Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele
GA 70b
2 März 1916, Bremen
13. Ein vergessenes Streben nach Geisteswissenschaft Innerhalb der Deutschen Gedankenentwicklung
Sehr verehrte Anwesende!
[ 1 ] Wie im vorigen Winter, möchte ich mir auch heute Abend gestatten, über einen Gegenstand zu sprechen, der in innigem Zusammenhang steht mit der Entwicklung des deutschen Geisteslebens, und damit abweichen von dem, was ich durch viele Jahre hindurch tun durfte, auch in dieser Stadt, wie in anderen Städten Deutschlands: Über ein engeres Thema der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung zu reden.
[ 2 ] Diese Abweichung liegt ja ganz sicher dem Menschenherzen nahe durch die großen, bedeutsamen Ereignisse, innerhalb welcher das deutsche Volk steht, durch die um uns herum sich abspielenden Tatsachen, die auf der einen Seite eine schwere Prüfung bedeuten, auf der anderen Seite der Quell werden müssen für manche bedeutende Hoffnung für die Zukunft.
[ 3 ] Und außerdem glaube ich nicht, dass man aus einem engherzigen nationalen Sinn heraus zu sprechen braucht, wenn man gerade geisteswissenschaftliche Betrachtungen, wie sie hier durch Jahre hindurch gepflogen worden sind, anknüpft an die großen Zeiten des deutschen Geisteslebens. Denn es ist meine — eben nicht aus gewissen dunklen Gefühlen heraus, sondern, wie ich in aller Bescheidenheit glaube, aus der Erkenntnis der Tatsachen heraus gewonnene — Überzeugung, dass gerade dasjenige, was hier oftmals von mir als ein Streben in die geistigen Welten hinein gezeigt worden ist, ganz allein wie in bedeutsam starkem Keim enthalten ist in den verschiedensten Bestrebungen des deutschen Geisteslebens, in der Blüte dieses Geisteslebens.
[ 4 ] Wenn Geisteswissenschaft eben Wissenschaft sein will, so könnte man sehr leicht — möchte ich sagen — von einem gewissen Gesichtspunkte der Selbstverständlichkeit aus — einer Selbstverständlichkeit, die doch oberflächlich ist —, man könnte sehr leicht sagen: Die Wissenschaft, sie müsse eben etwas Internationales sein. Und Wissenschaft anknüpfen zu wollen an gewisse Bestrebungen der Volkstümlichkeit, [das] sei von vornherein unstatthaft. So sagen ja sehr viele Menschen. Und es ist so einleuchtend, wenn man so spricht, dass die Selbstverständlichkeit eben schon zur Oberflächlichkeit wird.
[ 5 ] Ich will darüber nur sagen vergleichsweise: International ist zum Beispiel, sehr verehrte Anwesende, auch der Mond, für alle Völker derselbe Mond; aber was, die verschiedenen Völker von ihrer Seele aus zu dem Mond zu sagen haben, das entspringt ihren verschiedenen Anlagen. Nun könnte man allerdings sagen: Das mag sich auf die Poesie, auf die Dichtung beziehen. Allein, wenn Wissenschaft werden soll zur Weltanschauung, dann wird zwar dasjenige, was Wissenschaft zu sagen hat, objektiv sein müssen, gerade mustergültig für alle Menschen sein müssen. Aber ob Wissenschaft tief hineindringt in die Quellen des Daseins oder an der Oberfläche haften bleibt — um nur diese zwei äußersten Punkte zu nennen —, das hängt ab von den verschiedenen Anlagen der einzelnen Völker, von den Impulsen, welche die einzelnen Völker mit dem, was ihnen Wissenschaft ist, der Menschheit zu geben haben. Und wie diese Impulse, diese Kräfte [...] aus den Anlagen der Völker herausstammen, darauf kommt es an! Darauf kommt es an in der Gesamtentwicklung der Menschheit, nicht auf dasjenige, was im abstrakten Sinne allen gemeinsam sein kann!
[ 6 ] Man braucht nur — um dasjenige, was eigentlich hier gemeint ist, [anzudeuten] — eines Wortes Goethes zu gedenken. Als Goethe auf seiner großen Reise nach dem Süden nicht nur die verschiedensten Kunstwerke nach seiner Art angesehen und erklärt hatte, sondern auch die Naturtatsachen und Naturwesen, da schrieb er an seine weimarischen Freunde: Nach alledem, was ich gesehen habe an Naturerkenntnissen und Naturwesen, möchte ich am liebsten eine Reise nach Indien machen — nicht, um Neues zu entdecken, sondern um das schon Entdeckte nach meiner Art anzusehen.
[ 7 ] Die Art anzusehen, dasjenige, was man aus der Seele den Welterscheinungen und dem Weltweben entgegenzubringen vermag, darauf kommt es an. Und das hängt innig zusammen mit den Volksseelen. Und wenn man, sehr verehrte Anwesende, von der deutschen Volksseele und ihrer Wirkung Innerhalb des deutschen Volkstums spricht, da scheint ja sogleich demjenigen, der mit dem Gange der deutschen Entwicklung bekannt ist, sogleich einleuchtend zu sein, dass jener Gipfelpunkt betreten werden müsse, zu dem sich hinaufgeschwungen hat diese deutsche Volksseele am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, am Beginne des neunzehnten Jahrhunderts. Da haben einen Weltanschauungshintergrund geschaffen, einen Erkenntnishintergrund geschaffen Geister wie Fichte, Schelling, Hegel demjenigen, was innerhalb des europäischen Geisteslebens durch Goethe, Schiller, Herder, Lessing und andere, die zu ihnen gehören, ein zweiter [...] Blütenabschnitt geworden ist nach dem griechischen. Denn hinter Goethes «Faust» und den anderen großen dichterischen und künstlerischen Leistungen steht, was deutsche Weltanschauung auf dem Felde der Gedankenentwicklung dazumal geschaffen hat.
[ 8 ] Fichte, Johann Gottlieb Fichte, er tritt zunächst vor die Seelen der heutigen Zeit so, wo es so naheliegt, deutsche Geister im Zusammenhange zu betrachten mit der Entwicklung ihres Volkstums, Johann Gottlieb Fichte tritt zunächst als der große Redner auf in den «Reden an die deutsche Nation». Wenn Sie sich das betrachten, was durch jene Reden [bewirkt worden ist], deren jedes Wort eigentlich heute noch in der deutschen Seele Feuer fangen muss, aus dem einfachen Grunde, weil durch diese Worte in einer der schwersten Zeiten der deutschen Geschichte jedes Gemüt erkraftet und gestärkt worden ist und wie tatsächlich Lichtblicke geworfen sind auf die Möglichkeiten der deutschen Entwicklung. Und: Weil diese Reden hervorgegangen sind aus einer intimsten Empfindung für das deutsche Volkstum und aus einer intimsten Verwandtschaft mit den innersten Kräften der deutschen Volksseele.
[ 9 ] Allein, wie leicht wird man sagen: Ja, dasjenige, was in begeisterter, feuriger Rede dazumal Fichte zu dem deutschen Volk gesprochen hat, das wird leicht in jede Seele einfließen. Aber wenn man von dem ausgeht, was eigentlich Fichte’sche Weltanschauung ist, dann kommt man zu Schwerverständlichem. Ach, sehr verehrte Anwesende, wenn nur einmal dieses Vorurteil von der Schwerverständlichkeit solcher Schöpfungen wie der Fichte’schen, der Schelling’schen, der Hegel’schen schwinden könnte: Niemals hätte eine Persönlichkeit, wie Johann Gottlieb Fichte seine «Reden an die deutsche Nation» halten können, wenn man nicht jene Weltanschauung in der Seele erlebt hätte, die nur scheinbar schwer verständlich ist, und von der er gefühlt hat, immer gefühlt hat, dass sie in ihm entstanden ist wie durch eine Zwiesprache mit dem deutschen Volksgeiste selber. Denn, so empfand er über dasjenige, was er zu sagen hatte!
[ 10 ] Nun, Geisteswissenschaft, sehr verehrte Anwesende, wie sie hier gemeint ist, geht ja ganz aus von der Voraussetzung, dass in der Menschenseele schlummernde Kräfte sind, die nicht ihre Verwendung finden im gewöhnlichen äußeren Leben, auch nicht, wenn man verständig dieses äußere Leben betrachtet, ja auch nicht ihre Verwendung finden in der gewöhnlichen äußeren Wissenschaft; sondern die erst entwickelt werden müssen, [die erst] aus den Tiefen des menschlichen Gemütes herausgeholt werden müssen, und entwickelt werden zu dem, wofür man die Goethe’schen Ausdrücke gebrauchen kann: Geistesaugen, Geistesohren — durch die man hineinschauen kann, hineinhören kann in die geistige Welt — Geistesaugen, Geistesohren!
[ 11 ] Geisteswissenschaft geht davon aus, dass ein solcher wirklicher innerer Sinn nicht an ein leibliches Organ gebunden ist, sondern rein seelisch-geistig in der Seele schlummert, aber aus ihr hervorgeholt werden kann. [Geisteswissenschaft geht davon aus], dass ein solcher Sinn zu erblicken vermag eine wirkliche geistige Welt, die um uns herum ist und der wir mit unseren Seelen angehören und mit unserem Geiste, wie wir mit unserem Leibe der physisch-sinnlichen Welt angehören. Nur dass wir, wenn wir mit dem Organ des physisch-sinnlichen Leibes die physisch-sinnliche Welt betrachten, sie uns das darstellt, was mit unserem Tode abstirbt. Während, wenn der innere Sinn des Menschen geradeso wissenschaftlich verfährt wie die anderen Sinne oder die äußere Wissenschaft und durch den an das Hirn oder an das Nervensystem gebundenen äußeren Verstand, wenn der innere Sinn so verfährt gegenüber der geistigen Welt, dann kommt der Mensch zu der Beobachtung derjenigen Kräfte, die in ihm sind und die die ganz äußere Welt durchdringen. [Er kommt zu der Beobachtung] derjenigen Kräfte, die für ihn darstellen die ewigen, die unsterblichen Kräfte der Seele, die durch Geburten und Tode gehen.
[ 12 ] Solch einen inneren Sinn, solche inneren Kräfte zu wecken, war Fichtes, Johann Gottlieb Fichtes Weltanschauungsstreben unverändert. Nach solchem Sinne strebte er hin. Das konnte er nur dadurch, dass dieses Einzigartige — wir werden nachher sehen, warum ich sage «Einzigartige» — des deutschen Volksgeistes in ihm lebte, dieser Wille, in der eigenen Seele durch eine Erhöhung, durch eine Erkraftung, durch eine Entwicklung der Seelenkräfte etwas zu erwerben, was man nicht erwerben kann, wenn diese Seelenkräfte nicht erkraftet sind, was aber eins ist, einerlei Art ist — nicht eine verschwommene Phantastik ist hier gemeint —, was einerlei Art ist mit dem, was als Geist, als wirklicher, objektiver Geist, so objektiv ist, wie für die Sinne die äußeren Naturobjekte objektiv sind, was als Geist die Welt durchwebt und durchwirkt.
[ 13 ] Für Fichte lebte sich herein in dieses menschliche Ich, wenn dieses menschliche Ich sich in der Weise innerlich zu erfassen vermag, dasjenige, was die Welt als ihre Geheimnisse durchpulst und durchwebt und durchlebt.
[ 14 ] Fichte meinte, wenn der Mensch dazu kommt, in sich im rechten Sinne dieses innere Selbst, diesen Mittelpunkt des Seelenlebens unmittelbar wirklich in sich kraftvoll zu erleben, dann lebt er nicht nur als Einzelmensch in solchem inneren Erleben, sondern dann lebt in diesem inneren Erleben das Weltenleben, der Weltengeist, dasjenige, was schöpferischer Geist in allen Dingen des Daseins ist.
[ 15 ] Dieses Erkennen-Wollen mit dem innersten Sinnesorgan, das ist dasjenige, was Fichte so eigen ist. Und es ist ihm eigen, weil das in seiner ganzen Natur lag. In seiner Natur lag es nämlich, zusammenzuwachsen mit demjenigen, was auf ihn Eindruck machte. Er hörte nicht bloß irgendetwas, er sah nicht bloß irgendetwas, sondern indem er etwas hörte, indem er etwas sah, da legte er das ganze Empfinden und Leben der Persönlichkeit in dies, was er hörte, was er sah, hinein. In demjenigen, was er vernahm, steckte er so darinnen, dass er sich schöpferisch drinnen fühlte — nachschöpferisch die Welt, die Natur mitschaffend, jedes andere Menschenleben mitschaffend. Das war in ihm als eine persönliche Anlage vorhanden.
[ 16 ] Um das zu kennzeichnen, möchte ich kleine Züge anführen aus Fichtes, aus Johann Gottlieb Fichtes Leben. Er war ein kleiner Knabe von sieben Jahren, ein einfacher Weberssohn; da stand er einmal am Rande eines Baches, der vorüberfloss vor dem kleinen Häuschen seines Vaters. Ein Buch hatte er in den Bach hineingeworfen! Und weinend stand er nun und sah das Buch fortschwimmen. Da kam der Vater dazu und sah, was da geschehen war. Das nämlich war es: Der Vater hatte letzte Weihnachten dem Knaben, der frühreif war und der gut lernte in der Schule, den «Gehörnten Siegfried» zum Geschenk gemacht. Auf den Knaben, auf den siebenjährigen Knaben im blauen Bauernkittel, einfacher Leute Kind, machte die mächtige, die urgermanische Tat des «Gehörnten Siegfried» einen so kraftvollen Eindruck, dass er sich ganz in sie vertiefte. Und da stellte sich heraus, dass man sagen musste: Wiewohl er früher so fleißig, gewissenhaft und pflichttreu in der Schule war, dass er nun weniger aufmerksam sei. Das wurde ihm zum Vorwurf gemacht.
[ 17 ] Was tat der siebenjährige Knabe? Er sagte sich: Den «Gehörnten Siegfried», ich habe ihn gern; lieb habe ich ihn; ich hänge an ihm; aber meine Pflichten darf er mir nicht nehmen, daher werfe ich ihn ins Wasser. — So zusammenwachsen mit demjenigen, was er den Pflichtbegriff später nannte, konnte Johann Gottlieb Fichte als siebenjähriger Knabe schon!
