Menschenseele, Schicksal und Tod
GA 70a
3 November 1914, Hamburg
19. Das «Barbarenvolk» Schillers und Fichtes
[ 1 ] Was lebt in den Seelen derer, die sich draußen heute opfern? Alle die Führerseelen sind darin enthalten, als ob sie leben sollten in den Menschen der Gegenwart. Zwei besonders wollen wir vor uns hinstellen, unmittelbar lebendig, nicht um sentimentale Empfindungen heraufzubeschwören, sondern als vorbildliche Kämpfer. Es sei ausgegangen vom Tode Schillers und Fichtes. (Herman Grimm wird zitiert über Schillers Tod.) Goethe verschied, entschlief, aber Schiller starb! Der Körper war verfallen, aber seine Seele sieghaft. Der Geist, der in Schillers Leib lebte, hatte vieles noch dem Volke zu sagen. Noch bedeutsamer war der Tod Johann Gottlieb Fichtes. Er hielt seinem Volk die deutschesten Reden. Ans Krankenbett brachte der Sohn ihm die Nachricht von Blüchers Rheinübergang. Er war im Fieber, wähnte sich auf dem Schlachtfelde, und hinein spielte die deutsche Philosophie. Er wies die Arznei von sich und sagte: Ich brauche keine Arznei, ich bin genesen, das fühle ich. So starb er.
[ 2 ] Die größten Söhne Deutschlands lehren, wie der Deutsche seiner Nationalität gegenüber anders empfindet als die anderen Nationen. Der Deutsche ist nicht, er wird. Goethe drückt es so aus: «Nur der verdient sein deutsches Volkstum, der immer es sich erobern muss.» Die herrlichste Schöpfung über das Werden des Menschen ist durch Schiller hervorgebracht: Die «ästhetischen Briefe». Gerade für ihn war die Frage nach dem Wesen der Deutschheit stets in die Form gekleidet: Der hat das Wesen der Deutschheit am tiefsten, der darin immer das Ideal der Menschheit sucht. Nicht unter dem Zwange der chernen logischen Notwendigkeit, noch nur unter dem der Sinne stehend, nicht nur unter dem stehend, was von der physischen Welt kommt. Das alles ist nicht das wahre Menschenwesen. Den Ausgleich zwischen Sinnlichkeit und Vernunft, das will Schiller in den Menschen pflanzen, dass man sich nie genug ist, dass man sich stets fragt: Wie werde ich Mensch? Das lebt im Grunde in allen seinen Dichtungen. Die Geisteswissenschaft will nur weiterführen die Impulse, die durch unsere Geistesheroen hereinkamen.
[ 3 ] In den Reden Fichtes sind drei Fragen, die man heute unmöglich mehr stellen könnte: erstens, ob es eine deutsche Nation gebe; zweitens, ob es wert oder nicht wert sei, sie zu erhalten. Schiller und Fichte selbst sind die Antwort darauf; drittens, ob es ein sicheres Mittel zur Erhaltung gebe und welches es sei. Fichte meinte, dieses Mittel sei die Erziehung. Die Geisteswissenschaft ist diese Erziehung. Jeder Mensch kann sie aufnehmen. Aber als Volk ist der Deutsche am meisten damit verbunden, zu sagen, die wahre Menschlichkeit ruhe nicht im Materiellen, sondern im Geistigen. Die Anerkennung des Unsichtbaren als das einzig Wahre, so nennt es Fichte. Das gerade strebt die Geisteswissenschaft an. Wie der Mensch nach dem Tode in seiner Seele bewusst weiterleben wird, von dieser wahren Wirklichkeit spricht die Geisteswissenschaft, nicht abstrakt vom Geiste. Sie ist tapfer gegenüber der passiven Wissenschaft. Fichte hat dies nicht ausgesprochen, aber die Anregung über das Unsichtbare kam von ihm. Fichte wollte seiner Nation eine andere Erziehung geben. Wie viele am Alten hängen, spricht er in einem Gleichnis aus, das wie aus der modernen Geisteswissenschaft herauskommt: Die Zeit erscheint mir wie ein Leichnam (das Zitat war viel länger, es beginnt mit diesen Worten).
