Vom Leben des Menschen und der Erde
Über das Wesen des Christentums
GA 349
18 April 1923, Dornach
10. Warum erinnert man sich nicht an die vorigen Erdenleben?
[ 1 ] Guten Morgen, meine Herren! Nun wollen wir das, was wir betrachtet haben, noch ergänzen. Ich habe Ihnen ja am Ende der letzten Stunde gesagt, daß die Leute hauptsächlich einwenden: Das mag schon alles richtig sein mit dem Leben, bevor wir in einen irdischen Leib hineinkommen, und auch mit vorhergehenden Erdenleben, aber warum erinnert man sich nicht daran? - Und nun werde ich Ihnen zunächst heute ausführlich diese Frage beantworten, warum man sich nicht erinnert, und wie diese Erinnerung beschaffen ist.
[ 2 ] Nun müssen wir zunächst noch etwas vom menschlichen Körper betrachten, denn es handelt sich wirklich darum, daß man sich wissenschaftlich ausdrückt.
[ 3 ] Sehen Sie, in dieser Beziehung, in der Frage nach den wiederholten Erdenleben, da sind ja die Leute heute sogar mit der Beurteilung von Menschen, die von diesen wiederholten Erdenleben etwas wußten oder wissen, geradezu komisch. Da gab es einen sehr großen Geist innerhalb der deutschen Zivilisation, Lessing, der gelebt hat im 18. Jahrhundert. Dieser Lessing hat außerordentlich viel Geistiges geleistet. Er wird auch heute noch allgemein anerkannt. Und wenn so die Professoren aus der deutschen Literaturgeschichte an den Universitäten vortragen, da tragen sie oftmals monatelang über Lessing vor. Sie wissen ja auch, daß sich von einem der Lessingforscher, wie man sagt, ein Buch findet auch in der sozialdemokratischen Literatur, von Franz Mehring, «Die Lessing-Legende». Da wird Lessing von einem anderen Standpunkte dargestellt. Man kann nicht sagen, daß das, was dort dargestellt wird, richtig ist; aber jedenfalls gibt es auch sogar innerhalb der sozialdemokratischen Literatur von Franz Mehring ein ganz dickes Buch über Lessing. Kurz, Lessing wird als ein sehr großer Mann angeführt. Aber dieser Lessing, von dem heute auch noch überall Stücke aufgeführt werden an den Theatern, die sehr geschätzt werden, dieser Lessing hat, als er schon sehr alt war, ein kürzeres Werk geschrieben: «Die Erziehung des Menschengeschlechts.» Und da steht am Schluß, daß man ja eigentlich mit der Betrachtung der Seele gar nicht zurecht kommt, daß man eigentlich nichts Richtiges wissen kann über das seelische Leben ohne die Annahme der wiederholten Erdenleben, und daß man ja da, wenn man weiter nachdenkt, eigentlich auf diejenigen Ansichten kommt, die schon die primitiven Menschen gehabt haben. Die haben nämlich alle an wiederholte Erdenleben geglaubt. Das ist etwas, wovon man ja erst später abgekommen ist, als man «modern» geworden ist. Und Lessing hat gesagt: Warum sollte denn etwas gerade dumm sein, weil es die ältesten, die frühesten Menschen geglaubt haben? — Kurz, Lessing hat selber gesagt, daß er mit dem seelischen Leben des Menschen nur zurecht kommt, wenn er sich an diesen Urglauben von den wiederholten Erdenleben hält.
[ 4 ] Nun ist das aber, wie Sie sich denken können, eine furchtbare Verlegenheit für unsere heutigen sogenannten Forscher. Denn diese Forscher, die sagen: Lessing, das war einer der größten Männer aller Zeiten. Aber die wiederholten Erdenleben, das ist eine Dummheit. — Ja, wie kommt man da zurecht? - Nun ja, da ist Lessing eben schon alt gewesen. Da ist er schwachsinnig geworden. Die wiederholten Erdenleben, die nehmen wir nicht an! - Sehen Sie, so sind die Leute. Solange ihnen etwas paßt, nehmen sie es an und stempeln den Betreffenden zu einem großen Menschen. Wenn er aber eben einmal etwas gesagt hat, was ihnen nicht paßt, dann ist er für die Zeit schwachsinnig geworden.
[ 5 ] Nur passieren da manchmal ganz merkwürdige Dinge. So zum Beispiel gibt es einen großen Naturforscher, William Crookes. Nun, ich bin nicht mit allem einverstanden, was er sagt, aber jedenfalls gilt er als einer der größten Naturforscher. Er hat in unserer Zeit gelebt, am Ende des 19. Jahrhunderts. Nun, der hat sich immer am Vormittag mit Naturwissenschaften abgegeben. Da mußte er in sein Laboratorium gehen, und er hat da große Entdeckungen gemacht. Wir hätten das alles nicht, Röntgen und so weiter gar nicht, wenn er, Crookes, das nicht vorgearbeitet hätte. Aber nachmittags hat er sich immer mit Seelenforschung beschäftigt. Wie gesagt, ich bin nicht mit allem einverstanden, aber jedenfalls hat er sich damit beschäftigt. Da mußten nun die Leute auch sagen, nicht wahr: Ja, der muß dann immer vormittags gescheit und nachmittags dumm gewesen sein, gleichzeitig dumm und gescheit! So sind schon die Dinge.
[ 6 ] Nun kommt noch etwas. Sie werden überall hören - ich habe Ihnen das schon, wie ich über die Farben sprach, auseinandergesetzt —, die Naturforscher betrachten Newton als den größten Naturforscher aller Zeiten. Er ist es nicht, aber sie betrachten ihn so. Nun kommt da wieder eine Verlegenheit. Dieser Newton, den die Leute als den größten Naturforscher betrachten, der hat nun auch ein Buch geschrieben über dasjenige, was gewöhnlich das Ende der Bibel bildet, über die ApokaIypse. Also wieder eine Verlegenheit!
