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The Rudolf Steiner Archive

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Menschenseele, Schicksal und Tod
GA 70a

14 June 1915, Elberfeld

20. Warum Nennen «Sie» Das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?

Eine Betrachtung auf Grundlage der Geisteswissenschaft

Die Textgrundlage des Vortrages wurde neu erstellt aufgrund einer Nenübertragungen eines nur sehr schwer leserlichen Stenogramms von Hedda Hummel (ST HH 2) unter Zuhüfenahme eines gut leserlichen, aber sehr unvollständigen Stenogramms von Johanna Arnold (ST JA 12). Zahlreiche unklare Stellen bleiben ungeklärt. Aus dokumentarischen Gründen wird der Vortrag trotzdem, wegen seines fragmentarischen Zustands jedoch nur im Anhang publiziert. In eckigen Klammern sind Hinzufügungen durch die Herausgeberin und vervollständigte Zitate. Die Zitate wurden in beiden Stenogrammen meist nur sehr bruchstückhaft mitgeschrieben. Deshalb wurden die Zitate von der Herausgeberin gemäß Originalzitat vervollständigt. Das Zitat selbst und die Länge des Zitats ergaben sich jeweils aus den mitgeschriebenen Bruchstücken oder wie sie in anderen ähnlichen Vorträgen des vorliegenden Bandes durch Rudolf Steiner zitiert wurden. Stellenweise wurden Wörter oder Passagen aus dem Stenogramm von Johanna Arnold eingefügt, diese sind dann jeweils ausgewiesen.

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Fast in jedem Jahr durfte ich in der letztverflossenen Zeit auch hier in dieser Stadt einen Vortrag aus dem Gebiete der Kulturbetrachtungen — das ich mir erlaube zu nennen «geisteswissenschaftliche Weltanschauung» — halten. Da die Freunde unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung in dieser Stadt den Wunsch hatten, dass auch in diesem Jahre in dieser unserer schicksalstragenden Zeit ein solcher Vortrag von mir gehalten werde, so wird es begreiflich erscheinen, wenn eine [solche] Betrachtung in unseren Zeiten angeknüpft wird an dasjenige, was die Menschen der unmittelbaren Gegenwart in ihren tiefsten Empfindungen betrifft, was tief in unser aller Sinne — Denken, Fühlen und Wollen — eingreift, wenn angeknüpft wird an dasjenige, was in so großer, gewaltiger, so vieles im Schoße tragender Gegenwart um uns herum geschieht, und was zugleich so unzählige Opfer, so umfassende Schmerzen und Leiden unserer gegenwärtigen Menschheit hervorgerufen hat. Aber nicht um die ja, ich möchte sagen überflutende Kriegsliteratur der Gegenwart, die sich so zahlreich in Broschüren, Büchern und Vorträgen ausspricht, auch noch um eine Betrachtung zu vermehren, sei diese heute gehalten, sondern darum, weil man in der Tat des Glaubens sein durfte, meine sehr verehrten Anwesenden, dass mit Bezug auf das, was wir durchleben, auch eine geisteswissenschaftliche Betrachtung etwas zu sagen hat, wenn auch selbstverständlich diese geisteswissenschaftliche Betrachtung heute nicht das sein kann, was andere Vorträge der verflossenen Jahre [sein konnten], die [ich] hier gehalten habe, die sich auf diese oder jene Frage der Geisteswissenschaft bezogen [haben]; wenn sie auch das sein muss, dass das Geisteswissenschaftliche mehr in der Art der Betrachtung, in den aufgerufenen Empfindungen liegt, so wird doch eine solche geisteswissenschaftliche Betrachtung gegenüber den Ereignissen als gerechtfertigt erscheinen können.

[ 2 ] Allerdings, meine sehr verehrten Anwesenden, man hat ja schon gegenüber dem vielen, das gesprochen worden ist, eingewendet — insbesondere gegenüber dem, was vom Standpunkt irgendeiner geistigeren Erfassung der Dinge über unsere Ereignisse der Gegenwart gesprochen worden ist —, dass man es ja zunächst zu tun habe mit einer rein politischen Angelegenheit der Völker. Man hat sogar bedenklich gefunden, wenn sich irgendeine geistzugewandte Betrachtung einmischt in die Beurteilung der gegenwärtigen Ereignisse, und aus allerlei tiefen Gründen heraus die Ursache leugnen wollen für das, was wir sich abspielen fühlen. Man hat gesagt, nicht metaphysischen Dunst wolle man gegenüber den heutigen Ereignissen sich vormachen, sondern mit klarem Denken die Realität durchschauen, nicht das, was in Worten, um die in der Welt so heiß gekämpft wird, mit allerlei Nebel verbrämen, sondern einfach und klar das sehen, was geschieht. Und es war, ja ist, ich möchte sagen herausgehoben aus aller Art von geistzugewandten Betrachtungsweisen, dass vorliege zunächst ein rein politischer Interessengegensatz der Völker — wenn wir einen herausgreifen —, dass es sich zum Beispiel zwischen dem deutschen und dem englischen Volk handelt um den rein äußeren Interessengegensatz der politischen Vergangenheit und der politischen Zukunft Deutschlands.

[ 3 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, man könnte sich sogar, wenn man auf einem [rein] geisteswissenschaftlichen Standpunkt steht, der ja auch den Realitäten und nicht Hirngespinsten zugewandt ist, mit einer solchen Forderung in Einklang befinden, wenn man nicht andererseits zu bedenken geben müsste, dass ja einmal, als im Beginn des Mittelalters germanische Völkerschaften im Kampf mit [dem] Römischen Reich standen, man auch hätte sprechen können von Interessengegensätzen germanischer Völkerschaften gegen das Römische Reich. Allein aus dem, was der damalige Interessengegensatz in seinem Schoße trug, entwickelte sich nach und nach all das, wovon wir als Kultur der neueren Zeit umgeben sind. Darin lag alles Geistige, in das heute unsere Seelen eingebettet sind. Zum Beispiel lag darin, dass dazumal aus der griechisch-römisch-orientalischen Welt hervorgegangen ist das Christentum, dass gleichzeitig mit diesem Christentum die elementaren Kräfte der germanischen Völkerschaften auf europäischem Boden sich geltend machten, und sich gezeigt hat im Laufe der geschichtlichen Entwicklung, dass durch das Einfluten der christlichen Impulse in die germanischen Völkerschaften — in deren elementaren Kräfte — erst das hat werden können, was wir als die europäische Kultur sich entwickeln sehen; sodass man allerdings sagen muss: Für eine unmittelbare Gegenwartsbetrachtung liegen bloß, ich möchte sagen im Nähersehen zu überschauende Interessengegensätze vor. Für den, der ein wenig weiter blickt, wirkt sich aber in dem, was geschieht, aus, was die tiefsten Impulse für eine zukünftige Menschheitsentwicklung enthalten können; und über solches soll vor allen Dingen gesprochen werden.

[ 4 ] Mit Worten, mit Gedanken, mit Begriffen, die ja allein dem Redner oder [der] Literatur oder Wissenschaft zur Verfügung stehen, kann selbstverständlich nicht irgendetwas Entscheidendes getan werden über die großen Ereignisse, die sich abspielen. Das entscheiden die Waffen, die mutige Tapferkeit derer, die auf [dem] Feld der Ereignisse stehen. Aber wenn man die Zeitgeschichte in ihrem Zusammenhange mit der Vergangenheit und mit einer möglichen Zukunft überblickt, meine sehr verehrten Anwesenden, dann kommt man allerdings — ich möchte sagen hervorgerufen durch die schicksalstragenden Ereignisse unserer Zeit — zu einer Anschauung, welche eine tiefere Betrachtung unserer Zeitereignisse allerdings nicht nur möglich oder wünschenswert, sondern vielleicht notwendig sogar macht.

[ 5 ] Es ist ja wohl schon aus vielerlei Betrachtungen, die auch von anderen angestellt wurden in der Gegenwart, hervorgegangen das, was trotz aller Verleumdungen — von links und rechts, von Norden und Süden — gegen Mitteleuropa in dieser Zeit eingewendet wird. Was trotz aller dieser Einwände sich als eine feste historische Tatsache in der Zukunft einmal herausstellen wird, das ist, dass die mitteleuropäischen Völker in jenem gewaltigen Ringen der Gegenwart eine Verteidigung führen, eine Verteidigung, die nicht sie herbeigeführt haben. Diese kriegerische Verteidigung, in der da ringen — ich glaube, frühere Zeiten haben sich davon keine Vorstellung machen können —, in der da ringen 34 einzelne Völkerschaften der Erde — dieses kriegerische Ringen erscheint vor einer tieferen Weltbetrachtung doch als der Ausdruck noch für ein ganz anderes Ringen, für einen gewaltigen Kampf, der sich auch unter den Geistern abspielt, für einen Kampf, in dem nun Mitteleuropa, vor allen Dingen der deutsche Geist, ebenso in einer Verteidigungsstellung steht, ebenso um heiligste Güter kämpft, wie das geschieht auf äußeren Waffenfeldern. Und dies ist der Gedanke, der den heutigen Betrachtungen zugrunde gelegt werden soll. Nicht nur angegriffen sind in der Gegenwart — ja schon in der Vergangenheit und werden in der Zukunft sein —, nicht nur angegriffen [sind] die wirtschaftlichen, die äußeren, die politischen Güter des deutschen Volkes, angegriffen ist und zur Verteidigung gezwungen ist tatsächlich das geistige Leben. Und Waffen werden geschmiedet werden müssen für die Verteidigung dieses geistigen Lebens, genau ebenso wie die Waffen geführt werden müssen für die Verteidigung des politischen, des wirtschaftlichen, des sozialen Lebens.

[ 6 ] Wir hören heute von allen Seiten her den Ruf ertönen: «Diese deutschen Barbaren!». Mancher fügt noch hinzu: [unleserliches Wort]. «Wie sind sie heruntergekommen, die, unter denen einst Geister wie Goethe, Schiller, Fichte und so weiter gelebt haben!»