[ 4 ] Wer kennt das Leben der Seele unmittelbar nach dem Tode, könnte keinen anderen Vergleich heranziehen. Es muss für den deutschen Geist die Möglichkeit sein, alles das, was in ihm ist, zu gestalten. Fichte sagt: Der Pfad des Deutschen ist die Ernte seiner ganzen Zeit.
[ 5 ] Wie lebt fort in Europas Mitte, was diese Genien als Impulse hineingegossen haben? Wir wollen es nicht aussprechen, wie Fichte und Schiller es konnten, was das Volk von Mitteleuropa geworden ist. Heute werden wir von West und Ost und von Nordwest «Barbaren» genannt.
[ 6 ] Emerson sagt über Goethe: Eine Eigenschaft, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, sei die innere Wahrheit. England hat das Talent, Frankreich die brillanten Gedanken. Der deutsche Geist besitzt eine gewisse Probität, die nie beim Schein stehen bleibt. (Alles dies und daran anschließend noch mehr ist aus Emerson zitiert.) Die in der höheren Konversation gebrauchten Unterscheidungsbegriffe sind daher alle deutsch.
[ 7 ] (Dann wird Mrs Wylie zitiert, deren Buch «Eight Years in Germany» in Auszügen in den «Süddeutschen Monatsheften» gegeben worden ist.) Dies ist an die Engländer gerichtet von Mrs Wylie: Deutsche Literatur, deutsche Religion, deutsche Philosophie sind uns Bücher mit sieben Siegeln. Wie viel Schiffe sie haben, wissen wir. Es ist falsch, zu glauben, Deutschland stehe schon auf seinem Höhepunkt. Es weiß, dass an seinen Grenzen im Osten und Westen und über dem Wasser sie lauern, bis es ein wenig nachlässt, um es zu überfallen. (Zitat geht noch weiter.)
[ 8 ] (Dann wird Herman Grimm zitiert:) Es ist jeder bereit bei uns, für sein Vaterland sich zu opfern, aber es durch das Mittel des Krieges zu tun, liegt uns fern. Frankreich stellt seine Kriegspläne als sittliche Forderung hin und verlangt von Deutschland die Anerkennung, dass sie eine solche seien. (Zitat noch etwas weitergehend.)
[ 9 ] Zurückgehend auf die letzten Junitage, wo die Pressekampagne in Petersburg begann. Der Druck auf Österreichs Recht. (Hier wird Bismarck zitiert, seine Rede bei Gelegenheit der Wehrvorlage vom 6. Februar 1888. Dies über die Politik Russlands gegen Österreich, wodurch Deutschland in Gegensatz zu Russland gebracht wird. Und dann wieder Bismarck in derselben Rede, wo er sagt:) Wenn ich eine Milliarde für einen Angriffskrieg verlangen würde, so weiß ich nicht, ob Sie das Vertrauen haben würden, sie zu geben. Ich hoffe, nicht.
[ 10 ] (Dann wird die Rede von Manchester zitiert, die erst jetzt in diesem oder im letzten Jahr gehalten worden ist, wo der Redner, ein Engländer, die folgenden drei Eigenschaften der Deutschen hervorhob: wahr, gründlich, treu. Und es wird gesagt, dass die Vorrede zu diesem Buch, in dem die Rede von Manchester erschien, von Lord Haldane geschrieben worden ist und daraus zitiert, wie Haldane gerade die Stärke und Geradheit Deutschlands als vorbildlich hinstellt. Das Buch ist eine Zusammenstellung von Reden, gehalten in verschiedenen Städten bei Gelegenheit des Besuches, ich glaube deutscher Stadtvorstände.)
