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Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen
GA 350

7 Juli 1923, Dornach

10. Entwickeln innerlicher Ehrlichkeit

[ 1 ] Meine Herren, ich habe Ihnen im letzten Vortrag ausgeführt, daß heute der Mensch nichts erkennen kann, denn das Denken, das man heute hat, taugt eigentlich auch nicht dazu. Früher, selbst noch vor, sagen wir tausend, tausendfünfhundert Jahren, hat derjenige, der etwas lernen wollte, erst sein Denken ausbilden müssen. Man hat nicht geglaubt, daß man mit dem gewöhnlichen Denken, das man hat, schon irgendwie die geistige Welt begreifen kann, und es war eine Art von Schulung des Denkens da. Heute wird durch all unsere Bildung, die wir haben, der Mensch gar nicht dazu veranlaßt, irgendwie sein Denken auszubilden. Daher kann er eigentlich in Wirklichkeit auch gar nicht denken.

[ 2 ] Das will ich Ihnen zunächst an einem Beispiel erklären, das Sie in diesen Tagen in der Zeitung haben lesen können.

Ein oft wiederkehrender Traum ist der sogenannte «Flugtraum». Wir träumen zu fliegen, zu schweben oder zu fallen, und zwar sehr häufig gleich nach dem Zubettgehen.

[ 3 ] Also, Sie kennen ja alle diese Tatsache, daß Sie schon im Traum geflogen sind. Das will nun einer, der nur an das naturwissenschaftliche Denken gewohnt ist, erklären. Sie werden gleich sehen, daß man mit diesem Denken überhaupt zu gar nichts kommt, wenn es sich um solche Dinge handelt.

Dieser Traum, führt Dr. Richard Traugott in der «Natur» aus, wird durch ein wirklich stattfindendes ruckartiges Zusammenzucken des Körpers hervorgerufen.

[ 4 ] Also, was glaubt der Mann? Der glaubt, wenn man am Einschlafen ist, so zuckt der Körper zusammen. Nun frage ich Sie, meine Herren: Sie sind doch öfter, auch wenn Sie wach gewesen sind, zusammengezuckt? Wann zucken Sie zusammen? — Ich denke, Sie zucken zusammen, wenn Sie einen Schreck erleben, wenn Sie irgend etwas erleben, was Sie in Schrecken und vielleicht in Ängste versetzt, was Sie furchtbar überrascht im Augenblick. Dann zucken Sie zusammen. Sie können zum Beispiel auch zusammenzucken, wenn Sie, sagen wir, da draußen herumgehen und plötzlich einen Menschen sehen, von dem Sie glauben, er ist in Amerika; wenn Sie den wahrnehmen, dann zucken Sie zusammen, weil Sie überrascht sind. Aber Sie werden sich niemals einbilden, wenn Sie anfangen zusammenzuzucken, daß Sie meinen, Sie fliegen! Es fällt Ihnen doch wirklich, man kann schon sagen, im Traum nicht ein, daß, wenn Sie zusammenzucken, Sie dann meinen, Sie fliegen. Also Sie sehen, von was für verwirrten Gedanken man da überhaupt ausgeht, wenn man meint, daß man die Vorstellung vom Fliegen bekommen könnte, wenn man mit dem Körper zusammenzuckt. Sie sehen daraus: Der Mensch macht sich Gedanken, aber in dem Momente, wo man damit irgend etwas am Menschen erklären will, passen sie gar nicht. — Diese Gedanken passen so lange, als man im Laboratorium mit leblosen Stoffen experimentiert, aber in dem Momente, wo man etwas erklären soll, paßt es nicht mehr.

[ 5 ] Nun geht es weiter:

Die Ursache dieses Zusammenzuckens liegt in dem unterschiedlichen Verhalten der Muskelspannungen im Wachen und im Schlafen: Beim Wachen gehen den Muskeln des Körpers von seiten des Zentralnervensystems ständig Energieströme zu,

[ 6 ] — also er nimmt an, daß beim Wachen von den Nerven in die Muskeln immer elektrische Ströme, Energieströme hereingehen —

die die Muskeln in diejenige Spannung versetzen, die zur Erhaltung des Körpergleichgewichtes zu dem notwendigen gleichmäßigen Zusammenspiel der Muskulatur überhaupt erforderlich sind; im Schlaf fällt diese Muskelspannung zum größten Teil fort, und da in der ersten Periode des Schlafes...

[ 7 ] — also gleich, wenn man eingeschlafen ist —

... die Reflexerregbarkeit des Rückenmarks gesteigert ist, so bewirkt der Vorgang der Muskelentspannung bezichungsweise der durch ihn auf das Rückenmark ausgeübte Reiz, leicht jenen Ruckreflex,

[ 8 ] — also es soll nun auf das Nervensystem im Rückenmark ein Reiz aus geübt werden; der soll nun weiterwirken, und der spannt die Muskeln stärker —

das heißt eben das Zusammenzucken des Körpers. Andere faktisch vorhandene Organempfindungen mögen noch direkter auf das Zustandekommen des Gefühls vom Fliegen,

[ 9 ] Schweben in der Luft, Schwimmen hinwirken: insbesondere die rhythmischen, sich hebenden und senkenden Bewegungen der Atmungsmuskulatur und des Brustkastens, — nun bedenken Sie, wenn Sie ins Keuchen kommen und der Brustkorb angespannt wird, ob Sie da schon einmal das Gefühl gehabt haben, daß Sie fliegen! Da fühlen Sie sich ja erst recht schwer —

sowie namentlich auch der Wegfall der Empfindungen des Druckes und des Unterlagen widerstandes, die wir im Wachen an allen den Körperstellen haben, die auf einer Unterlage aufruhen.

