Man's Life on Earth and
the Essence of Christianity
GA 349
21 April 1923, Dornach
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Man's Life on Earth and the Essence of Christianity, tr. SOL
11. Schlafen und Wachen — Das Leben nach Ei Tode — Das Christus-Wesen — Die beiden Jesusknaben
11. Sleeping and Waking — Life After Death — The Christ Being — The Two Jesus Boys
[ 1 ] Guten Morgen, meine Herren! Haben Sie sich eine Frage ausgedacht?
[ 1 ] Good morning, gentlemen! Have you thought of a question?
Fragesteller: Herr Doktor war so freundlich, uns zu sagen, wie es ist, wenn der Geist den Körper verlassen hat. Der letzte Vortrag ist mir und meinen Kollegen sehr verständlich gewesen. Aber in der «Theosophie» steht ein Satz, daß, wenn der Geist abgeschieAn ist vom Körper, die Seele noch Begierden behält. Das ist noch eine sehr harte Nuß für uns.
Questioner: The doctor was kind enough to explain to us what happens when the spirit has left the body. The last lecture was very clear to me and my colleagues. But in *Theosophy* there is a statement that, when the spirit has departed from the body, the soul still retains desires. That is still a very tough nut for us to crack.
Ich hätte noch eine weitere Frage, etwas ganz anderes.
I have one more question—something completely different.
[ 2 ] Dr. Steiner: Sehr schön, sagen Sie mir auch noch die zweite Frage!
[ 2 ] Dr. Steiner: Great, please go ahead and ask me the second question!
[ 3 ] Der Fragesteller: Es ist mir durch Zufall eine Broschüre in die Hand gekommen von einem Dr. Heuer. Ich nehme an, daß Herr Doktor die Broschüre gelesen hat, daß man also das schon weiß. Dieser Hauer stellt Herrn Doktor so hin, als ob er nichts Neues sagte, als ob man das schon alles wisse, was er in der Anthroposophie sagt, daß man das schon alles kennt. Und dann sagt er aber unter anderem, daß ihm das Unglaublichste bei der Anthroposophie dies sei von den beiden Jesusknaben.
[ 3 ] The Questioner: I happened to come across a pamphlet by a Dr. Heuer. I assume that the doctor has read the pamphlet, so that this is already known. This Hauer portrays the doctor as if he weren’t saying anything new, as if everything he says in anthroposophy were already known—as if people were already familiar with it all. And yet, among other things, he says that what he finds most unbelievable about anthroposophy is the story of the two Jesus children.
[ 4 ] Der Fragesteller müsse allerdings auch sagen, daß ihm das selbst auch unverständlich sei von den zwei Jesusknaben, wie der eine Jesusknabe aus einer andern Welt herkomme. - Herr Doktor werde die Broschüre haben.
[ 4 ] However, the questioner must also say that he himself does not understand, regarding the two Jesus boys, how one of them could have come from another world. — The doctor will have the brochure.
[ 5 ] Dr. Steiner: Die Broschüre habe ich auch, nur noch nicht aufgeschnitten.
[ 5 ] Dr. Steiner: I have that brochure, too, but I haven't opened it yet.
[ 6 ] Der Fragesteller fährt fort: Wenn es nicht unbescheiden sei, möchte er bitten, daß Herr Doktor über die Jesusfamilie etwas sagen würde.
[ 6 ] The questioner continues: If it is not too presumptuous, he would like to ask the doctor to say something about the family of Jesus.
[ 7 ] Weitere Fragestellung: Ich bin gefragt worden in den letzten Tagen von meinen Kollegen über die Christus-Wesenheit. Da wäre es mir sehr lieb, wenn Herr Doktor etwas sprechen könnte über die Christus-Wesenheit.
[ 7 ] Another question: My colleagues have been asking me about the Christ-Essence over the past few days. I would be very grateful if Dr. [Name] could say a few words about the Christ-Essence.
[ 8 ] Dr. Steiner: Ist vielleicht sonst noch eine Frage zu stellen, damit wir das dann im Zusammenhang behandeln können?
[ 8 ] Dr. Steiner: Are there any other questions we should ask so we can address this in context?
[ 9 ] Nun also möchte ich zuerst auf die erste Frage eingehen mit den Begierden. Die Sache ist ja so: Wenn Sie auf dasjenige hinschauen, was der Mensch anders erlebt, als es Stein und Pflanze erleben können, dann werden Sie finden: Der Mensch erlebt seine Gedankenwelt. Die Pflanze zeigt nicht, daß sie eine Gedankenwelt hat. Gedanken sind da, die in der Pflanze leben. Aber bewußte Gedanken in der Pflanze zu suchen, das wäre ein Unsinn.
[ 9 ] So now I would like to address the first question concerning desires. The fact is this: If you look at what human beings experience differently from what stones and plants can experience, you will find that human beings experience their world of thoughts. Plants do not show that they have a world of thoughts. Thoughts are there, living within the plant. But to look for conscious thoughts in a plant would be nonsense.
[ 10 ] Es ist ja allerdings bei der äußerlichen Art, wie heute zum Teil die Wissenschaft vorgeht, etwas Merkwürdiges gekommen. Es gibt heute alle möglichen Arten von Gelehrten, und da es auch solche gibt, die doch nicht ganz daran glauben können, daß überall nur physische Vorgänge sind, mineralische, unlebendige Vorgänge sind, so nehmen sie wenigstens an, daß es Seelisches gibt. Aber da sie über das Seelische selbst nichts wissen, sagen sie: Das Seelische äußert sich dadurch, daß irgendein Wesen dieses oder jenes ausführt.
[ 10 ] It is true, however, that something peculiar has come about in the outward manner in which science proceeds today, at least in part. There are all kinds of scholars today, and since there are also those who cannot quite believe that everything is merely physical—mineral, inanimate processes—they at least assume that there is such a thing as the soul. But since they know nothing about the soul itself, they say: The soul expresses itself through some being performing this or that action.
[ 11 ] So gibt es Pflanzen, die sich höchst merkwürdig benehmen. Da ist zum Beispiel eine Pflanze, die heißt deshalb, weil sie sich so merkwürdig benimmt, die «Venusfliegenfalle». Diese Venusfliegenfalle, die hat nämlich Rosettenblätter, die an ihrem verbreiterten Stiel eine Blattspreite tragen. Die besteht aus zwei Teilen. Auf beiden Spreitenseiten sitzen drei borstenförmige Auswüchse. Wenn nun ein Insekt, das sich auf das Blatt niedersetzt, an diese Auswüchse stößt, dann klappen die beiden Spreitenflügel so schnell zusammen, daß das kleine Insekt gefangen ist. Also das gibt es.
[ 11 ] There are plants that behave in a most peculiar way. For example, there is a plant called the “Venus flytrap” precisely because it behaves so strangely. This Venus flytrap has rosette leaves that bear a leaf blade at the end of their widened stem. It consists of two parts. On both sides of the leaf blade are three bristle-like projections. When an insect lands on the leaf and touches these projections, the two wings of the leaf blade snap shut so quickly that the small insect is trapped. So, this really does exist.
[ 12 ] Diejenigen, die nur in äußerlicher Weise über die Seele reden und nichts wissen über sie, die sagen: Geradeso wie im Menschen eine Seele ist, ist auch in der Pflanze eine Seele. - Diesen Leuten erwidere ich immer nur eines: Ich kenne ein kleines Instrument, in das man etwas Speck hineingibt, den man etwas angebräunt hat: eine Mäusefalle, und wenn die Maus an dem Speck nippt, so schließt sich die Mäusefalle von selbst zu. Also derjenige, der aus solchen Dingen, wie bei der Venusfliegenfalle, schließt, da müsse eine Seele drinnen sein, der müßte auch sagen: die Mäusefalle hat eine Seele, denn sie schließt sich auch von selbst zu. Es kommt eben immer darauf an, aus welchen Gründen man die Sache annimmt.
[ 12 ] Those who speak of the soul only in a superficial way and know nothing about it say: Just as there is a soul in a human being, so too is there a soul in a plant. - To these people I always say just one thing: I know of a small device into which you place a piece of bacon that has been lightly browned—a mousetrap—and when the mouse nibbles at the bacon, the mousetrap snaps shut on its own. So anyone who concludes from things like the Venus flytrap that there must be a soul inside it would also have to say: the mousetrap has a soul, because it also snaps shut on its own. It always depends on the reasons for which one accepts a given idea.
[ 13 ] Sehen Sie, das ist gerade das Charakteristische bei der Anthroposophie, daß man überall von Gründen ausgeht, währenddem die anderen, wenn sie nun doch wiederum eine Seele annehmen, nichts von der Seele wissen und nun einer solchen Pflanze, bei der, wenn das Insekt in die Nähe kommt, etwas Ähnliches vor sich geht wie bei der Mäusefalle, auch eine Seele zuschreiben. Aber in der Anthroposophie ist nichts von Äußerlichkeiten, die dazu führen, sondern da ist es die wirkliche Erkenntnis des Seelischen. Zu dieser Erkenntnis des Seelischen gehört auch, daß der Mensch Begierden entwickelt. Begierde ist es, wenn er zum Beispiel Durst hat. Wenn ich Durst habe, habe ich die Begierde, Wasser oder etwas anderes zu trinken. Nun also, schön; durch das Wasser wird der Durst befriedigt. Alles das ist Begierde, wo man aus dem Innern seines Organismus heraus etwas wünscht, etwas will; das ist immer Begierde.
[ 13 ] You see, this is precisely what characterizes anthroposophy: that it proceeds from inner causes in every instance, whereas the others—even if they do, after all, assume the existence of a soul—know nothing about the soul and thus attribute a soul even to a plant like this one, in which, when an insect approaches, something similar to what happens in a mousetrap takes place. But in anthroposophy, it is not external appearances that lead to this conclusion; rather, it is the genuine understanding of the soul. Part of this understanding of the soul is also that human beings develop desires. Desire is what we feel, for example, when we are thirsty. When I am thirsty, I have the desire to drink water or something else. Well then, fine; the water satisfies the thirst. All of this is desire—when, from within one’s own organism, one wishes for something, wants something; that is always desire.