[ 18 ] Und wiederum: Neun Jahre war er alt geworden. Der Gutsnachbar war herübergekommen in das Dörfchen, in dem Fichte wohnte, um an einem Sonntag die Predigt des Pfarrers dort zu hören. Er war zu spät gekommen, konnte die Predigt nicht mehr hören. Da kam man auf einen Ausweg. Man sagte: Da ist ein Knabe von neun Jahren, der kann so gut zuhören bei der Predigt, dass er vielleicht das Wichtigste auswendig wiederholen könne. Man bringt den neunjährigen Johann Gottlieb Fichte: Linkisch steht er da in seinem blauen Bauernkittel; und als sozusagen das Eis gebrochen war, da fing er an, die Predigt, wie er sie gehört hatte, zu entwickeln; aber nicht, wie Kinder erzählen, nicht wie aus dem Gedächtnis hinterher die Worte anführend, sondern wie wieder geschaffen! Sodass man sah: Zusammengewachsen war das innere Feuer der Seele mit demjenigen, was ihm von der Kanzel herunter ins Ohr gedrungen war. So ging er auf, schon als Knabe, in dem, was er aus der Welt vernahm, so innig zusammengewachsen zu sein mit dem, das um ihn war. Das war es, was man eben inne wurde, und was ihn zu seiner Weltanschauung führte, [was ihn] so zu seiner Weltanschauung führte, dass er empfand: Was in dem einzelnen Menschen als Wille lebt, das lebt nicht bloß in diesem einzelnen Menschen als Wille, sondern was da im einzelnen Menschen als Wille lebt, das ist wie jener Tropfen, der dem Meere entnommen wird, der aber in seiner Art gleichartig ist mit dem ganzen Meere. Der Wille, den der Mensch in seinem Ich erkennen lernt, der durchpulst, durchlebt und durchwebt als Weltenwille alles Dasein. Und indem der Mensch «Ich» ausspricht, spricht der Weltenwille in ihm.
[ 19 ] So wuchs in seiner Weltanschauung das einzelne Ich zusammen mit dem Weltenwollen. Und wie auf den Flügeln des Willens wellend war ihm dargestellt dasjenige, was aus dem göttlich-geistigen Dasein, aus dem göttlichgeistigen Willensdasein hereinstrahlt, hereinleuchtet in die Menschenseele als Pflicht.
[ 20 ] Pflicht wurde ihm das Höchste, das Bedeutsamste, das, was in einen Menschen als Pflicht hereinkommt — gegenüber der Welt und ihren Erscheinungen gegenüber — als Aufgabe, das war ihm eine unmittelbare Inspiration des göttlichen Willensgeistes, der durch die Welt pulst und webt und west.
[ 21 ] Und so fühlte sich in seinem Willen wie in seinem Ich Johann Gottlieb Fichte eins mit dem Weltendasein. So glaubte er, wenn er sprach, dass er sprechen müsse nicht aus der persönlichen Willkür heraus, sondern aus demjenigen, was sagen will der Gott, der in der Seele sprechen will. Und man kann sich wirklich nicht vorstellen, dass jemand einen stärkeren Ernst haben konnte, als ihn Fichte hatte, wenn er zum Beispiel zu seinen Zuhörern in Jena sprach, versuchte, dasjenige, was er in seiner Seele als Weltengewissheit erlebt hat, an die Seelen dieser Zuhörer heranzubringen.
[ 22 ] Da kam es nicht darauf an, wie die anderen Redner bloß einen gewissen Inhalt, gewisse Sätze mitzuteilen, sodass sie gehört wurden; nein, sondern ihm kam es darauf an, indem er die Rednertribüne bestieg, in seiner Seele etwas zu tragen, wovon er wusste — in wahrer Demut, in aller Bescheidenheit: Da spricht durch mich der durch die Welt waltende Weltenwille; der muss auf den Flügeln meiner Worte in die Seelen meiner Zuhörer hineingetragen werden. Und da muss hergestellt werden diejenige Verbindung zwischen den Seelen meiner Zuhörer und dem göttlich-geistigen Weltenwillen, von dem ich selber durchglüht und durchgeistet bin.
[ 23 ] Und tief saß in seiner Seele — in Fichtes Seele — die Erkenntnis, dass das Tiefste in der Welt von dem Innerlichsten der Seele begriffen werden müsse. Dafür wiederum eine kleine Erzählung, die bekannt ist denjenigen, die sich mit Johann Gottlieb Fichte befasst haben, wie er an seine Zuhörer zum Beispiel folgende Zumutung stellte. Wie unmittelbar persönliche Verbindung mit den Zuhörern erstrebend, sagte er zum Beispiel: Meine Herren, denken Sie die Wand. — Da dachten die Leute an die Wand; es war ihnen leicht. Nachdem er eine Weile sie so die Wand hatte denken lassen, da sagte er: Und nun denken Sie den, der eben die Wand gedacht hat! — Da waren die Leute schon etwas sonderbar berührt; sie wussten nicht recht, was sie machen sollten; sie waren auf ihr eigenes Innere verwiesen. Sie sollten erkraften, erstarken in sich ihr eigenes Innere, dasjenige, was als etwas unpersönlich Geistiges die Welt durchwebt und durchwellt.
[ 24 ] So suchte er heranzukommen an die Zuhörer. Und dabei waren seine Worte nicht gewöhnlich geprägte Worte. Leute, die ihn gut kannten, sagten: Seine Rede rollt daher wie der Donner, und seine Worte entladen sich wie in einzelnen Blitzen. — Er suchte nicht bloß gute, er suchte große Seelen zu erziehen.
[ 25 ] Und ein anderer sagte von ihm: O, bei Fichte ist es so, dass er im Reich der unsichtbaren Gedankenwelt lebt und webt; nicht wie einer, der drinnen wohnt, sondern wie einer, der diese unsichtbare Welt beherrscht.
[ 26 ] Aus solchem Geiste heraus war es, dass Fichte dann 1811 bis 1813 in seinen Berliner Vorträgen Dinge sagte, die wohl nicht oft vor einem Hochschul-Zuhörerkreis ausgesprochen worden sind. Da sprach er von einem «neuen Sinn», von einem geistigen Sinn, der notwendig ist für den Menschen, wenn er das Ewige gegenüber dem Zeitlichen kennenlernen will. Da sprach er davon, indem er verglich diesen Sinn mit einem anderen, der als Sinn im gewöhnlichen Leben walte, er sagte: Meine Herren Zuhörer! Wenn eine einzige Seele — er meinte Fichtes Seele — unter eine Anzahl von Menschen träte, die alle Fichte nicht sehen können, und niemals Fichte haben sehen können — würden Sie nicht dasjenige, was er Ihnen zu sagen hat, für eine Phantasterei erklären? So aber ist es mit alle dem, was eure Sinne sehen können, gegenüber demjenigen, was der Mensch schauen kann, wenn er den neuen Sinn — wie Fichte es nannte —, die geistige Anschauung sich eröffnet durch die ihm eine neue Welt aufgeht.
[ 27 ] Ein echt geisteswissenschaftliches Streben wird hier aus dem deutschen wissenschaftlichen Streben heraus entwickelt! Und Fichte sagte, indem er sich bewusst war des Gegensatzes dieses seines deutschen Strebens zum romanischen Streben in Bezug auf Erkenntnis, Fichte sagte: Dieses Streben, das ist ein Streben, das aus dem Urquell des Lebendigen hervorgeht, und das nicht begründen will bloß eine Erkenntnis des Toten.
[ 28 ] Noch eingehender, als das Fichte in der Lage war zu tun, kann man hinweisen auf gewisse westliche Ewigkeits-Ansichten, an denen sich so recht zeigt, wie anders Fichte dasteht in der Weltentwicklung der Menschheit als zum Beispiel ähnliche Geister aus dem romanischen, französischen Volkstum heraus. Man nehme den im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts in Frankreich tätigen, ausgezeichneten Philosophen Descartes, Cartesius. In einer ähnlichen Weise wie Fichte will er ausgehen von dem, was in der Seele webt: «Ich denke, also bin ich» — «Cogito ergo sum». Aber was stellt es dar? Ein Streben, mit dem Verstand sich klar zu werden über dasjenige, was man schon hat. Fichtes energische Tätigkeit strebt, in der Seele etwa zu entwickeln, was man noch nicht hat, um die eigentlichen, tiefen Geheimnisse der Welt zu erkennen. Und man braucht nur eines zu erwähnen, das besonders stark bei Cartesius, bei Descartes zutage tritt. Descartes versuchte auch von dem Innern seines Geistwesens aus, von dem Innern des menschlichen Geistwesens aus Klarheit zu gewinnen über die Natur. Über dasjenige, was um uns herum ist. Aber nicht von dem Lebendigen geht er aus und kann daher auch nicht zu dem Lebendigen kommen. Und charakteristisch für Cartesius, für Descartes, ist es, dass er nicht nur die anderen Naturerscheinungen, sondern die Tiere als leblose, als bewegte, seelenlose Maschinen ansieht. Das ist kein Übertreiben, das ist echte Descartes’sche Theorie: Nur der Mensch, der in sich selber eine Seele erlebt, hat eigentlich im wahren Sinne des Wortes eine Seele. Die übrige Natur ist seelenlos.
[ 29 ] Man vergleiche mit diesem Hinschauen auf die Natur als auf etwas Seelenlosem, man vergleiche das unmittelbar Lebendige bei Fichte: Die Seele des Menschen steht darinnen in dem göttlichen Willen, der die Welt durchpulst und durchwebt. Die äußeren Dinge sieht er an, aber er sieht sie so an, dass der Mensch dazu berufen ist, in den äußeren, stofflichen Dingen das zu sehen, worin er den göttlichen Willen anzusehen hat ... ... ... und überall lebend, überall beseelt.
[ 30 ] Es wird die Zeit kommen, sehr verehrte Anwesende, wo man wohl hinhören wird auf diese Unterschiede zwischen den einzelnen Völkern, weil fruchtbar werden muss die Erkenntnis dieser Unterschiede solcher hervorragenden Geister. Wir Deutschen haben nicht nötig, all das nachzuweisen, was wir jetzt hörten von mancher hervorragenden Persönlichkeit auf feindlicher Seite. Wir Deutschen haben nicht nötig, einzustimmen in den Ton nicht nur der Verkennung, sondern der Verleumdung des deutschen Geisteslebens, wie wir ihn überall hören können. Aber wir haben wohl Veranlassung, in das Eigentümliche, in das Wesenhafte des deutschen Geisteslebens selber einzudringen.
[ 31 ] Und dann, wie den Folger Fichtes sehen wir dastehen vor uns, ebenfalls verkannt, aber als eine Persönlichkeit, die schon ihre Auferstehung feiern wird, Joseph Wilhelm Schelling. Schelling, er steht nicht so da wie Fichte. Das eben ist das Bedeutende im deutschen Geistesleben, diese Vielseitigkeit, diese Mannigfaltigkeit. Nicht so steht er da, wie Fichte; Fichte steht da wie aus dem Schauen der Einzelpersönlichkeit heraus gewahr werdend den die Welt durchpulsenden und durchwebenden Weltenwillen. Aus dem Willen heraus wirkt die ganze Persönlichkeit Fichtes. Aus dem Gemüte, aus diesem deutschen Gemüte heraus — für das die anderen Sprachen des Westens nicht einmal eine wörtliche Übersetzung haben —, aus diesem deutschen Gemüt heraus schafft Schelling seine, nur scheinbar schwer verständliche, großartige Natur- und Geistesanschauung.
[ 32 ] Da ist die Natur vor den Augen Schellings nicht etwa irgendetwas Totes, irgendetwas bloß Mechanistisches; sondern da ist die Natur dasjenige, was aus denselben Kräften heraus im Laufe von Jahrtausenden und Jahrtausenden geschaffen worden ist, aus denselben Kräften heraus, die die menschliche Seele in sich fühlt, wenn sie so recht in sich geht. Und da sieht Schelling hin auf diese Natur, und er kann sich sagen: Dasjenige, was da draußen lebt und webt in der Natur — dieselben Menschenseelenkräfte, die jetzt zum Sein kommen in den Menschenseelen, die haben das geschaffen, haben sich einen Boden geschaffen, eine Vorbereitung geschaffen; sodass sie sich erheben können und verinnerlichert erscheinen können im menschlichen Gemüt, in der menschlichen Seele.
[ 33 ] Und so wachsen zusammen Seele und Natur so für Schelling, dass er den gewiss einseitigen Satz prägt: Die Natur erkennen, heißt: die Natur schaffen!
[ 34 ] Es kommt ja auch gar nicht darauf an, dass man diesen großen Menschen gegenüber Anhänger oder Gegner wird, sich einverstanden oder als Gegner erklärt gegenüber demjenigen, was diese großen Geister ausgesprochen haben; das kann heute sogar kindlich erscheinen; darauf kommt es nicht an; sondern darauf kommt es an, diese Persönlichkeiten anzuschauen, und in ihren Persönlichkeiten, ihrem Geistesstreben das Beste anzuschauen. Es darf nicht sein ein Nachsprechen dessen, was einer gesprochen hat aus dem Geiste seiner Zeit heraus, sondern ein sich selber erstarken und erkraften in Bezug auf die eigenen Seelenkräfte, um vielleicht heute etwas ganz anderes zu bilden aus dem, was Fichte geben kann, als was Fichte gegeben hat.
[ 35 ] Wenn man so sieht, wie diejenigen, die Schelling, Friedrich Joseph Wilhelm Schelling gehört haben — ich habe selber noch Leute kennengelernt, die ihn im Alter gehört haben, und die durchaus das bestätigt haben, was diejenigen zu sagen wussten, die Jüngling waren mit dem Jüngling Schelling, als Schelling am Ende der Neunzigerjahre des achtzehnten Jahrhunderts an der Universität Jena. So sprachen sie etwa — ich erzähle Ihnen dasjenige, was zum Beispiel Schubert, der selber ein tiefer Geist war, [der] eindringen wollte in die Tiefen der Menschenseele, was Schubert, als er gehört hat Schelling in Jena, in seinen Tagebüchern aufgeschrieben hat: Wenn einer an einigen Nachmittagsstunden kam eines Wochentags, so sagt Schubert, so sah man in Jena ein bewegtes Leben. Dieses bewegte Leben kam aber nicht von irgendeiner dort häufigen Feier, nicht von irgendeiner anderen Zusammenkunft; sondern dies bewegte Leben war deshalb, weil die Stunde nahte, wo nicht nur Studenten, sondern gereifte Männer aller Berufsarten in Schellings Hörsaal gingen. Weiter sagt Schubert: Der persönliche Eindruck, den Schelling machte, er ist ein großer, ein gewaltiger gewesen. Es kam ihm vor, wenn Schelling sprach, als ob er dastünde und sein geistiges Sinnen unmittelbar in Verbindung stünde mit der geistigen Welt und seine Worte so geprägt würden, dass er dasjenige, was er zu sagen hatte, herausfasste aus dem, in das er hineinschaute: in die geistige Welt.