[ 7 ] Nun, gewiss, meine sehr verehrten Anwesenden, auch derjenige, der auf dem Standpunkt einer geistigen Weltbetrachtung steht, wird, ich möchte sagen nicht allzu ernst zu nehmen haben diese Vorwürfe des Barbarentums. Denn mit derselben Sophisterei, derselben Faselei, mit der [er] auch für heute verkündet wird, wird [der Vorwurf] einmal hinwegdisputiert werden. Man wird einmal dafür auch die Worte finden, findet man heute ja viele hundert wahrerer Worte, um ein Anrecht zu haben. Man wird sagen, «Ja das, was die Deutschen da haben, wenn sie sich auf Fichte, Schiller, Goethe und die anderen, Beethoven, berufen, das haben wir selbstverständlich nicht gemeint, wenn wir von Barbaren sprachen.» Was gemeint worden ist, wird man sagen, das sei die Kriegsführung, die Art und Weise, wie Deutschland den anderen Völkern gegenübergetreten ist im Kriege selbst. Allein, so einfach liegen die Dinge nicht, wenn man sie tiefer [betrachtet]. Demjenigen, der die Entwicklung der göttlichen Kultur, [der] göttlich-geistigen Kultur ein bisschen kennt, dem tönt nicht zum ersten Mal der Ausspruch, dass sich das, was wir als unser Teuerstes, als unsere Seele bezeichnen, als unsere Kultur bezeichnen, dass sich das im Grunde als «Barbarismus» bezeichnen lasse. Und sonderbarerweise, meine sehr verehrten Anwesenden, in den letzten Zeiten — man hat ja das Wort «Barbarismus» oft gesehen — ertönte vielleicht am meisten, so wenig man es glauben will, ertönte vielleicht am meisten der Vorwurf des «Barbarentums» gegenüber der mitteleuropäischen Kultur, von Russland, vonseiten des russischen Wesens herüber. Und da braucht man sich nicht etwa auf äußere Zeitungsliteratur, äußere Zeitungsaussprüche zu berufen, sondern gerade auf das, was tonangebende führende Geister des russischen Wesens als ihre bedeutungsvollste Ansicht vertreten haben.

[ 8 ] Und damit wir gleich auf etwas Konkretes eingehen, sei darauf aufmerksam gemacht, wie ein wirklich in seiner Art bedeutender Geist innerhalb des russischen geistigen Lebens im neunzehnten Jahrhundert aufgetreten ist: Chomjakow. Er versuchte von seinem russischen Standpunkt aus den ganzen Gang der europäischen Kultur zu überschauen und zu charakterisieren. Er versuchte geradezu ein Bild der europäischen Geschichte zu geben. Drei Kräfte, so sagte er, walten in dem Gange dieser europäischen Kulturentwicklung. Die erste Kraft ist diese, die noch herrührt vom alten Römertum. Die zweite sei die, welche herrührt vom missverstandenen Christentum. Die dritte Macht sei die, welche herrührt vom westeuropäischen Barbarentum. Allerdings wurde dazumal eingeschlossen in dieses westeuropäische Barbarentum auch dasjenige, was durch die heute mit Russland verbündeten Völker des Westens zutage getreten ist. Und wie hat Chomjakow von seinem Gesichtspunkt aus den ganzen «Barbarismus» — wie er sich ausdrückte — des Westens, zu charakterisieren versucht? Er sagte, was im Tiefsten des Menschengemütes unmittelbar als ein Göttliches begründet ist, habe die europäische Geistesentwicklung vom Römertum mitbekommen. Dieses Römertum habe sich ausgebildet und wirke heute noch fort als ein gedankenmäßiiger Rationalismus. Dieses Römertum habe nur Sinn gehabt für äußere staatliche Einrichtungen, für äußeres materielles und soziales Zusammenleben. Es habe aber keinen Sinn für die Tiefe des Christentums, für das /unleserliches Wort] Christentum, welches in die innerste Herzkammer des menschlichen Wesens, in die tiefste Tiefe der Menschenseele hinein Impulse erwecken soll. Nicht zu Seelenimpulsen verstand das Römertum — so meint Chomjakow — umzugestalten das Christentum oder fortzuführen das Christentum, sondern allein zu einem Mittel, einem äußeren Mittel staatlicher, sozialer, rein politischer Einrichtungen. Damit aber — meint Chomjakow — sei begründet der Vorwurf des Rationalismus, der rein gedankenmäßigen Kultur, welche nach seinen Gedanken in so tiefer Art den ganzen europäischen Barbarismus beherrscht.

[ 9 ] Und dann versuchten fortzuführen diese europäischen Völker — so sagt Chomjakow — den Entwicklungsgang, der durch die Römer angeführt worden war, so, dass sie das, was als christlicher Impuls bewegen sollte alle Kräfte der Seele, nur heraufholten in Gedanken, eine Scholastik, eine Philosophie, ein gedankenmäßiges, wissenschaftliches Getriebe daraus machten, ein rationalisiertes Christentum. Und hineinverpflanzt — so meint Chomjakow — wurde dieses Römertum, dieses rationalisierte Christentum in die barbarische Seele Mittel- und Westeuropas, [es wurden] deren bedeutsamste Instinkte und Impulse eben eingebracht. Es habe allein von einem solchen Christentum kommen können: Unterjochung jeder fremden Meinung, Aufdrängen der eigenen Meinung jeder anderen Meinung gegenüber, daher fortdauernd Krieg und Unterjochung; so sagt Chomjakow, der von Russland her die ganze mittel- und westeuropäische Kultur als «Barbarismus» bezeichnen will. Und einer seiner Nachfolger, Aksakow, erklärte ganz in Übereinstimmung mit Chomjakow, dass wenn man überschaue den westeuropäischen Barbarismus, so fände man überall Unterjochungssinn, Hass, Freiheitsbeschränkung, während — wie er glaubt, Aksakow — das ganze russische Wesen durchsetzt ist in seinen Tiefen von «Freiheit, Eintracht und Frieden».

[ 10 ] Sehr verehrte Anwesende, einer derjenigen, die da besonders tonangebend wurden für die Fortentwicklung dieses Slawismus, dessen Fortsetzung heute Panslawismus genannt wird, ist Danilewski. Gerade in ihm kommt so recht zum Ausdruck, was sozusagen das sei, was die russische Seele denken kann, als Gedanken empfinden, über das, was von dieser Seite mittel- und westeuropäischer «Barbarismus» genannt wird, was mit Danilewski zum Beispiel genannt werden muss, vom Standpunkt des Russen, das «verfaulte, geistige Leben des Westens». Das ist der Ausdruck, der uns gerade in den letzten Zeiten immer wiederum entgegengetreten ist.

[ 11 ] Danilewski versucht darzustellen, wie aufeinanderfolgend in der geschichtlichen Entwicklung des barbarischen europäischen Westens aufgetreten seien gewisse Typen der Kulturentwicklung, [der] romanisch-germanische Typus, er sei zunächst hinter Dunst, so meint Danilewski. Er zeichne sich dadurch aus, dass die Menschen nicht haben vordringen können zu demjenigen, was die Seele in ihrer tiefsten Tiefe ergreifen kann, [was] erfüllen kann die Seele mit dem Bewusstsein davon, dass sie mit dem göttlichen Geist der Welt zusammenhängt. Dieses Bewusstsein war bei dem romanisch-germanischen Wesen doch nur etwas Gedankenmäßiges, etwas Äußerliches, Wissenschaftlich-Verständiges. Abgelöst müsse werden der gerade germanische Typus des europäischen Lebens von dem echt russischen Typus, und dieser echt russische Typus müsse wissen, dass für den, der einem solchen Kulturtypus angehört, es nichts gibt in der ganzen weiten Welt als das Verbundensein mit diesem Kulturtypus. All das, was zum Segen der zukünftigen Menschheit gereichen kann, müsse sich finden in dem, was die Kräfte des russischen Volkes darlegen, was in diesen Kräften des russischen Volkes steht, müsse sich ergeben auch aus den Aufgaben dieses russischen Volkes.

[ 12 ] [Folgender Satz unsichere Lesung] Und das ist richtig, was sich aus solchen Aufgaben ergibt, das aber falsch, was [sich] nicht aus diesen Aufgaben ergibt. Sonderbar mutet es deutschem Wahrheitsgefühl an, wenn man hört, dass zu dem, was Wahrheitsstimmen sein sollten — wie [für] Danilewski unbedingt die Ausbreitung Russlands über den Balkan und die Eroberung Konstantinopels [dazulgehört. So sprach er davon, dass die philosophische Wahrheit und das, was man [von der] Welt hält, abhänge von dem, dass man anstrebe, Konstantinopel zu erobern. Was durch eine solche Anschauung zutage treten kann, davon sei eine Probe, eine kleine Probe, ich möchte sagen vorgeführt.

[ 13 ] Danilewski sagt, für Russland sei «das nächste Ziel die Annexion Konstantinopels», [...] «ohne darauf zu achten, welche Folgen daraus für Europa selbst, für die Menschheit, die Freiheit, die Kultur entspringen könnten». Dies sei [als] das Ziel anzustreben. «Ohne Liebe und ohne Hass — denn in dieser uns fremden Welt», [das ist] all das, was so außerhalb des einzigartigen Kulturtypus des russischen Volkes lebt, «kann kein Ding unsere Sympathie oder Antipathie erwecken —, in demselben Maße gleichgültig gegen alle, gegen Rote und Weiße [.——].» /Auslassung einer unleserlichen Passage] «Am schädlichsten und gefährlichsten für Russland ist in Europa das Gleichgewicht der politischen Kräfte, jede Verletzung desselben, von welcher Seite sie auch komme, ist also nützlich und wünschenswert. [...] Wir müssen endgültig jede Solidarität mit den europäischen Interessen aufgeben.»