[ 14 ] Sehen Sie, über etwas denken die Menschen fortwährend nicht nach. Sie denken nicht nach, welcher seelische Zustand zugrunde liegt, wenn der Mensch aufwacht. Nicht wahr, wenn der Mensch aufwacht, da untersuchen jetzt die Leute, wieviel mehr Kohlensäure im Blut ist und so weiter, das heißt, sie untersuchen nur die physischen Zustände. Aber die Wahrheit ist diese, daß der Mensch aufwacht, weil er Begierde hat nach seinem physischen Körper. Wenn Sie abends einschlafen, so haben Sie keine Begierde mehr nach Ihrem physischen Körper. Der ist ganz angefüllt von Ermüdungsstoffen. Da drinnen ist nicht mehr gut sein. Die Seele, also das Ich und der astralische Leib, wollen sich außerhalb des physischen Leibes erholen. Morgens, wenn der physische Körper wieder hergestellt ist, was die außer dem physischen Körper befindliche Seele merkt an dem Zustand der Haut, weil sie in seiner Nähe ist, da geht die Seele wieder in den physischen Körper hinein, weil sie die Begierde hat, im physischen Körper drinnen zu sein, solange der physische Körper überhaupt imstande ist zu leben. Die Seele hat also das ganze Leben hindurch die Begierde, im Körper drinnen zu leben.
[ 14 ] You see, there is something people never stop to think about. They do not consider what mental state underlies the moment a person wakes up. Isn’t it true that when a person wakes up, people examine how much more carbon dioxide is in the blood and so on—that is, they examine only the physical conditions. But the truth is this: a person wakes up because they have a desire for their physical body. When you fall asleep at night, you no longer have a desire for your physical body. It is completely filled with fatigue-inducing substances. It is no longer a pleasant place to be. The soul—that is, the “I” and the astral body—wants to rest outside the physical body. In the morning, when the physical body has recovered—which the soul, being outside the physical body, perceives from the condition of the skin because it is close to it—the soul re-enters the physical body because it has a desire to be inside the physical body as long as the physical body is at all capable of living. Thus, throughout its entire life, the soul has the desire to live within the body.
[ 15 ] Nehmen Sie etwas anderes: Sie schneiden sich in den Finger und es schmerzt Sie. Da wäre der Finger (Zeichnung $. 202). Jetzt schneiden Sie sich da hinein, und es schmerzt Sie. Was ist denn da geschehen? Ja, da ist der physische Körper ein Stückchen auseinandergerissen. Sie können in den physischen Körper hineinschneiden, aber nicht in den astralischen Leib. Ich will jetzt den astralischen Leib in den physischen Körper hereinzeichnen. Wenn ich das jetzt groß zeichne, so ist da eine Lücke, und da ist der astralische Körper drinnen. Aber der hat die Begierde, nun auch dort, wo der physische Leib auseinandergerissen ist, hineinzukönnen. Er hat die Begierde, im Körper drinnen zu sein, und kann das nicht, weil der Körper da aufgerissen ist. Das macht den Schmerz aus.
[ 15 ] Take another example: You cut your finger, and it hurts. There is the finger (drawing $. 202). Now you cut into it, and it hurts. What happened there? Well, a small part of the physical body has been torn apart. You can cut into the physical body, but not into the astral body. I will now draw the astral body inside the physical body. If I draw this enlarged, there is a gap, and the astral body is inside it. But the astral body has the desire to be able to enter even where the physical body has been torn open. It has the desire to be inside the body, but cannot do so because the body is torn open there. That is what causes the pain.
[ 16 ] Nun denken Sie sich, wenn die Seele das ganze Leben hindurch die Begierde nach dem physischen Leib hat, dann muß ja etwas eintreten nach dem Tode.
[ 16 ] Now, just think: if the soul longs for the physical body throughout its entire life, then something must surely happen after death.
[ 17 ] Wenn Sie sich als Kind die Begierde aneignen, möglichst viel Zucker zu essen, dann entwickeln Sie die Begierde, Zucker zu bekommen. Und findet irgend jemand es in einem gewissen Stadium Ihres Lebens nützlich für Sie, daß Sie nicht mehr so viel Zucker essen, so haben Sie doch weiterhin die Begierde nach dem Zucker. Nehmen wir an, Sie haben die Zuckerkrankheit bekommen, und Sie sollen es deshalb nicht mehr tun - ja, das dauert lange, bis man sich das abgewöhnt! Man hat immer die Begierde nach dem Zucker und muß sie sich erst langsam abgewöhnen. Sie wissen ja, wenn einer sehr viel säuft, so hat er die Begierde danach bekommen; er muß sie sich langsam wieder abgewöhnen. Wenn einer Opium ißt, wie ich es Ihnen neulich erzählt habe, und es wird ihm abgewöhnt, da wird er ganz verrückt vor lauter Begierde nach dem Opium.
[ 17 ] If, as a child, you develop a craving to eat as much sugar as possible, then you develop a craving to get sugar. And even if, at a certain stage in your life, someone decides it would be good for you to stop eating so much sugar, you will still have that craving for sugar. Let’s say you’ve developed diabetes, and you’re therefore supposed to stop—well, it takes a long time to break that habit! You always have a craving for sugar and have to wean yourself off it slowly. You know, if someone drinks a lot, they’ve developed a craving for it; they have to wean themselves off it slowly. If someone uses opium, as I told you the other day, and is weaned off it, they go completely crazy from sheer craving for the opium.
[ 18 ] Nun lebt im Ich und astralischen Leib das ganze Leben hindurch Begierde nach dem Körper. Die Seele möchte nach dem Tod immer wieder in den Körper hinein aufwachen. Das muß sie sich erst abgewöhnen. Dieses Abgewöhnen dauert ungefähr ein Drittel des ganzen Lebens. Ein Drittel des ganzen Lebens dauert nämlich der Schlaf. Am ersten Tag, nachdem man gestorben ist, will man zurückgehen. Man will dasjenige, was am letzten Tag des Lebens ausgeführt worden ist, ausführen; am zweiten Tag will man das vom vorletzten Tag ausführen, und so geht es fort. So hat man die Begierde für dieses Drittel des Lebens sich abzugewöhnen. Also nach dem Tode hat man zwar nicht Durst- oder Hungerbegierde, aber fortwährend die Begierde nach all dem, was man durch den physischen Leib gehabt hat. Nach dem Tode ist es so: Sie haben Ihr ganzes Leben lang die nächste Umgebung ihres Heimatortes lieb gewonnen. Das haben Sie immer gesehen. Ja, das haben Sie durch Ihren physischen Leib gesehen. Das glaubt ja nur der Türke, daß er etwas viel Schöneres an Wiesen und Blumen und so weiter hat nach dem Tode, als er hier auf Erden hat. Also das müssen Sie sich alles abgewöhnen. Und dieses Abgewöhnen ist es eben, warum man sprechen muß davon, daß die Begierden noch bleiben. Ist das nicht verständlich? (Anwort: Jawohl!)
[ 18 ] Throughout one’s entire life, a longing for the body resides in the ego and the astral body. After death, the soul wants to awaken in the body again and again. It must first break this habit. This process of breaking the habit takes about one-third of one’s entire life. For one-third of one’s entire life is spent in sleep. On the first day after death, one wants to return. One wants to do what was done on the last day of life; on the second day, one wants to do what was done on the day before that, and so on. Thus, one must break the habit of this desire for this one-third of one’s life. So after death, you may not have a craving for thirst or hunger, but you do have a constant craving for everything you experienced through your physical body. After death, it is like this: throughout your entire life, you have grown to love the immediate surroundings of your hometown. You have always seen that. Yes, you saw that through your physical body. Only a Turk would believe that after death he has something much more beautiful in terms of meadows and flowers and so on than he has here on earth. So you must wean yourself off all of that. And it is precisely this process of weaning off that is why we must speak of the fact that the desires still remain. Isn’t that understandable? (Answer: Indeed!)
[ 19 ] Also nach dem Tode bleiben die Begierden nach dem physischen Leib und dem Leben überhaupt, nicht mehr Hunger und Durst, denn dazu braucht man einen Magen; den hat man nicht mehr, den hat man in den Sarg gelegt. Aber man hat nach dem Tode namentlich noch die Begierde, das alles zu sehen, was man während des Lebens gesehen hat.
[ 19 ] So after death, the desires for the physical body and for life in general remain—not hunger and thirst, because those require a stomach; one no longer has a stomach—it has been placed in the coffin. But after death, one still has, in particular, the desire to see everything one saw during one’s lifetime.
[ 20 ] Nun aber kommt etwas anderes dazu: Nach dem Tode kann man ebensowenig schon in der geistigen Welt, in die man jetzt eingetreten ist, richtig auf geistige Art sehen, geradesowenig wie das Kind hier in der physischen Welt sogleich sehen kann. Man muß sich das erst erwerben. Man muß erst hineinwachsen in die geistige Welt. So daß also der erste Zustand nach dem Tode, ein Drittel des Lebens, darinnen besteht, daß man noch blind und taub ist für die geistige Welt, aber noch Sehnsucht hat nach der physischen Welt. Das tritt dann ein, nach zwei, drei Tagen, binnen deren, wie ich erzählt habe, der Tote zurückschaut. Und erst, wenn er sich das abgewöhnt hat, wächst er auch hinein in die geistige Welt und kann dann auf geistige Art wahrnehmen. Dann hat er nicht mehr die Begierde nach der physischen Welt. Also wer das Seelenleben beurteilen kann, kann auch beurteilen, was vom physischen Leben bleibt. Und es bleibt natürlich nicht bloß Angenehmes. Wenn einer die Begierde gehabt hat, fortwährend die Menschen zu prügeln, so bleibt ihm die Begierde zu prügeln, und dann muß er sich das alles langsam abgewöhnen. Das sind eben die Dinge, die man einsieht.
[ 20 ] But now there is something else to consider: After death, one cannot yet see properly in a spiritual way in the spiritual world one has just entered, any more than a child here in the physical world can see immediately. One must first acquire this ability. One must first grow into the spiritual world. Thus, the first state after death—lasting one-third of a lifetime—consists of still being blind and deaf to the spiritual world, yet still longing for the physical world. This occurs after two or three days, during which, as I have described, the deceased looks back. And only when they have outgrown this habit do they begin to grow into the spiritual world and are then able to perceive in a spiritual way. Then they no longer have a longing for the physical world. So whoever can assess the life of the soul can also assess what remains of the physical life. And of course, it is not only pleasant things that remain. If someone has had the desire to constantly beat people, that desire to beat remains with them, and then they must slowly wean themselves off it. These are precisely the things one comes to realize.
[ 21 ] Anthroposophie geht überall darauf aus, zu erkennen, was an der Seele wirklich gesehen werden kann, was also wirklich sichtbarlich ist. Das ist dasjenige, um das es sich dabei handelt.
