augenscheinlich dummen Widersprüche, mit denen die Leute heute die Anthroposophie bekämpfen. Denn auf der einen Seite soll dasjenige, was ich sage, einfach Erfindung sein, von mir Erfindung sein. Nun, nehmen wir an, es ist von mir Erfindung; dann kann aber doch nicht derselbe Mensch in dem selben Buch sagen: Der sagt ja gar nichts Neues! - Denn er behauptet ja selbst, daß ich die Sachen erfunden habe, und wirft mir das vor. Und nachher sagt er, das haben die andern auch schon gewußt. — Es ist nämlich hirnverbrannt, was da getan wird. Während, wenn man dem Christus-Ereignis wirklich sich nähert und es so erforscht, wie man sonst Tatsachen erforscht, dann wird es einem eben klar: Diese ungeheure Begabung, die schon der Jesusknabe hatte, die entstand eben durch den Wechselverkehr zwischen den beiden Knaben.
[ 55 ] Daß ein solcher Wechselverkehr stattfinden kann, wovon die anderen Menschen nichts ahnen, das will ich Ihnen beweisen. Sehen Sie — ich will Ihnen einen solchen Fall erzählen, aber es gibt viele solche Fälle -, da gab es einmal ein kleines Mädchen, das hatte schon ältere Geschwister; diese anderen Geschwister lernten ganz ordentlich sprechen. Dieses Mädchen lernte zunächst gar nicht ordentlich sprechen; aber etwas später, als die anderen Kinder reden lernten, fing es an zu reden. Aber es sprach eine Sprache, die keiner von den Erwachsenen verstand. Es erfand sich selber eine Sprache. Es sagte zum Beispiel «Papazzo», und wenn es «Papazzo» sagte, da meinte es den Hund. Und so ähnlich erfand es sich für alle Tiere eigene Namen. Es sind naturwissenschaftliche Tatsachen. Die finden sich nicht irgendwo, diese Namen.
[ 56 ] Nun bekam dieses Mädchen nach einiger Zeit ein kleines Brüderchen. Und das kleine Brüderchen lernte sehr schnell von dem Schwesterchen diese Sprache. Und die redeten in dieser Sprache miteinander. Das Brüderchen ist dann mit zwölf Jahren oder so etwa gestorben, und das Schwesterchen gewöhnte sich diese Sprache wieder ab und eignete sich die Sprache der anderen auch an. Sie heiratete dann später und wurde eine ganz bürgerliche Frau, die den Leuten erzählte, daß das so war. Sie hat es selber durchgemacht. Es ist so. Die beiden Kinder haben sich in dieser Sprache verständigt, miteinander in dieser Sprache geredet; das hat sonst kein Mensch verstanden. Meine Herren, das kann die größte Weisheit sein! Das haben nur die zwei miteinander verstanden und miteinander abgemacht.
[ 57 ] Daraus sehen Sie, wie der eine beeinflußt ist durch den andern. Warum sollte denn nicht der eine Jesusknabe, der mit zwölf Jahren gestorben ist, etwas gewußt haben, was überhaupt kein Mensch verstanden hat! Das erlebt man ja, wenn man die Tatsachen kennt, noch immer.
[ 58 ] Also, es wird nichts anderes behauptet als dasjenige, was im eminentesten Sinne eben auch wirklich wissenschaftlich sein kann. Nun, die Menschen, die das nicht als wissenschaftlich gelten lassen, die können eben immer nicht die Tatsachen zusammenfinden. Derjenige, der weiß, daß es so etwas gibt, daß also zwei Kinder diese Sprache reden, die kein Erwachsener versteht, und Geistiges miteinander gemeinsam haben, an dem die Erwachsenen nicht teilnehmen, wer das versteht, der versteht alles dasjenige, was ich über die zwei Jesusknaben bis zum zwölften Jahre sage. Und daß das ein außerordentliches Ereignis war, das ist ja auch nicht erstaunlich. Das geschieht nicht alle Tage. Und in der Form, in der es geschehen ist, ist es eben nur einmal in der Erdengeschichte geschehen, daß da noch extra mit dreißig Jahren diese ungeheure Erleuchtung kommt über diesen Menschen.
[ 59 ] Nun, sehen Sie, da wird die Christus-Geschichte in wirkliche Wissenschaft verwandelt, in wirkliche Erkenntnis verwandelt. Und da kann man nichts dafür; sie verwandelt sich eben durch die Erkenntnis von selber.
[ 60 ] Nun kann man sagen: Also gut, der Jesus ist mit zwölf Jahren gewissermaßen schon vorher erleuchtet worden durch den anderen, der gestorben ist. Aber mit dreißig Jahren, ja, da war er wiederum plötzlich ein anderer geworden, was der Evangelienschreiber ausdrückt dadurch, daß er sagt: Es flog eine Taube herunter und senkte sich auf ihn.