[ 7 ] Kurz, diejenigen Menschen, die überhaupt alle Möglichkeit, Seelenforschung zu treiben, ablehnen, die kommen gerade den größten Naturforschern gegenüber, auch den größten Geschichtsschreibern gegenüber, in eine furchtbare Verlegenheit, in eine ganz furchtbare Verlegenheit, weil, wenn einer wirklich die Wissenschaft ernst nimmt, er dann gar nicht anders kann, als diese Wissenschaft auch auf das Seelische auszudehnen. Und dazu findet man überall Gelegenheit. Ich habe Ihnen gesagt: Man muß eben beobachten. Nun kann man nicht immer alles absehen an dem alltäglichen Leben, namentlich, wenn man es nicht zuerst gelernt hat. Aber die Natur und manchmal die Menschheit macht für uns selbst auch Experimente, die man gar nicht künstlich herbeiführen soll, aber wenn sie einmal gemacht sind, kann man sie studieren. Man kann sich darnach richten, kann sich wenigstens anregen lassen. Nun gibt es ein Experiment, das ist eigentlich wichtig, charakteristisch, wenn man etwas über das Seelenleben des Menschen gelten lassen will. Den physischen Leib, den lassen ja alle gelten, denn sonst müßten sie ja alle den Menschen ableugnen. Darüber streitet man nicht. Den hat jeder. Jetzt sagt die Naturwissenschaft heute: Der physische Leib ist der einzige, alles müssen wir nach dem physischen Leib erklären.
[ 8 ] Nun gibt es etwas, was uns, wenn wir es richtig beobachten, auf einmal zeigt, daß der Mensch auch noch die drei anderen Leiber hat, den unsichtbaren Ätherleib, den Astralleib und das Ich. Eines gibt es, was man ganz naturwissenschaftlich beobachten kann - es gibt vieles, aber eines besonders, das man ganz naturwissenschaftlich beobachten kann und das dann zeigt, wie der Mensch tatsächlich in Zustände kommen kann, wo er uns zeigt, daß ein Ätherleib vorhanden ist und ein astralischer Leib und ein Ich.
[ 9 ] Sehen Sie, da gibt es Leute in Europa, die haben das Bedürfnis, sich zu betäuben. Jetzt werden ja auch vielfach andere Mittel verwendet. Ich habe Ihnen gesagt, daß man jetzt zum Beispiel Kokain verwendet, um sich zu betäuben; aber zu allen Zeiten hat man in Europa das Opium verwendet, um sich zu betäuben. Es gab immer solche Leute, die, wenn sie mit dem Leben nicht zufrieden waren, oder wenn sie zu viel Sorgen gehabt haben, nicht wußten, was sie da machen sollten, die sich dann eben mit Opium berauschten. Sie haben ein wenig Opium, immer nur eine geringe Menge von Opium genommen. Was ist da eingetreten? Zunächst, wenn einer eine geringe Menge Opium nimmt, dann kommt er in einen Zustand des innerlichen Erlebens; er denkt nicht mehr, er fängt an, in wüsten Bildern zu träumen. Das gefällt ihm sehr, das tut ihm sehr wohl. Diese Träume werden immer berauschender. Bei dem einen ist es dann so, daß er das graue Elend kriegt, daß er anfängt, in sich zu gehen, wie ein Sünder sich zu benehmen; ein anderer fängt an zu toben, zu rasen, daß er sogar Mordlust kriegt. Und dann schlafen die Leute ein. Also dieser Opiumgenuß besteht eigentlich darin, daß die Leute sich stürmisch durch ein äußeres Gift in den Zustand bringen, der darin besteht, langsam ins Schlafen hinüberzugehen.
[ 10 ] Wenn man das alles betrachtet, was eigentlich da am Menschen vorgeht, dann kommt man darauf — wir können es ja sehen —: Der Mensch kommt zunächst in sehr aufgeregte Träume hinein, fängt an zu phantasieren, dann schläft er ein. Da ist also etwas weggegangen von ihm. Gerade das ist weggegangen von ihm, was macht, daß er ein vernünftiger Mensch ist, was in ihm lebt, damit er ein vernünftiger Mensch ist. Das ist weg. Aber bevor es weggeht, und auch noch, nachdem es weg ist, lebt er in den allerwüstesten, aufgeregtesten Träumen. Nach einiger Zeit wacht er auf und er ist bis zu einem gewissen Grade wiederum hergestellt, bis er wiederum anfängt, Opium zu nehmen. Also er macht sich, nur stürmisch, zu einem schlafenden Menschen.
[ 11 ] Nun kann man sehen: Wenn der Mensch durch den Opiumrausch einschläft, da wirkt in ihm nicht dasjenige, was ihn vernünftig macht, sondern da wirkt in ihm dasjenige, was ihn belebt; sonst könnte er nicht wieder aufwachen, sonst müßte er sterben. Da wirkt in ihm dasjenige, was ihn momentan belebt. Und man kann sehen, wie in der Nacht auch ein gewisser Kampf im Leibe ist, damit man wieder aufwachen kann. So arbeitet da im Menschen etwas, wo das Vernünftige nicht dabei ist; dasjenige, was wiederum den Körper belebt. Durch das Gift surbt der Körper etwas ab. Das treibt die Vernunft heraus. Aber das Belebende ist noch in ihm drinnen, denn sonst könnte er nicht wieder aufwachen. Also was ist da durch einen geringen Opiumgenuß beeinflußt worden? Das belebende Prinzip. Bei einem schwachen Opiumgenuß ist der Ätherleib beeinflußt worden.
[ 12 ] Nun denken Sie sich, einer nimmt aber zu viel oder vergiftet sich absichtlich mit Opium. Da geschieht nicht dasselbe, sondern — das ist ganz merkwürdig — da geschieht dasjenige, was beim schwachen Opiumgenuß zuletzt geschieht. Was da zuletzt geschieht, das geschieht beim starken Opiumgenuß zuerst: Der Mensch schläft gleich ein. Also es zeht nicht langsam das Vernünftige weg, sondern rasch geht das Vernünftige heraus, ganz rasch. Aber es bleibt doch jetzt etwas in ihm, was beim schwachen Opiumgenuß gar nicht in ihm drinnen war. Das kann man wiederum sehen.
[ 13 ] Physischer Leib Atherleib:: schwacher Opivmgenuß Astralleib: starker Opiumgenuß Jch : gewohnheitsmäßiger Opiumgenuß
[ 14 ] Nehmen wir also an, jemand nimmt so viel Opium, daß er wirklich vergiftet ist. Da tritt zunächst das ein, daß er einschläft. Dann aber fängt der Körper an, unruhig, unvernünftig zu werden, er röchelt, schnarcht; dann kommen Krämpfe. Und dabei bemerkt man etwas ganz Eigentümliches: Das Gesicht wird ganz rot und die Lippen ganz blau.