[ 36 ] Wirkte Fichte als ein kraftvoller Mensch, als ein kraftvoller Vertreter des deutschen Wesens — Schelling wirkte wie der Erzieher, der philosophische Erzieher, der seinen Zuhörern so vorkam wie umflossen von einer Aura der Geistigkeit, die er mitzuteilen wusste schon als Jüngling denjenigen, die ihm zuhörten. Und denjenigen, die ihn im Alter hörten — wie gesagt, ich kannte selber noch solche —, [die] versicherten, dass aus dem im Alter noch immer funkelnden Auge das unmittelbar Persönliche der Natur sprach, das sich ihm ergab in die Mitteilungen hinein, die er nicht aus verständiger Weisheit heraus, doch aus einem innerlichen Schauen der geistigen Welt heraus der Menschheit zu geben suchte. Und Schelling spricht von den sogenannten [intellektuellen] Anschauungen. Damit haben wir in seiner Art das Wort geprägt für den neuen Sinn, für den Geist-Sinn, den geistigen Sinn, der im Menschen erweckt werden kann, und in die geistige Welt hineinzuschauen vermag. Mag einseitig sein die Art, wie Schelling von diesem Geistsinn spricht — dass innerhalb des deutschen Geisteslebens mit solchem Ernst davon gesprochen werden konnte, das gehört zu den bedeutsamsten Blüten des Geisteslebens, denen gegenüber man in richtigem Sinne fühlen muss.
[ 37 ] Der Dritte, der in Betracht kommt unter denjenigen, die den Weltanschauungsgrund geschaffen haben, aus dem Goethes «Faust» und die anderen Kunstwerke hervorgegangen sind, das ist Hegel. In Hegel bemerken wir wiederum, wie er darnach strebt, in dem, was die Seele in sich als Einzelseele erlebt, nachzuerleben dasjenige, was die Welt durchwebt, was die Welt durchpulst. Aber hat Fichte das gesucht im Willen, Schelling im Gemüte — Hegel sucht es im reinen, sinnlichkeitsfreien Gedanken. Und wenn der Gedanke ganz rein wird, wenn der Gedanke sich nicht anlehnt an dasjenige, was die Sinne äußerlich beobachten, sondern wenn der Gedanke sich schafft als freier Gedanke aus der Seele heraus, dann ist es für Hegel nicht diese Menschenseele allein, die da denkt, sondern dann ist es für Hegel das göttliche Weltenwesen, das in die Seele hereindringt und das seine Weltengedanken, die die Dinge draußen entstehen ließen, nun in des Menschen Seele als das Licht der Seele selber entzündet.
[ 38 ] Da haben wir in Hegel eine merkwürdige Art von Mystik, die [nicht] in dunklen Gefühlen schwelgen will, nicht eine Mystik, die nur in der Empfindung leben will, weil sie glaubt, in der Empfindung allein dichter zusammen zu sein mit den Weltengeheimnissen als im Denken. Wir haben eine Mystik in Hegel, die verstandesklar ist und dennoch nicht verstandesoberflächlich ist, eine Mystik, welche durchleuchtet ist von dem Lichte der Ideen, von dem Lichte des Gedankens. Aber solche Gedanken sucht Hegel in seiner Seele lebendig zu machen, die wirklich den Menschen mit den göttlichen Gedanken zusammenbringen. Ich möchte sagen: mystisch, aber nicht mystische Dunkelheit, sondern mystisches Licht, mystische Helle.
[ 39 ] Hegel hat zwar sich gewendet dagegen, dass der neue Sinn, der innere Sinn etwas werde, was der Mensch nur durch eine besondere Anlage erhalten könnte; und deshalb tadelte er Schelling, der von der [intellektuellen] Anschauung sprach. In gewisser Beziehung hatte Hegel recht, denn für jeden Menschen — Sie brauchen das nur nachzulesen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» —, für jeden Menschen ist dieser neue Sinn, wenn er nur entwickelt werden will, erlangbar. Und dieser neue Sinn, er lebt im Grunde genommen am schönsten, am herrlichsten in demjenigen Manne, in dem Deutschen, zu dem Fichte, als er ihm zeigte — 1794 seine scheinbar so dunkle, willkürliche Lehre, schrieb: In die Geistigkeit Ihres Gefühles webt sich hinein philosophisches Streben, wie jedes reine philosophische Streben; denn diese reine Geistigkeit Ihres Gefühles ist eigentlich Probierstein. — So schrieb 1794 Fichte an Goethe.
[ 40 ] Und Goethe selbst sprach ja in dem schönen Aufsatz, den er nennt «Anschauende Urteilskraft», davon, dass es nicht bloß eine Anschauung geben könne der Welt, die auf die äußeren Sinne gebaut ist, sondern so, wie die Urteilskraft sonst nur über die äußeren Sinneserlebnisse eben urteile, so könne die Urteilskraft in sich selber einen Impuls entwickeln, der ein innerliches Leben entfaltet, sodass sie schaut das Geistige, wie die Sinne das Sinnliche schauen.
[ 41 ] Kant, er hatte noch dieses innere Schauen, dieses Schauen des Geistigen durch den Menschengeist, des göttlichen Geistes durch den Menschengeist, Kant hatte noch dieses «ein Abenteuer der Vernunft» genannt. Goethe sagte: So wollen wir dieses Abenteuer der Vernunft mutig bestehen! — Und aus diesem inneren Sinn heraus ist ja auch alles dasjenige geschaffen, was Goethe der Wissenschaft darbieten wollte. Und Goethe, er hat in seinen gerade wissenschaftlichen und Erkenntnis-Kämpfen am deutlichsten gezeigt, wie deutscher Geist anders die Welt auffassen muss als westlicher Geist.
[ 42 ] In früher Jugend schon trat Goethe entgegen dasjenige, was innerhalb der französischen Weltanschauungsentwicklung die Descarte’sche Weltanschauung geworden war. Hat Descartes noch die Tiere als Maschine betrachtet — de La Mettrie hat bereits das Buch geschrieben «Der Mensch eine Maschine»! Mechanistische Weltanschauung, sie ist diejenige, die im französischen Volkstum wurzelt, mechanistische Anschauung der Welt, Anschauung der Welt als ein Mechanismus.
[ 43 ] Und als diese Weltanschauung an den jungen Goethe herangetreten ist, hat er aus seiner deutschen Weltanschauung heraus gesagt: Da bringen sie uns nun Atome, die sich gegenseitig stoßen; diese große Weltmaschine. Wenn sie uns wenigstens erklären würden, wie die schöne, mannigfaltige Welt aus diesen sich stoßenden Atomen entstehen kann. Aber nachdem sie uns gezeigt haben, wie die Atome sich stoßen und drängen, dann erklären sie nichts weiter darüber!
[ 44 ] Nun, bis in unsere Tage herein hat sich ja dieses Streben im Mechanismus erhalten. Mechanistisches Weltbild, das ist dasjenige, was eigentlich französisches Weltenbild ist. Selbstverständlich, sehr verehrte Anwesende, soll nicht der einzelne Angehörige eines Volkes damit getroffen werden; die Individualität kann sich erheben über das Volkstum, über dasjenige, wovon gesprochen worden ist, was aus dem Charakter, aus der inneren Natur des Volkstums hervorgeht. Und da glaube ich, dass das Richtige getroffen ist. Ich möchte einmal die Stimme eines Mannes vernehmen lassen, die Stimme eines Mannes, der vielleicht gehört werden kann, wenn man gerade das Streben des französischen Volkstums nach wissenschaftlicher Weltanschauung hin in Betracht zieht. Dieser Mann sagt:
«Durst nach Wahrheit ist keine französische Leidenschaft. Mehr als das Wesen gilt der Schein, die Schale mehr als der Kern, die Form mehr als der Stoff, Glänzendes mehr als Fruchtbares, die öffentliche Meinung mehr als das Gewissen. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt des Franzosen nicht in ihm selbst liegt, sondern in den anderen, in der großen Menge. Individuen sind Nullen; die Ziffer, die sie zur Zahl gestaltet, kommt von außen dazu: Das ist der Souverän, der Schriftsteller des Tages, die gelesenste Zeitung, mit einem Worte der augenblickliche Herr der Mode. All das lässt sich aus einer übertriebenen Geselligkeit ableiten, sie erstickt in der Seele den Mut, Widerstand zu leisten, die Urteilsfähigkeit, die persönliche Überzeugung, den Kultus des Ideals.»
[ 45 ] Das hat nicht ein Deutscher einseitig aus einseitigem nationalem Empfinden heraus geschrieben, sondern das hat, sehr verehrte Anwesende, 1875 Amiel, Henri Frederic Amiel, der französische Schweizer an der Genfer Universität geschrieben! Er konnte es wissen als einer, der zwar das deutsche Geistesleben tief kennengelernt hat, aber den seine Blutsbande mit dem französischen Geistesleben zusammenbanden. Und 1862 schon schrieb Amiel Folgendes nieder:
«Ich empfinde Gemeinsames mit einem Goethe, Hegel, Schleiermacher, Leibniz, die unter sich doch verschieden genug sind, während mich die französischen Philosophen, Schönredner oder Mathematiker trotz ihrer großen Eigenschaften kaltlassen, weil sie die Summe allgemeinen Lebens nicht in sich tragen, nicht die ganze Wirklichkeit beherrschen, mich knebeln oder misstrauisch machen. Was den Franzosen fehlt, ist unmittelbare Erkenntnis der lebendigen Einheit, Sinn für das Heilige, Gefühl für die Geheimnisse des Seins; was ihnen eignet ist die Begründung von Spezialwissenschaften, die Kunst, ein Buch zu machen, es ist Stil, Höflichkeit, Grazie, Geist der Ordnung, Ichrhafte Kunst, Disziplin, Eleganz, Wahrheit im Einzelnen, Inszenierung, Bekehrungseifer, Stärke in praktischen Schlussfolgerungen. Aber für den Weg durch Inferno und Paradies bedarf man anderer Führer; sie haften auf der Erde, in der Region des Endlichen, Wechselnden, Historischen, Begrenzten. Mechanismus und Dualismus sind die Gipfelpunkte ihres Gedankenfluges. Um aus diesem Kreis heraustreten zu können, müssen sie sich Gewalt antun.»
[ 46 ] Man möchte eben nicht einseitig darstellen, nicht aus nationalen Empfindungen heraus; daher muss man schon so etwas wählen, was einer sagt, der es aus seiner Verbundenheit, aus seiner Blutsverbundenheit mit dem französischen Volkstum selber sagt.
[ 47 ] Aber die Zeit ist gekommen, in der ebenso wie andere Dinge, objektiv erkannt werden muss das Verhältnis der einzelnen Volkselemente untereinander. Und vermag man einmal so etwas, wie Fichte es geschaffen hat — Fichte, dem dasjenige, was außen in der Sinnenwelt lebt, gewissermaßen das verstaatlichte Feld der Pflicht ist —, vergleicht man das mit demjenigen, was in der britischen, in der englischen Weltanschauung lebt, da braucht man nur hinzuweisen, wo man will, man nehme den alten Baco von Verulam, der nichts gelten lassen will als dasjenige, was äußerlich die Sinne sehen — alles übrige ist ihm ein «Idol»; und sein Buch über die Idole will geradezu beweisen, dass dasjenige, was der Mensch fassen kann in seiner Seele, über die Sinnlichkeit hinaus keine objektive Geltung habe. Und man gehe herauf über Spencer und all die, welche ähnlicher Auffassung sind, bis in die neueste englische Weltanschauung herauf, [man gehe herauf zu dem,] das aus englischer Auffassung heraus ausgestaltet worden ist: Pragmatismus nennt sie sich. Was ist dieser Pragmatismus? Er ist nicht etwas, das für uns Deutsche gilt. Für uns Deutsche ist, dass es so wäre, wie bei Fichte, Schelling, Hegel, etwas, was die Wahrheit erlebt, und indem [der Deutsche] die Wahrheit erlebt, lebt er sich zusammen mit dem Weltengeist. Aber eine Vorstellung von dem objektiven Weltengeist haben die romanischen Völker und die britischen überhaupt nicht. Das ist etwas, was erst in der Zukunft voll erkannt werden wird. Wahrheit [...] ist etwas, was in der Seele entsteht dadurch, dass diese Seele zusammenwächst mit dem Weltengeist selber. Dann trägt die Seele diese Wahrheit an die äußeren Dinge heran, und die äußeren Dinge werden zur Offenbarung der geistigen Wahrheit. Was sind sie für den Pragmatismus, für dieses pragmatische Produkt einer Weltanschauung? Karikatur! Ich sage das, wie gesagt, aus reiner Tatsächlichkeit heraus, nicht aus irgendeiner Antipathie. Für diesen Pragmatismus ist die Wahrheit nur insofern von Wert, als man Begriffe, Ideen verbindet im Geistigen, die eigentlich nur Klammern, nur Bänder sind, welche die äußeren sinnlichen Tatsachen zusammenbinden, sodass man sich zurechtfindet in der äußeren Sinneswelt. Wahrheit hat an sich selber keine Bedeutung, hat an sich selber keinen Wert.
[ 48 ] Der Mensch zum Beispiel, er begeht eine Handlung; er hat Gedanken. Das alles drückt sich aus. Wir suchen für die Gedanken die Seele, für die Handlungen. Die Seele ist uns ein reales Wesen. Und indem wir mit der Wahrheit zusammenwachsen, wird uns die Seele selber eben eine Wirklichkeit, [sie] wird als Wirklichkeit ergriffen.
