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The Rudolf Steiner Archive

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Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen
GA 350

6 Juni 1923, Dornach

3. Blutkreislauf und Herzbewegung — Geistiges Wahrnehmen durch die Augenlinse

[ 1 ] Guten Morgen, meine Herren! Will jemand noch eine Frage stellen?

[ 2 ] Es wird eine Frage gestellt in bezug auf den grauen Star. Der Fragesteller sagt, daß er im Jahre 1916 in Basel im Spital war wegen einer Irisentzündung, und da habe er Einspritzungen in den Kopf bekommen. Nun möchte er fragen, ob diese Einspritzungen nicht schädlich gewirkt haben könnten.

[ 3 ] Dr. Steiner: Haben Sie denn etwas bemerkt an sich? Daran ist natürlich nicht zu denken, daß durch diese Einspritzungen etwa eine Starkrankheit gefördert werden könnte. Diese sogenannten Fliegen, diese Erscheinungen, von denen Sie sprechen, die müssen nicht hindeuten auf irgendeine Starkrankheit, sondern die kommen von etwas anderem. Nicht wahr, die Einspritzungen, die haben die Eigentümlichkeit, daß sie zuweilen die Muskeln, die in der Nähe sind, etwas schwächer machen, und dann kann man nicht mehr so frei die Muskeln entfalten; das Auge wird ein bißchen starr. Wenn man nun das Auge auf etwas einstellt, stellt es sich nicht gleich richtig ein, und dadurch kommen diese «Mücken und Fliegen» heraus. Also es rührt dies oftmals nur her, ich möchte sagen, von einer kleinen Schwäche in der Einstellung. Warum haben Sie denn die Iriseinspritzungen bekommen?

[ 4 ] Fragesteller: Man dachte, es sei der Glaskörper.

[ 5 ] Dr. Steiner: Es ist ja so, daß man immer besser tut, solche Dinge durch andere Mittel zu bekämpfen, also so lange es geht, durch innere Mittel. Manche Dinge kann man nicht durch innere Mittel bekämpfen; dann versucht man zu impfen. Aber eine Sorge brauchen Sie deshalb doch nicht zu haben. Das ist nicht nötig.

[ 6 ] Ist vielleicht noch eine andere Frage aufzuwerfen, die wir beantworten können?

[ 7 ] Fragesteller: Ich möchte noch einmal zurückkommen auf das Drehen. Mir und auch meinen Kollegen ist aufgefallen, wenn wir auf das Herz zu sprechen kommen, daß da einige Unklarheit ist. Ich habe darüber nachgedacht, wie Herr Doktor uns einmal aufgezeichnet hat, wie die Erde mit dem Mond zusammenhängt und das Fluidum — ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke —, die Sonne drum herum ist. Das Herz ist auf der linken Seite im Körper. Ich möchte nun fragen, ob das Herz eigentlich auch mit diesem ganzen Weltgetriebe zusammenhängt?

[ 8 ] Dr. Steiner: Da müssen wir an verschiedenes erinnern, was wir auch schon besprochen haben. Ich habe einmal gesagt: Über das Herz hat man heute in der Wissenschaft überhaupt falsche Ansichten. Man denkt sich, das Herz sei eine Art von Pumpe, und das Herz pumpe das Blut überall hin in den Körper. Man denkt sich also: Das Herz zieht sich zusammen. Wenn sich das Herz zusammenzieht, wird es kleiner, hält weniger Blut in sich. Dadurch stößt es das Blut durch die Adern aus, es wird in den Körper gestoßen, und weil das Herz elastisch ist, denkt man, dehnt es sich wiederum aus. Dadurch kommt das Blut wiederum zurück. — Also man schreibt heute dem Herzen zu, daß es sich wie eine Pumpe verhält, daß es also das Blut durch den Körper hindurchpumpt.

[ 9 ] Sehen Sie, das ist eine ganz falsche Ansicht. Es ist überhaupt eine Ansicht, die nur aus der materialistischen Zeit stammt, die also alles zurückführt auf das Maschinelle, wenn man meint, das Herz soll eine richtige mechanische Pumpeinrichtung sein, die das Blut durch den ganzen Körper pumpt. Dabei nimmt man gar keine Rücksicht darauf, wie eigentlich das ganze Leben in einem lebendigen Wesen vor sich geht. Ich möchte Sie dabei auf eines aufmerksam machen.

[ 10 ] Es gibt ein ganz kleines, niederes Tierchen, das besteht eigentlich nur aus einer Art von Schlauch. Wenn ich dieses Tierchen aufzeichnen wollte, so müßte ich es etwa so aufzeichnen (siehe Zeichnung): Da wäre eine Haut. Solch ein Schlauch ist das Tier. Da drinnen ist es hohl, und da ist es einfach so wie ein kleiner Hafen, ein kleiner Napf. Da hat es noch kleine Fangwimpern, solche Härchen, mit denen es sich bewegen kann. Es lebt im Wasser, dieses Tierchen. Hydra heißt es, weil es im Wasser lebt. Dieses Tierchen, Hydra, hat die Eigentümlichkeit, daß es eigentlich, wenn man es mit höheren Tieren oder mit dem Menschen vergleicht, nichts anderes als ein bloßer Magen ist. Und dieser Schlauch tut eigentlich nichts anderes, als daß er allerlei Körnchen, also allerlei Nahrungsmittel, die in seine Nähe kommen, aufnimmt und da drinnen verdaut. Das Tierchen lebt also im Wasser; im Wasser schwimmen allerlei Nahrungsstoffe. Das Tierchen schwimmt herum, schwimmt an die Nahrungsstoffe heran, nimmt diese Nahrungsstoffe auf, macht es also geradeso wie unser Magen; der nimmt auch auf. Den Schlund, den Mund, der die Nahrungsstoffe vorbereitet, den hat natürlich dieses kleine Tierchen nicht. Die Hydra nimmt einfach diese Nahrungsmittel auf und verdaut sie. Das Eigentümliche ist allerdings dies, daß es das Abscheidungsorgan, den After, mit dem Mund zugleich hat. Es sondert auch gleich wieder durch den Mund ab. Also, es ist alles beisammen bei diesem Tierchen.