[ 14 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, einer der größten, den die osteuropäische Kultur hervorbrachte, ein wirklich einzig bedeutender Geist, Solowjow, er fand diese Ansichten keineswegs klar. Auch für Solowjow war es klar, dass die westeuropäische Kultur zum Untergang reif sei. Auch für Solowjow war es klar, dass das Heil einzig und allein aus dem russischen Wesen kommen könne, aber Solowjow war in der Lage, einzusehen, dass er sich einsetzen dürfe für das, was er als zukunfttragend, weil zukunftsgewaltig in dem Wesen des russischen Volkes zu sehen hat, das, was dieses Volk an chaotischen und ungeordneten Kräften in der Gegenwart in seiner Seele, ja gerade in den Seelen der Tonangebenden birgt. Und so wurde dann Solowjow, der große Philosoph, innerhalb Russlands selbst zum herbsten Kritiker desjenigen russischen Wesens, das sich durch Chomjakow, Danilewski, Katkow, Aksakow und andere charakterisiert, das seinen äußeren Ausdruck, ich möchte sagen, symptomatischen Ausdruck gefunden hat in dem, was gegenwärtig in gieriger und [unleserliches Wort] Vereinnahmung Russland gegen Europa vorhat.

[ 15 ] Solowjow warf denjenigen, in deren Mitte er selbst gerne weilte — den Slawophilen —, [vor], dass sie keinen Sinn haben für das wirklich Ideale, das wirklich Geistige, das sie das verwechseln, dass sie den Sinn richten sollen für die großen Trugheiten der Kultur, mit dem was [Marktware] ist, was nur leben sollte unter denjenigen, die Faselhänse, käufliche Menschen seien, käuflich für jedes Schlagwort, das der Kultur in den Weg geworfen wird. Und so fand dann gerade Solowjow, der Russe selbst, er — von dem nicht gesagt werden darf, dass er etwa ein Freund westeuropäischen Wesens gewesen sei —, er fand Worte, um zu charakterisieren das, was sich da geistig vorbereitet, Worte, die wir ihm wahrhaftig glauben dürfen wegen seines aufrichtigen philosophischen Geistes, glauben dürfen wegen seines tiefsten Darinnenstehens in der russischen Volksseele. So sagte Solowjow: «Europa [...] schaut auf uns mit Befürchtung und mit Unwillen, da die elementare Kraft des russischen Volkes dunkel und rätselhaft, seine geistigen und kulturellen Kräfte minderwertig, seine Ansprüche dagegen deutlich, bestimmt und groß sind. Laut ertönt in Europa das Geschrei unseres Nationalismus, der die Türkei und Österreich vernichten, die Deutschen schlagen, Konstantinopel und, wenn es gelänge, auch Indien an sich reißen möchte.»

[ 16 ] Politik ist — das sprach am Ende des neunzehnten Jahrhunderts schon Solowjow — all das, was gegenüber denen, den tonangebenden Seelen dieses russischen Volkes lebt. [Lücke im Stenogramm]

[ 17 ] «Wollte man uns fragen, womit wir nach Einnahme und Vernichtung alles dessen die Menschheit beglücken werden, so können wir nur schweigen oder sinnlose Phrasen herplappern. [...] Somit [...] besteht jene wesentlichste, ja die einzig wichtige Frage, deren sich ein ehrlicher und vernünftiger Patriotismus annehmen sollte, nicht in der Macht und Sendung Russlands, sondern in dessen Sünden.»

[ 18 ] Nicht ein Deutscher, nicht ein Westeuropäer, Solowjow, der tiefste Kenner seiner russischen Gegenwart, hat diese Worte ausgesprochen. Aber Solowjow hat noch ein anderes getan. Solowjow schaute sich einmal diejenigen an, die er ansehen konnte als die Vorbereiter desjenigen, was heute uns in so schmerzbewegender Art vor Augen steht. Alle diejenigen schaut er sich an, die die russische Seele verführt haben, zu glauben an ihre panslawische Sendung. Und was brachte er heraus? Da fand er um sich eine reiche panslawische Literatur. Da kam er auf etwas Sonderbares, auf etwas, was er so charakterisieren musste, er sagte: «Ja, was wollt ihr denn? Ihr wollt dem Westen eine verfaulte Kultur, eine ins Barbarentum versunkene Kultur vorwerfen! Ihr sagt, alles Heil der Menschheit müsse kommen allein aus dem, was heute in dem russischen Volk lebt, ihr verbreitet das mit allein wissenschaftlichen Grundsätzen, [aber nur] in wissenschaftlicher Verbrämung! Ich habe nachgeschen, wo [ihr] diese wissenschaftliche Verbrämung herhabt!»

[ 19 ] Und er hatte nachgeschen, genau nachgeschen. Dem Danilewski [und] Katkow hatte er einmal ein wenig — ich möchte sagen, wenn das Wort nicht berechtigt wäre, ich werde es doch sagen — auf die geistigen Finger geschaut, und er kam darauf, dass die Gedankenformen, die Gedankenintentionen, mit denen diese Leute als Verführer gearbeitet haben, dass sie alle dem verfaulten Westen entnommen waren, und die wichtigste dieser Gedankenform, mit denen der Slawismus arbeitete, fand er kurioserweise bei dem tief im Jesuitismus steckenden westeuropäischen Philosophen de Maistre. Nicht einmal haben sich diese Slawophilen eingelassen, [Joseph Marie Comte] de Maistre selbst zu studieren, sondern [Gaston] Bergeret, einen etwas [unleserliches Wort] von Geist. Westliches, schlechtes europäisches Wesen hat die Impulse abgegeben für slawische Theorien.

[ 20 ] Und dem Danilewski schaute [er] auf die Finger mit Bezug auf seine [kultur]-historischen Typen. Und Solowjow fand einen halb wahnsinnigen Schriftsteller, [Heinrich] Rückert, [der] in den 1850er-Jahren ein Buch geschrieben hat und wissenschaftlich die Torheiten, welche Danilewski [unleserliches Wort] [über die Entwicklung der Zeitgeschichte macht]. Das war die Entdeckung, die Solowjow machte über die Impulse, die um ihn lebten. Das waren also die Waffen, die man sich aus dem Westen geholt hat, um diesen Westen als verfaulte Kultur zu kennzeichnen. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich möchte sagen, wie ein Grundton tönt durch alles geistige Leben der letzten Jahrhunderte des Ostens dieser Ausspruch von dem barbarischen, verfaulten Westen, der ganz und gar in Verstandeskultur, in Gewalttätigkeit schwimmt. Blickt man näher zu, dann muss man sagen, verschlafen, verträumt ist von all denen, die da im Osten so über den Westen reden, all das geworden, was in Europas Mitte aus der Tiefe der deutschen Seele, der allgemeinen Weltkultur einverleibt worden ist. Verträumt ist selbst das geworden, was wir unsere Schätze nennen, die herstammen von Fichte, Schiller, Goethe und anderen, die nicht alle genannt werden können selbstverständlich.

[ 21 ] Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man einmal versucht, in einer eindringlichen Weise im Osten das, was da auf dem Boden entsprossen ist — den man so für einen barbarischen Boden hält —, den Seelen es einmal geben will, wenn man ihnen das gibt, wovon eben gesprochen ist, dann dringt man nicht durch, wie der edle [unleserlicher Name] erfahren musste, der den deutschen hegelianischen Idealismus nach Russland verpflanzt hat. Er tat es in schönster Weise, aber [er] fand nicht nur keinen Anklang, sondern musste überall nur Ablehnung, Widerspruch, Spott und Hohn erfahren. Und sieht man genauer zu, worauf das alles beruht, dann stellt sich heraus, dass die ganze Art und Weise, wie der deutsche Geist zu demjenigen steht — was er nun nicht als der Vertreter bloß irgendeines historischen Typus, sondern als den Ausfluss der Tiefe seiner Seele der Weltkultur zu geben hat —, wie der deutsche Geist zu all dem steht: das tiefe Verbundensein des deutschen Geistes mit seiner Weltanschaung, das Hervorsprießen seiner deutschen Weltanschauung aus den tiefen Tiefen der Seele, den Tiefen, in denen die Seele verwachsen ist mit dem GöttlichGeistigen.

[ 22 ] Diese Art und Weise sehen wir am besten ausgedrückt bei Goethe, Schiller [und] Fichte, und es mag heute wohl an der Zeit sein, eben gerade darauf den Blick zu wenden, wie für eine Zukunft, die ganz sicher kommen wird, der Deutsche auch geistige Waffen braucht aus den Zeugkammern, die da unsere Volks[geister] errichtet haben, Geister wie Schiller, wie Fichte.

[ 23 ] Und nicht um sentimentale Empfindungen hervorzurufen, sondern, ich möchte sagen, um so recht das, was deutsches Wesen ist, an zwei bedeutenden Vertretern dieses Wesens vor unser Seelenauge zu stellen — angeknüpft gerade an diejenigen Augenblicke im Leben zweier großer Geister des deutschen Volkes, Schiller und Fichte, an die Augenblicke, in denen diese Geister die physische Welt verließen, hinübertraten in eine andere Welt des geistigen Lebens, an die Todesaugenblicke Schillers und Fichtes —, [daran] sei angeknüpft mit jener Innigkeit, mit der der Deutsche so gern das /unleserliches Wort), was auch unmittelbar, und auch noch jetzt das Wort ausspricht: «Geistig-Menschliches». [Mit] denen /unleserliches Wort], die über das geistige Leben des deutschen Volkes zu wachen haben in dieser neuen Zeit, können wir auch aus dem, was uns geschichtlich übermittelt war, hinschauen auf Schillers letzte Lebensaugenblicke.