[ 49 ] Für den Pragmatismus ist die Seele ein Begriff, den man sich bildete, um sich zu orientieren, um die sonst auseinanderfallenden Gedanken des Menschen wie mit einer Klammer zusammenzuhalten. Wahrheit ist dasjenige, was einem nützt, wenn man die Welt begreifen will. — Auf den Nutzen hin bildet [der Pragmatiker] sich Begriffe und Ideen, damit er sich in der Welt zurechtfinden kann.
[ 50 ] Man braucht nur mit diesen Dingen zu vergleichen dasjenige, was im gekennzeichneten Gipfel des deutschen Geistesleben lebt, und man wird einen Begriff erhalten können von der geistigen Weltstellung des Deutschen innerhalb der Entwicklungsgeschichte der Menschheit.
[ 51 ] Aber nun kommt etwas anderes. Wenn man Fichte, Schelling und Hegel betrachtet, sie sind große, bedeutende Geister, Genies; sie stellen von drei verschiedenen Seiten, von der Seite des Willens, von der Seite des Gedankens, von der Seite des Gemütes das Zusammengehen des Menschen mit den Weltengeheimnissen dar. Wenn man heute noch meint — und übrigens: Die meisten meinen das ja, dass es so sein müsse —, dass sie schwierig [zu lesen und verstehen] sind, so darf ich wohl meine Überzeugung dahin aussprechen, dass es eine Möglichkeit gibt, das, was diese Geister geleistet haben, in einer solchen Form darzustellen, dass es das einfachste Gemüt, wenn es nur will, begreifen kann, um was es sich handelt. In der Schule schon können diese Geister fruchtbar gemacht werden; [dass sie dort nicht fruchtbar gemacht werden können], das ist nur ein Vorurteil. Aber das Eigentümliche, das einem entgegentritt, wenn man diese Geister betrachtet, sehr verehrte Anwesende, das ist, dass sich in ihrer Dreiheit etwas wie eine über ihnen schwebende Einheit geltend macht! Man hat das Gefühl, auf dreierlei Art spricht sich etwas aus, was unsichtbar über den dreien waltet. Es ist das, was man nennen möchte: der deutsche Volksgeist selber.
[ 52 ] Amiel — wiederum der französische Schweizer — hat etwas davon empfunden, dass der deutsche Volksgeist selber es erstreben will, in den Seelen zusammenzuwachsen mit dem innerlichsten Grund der Dinge. Daher sagt Amiel:
«Vielleicht ist nur dem germanischen Geist das Bedürfnis eigen, aus sich selbst heraus zu denken, nach dem Urgrund der Dinge zu forschen.»
[ 53 ] Weiter sagt daher Amiel:
«Es geht der deutsche Geist wie das gemeinschaftlich Inspirierende in diese charakteristischen Persönlichkeiten über; er spricht durch sie.»
[ 54 ] Daher konnte es kommen, sehr verehrte Anwesende, dass tatsächlich Persönlichkeiten kamen, Persönlichkeiten, deren Wirken heute zum größten Teil vergessen ist — daher darf ich heute sprechen, indem ich dieses wieder aufrollen möchte wie von einem verklungenen, vergessenen Streben der deutschen Gedankenentwicklung —, Persönlichkeiten, die heute zum großen Teil vergessen sind, sie treten nach den eben angeführten großen Persönlichkeiten auf. Und das Eigentümliche ist, dass, während diese Persönlichkeiten, nach den drei Großen, kleinere Geister sind, weniger genial, dass sie sogar auf dem Gebiet nach dem Suchen des Geistes größere Leistungen, eindringlichere Leistungen als die Großen, die ihnen vorangegangen waren, aufweisen. Selbstverständlich braucht man die Anregung der Großen; aber die Kleineren, die nachkommen, sie leisteten aus dem einmal innerhalb der deutschen Geistesentwicklung Angeregten meist Größeres, wenigstens Eindringlicheres. Sie stehen näher dem inneren Suchen der Seele nach der konkreten geistigen Welt, nach dem Suchen der geistigen Wesenheiten, die man finden kann mit dem charakterisierten Sinn, so wie man findet durch die äußeren Sinne konkrete äußere Naturgegenstände und Naturtatsachen.
[ 55 ] Und da ist zu nennen unter diesen kleineren Geistern der Sohn des großen Johann Gottlieb Fichte: Immanuel Hermann Fichte. Gewiss gibt es nicht viele, die sich heute noch mit diesem Immanuel Hermann Fichte beschäftigen; aber Immanuel Hermann Fichte — um nur das von ihm zu erwähnen —, er steht bereits da so, dass er sagt: Der Mensch, den wir betrachten mit den äußeren Sinnen, der Mensch, der aus Fleisch und Blut aufgebaut ist [, ist] in Bezug auf seinen Stoff und seine Kräfte gebunden an das vergängliche Irdische. Aber in diesem Menschen ist ein anderer Mensch. Jener andere Mensch — ich habe ihn früher hier in diesen Vorträgen erwähnt. Man lacht heute noch vielfach darüber. Man wird nicht immer lachen! Jener andere Mensch, den schon Immanuel Hermann Fichte den «ätherischen Menschen» nennt, ist ein übersinnlich-höherer Mensch, der gewisse höhere Kräfte hat, durch die er ebenso verbunden ist dem EwigGeistigen des Daseins, dem ganzen Universum, wie hier sein vergänglicher Leib an die physisch-sinnlichen Kräfte der Erde gebunden ist. Und der ätherische Leib, den Hermann Immanuel Fichte annimmt, der baut erst den physischen Leib auf!
[ 56 ] Und ein anderer Geist kann vor uns auftreten, wiederum mehr oder weniger vergessen, aber deshalb nicht weniger bedeutsam und nicht weniger charakteristisch für die innerste Freiheit und für die innerste Stärkung der Kräfte des deutschen Geisteslebens: das ist Troxler. Wer kennt ihn heute noch? Aber wie steht er vor dem, der ihn kennenlernte! Troxler, in den 1840er-Jahren hat er seine schönen Vorlesungen über eine Weltanschauung geschrieben. Darinnen sehen wir betont, immer wieder und wiederum betont, wie in dem Menschen, der sinnlich vor uns steht, ein geistiger Mensch drinnen lebt, ein geistiger Mensch, der ebenso eine geistige Welt um sich herum hat, wie der sinnliche Mensch die sinnliche Welt um sich herum hat. Troxler spricht von Fähigkeiten, die die Seele hat, die nur im gewöhnlichen Leben verborgen sind. Troxler spricht von dem, was er nennt den «übergeistigen Sinn».
[ 57 ] Was meint er damit? Wenn Troxler von dem übergeistigen Sinn spricht, so meint er damit, dass nicht diejenigen Sinne, die wir gewöhnlich so nennen, und die verschiedene Organe haben, die einzigen Wahrnehmungsorgane des Menschen sind; sondern dass der Mensch mit neuen Organen, mit neuen Sinnen, mit rein geistigen Sinnen eine andere Welt wahrnehmen kann, die ebenso inhaltsvoll ist wie die äußere physische Welt.
[ 58 ] Ich habe auch hier schon einmal gesagt, es glaubt heute vielfach ein jeder, der nur davon spricht: Es gibt eine geistige Welt im Allgemeinen. Und [derjenige,] der ein paar pantheistische Begriffe hinpfahlt, der glaubt, von einer geistigen Welt zu reden — Geist, Geist und wieder Geist —, [und pfahlt doch nur abstrakte Begriffe hin]! Geisteswissenschaft spricht von den einzelnen geistigen Wesen, die geschaut werden können; geradeso, wie man auch nicht der äußeren physischen Natur gegenüber sagt immer nur: «Natur, Natur, Natur!», sondern «Lilien, Tulpen, Nelken» und so weiter. Konkret, vereinzelt zeigt man, was die physische Natur einzeln hervorbringt. So kann man auch zeigen, was die geistige Natur vereinzelt zeigt. So meint Troxler, wenn er von dem «übergeistigen Sinn» spricht. Und dann spricht er von dem «übersinnlichen Geist», der nicht von der Sinnlichkeit abhängig ist, sondern der sich weiß innerhalb der Geistigkeit, der als Leib sich erfühlt, erspürt innerhalb der Geistigkeit.
[ 59 ] Aber noch tiefer geht Troxler ein auf diesen geistigen, auf diesen höheren Menschen, der durch Geburten und Tode geht. Und da ist es nun wunderschön, wie Troxler bestimmt — nicht abstrakt, unbestimmt —, bestimmt auf den höheren Menschen eingeht. Wenn das auch ein verklungener, ein vergessener Ton in der deutschen Gedankenentwicklung ist: Er lebt darin. Und ob man das bemerkt, was da lebt oder nicht, darauf kommt es gewiss für die Erkenntnis an; aber wenn man es auch nicht bemerkt hat: Es lebt in der deutschen Gedankenentwicklung, und es wird schon auch bemerkt werden! Es wird schon seine Auferstehung feiern als eine eigentliche Geisteswissenschaft!
[ 60 ] Da sieht Troxler, dass in der Menschenseele, insofern sie sich erlebt zwischen Geburt und Tod in der äußeren Leiblichkeit, drei Kräfte leben — als die schönsten Kräfte nach Troxlers Anschauungswelt. Da ist zuerst die Glaubenskraft — dasjenige, was der Mensch als Glaubenskraft hat. Dasjenige, was der Mensch [zweitens] als Liebekraft hat, er hat es als Kraft seiner Seele, aber in der Seele, insofern sich diese Seele im Leibe darlebt. Hinter der Glaubenskraft aber steht für die Seele selber eine andere, höhere Kraft, und die nennt Troxler das geistige Hören. Das heißt: Er glaubt, dass der Mensch hier im physischen Leibe entwickeln kann die äußere Ausgestaltung, gleichsam die Hülle für ein geistiges Hören, durch das der Mensch, wenn er sich dessen bewusst wird, die Sprache der geistigen Wesen vernehmen kann, die von den ewigen Geheimnissen des Daseins reden. So erscheint der Glaube als die äußere Hülle einer viel tieferen Kraft, einer Ewigkeitskraft im Menschen. Das geistige Hören ist die Liebe, [die Liebeskraft, die als das Schönste, als die größte Blüte des menschlichen Seelenlebens im Leibe sich äußert]. Sie ist trotzdem für Troxler nur der äußere Ausdruck für die geistige Tastkraft, für die geistige Fühlkraft. Derjenige, der liebt, hat die schönste Blüte des Menschendaseins auf Erden. Bei dem ist die Liebe die Hülle für die Kräfte, deren er sich bewusst werden kann, die im Stoffe die Geistorgane so ausstrecken, dass er berühren kann die geistige Welt, wie er mit den physischen Berührungssinnen die physischen Dinge berührt.
[ 61 ] Und das, was als Hoffnungskraft in uns lebt, das ist wiederum die Hülle für Troxler, die Schaukraft für das geistige Anschauen.
[ 62 ] Sodass Troxler einen höheren Menschen in dem gewöhnlich Menschen schaut — einen höheren Menschen, der ebenso ein Geistgehör hat wie der physische Mensch ein sinnliches Hören; [der ebenso] ein geistiges Fühlen hat wie der physische Mensch ein physisches Fühlen und [der] ein geistiges Schauen hat, eine geistige Seele. Und dass wir schauende, liebende und hörende Menschen im Leibe sein können, das ist für Troxler deshalb, weil, indem wir durch die Pforte des Todes gehen, unsere Seele hinausgeht aus dem Leibe. Glaubenskraft erscheint dann als Geistgehör, Liebekraft als Geistberührung, Hoffnungskraft als geistige Schkraft.
[ 63 ] Aus solchem Geiste heraus spricht Troxler auch das Folgende sehr schön aus. Er weiß, mit dem Fühlen steht man menschlich seelisch den Dingen näher, als mit dem bloßen abstrakten Verstande. Aber man kann solche Gedanken entwickeln, welche ebenso nahestehen dem unmittelbaren Erleben des Dinges, wie sonst die Gefühle. Auch nicht eine Gefühlsduselei als Mystiker sucht Troxler. Das ist dem eigentlich deutschen Wesen fremd! Jenes Verschwebende, Verschwimmende einer gefühlsduselnden Mystik, das ist nicht dem deutschen Wesen eigen; das ist auch Troxler fremd. Aber Troxler spricht dennoch von «erfühlten Gedanken» — von Gedanken, die wie Gefühle als Gedanken in der Seele leben. Von «intelligentem Fühlen» spricht er, und von sensiblen Gedanken — Gedanken, die wie berühren das geistige Leben!
[ 64 ] Ganz erfüllt ist Troxler von einer solchen Anschauung. Und einmal spricht er davon, wie er sich im Einklang fühlt durch eine solche Anschauung mit dem gesamten Geistesleben des deutschen Volkes insofern dieses Geistesleben in nachchristlichen großen Persönlichkeiten aufgetreten ist. Da sagt Troxler einmal — ich will Ihnen diese Worte selber vorlesen:
«Schon früher haben die Philosophen einen feinen, hehren Seelleib unterschieden von dem gröberen Körper ... eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere höhere Mensch war ... In der neuesten Zeit selbst Kant in den Träumen eines Geistersehers träumt ernsthaft im Scherze einen ganzen inwendigen seelischen Menschen, der alle Gliedmaßen des auswendigen an seinem Geistesleib trage. Lavater dichter und denkt ebenso; und selbst, wenn Jean Paul humoristisch über das Bonner’sche Unterziehröckchen und das Platner’sche Seelenschnürleibchen scherzt, die im gröberen Körperüberrock und Marterkittel stecken sollen, so hören wir ihn doch auch wieder fragen: «Wozu und woher wurden diese außerordentlichen; Anlagen und Wünsche in’üns:gelegt; die: bloß wie verschluckte Diamanten unsere erdige Hülle langsam verschneiden? ... In den steinernen Gliedern»
[ 65 ] des Menschen
«wachsen und reifen seine lebendigen nach einer uns unbekannten Lebensweise ... Wir könnten»
[ 66 ] sagt Troxler weiter —
«noch eine Unzahl ähnlicher Denk- und Dichtweisen anführen, welche am Ende nur verschiedene Anschauungen und Vorstellungen sind, in welchen ... die wahre, einzige Lehre von der Individualität und Unsterblichkeit des Menschen enthalten» ist.