[ 15 ] Nun erinnern Sie sich an all das, was ich Ihnen das letzte Mal gesagt habe. Ich habe Ihnen gesagt: Alle Atmungsstörungen geschehen beim Ausatmen. Nun, worin besteht denn das Schnarchen zum Beispiel, zuerst Röcheln, dann Schnarchen - worin besteht denn das? Sehen Sie, schnarchen tun diejenigen Menschen, die nicht ordentlich ausatmen können. Wenn der Mensch ordentlich ausatmet, wenn das sein Mund ist, dann geht die Luft herein, dann nach einiger Zeit geht sie wieder heraus; da ist dann eingeschaltet in den Luftgang das Zäpfchen, das Sie sehen, wenn $ie in den Mund hineinschauen. Und dann oben ist so etwas, was auf- und niedersteigt, das Gaumensegel; das bewegt sich. Zäpfchen und Gaumensegel, die bewegen sich fortwährend durch Ein- und Ausatmen, wenn es normal, richtig geschieht. Wenn aber das Einatmen geschieht, und dann das Ausatmen nicht richtig, wenn es aufstößt, dann kommt das da hier, das Gaumensegel und das Zäpfchen, ins Zittern, und daher entsteht das Röcheln und dann das Schnarchen.
[ 16 ] Also man kann an dem sehen, daß das jetzt etwas mit dem Atmen zu tun hat, Denn derjenige, der sich bloß einen Opiumrausch anzüchtet durch weniges Opium, der kommt in die anderen Zustände, die ich Ihnen beschrieben habe: in eine Art Opiumdelirium, in Raserei. Er schläft langsam ein. Aber wenn er jetzt schnell einschläft durch großen Opiumgenuß, kommt er ins Schnarchen, zu Krämpfen; das Gesicht wird rot, die Lippen blau. Wenn Sie sich erinnern an all das, was ich Ihnen gesagt habe, so werden Sie dem eine große Bedeutung zuschreiben, daß das Gesicht rot und die Lippen blau werden. Denn ich habe Ihnen gesagt: Der Mensch hat rotes Blut dadurch, daß Sauerstoff eingeatmet wird. Wenn sich das Blut mit dem Sauerstoff mischt, wird es rot; wenn sich das Blut mit dem Kohlenstoff mischt, wird es blau. Wenn es ausgeatmet wird, ist es blau. Wenn Sie also jemand sehen, der das Gesicht rot hat und die Lippen blau, was bedeutet denn das? Ja, unter dem Gesicht ist zu viel eingeatmete Luft, zu viel rotes Blut, das von der Einatmung herrührt. Und daß die Lippen blau sind, was bedeutet denn das? Da ist zu viel von dem Blut, das eigentlich heraus soll. Das stockt da drinnen. Das könnte schon weitergehen zu der Stelle in der Lunge, wo sich dann die Kohlensäure befreit, wo die Kohlensäure ausgeatmet werden kann. — Also Sie haben bei einem durch Opium vergifteten Menschen das, daß die ganze Atmung stockt. Und dadurch zeigt sich auf der einen Seite das rote Blut im Gesicht, auf der anderen Seite das blaue Blut in den Lippen.
[ 17 ] Dieses ist außerordentlich interessant, meine Herren. Was sind denn die Lippen? Sehen Sie, die Lippen, die sind im Gesicht ganz eigentümliche Organe. Wenn Sie das Gesicht haben, so müssen Sie eigentlich das Gesicht so zeichnen, und da ist überall die Haut nach außen; da ist es überall mit Haut bedeckt nach außen. Aber an den Lippen ist es nämlich ein Stück Innenhaut. Da kommt das Innere nach außen. Da ist ein Stückchen Innenhaut. Der Mensch öffnet sein Inneres nach außen, indem er Lippen hat. Wenn Sie also die Lippen blau haben statt rot, dann bedeutet das, daß alles Innere zu stark von blauem Blut ausgefüllt ist. — Also Sie sehen: Beim Opiumvergifteten wirkt der Körper so, daß er nach außen alles unverbrauchte Blut schickt - es drängt sich an die Oberfläche - und nach innen alles blaue Blut schickt.
[ 18 ] Diese Dinge haben auch einmal ursprüngliche Menschen gewußt, die Geschichte mit dem blauen Blut nach innen. Wenn einer zu viel blaues Blut im Innern hat, dann sagten sie: Derjenige, der zu viel blaues Blut im Innern hat, der ist zunächst ein solcher Mensch, der wenig Seelisches hat, bei dem die Seele herausgegangen ist. Daher wurde «blaublütig» zu einem Schimpfwort. Und man hat, als man die Adeligen im Volk die «Blaublütigen» genannt hat, sagen wollen: Bei denen ist die Seele fort. —- Es ist sehr merkwürdig, wie in der Volksweisheit diese Dinge in einer wunderbaren Weise drinnenleben. Das ist sehr interessant. An der Sprache können Sie nämlich ungeheuer viel lernen.
[ 19 ] Nun können Sie aber sehen: Da ist etwas, was im Menschen wirkt, und was zum Beispiel in der Pflanze nicht wirkt. Denn wenn Sie der Pflanze einen Giftstoff beibringen, dann bleibt der Giftstoff irgendwo oben, breitet sich nicht aus. Sie finden ja zum Beispiel eine sehr giftige Pflanze in der sogenannten Belladonna, in der Tollkirsche. Ja, die Tollkirsche, die läßt ihr Gift ganz oben; sie läßt es nicht in sich übergehen. Wenn der Mensch ein solches Gift nimmt, wirkt das so, daß es den Körper in der Weise in Anspruch nimmt, daß es das rote Blut nach außen und das blaue Blut nach innen treibt. Ja, die Pflanzen leben auch. Jene Pflanzen haben ihren Ätherleib in sich, haben das in sich, was blau gelassen wird, was herrührt vom schwachen Opiumgenuß, nicht vom starken. Das bewirkt erst die Empfindung beim Menschen. Hätte die Pflanze Blut, so hätte sie auch eine solche Empfindung, wie die Menschen und die Tiere. Der Mensch und die Tiere haben es ohne den Opiumgenuß, wenn der Ätherleib mit dem physischen streitet; es wird sogleich das Blut nach außen gedrängt, und es bleibt etwas zurück im Körper, und das macht im Körper diese Unordnung. Und das ist der Astralleib. So daß man sagen kann: Der Astralleib, der wird beeinflußt beim starken Opiumgenuß.