[ 24 ] Da führt der jüngere Voß, der Sohn des Homer-Übersetzers Voß, [uns] in das Todeszimmer Schillers hinein, da zeigt er uns, wie schon die Wochen, die Tage, bevor Schiller zur letzten Ruhe sich hinlegte, [wie] in seinem ganzen Verhalten und Auftreten vor der Welt und [den] Menschen [etwas sprach] von dem ungeheuren inneren Sieg des Geistes, der Seele — der Sprache, [die] über einen eigentlich schon toten Leib kommt —, [dies] wurde von Schiller mit der Riesenkraft, die er aufbrachte /Lücke im Stenogramm] und hingeschrieben diese letzten Tage, aber in voller Kraft hingeschrieben. Dann musste er sich hinlegen. Dann sehen wir, wie er in seinen letzten Augenblicken seine Seele noch diesem zugewendet hat — demjenigen, was er aus den geistigen Welten heraus der Menschheit hat erschließen wollen —, [wir] sehen, wie er dann, wie er von seiner Umgebung sein jüngstes Kind erhält, es an sich nimmt, ihm tief in die Augen schaut, dieses Kind offenbart — [ihm] in die Augen schauend ungleich Bedeutungsvolles, vielleicht schmerzlich Tragisches, [was wir] in seiner Seele erfassen können. Dann gab er das Kind zurück, [und] wandte sich ab, nur unzusammenhängende Sätze konnte er sprechen.

[ 25 ] Noch einmal, nicht um sentimentale Empfindungen in Ihnen zu erregen, sondern um zu zeigen, wie einer der größten Deutschen mit dem geistigen Wesen und mit dem Wesen seines Volkes verbunden ist, sei auf diese Schiller’sche Geschichte aufmerksam gemacht. Denn wahrhaftig, wir können, ohne sentimental zu sein, sagen, der Blick, den er auf sein Kind richtete — von dem Voß meint, er habe ausdrücken wollen, wie viel er dem Kind hätte sein wollen und nicht sein können —, dieser Blick — man kann meinen, er traf das ganze deutsche Volk —, er hat sagen wollen, wie viel er ihm noch hätte sein sollen und nicht mehr sein können, und in Bezug auf dieses Volk; ja, Schiller, er hat es ausgesprochen, was er denkt über den weltgeschichtlichen Beruf dieses seines Volkes, was er denkt über all das, was zusammenhängt mit dem, was er selbst seinem Volk hat sein wollen, das, was Schiller wie in einer Art Testament — es ist erst nachträglich gefunden worden, ein Jahrhundert, nachdem es Schiller niederschrieb, ist es erst mit der Eröffnung des SchillerArchivs vor menschliche Augen getreten —, man sieht darin, was Schiller dachte über das, was deutsches Wesen aus dieser geistigen Weltauffassung heraus der Menschheit sein müsse. Lassen wir diese Worte, die ja in der letzten Zeit ständig vor die Seele der Deutschen traten, vor unsere Seele treten:

Dem, der den Geist [bildet, beherrscht,
muss zuletzt die Herrschaft werden, denn
endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die
Welt einen Plan, wenn des Menschen
Leben irgend nur Bedeutung hat, endlich
muss die Sitte und die Vernunft siegen,
die rohe Gewalt der Form erliegen
und das langsamste Volk wird alle
die schnellen Flüchtigen einholen.
[...]
ist das Höchste bestimmt,
und so wie er in der Mitte von
Europens Völkern sich befindet,
so ist er der Kern der Menschheit,
jene sind die Blüte und das] Blatt.

[Er ist erwählt von dem Weltgeist, während des Zeitkampfs
an dem ewigen Bau der Menschenbildung
zu arbeiten, zu bewahren, was die Zeit bringt,
daher hat er bisher Fremdes sich ange-
eignet und es in sich bewahrt.
Alles, was Schätzbares bei andern Zeiten
und Völkern aufkam, mit der Zeit
entstand und schwand, hat er aufbewahrt,
es ist ihm unverloren, die Schätze von
Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glänzen und
seine Rolle zu spielen, sondern den großen
Prozess der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk
hat seinen Tag in der Geschichte, doch
der Tag des Deutschen ist die] Ernte der
ganzen Zeit.

[ 26 ] Sehr verehrte Anwesende, was hier Schiller gemeint hat, das ist schon dasjenige, wovon er glauben musste — nach seinem tiefen Verwachsensein mit dem deutschen Wesen —, dass es die Impulse abgebe für einen Weltberuf dieses deutschen Wesens.

[ 27 ] Aber wovon man wirklich auch glauben kann — wenn es nur gehört, vernommen, empfunden und gefühlt wird von denen, die es nur halb oder gar nicht denken können, die nicht verbunden sind mit dem deutschen Wesen —, dass es wirkt wie [ein] aggressives Wesen, wirklich so, dass eben herbeigeführt wird das, was man nennen muss — weil es sich schon entwickelt hat und immer mehr entwickeln wird — [eine] Notwendigkeit, dass der Deutsche dasjenige, das er unter seinem geistigen Schatz hat, gegen eine ganze Welt verteidigt.

[ 28 ] [Folgender Satz unsichere Lesung] In diesem Sinne war der Kosmopolit Schiller im Tiefsten nie ein negativer Geist, er, der ja auch nicht blind war für die äußeren Verhältnisse und Interessen. Er sah so in die Tiefe des deutschen Wesens hinein. Hat er doch — damit zeigt er, wie wenig er blind war, für die äußeren Verhältnisse — die Worte auch gesprochen:

Zwei gewalt’ge Nationen [ringen
Um der Welt alleinigen Besitz;
Aller Länder Freiheit zu verschlingen,
Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.

Gold muss ihnen jede Landschaft wägen
Und, wie Brennus in der rohen Zeit,
Legt der Franke seinen eh’rnen Degen
In die Waage der Gerechtigkeit.

Seine Handelsflotten streckt der Brite
Gierig wie Polypenarme aus;
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er schließen, wie sein eig’nes] Haus.

[ 29 ] Realpolitiker konnte schon auch Schiller sein.

[ 30 ] Eine andere Erscheinung — die vor unsere Augen tritt, wenn wir so recht betrachten wollen, wie das, was deutsche Impulse sind, [die] in die deutsche Entwicklung hineingeflossen ist —, eine andere Erscheinung ist Fichte, Johann Gottlieb Fichte, Fichte, der große Philosoph, aber zugleich der große Mensch. Und wiederum seien die letzten Augenblicke des äußeren irdischen Daseins Fichtes zunächst vor unsere Seele gestellt: In der Zeit, in der Deutschland darniederlag, tief bedrängt von dem europäischen Westen, da war es, als Fichte, ich möchte sagen indirekt erlag den damaligen Kriegsereignissen. Die Frau Fichtes, eine seltene Frau, sie hatte aus dem Lazarettdienst [Lazarettfieber nach] Hause gebracht.

[ 31 ] [Sie] selbst genas; auf Fichte war es verpflanzt, und er erlag. In den letzten Augenblicken sehen wir etwas höchst Merkwürdiges sich abspielen:

[ 32 ] Im Fieberwahn, der Philosoph — der Philosoph, der das große Wort ausgesprochen hat, man wählt die Philosophie zu seiner Weltanschauung, die davon abhängig ist, je nach dem man als Mensch nach seinem Charakter gestaltet ist —, der Philosoph, bei dem Menschentum und Denken im innigsten Einklang waren, er lag da in seinem Fiebertraume. Er war ja verbunden — nicht äußerlich, sondern aus den tiefsten Fasern seines menschlichen Wesens heraus —, verbunden mit den Zeitereignissen. Er hatte in schmerzbewegten, schwierigsten Zeiten die Reden gehalten, in denen er die Weltberufung in einzigartiger Weise kraftvoll und gewaltig vor das deutsche Wesen hinstellte. Im Wahn lag er da, die Fieberphantasie des kristallklaren Philosophen, sie bewegt sich auf dem damaligen Kriegsschauplatz, dieser Fiebertraum des gedankenklaren Philosophen ging hin zu Blüchers Rheinübergang, und er sprach, als ihm die Kunde von deutschen Siegen kam, sein tiefstes Befriedigtsein aus über das, was er nur im Fiebertraume erleben durfte. Die Seele hatte auch in ihm gesiegt über das äußere Physische, als sein [unleserliche Wörter] sprach. Als er so in seiner freudigen Tiefe in bewegtem Traume die Arznei vor sich sah, [stieß er sie weg und sprach:] «Ich werde genesen!», und er legte sich hin und starb.

[ 33 ] So aus einem Gusse heraus, so aus einer inneren Einheit heraus ist dieser deutscheste Philosoph, aber auch dieser Philosoph, welcher das Deutsche [darin] berufen gesehen hat im Erfassen der Geistigkeit der ganzen Welt. Wir brauchen heute nicht darauf aufmerksam zu machen, welches der Kerngedanke der Rede ist. Wie Fichte da versucht zu zeigen, wie sich das deutsche Wesen unterscheidet von dem westeuropäischen Wesen [dadurch, dass der Deutsche eine] ursprüngliche Sprache spreche, die aus seiner elementarsten Entwicklung selbst gekommen ist, dagegen der Romane spreche eine Sprache, die ihm später aufgepfropft worden ist, unmöglich daher zusammenhängen kann mit den tiefsten Quellen des Lebens selbst, der Deutsche aber durch seine Sprache schon damit zusammenhängen musste. Nur darauf aufmerksam zu machen brauchen wir, auf den tiefen wahrhaftigen Pathos, in dem Fichte deutsches Wesen vor sein Volk hinstellt.

[ 34 ] Das aber, was Geisteswissenschaft geltend machen darf mit Bezug auf Fichte, ist das, dass Fichte aus ungeheuren Tiefen heraus die geistige Grundlage der Welt unablässig betont, ja überall das, was in seiner Philosophie, in seinem Denken auch über seinem Volk lag, herausgeholt war aus der Erkenntnis, die er gewonnen zu haben glaubte über das tiefste Wesen seines Volkes. Wahrhaftig, alle äußere Weltbetrachtung, all das, was sich nur an Materielles anlehnen will, hat seine gewaltigen Gegner in der Fichte’sehen urdeutschen Weltanschauung. So sagt Fichte:

Zeit [und] Ewigkeit und Unendlichkeit [erblickt] sie

[ 35 ] —und er meint die deutsche Philosophie —

in [ihrer Entstehung aus] dem Erscheinen fund Sichtbarwerden jenes Einen, das an sich schlechthin unsichtbar ist, und nur in dieser seiner Unsichtbarkeit erfasst, richtig erfasst wird.] [...] [Alles als nicht geistiges Leben erscheinende beharrliche Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener, vielfach durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im Gegensatze mit welchem und durch dessen Erkenntnis als vielfach vermitteltes Nichts, das Sehen selbst sich erheben soll zum Erkennen seines eigenen Nichts und zur Anerkennung des Unsichtbaren als des] einzigen [Wahren.]