[ 10 ] Nun, meine Herren, sehen Sie, wenn man geht, im Wachen, dann ist man auf einer ganz kleinen Unterlage; man hat das Gefühl, daß man auf seinen Fußsohlen geht. Und wenn man beim Wachen sitzt, so hat man eine etwas größere Unterlage als bloß die Fußsohlen. Denn auch wenn Sie diese Unterlage hinzuaddieren, zusammenzählen mit der Größe der Unterlage der Fußsohlen, so ist sie ja immer noch klein im Verhältnis zu dem Raum, den man als Unterlage einnimmt, wenn man schläft. Nun sagt der Herr: Es fällt der Unterlagendruck weg. Es ist doch ein größerer Unterlagendruck da, wenn Sie sich niederlegen und eingeschlafen sind, als wenn Sie im Wachen gehen oder sitzen! Also Sie sehen, wie man mit diesem Denken dazu kommt, einfach Unsinn zu behaupten. Und das ist heutige Wissenschaft über den Menschen!

[ 11 ] Er meint also: Da gehen elektrische Ströme in die Nerven hinein. Die sind stärker, wenn man schläft, da zucken die Muskeln, und nun kommt man zur Vorstellung des Fliegens, also man glaubt, man fliegt; oder es fallen die Unterlagen weg im Schlafe! Es ist eigentlich nicht zu glauben, was da gesagt wird.

Auch der Wegfall der Empfindungen des Druckes und des Unterlagenwiderstandes, die wir im Wachen an allen den Körperstellen haben, die auf einer Unterlage aufruhen.

[ 12 ] Es ist gar nicht zu glauben, daß ein Mensch sich einen solchen Einwand nicht macht, daß man doch im Schlaf auf einer viel größeren Unterlage aufruht. Aber er tut es nicht, weil eben das heutige Denken dann, wenn es nicht solchen Unsinn behauptet, überhaupt nicht zu Erklärungen kommt.

[ 13 ] Nun wollen wir uns einmal einiges davon klarmachen — denn daraus werden Sie sehen, wie man zu der Erkenntnis von einer höheren, geistigen Welt kommt —, was da wirklich geschieht, wenn der Mensch einschläft.

[ 14 ] Ich will Ihnen das zunächst ganz bildlich aufzeichnen. Sie wissen ja, daß das nur eine Verbildlichung ist. Aber nehmen Sie an, Sie hätten hier den physischen Körper eines Menschen (Zeichnung links). In diesem physischen Körper des Menschen steckt nun extra der Ätherkörper, der übersinnliche Körper drinnen; den will ich gelb einzeichnen. Der ist also da drinnen, der füllt ihn aus. Also der ist unsichtbar.

[ 15 ] Diese zwei Körper nun, der physische Körper und der Ätherleib, die bleiben während des Schlafens im Bette liegen. Jetzt, wenn wir wachen, da ist in diesen zwei Körpern noch der astralische Körper drinnen — das will ich so zeichnen, daß ich da noch das Rote darüber mache —, und da drinnen steckt außerdem noch das Ich, das vierte Glied. Das will ich undeutlicher zeichnen (violett). So ist der wache Mensch: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich; die stecken ineinander.

Wandtafel 1
Wandtafel 1

[ 16 ] Schauen wir uns jetzt den schlafenden Menschen an. Der schlafende Mensch, der hat im Bette liegen nur den physischen Leib und den Ätherleib (Mitte). Das da hier ist im Bette. Außer dem Bette sind der astralische Leib — der ist herausgegangen — und das Ich, der Ich-Leib (Rechts). Dasjenige, was im Bette liegen geblieben ist, das ist wie eine Pflanze, denn die Pflanze hat auch einen physischen Leib und einen Ätherleib. Wenn die Pflanze keinen Ätherleib hätte, wäre sie ein Stein. Da würde sie nicht leben, würde nicht wachsen. Also dasjenige, was im Bette liegen bleibt, ist wie eine Pflanze. Die Pflanze denkt nicht. Das, was da im Bette drinnen ist — Sie wissen es ganz genau —, das denkt auch nicht in dem Sinne, daß das Denken bewußt ist. Die Gedanken sind da drinnen, das habe ich Ihnen neulich erklärt, sogar heller als die Gedanken, die wir verwenden, wenn wir bewußt sind, aber bewußte Gedanken sind nicht da. Das ist wie bei der Pflanze.

[ 17 ] Aber nun heraußen, da ist der Mensch so, daß er keine Begrenzung mehr spüren kann. Sie können sich sogar erklären, woher das kommt, daß, wenn wir da herausgehen aus dem Körper, sogleich das Bewußtsein schwindet. Wenn Sie nämlich in Ihrem Körper drinnen sind, so müssen Sie Ihren astralischen Körper so groß machen, als der physische Körper ist. Wenn Sie herausgehen, dann fängt plötzlich der astralische Leib an, riesig groß zu werden, herauszugehen nach allen Seiten, weil der physische Leib ihn nicht mehr anzieht, nicht mehr klein macht. So daß Sie in dem Momente, wo Sie einschlafen, herausrücken aus Ihrem physischen Leib; da werden Sie immer größer und größer.

