Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele
GA 70b
13 März 1916, Stuttgart
14. Ein vergessenes Streben nach Geisteswissenschaft Innerhalb der Deutschen Gedankenentwicklung
Sehr verehrte Anwesende!
[ 1 ] Auch diesmal scheint es mir angemessen — wie bei früheren Anwesenheiten von mir während dieser schicksaltragenden Zeit — zunächst eine Betrachtung anzustellen, welche zusammenhängt mit der Entwicklung des deutschen Geisteslebens, um dann morgen wiederum zu einem Gegenstande zu kommen, der im engeren Sinne dann der Geisteswissenschaft angehört.
[ 2 ] Und wenn heute eine Betrachtung in Anknüpfung an die Entwicklung des deutschen Gedankenlebens geschehen soll, so möchte ich in erster Linie wiederum betonen, dass diese Betrachtung nicht in den Ton verfallen möchte, in den heute so viele Betrachtungen verfallen, einen äußeren Zusammenhang herzustellen zwischen allerlei geistigen Umschwüngen und den schicksaltragenden geschichtlichen Tatsachen unserer Zeit. Nicht kann in einer Zeit, in welcher die Gewalt der Waffen [über] Völkerschicksale entscheidet, nicht kann da das Wort irgendwie eingreifen, bedeutungsvoll etwa eingreifen in dasjenige, was durch die Gewalt der Waffen zu entscheiden ist. Aber in einer Zeit leben wir ja, [in] welcher Selbstbesinnung — auch volkliche Selbstbesinnung — durchaus am Platze zu sein scheint.
[ 3 ] Nun wird man dann, wenn vom Gesichtspunkt einer Wissenschaft, auch der Geisteswissenschaft, davon gesprochen wird, dass gewisse Entwicklungskräfte einer solchen Geisteswissenschaft wurzeln in volkstümlichen Kräften, wie das heute geschehen soll, man wird sogleich stoßen, sehr verehrte Anwesende, auf allerlei Einwendungen, Einwendungen, die ungemein billig sind, weil sie so selbstverständlich sind, [die] von einem gewissen Gesichtspunkte aus so selbstverständlich sind, dass sie eben wegen ihrer Selbstverständlichkeit außerordentlich einleuchtend erscheinen demjenigen, der sich nicht zu gewissen höheren Gesichtspunkten erheben will. Man wird bei einer solchen Betrachtung immer wieder und wiederum auf den Einwand stoßen, dass die Wissenschaft als solche, und alles dasjenige, was irgendwie Anspruch machen will darauf, so zu sein, dass das, wie man sagt, «international» sei, und dass man da nicht berechtigt sei, irgendwelche Wurzelung im Volkstümlichen geltend zu machen.
[ 4 ] Nur durch einen Vergleich sei auf diesen Einwand entsprechend hingewiesen. «International», sehr verehrte Anwesende, ist zum Beispiel auch der Mond. Er ist für alle ganz gleich; aber was haben die verschiedenen Völker über den Mond Verschiedenes zu sagen! Gewiss kann da wieder jemand einwenden: Ja, das liegt auf dichterischem Gebiete. — Ja, gewiss; aber wer etwas tiefer auf das Geistesleben der Menschheit eingeht, der wird bemerken, dass — wenn auch die sich auf die äußerlichen tatsächlichen Dinge beziehenden Betrachtungen und Erkenntnisse alle gleich sind in der Wissenschaft über den Mond —, dass dasjenige, was aus den innersten Triebkräften der menschlichen Seele heraus die einzelnen Völker zu sagen haben auf Grundlage desjenigen, was der Mensch erkennen kann, dass das verschieden ist, [und] je nach den verschiedenen Anlagen, nach den verschiedenen Trieben der einzelnen Völker mehr oder weniger tief eindringt in die Geheimnisse des Daseins. Und der Gesamtfortschritt der Menschheit hängt nicht ab von dem, was überall gleich ist, sondern der Gesamtfortschritt der Menschheit hängt ab von dem, was aus den — dem innersten einzelnen Volkswesen eigentümlichen — Triebkräften der Gesamtentwicklung der Menschheit einverleibt wird.
[ 5 ] Von diesem Gesichtspunkte aus soll heute hingewiesen werden darauf, wie deutsches Volkstum innig zusammenhängt mit dem Bestreben, nicht allein eine äußere Sinneswissenschaft zu begründen, sondern durch inniges Eindringen auch in die geistigen Geheimnisse des Daseins — wie gerade das Suchen eines Weges, um zu den geistigen Geheimnissen des Daseins zu kommen, eigentümlich ist manchem, was man deutsches Volkstum nennen kann.