[ 20 ] Jetzt gibt es noch eine dritte Art von Opiumgenuß. Dieser Opiumgenuß ist sogar in der Welt sehr verbreitet, obwohl nicht in Europa, mehr zum Beispiel unter einer gewissen Sorte von Türken und namentlich in Asien und Hinterindien, bei den malaiischen Völkern. Da nehmen diese Menschen immer nur so starke Mengen von Opium, daß sie es gerade noch vertragen können, daß sie wieder richtig aufwachen, und nicht sterben davon. Dadurch machen sie in einer merkwürdigen, interessanten Weise all dasjenige durch, was der Opiumesser überhaupt durchmacht. Nur gewöhnen sie sich nach und nach daran, und dadurch machen sie die Geschichte mehr bewußt durch. Die Türken schildern dann: Ja, wenn ich Opium genossen habe, dann bin ich im Paradiese gewesen. — Das ist also schon so in diesen phantastischen Ausgestaltungen. Und die Malaien in Hinterindien, die möchten nun auch das alles sehen. Dadurch gewöhnen sie sich den Opiumgenuß an, weil sie das auch alles sehen möchten. Nun kann man das verhältnismäßig lange durchführen, und dadurch kommt man dazu, sich zu sagen: Nun ja, es gibt eben noch etwas anderes.
[ 21 ] Aber man muß nun sagen: Wenn diese Leute, die da immer wiederum gewohnheitsmäßigerweise das Opium fressen - sie fressen es nämlich gewohnheitsmäßigerweise —, wenn diese Phantasten nur das sehen würden, dann würden sie doch nach einiger Zeit die Geschichte über kriegen. Aber, sehen Sie, da ist es sehr merkwürdig. Diese Menschen nämlich stammen ab von den ersten Menschen auf der Erde, die noch etwas gewußt haben von der ewigen Seele, von der Seele, die durch die verschiedenen Erdenleben hindurchgeht. Sie haben etwas davon gewußt. Jetzt ist das den Menschen verloren gegangen. Diese Menschen nun, die nicht durchgemacht haben die europäische Zivilisation, die versetzen sich durch den Opiumgenuß in den Zustand, um da etwas zu spüren von der Ewigkeit der Seele. Es ist ja furchtbar — aber sie führen immer wieder eine Krankheit in sich hinein. Weil der gesunde Körper in der Gegenwart, wenn er sich nicht geistig anstrengt, eben gar nichts wissen kann von der Unsterblichkeit der Seele, deshalb ruinieren diese Leute ihren Körper nach und nach, damit nach und nach das Seelische herausgedrängt wird.
[ 22 ] Nun kann man etwas sehr Eigentümliches beobachten, wenn man solche Menschen anschaut, die in dieser Weise gewohnheitsmäßig Opium nehmen und es auch deshalb eine Zeitlang aushalten: nach einiger Zeit werden sie ganz bleich. Wenn sie früher auch eine gute Hautfarbe gehabt haben, jetzt werden sie bleich.
[ 23 ] 1Das bedeutet bei dem Malaien noch etwas ganz anderes wie bei dem Europäer. Der Malaie schaut dann wirklich schon wie ein Gespenst aus, wenn er bleich wird, weil er gelblich-braun ist. Dann, nach einiger Zeit, werden die Menschen so, wie wenn es um die Augen herum ganz hohl wäre. Dann fangen sie an abzumagern, nachdem sie vorher schon angefangen haben, nicht mehr recht gehen zu können; sie gehen nur so humpelnd. Dann fangen sie an, auch nicht mehr denken zu wollen, werden sehr vergeßlich. Und zuallerletzt kriegen sie den Gehirnschlag.
[ 24 ] So sind die Erscheinungen. Das ist sehr interessant zu beobachten. Bevor die Glieder ungelenk werden, so daß sie nicht mehr ordentlich gehen können, bekommen sie eine starke Stuhlverstopfung; also die Gedärme funktionieren nicht mehr. Nach dem, wie ich Ihnen das beschrieben habe, können Sie ja sehen: Da wird nach und nach der ganze Körper untergraben.
[ 25 ] Nun gibt es aber etwas höchst Eigentümliches. In dieser Beziehung sind ja noch nicht viele Erfahrungen da, weil die Leute auf das nicht achten; aber diese Erfahrungen könnten sehr leicht gemacht werden. Denn wie diese Menschen gewohnheitsmäßige Opiumesser werden, das kennt man ja, das ist vielfach beschrieben worden. Aber jetzt sollen die Leute doch nur einmal probieren — das tun sie ja heute in anderer Beziehung sehr häufig -: Wenn sie dieselbe Dosis Opium, die der Mensch zum gewohnheitsmäßigen Genuß hat, einem Tiere geben, dann wird das Tier entweder nur etwas lebhaft werden, also ins erste Stadium kommen, wo der Ätherleib durcheinander getrieben wird, oder aber es kommt ins zweite Stadium, wenn es genügend kriegt, und stirbt. Beim Tier gibt es das nicht, was der Opiumesser, der gewohnheitsmäßige Opiumesser so hat, wie ich es Ihnen zuletzt beschrieben habe. Beim Tier gibt es das nicht.
[ 26 ] Was zeigt das, meine Herren? Ja, das zeigt: Wenn das Opium, so stark, wie es da ist, in den astralischen Leib hineinkommt, und ein nicht richtiges Verhältnis zwischen blauem und rotem Blut bewirkt, so schießt beim Tier ja immerfort blaues und rotes Blut in horizontaler Richtung durcheinander. Beim Menschen, der aufrechtgehen lernt, bei dem schießt blaues und rotes Blut nicht ganz in der Richtung (es wird gezeichnet), sondern mehr so, weil er sich aufrichtet, ineinander; nicht mehr horizontal, sondern von oben nach unten, von unten nach oben. Das bewirkt, daß der Mensch auch ein gewohnheitsmäßiger Opiumesser werden kann.