[ 67 ] Auch Troxler spricht davon, dass auf dem von ihm gesuchten Erkenntniswege eine Wissenschaft vom Menschen möglich ist, durch die — um seine eigenen Ausdrücke zu gebrauchen — der «übergeistige Sinn» im Verein mit dem «übersinnlichen Geist» die übersinnliche Wesenheit des Menschen in seiner «Anthroposophie» erfassen.
[ 68 ] Wie Troxler diese [einzelnen Persönlichkeiten] anführt, so könnte man viele anführen, die ganz aus dem Wesen des deutschen Volkstums heraus den Weg suchten zu der wirklichen, wahren geistigen Welt. Und vor Troxler[s innerem Auge] stand eine gewisse Wissenschaft. Er dachte so: Wenn der Mensch mit seinen Sinnen den Menschen selber betrachtet und mit dem Verstande, der an die Sinne gebunden ist, diese Betrachtung sich erklärt, dann entsteht Anthropologie — Menschen-Wissenschaft der Sinne. Aber Anthropologie entsteht dadurch, dass der Mensch als Sinnesmensch den Menschen selber betrachtet; aber es kann auch der Geistesmensch, der höhere Mensch mit den geweckten Sinnen, von denen wir ja gesprochen haben, den Menschen betrachten; dann entsteht eine höhere Wissenschaft. Von dieser höheren Wissenschaft, als es die Anthropologie ist, spricht nun Troxler 1835 die schönen Worte:
Wenn es nun höchst erfreulich ist, dass die neueste Philosophie, welche ... in jeder Anthroposophie ... sich offenbaren muss, emporwindet, so ist doch nicht zu übersehen, dass diese Idee nicht eine Frucht der Spekulation sein kann, und die wahrhafte Individualität des Menschen weder mit dem, was sie als subjektiven Geist oder endliches Ich aufstellt, noch mit dem, was sie als absoluten Geist oder absolute Persönlichkeit diesem gegenüberstellt, verwechselt werden darf.
[ 69 ] Dieses deutsche Geistesleben entwickelte sich ganz heraus aus dem deutschen Volkstum. Und ist es nicht wunderbar, eine solche Erscheinung zu erleben, wie diese: In den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ist von einem einfachen Pfarrer in Sachsenberg im Fürstentum Waldeck ein einfaches Schriftchen erschienen, ein wunderbares kleines Schriftchen, das auf der Höhe der Geisteswissenschaft steht, das abseits steht allem Materialistischen, aber auch allem bloß Verstandes- und bloß Begriffsmäßigen Betrachten, das darauf ausgeht, die Menschenseele so zu betrachten, dass sie die geistige Wirklichkeit ergreifen kann.
[ 70 ] Mag manches an dem einfachen Rocholler Schriftchen, das einfach geschrieben ist für suchende Kreise, mag manches phantastisch erscheinen, darauf kommt es nicht an; sondern darauf kommt es an, dass wir hier einen einfachen Menschen haben, auf dem Gipfel der Bildung stehend, der da führt einen Weg in die geistigen Welten hinein. Auf die Absicht, auf das Streben kommt es an. Daher sind solche Absichten, wie dieses kleine Büchelchen, das 1856 erschienen ist in Waldeck, so unendlich wichtig. Und wer da glauben würde, ich suchte die Erscheinungen so heraus, um auch etwas zu beweisen, der geht eben ganz fehl.
[ 71 ] Es haben sich allerdings im Laufe der letzten Jahrzehnte die Verhältnisse so gestaltet, dass selbst die allermeisten der Gelehrten betäubt waren durch dasjenige, was Goethe, Fichte, Schelling und Hegel geschaffen haben, und hinunterstiegen von dieser Höhe, und meinten: Mächtig habe sich erwiesen der einseitige, materialistische Darwinismus, mächtig habe sich erwiesen der französische Materialismus.
[ 72 ] Aber was ich charakterisiere, ist nicht einseitig aus dem deutschen Geistesleben heraus zusammengeholt; sondern Hunderte und Hunderte solcher Erscheinungen könnte man anführen. Wenn man eigentlich einmal sich dessen bewusst werden wird, dann wird man sehen, welche Tiefe das deutsche Erkennen aus dem deutschen Volkstum heraus zu schöpfen in der Lage ist. Denn das ist dasjenige, was wirklich nach deutscher Weltanschauung strebt, aus dem deutschen Geistesleben heraus.
[ 73 ] Vielleicht darf gerade — nur als ein Einschiebsel — erwähnt werden, wie tiefgehend diese Dinge eigentlich sind. Wer lacht — überwältigt von französischem Mechanismus und von englischer Nützlichkeitsphilosophie — unter den Physikern nicht heute doch innerlich, wenn er sie auch äußerlich manchmal lobt, über Goethes Farbenlehre! Ich darf wohl über die Sache sprechen, denn mehr als dreißig Jahre ist es her, seit ich mich bemühe, Goethes Farbenlehre in ihrer tiefen Bedeutung zur Geltung zu bringen gegen jene Farbenlehre, welche vom Newtonismus und vom Mechanismus überhaupt ganz überwältigt ist. Immer wiederum muss man sehen, wenn man mit einem heutigen Physiker spricht über die Goethe’sche Farbenlehre, so sagt er einem bestenfalls: Die Goethe’sche Farbenlehre sagt einem überhaupt nichts ...
[ 74 ] Das ist ganz begreiflich für denjenigen, der die heutigen Verhältnisse kennt; aber es liegt hier etwas vor. Und das ist das, dass Goethe aus dem unmittelbaren Zusammenleben mit dem Geheimnis des Farbenlebens über die Natur ein gewaltiges Werk geschaffen hat und es wagte, sich als Deutscher entgegenzustellen gegen die intellektuelle Besitzergreifung durch das Britannische in Newton, und dass die Welt es nicht verstanden hat. Aber das Kapitel wird noch kommen: Goethe — auch in der Farbenlehre — im Recht gegen Newton, wenn man einmal noch tiefer erfassen wird dasjenige, was Fichte die Deutschheit innerhalb Europas nennt.
[ 75 ] Hinweisen könnte ich auf manche anderen Geister. Hinweisen könnte ich zum Beispiel — wie gesagt, man braucht sie nur so herauszugreifen —, hinweisen könnte ich auf einen Seelenforscher — Schultz-Schultzenstein heißt er, das ist gewiss ein deutscher Name: SchultzSchultzenstein —, [hinweisen könnte ich auf] einen Seelenforscher, der versucht, in den 1850er-Jahren des vorigen Jahrhunderts das Seelenleben des Menschen unter den Begriff der «Verjüngung» zu stellen. Wunderbare Ergebnisse bieten sich diesem Schultz-Schultzenstein da! Er sagt, die menschliche Seele kann nur so richtig betrachtet werden in ihrem Leben hier zwischen Geburt und Tod dadurch, dass man dasjenige, was sie erlebt als Gefühl, als Gedanke in ihren eigenen Lebensstadien, dass sie das in sich entwickelt. Und indem sie weiterdringt, kann man verfolgen, wie seelisch wie eine vorige Haut das schon Erlebte abgestoßen wird, und im Innern der Seele etwas Fortlaufendes, etwas Lebendiges sich erneuert, verjüngt.
[ 76 ] Auf einen anderen Geist kann ich hinweisen, dessen schriftstellerische Tätigkeit auch schon in den 1850erJahren beginnt, und der unvermerkt 1880 gestorben ist. Ich habe in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» — [...] schon in der ersten Auflage, die 1900 erschienen ist —, auf Karl Christian Planck hingewiesen. [Er war] ein Geist, der bewusst sich war, wie er aus dem deutschen Volkstum heraus geschaffen hat. Wer kennt ihn [schon]! Das macht aber nichts; denn dasjenige, was als Kraft in ihm lag, wirkt doch im deutschen Wesen, wirkt in Mitteleuropa und bringt dasjenige hervor, was zum besten Leben Mitteleuropas gehört.
[ 77 ] Ich will nur eines erwähnen, um Karl Christian Plancks Eigenart zu zeigen. Derjenige, der heute vom Standpunkt der Naturwissenschaft aus schon einmal glaubt, alles zu verstehen, — heute es so anzusehen, wie der Franzose die Erde betrachtet, wie der englische Betrachter die Erde betrachtet, wie der geologische Betrachter die Erde ansieht —, er betrachtet das Weltenall, das aus den Stoffen besteht. Für Planck ist ein solcher Betrachter der Erde so, wie wenn jemand einen Baum betrachten würde nur dem Stamme nach und des Holzes wegen und nicht im Wesen des Baumes begründet die Blätter, die Blüten und die Früchte! Für Planck betrachtet man die Erde nicht total, wenn man nicht den ganzen Menschen auch auf der Erde betrachtet. Wie ein Geist schaut Planck auf die Erde, von außen schaut er auf die Erde. Und in dem, was der Geologe sieht, [sieht man nur etwas von der Erde] wie den Stamm, das Holz des Baumes, aber nichts sonst aus dem Wesen der Erde. Für Karl Christian Planck ist nicht nur ein webendes Wesen diese Erde, sondern ein beseeltes, ein durchseeltes ein durchgeistigtes Lebendiges wächst hervor. Und was der physische Erdenmensch selber ist — als Blüte, als Frucht —, das gehört dazu zu dem Wesen der Erde. — Eine geistgemäße — würde Goethe sagen —, eine geistgemäße Weltanschauung. Und Christian Karl Planck ist sich bewusst, dass er zu einer solchen geistgemäßen Weltanschauung aus der Tiefe der deutschen Volkheit heraus komme. Schön spricht Planck das schon in den 1860er-Jahren aus. Er hat mehrere Bücher geschrieben; die Bücher, die er geschrieben hat, sie atmen den Odem einer solchen Weltanschauung. 1864, in seinem Buch «Grundlinien einer Wissenschaft der Natur», da spricht er es schön aus, wie er sich bewusst ist, dass er zu seiner, den Geist in der Natur schauenden Anschauung aus der Tiefe des deutschen Wesens heraus gekommen ist. Ich will Ihnen die Worte selbst vorlesen:
Welche Macht
[ 78 ] schreibt Planck
tiefgewurzelter Vorurteile von der bisherigen Anschauung aus seiner
[ 79 ] des Verfassers
Schrift entgegensteht, dessen ist er sich vollkommen bewusst; allein wie schon die Arbeit selbst trotz aller Ungunst der Umstände, die zufolge der ganzen Lage und Berufsstellung des Verfassers
[ 80 ] so sagt Planck weiter
einem Werke dieser Art sich entgegenstellte, doch ihre Durchführung und ihren Weg in die Öffentlichkeit sich erkämpft hat, so ist er auch gewiss, dass das, was sich jetzt erst seine Anerkennung erkämpfen muss, einst als die einfachste und selbstverständlichste Wahrheit erscheinen wird, und dass darin nicht bloß seine Sache, sondern die wahrhaft deutsche Anschauung der Dinge über alle noch unwürdig äußerliche und undeutsche Auffassung der Natur und des Geistes siegen wird.
Was in unbewusster, tiefsinniger Ahnung schon unsere mittelalterliche Dichtung vorgebildet hat, das wird endlich i der Reife der Zeiten an unserer Nation sich erfüllen. Die unpraktische, mit Schaden und Spott heimgesuchte Innerlichkeit deutschen Geistes (wie Wolfram sie in seinem Parzival schildert)
[ 82 ] 1864, vor Wagner, wahrhaftig, sind diese Worte geschrieben!
erringt endlich in der Kraft ihres unablässigen Strebens das Höchste, sie schaut den letzten einfachen Gesetzen der Dinge und des menschlichen Daseins selbst auf den Grund; und was die Dichtung phantastisch mittelalterlich in den Wundern des Grals versinnbildlicht hat, dessen Herrschaft ihr Held erringt, das erhält umgekehrt seine rein natürliche Erfüllung und Wirklichkeit in der bleibenden Erkenntnis der Natur und des Geistes selbst.»
[ 83 ] Achtzigjährig ist Karl Christian Planck gestorben. Er hat eine Schrift hinterlassen, die er nannte «Das Testament eines Deutschen»; 1881 ist sie in erster Auflage erschienen; 1912 im Diederichs Verlag in der zweiten Auflage. Wer hat sich damit [schon] beschäftigt?
[ 84 ] Nun ja, die Leute hatten ja auch etwas anderes zu tun! Da hatte man es zum Beispiel zu tun mit den Büchern, die in demselben Verlag erschienen sind von einem Manne, der ganz im starren Geiste lebt — selbstverständlich, das soll ihm auch gar nicht zum Vorwurf gemacht werden —, man hat sich beschäftigt mit den damals auch ins Deutsche übersetzten Büchern des französischen Philosophen — er heißt noch immer Bergson — ein französischer Name! Es ist derjenige, der seit dem Kriegsbeginn nicht verleumderische Worte genug gefunden hat für deutsche Weltanschauung und deutsches Geistesleben. Ich habe wohl eigentlich auch schon im vorigen Jahre gesagt, dass dieser Bergson immer wieder und wieder seinen Franzosen in Paris vorgehalten hat: Einstmals hatten ja die Deutschen ein bedeutendes Geistesleben, aber jetzt sind sie ganz heruntergekommen; man sieht nur noch ihr mechanistisches Leben. Ich habe schon im vorigen Jahre gesagt, dass der gute Henri Bergson in früheren Zeiten einem dann Novalis und Goethe und Schiller vordeklamierte, in einer Zeit, wo er es vielleicht noch nicht «mechanisch» genannt hätte. Nicht scharf genug kann man darauf hinweisen. Man hat bewundernd hinausgeschaut in die Welt. Nicht etwa jetzt nur zu der Kriegszeit und Hassperiode — ich versuchte auch früher schon darauf hinzuweisen, wie Bergsons «Philosophie»-Darstellung ist.
[ 85 ] Ein besonderer Zug in der Bergson’schen Philosophie ist der folgende: Er kommt zu einer Idee; aber leichtgeschürzt bringt er sie vor. Die besteht darinnen, dass er sagt: Man geht nicht richtig vor, wenn man die Entwicklung der Welt so betrachtet, dass man die untergeordneten Wesen als den Ursprung betrachtet von dem, wovon der Mensch abstamme, denn man müsse vom Menschen ausgehen. — Das ist ja allerdings ein ganz guter Gedanke: Vom Menschen muss ausgegangen werden. Der Mensch ist das Ursprünglichste, bevor irgendein anderes Wesen des mineralischen, pflanzlichen und tierischen Reiches vorhanden war. Das versteht man heute nicht, aber das ist doch in der Schrift über die Neugestaltung der Weltanschauung von Bergson begründet.