Wandtafel 1
Wandtafel 1

[ 11 ] Nun ist es ja natürlich: Wenn etwas überhaupt ein lebendes Wesen, namentlich ein Tierchen sein will, so muß es nicht nur essen — essen muß es —, aber es muß auch atmen. Und dieses Tierchen, das atmet nämlich mit der Außenseite seiner Haut. Da überall sind ganz kleine Löchelchen. Die sind ja überall, wo organischer Stoff ist, lebendiger Stoff ist, diese Löchelchen. Und durch diese Löchelchen saugt es aus dem Wasser die Luft ein, die es braucht. Also man kann sagen: Dieses Tierchen, die Hydra, hat eine Innenseite, einen Hohlraum, mit dem es frißt. Äußerlich, an seiner Außenseite, hat es seine Atmungsorgane. Das Tier zieht also die Luft ein, und die Luft kommt auch da in der Mitte herein in diesen hohlen Raum. — Das Tierchen kann fressen, atmen. Damit beschäftigt es sich überhaupt. Das Tierchen schwimmt überall im Wasser herum, frißt und atmet aus dem Wasser die Luft ein, die ja auch im Wasser enthalten ist.

[ 12 ] Was wird nun der materialistische Mensch sagen? Der wird sagen: Nun ja, dieses Tierchen, das besteht einfach aus dieser Haut. Diese Haut, die ist im Inneren so gewachsen, daß sie im Inneren ein Ernährungsapparat ist, und außen ist sie ein Atmungsapparat. — So sagt der Materialist. Aber wir können nicht so sagen, denn wir müssen das als eine höchst oberflächliche Ansicht betrachten und müssen sagen: Nein, dieses Tierchen hat auch einen Ätherleib, in dem es drinnensteckt, und auch einen Astralleib, in dem es eben auch drinnensteckt. Das hat es noch, das sind die unsichtbaren Glieder,

[ 13 ] Nun, meine Herren, kann man durch irgend etwas beweisen, daß das Tier auch noch etwas Unsichtbares ist außer dem Sichtbaren? Der Materialist sagt: Um das Sichtbare kümmere ich mich, um das Unsichtbare kümmere ich mich nicht. Das Sichtbare, das zeigt mir im Inneren eine Art Magen, außen ist das eine Art Lunge, und damit bin ich zufrieden.

[ 14 ] Nun kann man etwas Besonderes machen mit diesem Tier. Nicht wahr, meine Herren, unsereiner trägt keine Handschuhe, aber man weiß doch noch, wie das ausschaut. Wenn Sie einen Handschuh haben, so können Sie den umdrehen. Denken Sie sich also, der Handschuh ist außen meinetwillen braun und innen hat er ein graues Futter. Wenn Sie ihn nun umdrehen, so daß das Graue außen ist und das Braune innen, so haben Sie ihn ganz richtig umgestülpt; jetzt ist das Innere außen und das Äußere innen. Sie können ja einen Fingerling davon abschneiden und das jetzt mit dem einzelnen Fingerling machen. Dann haben Sie nämlich, wenn Sie den Fingerling abschneiden und umdrehen, so etwas wie diese Hydra. Die Hydra schaut so aus wie ein einzelner Fingerling. Und das Merkwürdige ist: So wie man diesen Fingerling umdrehen kann, so daß das Innere außen und das Äußere innen ist, so kann man auch diese Hydra umdrehen. Man kann das machen, kann sie richtig umdrehen. Und dann ist das, was ich hier (in der Zeichnung, S. 53) rot gezeichnet habe, außen und das, was ich blauviolett gezeichnet habe, das ist jetzt da drinnen. Aber der Hohlraum ist ja jetzt auch da draußen, und was früher draußen war, das ist jetzt drinnen. Und das Merkwürdige dabei ist: Jetzt fängt plötzlich die Hydra an, auch wiederum herumzuschwimmen. Es macht ihr gar nichts aus. Sie schwimmt wiederum im Wasser herum, sie frißt und atmet. Sie frißt jetzt geradeso die Körnchen in diesen Hohlraum hinein, der neu entstanden ist, und atmet durch das, was früher die Magenwand war. Also der Hydra macht das gar nichts aus. Es schadet ihr gar nichts. Sie fängt an, mit dem, womit sie früher geatmet hat, zu fressen, und mit dem, womit sie früher gefressen hat, zu atmen.

[ 15 ] Ja, meine Herren, wenn das so wäre, daß das nur so gewachsen wäre, und da im Inneren nur ein Magen wäre und außen Atmungsorgane, da könnte ja die Hydra gar nichts anderes machen, als da innen einzuatmen und von außen anfangen zu fressen. Das tut sie aber nicht, sondern im Moment, wo sie umgedreht wird, macht sie ihren Magen zur Lunge und ihre Lunge zum Magen. Ja, nun möchte ich wissen, wenn sonst nichts da wäre als Magen und Lunge, wie das geschehen wäre! Wenn Sie ein Werkzeug haben, einen Handschuh oder was es ist — den können Sie umdrehen, wenn es etwas Äußeres ist. Wenn es etwas Inneres ist, können Sie es natürlich nicht einfach umdrehen. Also dasjenige, was da als Ätherleib und astralischer Leib noch daran ist, das Unsichtbare, das bleibt. Und weil das da ist, kann einfach der Körper der Hydra umgedreht werden. Also Sie schen: Betrachtet man nur mit einem klaren Blick dasjenige, was eigentlich in der Natur vorgeht, dann findet man sogleich heraus, daß die materialistische Ansicht absolut falsch sein muß. So daß man sagen kann: Dasjenige, was da eigentlich frißt und was atmet, das ist etwas Unsichtbares. Und weil der Körper der Hydra nicht so festgemacht ist wie bei uns, nicht Knochen und Muskeln hat, sondern alles ein und derselbe Stoff ist, deshalb kann eben die Hydra diesen einen Stoff zu allem brauchen.