[ 18 ] Nun denken Sie sich, Sie trinken ein Glas — damit nicht die Sage herauskommt, ich rede jetzt für den Alkohol, Sie wissen, das ist ja jetzt ein unangenehmes Thema in der Schweiz geworden —, so will ich sagen: Sie trinken ein Glas Wasser mit ein bißchen Himbeersaft. Wenn Sie in ein Glas Wasser ein bißchen Himbeersaft hineintun, dann haben Sie den Geschmack von Himbeersaft. Denken Sie aber, Sie nehmen statt dieses Glases ein so großes Gefäß, in das fünf Flaschen Wasser hineingehen, und Sie geben nur so viel Himbeersaft hinein, als Sie früher in das Glas hineingetan haben, und rühren es gut um, da muß sich der Himbeersaft über viel mehr Wasser ausdehnen, da haben Sie schon weniger Himbeergeschmack. Nun, sehen Sie, ich bin aufgewachsen, als ich ein kleiner Bub war, in der Nähe einer Weinhandlung; da gab es einen Keller mit einem Faß von vierhundert Eimern Wein. Wenn man das mit Wasser angefüllt hätte, also ein Faß mit vierhundert Eimern voll Wasser, nicht voll Wein, und hätte da die paar Tropfen Himbeersaft hineingegeben und hätte das Ganze durcheinandergerührt, da hätten Sie trinken können von dem Wasser und hätten nichts mehr geschmeckt von dem Himbeersaft. Das ist ja klar. Nun, meine Herren, solange Ihr astralischer Leib so klein ist wie Ihr physischer Leib, ist es wie der Himbeersaft in einem Glas Wasser: Ihr astralischer Leib ist nur so weit ausgedehnt, als Ihr physischer Leib reicht. Wenn Sie im Schlafe herausgehen, da zieht der physische Leib das nicht mehr zusammen, da wird der astralische Leib ausgedehnt, so wie der Himbeersaft in den vierhundert Eimern Wasser auch ausgedehnt wird. Und daher haben Sie in diesem astralischen Leib kein Bewußtsein mehr drinnen, denn das Bewußtsein entsteht dadurch, daß sich der astralische Leib zusammenzieht.

[ 19 ] Jetzt werden Sie aber auch eine richtige Erklärung kriegen von dem, was vorgehen soll, wenn wir einschlafen. Solange wir wachen, da steckt der astralische Leib in unseren Fingern drinnen, in unseren Zehen drinnen; überall in unseren Muskeln steckt der Astralleib drinnen. Wenn wir nun in unseren Muskeln den astralischen Leib fühlen, dann haben wir eben das Gefühl, wir sind abhängig vom physischen Leib. Der physische Leib ist schwer. Wir fühlen die Schwere des physischen Leibes. In dem Moment, wo wir herausgehen, lassen wir den physischen Leib mit seiner Schwere zurück. Wir fühlen uns in diesem Momente, bevor das Bewußtsein im Schlaf geschwunden ist, nicht mehr schwer. Wir fühlen nicht, daß wir herunterfallen, denn wir heben uns herauf; wir fühlen eher, daß wir heraufschweben. Dieses Größerwerden, dieses Nichtmehr-Gebundensein an den physischen Leib, das fühlen wir als Fliegen oder Schwimmen. Wir können uns frei bewegen, bis uns das Bewußtsein schwindet und wir ganz einschlafen.

[ 20 ] Also was sagt nun der Naturwissenschafter der Gegenwart? Er sagt: Wir zucken mit den Muskeln zusammen. — Nun, wenn wir mit den Muskeln zusammenzucken, fühlen wir ja unsere Muskeln mehr, als wir sie gewöhnlich fühlen! Da bilden wir uns nicht ein, daß wir fliegen, sondern da fühlen wir uns beim Zusammenzucken erst recht an den physischen Körper gebunden. Denken Sie nur einmal, wenn einer steht und erstaunt ist, so reißt er den Mund auf. Warum reißt er den Mund auf? Weil er eben in seinen Muskeln so stark drinnen ist, daß er sich gar nicht mehr beherrschen kann. Also gerade dieses Zusammenzucken und dieses In-den-Muskeln-Leben, das ist das Gegenteil von dem, was wir beim Einschlafen haben. Beim Einschlafen gehen wir gerade aus unseren Muskeln heraus. Also es handelt sich nicht um das MuskelnZusammenziehen, sondern um das Schlaffwerden der Muskeln. Wenn wir uns niederlegen und auf einer größeren Unterlage sind, da haben wir nicht nötig, die Muskeln mit unserem astralischen Leib zusammenzuhalten; sie erschlaffen. Und nicht weil sie stärker gespannt werden, sondern weil sie schlaffer werden, weil wir gar nicht mehr auf die Muskeln eine Einwirkung ausüben müssen, deshalb glauben wir frei zu sein von den Muskeln, und wir entschweben mit unserem leichteren astralischen Leib.

[ 21 ] Nun denken Sie sich, daß ich Ihnen ja das letzte Mal gesagt habe: Man muß lernen, umgekehrt zu denken. — Hier sehen Sie es: Derjenige, der so denkt, wie man es gegenwärtig gewohnt ist zu denken, der kriegt, wenn er beim Menschen etwas erklären will, das Gegenteil von dem heraus, was wahr ist. — Man muß sich also zuerst ein richtiges Denken angewöhnen, das auch das Gegenteil von dem denken kann, was im Physischen ist. Die Leute haben sich abgewöhnt, richtig zu denken, so zu denken, daß man mit dem Denken ins Geistige hineinkommt.