[ 21 ] Anthroposophy is always aimed at recognizing what can truly be seen in the soul—that is, what is truly visible. That is what it is all about.
[ 22 ] Was nun die andere Frage betrifft, die Christus Jesus-Frage, so wollen wir auch, damit nichts Unbefriedigtes in Ihnen ist, gleich heute auf sie etwas eingehen. Da muß ich allerdings eine geschichtliche Sache vorausschicken.
[ 22 ] As for the other question—the question of Christ Jesus—we will address it today as well, so that you may be fully satisfied. However, I must first preface this with a historical point.
[ 23 ] Ich habe Ihnen von allerlei Zuständen erzählt, in denen die Erde in sehr alten Zeiten war. Nun ist das so: Jetzt haben wir Zustände auf der Erde, die eigentlich auch nach naturwissenschaftlichen Beobachtungen nicht älter sind als etwa sechs- bis acht- oder neuntausend Jahre, also sagen wir sechs- bis neuntausend Jahre. Ich habe Sie schon einmal darauf aufmerksam gemacht. Vor dieser Zeit, da konnten Sie nicht sehr weit gehen von hier aus, da kamen Sie in die sogenannte Gletscherregion hinein. Da war die Schweiz dort, wo Sie heute herumgehen können, bis hinunter überall von Gletschern bedeckt. Da flossen die Gletscher in Tälern, wo jetzt die Flüsse sind; die Aare, die Reuß und so weiter sind ja übriggebliebene verdünnte Gletscherströme von ehemals, von früher.
[ 23 ] I have told you about all kinds of conditions that existed on Earth in very ancient times. Now, the fact is this: The conditions we have on Earth today—even according to scientific observations—are no older than about six to eight or nine thousand years; so let’s say six to nine thousand years. I’ve already pointed this out to you before. Before that time, you couldn’t go very far from here without entering what’s known as the glacial region. Switzerland—the very area where you can walk around today—was completely covered by glaciers all the way down. The glaciers flowed through valleys where the rivers are now; the Aare, the Reuss, and so on are, in fact, remnants of the diluted glacial streams of the past.
[ 24 ] Nun aber ging dieser Zeit, in welcher ein großer Teil von Europa von diesen Gletschern bedeckt war, eine ganz andere Zeit voran. Denn die Erde ist ja fortwährend so — nur muß man große Zeiträume in Betracht ziehen -, daß ihre Oberflächen steigen und fallen, steigen und fallen. Wenn zum Beispiel hier das Meer ist (es wird gezeichnet), und da oben Land, so schwimmt dieses Land da im Meere. Alles Land schwimmt nämlich im Meere. Kann man sich das vorstellen? Es ist nicht so, daß das hinuntergeht bis zum Grund, sondern das Land, alle Länder, schwimmen im Meere. Unter den Ländern ist auch Meer.
[ 24 ] But this period, during which a large part of Europe was covered by these glaciers, was preceded by a completely different era. For the Earth is, after all, constantly—though one must consider very long periods of time—in a state where its surfaces rise and fall, rise and fall. For example, if there is the sea here (it is drawn), and land up there, then that land is floating in the sea. All land, in fact, floats in the sea. Can you create a mental image of that? It is not that the land goes all the way down to the bottom; rather, the land—all the land—floats in the sea. There is also sea beneath the land.
[ 25 ] Nun werden Sie sagen: Warum schwimmt denn das nicht hin und her wie ein Schiff? Ich will Ihnen zuerst etwas anderes noch sagen. Tatsächlich schwimmen die Länder im Meere, aber nehmen Sie an, das sei Großbritannien, England (es wird gezeichnet). England ist eine Insel. Die schwimmt tatsächlich so im Meere, schwimmt allerdings in der Nähe von Europa, und die Entfernung ändert sich nicht. Aber selbst nach naturwissenschaftlichen Ansichten war das nicht immer so, wie es jetzt ist, sondern es gab auch Zeiten, in denen das Wasser da oben drüber ging. Da war England unter dem Meer drunten. Man kam dann, wenn man dieses Stückchen Meer durchquerte, natürlich auf den Boden. Also die Sache ist so, daß es Zeiten gegeben hat, wo England unter dem Meere war.
[ 25 ] Now you might ask: Why doesn’t it float back and forth like a ship? Let me tell you something else first. In fact, countries do float in the sea, but let’s say this is Great Britain, England (it is drawn). England is an island. It does indeed float like this in the sea, though it floats near Europe, and the distance doesn’t change. But even according to scientific views, it wasn’t always the way it is now; there were also times when the water covered it. Back then, England was down there under the sea. If you crossed that little stretch of sea, you would naturally reach the bottom. So the fact is, there were times when England was under the sea.
[ 26 ] Ja, die Sache ist sogar so: Wenn Sie den Boden von England untersuchen, dann finden Sie in diesem Boden gewisse versteinerte Tiere. Aber die sind nicht alle gleich. Wenn Sie hier ein Stück Boden von England untersuchen, und weiter oben wieder, so sind da ganz andersartige versteinerte Tiere, und noch weiter oben sind wiederum ganz andere versteinerte Tiere und noch weiter oben wiederum ganz andersartige versteinerte Tiere. Vier aufeinanderfolgende Lagen von versteinerten Tieren findet man im Boden von England!
[ 26 ] Yes, the fact is this: If you examine the soil of England, you will find certain fossilized animals in that soil. But they are not all the same. If you examine a sample of soil from England here, and then another sample further up, you’ll find completely different types of fossilized animals; and even further up, there are yet other fossilized animals; and even higher up still, yet another type of fossilized animals. You can find four successive layers of fossilized animals in the soil of England!
[ 27 ] Woher kommen denn diese versteinerten Tiere? Wenn das Meer ein Land überschwemmt, dann sterben die Tiere ab. Ihre Schalen fallen hinunter, und die Tiere werden versteinert. Wenn ich vier übereinander folgende Lagen finde in einem Boden, so muß das betreffende Land viermal vom Meer überschwemmt worden sein. Da hat es immer eine Lage abgesetzt. Und so findet man bei England, daß das Land viermal oben und wieder unten war. Viermal war England über Wasser, ist immer wieder gestiegen.
[ 27 ] Where do these fossilized animals come from? When the sea floods a landmass, the animals die. Their shells fall to the ground, and the animals become fossilized. If I find four successive layers in the ground, then that land must have been flooded by the sea four times. Each time, a layer was deposited. And so, in England, we find that the land has been above and below water four times. Four times England was above water; it has risen again and again.
[ 28 ] Nun können Sie fragen: Warum geht denn solch eine Insel, die eigentlich im Wasser schwimmt, nicht hin und her wie ein Schiff? Ja, von der Erde aus wird sie nämlich nicht gehalten. Wenn es auf die Erde bloß ankäme, man kann es sich gar nicht vorstellen, wie da alles durcheinander gerüttelt würde! Da würde bald England an die Küste von Norwegen angeschlagen werden, bald nach Amerika hinübergeschlagen werden und so weiter, und die Länder würden alle durcheinandergeschlagen werden, wenn es bloß auf die Erde ankäme. Aber es kommt nicht bloß auf die Erde an, sondern die Sternkonstellation am Himmel sendet die Kräfte aus, welche ein Land an einer bestimmten Stelle festhalten. Also an der Erde liegt das nicht. Es liegt an der Sternkonstellation. Und man kann immer nachweisen: Wenn sich die Lage geändert hat, da hat sich die Sternkonstellation verändert — natürlich nicht die der Planeten, sondern der Fixsterne. Derjenige, der nichts wissen will von dieser Welt, der macht es eben so wie die Leute, die sagen, die Kräfte zum Denken kommen allein aus dem Gehirn heraus. Wenn ich da den weichen Erdboden habe und mache nur meine Fußspuren, und es kommt meinetwillen einer vom Mars herunter und meint, die Fußspuren kommen von der Erde, die Erde wirft bald den Sand auf, bald zieht sie ihn herunter — so ist es ja gar nicht, ich habe von draußen hereingestoßen. Und so sind auch die Windungen meines Gehirns von außen, vom seelischen Denken hineingekommen. $o ist es auch mit den Ländern, die über die Erde gekommen sind: sie sind festgehalten von den Sternkonstellationen. Wir müssen also Geist nicht nur sehen in den Menschen auf der Erde, und auf der Erde überhaupt, sondern im ganzen Weltenall.
[ 28 ] Now you might ask: Why doesn’t such an island, which is actually floating in the water, move back and forth like a ship? Well, it isn’t held in place by the Earth. If it depended solely on the Earth, one can’t even create a mental image of how everything would be shaken up! England would soon be flung against the coast of Norway, then swept off toward America, and so on, and all the countries would be thrown into disarray if it depended solely on the Earth. But it does not depend solely on the Earth; rather, the constellations in the sky emit forces that hold a country in a specific place. So it is not due to the Earth. It depends on the constellation of the stars. And one can always prove it: When the situation has changed, the constellation of the stars has changed—not that of the planets, of course, but that of the fixed stars. Anyone who wants to know nothing about this world simply acts like the people who say that the powers of thought come solely from the brain. If I’m standing on soft ground and leave only my footprints, and someone from Mars happens to come down here and thinks the footprints come from the Earth—that the Earth sometimes pushes the sand up and sometimes pulls it down—that’s not how it is at all; I pushed it in from the outside. And so, too, the convolutions of my brain have come from outside, from spiritual thinking. The same is true of the lands that have come to Earth: they are held in place by the constellations. We must therefore see Spirit not only in the people on Earth, and on Earth in general, but in the entire universe.
[ 29 ] Solche Sachen, meine Herren, denken Sie sich nur, die haben ältere Menschen merkwürdigerweise gewußt, aber auf eine ganz andere Art gewußt als wir heute. Ich will Ihnen einen Beweis liefern. Es gibt einen großen griechischen Philosophen, der mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt gelebt hat, Plato hieß er. Der wußte ja sehr viel. Er erzählt, daß einer der Weisesten seiner Landesgenossen, Solon, der Gesetzgeber von Griechenland, einmal bei einem Ägypter war. Die Ägypter waren das mehr ältere Volk damals; nur haben sich die Griechen gescheiter benommen, als wir uns benehmen. Nicht wahr, die Griechen haben die Ägypter hoch verehrt — das werden wir gleich sehen —, aber sie haben nicht Ägyptisch gelernt, die alte Sprache der Ägypter. Die Griechen haben nicht Ägyptisch gelernt! Unsere Gelehrten, die müssen alle Griechisch lernen! Die Griechen waren nämlich viel gescheiter. Wir machen ihnen dasjenige, was sie damit befolgt haben, nicht nach; wir machen ihnen aber ihre Sprache nach. Unsere Gelehrten werden eben gerade dadurch befangen, daß sie nicht hineinwachsen, in dasjenige, was ihnen urtümlich auf der Erde ist, sondern sie werden abgelenkt von dem, was den Menschen eigen ist, indem sie sich in eine ganz alte Sprache hineinfinden müssen. Nun, in der Schweiz kämpft man ja jetzt dagegen; aber das hat lange gedauert. Man hat unseren Jungens, wenn sie Mediziner werden wollten, erst die Köpfe verdreht, indem sie Griechisch lernen mußten. Ich sage es nicht, weil ich es auch einmal lernen mußte, ich liebe sie sehr, die griechische Sprache. Doch das sollen einige lernen, die etwas davon haben wollen, aber nicht, wer Mediziner oder Jurist werden will, und sie im späteren Leben wieder vergißt.