[ 27 ] Nun habe ich Ihnen aber gesagt: Dadurch, daß der Mensch aufrecht ist, dadurch hat er ein Ich. Die Tiere haben kein Ich, weil sie einen horizontalen Rücken haben. Was wird denn also von diesem gewohnheitsmäßigen Opiumfresser beeinflußt? Das Ich. So daß wir also sagen können: Ich - gewohnheitsmäßiger Opiumgenuß. Und nun haben wir durch das Opium alle drei Leiber des Menschen entdeckt, die übersinnlich sind: für den schwachen Opiumgenuß den Ätherleib, für den starken den Astralleib, und für den gewohnheitsmäßigen Opiumgenuß das Ich. Sie schen, man kann das, wenn man nur richtig beobachten kann, naturwissenschaftlich wunderbar ausbilden.
[ 28 ] Aber Sie sehen jetzt auch: So ein Malaie mit seinem gewohnheitsmäßigen Opiumgenuß kommt ja auf etwas Riesiges. Er kommt auf das Ich. Und was kriegt er denn? Worauf freut sich denn dieser Malaie oder dieser Türke, wenn er gewohnheitsmäßig Opium genießt? Worauf freut er sich denn? Ja, er freut sich darauf, weil dann sein Gedächtnis in einer wunderbaren Weise aufwacht. Er überschaut rasch sein ganzes Erdenleben und noch viel mehr. Auf der einen Seite ist es furchtbar, weil er es dadurch erreicht, daß er seinen Körper krank macht; auf der anderen Seite wirkt aber die Begierde, das Ich kennenzulernen, so stark in ihm, daß er gar nicht widerstehen kann. Er freut sich schon, wenn dieses riesige Gedächtnis hergestellt wird.
[ 29 ] Aber schen Sie, es ist so: Wenn der Mensch etwas zu viel tut, dann ruiniert ihn das. Wenn der Mensch zu viel arbeitet, ruiniert ihn das; wenn der Mensch zu viel denkt, ruiniert ihn das. Und wenn der Mensch fortwährend ein zu starkes Gedächtnis hervorruft, dann ruiniert es seinen Körper. Alle die Erscheinungen, die ich Ihnen beschrieben habe, sind einfach von dem zu starken Gedächtnis. Das ist zunächst da. Und nachher — ich habe es Ihnen beschrieben — wird der Mensch lässig in bezug auf sein Gehen. Er erinnert sich nicht mehr innerlich, wie er die Beine vorsetzen soll. Das ist ja unbewußtes Gedächtnis. Und dann wird er vergeßlich. Also gerade dasjenige, was er erreicht, das ruiniert ihn. Aber absehen kann man, gewahr werden, erkennen kann man, daß das Ich dann vorhanden ist, wenn der gewohnheitsmäßige Opiumgenuß da ist.
[ 30 ] Was tut die heutige Naturwissenschaft? Nun, wenn Sie ein Buch aufschlagen, dann finden Sie auch das beschrieben, was ich Ihnen gesagt habe; Sie finden beschrieben, daß beim kleinen Opiumgenuß der Mensch in ein Delirium kommt und so weiter, daß beim starken Opiumgenuß der Mensch zuerst einschläft, und dann sein Körper gleich zerstört wird. Er stirbt, nachdem er im Gesicht rot, an den Lippen blau geworden ist. Und beim gewohnheitsmäßigen Opiumgenuß kommen auch alle diese Dinge. Aber was beschreiben diese Leute? Sie beschreiben nur den physischen Leib, was da vorgeht; sie beschreiben, daß der Opiumfresser röchelt, Krämpfe kriegt, schnarcht. Sie beschreiben, daß der gewohnheitsmäßige Opiumesser abmagert, nicht mehr gehen kann, vergeßlich wird, und zuletzt einen Gehirnschlag bekommt, weil das Gedächtnis ihm das Gehirn zerstört; so müssen wir es anschauen. Das wird alles beschrieben, aber alles dem physischen Leib zugeschrieben.
[ 31 ] Aber das ist eben ein Unsinn; denn sonst müßte man alles, was physisch ist, nur dem physischen Leib zuschreiben. Alle die Erscheinungen, die da auftreten, sehen wir auch bei der Pflanze. Wir können aber auch nicht sagen: der Mensch ist bloß eine Pflanze. Denn beim starken Opiumgenuß zeigt sich die Wirkung am astralischen Leib, und nur beim Menschen zeigt sich das, was beim gewohnheitsmäßigen Opiumgenuß da ist. Wenn die Tiere nämlich etwas hätten von einem gewohnheitsmäßigen Opiumgenuß, wenn sie nicht gleich davon zugrunde gingen, dann würden Sie sehen, daß es viele Tiere gibt, die einfach das Opium, das man da in den Pflanzen findet, genießen würden. Warum würden sie es genießen? Ja, weil die Tiere das, was sie fressen wollen, durch die Gewohnheit machen. Wenn also die Tiere etwas davon hätten, dann würden die Tiere das Opium fressen, das in den Pflanzen drinnen ist. Wenn sie es nicht tun, so rührt das nur davon her, daß sie eben nichts davon haben.
[ 32 ] Das alles kann man durch Naturwissenschaft erkennen. Aber nun handelt es sich darum: Kann man das alles, das Gedächtnis, das der Malaie durch Krankheit herstellt, durch gesunde Mittel erreichen? Da müssen wir uns eben erinnern, daß die Urbevölkerung der Erde gewußt hat, daß die Menschen immer wieder auf der Erde leben. Und Lessing, der hat eben gesagt, wie ich Ihnen vorhin erzählt habe: Warum soll das deshalb dumm sein, weil die ursprünglichen Menschen daran geglaubt haben? - Diese ursprünglichen Menschen, die haben überhaupt noch nicht so abstrakte Gedanken gehabt wie wir. Die haben noch keine Naturwissenschaft gehabt. Die haben alles mythologisch angeschaut. Wenn sie eine Pflanze angeschaut haben, haben sie nicht studiert: da sind solche und solche Kräfte drinnen -, sondern sie haben gesagt: da ist so und so Geistiges drinnen. - Sie haben alles in Bildern gesehen. Sie haben überhaupt noch mehr im Geistigen gelebt. ... (Lücke im Stenogramm.) Es ist so, daß der Mensch sich dann mit dem Fortschritt so entwickeln kann, daß er mehr im Leiblichen lebt. Nur dadurch konnte er ein freier Mensch werden, sonst wäre er immer beeinflußt worden. Frei waren die Menschen in der Urzeit nicht; aber Geistiges haben sie noch gesehen. Nun wir, meine Herren, wie wir jetzt sind, wir haben ja wirklich die abstrakten Gedanken, die uns schon in der Schule eindressiert werden. Sehen Sie, wir können sogar sagen: Die wichtigsten Tätigkeiten, auf welche die Menschheit heute so stolz ist, sind eigentlich etwas Abstraktes.