[ 86 ] Auch bei Planck trat das hervor: Bevor das andere da war, war der Mensch, allerdings in anderen Formen, da, und dann stieß er von sich gewisse Dinge, die er nicht in seiner Entwicklung brauchen konnte, und so entstand durch Ausschluss des Pflanzlichen und des Tierischen der Mensch. So wie der Mensch seine Knochen nach innen absondert, so sondert dasjenige, was an die Spitze gestellt ist, das Pflanzenreich, das Mineralreich aus sich heraus. Das ist ein Gedanke, sehr verehrte Anwesende, der sich einleben wird in das deutsche Geistesleben, wenn einmal die materiellen Färbungen des Darwinismus ihre Widerlegung, ihre richtige Beleuchtung gefunden haben werden.
[ 87 ] Gut — Bergson, stellt dies dar; aber ich konnte zeigen — wie gesagt, gerade vor dem Kriege, damit man nicht glaubt, dass nur unter dem Einfluss der Kriegsereignisse nun die Dinge so charakterisiert werden, wie es hier geschieht — ich konnte zeigen, dass gerade diese Idee, die — in leichtgeschürzter Weise — der französische Philosoph Henri Bergson vorträgt —, dass diese schon in den 1870erJahren, 1882 [publiziert], in dem deutschen Denker Wilhelm Heinrich Preuss lebte — auch ein verklungenes, vergessenes Streben des deutschen Geisteslebens —, von Preuss in kraftvoll-energischer Weise vertreten worden ist!
[ 88 ] Ich darf einzelne Worte, in denen ich angeführt habe diese Preuss’sche, diese deutsche Anschauung von der Sache, ich darf diese Worte vorlesen aus dem Preuss’schen Buch «Geist und Stoff» — 1899 in zweiter Auflage schon erschienen. Da heißt es:
«Es dürfte [deshalb] an der Zeit sein, eine [andere] Lehre von der Entstehung der organischen Arten aufzustellen, welche sich nicht allein auf einseitig aufgestellte Sätze aus der beschreibenden Naturwissenschaft gründet, sondern auch mit den übrigen Naturgesetzen, welche zugleich auch Gesetze des menschlichen Denkens sind, in voller Übereinstimmung ist. Eine Lehre zugleich, die alles Hypothetisierens bar ist, und nur auf strengen Schlüssen aus naturwissenschaftlichen Beobachtungen im weitesten Sinne beruht; eine Lehre, die den Artbegriff nach tatsächlicher Möglichkeit rettet, aber zugleich den von Darwin aufgestellten Begriff der Entwicklung hinübernimmt auf ihr Gebiet und fruchtbar zu machen sucht.
Der Mittelpunkt dieser neuen Lehre nun ist der Mensch, die nur einmal auf unserem Planeten wiederkehrende Spezies: Homo sapiens. Merkwürdig, dass die älteren Beobachter bei den Naturgegenständen anfingen und sich dann dermaßen verirrten, dass sie den Weg zum Menschen nicht fanden, was ja auch Darwin nur in kümmerlichster und durchaus unbefriedigender Weise gelang, indem er den Stammvater des Herrn der Schöpfung unter den Tieren suchte — während der Naturforscher bei sich als Menschen anfangen müsste, um so fortschreitend durch das ganze Gebiet des Seins und Denkens zur Menschheit zurückzukehren. ...
Es war nicht Zufall, dass die menschliche Natur aus der Entwicklung alles Irdischen hervorging, sondern Notwendigkeit. Der Mensch ist das Ziel der tellurischen Vorgänge und jede andere neben ihm auftauchende Form hat aus der seinigen ihre Züge entlehnt. Der Mensch ist das erstgeborene Wesen des ganzen Kosmos ...
Als seine Keime entstanden waren, hatte der gebliebene organische Rückstand nicht die nötige Kraft mehr, um weitere menschliche Keime zu erzeugen. Was noch entstand, wurde Tier oder Pflanze ...»
[ 89 ] und so weiter. Bergson, der Franzose, kennt entweder diesen deutschen Vorgänger nicht — was bei einem Philosophen selbstverständlich ein ebenso großer Fehler wäre, als wenn er ihn kannte und nicht nennt; aber es ist ja auch das Letztere bei Bergson schon vorauszusetzen! Mechanismus wirft er den heutigen Deutschen vor! Es ist mittlerweile gelungen, zu zeigen, dass ganze Seiten in Bergsons Büchern abgeschrieben sind von den Deutschen, die er jetzt verleugnet. Ganze seitenlange Ausführungen sind aus Schelling und aus Schopenhauer abgeschrieben durch Henri Bergson! Das ist vielleicht nicht eine mechanische Art, das Geistesleben zu konstruieren.
[ 90 ] Ich möchte sagen: Mit so etwas im Hintergrunde wagen Deutschlands Feinde jetzt, insoferne sie repräsentiert sind durch solche Persönlichkeiten, deutsches Wesen zu verleumden und zu verkleinern. Aber dieses deutsche Wesen wird gerade aus dem, wodurch es jetzt geht, in der weltgeschichtlichen Entwicklung lernen dasjenige, was im Untergrund seines Seins liegt, auch im weltgeschichtlichen Werden geltend zu machen.
[ 91 ] Sehr verehrte Anwesende, was jetzt geschieht — vor der Weltgeschichte braucht weniges gesagt zu werden, um es so zu charakterisieren, wie man sich denken kann, dass einmal eine objektive Tat charakterisiert wird: Da stehen herum um Mitteleuropa Mitteleuropas Feinde. Man braucht nur ein paar Zahlen zu nennen, die in der Zukunft stark sprechen werden, wenn man einmal anders die Dinge ansehen wird, als jetzt Deutschlands Feinde sie ansehen: 777 Millionen Menschen, ohne die italienischen, standen rund herum um Mitteleuropa gegenüber einer Gruppe von 150 Millionen. 777 Millionen gegenüber 150 Millionen. Haben sie nötig, neidisch zu sein auf dieses Mitteleuropa? Nun: 68 Millionen Quadratkilometer umfasst das Besitztum dieser 777 Millionen Menschen, gegenüber 6 Millionen Quadratkilometer Besitztum der 150 Millionen in Mitteleuropa. [Und diese 777 Millionen — vermehrt durch Italien — gegen diese 150 Millionen, sie stehen so, dass sie nicht allein mit den Waffen sie bekämpfen wollen, sondern auch das bessere Teil der übrigen Welt haben wollen, aushungern wollen die 150 Millionen Menschen.] Und führende Menschen — von Deutschlands Seite «große Persönlichkeiten» genannte Menschen —, sie ergehen sich in den wüstesten Anschuldigungen und Verleumdungen desjenigen Geisteslebens, das auf den 6 Millionen Quadratkilometern in der Mitte von Europa entstanden ist und zeigen, wie wenig sie verstehen von dem, was da lebt.
[ 92 ] Außer Bergson ist zum Beispiel der französische Philosoph Boutroux — kurz vor dem Kriege reiste er noch in Deutschland herum, hielt sogar Vorträge in deutscher Sprache über die innige wissenschaftliche Gemeinschaft zwischen den Deutschen und Franzosen! Jetzt redet er seinen Parisern solche Sachen vor, wie zum Beispiel diese: Die Deutschen bildeten sich ein, bei allem Suchen im Innern der Dinge zu stehen. Damit bildeten sie sich auch ein, innerhalb der göttlichen Weltordnung zu stehen, und alle Menschen beherrschen zu können. [...]
[ 93 ] Wir brauchen nicht in diesen Ton zu verfallen; aber es ist wohl notwendig, auf solche Tatsachen hinzuweisen, und die Tatsachen kennenzulernen. Hat doch Boutroux es auch zustande gebracht — nun, witzig ist ja der Franzose — einen Witz zu machen vor nicht allzu langer Zeit: Es unterhalten sich der Franzose, der Engländer und der Deutsche in Bezug auf das Streben nach einer Weltanschauung, nach Erkenntnis der äußeren Dinge; da sagte Boutroux zu seinem Partner: Der Franzose, wenn er ein Kamel kennenlernen will, geht er in die Menagerie, sieht sich ein Kamel an und beschreibt es dann. Der Engländer geht in die Gegend, wo Kamele leben, sieht sich dieses Kamel an und beschreibt es dann. Der Deutsche geht weder in die Menagerie, um ein Kamel zu sehen, noch in die Gegend, wo Kamele leben, in ferne Länder, sondern er geht in seine Stube und studiert das Kamel in seiner Innerlichkeit in seinem Sein und schafft das Kamel in sich aus seinem Sein heraus. Witzig sind ja die Franzosen! Just dieser Witz von Boutroux rührt nämlich von Heinrich Heine her!
[ 94 ] Und so könnte mancherlei angeführt werden. Man muss sagen: Der Deutsche hat es nicht eigentlich nötig, in dasjenige zu verfallen, wie diejenigen, die um einen herum sind! Aber der Deutsche hat es umso mehr notwendig, einzugehen auf dasjenige, was gerade im Erkenntnisstreben seines Wesens bester Teil ist. Deutsches Wesen wird auch überwinden jene Vorurteile, die daraus hervorgehen, dass so ein Mensch, der nach Geisteswissenschaft sucht, heute noch gilt — unter dem Einfluss des französischen und englischen Materialismus —, [dass] deutsches Sinnen, [dass ein Mensch mit deutschem Sinnen] heute noch gilt als ein Träumer, als ein Mensch, der nicht in der Wirklichkeit steht: Ach, wenn man sieht, solch einen Menschen wie Planck oder [solch einen Menschen wie] Preuss — nun ja, Begriffe können diese Menschen drechseln, aber um auf die Wirklichkeit einzugehen, um zu sehen, was in der Wirklichkeit lebt, dazu sind ja die «Praktiker» notwendig; so einen Planck, den kann man nicht brauchen für das Leben!
[ 95 ] Ich könnte viele Beispiele anführen; nur eines will ich an den Planck, weil ich ihn besprechen durfte, anknüpfen: Seit ungefähr 35 Jahren — Planck ist 1881 gestorben —, also vor ungefähr 35 Jahren hat er die Worte geschrieben, die ich sogar vorlesen werde. Er war kein Diplomat; er war kein Politiker; er war keiner von den Predigern, welche den Weltengang so erkannt zu haben glauben, dass sie diese Erkenntnis «mit dem Löffel gegessen» haben, die über alles von breiten Gesichtspunkten zu reden wissen und verachten diese nur in den geistigen Welten lebenden Menschen. Das alles war er nicht. Er war ein einfacher Weltanschauungsmensch! Aber ein Mensch, der hineinzuschauen vermochte in den Gang der Ereignisse. Und was er vor dem Jahre 1881 entwickelte, das steht in seinem «Testament eines Deutschen» — und 1881 ist er gestorben —, da schrieb er auf dasjenige, was ihm sich innerhalb der europäischen Entwicklung darbot; und er betrachtete das mit sehenden Augen, was sich ihm darbot. Und da schrieb er, dass Krieg kommen müsse. Und über diesen Krieg schrieb er die folgenden Worte:
«Wenn nun ein derartig universalistisches, schon seiner natürlichen Lage nach zentrales Volk im schärfsten Gegensatz. zu seiner früheren Geschichte sich zum reinen Nationalstaat zusammenfasst und für alle andern zu Vorgang gesteigertster militärischer Rüstung wird, was anderes kann in einer Zeit gesteigertsten Nationalstrebens die Folge sein, als schließlich der umfassendste Zusammenstoß?»
[ 96 ] So sagt der «unpraktische Weltanschauungsmensch»! Wie viele Menschen, die praktisch drinnen standen in den Verhältnissen, haben noch, als der Krieg ausgebrochen war, nicht geglaubt, dass auch der Italiener sich stellen werde gegen Mitteleuropa! Doch der unpraktische Weltanschauungsmensch wusste 1881 dies zu sagen. Nicht nur der russische Osten wird gegen Mitteleuropa aufstehen, sondern wie einst so werden wir auch im Westen und im Süden uns verteidigen müssen.
«Ist es doch nicht bloß der Gegensatz politischer Interessen, der ihn hervorrufen muss»,
[ 97 ] den Zusammenstoß,
«sondern, wie es immer deutlicher jetzt hervorzutreten anfängt, vor allem auch der Widerstreit der Erwerbsinteressen in ihrer noch spröd nationalen, aller höheren Gesamtordnung noch unorganisch widerstrebenden Gestalt. Und je mehr die schon früher erörterten Widersprüche und Übel hervortreten müssen, welche dieser Zustand gegenüber von der universalistischen Steigerung der Verkehrsmittel hervorruft, desto schärfer muss auch die Spannung werden, welche nach allen Seiten hin sich damit ergibt.
Und hiezu kommt nun ein anderer Gegensatz, in welchem die eigene Einseitigkeit unserer abendländischen Bildung sich einen Feind herangezogen hat, und der durch die Natur der Dinge wieder vor allem dem deutschen Geiste feindlich werden muss. Von Anfang ist ja, wie wir sahen, neben dem abendländischen Christentum und seinem Streben nach voller, menschlich gegenwärtiger Vermittlung des göttlichen Inhaltes die starre Jenseitigkeit und Unfreiheit orientalischen und byzantinischen Wesens einhergegangen, für welche die kirchliche und die politische Macht und Auktorität unmittelbar zusammenfiel. In dieser starren Einheit ist der christliche Osten ebenso unfrei beschlossen geblieben, als umgekehrt im Abendlande die frei nationale Ausbildung die religiöse Einheit überwuchert und in den Hintergrund gedrängt hat. Allein eben der einseitig weltliche und äußerliche materielle Charakter der abendländischen Kultur, der hierin begründet ist, hat auch dem unfreien Osten die Aneignung dieser äußerlichen Kulturmittel möglich gemacht, ohne dass er deshalb die tiefere frei geistige Seite jener Entwicklung in sich aufgenommen hätte. Vielmehr hat sie ihm nur dazu verholfen, dass er im Selbstgefühle seiner unterscheidenden religiös-politischen Einheit dem in einseitig nationales Sonderleben zerfallenen Westen sich umso bewusster gegenüberstellt und so angesichts des noch unfertigen Zustandes anderer slawischer Stämme und des zerfallenden türkischen Reiches eine noch viel weiter eingreifende Bedeutung für sich in Anspruch nimmt. Und eben damit wird er durch die Natur der Dinge selbst zum Gegner der Nation, welche auch nach dieser Seite hin ihren zentralen und einigenden menschlich universellen Beruf hat, der Deutschen, und jenes Reiches vor allem, das seit lange her eben in der umfassenden Verknüpfung des deutschen mit den fremden Elementen die Grundlage seines Bestandes hat.