[ 11 ] (Dann wird gesagt, dass die Hereinnahme von Bosnien und der Herzegowina ein Stück der Balkanmission Österreichs gewesen ist und dabei die Agitation von Herbst erwähnt, die Bismarck dazu brachte, Herbst und seine Anhänger als die Herbstzeitlosen zu bezeichnen. Dr. Steiner sagte:) Dies ist eins von den kulturhistorischen Worten. Lord Salesbury gab Österreich diese Mission - nämlich Bosnien und die Herzegowina - und jetzt verdankt Österreich Englands Politik die Ermordung des Thronfolgers. Aller Hass von Osten her stammt von dieser Mission, die Österreich durch die englische Politik gegeben wurde. Und doch will England heute rächen, was es selber getan hat. Ist das wahr, gründlich oder treu? Und wir werden «Barbaren» genannt. (Dann wird die Strafe von Österreich besprochen und Bismarck wieder zitiert. Hierauf wird von der Verletzung der belgischen Neutralität gesprochen. Zitiert wird wieder Bismarck, wo er darüber spricht, dass man nicht aus Liebe Krieg führe. Daran schließt sich der Satz Dr. Steiners:) Das ist noch gar nicht da gewesen, dass sich das eine Volk für das andere opfert. (Schiller und Goethe werden genannt, die beide sagen wollen, dass man am besten den Deutschen in sich findet, wenn man den Menschen in sich findet, wenn man über den Dingen, aber auch über den Nationalitäten steht.)
[ 12 ] Es wird heute viel darüber gesprochen, wie die Beziehungen des Deutschen zu den anderen Völkern Europas seien. Wie er England hasst, wegen der überwältigenden Herausforderung (so wird gesprochen). Ich glaube nicht an diesen Hass. Es gibt Fälle, wo wir euch Engländer mehr lieben, als ihr euch selbst. Wo wird Shakespeare mehr gepflegt, wo wird er mehr, wenigstens verständnisvoller geschätzt als in England? Im deutschen Wesen! Die Deutschen haben gezeigt, dass sie die Engländer besser lieben, als sie sich selbst.
[ 13 ] (Dann wird Goethe genannt, der Faust und Euphorion.) Wer war das Urbild für Euphorion? Der Engländer Byron. Goethe liebte das Wesen der Engländer.
[ 14 ] Wenn wir nach Westen blicken, so sehen wir, wie von dort her die Gestalt der Jungfrau genommen wird. Sie wird verherrlicht und lebt im Herzen des deutschen Volkes: Schiller. Auch für den Osten wird man in einigen Jahren das Gleiche sagen.
[ 15 ] Noch ein Bismarckwort: Wir Deutschen fürchten Gott und sonst niemand in der Welt. Was dürfen wir versprechen dem, der unsere Weltmission uns ausführen lassen will? Wie auch das deutsche Wesen sich ausbreiten wird über die Erde, niemals wird der Mensch, der deutsches Wesen und deutschen Geist in sich trägt, anders stehen als mit dem Faustwort: «Auf freiem Grund mit freiem ...» und so weiter.
[ 16 ] Niemals will der Deutsche eine berechtigte Wurzel vernichten. Können auch wir Deutschen so hassen wie die anderen? Nein! Wir können es nicht. Wir stellen uns den gegnerischen Mächten gegenüber wie einem Symbolum, wie es von Goethe gegeben wurde in seinem Mephisto!
[ 17 ] (Emerson wird zitiert: Die Welt ist jung. Wir müssen heilige Schriften schreiben, um die Welt des Geistes und der Erde wieder zu vereinigen. Die Wahrheit zu erkennen ist Goethes Prinzip, meint Emerson. Dann folgt ein Schlusszitat aus Bismarck, das heißt: in Bismarcks Sinn von Dr. Steiner so gesagt): Der Deutsche hasst den Geist der Lüge, den Geist der Unwahrheit, aber sonst nichts und niemand in der Welt!