[ 36 ] Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, nicht nur, dass Fichte im Allgemeinen hingewiesen hat auf die geistige Grundlage der Welt, aus welcher die Menschenseele in den schwierigsten Lagen in den höchsten Aufgaben ihren eigenen Impuls schöpfen muss, nicht allein aus dem, dass Geisteswissenschaft heute auf Fichte so hinweisen darf, dass man sagen muss, jene Geisteswissenschaft, welche hineinwirken will in die Menschenzukunft, muss ihre Quellen suchen bei dem, was deutscher Geist in kristallklarer und gemütstiefer Art dem Weltenwesen erschlossen hat, nicht allein das, dass Fichte also hingedeutet hat auf alle geistigen Grundlagen der Welt, macht Geisteswissenschaft berechtigt, dies zu sagen, sondern gerade bei Fichte hat es sich gezeigt, wie derjenige, der aus dem ganzen Wesen der deutschen Volksseele heraus seine Philosophie zu gleicher Zeit als seinen tiefen wahrhaftigen Seelenausdruck schaffen will, wie er das fühlte und empfand, was Geisteswissenschaft heute und in der Zukunft zu voller Klarheit erheben muss.

[ 37 ] Fichte hatte noch nicht eine Geisteswissenschaft, aber in ihm lebten die Gefühle und Empfindungen, die nur von wirklicher Geistesforschung zu durchdringen sind, dann weisen diese Empfindungen und Gefühle in jene Welten, in welche heute Geisteswissenschaft mit ihrer Forschung hinweisen will. Und da sei auf einen Punkt nur aufmerksam gemacht, um zu zeigen, wie von der Geisteswissenschaft wahrhaftig auf Fichte hingewiesen werden darf. Geisteswissenschaft steht ja heute auf dem Boden einer außerordentlich aktiven Wissenschaft, und [sie sagt], dass alle äußere Wissenschaft, die sich nur überlässt den Gedanken und den äußeren Sinnen, nur eine, die geringere Seite der Welt offenbaren kann, dass eingreifen muss — um den wirklichen Weltinhalt zu finden — eine aktive Wissenschaft, die appelliert an die verborgenen Kräfte der Seele, die aus der Seele geholt [werden] müssen, und die da führen zu geisten Ohren und geistigen Augen. Dann kann gezeigt werden, dass an solchen Kräften gezeigt werden kann, meine sehr verehrten Anwesenden, dass der Mensch wirklich etwas wissen kann über das, was über Geburt und Tod hinaus liegt. Geisteswissenschaft spricht nicht bloß in unwissender Weise über das, was das ganze geistige Menschenwesen ist, sondern davon, dass, wenn der Mensch nur die notwendigen Methoden durchmacht, er dahin gelangen kann, dieses geistige Wesen des Menschen, das durch die Pforte schreitet, beobachtet werden kann, wie äußerlich Substanz beobachtet werden kann. Das will die Menschheit sich nicht /unleserliches Wort]. Das aber wird die Menschheit in Zukunft durch Geisteswissenschaft erfahren — und da spricht dann Geisteswissenschaft wie die äußere Wissenschaft von Sauerstoff und Wasserstoff —, dass das menschliche Seelenwesen etwas ist, was nicht erkannt werden kann, solange [es] mit dem Körper verknüpft [ist], aber erkannt werden kann durch Geistesforscher, wenn [es] abgesondert von dem Leiblichen [ist].

[ 38 ] Heute glaubt man das noch ebensowenig wie der, der von Chemie nicht gehört hat, [glaubt,] dass in dem Wasser Wasserstoff ist, [der] brennt, [während] Wasser löscht. Aber ebenso wie [es] heute eine physische Chemie gibt, so wird es eine geistige Chemie geben. Die wird davon sprechen, dass man wirklich erforschen und beobachten kann des Menschen ewiges Wesen. Davon konnte Fichte noch nicht sprechen. Die Zeit zur Geisteswissenschaft wird erst in unserer Gegenwart kommen. Aber sehr merkwürdig ist das Folgende: Wenn der Geistesforscher heute spricht von dem ewigen Kern des Menschen, so würde er so sprechen, dass dieser Kern nach dem Tode erhält seine geistigen Augen und Ohren, [hinhorcht und] hinsieht auf [den] physischen Leib, den er zurückgelassen, wie wir heute hinsehen auf die äußere Welt.

[ 39 ] Selbstverständlich kann ich in dem heutigen Vortrag dies alles nur andeuten, nicht genauer ausführen, aber nur andeuten, dass das, was ich eben gesagt habe, in dem Sinne der Geisteskultur eingefügt werden wird, wie vor Jahrhunderten die Naturwissenschaft. Und wie man sich dazumal gegen die naturwissenschaftliche Weltauffassung gesträubt hat, [so] [sträubt man sich] heute gegen Geisteswissenschaft. Nun entdecken wir das Merkwürdige bei Fichte, etwas, worüber der gewöhnliche Verehrer vielleicht hinwegsieht in den Reden. Das kündigt uns etwas Merkwürdiges an. Er will sagen, er habe sich eine Erziehung ausgedacht, durch die das deutsche Volk eintreten könne [in] eine Zeit, in der das deutsche Volk sich von aller Fremdherrschaft frei macht. Er sagte, von der Erziehung träumen die nicht, die ganz in Gegenwart stehen, [die ganz in den Vorurteilen befangen sind] und jetzt will er ausführen, wie ihm das, was er will, [das Neue], erscheint gegenüber dem [Früheren]; da spricht er sich sehr merkwürdig aus. Weniger auf die Gedanken sei der Blick gerichtet als vielmehr auf das, was in seiner Empfindung liegt.

Die Zeit

[ 40 ] — sagte Fichte —,

erscheint mir wie [wie ein leerer Schatten], [der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert, und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle, und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der andern Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit warmem Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freudig heimliche Stimmen der Schwestern und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu entwickeln, aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder kein Gehör für diese Stimmen ‚oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie sich selbst verloren zu haben] glaubt.

[ 41 ] Da spricht Fichte allerdings nicht geisteswissenschaftlich, aber er spricht Empfindungen, Gefühle aus, die der moderne Geistesforscher nicht anders aussprechen könnte.

[ 42 ] Da dürfen wir sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, jene Entwicklung, in die Fichte mit solcher Art eingegriffen hat, diese Entwicklung ist berufen, der Welt vieles zu geben gerade von dem, was geistige Erkenntnis der Welt ist, von dem, was Wissenschaft vom geistigen Leben ist. Und begreifen kann man es, meine sehr verehrten Anwesenden, dass diejenigen, die nicht verwachsen sind mit diesem deutschen Wesen, nicht anders können als etwas ihnen Unbekanntes in diesem deutschen Wesen [zu] ahnen, etwas, was ihnen in einer gewissen Beziehung gefährlich ist. Ein schlechtes Gewissen entwickelt sich solchem Unbekannten, dem man nicht nahetreten will, gegenüber, und es spricht sich aus in Vorwürfen wie dem des «Barbarentums». War das aber immer so? In dieser Beziehung ist es wahrhaftig nicht uninteressant, einmal zu sehen, wie deutsches Wesen in seiner ganzen Entwicklung auf hervorragende Geister anderer Nationen gewirkt hat.

[ 43 ] Es ist ja gewiss nicht [unleserliches Wort], deutsches Wesen in uns Deutschen selbst charakterisieren zu sollen, wenn man dafür eigene Worte finden soll. Erlaubt selbstverständlich muss es sein, diejenigen hinzustellen, die die Repräsentanten dieses deutschen Wesens sind. Aber wenn wir heute vernehmen das Wort, die Deutschen seien «Barbaren», [und] von allen Seiten hören, dann ist es doch wohl angezeigt — weil dieser Vorwurf des «Barbarentums» nicht bloß das Deutschtum [verhöhnt], sondern weil er ergreift viele von denen, die auch, ich möchte sagen die geistigen Vertreter der uns feindlichen Nationalitäten sind —, da ist es angemessen, zu sehen einmal, was zu ruhigeren Zeiten hervorragende geistige Vertreter anderer Nationen über deutsches Wesen, so wie es [unleserliche Wörter], aus den Quellen, die eben angedeutet worden sind — gedacht haben. [Es sei auf] Emerson vor allen Dingen hingewiesen, den hervorragenden Vertreter Amerikas. Er sprach über deutsches Wesen die folgenden Worte aus:

Eine [Eigenschaft vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten, dass sich alles bei ihm nur auf die innere] Wahrheit basiert.

[ 44 ] Diese Worte sind nicht in deutscher Sprache in Belgien vor Franzosen ausgesprochen, [sondern] sie sind in englischer Sprache von Emerson ausgesprochen. Er sagt weiter:

In England und Amerika [respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte] Stunden. Der deutsche Geist

[ 45 ] — das sagt Emerson in englischer Sprache —,

der deutsche Geist besitzt weder [die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit, allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?» Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohl an: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes] Meinung? [Woher?] — woher hat er all diese Gedanken?»

[ 46 ] Und weiter sagt Emerson:

Die Engländer [sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.

Die Deutschen denken für] Europa.

[ 47 ] Das hat kein Deutscher gesagt: «Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen [Geistes] nicht», so sagt in englischer Sprache Emerson.

[ 48 ] Wir sehen aus solchen Aussprüchen, worin das Gegnerische liegen muss, das sich schon entwickelt hat und immer mehr entwickeln wird, nicht nur gegen äußeres deutsches politisches Wesen, sondern gegen deutsches Geistesleben. Deutsches Geistesleben muss verteidigt werden, und die Methoden muss man kennen, die Waffen muss man kennen, mit denen es zu verteidigen ist. Emerson sagt weiter:

Aus diesem Grunde sind die in der [höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen] Ursprungs.