[ 16 ] Nicht wahr, wir können nur deshalb nicht unseren Magen nach außen drehen, weil er so besonders ausgestaltet ist, weil wir nicht aus einer solchen gleichen Stofflichkeit bestehen wie die Hydra, sondern unsere Stoffe verschieden sind. Aber im Inneren muß unser Magen auch atmen, und die Luft, die wir in ihm haben, die zieht er ebenso von außen ein. Also unser Magen ist schon eine Art von Hydra.

[ 17 ] Aus allen diesen Dingen, zu denen man noch vieles hinzufügen könnte, geht aber hervor, daß man am kleinsten Tier schon nachweisen kann: Da ist etwas Unsichtbares, was diesem Tier zugrunde liegt.

[ 18 ] Nun, meine Herren, daraus sehen Sie aber, daß auch, wenn wir davon sprechen, was eigentlich unseren ganzen Menschen bewegt, wir darauf kommen, daß es etwas Unsichtbares ist. Wenn Sie die äußere Bewegung nehmen, wenn wir gehen, da werden Sie gar nicht darauf kommen, daß etwa Ihre große Zehe es ist, die den Schritt macht, sondern da sagen Sie: Ich gehe, mein Wille ist es, der da verursacht, daß ich gehe. — Wenn im Inneren die Organe sich bewegen — und es bewegt sich ja nicht bloß das Herz, es bewegen sich zum Beispiel die Gedärme fortwährend; die Gedärme bewegen sich in Wellenbewegungen, sonst könnte der Speisebrei nicht verdaut werden; also im Inneren des Menschen bewegt sich ja auch alles, fortwährend geschehen Bewegungen im Inneren —, wenn also im Inneren die Organe sich bewegen, so werden diese Bewegungen nicht hervorgerufen durch dasjenige, was Materielles in uns ist, sondern sie werden hervorgerufen durch dasjenige, was unsichtbar in uns ist. So daß wir sagen müssen: Das Herz ist nicht eine Pumpe, sondern das Herz wird bewegt durch unseren astralischen Leib. — Also wir haben einen astralischen Leib, und der bewegt das Herz, respektive weil im astralischen Leib auch unser eigentliches Ich drinnen ist, bewegen wir auch mit unserem Ich unser Herz, und zwar bewegen wir es jetzt auf eine ganz besondere Weise.

[ 19 ] Wenn Sie das Herz anschauen, so liegt es, wie der Herr Burle ganz richtig gesagt hat, bei einem normalen Menschen etwas an der linken Seite, nicht stark, nicht so stark als man gewöhnlich meint, aber es liegt etwas an der linken Seite. Und dann gehen vom Herzen hier die großen Adern aus. Die große Schlagader und die anderen Adern gehen eigentlich vom Herzen aus.

[ 20 ] Nun ist das so: Wenn ich zum Beispiel einatme, da ernähre ich mich gewissermaßen mit dem Sauerstoff. Wenn ich ausatme, gebe ich die Kohlensäure von mir. Wenn ich die Kohlensäure von mir gegeben habe, bekomme ich sogleich Sauerstoffhunger. Ich will wieder einatmen. Ja, das hat zunächst mit meinem Herzen gar nichts zu tun, sondern mit meinem ganzen Leib. Mein ganzer Leib bekommt den Sauerstoffhunger. Dadurch, daß er den Sauerstoffhunger bekommt, kommt er in den Trieb hinein, all sein Blut zu bewegen, denn das Blut muß Sauerstoff haben. Der Körper schickt durch seinen astralischen Leib das Blut dahin, wo es den Sauerstoff kriegen kann.

[ 21 ] Oder nehmen Sie an, ich gehe oder ich arbeite. Da verbrennt in mir die Nahrung. Das habe ich Ihnen ja schon einmal ausgeführt. Dadurch wird das Blut arm an Nahrung. Wenn man arbeitet, wird immer das Blut arm an Nahrung. Jetzt, was will das Blut? Das Blut will wiederum Nahrung bekommen. Das Blut reißt gewissermaßen die Nahrung, die der Magen und die Gedärme aufgenommen haben, an sich. Das alles, dieser Lufthunger, Nahrungshunger, das bringt das Blut in Bewegung. Das Blut ist es, das zunächst sich bewegt, und das Blut reißt das Herz mit. Also es ist nicht das Herz, das das Blut durch den Leib pumpt, sondern das Blut bewegt sich durch Lufthunger, durch Nahrungshunger, und dadurch wird das Herz bewegt. So daß wir also sagen müssen: Unser unsichtbarer Mensch ist es, der das Herz bewegt.

[ 22 ] Nun, meine Herren, wenn Sie das jetzt hören, so können Sie eine Frage aufwerfen. Sehen Sie, bei unserer Anthroposophie ist es immer so, daß die Gegner meinen, sie machten die Einwände. Die Einwände kennt man aber lange vorher. Die macht man sich vorher selber. Deshalb mache ich Sie immer auch auf die Einwände aufmerksam. Sie können einwenden: Ja, wozu haben wir denn das Herz, wenn es nicht das Blut durch den Körper pumpt? Wenn das Blut sich bewegt, brauchten wir vielleicht gar nicht das Herz, das da mitgerissen werden soll.