[ 22 ] Nun gibt es wirklich heute sehr viele Menschen, die zwar unsere Sprache reden, und unsere Sprache hat auch das Wort «Geist», aber die Menschen können sich nichts mehr vorstellen unter Geist. Sie können sich nur etwas Physisches vorstellen. Und nun muß man ja — das haben Sie gesehen —, wenn man sich das Geistige vorstellen will, zu etwas kommen, was gar keine physischen Eigenschaften hat, was man also im Physischen nicht sieht. Nun ist das Denken der Menschen heute schon so verdorben, daß sie auch das Geistige physisch sehen wollen. Sie werden daher nachher Spiritisten. Sehen Sie, der physische Leib, der kann einen Tisch bewegen. Die Leute sagen: Wenn ich einen Tisch bewegen kann, so bin ich existierend. Wenn ein Geist existierend sein soll, so muß er auch einen Tisch bewegen können. — Nun ja, da fangen sie dann an, Tischrücken zu machen, und dann lassen sie sich durch das Tischrücken die geistige Welt beweisen! Das ist deshalb, weil das Denken krumm, verbogen ist. Das Denken ist materialistisch; das will auch den Geist auf physische Weise da haben. Der Spiritismus ist das Allermaterialistischste, was es gibt. Das muß man nur erst begreifen.

[ 23 ] Nun wird vielleicht der eine oder andere von Ihnen sagen: Aber ich war ja schon dabei, wenn sich Menschen um den Tisch herum setzten, angefangen haben, ihre Hände zu einer Kette zu machen, und dann haben sich Tische bewegt, sind gesprungen, und alles mögliche. — Das Äußere, das ist schon richtig: Sie können sich um einen Tisch herumsetzen, können eine Kette herum machen, und die Geschichte kann unter Umständen den Tisch in Bewegung versetzen. Aber sehen Sie, das ist ja gerade so, wie wenn ich durch irgendeine andere kleine Bewegung eine große Bewegung hervorrufe. Denken Sie sich doch nur, Sie hätten einen Eisenbahnzug. Der Eisenbahnzug hat vorn eine Lokomotive und den Lokomotivführer darauf. Nun, der Lokomotivführer, der steigt nicht ab von der Maschine und stellt sich hinten hin und schiebt auch. Da würde es ihm wohl nicht recht gelingen, einen Schnellzug in rasche Bewegung zu versetzen. Sie wissen, der Lokomotivführer macht nur eine ganz kleine Bewegung, und der Schnellzug fährt sehr schnell, und die Maschine zieht viele Wagen. Warum? Ja, weil die Umschaltung da in der richtigen Weise vorhanden ist. Da wird durch eine kleine Bewegung auf physischem Wege eine große Bewegung bewirkt.

[ 24 ] Geradeso ist es ein rein physischer Vorgang, wenn die Leute um den Tisch herum eine Kette schließen und dann anfangen, kleinwinzige Zuckungen und dergleichen zu machen. Und siehe da, diese kleinen, winzigen Zuckungen setzen sich um durch die Materie — die ist nämlich so kunstvoll gestaltet — in große Bewegungen. Das ist ein ganz gewöhnlicher physischer Vorgang zunächst.

[ 25 ] Wenn nun da einer darunter ist, der mit seinem Unterbewußtsein irgendwelche Gedanken hat, dann setzen sich diese Gedanken in die zuckenden Finger fort. Und dann kriegt man auf diese Weise auch Antworten und kann das ablesen im Alphabet. Aber dasjenige, was man da als Antworten kriegt, das ist immer im Unterbewußtsein vorhanden von irgend jemandem, der da ist, selbst wenn die Antworten noch so geistreich sind. Ich habe Ihnen ja erklärt, daß der Mensch, wenn er ein wenig nur ins Unterbewußte hereinkommt, viel geistreicher ist, als er in seinem Bewußtsein ist. Das kommt auch durch das Tischrücken zum Vorschein, Also, daß die Leute Spiritisten geworden sind, das ist eben geradezu ein Beweis, daß der Materialismus in unserer Zeit groß ist.

[ 26 ] Mit dem gewöhnlichen Denken kann man überhaupt nicht zu irgendwelchen Erklärungen kommen, die auf den Menschen irgendeinen Bezug haben. Sehen Sie, da versuchte also einer in diesem Zeitungsartikel, den ich heute anführte, einen Traum zu erklären, den Flugtraum. Er erklärt ihn gerade auf die entgegengesetzte Art, wie er erklärt werden soll! Aber die Leute können überhaupt so etwas, was im höchsten Grade interessant ist, nicht mehr studieren. Ich habe Ihnen ja schon öfter etwas erzählt über die Träume; ich will Ihnen heute einige gewichtige Tatsachen noch einmal hervorheben.

[ 27 ] Denken Sie sich einmal, meine Herren, jemand träumt. Er träumt, daß er in Basel über irgendeinen Platz geht. Aber plötzlich findet er im Traum ist das ja möglich —, daß vor ihm ein Zaun steht. Der Zaun hat da hier eine Latte, da wieder eine Latte, da fehlt eine Latte; da hat er eine Latte, da hat er eine, da fehlt wieder eine Latte. Jetzt träumt er weiter, er will über diesen Zaun hinüberspringen und spießt sich auf auf der Latte. Das tut ihm weh. Jetzt wacht er auf. Ja, jetzt merkt er: Donnerwetter, du hast dich ja gar nicht aufgespießt auf der Latte, aber einen furchtbaren Zahnschmerz hast du! — Zahnschmerzen hat er und wacht mit diesen Zahnschmerzen auf. Sein Gebiß hat da oben eine Lücke, dann hat es hier oben’ wieder eine Lücke. Das ist das, was er gesehen hat als Zaun mit fehlenden Latten. Das entspricht ganz seinem oberen Gebiß mit den fehlenden Zähnen. Dann greift er sich auf seinen einen Zahn, und das ist gerade der, der ihm weh tut. Der ist hohl geworden und schmerzt. Solch einen Traum kann man wirklich haben.