Keine politische Klugheit, keine Friedensliebe vonseiten Deutschlands vermag innerhalb der jetzigen bloß nationalen Ordnung diesen feindlichen Zusammenstoß zu verhindern. Denn mächtiger als alle Klugheit ist die Natur der Verhältnisse; und schon jetzt tritt ungeachtet der befreundeten Haltung Deutschlands und Österreichs die feindliche Stimmung des russischen Ostens nur umso deutlicher hervor, deshalb, weil man ihm nicht in allem die freie Hand lassen konnte, sondern notwendig ein bestimmtes Ziel setzen musste. Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses doch nicht an unserer Seite finden, sondern wie im Osten, so werden wir zugleich auch im Westen und im Süden uns verteidigen müssen; nach allen Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.
Doch eben die Erkenntnis, dass in diesem letzten und schwersten Kampfe das völlig Unzureichende aller bisherigen bloß nationalen Ordnung zutage kommt, dass vor allem die universelle, mit einer Reihe fremder Elemente verknüpfte Stellung der deutschen Nation damit völlig unverträglich ist und nur zu unaufhörlichen Kämpfen hinführen müsste —, sie wird diesem blutigsten Kampfe auch seine für immer entscheidende Bedeutung geben, wird den Geist der Nation, der jetzt noch in stumpfer Äußerlichkeit gefangen ist, öffnen für seinen letzten und bleibenden Beruf. Aufgehen wird unter Blut und Tränen die Einsicht, dass nimmer der bloße Nationalstaat und seine Erwerbsgesellschaft Frieden und Versöhnung zu geben vermag, sondern nur der des universellen Berufsgesetzes, dass nur in ihm für alle die inneren Schäden, wie für das Verhältnis der Staaten zueinander, für die verkommenen Zustände des Orients wie für die Verderbnis und Veräußerlichung der eigenen Bildung, die erneuende Wiedergeburt liegt. Hat der erste Kampf, der unsere nationale Erhebung verhindern sollte, sie eben darum erst zur Vollendung gebracht, so wird umgekehrt der zweite, den eben die eigene Unzulänglichkeit all dieser nationalen Ordnung verschuldet, auch für immer über sie hinausführen zum menschlich universellen Ziel.»
[ 98 ] Aus deutschem Geiste muss der Menschheit Erneuerung kommen, damit besiegt werden kann dasjenige, was gerade in einem — in diesen Tatsachen angedeuteten — Sinne lebt, und was aus undeutschem Geiste insbesondere in die neuere Zeit sich hereingelebt hat, was man bezeichnen kann dadurch, dass man sagt: Die alles berechtigte Streben niedertretende Macht der Unfähigkeit, die muss erkannt werden. Deutscher Geist ist stark und kräftig und wird erkennen auf diesem Gebiete und wird die Welt heilen auf diesem Gebiete, wenn er sich bewusst wird dessen, was heute vielfach noch als vergessenes Streben im deutschen Geistesleben lebt.
[ 99 ] Wir haben mit manchem Blick hinüberdeuten können nach dem Westen. Lassen Sie uns zum Schluss noch mit ein paar Worten nach dem Osten hinüberblicken. Dieser ganze Osten, ja, wie stellt er sich dar? Mitteleuropa?
[ 100 ] Das deutsche Wesen: Kann man es im Verhältnis zu dem Westen so charakterisieren, dass man sagen kann, man brauche wahrhaftig diesen Westen gar nicht irgendwie herabzuwürdigen. Man kann wissen, dass von Italien ausgegangen ist, vor der Morgenröte des neueren Geisteslebens der wissenschaftliche Sinn. Er ist vom Süden heraufgedrungen, dieser wissenschaftliche Geist. Man kann wissen, dass auch aus dem französischen Geist heraus das verstandesmäßige Weltauffassen hervorgegangen ist; dass aus dem englischen Geist der Nützlichkeitssinn hervorgegangen ist, das Ansehen der Welt so, dass man alles in den Nutzen stellt. Allein wie weit zum Beispiel dieser britische Geist vom deutschen Geiste entfernt ist, nun, man kann es von dem abmessen, wenn zum Beispiel jemand versuchen wollte, Fichtes Wissenschaftslehre [dort], wo er dieses im Weltengeist sich erfühlende Ich und im Weltengeist sich erlebende Ich immer wieder und wiederum zu charakterisieren versucht, wenn man in diesen Wissenschaftsbereich so ganz einzudringen vermag — [allein schon] sprachlich würde es kurios aussehen ...
[ 101 ] Wenn ich sage: «Stelle ich das Ich» — nicht einmal das könnte eingehalten werden, [statt im Deutschen das Wort «ich» im Englischen das kleine «i»] — nicht einmal das könnte eingehalten werden, dass man [im Englischen] vom kleinen «ich», wie man im Deutschen schreibt, zum großen «Ich» übergeht, wenn man das Ich — Fichte nennt es «Reproduktion», das Fortschreiten der Kultur im Ich — selber in sich erlebt hat, wie soll man es nennen irgendwie, wenn man vom kleinen «ich» zum großen «Ich» übergehen will, da man grammatikalisch das persönliche «Ich» [im Englischen] überall schreibt «I».
[ 102 ] Man könnte sagen: So verhält sich das deutsche Wesen zu dem westlichen Wesen, wie die Italiener die Ansehenden waren, wie die Franzosen den Verstand geprägt haben, das Nützlichkeitsprinzip die Engländer; aber das Prinzip der Verinnerlichung, das liegt im deutschen Wesen. Der Italiener schaut sich die Welt an. Indem er sich die Welt anschaut, sagt er: Die Welt ist ganz recht; aber nur muss sie etwas umgeformt werden, sie muss so werden, dass sie unserer Fähigkeit entspricht, eigentlich nicht eine obligatorische Sprache, sondern ein erlebtes Wort. Gerade wenn man tief, tief hineinschaut, gerade auch in die besten Seiten des Geisteslebens, dann bewahrheitet sich dieses Wort.
[ 103 ] Der Franzose sagt: Auch diese Welt ist wert /Lücke in der Mitschrift]. Der Engländer sagt: [Lücke in der Mitschrift] Der Deutsche sagt: Mir gefällt auch die Welt. Und in sich selber will er ein kleines Abbild der Welt schaffen. Der Russe, ja, man braucht da nur an solche charakteristischen Gestalten zu denken wie Ivan Karamasow in Dostojewskis «Die Brüder Karamasow». Aber diese Art der Karamasows ist ausgegossen über den ganzen Osten im Grunde genommen im neunzehnten Jahrhundert. [...] Ivan Karamasow sagt ja selbst: Gott würde ich noch hinnehmen; aber die Welt kann ich von Gott nicht hinnehmen. Die Welt, das ist eigentlich im Grunde genommen im russischen Sinne etwas, was durch eine andere ersetzt werden müsste, und zwar durch diejenige, die für den russischen Menschen [gemacht ist].
[ 104 ] Es ist ein scheinbar radikales Wort, aber wer die russische Geistesentwicklung im neunzehnten Jahrhundert verfolgt, der wird es bewahrheitet finden. Denn, sonderbar ist es ja: Da wird von dem ersten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts in Russland betont, im russischen Lande lebt es — Dostojewski hat es zum Beispiel gesagt, trotz der Größe Dostojewskis, man muss die Größe Dostojewskis gerade auch ins Auge fassen —: Der russische Mensch ist in allen Menschen derjenige auch, der durch die Allmenschlichkeit sein Geistesleben an die Stelle der anderen setzen muss. Und der Mensch steht so der Welt gegenüber, dass man sagen kann: Im neunzehnten Jahrhundert kommt er immer mehr und mehr gerade dazu, sich zu sagen: Greisenhaft und abgelebt ist das europäische Geistesleben. Das muss ausgemerzt werden. Das russische Geistesleben wäre jung; das muss es beherrschen. Das Russische bedeutet Freude, bedeutet Liebe. Der Westen — und dazu ist auch Mitteleuropa gerechnet, aber auch Frankreich, Italien, Spanien, England — bedeutet Kampf, bedeutet Krieg, bedeutet Egoismus. So geht es als ein Ton durch alles [russische] Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts.
[ 105 ] Äußerlich tritt es nicht so stark hervor; aber es ist so. Nur sonderbar: Wer ist denn eigentlich der Erste, der die Natur des Slawischen ausgesprochen hat, aus dem heraus sie dann etwas ganz anderes wollen, als im russischen Volksgeiste liegt? So wäre es dies, was ein edler Mann ihnen zugesprochen hat, ein Wort, auf das sie dann gebaut haben. Wer hat denn zuerst die Sache so schön charakterisiert, ein Wort, eine Anschauung geprägt, auf die sie dann im ganzen neunzehnten Jahrhundert gefußt haben. Herder! Herder war im Grunde genommen der erste Slawophile. Aber dies Wort eines Slawophilen ist zum Größensinn, zum Größenwahn ausgeartet. Und es kam dazu, dass es immer wieder herübertönte: Europa ist greisenhaft, und das russische Geistesleben muss sich an die Stelle des europäischen Geisteslebens setzen.
[ 106 ] Sehr verehrte Anwesende, wie gesagt, zum Schluss nur einen Umstand: 1885 ist ein Buch erschienen, das den Russen Jushakow zum Verfasser hat. Jushakow steht noch auf einem etwas anderen Boden der Kultur, als derjenige ist, den ich eben ausgesprochen habe — das literarische Gegenbild, hingestellt für dasjenige, was bis in unsere Tage herein und bis in unsere gegenwärtigen, furchtbaren Ereignisse herein hervortritt — Jushakow, 1885, ein merkwürdiges Buch! Er richtet den Blick nicht nach Westen hinüber, sondern nach Osten hinüber, nach Asien, zu den asiatischen Völkern. Nun, da sagt Jushakow in seinem, wie gesagt, merkwürdigen Buche: Diese armen Asiaten, sie haben es selber dargestellt, wie sie sich allmählich aus ihrem Kulturleben hinauf zu der entsprechenden gegenwärtigen Kultur emporgerungen haben, sie haben es dargestellt als den Kampf zweier geistiger Wesen. Aber dieser Kampf bedeutet eine Wirklichkeit in Asien drüben. Als den guten Ormuzd und den bösen Ahriman haben sie die beiden geistigen Mächte dargestellt, sagt Jushakow, unter deren Einfluss sie standen, die Asiaten.
[ 107 ] Ahriman war immer derjenige, der wie die Negation des Ormuzd war. Zu den iranischen Völkern, zu denen auch die Perser, die Inder gehörten, sagt Jushakow: Ahriman, der böse Geist, hat diese Früchte sowohl der materiellen wie der geistigen Kultur ihnen weggenommen.
[ 108 ] Was haben aber die europäischen Völker des Westens gemacht? — fragt Jushakow. Sie haben dasjenige, was unter dem Einflusse des guten Ormuzd jene Völker erworben hatten, herausgepresst, aus diesen asiatischen Völkern herausgepresst! Da muss die russische Kultur eingreifen. Die russische Kultur ist die allein geeignete — sagt Jushakow, nicht ich sage dies —, die asiatischen Völker mit Liebe zu umfassen. Zwei Mächte stehen in der Welt da, welche in die Zukunft Glück — und vor allem das Glück den asiatischen Völker bringen werden; diese zwei Mächte sind — nicht ich sage das, Jushakow sagt es! —, diese zwei Mächte sind: der russische Bauer und der Kosak, die beiden großen Repräsentanten [russischen] Menschentums — sagt Jushakow 1885. Und ehe nicht das Bündnis des russischen Bauern und des Kosaken nach Asien hinübergeht, um den Asiaten wiederum Liebe zu bringen, eher wird was als das Böse, als das Ausgepresste der westlichen Völker — von Deutschland konnte er ja wahrhaftig dazumal nicht reden —, das die westlichen Völker über Asien gebracht haben, cher wird das nicht besser.
[ 109 ] Das Buch heißt sonderbarerweise «Der englisch-russische Konflikt». Und da sagt Jushakow in Bezug auf dieses: Die Engländer zeigen durch ihre Behandlung der asiatischen Völker, als ob sie des Glaubens wären, diese asiatischen Völker seien nur angewiesen auf diese lieblose englische Flatterliebe. Und dann sagt Jushakow, wie er sich das Verhältnis seines Volkes zu den Engländern denkt. England sagt er — es sind seine Worte, seine eigenen Worte:
«England beutet Millionen von Hindus aus, seine ganze Existenz aber hängt von dem Gehorsam der verschiedenen Völker ab, von denen die reiche Halbinsel bewohnt wird; ich wünsche meinem Vaterlande nichts Ähnliches- ich kann mich nur freuen, dass es
[ 110 ] mein russisches Vaterland [so Jushakow]
von diesem so glänzenden wie traurigen Zustand hinlänglich weit entfernt ist.»
[ 111 ] So 1885 der Russe Jushakow über England.
[ 112 ] Wahrscheinlich handelt es sich ihm nicht um das Bündnis zwischen Russland und England, zunächst nicht; sondern darum, die Segnungen des Ormuzd neuerdings den Asiaten wiederzugeben. Russland wird nun hinübergehen nach Asien, sagt Jushakow, denn in Russland wurzelt in einer tiefen Kultur das Bündnis zwischen dem alle Fruchtbarkeit entwickelnden Bauern und dem alle Ritterlichkeit in sich tragenden Kosaken, so meint Jushakow, und sie werden es vorziehen, zunächst die russische Geistigkeit über Asien hin zu verbreiten.