[ 23 ] Ja, sehen Sie, das sagen diejenigen Menschen, die keinen rechten Begriff haben vom ganzen menschlichen Leib. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem menschlichen Kopf und dem übrigen Menschen. Ich habe Ihnen schon einmal etwas von diesem Unterschied gesagt. Nehmen Sie einmal an, Sie gehen oder Sie arbeiten. Ja, der Kopf arbeitet da nicht mit. Der Kopf sitzt am übrigen Körper, wie man ungefähr in einer Kutsche sitzt. Da sitzt man ganz ruhig. Die Kutsche muß ihre Räder bewegen, die Rosse müssen ziehen. Aber so müssen unsere Hände, unsere Füße arbeiten, und der Kopf, der sitzt drinnen als derjenige, der nicht mitarbeitet, nicht wahr? Sonst müßten wir an den Ohrwascherln irgendwie Seile haben, und mit denen müßten wir die Räder an den Maschinen in Bewegung setzen. Das tun wir nicht. Der Kopf arbeitet nicht mit. Denken Sie sich einmal, man könnte da sich einmal am Haarschopf — die meisten Menschen in der Gegenwart könnten das nicht mehr, weil sie eine Glatze haben — solche Seile anmachen. Das würde dem Menschen sehr schlecht bekommen. Der Kopf arbeitet eigentlich nicht mit, der sitzt ruhig auf unserem übrigen Organismus. Allein, warum tut er das? Ja, sehen Sie, der Kopf ist eben etwas ganz anderes als der andere Mensch. Der andere Mensch ist ein Bewegungsapparat. Der Kopf ist nur insofern ein Bewegungsapparat, als er die Bewegungen mitmacht und so weiter; da wirken eben die Bewegungen herauf in unseren Kopf. Aber der Kopf ist nicht dasjenige, was selber die Bewegungen macht.

[ 24 ] Der Kopf hat nach außen hin die Sinnesorgane. Da nimmt er das wahr, was draußen ist. Aber der Kopf nimmt auch noch das wahr, nur unbewußt bei den meisten Menschen, was im Inneren vorgeht. Wenn ich nach außen gucken will, damit ich weiß, was draußen vorgeht, brauche ich meine Augen. Wenn ich nach innen gucken will, nach der Blutzirkulation, brauche ich mein Herz. Das Herz ist nicht dazu da, daß es das Blut durch den Körper pumpt, sondern es ist ein Sinnesorgan, das alles wahrnimmt, wie der ganze Kopf. Wir könnten nichts wissen von unserer Blutzirkulation — natürlich, mit unserem Oberstübchen wissen wir auch nichts davon, aber im Kopf drinnen muß ein Wissen sein —, wenn der Kopf nicht durch das Herz unsere ganze Blutzirkulation wahrnehmen würde.

[ 25 ] Ich habe Ihnen gesagt, wie die Leber ein Wahrnehmungsorgan ist. Die unteren Bewegungen nimmt zum Beispiel die Leber wahr. Aber was der ganze Mensch für Bewegungen hat, nimmt schon das Herz wahr. Dadurch wird das Herz in Bewegung gesetzt. Durch die Bewegungen, die hervorgerufen werden durch Atmungshunger und Nahrungshunger, wird das Herz in Bewegung gesetzt. Und an den Bewegungen des Herzens merkt man, ob im Körper eben etwas in Ordnung oder in Unordnung ist.

[ 26 ] Meine Herren, das können Sie ja leicht sehen. Was tut man denn, wenn einer krank wird? Das erste ist, man fühlt den Puls. Derjenige, der sich angewöhnt hat, den Puls zu erkennen, der kann ungeheuer viel am Pulsschlag erkennen. Der Pulsschlag ist wirklich ein Barometer für den ganzen Gesundheits- und Krankheitszustand. Aber der Pulsschlag ist ja nichts anderes als die Bewegungen des Blutes. Dasjenige, was man tut, wenn man beim Kranken den Puls fühlt, das macht der Kopf fortwährend. Er fühlt fortwährend durch das Herz die ganze Blutzirkulation. Überhaupt alles, was im Leibe vorgeht, fühlt der Kopf durch das Herz.

[ 27 ] Nun, denken Sie sich, einer hat an einem gewissen Abend fürchterlich viel Alkohol getrunken, war, wie man sagt, gründlich betrunken. Dadurch kommt diese ganze Blutzirkulation in Unordnung. Am nächsten Tage merkt der Kopf durch das Herz: Die ganze Blutzirkulation ist in Unordnung. Er bekommt dasjenige, was der Katerzustand ist, nicht wahr, den bekannten Brummschädel. Ja, warum brummt es denn da im Kopf? Sehen Sie, wenn ein schöner Tag ist, und ich gehe mit meinen Augen durch die Gegend, da habe ich einen schönen Eindruck. Wenn da draußen ein furchtbares Wetter ist, da habe ich einen schlechten Eindruck. Ja, meine Herren, wenn im Blut alles ordentlich sich bewegt, da hat der Kopf einen guten Eindruck, da ist im Kopf alles geordnet. Wenn es aber so zugeht, daß ein Gewitter ist im Blute — das ist es, wenn einer sich am Abend betrunken hat —, dann hat der Kopf durch das Herz eben einen gewitterigen Eindruck, da schwummelt alles durcheinander.

[ 28 ] Also wir verstehen das, was das Herz ist, erst dann, wenn wir wissen: Das Herz ist eigentlich das innere Sinnesorgan, durch das der Kopf alles das wahrnimmt, was im Körper vor sich geht.

[ 29 ] Wenn wir uns umsehen in der Welt, dann stellt sich heraus, daß der Mensch durch seinen unsichtbaren Teil, durch dasjenige, was ich seinen astralischen Leib genannt habe, im Verhältnis zu der ganzen Welt steht. Die wichtigsten Sterne, zu denen der Mensch im Verhältnis steht, sind Sonne und Mond. Nun, mit der Sonne, da steht hauptsächlich der menschliche Kopf in Beziehung, aber der übrige Mensch steht tatsächlich mit dem Mond in Beziehung. Und man kann sagen, es ist natürlich ein furchtbarer Aberglaube, wenn man meint, mit den jetzigen Mondesphasen könne man irgend etwas machen. Aber im Menschen ist ein Rhythmus, der sich auch im Blute ausdrückt und der ähnlich ist dem Mondenrhythmus. Der Mensch richtet sich schon nach der ganzen Welt. Und so ist es auch der Fall, daß tatsächlich die innere Bewegung des Blutes nicht allein von der Nahrung abhängt. Wenn der Mensch ganz gesund ist — er ist ja in gewisser Weise ein freies Wesen —, dann macht er sich in gewissem Sinne unabhängig von den äußeren Natureinflüssen, macht sich auch in gewissem Sinne unabhängig von der ganzen Welt. Aber in dem Augenblick, wo der Mensch anfängt ein bißchen krank zu werden, da wird er abhängig von der ganzen Welt.