[ 49 ] Damit gibt er den Grund an, warum dieses deutsche Wesen den anderen Völkerschaften so unheimlich ist, weil die deutschen Ursprünge dieses [deutschen] Wesens für das, was höhere geistige Anschauung ist, die Unterscheidungsbegriffe zu schaffen hatten. Deutsches Wesen wird aber diese Unterscheidungsbegriffe zu verteidigen haben.

Während die ihres Scharfsinns [und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansehen, und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht], spricht Goethe,

[ 50 ] — und wiederum nicht Goethe allein, sondern er meint das Haupt und den Inhalt der deutschen Nation —,

[nicht, weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet] heraus [aus ihr].

[ 51 ] So meint Emerson, Goethe, das Haupt der deutschen Nation, die Wahrheit leuchtet aus Goethes Seele heraus und die Wahrheit konzentriert sich mit ihren Strahlen in dieser Seele.

Er ist weise im höchsten Grade, [mag auch seine Weisheit ‚oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist.] [...] [Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, die aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.]

[ 52 ] Der Eindruck dieser furchterweckenden Unabhängigkeit auf andere, das erzeugt in anderen gewiss das, mit dem sie sich retten wollen vor dieser furchterregenden Unabhängigkeit. Es erzeugt den Vorwurf des «Barbarismus». Was man sagen könnte: Das ist lange her, Emerson habe diese Worte geschrieben in der [ersten] Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und das wird uns ja im Grunde mit Wut immer wiederum in die Ohren hineingetan, wie die Deutschen hinuntergekommen seien seit jenen Zeiten, in denen Goethe, in denen Fichte, in denen Schiller eingeflossen sind in diese Volkssubstanz.

[ 53 ] Nun, das klänge wahr, wenn wiederum [es nicht] andere Worte [gäbe], die ein englischer Gelehrter geschrieben hat nicht lange vor dem Ausbruch des gegenwärtigen Krieges. In einer nordenglischen Stadt waren diese Worte von Herford, dem Gelchrten, gesprochen, weil er mit seinen Worten, wie er sagt, das englische zeitungsschreibende Publikum aufmerksam machen wollte auf das, was im deutschen Wesen ruht. Nun, was das zeitungsschreibende englische Publikum von den Worten [hält], die ich Ihnen gleich verlesen werde, die gesprochen worden sind nicht lange vor dem Krieg in England von dem gelehrten Geist, das wissen Sie ja aus dem, was Sie heute in englischen Zeitungen finden. Herford sagt:

Der hochbegünstigten Auslese unter [Descartes’ und Newtons] Landsleuten

[ 54 ] — damit meint er also die Franzosen und Engländer —

war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch [Tausende von deutschen] Forschern gelehrt

[ 55 ] —, nicht in [unleserliches Wort], gesprochen in England in englischer Sprache.

Die Einbildungskraft, [das Gefühl, der Wille machten ihr Recht neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden geltend, und unter ihrem umgestaltendem Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller. Das Irrationale] wurde [als eine Quelle der Erleuchtung] anerkannt; [Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe.]

[ 56 ] — so der Engländer, vergleichen wir es mit dem, was die [unleserliche Wörter] gesagt haben.

Bei uns in England

[ 57 ] — so sagt der Engländer in englischer Sprache —

[schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt. Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode ist die Tatsache, dass, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland] einander berührten und [oder] völlig ineinander aufgingen. [Wordsworth sang und Bentham rechnete;] Hegel [aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungskraft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius] Goethes.

[ 58 ] Und weiter von dem Engländer kurz vor dem Krieg:

Im Faust [am Schluss seines vielbewegten Lebens sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlos-kühnen Wollens und Handelns, und wir können umso besser verstehen, weshalb der große Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des Deutschen] Reiches [neben Bismarck,] seinem Schöpfer, behauptet.

[ 59 ] Und ein Diktum, aber nicht in Belgien vor französischem, sondern in England in englischer Sprache gesprochen ist von demselben deutsches Wesen charakterisierenden Engländer: «Keine deutschen Wörter sind tiefer [mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.]».

[ 60 ] So tönte es kurze Zeit vor dem Krieg von jenseits des Kanals zu uns herüber. Derjenige der dann sagt — weil eben die deutschen Kanonen unangenehm sind oder der notwendig geführte Krieg nicht sozial ist — die Deutschen seien «Barbaren», der muss behaupten, dass, nachdem er eben gesagt hat, dieser Mensch erzeuge in seinem Kopf die edelsten Gedanken, in seinem Herzen die edelsten Gefühle, sei [ein] Grobian, weil er werde bestimmt seine Hände gebrauchen. Abgeschmackt ist ein solches Urteil, und kein Sophismus kann über ein solches Urteil hinweghelfen.

[ 61 ] Und derselbe Engländer sagte weiter in jenen Vorträgen, die er, wie gesagt, zum Unterricht der Publizisten gehalten hat:

[Im Ganzen und Großen ist es außer Frage, dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist. Diese Erklärung wird denen] seltsam erscheinen, die von nichts [etwas wissen, als von den Ereignissen der Gegenwart, und für welche die Geschichte nichts anderes ist, als ein ewig sich verändernder, blendender] Kinematograf. [Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Licht werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir, dass unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland] fürchten.

[ 62 ] Kurze Zeit vor dem Ausbruch des Krieges tönte das von jenseits des Kanals herüber.

Und die Furcht unserer Voreltern —

[ 63 ] die Furcht vor Frankreich meint er —

[hatte ihren guten Grund.] [...] Es lässt sich also, [um alles zusammenzufassen], zeigen, [dass die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist, und deshalb auch für] Großbritannien.

[ 64 ] — so sagt der Engländer —

Denn die Ereignisse [der Jahre 1866–1871 machen ein für alle Mal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende, und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege, welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte, sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten, politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues, europäisches System zu errichten, welches] vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat. Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, [dass die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nie hatte] bewirken können, nämlich das Gleichgewicht [der Kräfte] in so entschiedener Weise [zu sichern, dass ein großer Krieg zum gefährlichsten aller] Wagnisse wurde.

[ 65 ] Wenn das der Mut Englands hält für das Ergebnis dieser geschichtlichen Betrachtung, dann spricht man wohl auch in seinem Sinne — wiewohl er das nicht selbst sagen wird, weil in der Gegenwart wie man sagt [Lücke im Stenogramm] —, dann ist all das, was heute geschwätzt und gefaselt wird über deutsches Wesen /Lücke im Stenogramm]. Zu dem gehört, was er bezeichnet /Lücke im Stenogramm]: «[Im Ganzen und Großen ist es außer Frage, dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist.] Diese Erklärung wird denen seltsam [erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart, und] denen [für welche] [die Geschichte nichts anderes ist als ein ewig sich verändernder blendender] Kinematograf.» Erscheint es doch wahrhaftig heute so, als ob die Leute glauben, sie bräuchten nichts zu wissen über die Gegenwart. Und er erinnert [daran] zu verstehen, all das, was seit 1914 geschehen ist.

[ 66 ] [Lord] Haldane, ein Name der Ihnen /unleserliches Wort] aufgefallen ist in der Menschheitsgeschichte, er hat eine Vorrede geschrieben zu dem Druck seiner Vorlesung. Und Haldane schrieb in dieser Vorrede:

[Die Quelle des Stromes seines geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers geschen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist in hohem Maße konkret] praktisch.

[ 67 ] Und dann setzte er hinzu, warum er dies schrieb:

Der Einfluss wahrer Kenntnis [kann allein des Misstrauens Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns gegen Angriffe zu rüsten, die in Wirklichkeit keiner von uns im] Sinne hat.

[ 68 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, es ist vielleicht nicht mit wenigen Worten dasjenige zu umfassen, was charakteristisch ist für diese Urteile, die hervorragende Menschen anderer Nationen über deutsches Wesen in anderen Zeiten gefällt haben. Man kann nur empfinden all dasjenige, was auch an Übergriffen und Attacken gegenüber deutschem Geistesleben heute in der Welt liegt und wogegen sich auch deutsches Geistesleben zu verteidigen hat. Haben wir es ja zum Beispiel doch erleben müssen, dass ein hervorragender Geist Belgiens, der seine Worte in französischer Sprache geschrieben hat, der ganz besonders anerkannt worden ist in Deutschland, dass Maurice Maeterlinck die bittersten Vorwürfe dem, wie er sagt, deutschen «Barbarismus» gemacht hat, dass er ganz und gar sich gemischt hat unter die Faselhänse der Straße und Worte gebraucht hat vom sogenannten deutschen «Barbarentum», die einzig und allein dieser Straße würdig sind.

[ 69 ] Aber hören wir — ich will /unleserliches Wort] einmal sagen — einen Landesgenossen von Maeterlinck, einen anderen, der in derselben Sprache geschrieben hat wie er. Der will charakterisieren, welchen Einfluss er erfahren hat unter anderem auch vom deutschen Wesen, da wo es am tiefsten in die Erscheinung getreten ist, zum Beispiel bei Novalis: Dieser französische Belgier, ich will sagen, dieser Landesgenosse Maeterlincks — wir werden gleich sehen, wie nahe er Maeterlinck steht —, er sagt, wenn man so etwas, wie es Novalis geschaffen hat aus dem deutschen Wesen heraus, auf sich wirken lässt, kann man sagen, man findet in Europa wirklich gar keine Worte, um die Bedeutung dieses Scelenwesens Novalis zu charakterisieren. Man muss die Worte in folgender Weise prägen, wenn Shakespeare dieses oder anderes geschrieben hat: [Wenn Shakespeare oder] Sophokles [ihre Figuren handeln lassen,] so beschäftigen sie sich mit Menschheitsangelegenheiten, die die Menschen auf der Erde interessieren. Novalis hat aus der Tiefe des deutschen Wesens etwas geschaffen, wofür sich nicht allein Menschen auf der Erde interessieren müssen, wenn man denken würde, dass Engelwesen, kosmische Wesenheiten, hinunterstiegen auf die Erde. Und wenn man ihnen etwas bieten wollte, was sie interessieren würde, darf man nicht kommen mit Shakespeare [oder] Sophokles. Das hat für sie keine Bedeutung, da muss man kommen mit etwas, was so mit den Quellen des Ewigen — das auch Bedeutung hat für andere geistige, ätherische Welten — geprägt ist wie das, was Novalis geschrieben hat. Und was macht dieser Landesgenosse Maeterlincks, wenn er so spricht von dem, was er von dem Ewigen, Webenden der Seele Novalis empfangen hat:

Wenn er aber [anderer Beweise bedürfte, so würde sie ihn unter die führen, deren Werke fast an Schweigen rühren.]