[ 113 ] So schreibt einer von jenen Geistern, die so gedacht haben in Russland, und es schon in den 1820er-Jahren ausgesprochen hat — 1829: Westeuropa und Mitteleuropa sind greisenhaft, sind abgelebt. Wir aber in Russland, wir haben den Anspruch, dieses Europa unter unsere Herrschaft zu bringen. Und wenn wir es haben — so sagt Kirejewskij —, wenn wir es haben, dann werden wir das, was wir haben, mit den anderen, soweit es richtig ist, teilen.
[ 114 ] Das ist nicht nur in dem Sinne das «richtige» — seit dem gefälschten — «Testament Peters des Großen» auf politischem Gebiete, das geht durch das ganze geistige Kulturleben. Und dasjenige, was durch dieses Russophile geht: Der ausgezeichnete russische Philosoph Solowjow hat es selber ausgesprochen. Und dieses können Sie in meinem Buche «Gedanken während der Zeit des Krieges» — augenblicklich ist es nicht zu haben, aber es wird in einiger Zeit wieder erscheinen — ersehen. Solowjow hat es selber ausgesprochen: Das, was da im russischen Geistesleben lebt, das geht hervor aus demjenigen, was man nennen könnte: Russland hat noch lange hin, die Reife seines eigenen Wesens zu erlangen; Russland steckt heute nämlich noch mitten drinnen, durch und durch mitten drinnen in der unklaren Mystik. Das ist alles. Man muss «mystisch» sein, wenn man sagen konnte: Dieses deutsche Geistesleben suche dasjenige, was das Werkzeug mystischen Strebens ist. Im Gegenteil: vollbewusste Gedanken, von Licht durchtränkte, gedankenerfüllte Anschauungen, klare Anschauungen; der Deutsche sucht ein Bild der Welt, um sein eigenes Wesen diesem Bilde der Welt so ähnlich als möglich zu gestalten.
[ 115 ] Nicht herabgesetzt sollen die anderen Völker werden. Aber, was können sie schon erkennen dasjenige, was der Deutsche anstrebt, das, was er anstrebt vollbewusst, sodass er sein eigenes Menschenbild dem Weltenbilde ähnlich macht? Der Italiener kann es nicht so bewusst anstreben, wenn er nur aus seinem Volkstum heraus strebt. Ihm müsste man das gleichsam als Suggestion beibringen, sodass dasjenige, was bei ihm Erkenntnisstreben ist, mehr als eine Moralität wirkt.
[ 116 ] Der Franzose will es mehr als eine Verstandeskunst haben, um dem Verstand eine Freude zu machen, um dem Verstand ein Wohlgefühl zu bereiten. Das ist im Grunde genommen so etwas, was im Grundcharakter als französische Prägung der Naturanschauung, der mechanistischen Naturanschauung des Franzosentums liegt.
[ 117 ] Der Engländer will — er würde ja gewiss auch Fichtes Wissenschaftslehre annehmen, wenn man ihre Wahrheiten zu einem Prinzip oder zu einer Maschine umformen könnte, wenn man sie in die pragmatische Lebensordnung stellen könnte, Pragmatismus daraus machen könnte, wie es heute angeführt worden ist.
[ 118 ] Der Russe braucht überall unklar-verschwommene Mystik heute noch. Ich führte schon an Iwan Karamasow aus dem Werke «Die Brüder Karamasow» von Dostojewski, so recht ein Repräsentant jenes Russen, der aufgenommen hat die westeuropäische Kultur. Gott würde ja da sein, ja, Gott, aber in mystischer Unklarheit. Und man kann sagen: Wenn der Russe atheistisch wird, so will er einen mystischen Atheisten haben. Der Russe kann atheistisch werden, aber er will fast, dass der Atheist für ihn von Gott geoffenbart wird! Man könnte ihm auch Fichtes Philosophie, man könnte ihm auch Hegelianismus beibringen; aber dann müsste es irgendwo geheimnisvoll auf einem Altar gefunden werden oder müsste wenigstens das Gepräge tragen, dass es auf geheimnisvolle Weise in die Welt hereingekommen ist!
[ 119 ] Kurz, sehr verehrte Anwesende, die verschiedenen Völker, die um das deutsche Volk herum sind, sie stehen heute noch so zu diesem deutschen Geistesleben, dass wahrhaftig alle Ursache ist, dass der Deutsche gewahr wird, welche Keime und welche Wurzeln und Viefalt in seinem Geisteswesen sind! Und die Früchte und Blüten werden dann kommen, wenn der Deutsche sich dessen so recht bewusst wird, bewusst wird eben durch die schwere Prüfungszeit, in der er gegenwärtig steckt.
[ 120 ] Ja, dasjenige, was darzustellen versucht worden ist in kurzen Zügen, sehr verehrte Anwesende, das entwickelte sich auf den 6 Millionen Quadratkilometern in der Mitte, gegenüber den 68 Millionen Quadratkilometern im Umkreise rund herum! Und wie durch Bande, die auch Bande des Geistes sind, wird dieses Mitteleuropa zusammengehalten. Das Bündnis Deutschlands und Österreichs ist wahrhaftig ein solches, das auch auf der Gemeinsamkeit desjenigen beruht, was als geistiges Leben durch die beiden Länder, durch die beiden Volksgebiete fließt.
[ 121 ] Ich darf dies aussprechen, denn mehr als die Hälfte meines Lebens, fast dreißig Jahre, habe ich in Österreich gelebt und teilgenommen in all den Zeiten dieser dreißig Jahre an der Art und Weise, wie dort das deutsche Wesen leben muss in Österreich, leben muss im vielgestaltigen Österreich. Ich habe kennengelernt, was es heißt, das Wort eines der deutschesten Österreicher — Robert Hamerling, des größten Sohnes Österreichs in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts —, und das gefühlt wird im Innersten von dem, der die Zusammengehörigkeit Mitteleuropas erfasst. Robert Hamerling hat gesagt: «Österreich ist mein Vaterland; Deutschland ist aber mein Mutterland».
[ 122 ] Robert Hamerling hat schon 1862 in seinem wunderbaren «Germanenzug» gesprochen von diesem Innerlichen der deutschen Weltanschauung. Tritt sie uns nicht so schön entgegen, diese Innerlichkeit des deutschen Weltenanschauens, wenn wir sehen, wie zum Beispiel Jakob Böhme schon in älterer Zeit davon spricht, wie der Deutsche nach Erkenntnis strebt, aber so, dass er diese verwenden will, um in den Geist der Welt einzutreten? So schön spricht er aus:
«Wenn du die Tiefe»
[ 123 ] er meint die Tiefe des Himmels
«und die Sterne und die Erde ansiehest, so siehest du deinen Gott. Und in dir lebest und bist du auch. Und derselbige Gott regiert dich auch.» «Du bist aus diesem Gott geschaffen und lebest in demselben. Auch stehet alle deine Wissenschaft in diesem Gott. Und wenn du stirbest, so wirst du in diesem Gott begraben.»
[ 124 ] Schöne Worte! — Wenn man dieses, was ich heute zu veranschaulichen suchte, nimmt: Es stellt sich dar so, dass man sieht in dieser Verinnerlichung des deutschen Wesens — in diesem Erfassenwollen dessen, was als göttliche Geistigkeit die Welt durchwebt und durchlebt in dem eigenen Inneren — liegt der tiefe weltgeschichtliche Beruf des Deutschen. Und er liegt so im Deutschen, dass er wirklich wie eine zweite Welle dasteht in dem großen Erheben des Menschengeschlechts. Wenn wir hinüberschauen nach dem Orient — jetzt anders hinüberschauen als der Russe Jushakow —, dann finden wir in den asiatischen Völkern, wie sie davon geträumt haben, wie sie auch einmal versucht haben, einzudringen in das Geistige, das die Welt durchlebt und durchweht. Sie haben heranzutragen versucht das Ich so, dass es wie eingeschläfert war, [dass] das eigentlich menschliche Innere eingeschläfert war, und so der Mensch aufgehen könne in dem, was das Leben des Weltengeistes im All-Prinzip die Welt durchwebt und durchlebt. Nachdem der größte Impuls in die Erdenentwicklung eingetreten ist — der Christus-Impuls —, ist ja die asiatische Art nicht mehr diejenige, die das Menschengeschlecht beherrschen kann.
[ 125 ] Deutsches Wesen hat die rechte Art gefunden, im Sinne des Christus-Impulses einzudringen in die geistige Welt so, dass das Ich nicht ausgemerzt wird wie einstmals in Asien drüben; [sondern dass dasjenige, was in der Weltenzukunft als ein Göttlich-Geistiges gesucht wird, dass das durch Erhöhung, durch Erkraftung — nicht durch Ablähmen — des Ichs erreicht wird.] Das Ich aber wird gerade erhöht, erkraftet, um zusammenzuwachsen mit dem Weltenganzen. So setzt uraltes Menschheitsstreben in neuester Gestalt, wie in geschichtlicher Berufung das Wesen des deutschen Geistes fort.
[ 126 ] Das zeigt Robert Hamerling, der österreichische Deutsche, so wunderschön, indem er in seinem «Germanenzug» zeigt, in schönen Worten beschreibt, wie einstmals die Germanen als Vorfahren der Deutschen herübergezogen sind von Asien nach Europa so, dass wir teilnehmen daran, dass wir teilnehmen an der untergehenden Sonne, an der milden Dämmerung, die sich ausbreitet; und als alles in tiefen Schlaf versinkt, nur einer wacht: der blonde Teut. Ihn beschäftigt, während alle anderen schlafen, ihn beschäftigen die Gedanken des zukünftigen deutschen Wesens, der deutschen Aufgabe. Der Genius, der Geist des deutschen Volkes tritt vor den blonden Teut und spricht ihm von der Zukunft des deutschen Volkes. So empfindet es Robert Hamerling und drückt es aus durch den Genius der Vorzeit an den blonden Teut gerade beim Herübergehen der Germanen, der Vorfahren der Deutschen, vom Osten nach dem Westen. — So spricht es aus der Genius:
«Wem bricht dereinst das Wort aus Seelentiefen
Wie deinem Volk, so reich, so zart, so mächtig?
Wer haucht so weihevoll in Saitenklänge
Sein Innerstes? Wem zich’n den Sinn so prächtig
Ins Himmelsblau granit'ne Hieroglyphen
Des Seelenaufschwungs aus des Lebens Enge?
Wer knüpft zuletzt die Stränge
Des forschenden Gedankens an die Sterne
So kühn und strebt und kämpft auf allen Bahnen?
Wen führt so hoch, so tief sein Drang, sein Ahnen?
Wer fasst so treu das Nahe wie das Ferne?
Wo spiegelt jede Erd- und Himmelszone
Sich wie in deinem Denken, O Teutone?»
[ 127 ] Und wie verwandt, aber auf einer höheren Stufe, erscheint das geistige Suchen des göttlichen Weltengrundes. Auch da spricht der Genius des deutschen Volkes wie durch Robert Hamerlings Mund zu dem blonden Teut, aus diesem, was ich gerade durch die Worte Jakob Böhmes andeutete, wo Andacht wird das Erkennen, wo Hingebung wird die Weltanschauung, Hingebung an die göttlichgeistigen Weltenkräfte. So lässt es Hamerling zum blonden Teut vom Genius des deutschen Volkes sagen:
«Doch wie auch stolz du aufstrebst, and’re Schwärme
Hoch überschwebend, stets noch eine Lohe
Wirst du bewahren, uralt heil’gen Brandes:
Fortleben wird in dir die traumesfrohe
Gotttrunkenheit, die seel’ge Herzenswärme
Des alten asia’schen Heimatlandes.
Geruhigen Bestandes
Wird dieser heil’ge Strahl, ein Tempelfeuer
Der Menschheit, frei von Rauch, mit reiner Flamme
Fortglüh’n in deiner Brust und Seelenamme
Dir bleiben und Pilote deinem Steuer!
Du strebst nur, weil du liebst: dein kühnstes Denken
Wird Andacht sein, die sich in Gott will senken.»
[ 128 ] Ja, bewusst werden des deutschen Wesens sich — das braucht der Deutsche. Dann wird er das Verhältnis finden zu den Ereignissen der Gegenwart! Denn: Vertrauen wird er dürfen auf dasjenige, was als Quell vorhanden ist, als Wurzel und Keime des geistigen Strebens innerhalb des deutschen Volkstums. Und was solche Keime hat, von dem darf mit Hoffnung, mit Zuversicht empfunden werden, dass sich seine Blüten und Früchte entwickeln werden, trotz allem gegenüber, was auch feindlich aufsteigt in der Welt gegen dieses Geistbegründete in der deutschen Entwicklung.
[ 129 ] Solches, denke ich, sagt einem eine wirklich objektive, nicht eine engherzige Betrachtung des deutschen Wesens. Und auf eine solch objektive Betrachtung darf sich der Deutsche stützen. Dann kann er auch entsprechend objektiv hinsehen auf die Art und Weise, wie man nicht nur verkürzt, sondern verleumdet dasjenige, was sich auf den 6 Millionen Quadratkilometern gegenüber den 68 Quadratkilometern ausbreitet.
[ 130 ] Wer dies betrachtet, die Wurzeln und die erhofften Zukunftskeime und Blüten und Zukunftsfrüchte, darf das, was heutige Betrachtung war, zusammenfassen, empfindungsgemäß zusammenfassen in ein paar Worte. Worte, die mit dem ganzen Erfühlen des deutschen Wesens, alles deutschen Wesens, innig zusammenhängen. Auch sie sind von Robert Hamerling, und auch sie beweisen, wie Mitteleuropa von diesseits und jenseits des Erzgebirges heute zusammengeschmiedet ist, aber zusammengeschmiedet ist auch durch dieses gemeinschaftliche geistige Weben und Wesen in diesem Mitteleuropa.
[ 131 ] Darum sei mit einem Worte Robert Hamerlings, des österreichischen Deutschen, diese heutige Betrachtung geschlossen, mit einem Wort, das empfindungsgemäß zusammenfasst aber dasjenige, was ich in längerer Ausführung — in leider allzu langer Ausführung — vor Ihre Seele zu bringen versuchte. Robert Hamerling sagt aus der Gesinnung heraus, aus der er sagte «Österreich ist mein Vaterland, aber Deutschland ist mein Mutterland», er sagt:
«Und wenn je dem deutschen Namen
Feindlich sich der Tag erweist,
Finden wird von Meer zu Meere
Seine Bahn der deutsche Geist!»