[ 29 ] Just think about it, gentlemen: strangely enough, older people knew these things, but they understood them in a completely different way than we do today. I’ll give you proof of that. There was a great Greek philosopher who lived several centuries before the birth of Christ; his name was Plato. He knew a great deal, of course. He recounts that one of the wisest of his countrymen, Solon, the lawgiver of Greece, once visited an Egyptian. The Egyptians were the older civilization back then; it’s just that the Greeks behaved more wisely than we do. Isn’t it true that the Greeks held the Egyptians in high esteem—we’ll see that in a moment—but they didn’t learn Egyptian, the ancient language of the Egyptians? The Greeks didn’t learn Egyptian! Our scholars, on the other hand, all have to learn Greek! The Greeks were, in fact, much wiser. We don’t follow the example of what they did in that regard; instead, we imitate their language. Our scholars are precisely hindered by the fact that they do not grow into what is originally theirs on earth, but are distracted from what is inherent to human beings by having to immerse themselves in a very ancient language. Well, in Switzerland they are now fighting against this; but it took a long time. Our young men, if they wanted to become doctors, first had their minds twisted by having to learn Greek. I’m not saying this because I once had to learn it myself—I love the Greek language very much. But it should be learned by those who want to benefit from it, not by those who want to become doctors or lawyers and will forget it again later in life.
[ 30 ] Da erzählt Plato, daß Solon bei einem Ägypter war, und dieser gescheite Ägypter hätte ihm gesagt: Ihr Griechen, ihr seid zwar fortgeschrittene Menschen, aber ihr seid doch noch Kinder, denn ihr wißt ja nichts davon, daß die Länder fortwährend herausgezogen werden übers Meer und wieder hintertauchen, daß immer Umwälzungen stattfinden.
[ 30 ] Plato recounts that Solon visited an Egyptian, and this wise Egyptian is said to have told him: “You Greeks, you may be advanced people, but you are still children, for you know nothing of the fact that the lands are constantly being pulled out of the sea and sinking back again, that upheavals are always taking place.”
[ 31 ] Also die alten Ägypter haben es noch gewußt; die Griechen nicht mehr. Nur noch Plato. Der hat etwas davon gewußt, daß da draußen im Atlantischen Ozean, wo jetzt die Schiffe von Europa nach Amerika fahren, Land war, daß also die europäische Westküste mit der amerikanischen Ostküste durch Land verbunden war. Aber die alten Wahrheiten, die sind eben vergessen worden. Und das war deshalb, weil die Menschen eben ein noch mehr unbewußtes Wissen gehabt haben. Wir haben uns das abstrakte Wissen angeeignet. Das brauchen wir zu unserer Freiheit. Denn die Menschen damals waren nicht frei; aber sie wußten eben mehr. Und Lessing, sagte ich Ihnen, der gab etwas darauf, daß diese alten Menschen mehr gewußt haben als die späteren.
[ 31 ] So the ancient Egyptians still knew it; the Greeks no longer did. Only Plato did. He knew something about the fact that out there in the Atlantic Ocean—where ships now sail from Europe to America—there used to be land, and that the western coast of Europe was thus connected to the eastern coast of America by land. But those ancient truths have simply been forgotten. And that was because people back then possessed a form of knowledge that was even more unconscious. We have acquired abstract knowledge. We need that for our freedom. For the people back then were not free; but they simply knew more. And Lessing, as I told you, believed that those ancient people knew more than those who came later.
[ 32 ] So kommen wir dazu, uns zu sagen: Es ist so, daß da alte Zeiten waren, in denen die Menschen durch ihre eigene Natur gewußt haben: es ist da überall ein Geistiges ausgebreitet. Das haben die Menschen ziemlich lange gewußt.
[ 32 ] This leads us to say to ourselves: The fact is that there were times in the past when people knew, by their very nature, that a spiritual realm pervades everything. People have known this for quite a long time.
[ 33 ] Da gibt es zum Beispiel einen römischen Kaiser, Julian, im 4. Jahrhundert nach Christus. Dieser Julian ist bei denjenigen Menschen unterrichtet worden, die noch etwas von asiatischem Wissen gehabt haben. Und dieser Julian hat gesagt: Es gibt nicht eine, sondern es gibt drei Sonnen. Die erste Sonne ist die physische Sonne, die zweite ist eine seelische Sonne, und die dritte Sonne ist eine geistige Sonne. Die erste ist uns sichtbar, die zwei andern sind unsichtbar. Das sagte dieser Julian.
[ 33 ] For example, there was a Roman emperor named Julian in the 4th century A.D. This Julian was taught by people who still possessed some Asian knowledge. And this Julian said: There is not one, but three suns. The first sun is the physical sun, the second is a soul sun, and the third is a spiritual sun. The first is visible to us; the other two are invisible. That is what Julian said.
[ 34 ] Nun ist etwas sehr Merkwürdiges geschehen. Der Julianus, der ist überall in der Geschichte verleumdet worden; denn er glaubte nicht ans Christentum. Aber er glaubte an dasjenige, was die Menschen vor dem Christentum gewußt haben. Und als Julian einmal einen asiatischen Feldzug führen mußte, da wurde er ganz plötzlich ermordet. Es war eine Art Attentat. Aber dieses Attentat haben diejenigen ausgeführt, die ihn gehaßt haben, weil er noch das alte Wissen sich angeeignet hat.
[ 34 ] Now something very strange has happened. Julian has been slandered throughout history because he did not believe in Christianity. But he believed in what people knew before Christianity. And when Julian once had to lead a military campaign in Asia, he was suddenly assassinated. It was a kind of assassination. But this assassination was carried out by those who hated him because he had still acquired the ancient knowledge.
[ 35 ] Sie müssen nur bedenken, daß auch damals in älteren Zeiten überhaupt die Sache ganz anders gehandhabt wurde als heute. Die Ägypter waren so furchtbar gescheite Leute, wie ich es Ihnen gesagt habe. Aber sie hatten nicht eine solche Schrift wie wir, sondern sie hatten eine Bilderschrift. Da war immer das Wort ähnlich dem, was es bedeutete. Und denjenigen Menschen, die in Ägypten Schreiber waren, denen wurde eingeschärft: Schreiben ist etwas Heiliges; ihr müßt ganz getreu die Sachen nachahmen. Und wissen Sie, was dem passiert ist, der damals aus Nachlässigkeit einen Fehler im Abschreiben von Bilderschriften gemacht hat? Der ist zum Tode verurteilt worden! Nun, heute würde man schön schauen, wenn einer, der einen orthographischen Fehler macht, deshalb zum Tod verurteilt würde. Aber die Menschengeschichte verläuft eben anders, als man es sich träumt. In der Tat waren die alten Ägypter weise und grausam in gewisser Beziehung. Ein Fortschritt ist natürlich doch vorhanden in der Menschheit. Aber deshalb, weil ihnen das Schreiben etwas so Heiliges war, dürfen wir doch nicht ableugnen, daß sie wiederum weise waren in anderer Beziehung und Dinge gewußt haben, die erst jetzt wiederum nach und nach in der Anthroposophie herauskommen, in ganz anderer Art. Die haben es nämlich geträumt, und wir wissen es; das ist eine ganz andere Art gewesen.
[ 35 ] You just have to keep in mind that even back in those ancient times, things were handled quite differently than they are today. The Egyptians were such incredibly intelligent people, as I’ve told you. But they didn’t have a writing system like ours; instead, they had a pictographic script. The symbol always resembled what it represented. And the scribes in Egypt were taught that writing is a sacred act; they had to reproduce the symbols with absolute fidelity. And do you know what happened to anyone who, out of carelessness, made a mistake while copying the pictographic script back then? He was sentenced to death! Well, today people would be quite surprised if someone who made a spelling mistake were sentenced to death for it. But human history unfolds differently than one might imagine. In fact, the ancient Egyptians were wise and cruel in a certain respect. Of course, there has been progress in humanity. But precisely because writing was something so sacred to them, we must not deny that they were also wise in other respects and knew things that are only now gradually coming to light in anthroposophy, in a completely different way. For they had dreamed it, and we know this; it was a completely different kind of experience.
[ 36 ] Nun, sehen Sie, der Julianus hatte recht. Es ist tatsächlich so: Wie Sie in Ihrem Körper Seele und Geist haben, so hat die Sonne Seele und Geist. Das sagt eben derjenige, der das Seelische kennt. Er spricht nicht davon, daß die Venusfliegenfalle eine Seele habe, weil das ein Unsinn ist, zu sagen, daß alles, was sich irgendwie zweckmäßig bewegt, eine Seele hat. Aber er weiß, daß wenn das Licht scheint, es Seele hat, sich seelisch bewegt; denn das nimmt er wahr. Und so wußte man: Die Sonne enthält ein lebendiges Wesen.
[ 36 ] Well, you see, Julianus was right. It is indeed true: just as you have a soul and a spirit within your body, so too does the sun have a soul and a spirit. This is precisely what someone who understands the spiritual realm says. He does not say that the Venus flytrap has a soul, because it is nonsense to claim that everything that moves in any purposeful way has a soul. But he knows that when the light shines, it has a soul, that it moves in a spiritual way; for he perceives this. And so it was known: The sun contains a living being.