[ 28 ] Was ist denn da aber eigentlich geschehen? Nicht wahr, der ganze Vorgang hat sich ja im Wachleben abgespielt. Sie können sich sagen: Solange ich geschlafen habe, war ich glücklich, da habe ich meinen unsinnigen Zahnschmerz nicht gespürt. Ja, warum spürten Sie den Zahnschmerz nicht beim Schlafen? Weil Sie mit Ihrem astralischen Leib draußen waren. Der physische Leib und der Ätherleib spürt ja den Zahnschmerz nicht. Einen Stein können Sie beklopfen wie Sie wollen, ein Stückchen herunterschlagen — der Stein als einzelner spürt es nicht. Die Pflanze können Sie auch zerreißen — sie spürt es nicht, weil sie noch keinen Astralleib, weil sie nur einen Ätherleib hat. Sehen Sie, manche würden sicher das Rosenabreißen und Blumenabreißen auf der Wiese schon unterlassen, wenn die Pflanzen immer so zischen würden wie die Schlangen, weil es ihnen weh tut! Aber es tut der Pflanze eben nicht weh. Und der Mensch ist wie eine Pflanze, wenn er schläft. Solange er schläft, tut ihm also der Zahn nicht weh. Wenn man nun hereinschlüpft mit seinem astralischen Leib, kommt man beim Hereinschlüpfen an dem Gebiß an. Sehen Sie, erst wenn man ganz im Körper drinnen ist, spürt man dasjenige, was einem im Körper weh tut. Wenn man noch nicht ganz drinnen ist, so kommt einem das, was einem weh tut, so vor wie ein äußerer Gegenstand.

[ 29 ] Denken Sie sich, meine Herren, ich brenne hier ein Zündhölzchen an; da sehe ich, wie es verbrennt. Wenn ich darin gesteckt hätte, würde ich es durch meinen Astralleib nicht bloß sehen, sondern da würde ich es spüren als einen Schmerz. Solange ich noch nicht ganz drinnen bin in meinem Körper, sondern eben erst hineinschlüpfe, ist meine Zahnreihe wie ein äußerer Körper, da spüre ich es wie einen äußeren Körper und mache mir ein Bild, das ähnlich ist. Geradeso wie ich mir von den äußeren Gegenständen Bilder mache, so mache ich mir, wenn ich noch halb draußen bin, von meiner Zahnreihe ein Bild, und weil ich mir das richtige Bild noch nicht machen kann — das kann ich mir erst durch Geisteswissenschaft machen —, so mache ich mir das Bild einer Zaunreihe statt einer Zahnreihe. Und weil ich drinnen in meiner Zahnreihe Lücken habe, sind in der Zaunreihe die Latten ausgelassen. Sie sehen, es entsteht beim Hineinschlüpfen durch die Verwirrung, daß man noch nicht ganz drinnen ist in seinem Körper, ein Irrtum. Man hält das Innere für ein Äußeres, weil man im Schlafe eben draußen ist. Da ist das Innere ein Äußeres.

[ 30 ] Sehen Sie, was einem da passiert, das habe ich tatsächlich schon gesehen bei kleinen Kindern. Wenn man die unterrichtet, so haben sie noch kein Gefühl für das ganz richtige Sprechen. Und ich habe es wirklich schon erlebt, daß einer, der eben angefangen hat zu schreiben, statt «Zahn» Zaun, Zäune geschrieben hat, und jetzt hat man ihm gesagt: Das ist falsch! — So hat der Angst gekriegt beim Hereinschlüpfen, nicht beim Herausschlüpfen, sondern beim Hereinschlüpfen. Da hat man aber nicht einen Flugtraum, sondern einen Angsttraum. Wie beim Alpdruck kriegt das Kind Angst und macht noch das daraus — und nun ist aus dem Zahn ein Zaun geworden. Das Kind machte den Fehler. Und Sie werden immer sehen: durch solche Wortverbindungen kommen die Bilder des Traumes nämlich zustande! Irgendwelche Wortverbindungen sind immer da. Und da kann man nun einsehen, was da eigentlich geschieht.

[ 31 ] Sehen Sie, wenn einer so redet — dieser Richard Traugott hat übrigens schon viel über den Traum geschrieben, was ebenso unsinnig ist wie dasjenige, was er jetzt über den Flugtraum schreibt — und mit dem ganz gewöhnlichen Wissen der Gegenwart nur ausgerüstet ist, so sagt er das Gegenteil von dem, was wirklich ist. Denn er versteht nicht, daß, weil der astralische Leib groß ist beim Hinausgehen, er sich wie ein Flieger vorkommt, und weil der astralische Leib wieder eingezwängt wird, wenn er wieder hereingeht, kommt er sich vor wie einer, der sich durchdrücken muß. Seine Muskeln anspannen, ist gleich Angsttraum. Der Angsttraum tritt gerade dann ein, wenn der Mann, der den Artikel geschrieben hat, glaubt, daß der Flugtraum eintreten solle. Auch beim Einschlafen kriegen Sie nur Angstträume, wenn das Einschlafen nicht ganz richtig vonstatten geht. Denken Sie sich, Sie liegen irgendwo und Sie kriegen das Gefühl, es würgt Sie jemand. Das geschieht dadurch, daß Sie eben im Einschlafen sind, aber irgendwo ist eine Unruhe, und jetzt können Sie nicht richtig einschlafen. Nun probieren Sie es — bald heraus, bald herein. Beim Hereinkommenwollen, was Sie aber doch wieder nicht können, weil Sie noch müde sind, da würgt es Sie, weil der astralische Körper hereinkommen will, sich hereinzwängt, aber doch nicht richtig hereinkommen kann. Weiß man diese Sache einmal, dann kann man alle diese Dinge besser erklären.