[ 30 ] Nehmen Sie an, irgend jemand ist krank und man merkt die Krankheit an seinem Puls. Es ist dann für denjenigen, der das wahrnehmen kann, ein riesengroßer Unterschied zwischen dem Puls am Morgen und dem Puls am Abend. Man kann viel daran sehen, wie sich der Morgenpuls und der Abendpuls unterscheiden. Aber außerdem ist für gewisse Kranke ein großer Unterschied zwischen dem Puls, der bei Vollmond und dem Puls, der bei Neumond ist. Der Mensch ist eben abhängig. Wenn er sich auch in gesundem Zustand unabhängig machen kann, eine gewisse Abhängigkeit bleibt vorhanden, und die zeigt sich besonders bei der Krankheit. So daß wir sagen müssen: Wir sind in dem, was einen Eindruck auf unser Herz macht, schon in einer Beziehung zu der Bewegung der Weltkörper, namentlich des Mondes. Wir sind in Beziehung zu der Bewegung des Mondes. — In dieser Beziehung müßten eigentlich noch recht, recht viel Beobachtungen gemacht werden.

[ 31 ] Ich habe Ihnen vorhin gesagt: Bei einem normalen Menschen ist es so, daß das Herz etwas nach links gerückt ist. Aber geradeso wie es Linkshänder gibt und die meisten Menschen Rechtshänder sind, mit der Rechten alles machen, so gibt es kurioserweise auch Rechtsherzer. Es gibt nämlich Menschen, die haben das Herz nicht links, sondern auf der rechten Seite. Meistens wird das überhaupt nicht bemerkt, weil der Unterschied da natürlich ein innerlicher ist. Wenn einer ein Linkshänder ist, nicht wahr, so merkt man das sehr bald, aber wenn sein Herz etwas nach rechts statt nach links geschoben ist, so merkt man das nicht so bald. Aber es wäre interessant, gerade solche Leute, die das Herz auf der rechten Seite haben, auch einmal zu prüfen, wie sie im Leben etwas anders sind als diejenigen, die das Herz auf der linken Seite haben. Derjenige, der das Herz auf der rechten Seite, also nach rechts hin verschoben hat, der ist nämlich ein Mensch, welcher gewisse Dinge, die er macht, eigentlich immer zu einer gewissen Jahreszeit oder zu einer gewissen Tageszeit machen muß. Der Rechtsherzer, der ist viel mehr abhängig von der äußeren Umgebung als der Linksherzer. Und wenn das Herz nur ein kleines bißchen nach rechts gerückt ist — es sitzt ja nicht überall bei jedem Menschen an derselben Stelle, sondern ein bißchen anders bei jedem Menschen —, wenn es noch immer links ist, aber doch ein klein bißchen nach rechts gerückt ist, so hat er gleich die Sehnsucht, sich mehr nach der äußeren Umgebung zu richten. Er will gleich, sagen wir, im Frühling etwas Besonderes tun und im Herbst etwas Besonderes tun. Man kann das natürlich nicht immer und ruiniert sich dann. Die Menschen wissen ja gar nicht, wodurch sie sich ruinieren können.

[ 32 ] Man muß zum Beispiel in der Schule bei Kindern, die das Herz etwas nach rechts gerückt haben, gleich etwas anders vorgehen — das braucht ja gar nicht bemerkt zu werden — als bei denjenigen Kindern, die das Herz an der rechten Stelle haben. Der Mensch wird dann, wenn er das Herz nach rechts gerückt hat, dazu veranlaßt, seinen astralischen Leib viel mehr in Anspruch zu nehmen.

[ 33 ] Sehen Sie, meine Herren, das ist die Geschichte: Wenn einer lange Zeit an einer Maschine arbeitet, da werden Sie sich sagen können, es wird im allgemeinen so, daß die Arbeit mechanisch wird. Sie wird ja unangenehmer dadurch, daß man selber zu einem Stück Maschine wird, aber wenn man lange Zeit an einer Maschine arbeitet, so macht man die Handgriffe und so weiter mechanisch. Denken Sie sich, man ist ganz normal ein richtiger linksherziger Mensch. Der Vater war auch ein linksherziger Mensch, der Großvater auch, der Urgroßvater auch. Da hat sich langsam das schon eingeschlichen. Und wenn man da nun als Sohn geboren wird, so macht man natürlich dieselbe Bewegung innerlich, die schon Vater und Großvater und Urgroßvater gemacht haben. Das geht so leicht, wie wenn man an einer Maschine schon lange gearbeitet hat.

[ 34 ] Wenn man ein rechtsherziger Mensch ist, da ist die Lage des Herzens nicht vom Vater geerbt. Der Vater ist in der Regel nicht auch ein rechtsherziger Mensch. Das vererbt sich nicht. Da muß man erst aus seinem astralischen Leib heraus die Dinge gewissermaßen immer wieder neu anfangen. Da hat man nicht die ganze Vererbung drinnen. Und die Folge davon ist, daß ein solcher Mensch, der ein rechtsherziger Mensch ist, eben viel mehr innere Kraft anwenden muß, um die ganze Blutzirkulation in Ordnung zu haben. Und daher kommt es, daß ein solcher Rechtsherzmensch sich viel mehr nach dem Äußeren richtet.