[ 37 ] Nun wissen Sie ja, daß erzählt wird: In Palästina wurde zu einer bestimmten Zeit der Jesus von Nazareth geboren. Sehen Sie, meine Herren, der Jesus von Nazareth, der wuchs auf - man kann nämlich heute nachprüfen, was in den Evangelien steht, also wahr ist — als ein ziemlich einfacher Knabe. Er war der Sohn eines Schreiners, eines Zimmermanns. Das stimmt. Als ein ziemlich einfacher Knabe wuchs er auf. Nun hatte er noch sehr viel von der alten Weisheit. Deshalb beruht es wiederum auf Richtigkeit, daß er im zwölften Jahre den Gelehrten sehr gescheit antworten konnte. Es passiert nämlich heute auch noch, daß ein zwölfjähriger Knabe vernünftigere Antworten gibt, als ein «verlernter» Gelehrter! Aber daran erkannte man, daß er ein sehr begabter Knabe war. Nun wuchs er weiter heran, und als er dreißig Jahre alt war, da änderte sich ganz plötzlich etwas in ihm. Das ist eine Tatsache; es änderte sich ganz plötzlich etwas in ihm.
[ 37 ] Now, as you know, the story goes that Jesus of Nazareth was born in Palestine at a certain time. You see, gentlemen, Jesus of Nazareth grew up—and we can verify today that what is written in the Gospels is true—as a rather simple boy. He was the son of a carpenter. That is true. He grew up as a fairly simple boy. Yet he still possessed a great deal of the ancient wisdom. That is why it is also true that, at the age of twelve, he was able to answer the scholars very wisely. After all, it still happens today that a twelve-year-old boy gives more sensible answers than a “forgotten” scholar! But this showed that he was a very gifted boy. He continued to grow up, and when he was thirty years old, something changed within him quite suddenly. That is a fact; something changed within him quite suddenly.
[ 38 ] Was änderte sich in ihm, als Jesus dreißig Jahre alt war? Als Jesus dreißig Jahre alt war, da ging ihm plötzlich auf, allerdings vorbereitet durch sein früheres großes Wissen, das, was man damals nicht mehr gewußt hat, was nur einzelne verborgene Gelehrte aus einer alten Weisheit gehabt haben, von denen es später der Julian noch hat finden können. Ihm ging auf durch ein älteres Wissen: Das ganze Weltenall und die Sonne enthält Seele und Geist. Er wurde durchdrungen von dem, was im Weltenall lebte, indem er dies wußte. Wenn man es weiß, hat man es auch.
[ 38 ] What changed within him when Jesus was thirty years old? When Jesus was thirty years old, it suddenly dawned on him—though he had been prepared by his earlier great knowledge—what was no longer known at that time, what only a few hidden scholars possessed from an ancient wisdom, which Julian was later able to rediscover. It dawned on him through an ancient body of knowledge: the entire universe and the sun contain soul and spirit. He was permeated by what lived in the universe because he knew this. If you know it, you also possess it.
[ 39 ] Nun mußte man damals, in der damaligen Zeit, den Menschen die Dinge in Bildern beibringen. Das, was ich Ihnen heute sage, kann man erst seit dem 15. Jahrhundert so ausdrücken. Vorher hatte man nicht diese Begriffe. Das drückte man also so aus, daß man sagte: Eine Taube senkte sich herunter, und er bekam den Heiligen Geist in sich. Das ist natürlich so, daß derjenige, der das wahrnehmen konnte, wußte: Da ist etwas geschehen mit ihm. Er drückte das so aus, und in einem Evangelium steht es: Da erscholl eine Stimme vom Himmel: «Dies ist mein vielgeliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe», richtig übersetzt: «Dieser ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn geboren.» Das heißt, man faßte das, was da im dreißigsten Jahre geschah, richtig wie eine zweite Geburt auf. Mit der Jesus-Geburt ist eben nur Jesus geboren, der begabter war als die anderen, aber der eben noch nicht dieses Fühlen in sich hatte. Das empfand man als etwas außerordentlich Wichtiges. Und das ist die Johannestaufe im Jordan.
[ 39 ] Back then, in those days, people had to be taught things through pictures. What I am telling you today could only be expressed in this way starting in the 15th century. Before that, these concepts did not exist. So it was expressed by saying: A dove descended, and he received the Holy Spirit within himself. Of course, anyone who could perceive this knew: Something had happened to him. He expressed it that way, and it is written in one of the Gospels: A voice rang out from heaven: “This is my beloved Son, in whom I am well pleased”—correctly translated: “This is my beloved Son; today I have given birth to him.” This means that what happened there at the age of thirty was rightly understood as a second birth. With Jesus’ birth, only Jesus was born—he who was more gifted than the others, but who did not yet possess this inner feeling. This was perceived as something extraordinarily important. And that is the baptism of John in the Jordan.
[ 40 ] Da gab es für mich einmal etwas, was mir große Sorge machte. In der Wissenschaft gibt es schon solche Sorgen, meine Herren! Da hatte man, Sie wissen es, die vier Evangelien, das Matthäus-, das Markus-, das Lukas-Evangelium, und das Johannes-Evangelium. Nicht wahr, heute weiß jeder, diese vier Evangelien widersprechen sich ja. Wenn Sie anfangen zu lesen im Matthäus-Evangelium und da lesen, wie der Stammbaum des Jesus ist, und vergleichen das mit dem Stammbaum des Jesus im Lukas-Evangelium, so widerspricht sich das nämlich. Die Leute sagen: Das widerspricht sich. - Aber sie denken nicht weiter nach darüber, warum sich das widerspricht. Sie sagen höchstens: Das hat der eine, das hat der andere erfunden; der eine hateben etwas anderes erfunden als der andere, deshalb können sich die Sachen widersprechen.
[ 40 ] There was once something that caused me great concern. Such concerns do exist in academia, gentlemen! As you know, there were the four Gospels: the Gospel of Matthew, the Gospel of Mark, the Gospel of Luke, and the Gospel of John. Isn’t that right? Today everyone knows that these four Gospels contradict each other. If you start reading the Gospel of Matthew and see Jesus’ genealogy there, and compare it with Jesus’ genealogy in the Gospel of Luke, you’ll find that they actually contradict each other. People say: “That contradicts itself.” - But they don’t think any further about why they contradict each other. At most, they say: “One of them made this up, the other made that up; one must have made something different up than the other, which is why the accounts contradict each other.”
[ 41 ] Aber so ist es nämlich nicht. Es ist so: Goethe sagt zum Beispiel von sich selber: Vom Vater hab’ ich die Statur — das heißt, er schaute so ähnlich aus wie der Vater —
[ 41 ] But that’s not actually the case. Here’s how it is: Goethe, for example, says of himself: “I got my build from my father”—that is, he looked somewhat like his father—
[ 42 ] Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
[ 42 ] From my father I got my stature,
A serious approach to life,
From my dear mother, her cheerful nature
And a love of storytelling.
[ 43 ] Nun, aber fabulieren hat der Goethe vielleicht mit drei Jahren noch nicht gekonnt; er konnte es aber vielleicht mit neun Jahren. Da mußte er sagen: Schön, von der Mutter habe ich die Lust zum Fabulieren, die ist von der Mutter auf mich übergegangen, die ist von der Mutter in mich hineingekommen.
[ 43 ] Well, Goethe may not have been able to make up stories at the age of three; but perhaps he could at the age of nine. Then he must have said: “Well, I got the love of storytelling from my mother; it was passed down to me from my mother; it came into me from my mother.”
[ 44 ] Das sage ich Ihnen, weil sich Ihnen verständlich machen wird, wie sich mir meine Sorge in bezug auf die Widersprüche in den Evangelien aufgelöst hat.
[ 44 ] I am telling you this because it will help you understand how my concern regarding the contradictions in the Gospels was resolved.
[ 45 ] Nun habe ich diese zwei Evangelien zunächst genommen, das Matthäus- und das Lukas-Evangelium. Da kommt, wenn man nicht überhaupt bloß nachlässigerweise sagt, das ist erfunden, kein Mensch darauf, warum sich diese zwei Dinge widersprechen. Und ich habe nun geisteswissenschaftlich untersucht, was dahintersteckt, und habe gefunden: Es wurde eben nicht ein Knabe geboren, sondern es wurden zwei Jesusknaben geboren. Beide Knaben hatten den Namen Jesus. Da braucht man sich nicht weiter darüber zu verwundern; denn wenn in Österreich zum Beispiel ein Knabe Joseph heißt, dann wundert man sich auch nicht, wenn ein anderer Knabe, der zu gleicher Zeit geboren wird, auch Joseph heißt. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn zwei Knaben Seppl oder Franz heißen. So brauchte man sich auch gar nicht zu wundern, wenn damals zwei Knaben Jesus hießen. Es waren wirklich zwei Knaben geboren, die Jesus hießen. Und beide haben miteinander gelebt bis zu ihrem zwölften Jahre. Und da ist das Eigentümliche geschehen: Dadurch, daß sie miteinander gelebt haben, da ist nämlich dasjenige, was der eine an Begabung gehabt hat, plötzlich bei dem andern erschienen. So wie der Sohn von der Mutter erben kann, so hat da zum Beispiel der eine Jesusknabe von dem andern die Begabung geerbt. Und der eine Jesusknabe, von dem der andere die Begabung geerbt hatte, der hat nicht weitergelebt, der ist gestorben mit zwölf Jahren, der ist bald danach gestorben. So blieb der eine übrig und hatte durch die Erschütterung, daß der andere zugrunde ging, in sich aufleuchten gehabt die Weisheit des anderen. Dadurch hat er eben vor den Gelehrten erst glänzen können.
[ 45 ] So I began by examining these two Gospels—the Gospel of Matthew and the Gospel of Luke. Unless one simply and carelessly claims that they are fabrications, no one can explain why these two accounts contradict each other. And I have now investigated, from a perspective of Spiritual Science, what lies behind this, and have found: It was not just one boy who was born, but two boys named Jesus. Both boys were named Jesus. There is no need to be surprised by this; for if, in Austria for example, one boy is named Joseph, then one is not surprised either if another boy, born at the same time, is also named Joseph. There’s no need to be surprised if two boys are named Seppl or Franz. So there was really no need to be surprised at all if, back then, two boys were named Jesus. Two boys named Jesus were indeed born. And both lived together until they were twelve years old. And that’s when something peculiar happened: because they lived together, the gift that one possessed suddenly appeared in the other. Just as a son can inherit from his mother, so, for example, one of the boys named Jesus inherited the gift from the other. And the one boy named Jesus—from whom the other had inherited the gift—did not live much longer; he died at the age of twelve, shortly thereafter. Thus, the other boy remained, and through the shock of the other’s death, the wisdom of the other had been kindled within him. It was precisely this that enabled him to shine before the scholars.