[ 33 ] Ich habe gestern zu den Pädagogen, die hier sind, gesagt: Ja, wenn das Kind so ungefähr sieben Jahre alt wird, soll es etwas lernen. Es soll lernen, nachdem es sein ganzes Leben bisher gelernt hat, daß der Mensch, der vor ihm steht, den es kennt, der Vater ist - es soll jetzt lernen, daß das da hier (es wird geschrieben) «Vater» bedeutet. Das soll das Kind plötzlich lernen. Es hat ja gar nichts zu tun mit diesem «Vater». Das sind ja ganz merkwürdige Zeichen, die mit dem Vater gar nichts zu tun haben! Das soll das Kind plötzlich lernen. Es sträubt sich dagegen. Denn der Vater, das ist der und der Mann, der solche Haare hat, eine solche Nase hat; das hat es immer gesehen. Das Kind sträubt sich dagegen, daß das Geschriebene nun «Vater» bedeuten soll.
[ 34 ] Das Kind hat «Ah!» rufen gelernt, wenn es sich verwunderte. Jetzt soll es plötzlich dazu kommen, daß das da hier A sein soll. Das ist eben ganz abstrakt, hat gar keinen Bezug zu dem, was das Kind bisher gekannt hat. Da muß man erst die Brücke schaffen, damit das Kind darauf kommt, so etwas zu lernen. Ich will Ihnen auch sagen, wie man die Brücke schaffen kann.
[ 35 ] Man sagt zum Beispiel dem Kind: Sieh einmal, was ist das? - (Siehe Zeichnung.) Wenn man dem Kind das aufzeichnet und es fragt: Was ist das? - Was wird dann das Kind sagen? - Ein Fisch! Das ist ein Fisch! da wird es nicht sagen: Da erkenne ich nichts darin. Darin (in dem geschriebenen Wort «Vater») kann es nicht sagen: Da erkenne ich den Vater wieder. Aber den Fisch erkennt es darin (im gezeichneten Fisch).
[ 36 ] Nun sage ich: Sprich mir einmal aus «Fisch»; jetzt lasse weg das i und das spätere, sprich nur aus das F, womit der Fisch anfängt. Sieh einmal, jetzt werde ich dir das einfach aufzeichnen: F. - Ich habe also vom Fisch das F herausgegriffen. Das Kind malt zunächst den Fisch auf, bekommt dann das F heraus. Man muß es nur vernünftig machen, daß es nicht abstrakt ist, daß es aus dem Bilde herauskommt; dann lernt das Kind selbstverständlich gern. Das kann man bei jedem Buchstaben machen. Man muß sich das nur nach und nach aneignen.
[ 37 ] Bei uns in der Waldorfschule hat einmal einer der Lehrer sehr schön erklärt, wie die römischen Ziffern nach und nach entstehen. Bei V ging es plötzlich nicht. Wie kann eine V werden? Nun, sehen Sie, was ist denn das da hier? (Dr. Steiner hält seine Hand in die Höhe.) Sie sagen natürlich: eine Hand ist noch immer eine Hand. Aber ist da nicht etwas darinnen? 1, II, III, III, V Finger. Jetzt male ich einmal diese Hand an die Tafel (siehe Zeichnung), so, daß ich die zwei Dinge ausgestreckt habe (den Daumen, und daneben die vier andern Finger). Jetzt habe ich eine Hand, da ist die V drinnen; fünf ist das ausgesprochen. Jetzt mache ich das etwas einfacher, und Sie haben die römische Zahl V aus der Hand, die fünf Finger hat, herausbekommen.
[ 38 ] Also sehen Sie, meine Herren, es kommt darauf an, daß wir ja heute plötzlich in eine ganz abstrakte Welt hineingesetzt werden. Wir lernen schreiben, wir lernen lesen; das hat gar nichts zu tun mit dem Leben. Dadurch aber haben wir das verlernt, was die Menschen hatten, die noch nicht schreiben und lesen konnten.
[ 39 ] Nun dürfen Sie aber nicht etwa sagen, wie die anderen Leute draußen von der Sorte unserer Gegner: Der Steiner hat uns in der Stunde gesagt, die Leute waren gescheiter, als sie noch nicht Schreiben und Lesen hatten; dann sagen die gleich: ja, der will, daß die Leute nicht mehr schreiben und lesen lernen! - Das will ich nicht. Die Leute sollen ja immer mitgehen mit der Zivilisation, erst recht schreiben und lesen lernen. Aber man soll nur auch nicht das verlieren, was man notwendig durch Schreiben und Lesen verlieren kann. Man muß erst wieder durch Geistiges darauf kommen, wie das Menschenleben eben ist.
[ 40 ] Und nun will ich Ihnen von zwei Menschen etwas ganz Einfaches sagen. Der eine, der zieht sich abends aus und nimmt seinen Hemdkragen ab, in dem er zwei Knöpfchen hat, eins hinten, eins vorn - ich nehme so ein Beispiel, das nahe liegt, weil ich so einen Hemdkragen trage. Der eine Mensch, der macht das ganz gedankenlos, macht sein erstes Knöpfchen los, sein zweites. Jetzt legt er sich ins Bett. Morgens dann, ja, da läuft er im ganzen Zimmer herum und sucht und frägt: Wo sind meine Hemdknöpfe? — Er findet sie nicht. Er erinnert sich nicht daran. Warum? Weil er es gedankenlos gemacht hat.
[ 41 ] Jetzt ein anderer. Der hat sich nicht gerade angewöhnt, daß er die Hemdknöpfe immer an denselben Fleck legt - das kann man ja auch tun, aber das hieße dann, sich faul machen -, aber er sagt sich: Wenn ich das Hemdknöpfchen ablege, so lege ich das eine neben meinen Leuchter hin, und das andere lege ich dorthin. - Er wendet also den Gedanken darauf, legt sie nicht gedankenlos hin, sondern wendet den Gedanken darauf. Ja, der steht morgens auf, geht direkt hin, nimmt die Hemdknöpfchen wieder weg, wo er sie hingelegt hat, braucht nicht im ganzen Zimmer herumzusuchen: Wo sind meine Hemdknöpfchen, wo habe ich meine Hemdknöpfchen? - Was ist denn da der Unterschied? Der ganze Unterschied ist der, daß der eine an die Sache gedacht hat und sich daran erinnert, und daß der andere an die Sache nicht gedacht hat und sich nicht daran erinnert, Ja, aber erinnern kann man sich erst am Morgen. Es nützt einem nichts, wenn man sich abends hinlegt und sich erinnern will, sondern erinnern kann man sich erst am Morgen, wenn man am Abend daran gedacht hat.