[ 35 ] Es ist sogar folgendes möglich. Nehmen Sie an, Sie seien gar kein Rechtsherzmensch, sondern ein ganz normaler Linksherzmensch. Aber wenn Sie nun Ballettänzer werden — das passiert ja auch den Männern, aber den Frauen noch mehr —, so wird durch den Ballettanz auch das Herz beeinflußt. Jetzt ist ja der Ballettanz so, daß er eben auch sehr materialistisch ist. Aber in alten Zeiten, wenn die Menschen zum Tanz angehalten wurden, zum Beispiel im alten Griechenland, da wurde dadurch, daß sie sich dann hineinfügten in Bewegungen, die den Sternen nachgemacht sind, das Herz sogar während des Lebens ein Stückchen nach rechts gerückt, wie überhaupt beim Tänzer auch heute noch der Tanz durchaus, wenn er auch materialistisch geworden ist, auf das Herz einen starken Eindruck macht, weil es eben etwas nach rechts rückt. Und wenn man mehr auf diese Dinge achten würde, würde man, wenn man den Menschen dann seziert nach dem Tode, schon sehen, wie das Herz gewisse Gefäße auseinandergedehnt hat. Dadurch, daß der Betreffende ein Tänzer oder eine Tänzerin war, ist das Herz — das kann man ihm nach dem Tode noch ansehen — eben ein Stückchen nach rechts gerückt worden.

[ 36 ] Dadurch beantwortet sich die Frage, die Herr Burle gestellt hat. Sie beantwortet sich dadurch, daß man sieht: Der Mensch will eigentlich, wenn er mehr seinem astralischen Leib überlassen ist, nicht seiner gewöhnlichen Blutzirkulation folgen, sondern er will diese noch mehr beherrschen, und dadurch gibt er sich Bewegungen hin, die eben mehr nach den Bewegungen außerhalb der Erde, nach dem Mond geartet sind. Kann man das verstehen? (Antwort: Ja!)

[ 37 ] Also das, was Sie heute gefragt haben, daß sehr leicht bemerkt wird, daß der Mensch eine gewisse Sehnsucht hat, das zu machen, hängt eben damit zusammen, daß der Mensch seine ganze Herzbewegung von dem unsichtbaren Teil aus beherrscht, daß er ja dann, ich möchte sagen, ein bißchen hinüberrutscht nach dem Unsichtbaren und daß er dann eigentlich nach dem Äußeren sich richtet und nicht bloß nach der inneren Blutbewegung, die sich nach Atmung und Nahrung richtet. Alle diese Dinge kann man erklären, wenn man den Menschen wirklich versteht.

[ 38 ] Und jetzt möchte ich Ihnen etwas sagen, was noch ein bißchen mit dem zusammenhängt, was wir das letzte Mal besprochen haben. Wir haben das letzte Mal gesehen: Da im Auge drinnen, da ist diese kleine Linse (es wird gezeichnet). Wenn der Mensch ganz normales Sehen hat, dann ist diese kleine Linse durchsichtig. Wenn der Mensch den Star bekommt, dann wird die Linse undurchsichtig. Salze lagern sich ab. So daß wir also sagen können: Bei einem gesunden Menschen ist hier im Auge — wenn das das Vordere des Auges ist — die Linse; die ist durchsichtig. Bei einem Menschen, der starkrank ist, haben wir die Linse, in der sich Salze abgelagert haben, undurchsichtig. Dadurch, daß die Linse durchsichtig ist, kann der astralische Leib des Menschen mit der durchsichtigen Linse die Welt schen. Er sieht alles in der Welt.

[ 39 ] Wenn man sich durch solche Dinge, wie ich sie beschrieben habe in dem Büchelchen: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», an ein ganz, ganz intensives Denken gewöhnt, so kommt einmal ein Moment, wo man etwas ganz Besonderes kann. Aber an ein ganz intensives Denken sich gewöhnen, das wollen ja die Menschen heute nicht leicht. Denn sich ganz zurückziehen auf sein eigenes Denken, das machen eben die Menschen heute nicht, weil sie sagen: Es muß uns alles von außen gegeben werden; die Geheimnisse der Welt müssen wir von außen erforschen. — Natürlich, es ist ja auch unbequem, denn man muß sehr achtgeben bei diesem Denken. Wenn man sehr lebendig denkt, muß man natürlich furchtbar achtgeben. Aber es kommt dann einmal ein Moment im Leben, wo man etwas ganz Besonderes kann.

[ 40 ] Nicht wahr, daß ich mit meiner Hand einen Stuhl hebe, das begreift jeder, weil es fortwährend geschieht. Aber ich kann auch meine Hand in Ruhe lassen, kann sie nicht gebrauchen zu dem, was sie sonst tut. Dasjenige, was die Augenlinse tut, das steht nicht so in der Macht der Menschen. Wenn Sie von außen einen Eindruck haben, nun, dann gukken Sie durch Ihre Augenlinse eben nach diesem Eindruck hin. Wenn Sie keinen Eindruck haben, dann bleibt die Augenlinse in Ruhe.

[ 41 ] Aber, meine Herren, denken Sie sich, jemand hat sich wirklich Mühe gegeben, ein ganz starkes Denken zu haben. Er ist ganz nur im innerlichen Denken. Er guckt nicht nach außen, er läßt seine Augenlinse so in Ruhe, wie man die Hand in Ruhe läßt, wenn man nichts tut mit ihr. Ja, da spiegelt sich dann an der Stelle, wo man sonst die durchsichtige Linse hat, mit der man sonst sieht, der ganze Sternenhimmel. Das ist nämlich, ich möchte sagen, das geradezu Wunderbare, daß man durch diese Methode, die man ausbildet auf die Art, wie ich es beschrieben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», die einzelnen Organe nicht nur für die Erde, sondern eben für die andere Welt gebrauchen lernt. Wenn sich natürlich Salze abgelagert haben, wird die Linse starkrank, da wird sie unwillkürlich undurchsichtig. Wenn einer recht tief nachdenkt, bleibt sie durchsichtig, aber der Mensch sieht nicht durch die Linse, er guckt nicht nach außen. Und da fängt es an, von der Linse aus die ganze Welt zu beleuchten. Aber man sieht dann das Geistige. Und zwar sieht man den ganzen Sternenhimmel nach seiner wahren, inneren Bedeutung. Diese kleine Stelle im Menschen, wo die Linse sitzt, die kann einen unterrichten über all dasjenige, was man sich dann getraut zu sagen über Sterne und so weiter. Sehen Sie, so großartig ist es eigentlich mit dem Menschen, daß ‚an dem kleinsten Punkte der Sitz von Erkenntnissen ist, die ungeheuer sind.