[ 46 ] Die Eltern haben sagen können: Wo hat denn der das alles her? — Wenn man eben Seelischem Einflüsse zuschreibt, dann ist das auch erklärlich. Und solche seelischen Einflüsse gibt es einfach. Der eine Jesusknabe hat bis zu seinem zwölften Jahre die Weisheit nicht gehabt; der andere ist gestorben, und die Weisheit ist nun auf den einen Jesusknaben übergegangen, teilweise durch die Erschütterung, daß der gestorben ist, teilweise, daß sie freundschaftlich miteinander verkehrt haben. Und der machte die Taufe im Jordan durch. Es sind eben zwei Jesusknaben geboren worden, nicht einer; im zwölften Jahr ist der eine gestorben, und der andere ist durch dieses erschütternde Ereignis plötzlich aufgewacht, und hat die Weisheit des andern gehabt.
[ 46 ] The parents might have asked: Where on earth did he get all that? — If one attributes it to spiritual influences, then it can be explained. And such spiritual influences simply exist. One of the Jesus boys did not possess this wisdom until he was twelve; the other died, and the wisdom has now passed on to the one remaining Jesus boy—partly due to the shock of the other’s death, and partly because they had been close friends. And he underwent baptism in the Jordan. Two “Jesus boys” were born, not just one; in the twelfth year, one died, and the other suddenly awoke as a result of this shocking event and possessed the wisdom of the other.
[ 47 ] Und dann kriegen Sie heraus: der eine der Evangelisten, Matthäus, hat für die Kindheit Jesu den einen Jesusknaben beschrieben, und der andere, Lukas, hat den andern Jesusknaben beschrieben. Und so stimmen die zwei miteinander überein. Ich habe das nicht ausgedacht. Das hat sich mir als Forschungsresultat ergeben. Und deshalb rede ich von den zwei Jesusknaben, gerade aus einer gewissen Wissenschaft heraus, die eben die andern nicht haben.
[ 47 ] And then you discover: one of the evangelists, Matthew, described one of the “Jesus boys” during Jesus’ childhood, and the other, Luke, described the other “Jesus boy.” And so the two accounts agree with one another. I didn’t make this up. It emerged as a result of my research. And that is why I speak of the two “boy Jesuses”—precisely on the basis of a certain scholarly insight that others simply lack.
[ 48 ] Und daraus ersehen Sie, daß man dieselben Grundsätze, die man in der Naturwissenschaft befolgt, daß, wenn die Ursachen da sind, die Wirkungen auftreten, auch in der Geisteswissenschaft verfolgt. Man geht nicht einfach darauf aus, daß man sagt: Nun ja, da haben halt zwei etwas erfunden, der eine Jesusknabe des Matthäus ist erfunden, der andere Jesusknabe des Lukas ist erfunden. — In der Zeit, in der das Matthäus- und das Lukas-Evangelium geschrieben worden sind, war von einem solchen Erfinden überhaupt keine Rede. Die Leute haben bildlich gesprochen; aber erfunden haben sie nichts, denn man hat die Sachen so ernst genommen, daß man ein paar Jahrhunderte früher in Ägypten denjenigen, der irgend etwas aufgeschrieben hat, was nicht gestimmt hat, zum Tode verurteilt hat. Für ältere Zeiten darf man nicht so leichtsinnig sein und sagen, die Leute hätten etwas erfunden. Sie haben es in Bildern ausgedrückt; aber es wäre ihnen gar nicht eingefallen, etwas zu erfinden. Der redet also als ein ganz Unwissender, der da sagt, es könnten das Matthäus- und Lukas-Evangelium erfunden sein. Das sagen aber die heutigen Gelehrten und Theologen. Weil sie sich nicht anders helfen können, müssen sie die Widersprüche zugeben. Aber dadurch, daß man weiß, es sind eben zwei Jesusknaben, der eine der Jesusknabe des Matthäus-Evangeliums, der andere der Jesusknabe des Lukas-Evangeliums, dadurch klärt sich die Geschichte in der besten Weise auf.
[ 48 ] And from this you can see that the same principles followed in the natural sciences—namely, that when causes are present, effects occur—are also applied in the Spiritual Science. One does not simply assume that, well, two people just made something up—that the Jesus of Matthew’s Gospel is a figment of the imagination, and the Jesus of Luke’s Gospel is a figment of the imagination. — At the time the Gospels of Matthew and Luke were written, there was absolutely no question of such “invention.” People spoke figuratively; but they did not invent anything, for people took these matters so seriously that a few centuries earlier in Egypt, anyone who wrote down anything that was not true was sentenced to death. When it comes to earlier times, one must not be so reckless as to say that people invented something. They expressed it in imagery; but it would never have occurred to them to invent anything. So anyone who says that the Gospels of Matthew and Luke might have been invented is speaking as a complete ignoramus. Yet that is precisely what today’s scholars and theologians say. Because they have no other choice, they must admit the contradictions. But the fact that we know there are, in fact, two “Jesus figures”—one from the Gospel of Matthew and the other from the Gospel of Luke—clarifies the story in the best possible way.
[ 49 ] Nun kommt der Herr Hauer, der neben dem, daß er Privatdozent in Tübingen ist, auch ein Wanderlehrer ist, und der aufgetreten ist — das Reden für die Anthroposophie bringt ja heute nichts ein, aber das Reden gegen die Anthroposophie trägt schon heute etwas ein -, der also aufgetreten ist gegen die Anthroposophie, dieser Herr Hauer kommt nun und findet: Das ist etwas Absonderliches. — Ja, meine Herren, etwas Absonderliches ist es natürlich, weil keiner darauf gekommen ist! Es ist natürlich etwas Absonderliches, wenn ich da behaupte, es hat nicht einen, sondern zwei Jesusknaben gegeben; von denen ist einer im zwölften Jahre gestorben. Das ist natürlich etwas Absonderliches, selbstverständlich. Man braucht sich gar nicht zu verwundern, daß es etwas Absonderliches ist. Aber es ist eben deshalb etwas Absonderliches, weil es nicht jeder gesagt hat. Deshalb finder es der Hauer absonderlich. Das finden Sie auf der einen Seite des Hauerschen Buches.
[ 49 ] Now along comes Mr. Hauer, who, in addition to being a private lecturer in Tübingen, is also an itinerant teacher, and who has spoken out—after all, speaking in favor of anthroposophy doesn’t pay anything these days, but speaking against it does bring in some money—so he has spoken out against anthroposophy; this Mr. Hauer now comes along and says: “That’s something peculiar.” — Yes, gentlemen, of course it’s peculiar, because no one else has thought of it! It’s naturally peculiar when I claim that there were not one, but two young Jesus figures, one of whom died at the age of twelve. That is, of course, peculiar—needless to say. There’s really no need to be surprised that it’s something peculiar. But it’s precisely peculiar because not everyone has said it. That’s why Hauer finds it peculiar. You’ll find this on one page of Hauer’s book.
[ 50 ] Auf der anderen Seite finden Sie: Ja, der Steiner sagt überhaupt nichts anderes, als was man schon gewußt hat. Ja, meine Herren, dasjenige, was der Herr Hauer noch nicht gewußt hat, das findet er absonderlich. Darüber schimpft er. Auf Grund desjenigen, was er irgendwoher — weil man ja die alte Weisheit gehabt hat, die ist heute natürlich überall verzeichnet — sich zusammengelesen hat, ich lese es nicht zusammen, aber er liest es sich zusammen!, kommt er zu dem Schluß: Ja, der Steiner sagt ja gar nichts, als was andere auch schon gesagt haben. — So ist man diesen Leuten ausgeliefert. Da, wo irgend etwas gesagt werden muß, da sagen sie: Der sagt nichts Neues. - Wenn ich ein Geometriebuch schreibe, so muß ich natürlich den Pythagoräischen Lehrsatz hineinschreiben; der ist von Pythagoras 600 Jahre vor Christi Geburt gefunden. Natürlich, wenn ich eine Anzahl neue Sachen da drinnen habe, den Pythagoräischen Lehrsatz muß ich auch drinnen haben; ich werde ihn heute etwas anders beweisen, aber drinnen ist er. Das kann man einem doch nicht vorwerfen, daß das, was schon einmal da war, wieder gefunden wird, nachdem es vergessen war! Und so ist es, daß viele von den Sachen, die natürlich heute Geisteswissenschaft behauptet, in einer anderen Weise, denn in derselben Weise ist es ja nicht der Fall, in einer anderen Weise sich finden bei den alten Gnostikern, die eben die Schriftsteller einer alten Zeit sind. Zur Zeit, als Christus da war, hat es noch solche Gnostiker gegeben, und noch später. Diese haben solche alte Weisheit hingeschrieben, aber nicht aus der Wissenschaft heraus, sondern aus altem Wissen heraus, nicht wie die Anthroposophie. Nun vergleichen die Leute das, was die Anthroposophie sagt, und das, was bei den Gnostikern steht. Das ist ein wenig so, wie es bei den Gnostikern wieder vorkommt, weil es wahr ist. Und dann sagen sie: Nun, der sagt ja gar nichts anderes, als was die andern auch gesagt haben! — Aber bei den zwei Jesusknaben, da kann der Herr Hauer nämlich nicht sagen: Da ist der Steiner auf etwas drauf gekommen, was die andern schon gewußt haben! - denn da hat er nämlich keine Ahnung davon, daß das schon einmal irgendeiner gewußt hat.
[ 50 ] On the other hand, you’ll find: Yes, Steiner says nothing at all that we didn’t already know. Yes, gentlemen, whatever Mr. Hauer didn’t already know, he finds strange. He rails against it. Based on what he has pieced together from here and there—because, after all, we’ve had this old wisdom, which is of course documented everywhere today—I don’t piece it together, but he does!—he comes to the conclusion: “Yes, Steiner says nothing other than what others have already said.” — That’s how we’re at the mercy of these people. Whenever something needs to be said, they say: “He’s not saying anything new.” — If I write a geometry textbook, I must, of course, include the Pythagorean theorem; it was discovered by Pythagoras 600 years before the birth of Christ. Of course, even if I include a number of new ideas in it, I must also include the Pythagorean theorem; I’ll prove it a little differently today, but it’s in there. Surely one can’t be blamed for rediscovering something that was already there after it had been forgotten! And so it is that many of the things that Spiritual Science asserts today are found—in a different way, for it is not exactly the same—among the ancient Gnostics, who were, after all, the writers of an earlier era. At the time when Christ was here, such Gnostics still existed, and even later. They wrote down this ancient wisdom, but not based on scientific inquiry, rather from ancient knowledge—unlike anthroposophy. Now people compare what anthroposophy says with what is written by the Gnostics. It is somewhat similar to what is found among the Gnostics, precisely because it is true. And then they say: “Well, he’s not saying anything different from what the others said!” — But when it comes to the two Jesus boys, Mr. Hauer cannot say: “Steiner has come up with something that the others already knew!” — because he has no idea that anyone else ever knew that before.