[ 70 ] An Schweigen meint er, weil die Worte der Sprache nicht ausdrücken können, was man zu sagen hat.

[Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu bekümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich um eine Stufe erhebt, und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst erfüllt, aufmerksam den ungeheueren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich erst an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich nur im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, die ihr ähneln, und die so gebieterisch sind, wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im] Geisterreiche ankündigen. [Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer fremden Vernunft den Klagen von Glocken gleichen würden; aber die Menschen, von denen ich rede, sind in ihren Werken aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen, und haben Dinge gesagt, die auch denen von] Wert sind, [die nicht zur irdischen] Gemeinde [zählen.]

[ 71 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe Sie mit diesen Worten einer Persönlichkeit — wie gesagt, die Maeterlinck nahesteht — eine Weile beschäftigt. Man darf glauben, dass dasjenige, was diese Persönlichkeit fühlt, sie die Worte hätte aussprechen können — als sie hörte, was Maurice Maeterlinck über deutsches Wesen sich zu sagen anmaßte in jüngster Zeit —, sie die Worte hätte aussprechen können, diese Seele:

In Wahrheit ist [es schwer, seine Seele zu befragen, und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen] Schreier zu vernehmen, die sie umgeben.

[ 72 ] Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe Sie nur eine Weile, ich möchte sagen /unleserliches Wort] mystifiziert. Der, der das sagt, was ich Ihnen vorgelesen habe über Novalis, ist nämlich Maeterlinck selbst. Und derjenige, der von den unnützen Schreiern gesprochen hat, ist ebenso Maeterlinck selbst. Es ist /unleserliches Wort] Kleinigkeit, sich ein Urteil über die Gesinnung zu bilden, welche zugrunde liegt dem Ausspruch von den deutschen «Barbaren».

[ 73 ] [Unleserliches Wort], meine sehr verehrten Anwesenden, es war im Jahre 1870 schon, da führte der Deutsche [David Friedrich] Strauß, seinen gedruckten Briefwechsel mit Renan, dem Schreiber [von] «Das Leben Jesu». Merkwürdige Worte hat damals der Franzose gesprochen über deutsches Wesen, er sprach sie in der Zeit selbst, als Deutschland Frankreich mit [dem] Krieg von 1870 schon überzogen hatte. Renan machte darauf aufmerksam, dass er in späterem Lebensalter erst mit deutschem Geistesleben sich bekannt gemacht hat. Das, was im deutschen Geistesleben /unleserliches Wort] ist, möchte ich mit den Worten Renans selbst vor Ihre Seele führen:

[ 74 ] «Deutschland» — sagt Renan — «hat die bedeutendste [Revolution der neueren Zeiten, die Reformation gemacht, außerdem] [...] [eine der schönsten geistigen Entwicklungen» die dem deutschen Geist eine Stufe, eine Tiefe zugesetzt hat, die so ist, wie einer] [der nur die Elementarmathematik kennt, zu dem, der in Differenzial-] rechnung bewandert ist.

[ 75 ] Man braucht nicht deutsche Worte zu gebrauchen, um zu charakterisieren, was deutsches Wesen der Welt sein soll. Aber nun hören wir denselben Renan dazumal aussprechen dasjenige, was er über die Zukunft Europas und ihr Verhältnis zu Frankreich denkt. sehr interessante Worte hat er gesprochen. Er hat darauf aufmerksam gemacht, dass [es] in Frankreich zwei Strömungen gebe. Die erste ist die, welche sich sagt: Wir wollen versuchen, nichts an Deutschland abzutreten, wir wollen versuchen, in Frankreich selbst Ordnung herzustellen und mit Deutschland ein Bündnis [zu] schließen für die Gesittung von Europa. — Dann aber machte er aufmerksam auf eine andere Strömung, die da sagt: Wir wollen nur einmal Ruhe haben, Elsass-Lothringen abtreten, aber dann Bündnis mit jedem, mit dem wir uns gegen die deutsche Rasse verbünden können.

[ 76 ] Was ist das für ein Urteilen, meine sehr verehrten Anwesenden? Das heißt, ein Mensch versteht, ein Mensch, der zu den Führenden seiner Nation gehört, versteht, dass das, was er im deutschen Geistesleben erkannt hat, sich verhält zu anderem, was ihm geboten worden ist, [wie die Differenzialrechnung zu der elementaren Mathematik.] Und derselbe findet es töricht, dass sich nunmehr sein Volk verbündet mit jedem, der als Feind für dieses deutsche Wesen zu haben ist. Ja, man muss schon die Geschichte nicht wie einen Kinematografen nehmen, sondern man muss etwas in die Tiefe hineingehen, wenn man den Satz begreifen will, dass deutsches Wesen viel zu verteidigen haben wird in der Welt und dass der gewaltige Kampf nur der äußere symptomatische Ausdruck [ist]. Und was hören wir für andere Worte auch von denen, die uns aus ihrem Unvermögen — und sagen wir mit den Renan-Worten: zur «Differenzialrechnung der Kultur» aufzusteigen — «Barbaren» nennen, was hören wir alles anderes? Wir hören oftmals und immer wiederum, Deutschland sei schuld an diesem Weltkrieg. Nur Kurzsichtigen kann eigentlich [ein] solcher Ausspruch zugemutet werden. Man kann in leichter Weise auch äußerlich beweisen, meine sehr verehrten Anwesenden, wie das, was jetzt kriegerisch aufeinanderprallt, durch Jahre hindurch waltet und webt in Europa und nach Ausbruch drängt. Und demgegenüber, was da in den Strömungen der europäischen Länder war, zu sagen, Deutschland habe diesen Krieg gewollt, wird einmal als einfacher Unsinn erkannt werden, als die gewissenlose Behauptung derer, die zum Quell ihrer Gewissenlosigkeit Scheu vor demselben haben, was jene deutschen «Barbarismus» nennen.

[ 77 ] Während [des] Krieges 1870 sagte ein Mensch, der einen höheren Blick über die europäischen Verhältnisse hatte, das Folgende — so lassen Sie mich zum Schluss noch hinzufügen. — Carl Vogt, der Naturforscher, sagte während des Deutsch-Französischen Krieges das Folgende:

Was mich nun betrifft, [so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, dass ein Konflikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, dass derselbe sich entweder durch den Orient, speziell die Türkei, oder durch den Nationalitätenstreit in Österreich, vielleicht durch beide, entzünden, und dass Russland in demselben die Führerschaft auf der einen Seite übernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf die Eventualität vor; die national-russische Presse speit Feuer und Flamme gegen Deutschland. [.—.] Die deutsche Presse lässt schon jetzt ihre Warnungsrufe] erschallen.

[ 78 ] 1870 ist das geschrieben.

Seitdem [nach dem Krimkriege Russland sich sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und wie es scheint, wird es jetzt in [Petersburg] zweckmäßig gefunden, die orientalische Frage wieder einmal aufzunchmen.] Wenn das Mittelmeer

[ 79 ] — so sagt er weiter —

[einst nach dem mehr pompösen als wahren Ausdruck «ein französischer See» werden sollte, so hat Russland die noch viel positivere Absicht, aus dem Schwarzen Meere einen russischen See und aus dem Marmarameer einen russischen Teich zu machen. Dass Konstantinopel eine russische Stadt, Griechenland ein direkter Vasallenstaat Russlands werden müsse, ist ein feststehender Zielpunkt der russischen Politik, die ihren Unterstützungshebel in der gemeinsamen Religion und in dem Panslawismus findet. Die Donau würde dann am Eisernen Tor etwa von dem russischen Schlagbaum] geschlossen werden.

[ 80 ] Und aus dieser seiner Einsicht in die Notwendigkeit dieses Krieges, aus dem Gelüst des Ostens heraus, macht der Schreiber [auf] dieses Ziel aufmerksam, wie verantwortungsvoll es werden muss für Europas Gesittung, wenn der Osten etwa seine Bundesgenossen finden sollte in dem europäischen Westen. /Auslassung einer unleserlichen Passage.]

[ 81 ] Ganz zum Schluss möchte ich noch etwas anderes Ihnen vorführen, wie ein Beweis dafür, dass wir es nicht zu tun haben mit etwas, was in dieser unserer Gegenwart erst entstanden ist, sondern dass wir es zu tun haben mit etwas, was sich mit Notwendigkeit entwickelt hat aus dem europäischen Konflikt heraus und was die Deutschen in Mitteleuropa aufgerufen hat zur Verteidigung dieses Wesens. Ich möchte mit einigen Worten charakterisieren dasjenige, was sich so abgespielt hat seit frühstens 1914, seit etwas mehr als einem Jahr. Diejenigen, die verfolgt haben die Zeitgeschichte, werden wissen, dass das, was ich hier charakterisieren will, wirklich die Zeitverhältnisse trifft. Das, was wir sehen konnten im Osten, war das Aufgehen einer gewissen Presskampagne, die aufnahm die Ideale des Panslawismus. Und es zeigt lange vor der Ermordung des österreichischen Thronfolgers, zeigt, was man versuchen will, um die Ansprüche Russlands zu befriedigen.