[ 32 ] Und dieses wird Sie auch darauf bringen, daß etwas anderes noch notwendig ist, wenn man die geistige Welt erkennen will. Man muß sich durchaus ganz klar darüber sein, daß da der physische Körper nicht mitwirken kann. Gerade in dem muß man leben können, was der astralische Leib ist. Will man die geistige Welt erkennen, dann muß man also etwas zustande bringen, wobei man sonst einschläft. Wenn man im gewöhnlichen Leben ist und man schlüpft mit seinem astralischen Leib heraus aus dem physischen Leib, schläft man ein. Ja, sehen Sie, da ist eben die Geschichte mit dem Weinfaß, die ich Ihnen vorhin angeführt habe. Da wird der astralische Leib riesig groß. Wenn Sie nun den astralischen Leib erkennen wollen, so müssen Sie durch innere Kraft den astralischen Leib zusammenhalten können. Denken Sie sich einmal, was geschieht, wenn ich jetzt einen Augenblick statt des astralischen Leibes und des Ichs des Menschen wiederum den Himbeersafttropfen setze. Schauen wir uns das einmal ganz bildhaft an. Da haben wir das Wasserglas und da drinnen einen Himbeersafttropfen. Der Himbeersafttropfen, der dehnt sich jetzt aus. Ist er im Wasserglas drinnen, da spürt man ihn noch. Nehmen Sie aber etwas an — das kann ich natürlich nicht zeichnen —, was jetzt hunderttausendmal so groß ist: da würden Sie nichts mehr sehen davon, wenn ich das in entsprechender Verteilung hell machen würde. Ebensowenig kann man aber etwas spüren. Denken Sie aber, der Tropfen, das wäre ein Teufelskerl, und ich gebe ihn in dieses Weinfaß mit vierhundert Eimer Wein hinein — verzeihen Sie, nicht Wein, Wasser — und der Himbeersafttropfen, das ist ein richtiger Teufelskerl, der sagt sich: Da lasse ich mich nicht beimischen, ich bleibe der Himbeersafttropfen! — Nun ist da das Weinfaß oder Wasserfaß, und der Himbeersafttropfen bleibt ganz klein. Wenn Sie nun just mit Ihrer Zunge hinunterkämen, durch das Wasser durchleckten und kämen hin an die Stelle, wo der Himbeersafttropfen klein geblieben ist, da würden Sie die Süße vom Himbeersafttropfen spüren. Der muß sich also wehren.

[ 33 ] Ich sage, er ist ein Teufelskerl, nur um einen Ausdruck zu haben. Die Gegner der Anthroposophie sind ja manchmal sehr spaßig. In einem Hamburger Blatt stand einmal, nachdem die Anthroposophie nach allen Seiten beschimpft worden war, was ich sei, und da stand, daß ich eigentlich der Teufel wäre! Also das war ganz ernsthaftig gemeint, daß da der Teufel in die Welt gekommen wäre. Ich sage nur, er wäre insofern ein Teufelskerl, der Himbeersafttropfen, als er sich klein erhalten kann auch wenn man ihn in das Wasser hineingibt. Das ist mit dem astralischen Leib etwas anderes, wenn er sich so klein erhalten kann, wie er im physischen Leibe drinnen ist, wenn er herauskommt. Jetzt muß man eben die Kraft entwickeln, den astralischen Leib so klein zu behalten. Das kann man eben dadurch, daß man ein scharfes Denken entwickelt. Ich habe Ihnen gesagt, man müsse ein selbständiges Denken entwickeln. Ein selbständiges Denken ist aber ein stärkeres Denken als dieses schwache Denken, das diese Leute haben. Die erste Bedingung ist ein starkes Denken. Die zweite Bedingung ist ein Rückwärtsdenken-Können. Die äußeren physischen Dinge laufen vorwärts. Lernt man rückwärts denken, dann lernt man noch stärker denken. Und lernt man noch dasjenige, was ich Ihnen das letzte Mal gesagt habe: Jeder Teil ist größer als das Ganze — was also widerspricht dem Physischen —, dann lernt man sich hineinversetzen in die Welt, die eben nicht wie das Physische ist, sondern das Gegenteil von dem Physischen ist, Dann lernt man sich hineinversetzen in die geistige Welt.

[ 34 ] Durch all diese Dinge wird eben bewirkt, daß der astralische Leib, trotzdem er aus dem physischen Leib herausgeht, sich kleiner erhalten kann, daß er nicht ausfließt im allgemeinen astralischen Meere.

[ 35 ] Das ist also durchaus zusammenstimmend. Aber Sie müssen sich auch ganz klar darüber sein, daß diese Dinge alle mit eben derselben Nüchternheit und Wissenschaftlichkeit betrachtet werden müssen, wie die Dinge des äußeren physischen Lebens betrachtet werden. Sobald man ins Phantasieren hineinkommt, dann geht es nicht mehr mit der Geisteswissenschaft. Phantastisch darf man eben nicht werden.