[ 51 ] Das ganze Buch, ich habe es noch nicht aufgeschnitten, aber was ich davon gesehen habe, wimmelt von solchen Widersprüchen. Es hat überhaupt nicht Hand und Fuß, wenn man eine Seite mit der andern vergleicht. Aber so machen es die heutigen Gelehrten. Auf der einen Seite sagen sie: Das haben andere auch schon vielfach gesagt. - Und auf der anderen Seite sagen sie: Der sagt ja nichts Neues, das haben wir ja alles schon gewußt! — Ja, wenn sie das alles schon gewußt haben, warum schimpfen sie denn darüber? Und auf der andern Seite, wenn etwas kommt, was sie nicht gewußt haben, finden sie es unglaublich.
[ 51 ] I haven’t even opened the whole book yet, but from what I’ve seen of it, it’s teeming with contradictions like this. It makes no sense at all when you compare one page with another. But that’s how today’s scholars operate. On the one hand, they say: “Others have said this many times before.” - And on the other hand, they say: “He isn’t saying anything new; we already knew all that!” — Well, if they already knew all that, why are they complaining about it? And on the other hand, when something comes up that they didn’t know, they find it unbelievable.
[ 52 ] Aber sehen Sie, nachdem ich dieses gefunden hatte, wirklich ganz durch geistige Forschung gefunden hatte von den zwei Jesusknaben, die bis zum zwölften Jahre nebeneinander gelebt haben, da wußte ich auch nichts anderes als dieses, daß das eine Tatsache ist. Dann sahen wir einmal ein Bild in Turin. Das Bild ist ganz merkwürdig. Da ist nämlich die Mutter Jesu darauf und zwei Knaben, wovon der eine nicht Johannes ist, denn den Johannes kennt man aus all den Bildern, wo der Jesus und der Johannes gleichzeitig sind, sondern da sind zwei Knaben darauf, die einander ziemlich ähnlich sehen, aber doch nicht Brüder sein können, denn sie sehen sich ähnlich, und wiederum nicht ähnlich. Es ist ziemlich klar gemacht, daß das zwei kleine Freunde sind. Wer zuerst das gefunden hat, daß es zwei Jesusknaben gegeben hat, der kommt dann darauf, was dieses Bild bedeutet. Dieses Bild ist verhältnismäßig in späten Jahrhunderten entstanden; aber als man noch gewußt hat, daß es zwei Jesusknaben gibt, hat ein italienischer Maler die zwei Jesusknaben auf ein Bild gemalt.
[ 52 ] But you see, after I had discovered this—truly discovered it entirely through spiritual research—about the two boys named Jesus who lived side by side until the age of twelve, I knew nothing else but that this was a fact. Then one day we saw a painting in Turin. The painting is quite remarkable. It depicts the mother of Jesus and two boys, one of whom is not John—for John is recognizable from all the paintings where Jesus and John appear together—but there are two boys in the painting who look quite similar to each other, yet cannot be brothers, for they look alike and yet not alike. It is made quite clear that these are two little friends. Whoever first realized that there were two “Jesus boys” will then understand what this painting means. This painting was created relatively late in history; but back when people still knew that there were two “Jesus boys,” an Italian painter depicted the two of them in a single painting.
[ 53 ] Würde der Hauer heute schon wissen, daß das noch der Fall war aus altem Wissen heraus, so würde er jetzt sagen: Der Steiner hat einfach in Turin das Bild gesehen! - Er würde sagen, das habe er sowieso schon gewußt. Dann würde er an derselben Stelle sagen: Der Steiner behauptet ja gar nichts Neues, der behauptet ja nur die Dinge, die man ohnehin schon gewußt hat. - So sind die Leute!
[ 53 ] If Hauer knew today, based on his prior knowledge, that this was still the case, he would say: “Steiner simply saw the painting in Turin!”—He would say he already knew that anyway. Then, in the same breath, he would say: “Steiner isn’t claiming anything new at all; he’s just stating things that were already known.”—That’s how people are!
[ 54 ] Es ist eigentlich etwas ganz Furchtbares, wenn man hineinschaut in diese augenscheinlich dummen Widersprüche, mit denen die Leute heute die Anthroposophie bekämpfen. Denn auf der einen Seite soll dasjenige, was ich sage, einfach Erfindung sein, von mir Erfindung sein. Nun, nehmen wir an, es ist von mir Erfindung; dann kann aber doch nicht derselbe Mensch in dem selben Buch sagen: Der sagt ja gar nichts Neues! - Denn er behauptet ja selbst, daß ich die Sachen erfunden habe, und wirft mir das vor. Und nachher sagt er, das haben die andern auch schon gewußt. — Es ist nämlich hirnverbrannt, was da getan wird. Während, wenn man dem Christus-Ereignis wirklich sich nähert und es so erforscht, wie man sonst Tatsachen erforscht, dann wird es einem eben klar: Diese ungeheure Begabung, die schon der Jesusknabe hatte, die entstand eben durch den Wechselverkehr zwischen den beiden Knaben.
[ 54 ] It is actually quite appalling to look into these apparently foolish contradictions with which people today attack anthroposophy. For on the one hand, what I say is supposedly just a fabrication—a fabrication of my own. Well, let’s assume it is a fabrication of mine; but then the same person cannot say in the same book: “He isn’t saying anything new at all!”—because he himself claims that I have fabricated these things and accuses me of doing so. And then he goes on to say that others already knew this. — What is being done here is, in fact, utter nonsense. Whereas, if one truly approaches the Christ event and investigates it the way one otherwise investigates facts, then it becomes clear: this immense gift, which the boy Jesus already possessed, arose precisely through the interaction between the two boys.
[ 55 ] Daß ein solcher Wechselverkehr stattfinden kann, wovon die anderen Menschen nichts ahnen, das will ich Ihnen beweisen. Sehen Sie — ich will Ihnen einen solchen Fall erzählen, aber es gibt viele solche Fälle -, da gab es einmal ein kleines Mädchen, das hatte schon ältere Geschwister; diese anderen Geschwister lernten ganz ordentlich sprechen. Dieses Mädchen lernte zunächst gar nicht ordentlich sprechen; aber etwas später, als die anderen Kinder reden lernten, fing es an zu reden. Aber es sprach eine Sprache, die keiner von den Erwachsenen verstand. Es erfand sich selber eine Sprache. Es sagte zum Beispiel «Papazzo», und wenn es «Papazzo» sagte, da meinte es den Hund. Und so ähnlich erfand es sich für alle Tiere eigene Namen. Es sind naturwissenschaftliche Tatsachen. Die finden sich nicht irgendwo, diese Namen.
[ 55 ] I want to prove to you that such an exchange can take place without other people having any idea about it. Look—I’ll tell you about one such case, though there are many like it—there was once a little girl who already had older siblings; those other siblings learned to speak quite well. At first, this girl didn’t learn to speak properly at all; but a little later, when the other children learned to speak, she began to speak. But she spoke a language that none of the adults understood. She invented her own language. For example, she would say “Papazzo,” and when she said “Papazzo,” she meant the dog. And in a similar way, she invented her own names for all the animals. These are scientific facts. You won’t find these names anywhere else.
[ 56 ] Nun bekam dieses Mädchen nach einiger Zeit ein kleines Brüderchen. Und das kleine Brüderchen lernte sehr schnell von dem Schwesterchen diese Sprache. Und die redeten in dieser Sprache miteinander. Das Brüderchen ist dann mit zwölf Jahren oder so etwa gestorben, und das Schwesterchen gewöhnte sich diese Sprache wieder ab und eignete sich die Sprache der anderen auch an. Sie heiratete dann später und wurde eine ganz bürgerliche Frau, die den Leuten erzählte, daß das so war. Sie hat es selber durchgemacht. Es ist so. Die beiden Kinder haben sich in dieser Sprache verständigt, miteinander in dieser Sprache geredet; das hat sonst kein Mensch verstanden. Meine Herren, das kann die größte Weisheit sein! Das haben nur die zwei miteinander verstanden und miteinander abgemacht.
[ 56 ] After some time, this girl got a little brother. And the little brother learned this language very quickly from his little sister. And they spoke to each other in this language. The little brother then died when he was about twelve years old, and the little sister gradually stopped using that language and adopted the language of the others as well. She later got married and became a very ordinary woman who told people that this was how it was. She went through it herself. That’s how it is. The two children communicated in this language, spoke to each other in this language; no one else understood it. Gentlemen, that can be the greatest wisdom! Only the two of them understood it and agreed upon it among themselves.
[ 57 ] Daraus sehen Sie, wie der eine beeinflußt ist durch den andern. Warum sollte denn nicht der eine Jesusknabe, der mit zwölf Jahren gestorben ist, etwas gewußt haben, was überhaupt kein Mensch verstanden hat! Das erlebt man ja, wenn man die Tatsachen kennt, noch immer.
[ 57 ] From this you can see how one is influenced by the other. Why shouldn’t that young Jesus, who died at the age of twelve, have known something that no human being has ever understood! That’s something you still experience today, if you know the facts.
[ 58 ] Also, es wird nichts anderes behauptet als dasjenige, was im eminentesten Sinne eben auch wirklich wissenschaftlich sein kann. Nun, die Menschen, die das nicht als wissenschaftlich gelten lassen, die können eben immer nicht die Tatsachen zusammenfinden. Derjenige, der weiß, daß es so etwas gibt, daß also zwei Kinder diese Sprache reden, die kein Erwachsener versteht, und Geistiges miteinander gemeinsam haben, an dem die Erwachsenen nicht teilnehmen, wer das versteht, der versteht alles dasjenige, was ich über die zwei Jesusknaben bis zum zwölften Jahre sage. Und daß das ein außerordentliches Ereignis war, das ist ja auch nicht erstaunlich. Das geschieht nicht alle Tage. Und in der Form, in der es geschehen ist, ist es eben nur einmal in der Erdengeschichte geschehen, daß da noch extra mit dreißig Jahren diese ungeheure Erleuchtung kommt über diesen Menschen.