[ 42 ] Meine Herren, schauen wir jetzt ein wenig in die Geschichte hinein. Nach dem, was ich Ihnen das letzte Mal gesagt habe, waren ja all unsere Seelen schon da zu einer Zeit, als nur wenige Menschen noch das Denken gelernt hatten. Man hat überhaupt noch nicht gedacht, früher. In Urzeiten lebten die Menschen im Geistigen. Aber das ist schon abnorm gewesen, wenn einer gedacht hat früher. Früher, im Mittelalter, hat man überhaupt noch nicht gedacht. Sie denken ja erst seit dem 15. Jahrhundert; so wie wir heute alles gedankenvoll auffassen, hat man noch nicht gedacht. Das kann man geschichtlich nachweisen. Kein Wunder, daß Sie sich heute an die früheren Leben nicht erinnern! Jetzt haben die Menschen denken gelernt. Jetzt ist die Zeit in der geschichtlichen Entwickelung, wo die Leute denken gelernt haben. Da werden sie sich ebenso an ihr jetziges Erdenleben im nächsten Leben erinnern, wie sich der Mensch jetzt am Morgen an sein Hemdknöpfchen erinnert. Das heißt, die Geschichte ist so, daß wenn jetzt jemand richtig denken lernt an die Dinge der Welt, so denken lernt, wie ich es Ihnen zeigte, dann ist das so, wie wenn er an sein Hemdknöpfchen denkt. Und so, wie der heutige Naturforscher es macht, ist es so, wie wenn man nicht an die Hemdknöpfchen denkt. Wenn einer bloß beschreibt: Da tritt ein Delirium ein, da bekommt man blaue Lippen, wird rot im Gesicht und so weiter -, so ist es so, daß er an die wichtigsten Sachen nicht denken wird im nächsten Leben, daß er sich überhaupt gar nicht mehr zurückerinnern wird, alles in Verwirrung bringt, wie der andere, der alles durcheinander schmeißt, weil er schnell weg muß und seine Sachen nicht finden kann. Derjenige aber, der denkt, daß das einfach vom Ätherleib, Astralleib, Ich herrührt, lernt so denken, daß er im nächsten Erdenleben ordentlich sich erinnern kann. Erst da wird es sich zeigen. Und nur einige werden gegenwärtig angeleitet, da es im letzten Erdenleben eben wenige gegeben hat, die die Sache gewußt haben. Die kommen heute darauf und können die andern aufmerksam machen. Und dann, wenn sie das machen, wie es in meinen Büchern steht, wenn gemacht wird, was in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht, so kann es sein, daß den Menschen auch in der Gegenwart aufleuchtet, daß sie in früheren Erdenleben schon gelebt haben. Aber wir fangen eben an mit der anthroposophischen Geisteswissenschaft. Daher werden sich die Leute allmählich wieder erinnern.
[ 43 ] Nun wird gesagt: Ja, aber man kann sich doch nicht daran erinnern; und wenn der Mensch nicht eine Erinnerung an frühere Erdenleben hat, so kann er also keine früheren Erdenleben gehabt haben. — So aber kann man auch sagen: Der Mensch kann nicht rechnen, man kann es beweisen, daß der Mensch nicht rechnen kann - und jetzt führt einer zum Beweis ein kleines Kind von vier Jahren herein und zeigt, daß das gar nicht rechnen kann. Es ist ein Mensch und kann doch nicht rechnen! Man wird ihm sagen: Das wird schon rechnen lernen. Wenn man die Menschennatur kennt, weiß man, daß es rechnen lernen wird. — Wenn heute einer einen Menschen aufzeigt, der sich nicht erinnern kann an seine früheren Erdenleben, so muß man ihm sagen: Ja, aber es ist früher auch nichts getan worden, daß die Menschen sich erinnern können. Im Gegenteil, es gibt heute noch so viele Nachzügler aus früheren Zeiten, die möchten die Leute dumm erhalten, daß sie gar nichts wissen vom Geistigen, so daß sie gar nicht wissen, was sie im nächsten Erdenleben erinnern sollen, daß sie ganz konfus werden, wie der mit dem Hemdknopf. Zuerst muß der Mensch im Leben denken lernen, woran er sich später erinnern soll.
[ 44 ] Also Anthroposophie ist dazu da, daß sie die Menschen aufmerksam macht auf dasjenige, an das sie sich später erinnern sollen. Und diejenigen, die Anthroposophie verhindern wollen, die wollen eben die Menschen dumm erhalten, daß sie sich an nichts erinnern sollen. Und das ist das Wichtige, meine Herren, daß man einsieht, daß der Mensch eben erst lernen muß, die Gedanken richtig anzuwenden. Heute verlangen die Menschen die Gedanken zu definieren und verlangen, daß in den Büchern richtige Definitionen stehen. Ja, meine Herren, schon im alten Griechenland hat man das gewußt. Da hat einer besonders die Leute schulen wollen im Definieren. Heute sagt man in der Schule: Du mußt lernen: Was ist das Licht? — Ich hatte einmal einen Kameraden; wir sind zusammen in der Volksschule gewesen, dann kam ich in eine andere Schule, und er wurde im Lehrerseminar zum Lehrer ausgebildet. Ich habe ihn mit siebzehn Jahren wieder getroffen; da ist er schon ein ausgeprägter Lehrer gewesen. Da fragte ich ihn: Was hast denn du über das Licht gelernt? - Da sagte er: Licht ist die Ursache des Sehens der Körper. - Da ist ja gar nichts einzuwenden. Man kann ebenso sagen: Was ist denn die Armut? Die Armut kommt von der pauvret@! Das ist ungefähr dasselbe, wenn einer so definiert. Aber solches Zeug muß man viel lernen.