[ 36 ] Nehmen Sie zum Beispiel an, Sie haben, nun, ich will es deutlich sagen, einen Schmerz in der großen Zehe. Diesen Schmerz in der großen Zehe spüren Sie nur durch Ihren Astralleib. Wenn Sie nur den physischen Leib hätten, würden Sie keinen Schmerz spüren. Wenn Sie bloß den Ätherleib haben, würden Sie keinen Schmerz spüren, sonst würde eben die Pflanze quieksen, wenn man sie anfaßt, die Blume quieksen, wenn man sie anfaßt. Nun, Sie quieksen, wenn Sie einen Schmerz in der großen Zehe haben, das heißt, Sie quieksen vielleicht nicht, aber Sie wissen schon, was ich damit meine. Wir quieksen also, wenn wir einen Schmerz in der großen Zehe haben. Nun, warum quieksen wir? Sehen Sie, wir haben ja unseren astralischen Leib über den ganzen physischen Leib ausgebreitet. Wenn wir jetzt mit dem astralischen Leib an die Stelle ankommen, wo irgend etwas in unserer großen Zehe unordentlich ist, dann bringen wir das durch den astralischen Leib bis ins Gehirn herauf. Jetzt machen wir uns eine Vorstellung von unserem Schmerz.

[ 37 ] Nehmen Sie aber an, jemand habe ein krankes Gehirn. Wenn jemand ein ganz gesundes Gehirn hat, so hat er in diesem Gehirn auch eine Stelle, durch die er den Schmerz in seiner großen Zehe wahrnehmen kann. Dazu braucht man eine gesunde Stelle im Gehirn, damit man den Schmerz in der großen Zehe wahrnehmen kann. Nehmen wir aber an, diese Stelle im Gehirn wäre krank. Ich habe Ihnen gesagt: Die Seele kann nicht krank werden, der Astralleib kann nicht krank werden, aber das physische Gehirn kann krank werden. — Wenn nun diese Stelle im Gehirn krank ist, kann der Schmerz in der großen Zehe nicht wahrgenommen werden. Was tut der Mensch? Ja, meine Herren, ein Stückchen des physischen Gehirns ist krank; aber, sehen Sie, an der Stelle ist noch immer der Ätherleib des Gehirns. Der Ätherteil des Gehirns, der da sitzt, der wird jetzt nicht unterstützt durch den physischen Teil. Was tut der Ätherteil? Der Ätherteil, der macht aus Ihrer großen Zehe einen Berg. Er nimmt nicht mehr die große Zehe bloß wahr, sondern er macht einen Berg daraus, und den Schmerz, den gestaltet er um zu lauter kleinen Geistern, Berggeistern, die da drinnen sitzen. So sehen Sie (Zeichnung $. 192): Jetzt haben Sie hier Ihre große Zehe; die haben Sie herausgesetzt in den Raum, weil Sie ein krankes Gehirn u gehabt haben. Und jetzt schwören Sie darauf, vor Ihnen steht ein hoher Berg! Aber der ist eben bloß Ihre große Zehe. Das ist eine Wahnidee.

[ 38 ] Meine Herren, man muß sich davor hüten, solche Wahnideen zu haben, wenn man in die geistige Welt eindringen will, sonst kommt man eben in die Phantasterei hinein. Wodurch kann man denn das erreichen? Das muß man wiederum zunächst durch eine Schulung erreichen. Man muß wissen, was alles vom physischen Körper kommen kann, wenn er irgendwo krank ist. Dann wird man nicht mehr das, was einem als richtiger Geist erscheint, mit dem verwechseln, was nur aus dem physischen Körper aufsteigt.

[ 39 ] Also zu dem tätigen Denken, zu dem Rückwärtsdenken, zu dem Denken, das ich Ihnen das letzte Mal beschrieben habe, wo man ganz anders denkt als in der physischen Welt, muß auch das kommen, daß man genau weiß: Das und das rührt nur von deinem physischen Körper her. — Diese Vorbereitungen, die muß man haben.

[ 40 ] Sehen Sie, in der Vorbereitung, die man früher gehabt hat, damit die Menschen ein wenig in die geistige Welt auf die alte Art eindringen konnten, gab es auch eine gewisse Kunst. Man nannte sie die Dialektik. Das heißt: Man hat denken lernen müssen. Heute, wenn man jemandem zumuten wollte, er solle erst denken lernen — ja, der würde einem alle Haare ausreißen, denn jeder Mensch glaubt, er kann schon denken. Aber es ist schon so, wenn man in die früheren Zeiten zurückgeht, daß eben die Leute erst ein gewisses Denken lernen mußten. Dieses Denkenlernen nannte man die Dialektik. Da mußte man vorwärts, rückwärts denken, da mußte man auch die Begriffe in der richtigen Weise setzen lernen.