[ 42 ] Derjenige, der starkrank ist — man braucht das natürlich keinem Menschen zu wünschen —, der hat sogar diese ganze Geschichte leichter, der braucht sich nicht so stark mit dem Denken anzustrengen. Er braucht nur ein ganz wenig sich zu konzentrieren, so kann er es dahin bringen, daß er innerlich sieht, wenn er äußerlich das Sehen verlernt hat. Das ist aber dasjenige, was immer betont werden muß, wenn man von solchen höheren Erkenntnissen spricht: Wenn man von solchen höheren Erkenntnissen spricht, dann liegt es immer so nahe, daß man sich natürlich zu stark anstrengen kann, und dann kann statt der höheren Erkenntnis schon etwas eintreten wie, sagen wir, die Störung der Linse. Die Linse kann dann durch dieses starke innere Konzentrieren, wenn man auch nicht starkrank wird, aber etwas undurchsichtiger werden. Daher ist in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» alles so beschrieben, daß ein Mensch das, was da besprochen ist, erreichen kann, aber eben nicht krank wird dadurch. Es darf eben keine Übung so beschrieben werden, daß man auch krank werden kann dadurch. Aber diese Linse, die ist der Ort im Menschen, der uns tatsächlich im Inneren des Auges die ganze Geisteswelt enthüllen kann. Und so können wir sagen: Man kann äußerlich sehen, wenn alles durchsichtig ist im Auge. Man kann innerlich sehen, wenn etwas willkürlich undurchsichtig gemacht wird.

[ 43 ] Ja, meine Herren, das ist schon etwas, was Ihnen deutlich machen kann, wie eigentlich die Erkenntnis von geistigen Welten entsteht. Die Erkenntnis von geistigen Welten entsteht eben dadurch, daß man zuerst in seinem Kopfe die einzelnen Punkte findet, die man also nicht braucht zu der gewöhnlichen Tätigkeit, dadurch, daß sie ruhen. Durch die Linse lernt man zunächst die äußere Welt kennen. Aber man kann den ganzen Körper so weit bringen, daß alles mögliche innerlich für einen Augenblick nicht gebraucht wird. Wenn man zum Beispiel das Herz nicht gebraucht — die Blutzirkulation kann weitergehen, aber man schaltet das Herz aus als Sinnesorgan —, dann fängt man erst an, die ganze Blutzirkulation wahrzunehmen. Aber dann nimmt man nicht bloß die Blutzirkulation wahr. Wenn Sie Ihr Herz so machen, daß Sie gewissermaßen durch Ihren Körper durchschauen auf die Blutzirkulation, wenn Sie also innerlich das Herz nicht empfinden und nicht den Pulsschlag empfinden, sondern durchschauen, wie Sie durch die Linse lernen durchschauen in die Welt hinaus mit dem Kopf, wenn Sie also durch sich selber durchschauen lernen, dann, meine Herren, dann sehen Sie nämlich jetzt nicht die Blutzirkulation allein, sondern Sie sehen die ganze Mondenbewegung, alles, was der Mond tut, und Sie sehen, wie der Mond sich zur Sonne verhält. Und dann sehen Sie die Verwandtschaft des Herzens mit Sonne und Mond.

[ 44 ] Sehen Sie, in alten Zeiten ging das alles leichter für die Menschen. Da waren tatsächlich die Menschen noch nicht so eingeschult, nur alle Wissenschaft von der Außenwelt zu erfahren. Sie wollten ja überhaupt nicht alles bloß vor sich sehen. Wenn man einen Griechen, also einen Menschen, der gelebt hätte vor siebenundzwanzig-, achtundzwanzighundert Jahren, ins Kino geführt hätte, ja, der hätte sich das Kino nicht lange angesehen, denn der wäre nämlich in Ohnmacht gefallen, weil in dem Momente, wo der alte Grieche darauf hingeschaut hätte, in seinem Inneren, aber nicht bloß in einem Gliede, sondern im ganzen Menschen das geworden wäre, was Sie bekommen, wenn Ihnen ein Glied einschläft, wenn etwas darauf drückt. Nicht einen richtigen Schlaf hätte der Mensch bekommen, aber dieses Einschlafen des ganzen Menschen wäre entstanden, wenn Sie den alten Griechen in eine Kinovorstellung hingesetzt hätten. Er wäre natürlich davon in Ohnmacht gefallen. Der alte Grieche hätte sich das also überhaupt nicht anschauen können, weil in dem Momente sein Kopf durch das Herz eine solche Störung im ganzen Blutsystem bekommen hätte, daß ihm sein ganzer Körper, nicht bloß einzelne Glieder, eingeschlafen wäre, und der Kopf hätte nichts mehr beherrschen können. Er wäre in Ohnmacht gefallen. Der Mensch ist eben ganz anders geworden, als er in alten Zeiten war. Heute hat der Mensch schon eine so unordentliche Blutzirkulation durch die moderne Kultur, daß er nicht ohnmächtig wird im Kino.

[ 45 ] Wenn man sich mit Geisteswissenschaft wirklich innerlich ein bißchen beschäftigt hat und man kommt dann ins Kino, muß man sich sehr zusammennehmen, sonst kann man heute noch in Ohnmacht fallen. Aber nicht wahr, wir sind eben alle Menschen, und der eine nimmt die Eigenschaften des anderen an. Und es ist so, daß der Mensch nicht mehr das Blutzirkulationssystem hat wie in alten Zeiten, wie der alte Mensch. Daher konnten die alten Menschen leichter durchschauen auf das Blutzirkulationssystem und konnten leichter reden von Sonne und Mond als wir. Wir sind abgeschnitten davon und müssen erst wieder dazu kommen durch Übungen. Wir müssen die Organe erst richtig wieder so machen, daß wir sehen können.