[ 45 ] Nun hat schon im alten Griechenland einmal einer ein solches gescheites Lernen verspottet. Die Kinder haben in der Schule gelernt: Was ist ein Mensch? Ein Mensch ist ein lebendes Wesen, welches zwei Beine und keine Federn hat. - Nun hat ein Bub, der besonders schlau war, darüber nachgedacht, hat einen Hahn genommen, hat ihn gerupft und am nächsten Tag brachte er ihn im gerupften Zustand dem Lehrer und sagte: Herr Lehrer, ist das ein Mensch? Der hat keine Federn und hat zwei Beine! - Das war die Stärke der Definition. So stimmen ungefähr mit den Definitionen die Dinge, die heute im allgemeinen in unseren Büchern noch stehen.
[ 46 ] In allen Büchern, auch in den sozialen Büchern, die geschrieben werden, werden die Lebenszustände so geschildert, wie ungefähr die Definition gemacht wird: Ein Mensch ist ein lebendes Wesen, das zwei Beine und keine Federn hat. Dann schließt man weiter. Natürlich, wenn Sie zuerst ein Buch haben mit einer Definition, dann können Sie alles mögliche logisch daraus schließen; aber es wird nie auf den Menschen passen, sondern es kann auch auf den Hahn passen, der nur gerupft worden ist. So sind unsere Definitionen! Dasjenige, worauf es ankommt, ist, daß man die Sache in der Wirklichkeit sehen muß.
[ 47 ] In der Wirklichkeit sieht die Sache so aus, daß man sagen muß, wie zum Beispiel hier (Schema Seite 183): Physischer Leib; Ätherleib, der wird bei schwachem Opiumgenuß beeinträchtigt; astralischer Leib bei starkem Opiumgenuß; Ich bei gewohnheitsmäßigem Opiumgenuß. Und wenn man nun geistige Wissenschaft treibt, wenn man wirklich den Menschen so erkennen lernt, daß man nicht bloß wie im Traume beschreibt: Solche Zustände treten auf —, sondern daß man sich auskennt. Da wirkt der Astralleib, da wirkt der Ätherleib, da wirkt das Ich drinnen -, dann hat man richtige Gedanken, nicht bloß Definitionen. Und dann, wenn man heute, im jetzigen Erdenleben, richtige Gedanken aufgenommen hat, dann erinnert man sich richtig an das gegenwärtige Erdenleben. So wie man sich jetzt nur mit Mühe allmählich an frühere Erdenleben erinnert, wie ich es beschrieben habe, so wird man sich später gut daran erinnern, wenn man sich nicht krank macht, wie durch den Opiumgenuß, wenn man nicht den Körper beeinflußt, sondern die Seele eben durch geistige Übungen dahin bringt, das Geistige wirklich kennenzulernen.
[ 48 ] So sehen Sie, wie wirklich eine geistige Wissenschaft in der Anthroposophie entsteht. Sie müssen eben beachten, daß gerade Anthroposophie nicht darauf aus ist, Aberglaube zu treiben. Also wenn zum Beispiel die Leute irgendwo etwas Außerordentliches über spiritistische Dinge gemeldet finden, dann fangen sie an zu sagen: Das ist doch so, wie wenn sich eine geistige Welt verraten würde. - Aber im Menschen verrät sich die geistige Welt! Wenn sich die Menschen um einen Tisch herumsetzen und den ins Klopfen bringen, dann sagen sie: Da muß ein Geist drinnensitzen. - Aber wenn vier Menschen herumsitzen, sind ja vier Geister da! Man muß sie nur kennenlernen! Da macht man aber im Gegenteil die Menschen lieber bewußtlos; da muß ein Medium dabei sein. Sehen Sie sich den Zeitungsabschnitt an, den Sie mir vor einigen Wochen gegeben haben. Da ist zum Beispiel beschrieben, wie irgendwo in England die Leute in volle Aufregung gekommen sind, weil in der Nacht die Sachen von den Ständern herunterfielen, Fensterscheiben eingeschlagen wurden und so weiter. Da müssen geistige Dämonen wirken, sagten die Leute. - Mir war am auffälligsten bei der Geschichte - wenn man auch Genaueres erst sagen kann, wenn man es gesehen hat -, aber mir war am auffälligsten bei der Geschichte, daß da auch erwähnt worden ist, daß die Leute ein ganzes Heer von Katzen hatten! Nun, wenn man ein ganzes Heer von Katzen hat, und zwei oder drei davon tollwütig werden, da sollten Sie sehen, wie diese «Geistererscheinungen» alle vor sich gehen! Aber wie gesagt, man müßte das erst genau wissen; dann darf man erst darauf eingehen.
[ 49 ] Sehen Sie, ich wurde einmal sehr gedrängt, einer spiritistischen Sitzung beizuwohnen. Nun, ich sagte, ich will das tun —, weil man ja solche Dinge n'ır beurteilen kann, wenn man sie gesehen ha:. Da war nun ein Med.um, es war eigentlich furchtbar berühmt, ein ganz derühmtes Medium, und nachdem die Leute sich gesetzt hatten, erst ein bißchen betäubt worden sind durch eine Musik, die gemacht worden ist — es saß alles betäubt da —, fing das Medium an, so richtig nach dem Wunsch der Leute, immerfort Blumen aus der Luft herunterfliegen zu lassen! Nun hat ein jedes Medium einen sogenannten Impresario, wenn es ein richtiges Medium ist. Nun, die Leute haben ihren Obolus entrichtet, nachdem sie ihren Genuß gehabt haben. Denjenigen, die es veranstaltet hatten, kam es hauptsächlich darauf an, daß der Obolus zurückgelassen wurde. Und ich sagte — die Leute sind dann furchtbar fanatisch, die fangen an, mit einem zu raufen, wenn man sie aufklären will, gerade die sind am schlimmsten —, aber einigen Vernünftigen sagte ich, sie sollen einmal, aber nicht am Ende, sondern am Anfang, untersuchen; da werden sie die Blumen in dem Buckel des Impresario drinnen finden! - So werden Sie überall die Sachen finden.
[ 50 ] Gerade über den Aberglauben muß man hinaus sein, meine Herren, wenn man von der geistigen Welt sprechen will. Man darf nirgendswo auf etwas hereinfallen, weder auf tollwütige Katzen noch auf einen buckeligen Impresario, sondern man kommt nur auf den Geist, wenn man auf nichts Abergläubisches mehr hereinfällt und überall mit wirklicher Wissenschaft vorgeht.