[ 41 ] Und wodurch war das? Das war dadurch, daß man das Denken am Sprechen lernte. Ich habe Ihnen einmal gesagt, daß das Kind auch zuerst sprechen und dann denken lernt, aber natürlich ist das zunächst kindlich. Heute behält der Mensch das ganze Leben hindurch diese Kindlichkeit, aber sie taugt nichts mehr für das spätere Leben. Wenn man am Sprechen fortwährend denken lernt, dann kriegt man bei jedem Ausatmen und Einatmen die Luft richtig herein und hinaus. Denn das Sprechen hängt eben mit dem richtigen Atmen zusammen. Man kriegt die Luft richtig hinein und richtig heraus. Es hängt sehr viel davon ab, daß man sich einrichtet auf richtiges Sprechen, weil dieses richtige Sprechen einen auch auf richtiges Atmen einrichtet. Derjenige, der richtig atmen kann, kann lange sprechen; derjenige, der nicht richtig atmen kann, der ermüdet sehr bald, wenn er zusammenhängend lang spricht.

[ 42 ] Durch diese Dialektik, durch diese Kunst hat man richtig sprechen und dadurch auch richtig denken gelernt. Heute können ja die Leute nicht richtig denken, denn sie stoßen alle Augenblicke mit ihrem Atem an ihrem Atmungsorgan an. Hören Sie manchmal irgendeinem heutigen Gelehrten zu, wenn er spricht. Nun, erstens sprechen die wenigsten, sie lesen meistens ab; da nehmen sie ganz andere Dinge noch zu Hilfe, die Augen und so weiter, durch dieses unterstützen sie sich. Aber hören Sie ihnen zu, wenn sie sprechen: Es kommt einem meistens vor, als ob die Leute kurzatmig wären und immer anstoßen würden an ihren eigenen physischen Körper.

[ 43 ] Dadurch wird Ihnen alles zu einem Bild vom physischen Körper. Ob Sie nun hier im Gehirn eine kranke Stelle haben und dadurch Ihnen Ihre große Zehe zu einem Berg mit allerlei Berggeistern wird, oder ob Sie mit dem Atem immerfort anstoßen beim Denken, ihn nicht herauskriegen, das ist einerlei: Die ganze Welt kommt Ihnen als ein Physisches vor, weil Sie fortwährend mit Ihrem Atem am physischen Körper anstoßen. Wovon rührt denn das eigentlich her, dieser Materialismus? Der Materialismus rührt davon her, daß die Leute nicht richtig denken können, nicht richtig ausatmen, daß Sie anstoßen. Daher glauben sie, die ganze Welt besteht nur aus Stoß und Druck. Stoß und Druck — das haben sie nämlich in sich, weil sie sich vorher nicht durch ein richtiges Denken vorbereiteten. Und so könnte man sagen: Wenn heute einer Materialist ist, so ist er es deshalb, weil er nicht aus sich heraus kann, weil er überall innerlich an sich anstößt.

[ 44 ] Sehen wir uns noch einmal diesen Herrn Traugott an. Der sollte eigentlich sagen: Der Traum vom Fliegen, der kommt daher, weil wir aus uns herausgehen und der Astralleib anfängt, größer zu werden. — Aber auf das kommt er nicht, denn er denkt nach, furchtbar denkt er nach! Nun, meine Herren, denken Sie sich nur einmal: Wenn einer anfängt nachzudenken, der eigentlich nicht denken kann, was tut er? — Erst runzelt er die Stirn, nachher, wenn das noch nicht zum Denken führt, schlägt er sich an die Stirn. Was will er denn da eigentlich? Er will die Muskeln anspannen, er spannt die Muskeln; und wenn sie nicht genug gespannt sind, so will er sie noch schlagen, daß sie sich erst recht spannen. Was tut denn der Herr Traugott, wenn er über den Traum nachdenkt? Statt die Dinge anzuschauen, wie sie sind, spannt er seine eigenen Muskeln, und da findet er nun, was er selber tut: Muskelspannung, sagt er, aha! Der Traum ist gleich Muskelspannung. — Er verwechselt aber nur seine eigenen Gedanken vom Traum mit der Wirklichkeit. Sie können nur etwas lernen von dem Herrn Traugott — was dem passiert, wenn er über die Dinge nachdenkt —, wenn Sie diese Geschichte lesen. Es ist ja auch sonst heute so: Wenn man das liest, was die Leute drukken lassen, dann erfährt man, was die sich selber darüber einbilden. — Wenn man heute eine Zeitung liest, so muß man sich sagen: Was in der Welt vorkommt, darüber wirst du aus der Zeitung wenig erfahren, aber was die Herren, die in der Redaktionsstube sitzen, gern hätten, daß es in der Welt vorkomme, das wirst du erfahren.

[ 45 ] So ist es auch mit der materialistischen Wissenschaft. Sie erfahren durch sie nicht, was die Welt ist, sondern was die materialistischen Professoren heute über die Welt denken. Wenn Sie einmal dahinter kommen, dann werden Sie sehen, daß die Anthroposophie eben nicht die Welt hintergehen will, sondern gerade Ehrlichkeit an die Stelle der Listigkeit und Illusion und desjenigen, was manchmal ganz bewußt unwahr ist, setzen will.

[ 46 ] Sie sehen also: Ehrlichkeit, innerliche Ehrlichkeit, das ist die vierte Eigenschaft, die vorhanden sein muß, um in die geistige Welt hineinzukommen. Wenn Sie die Welt so betrachten, werden Sie schon sehen: Ehrlichkeit ist nicht viel in der Welt vorhanden. Kein Wunder, daß sie auch nicht in der Wissenschaft vorhanden ist.

[ 47 ] Damit haben wir vier Eigenschaften für das Denken betrachtet: Klar, selbständig denken, unabhängig von der Außenwelt denken, ganz anders denken als die physische Welt ist, und nun ehrlich denken. Andere Eigenschaften werden wir dann das nächste Mal betrachten.

Wandtafel 2
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