[ 58 ] So, nothing is being claimed other than what, in the most eminent sense, can truly be scientific. Well, people who do not accept this as scientific simply cannot ever piece together the facts. Anyone who knows that such a thing exists—that is, that two children speak a language no adult understands and share a spiritual connection in which adults do not participate—anyone who understands that understands everything I say about the two Jesus boys up to the age of twelve. And the fact that this was an extraordinary event is hardly surprising. It doesn’t happen every day. And in the way it occurred—it has happened only once in the history of the earth—that this immense enlightenment came upon this man specifically at the age of thirty.
[ 59 ] Nun, sehen Sie, da wird die Christus-Geschichte in wirkliche Wissenschaft verwandelt, in wirkliche Erkenntnis verwandelt. Und da kann man nichts dafür; sie verwandelt sich eben durch die Erkenntnis von selber.
[ 59 ] Well, you see, that is where the story of Christ is transformed into true science, into true knowledge. And there’s nothing one can do about it; it simply transforms itself through knowledge.
[ 60 ] Nun kann man sagen: Also gut, der Jesus ist mit zwölf Jahren gewissermaßen schon vorher erleuchtet worden durch den anderen, der gestorben ist. Aber mit dreißig Jahren, ja, da war er wiederum plötzlich ein anderer geworden, was der Evangelienschreiber ausdrückt dadurch, daß er sagt: Es flog eine Taube herunter und senkte sich auf ihn.
[ 60 ] Now one might say: All right, so Jesus, at the age of twelve, had in a sense already been enlightened beforehand by the other one who had died. But at the age of thirty, yes, he had suddenly become someone else again, which the Gospel writer expresses by saying: A dove flew down and alighted upon him.
[ 61 ] Ja, meine Herren, Tatsache ist es, daß er ein anderer geworden ist. Was ist denn da geschehen? Ich habe Ihnen ja erklärt: Wenn ein Kind geboren wird, so ist der Keim da. Auf den Keim muß der Geist des Weltenalls wirken. Kein Wunder, daß da der Geist des Weltenalls wirkt, wenn er sogar auf die Insel England wirkt, wie wir gesehen haben. Aus der Erde heraus war das nicht zu erklären, was mit dem Jesus im dreißigsten Lebensjahre vor sich gegangen ist. Geradeso wie durch die Befruchtung ein Mensch entsteht, indem das eine auf das andere Einfluß hat, so hatte damals auf den dreißigjährigen Jesus das ganze Weltenall Einfluß, befruchtete ihn mit Seelisch-Geistigem, und er wurde dadurch Jesus Christus oder Christus Jesus, besser gesagt. Denn, was heißt denn das? Christus heißt derjenige, der erleuchtet ist. Und Jesus ist ein gewöhnlicher Name, wie man ihn hatte in Palästina, so wie man heute in Österreich Sepperl heißt, Joseph also, oder in der Schweiz so und so, wo man auch ähnliche Namen in jedem Haus findet. Also Jesus hießen viele, und den Christus nannte man ihn, weil eben diese Erleuchtung auftrat.
[ 61 ] Yes, gentlemen, the fact is that he has become a different person. What happened there? I have already explained to you: When a child is born, the seed is there. The spirit of the universe must act upon that seed. It is no wonder that the spirit of the universe acts there, when it even acts upon the island of England, as we have seen. From an earthly perspective alone, it was impossible to explain what happened to Jesus in the thirtieth year of his life. Just as a human being comes into being through fertilization, in which one thing influences another, so the entire universe exerted an influence on the thirty-year-old Jesus at that time, fertilizing him with soul-spiritual forces, and through this he became Jesus Christ—or, more accurately, Christ Jesus. For what does that mean? “Christ” means “the one who is enlightened.” And “Jesus” is a common name, as it was in Palestine—just as today in Austria one might be called “Sepperl,” meaning Joseph, or in Switzerland this or that, where similar names are found in every household. So many were named Jesus, and he was called “Christ” precisely because this enlightenment occurred.
[ 62 ] Ja, meine Herren, wenn Sie mein Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» lesen, so werden Sie dort nachgewiesen finden: Diese Erleuchtung, die hat man schon früher künstlich hervorgebracht bei gewissen Leuten, nur in geringerem Maße. Die nannte man dann Mysterienweise. Der Unterschied zwischen denjenigen, die erzogen worden sind zu den höchsten Weisheiten im grauen Altertum, der Unterschied zwischen denjenigen und zwischen dem Jesus Christus bestand darinnen, daß diese Mysterienweisen eben in den Schulen, die man dazumal Mysterien nannte, von anderen unterrichtet worden sind. Bei dem Jesus ging es von selbst vor sich. Daher ist es ein anderer Vorgang gewesen.
[ 62 ] Yes, gentlemen, if you read my book *Christianity as a Mystical Fact*, you will find evidence there that this enlightenment had already been artificially induced in certain people in the past, albeit to a lesser degree. This was then called “mystery wisdom.” The difference between those who were educated in the highest forms of wisdom in ancient times, and the difference between them and Jesus Christ, lay in the fact that these “mystics” were taught by others in the schools that were called “mysteries” at that time. With Jesus, it happened of its own accord. Therefore, it was a different process.
[ 63 ] «Christus» geworden sind einfach in den alten Mysterien diejenigen, die zum höchsten Wissen aufgestiegen sind; wie Sie ja auch heute zum Beispiel sich nicht zu verwundern brauchen, wenn einer bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre studiert hat - vorher war er der ganz gewöhnliche Joseph Müller, jetzt ist er plötzlich der Herr Doktor. So wurde man in den alten Mysterien «Christus», allerdings nicht auf so unschuldige, das heißt einfache Art; denn man kann natürlich der größte Trottel sein, und mit fünfundzwanzig Jahren doch Doktor werden! Das war nicht in den alten Mysterien möglich; da war es eine tiefe, tiefe Weisheit. Da wurde man der «Christus». Es war ein Titel, der gegeben wurde den höchsten Weisen, wie heute der Titel «Doktor» gegeben wird nach einem gewissen Studium; nur war es damals, wenn es richtig zugegangen ist, ja wirkliche Weisheit. Und bei dem Christus ist es eben von selbst gekommen. Das heißt aber, es ist das, was sonst von der Erde gegeben worden ist, von den Menschen, es ist das gegeben worden aus den Weltenweiten. Das ist nur einmal so geschehen. Dadurch hat die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen. Und dieses Geheimnis kann niemand leugnen, selbst der nicht, der kein Christ ist, daß da die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen hat.
[ 63 ] In the ancient mysteries, those who had ascended to the highest knowledge simply became “Christ”; just as you need not be surprised today, for example, if someone has studied until the age of twenty-five—before that, he was the perfectly ordinary Joseph Müller; now he is suddenly Dr. Müller. That is how one became “Christ” in the ancient mysteries—though not in such an innocent, that is, simple way; for one can, of course, be the biggest fool and still become a doctor at the age of twenty-five! That was not possible in the ancient mysteries; there it was a profound, profound wisdom. There, one became “Christ.” It was a title bestowed upon the highest sages, just as the title “Doctor” is bestowed today after completing a certain course of study; only back then, if it was done correctly, it was true wisdom. And in the case of the Christ, it simply came of its own accord. But that means it is what was otherwise given from the earth, by human beings—it was given from the vastness of the worlds. That happened only once. As a result, world history took a different turn. And no one can deny this mystery—not even those who are not Christians—that world history took a different turn.
[ 64 ] Die Römer haben das nicht berücksichtigt, die haben das nicht gewußt. Drüben in Asien ist durch den Christus Jesus das Christentum begründet worden. Die Römer sind in derselben Zeit von dem alten republikanischen Staat zum Kaisertum vorgeschritten, und die haben die Christen verfolgt. Die Christen mußten sich unten, unter der Erde, Katakomben machen. Da haben sie nachgesonnen über dasjenige, was ihr Christentum war. Droben, über der Erde, was hat man da getan? Da hat man die Zirkusse gemacht, und man hat die Menschen, die Sklaven, an die Säulen angebunden und verbrannt, als ein Schauspiel für diejenigen, die im Zirkus da saßen. Das war oben auf der Erde. Und unten in den Katakomben haben die Christen ihre damals eben für die versklavten Leute geltende Weisheit, Religion getrieben. Religion heißt ja nur Verbindung - religere = verbinden -; unten haben die Christen ihre Religion getrieben.
[ 64 ] The Romans did not take this into account; they were unaware of it. Over in Asia, Christianity was founded through Jesus Christ. At the same time, the Romans transitioned from the old republican state to the empire, and they persecuted the Christians. The Christians had to build catacombs deep underground. There they reflected on what their Christianity truly was. Up above, on the surface, what was happening there? There, circuses were held, and people—slaves—were tied to columns and burned as a spectacle for those sitting in the circus. That was up on the surface. And down in the catacombs, the Christians practiced their religion—the wisdom that was relevant to the enslaved people of that time. After all, “religion” simply means “connection”—religere = to connect—; down below, the Christians practiced their religion.
[ 65 ] Und was ist ein paar Jahrhunderte später? Die Römer sind nicht mehr da in der alten Weise. Dasjenige, was sie da zur Lust angeschaut haben in den Zirkussen, die verbrennenden Menschen, das war weg, denn die Christen haben sich an die Stelle gesetzt. So geht es in der Welt.
[ 65 ] And what about a few centuries later? The Romans are no longer there in the old way. What they used to watch for their amusement in the circuses—people being burned alive—was gone, because the Christians had taken their place. That’s how things go in the world.
[ 66 ] Und so wird es auch kommen: Diejenigen Leute, die heute so reden, wie der Doktor Hauer, den Sie erwähnt haben vorhin, die werden schon weggefegt werden. Und dasjenige, was heute, wenn es auch nicht physisch, sondern geistig in den Katakomben wirken muß, das wird schon wirken! Aber man muß nur einsehen, wie es sich um wirkliche Wissenschaft handelt; und wie diejenigen, die heute nicht viel lernen, sich ärgern darüber, daß so etwas herauskommt!
[ 66 ] And that is exactly what will happen: Those people who speak today the way Dr. Hauer does—whom you mentioned earlier—will be swept away. And that which must take effect today—even if not physically, but spiritually in the catacombs—will certainly take effect! But one must simply recognize that this is true science; and how those who do not learn much today are annoyed that something like this is coming to light!
[ 67 ] Wenn ich wieder zurückkomme, werde ich ja das weiter fortsetzen können. Aber im wesentlichen werden Sie schon eingesehen haben, welchen Weg das nimmt.
[ 67 ] When I get back, I'll be able to continue with that. But essentially, you'll already have seen where this is headed.