[ 46 ] Sehen Sie, der alte Grieche konnte daher noch verstehen, wenn ältere Menschen eben ihm etwas erzählt haben von dem, wie es auf der Erde eigentlich zugeht. Man darf nicht glauben, daß dasjenige, was aus dem Altertum überliefert ist, immer Aberglaube ist, nur haben es vielfach die Späteren so umgestaltet, daß es zum Aberglauben geworden ist. Es ist ja merkwürdig, wie Dinge, die zuerst ganz vernünftig sind, eben später einfach zum Aberglauben werden. Wenn man nicht mehr weiß, wie eigentlich die Sachen ausgeführt werden sollen, dann werden die Dinge zum Aberglauben. So zum Beispiel haben die alten Juden kein Schweinefleisch gegessen. Ja, die haben gewußt, daß bei ihrer Rasse und der Gegend, in der sie waren, das Schweinefleisch sie schwach macht. Dann ist es später Aberglaube geworden. Die Dinge, die später zum Aberglauben werden, gehen immer auf frühere vernünftige Dinge zurück. Wir müssen also nicht glauben, daß das, was als altes Wissen früher vorhanden war, immer unsinnig ist, aber man kann sich nicht immer auf das Alte verlassen, weil die alten Dinge vielfach verfälscht sind. Deshalb muß man alles neu erforschen.

[ 47 ] Deshalb ist es so unsinnig, wenn die Leute von der Anthroposophie sagen: Da wird zusammengesammelt, was einmal schon da war. — Es wird nichts zusammengesammelt, sondern alles neu erforscht! Und denjenigen, meine Herren, der Ihnen sagt: Da in der Anthroposophie sammeln sie nur alle möglichen alten Gnostiker zusammen —, den fragen Sie nur einmal, wo er nachweisen kann, daß die Geschichte von der Augenlinse steht, wie ich sie Ihnen das letzte Mal und heute gesagt habe, wo man das in irgendeinem Buche finden kann. Das kann man nämlich nicht finden, weil die Geschichte ganz vergessen worden ist. Sie können deshalb jedem antworten, der sagt, es seien die Dinge zusammengesammelt: Du lügst, denn du weißt gar nicht, was dort gesagt wird —, daß also die ganze Anschauung vom Herzen und so weiter erneuert wird.

[ 48 ] Es ist so, daß hier alles ursprünglich erforscht wird und dann an den ganzen Menschen herankommt. Und an solchen einfachen Sachen wie, daß der Mensch sich tanzend, drehend bewegt, was ich das letzte Mal und heute berührt habe, hervorgerufen durch die Frage des Herm Burle, kann man vieles einsehen. Das kann man verstehen.

[ 49 ] Aber, meine Herren, dann wird etwas anderes herauskommen, vor dem sich die Menschheit am meisten fürchtet. Denn, sehen Sie, wenn Anthroposophie einmal durchdringt — heute kann man ja gar nichts machen; wenn man praktisch etwas tun will, geht ja gleich der Teufel los; selbst wenn man die Sachen nur sagt, entstehen ja gleich die Gegnerschaften, die Sie ja genügend kennen —, aber wenn Anthroposophie einmal so weit sein wird, daß sie in unsere Schulen eindringt, daß sie überall die Dinge geltend macht, wird etwas anderes noch kommen. Dann wird man nämlich wissen, welche Bewegungen beim Menschen für seine Gesundheit und seine ganze Stoffwechselentwickelung richtig und welche falsch sind. Dann wird die Zeit kommen, wo man die Arbeit nach dem Menschen richten wird. Heute richtet man die Arbeit nach den Maschinen. Heute muß der Mensch so sich bewegen, wie es die Leute, welche die Maschine entdeckt haben, angemessen finden. Später wird man finden: Nicht dasjenige, was von den Maschinen kommt, ist die Hauptsache, sondern der Mensch ist die Hauptsache. Deshalb darf es nur solche Maschinen geben, die hergerichtet sind für den Menschen. Das wird man einmal nur können, wenn die Anthroposophie ganz angenommen sein wird. Dann wird man sagen können: Es muß alles Maschinelle sich nach dem Menschen richten.

[ 50 ] Aber dazu ist etwas notwendig. Zuerst muß man verstehen, wie das Herz nichts Maschinelles ist, sondern sich nach dem Menschen richtet. Dann wird man auch für die äußere Maschine die Grundlage finden können, die sie so gestaltet, daß sie sich nach dem Menschen richtet. Aber eine Wissenschaft, die es sich so bequem gemacht hat, daß sie das Herz so beschreibt, als wenn der Mensch in seiner Blutzirkulation nur eine Pumpe hätte, die macht sich kein Gewissen daraus, auch die Maschine so zu machen, daß sich der Mensch darnach richten muß. Mit dieser falschen Ansicht in der Wissenschaft hängt nämlich unsere ganze falsche soziale Lage zusammen. Und deshalb muß man schon begreifen, daß erst ein richtiges Denken über den Menschen kommen muß; dann kann erst ein richtiges soziales Leben anfangen. Solange man glaubt, das Herz sei eine Pumpe, solange wird man auch im äußeren Leben nicht richtig sich einstellen können. Erst dann, wenn man weiß, der unsichtbare Mensch ist höher als sein Herz, er ist es, der sein Herz bewegt, dann wird man auch die Maschinen nach dem Menschen richten. Das muß man erst anfangen einzusehen.

[ 51 ] Heute machen es sich die Menschen viel zu bequem. Sie machen es sich wirklich viel zu bequem. Was ist heute am meisten international? Das Fußballspiel! Ich habe es Ihnen neulich erklärt. Dasjenige aber, was geistig ist, das wird immer auf kleine Zirkel und so weiter zusammengedrängt. Das zersplittert sich. Nicht wahr, in Norwegen kann man hören: Hoch soll er leben! —, oder man hört ein deutsches Lied singen, wenn Fußballspieler (aus Deutschland) oben sind. Aber sonst sondern sich die Leute ab.

[ 52 ] Das, was ergriffen werden muß, ist der Geist, aber so, daß er im einzelnen ergriffen wird. Nicht daß man im allgemeinen redet von Geist, Geist, sondern er muß im einzelnen ergriffen werden.

[ 53 ] Wir wollen dann am nächsten Samstag davon weiter reden.