[ 61 ] Ja, meine Herren, Tatsache ist es, daß er ein anderer geworden ist. Was ist denn da geschehen? Ich habe Ihnen ja erklärt: Wenn ein Kind geboren wird, so ist der Keim da. Auf den Keim muß der Geist des Weltenalls wirken. Kein Wunder, daß da der Geist des Weltenalls wirkt, wenn er sogar auf die Insel England wirkt, wie wir gesehen haben. Aus der Erde heraus war das nicht zu erklären, was mit dem Jesus im dreißigsten Lebensjahre vor sich gegangen ist. Geradeso wie durch die Befruchtung ein Mensch entsteht, indem das eine auf das andere Einfluß hat, so hatte damals auf den dreißigjährigen Jesus das ganze Weltenall Einfluß, befruchtete ihn mit Seelisch-Geistigem, und er wurde dadurch Jesus Christus oder Christus Jesus, besser gesagt. Denn, was heißt denn das? Christus heißt derjenige, der erleuchtet ist. Und Jesus ist ein gewöhnlicher Name, wie man ihn hatte in Palästina, so wie man heute in Österreich Sepperl heißt, Joseph also, oder in der Schweiz so und so, wo man auch ähnliche Namen in jedem Haus findet. Also Jesus hießen viele, und den Christus nannte man ihn, weil eben diese Erleuchtung auftrat.
[ 62 ] Ja, meine Herren, wenn Sie mein Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» lesen, so werden Sie dort nachgewiesen finden: Diese Erleuchtung, die hat man schon früher künstlich hervorgebracht bei gewissen Leuten, nur in geringerem Maße. Die nannte man dann Mysterienweise. Der Unterschied zwischen denjenigen, die erzogen worden sind zu den höchsten Weisheiten im grauen Altertum, der Unterschied zwischen denjenigen und zwischen dem Jesus Christus bestand darinnen, daß diese Mysterienweisen eben in den Schulen, die man dazumal Mysterien nannte, von anderen unterrichtet worden sind. Bei dem Jesus ging es von selbst vor sich. Daher ist es ein anderer Vorgang gewesen.
[ 63 ] «Christus» geworden sind einfach in den alten Mysterien diejenigen, die zum höchsten Wissen aufgestiegen sind; wie Sie ja auch heute zum Beispiel sich nicht zu verwundern brauchen, wenn einer bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre studiert hat - vorher war er der ganz gewöhnliche Joseph Müller, jetzt ist er plötzlich der Herr Doktor. So wurde man in den alten Mysterien «Christus», allerdings nicht auf so unschuldige, das heißt einfache Art; denn man kann natürlich der größte Trottel sein, und mit fünfundzwanzig Jahren doch Doktor werden! Das war nicht in den alten Mysterien möglich; da war es eine tiefe, tiefe Weisheit. Da wurde man der «Christus». Es war ein Titel, der gegeben wurde den höchsten Weisen, wie heute der Titel «Doktor» gegeben wird nach einem gewissen Studium; nur war es damals, wenn es richtig zugegangen ist, ja wirkliche Weisheit. Und bei dem Christus ist es eben von selbst gekommen. Das heißt aber, es ist das, was sonst von der Erde gegeben worden ist, von den Menschen, es ist das gegeben worden aus den Weltenweiten. Das ist nur einmal so geschehen. Dadurch hat die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen. Und dieses Geheimnis kann niemand leugnen, selbst der nicht, der kein Christ ist, daß da die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen hat.
[ 64 ] Die Römer haben das nicht berücksichtigt, die haben das nicht gewußt. Drüben in Asien ist durch den Christus Jesus das Christentum begründet worden. Die Römer sind in derselben Zeit von dem alten republikanischen Staat zum Kaisertum vorgeschritten, und die haben die Christen verfolgt. Die Christen mußten sich unten, unter der Erde, Katakomben machen. Da haben sie nachgesonnen über dasjenige, was ihr Christentum war. Droben, über der Erde, was hat man da getan? Da hat man die Zirkusse gemacht, und man hat die Menschen, die Sklaven, an die Säulen angebunden und verbrannt, als ein Schauspiel für diejenigen, die im Zirkus da saßen. Das war oben auf der Erde. Und unten in den Katakomben haben die Christen ihre damals eben für die versklavten Leute geltende Weisheit, Religion getrieben. Religion heißt ja nur Verbindung - religere = verbinden -; unten haben die Christen ihre Religion getrieben.
[ 65 ] Und was ist ein paar Jahrhunderte später? Die Römer sind nicht mehr da in der alten Weise. Dasjenige, was sie da zur Lust angeschaut haben in den Zirkussen, die verbrennenden Menschen, das war weg, denn die Christen haben sich an die Stelle gesetzt. So geht es in der Welt.
[ 66 ] Und so wird es auch kommen: Diejenigen Leute, die heute so reden, wie der Doktor Hauer, den Sie erwähnt haben vorhin, die werden schon weggefegt werden. Und dasjenige, was heute, wenn es auch nicht physisch, sondern geistig in den Katakomben wirken muß, das wird schon wirken! Aber man muß nur einsehen, wie es sich um wirkliche Wissenschaft handelt; und wie diejenigen, die heute nicht viel lernen, sich ärgern darüber, daß so etwas herauskommt!
[ 67 ] Wenn ich wieder zurückkomme, werde ich ja das weiter fortsetzen können. Aber im wesentlichen werden Sie schon eingesehen haben, welchen Weg das nimmt.