[ 82 ] Folgende Worte könnte man sich zusammenstellen, um das, was sich seit etwas mehr als einem Jahr zugetragen hat: [...] wie allmählich eine Art von Presskampagne in Petersburg anfing, [...] wie Deutschland in seiner Absicht verdächtigt wurde. Diese [Angriffe] steigerten sich in den folgenden [Wochen] bis zu starken [Forderungen eines Druckes, den wir auf Österreich üben sollten in Sachen wo wir das] österreichische Recht nicht [ohne Weiteres] angreifen konnten. Man konnte dazu seine Hand nicht bieten, denn [wenn wir uns Österreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhängigkeit von Russland. Wäre eine solche Abhängigkeit erträglich gewesen? Man hatte früher glauben können, sie könnte es sein, weil man sich sagte: Wir haben gar keine streitigen Interessen; es ist gar kein Grund, warum Russland je die Freundschaft uns kündigen sollte. Wenn man mit russischen Freunden spricht von dergleichen Auseinandersetzungen, so kann man ihnen nicht gerade widersprechen. Die Vorgänge zeigten aber, dass selbst ein vollständiges In-Dienst-Stellen unserer Politik — für gewisse Zeit — in die russische uns nicht davor schützte, gegen unseren Willen und gegen unser Bestreben] mit Russland in Streit zu geraten.

[ 83 ] So könnte man charakterisieren das, was sich zugetragen hat, nun, sagen wir bis zum Ausbruch des Krieges hin. Meine sehr verehrten Anwesenden, die Worte, die ich Ihnen eben vorgelesen habe zur Charakterisitk dieser letzten Zeit sind nicht von mir. Diese Worte muss ich Ihnen noch einmal vorlesen mit einer kleinen Veränderung. Damit sind sie 1888 am 6. Februar von Bismarck im Deutschen Reichstag gesprochen. Da sagte Bismarck:

[.—.] wie allmählich [eine Art von Presskampagne in Petersburg anfing, durch welche die deutsche Politik angegriffen, ich persönlich in meinen Absichten verdächtigt wurde. Diese Angriffe steigerten sich während des darauffolgenden Jahres] bis 1879 [zu starken Forderungen eines Druckes, den wir auf Österreich üben sollten in Sachen, wo wir das österreichische Recht nicht ohne Weiteres angreifen konnten. Ich konnte dazu meine Hand nicht bieten; denn wenn wir uns Österreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhängigkeit von Russland. Wäre eine solche Abhängigkeit erträglich gewesen? Ich hatte früher geglaubt, sie könnte es sein, indem ich mir sagte: Wir haben gar keine streitigen Interessen, es ist gar kein Grund, warum Russland je die Freundschaft uns kündigen sollte. Ich hatte wenigstens meinen russischen Kollegen, die mir dergleichen auseinandersetzten, nicht geradezu widersprochen. Der Vorgang betreffs des Kongresses enttäuschte mich, der sagte mir, dass selbst ein vollständiges Indienststellen unserer Politik (für gewisse Zeit) in die russische uns nicht davor schützte, gegen unsern Willen und gegen unser Bestreben mit Russland in] Streit zu geraten.

[ 84 ] Dieselben Worte gelten für 1914, die gegolten haben in genau derselben Prägung für 1888. Und da sage jemand, dieser Krieg sei in Bezug auf seine Gründe 1914 hervorgerufen worden durch Mitteleuropa. Die Strömung war immer da. So aber glaube ich, durch die heutige nur skizzierte Auseinandersetzung gezeigt zu haben, dass der Angriff — der einschließt Deutschland und Österreich wie in einer großen Festung, und am liebsten dieses Mitteleuropa aushungern wollte — sich nicht allein richtet gegen die äußere Konfiguration, nicht allein gegen soziale Wirtschaftsverhältnisse, sondern immer mehr richten wird gegen das, was deutsche Seele ist, was deutscher Geist ist. Annehmen aber kann man, gerade wenn man Geister wie Fichte und Schiller betrachtet, wie das, was im deutschen Wesen und seiner Entwicklung liegt, erst im Keim belebt ist.

[ 85 ] In Empfindung und Gefühl können wir durch Fichte aufsuchen das, was an Erkenntnis des Geistes sich immer weiter ausbreiten muss. Zu der Beantwortung der Frage, warum nennen sie [das Volk ein «Barbarenvolk»? Zu dieser Beantwortung] wird im Wesentlichen gehören die Erkenntnis des Nebels, den sich die Menschen vormachen wollen, vor demjenigen, was notwendigerweise um der Entwicklung der Welt willen von dem deutschen Volk aus verteidigt werden muss. Den Krieg der Gegenwart wird der deutsche Mut, die deutsche Tapferkeit entscheiden. Aber Waffen werden wir brauchen, die entnommen sind dem Heiligsten, was die deutsche Seele hat, um das zu verteidigen, was aus demselben Grund heraus Angriffe wird erfahren müssen und schon erfahren hat, das deutsche geistige Wesen. Denn dieses deutsche geistige Wesen — aufgebaut auf einer Erkenntnis des Geistes, richtet hin seine Ziele auf [die] Erkenntnis des Geistes — hat zu Feinden all das, was nur in äußerer Philosophie etwa nach Spencer’scher oder Danilewski’scher Art walten will, hat selbst zu Gegnern das, was sich aus Descartes’ Franzosentum heraus entwickeln konnte und so weiter und was es für andere Philosophien hat.

[ 86 ] Dieses deutsche Wesen holt seine Logik aus tieferen Gründen heraus, aus Gründen, in denen es verbunden sein will, dieses deutsche Wesen, mit dem Geist selbst. Und Logik ist ja wahrhaftig recht wenig in den Angriffen, die heute noch völkisch [sind], aber wenn wir auf Philosophen wie [Emile] Boutroux, [unleserlicher Name], Bergson — [unleserliches Wort] nicht mehr Fils de Montagne —, wie man hinschaut auf solche Philosophen, wie sie sprechen, dass die Deutschen verlernt haben, das Lebendige zu erfassen [und] auf den Geist zu blicken, wie sie durch äußeren Materialismus erstarren, dann möchte man fragen: Glaubt ihr wirklich, dass nachdem ihr Deutschland von allen Seiten [eingekreist] habt, [Deutschland sich] dadurch verteidigt, [indem man] Novalis, Schiller und Goethe vorliest an seinen Grenzen und diese Dichter eure Kanonen nicht hören?

[ 87 ] Ihr habt hinausgerufen das, was nur als Mechanismus aus dem deutschen Geist hervorging. Das aber wird auch nicht, ohne dass aus dem Wesen, was gerade in /unleserliche Wörter] Fichte einmal hervorgeholt werden musste, als jemand von ihm sagte recht treffend: Das Unwiderstehliche des Wesens sei die unaufhörliche Gestimmtheit seines Gemüts durch [militärische] Verteidigung des geistigen Wesens.

[ 88 ] Die Logik, die da waltet, zeugt ja ebenso wenig wie [unleserliches Wort] Erkenntnis [unleserliches Wort] auch nur von einem oberflächlichen Überblick über die Tatsachen. Mit derselben Logik, mit der heute bei den Deutschen die Ursache dieses Krieges gesucht wird, mit derselben Logik kann man sagen, die Deutschen seien daran schuld, dass sie heute so angegriffen werden von allen Seiten, denn man kann sie nur angreifen, [denn] die Buchdruckerkunst, die haben sie erfunden, die Deutschen. Also sind sie schuld an dem Schimpf, der ihnen angetan wird. Das ist dieselbe Logik, die sich viel uns heute in die Ohren tönt. Denn man kann noch weitergehen, kann sagen, es wird ja in einem barbarischen Krieg mit Pulver geschossen. Man kann nicht von den Franzosen sagen, dass sie das Pulver erfunden haben. Man muss schon die Erfindung des Krieges den Deutschen zuschreiben. So sind sie allerdings auch schuld, dass überhaupt dieser Krieg und alle Kriege der neueren Zeit geführt werden. Aber all das ist nur äußeres /unleserliches Wort]. Und das, was der Deutsche berufen ist hervorzuholen aus der Tiefe des geistigen Lebens, was veranlagt [ist] bei seinen besten Geistern, worauf seine besten Geister hingewiesen haben, von dem muss man sagen: Es zeigt in seiner eigenen natürlichen Entwicklung darauf, dass es Vergangenheit atmet, es zeigt auch Zukunft, es hat innere Entwicklungsursachen und Entwicklungskräfte, und aus diesen schöpft das deutsche Gemüt, die deutsche Seele Zuversicht und Hoffnung, dass die Feinde es nicht überwältigen werden, dass es Mittel und Wege finden wird, Kraft und Ausdauer finden wird, deutsches Wesen für die Welt zu verteidigen.

[ 89 ] Aus den Empfindungen heraus, in die getaucht war all das, was ich heute zu Ihnen sprechen konnte, möchte ich einige wenige zusammenfassende Worte sagen, in die ich prägen möchte das, was [unleserliches Wort] für unsere Seele hervorgehen kann durch die Anschauung desjenigen, was dem deutschen Wesen in unserer Zeit geschieht, was von Feindesmacht diesem deutschen Wesen vorausgesagt und zugesprochen wird.

[ 90 ] Allem, was da gesagt und geschwätzt wird über deutsches Wesen, all dem gegenüber, was gesprochen wird darüber, dass das deutsche Wesen in seinem Niedergang sei; nicht gegen das deutsche Wesen, nicht bloß aus dunklen Gefühlen heraus, sondern aus der klaren Erkenntnis dessen, was das deutsche Wesen ist, seien [gesprochen] die Worte, in die ich Ihnen, ich möchte sagen den Kerngehalt dieses Vortrages zusammenfassen möchte:

[Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er der Welt erbringen soll.]
Er [lebt in Zukunfts]sorgen hoffnungsvoll,
[Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll.
In seines Wesens Tiefe fühlt er mächtig
Verborgenes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos,
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben,
Solang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält.]