[ 6 ] Und noch aus einem anderen Grunde, sehr verehrte Anwesende, darf eine solche Betrachtung hier angestellt werden, aus dem Grunde, weil es meine — nicht etwa aus einem engherzigen volksmäßigen Empfinden heraus kommende, sondern aus der, wie ich glaube sachgemäßen Betrachtung des deutschen Wesens erfließende — Überzeugung ist, dass dasjenige, was jetzt hier durch Jahre hindurch schon als Geisteswissenschaft vertreten wird, stark wurzelt in dem allgemeinen Geistesleben des deutschen Volkes, dass alle Keime zu einer wirklichen Geisteswissenschaft in der Geistesentwicklung des deutschen Volkes vorhanden sind.
[ 7 ] Einleitungsweise, sehr verehrte Anwesende, werde ich den Ausgangspunkt nehmen von drei Persönlichkeiten, über die ich vor einigen Monaten hier in dieser Stadt sprechen durfte, gelegentlich als ich versuchte, zu zeichnen das Weltbild des Deutschen Idealismus; selbst auf die Gefahr hin, in kleinen Einzelheiten das oder jenes zu wiederholen, werde ich den Ausgangspunkt nehmen von den drei großen Gestalten, welche auftreten innerhalb der Gedanken- und Geistesentwicklung des deutschen Volkes, und die ein Weltbild schaffen, welches die Grundlage, den Hintergrund — könnte man sagen abgibt für dasjenige, was dann künstlerisch-dichterisch durch Goethe, Schiller, Herder, Lessing und so weiter innerhalb des deutschen Geisteslebens geleistet worden ist, als eine Blüte des neueren Geisteslebens überhaupt, die sich unmittelbar nur vergleichen lässt mit der gewaltigen Blüte, die das menschheitliche Geistesleben zur Zeit des alten Griechentums getrieben hat: von Fichte, Schelling und Hegel sei noch einmal ausgegangen.
[ 8 ] Fichte, er steht vor uns — und ich habe das eben in dem Vortrag vor einigen Monaten schon bemerkt — indem er etwas wie die Empfindung hat, dass er alles dasjenige, was er als Bestes zu geben hat seinem Volke über ein Weltanschauungsbild und über Aufschlüsse über das Wesen seines Volkes, dass er das gewonnen hat wie durch ein Zwiegespräch mit dem deutschen Volksgeiste selber. Innerlich getragen von dem Bewusstsein, dass urdeutsches Wesen aus seiner Seele heraus spricht, ist Johann Gottlieb Fichte.
[ 9 ] Er ist es auch, der nicht nur in einer der schwersten Zeiten der deutschen Geistesentwicklung Töne fand, welche im hohen Grade geeignet waren, die Begeisterung des ganzen Volkes für seine Erhebung aus der Unterdrückung zu geben, sondern er war es [auch], der in der Art und Weise, wie er ein Weltbild erhalten will für seine Erkenntnis, so recht zeigt, dass er dieses Weltenbild sucht aus Eigenschaften der menschlichen Seele heraus, aus Kräften der menschlichen Seele heraus, die wesentlich deutsche Eigenschaften des Geisteslebens, deutsche Kräfte sind. Das hat er betont. Und das ist in Bezug auf Johann Gottlieb Fichte gewiss die reine Wahrheit.
[ 10 ] Und worin besteht dieses unmittelbar Deutsche gerade in Johann Gottlieb Fichtes Streben? Es besteht darinnen, dass Johann Gottlieb Fichte aus seiner Deutschheit heraus, wie er es selber nennt, dazugekommen ist, in lebendiger Weise zu suchen nach einer Vertiefung und zugleich Erkraftung des eigenen seelischen Wesens des Menschen, des eigenen Ichs, und überzeugt worden ist aus dem lebendigen innerlichen Durchleben des eigentlichen Ichs, dass in dieses Ich hereinfließen könne, wenn es sich nur in der rechten Weise erlebt, wenn es ganz seiner selbst inne wird, dass hereinfließen könne dasjenige, was die Welt als Göttlich-Geistiges durchwebt, durchhellt, durchwärmt. Sodass dasjenige, was draußen in allen Naturerscheinungen spricht, was im Verlaufe der Geschichte spricht, was aber auch hinter den Naturerscheinungen und hinter der Geschichte als geistige Kräfte spricht, nach Fichtes Anschauung hereinfließt in den menschlichen Willen.
[ 11 ] Der menschliche Wille, der im Ich sich geltend macht, er ist nur der innerste, geheime Ausdruck, innerlichste geheime Ausdruck der Seele für dasjenige, was alle Wesen der Welt — vom materialistischsten bis zum geistigsten — durchwebt und durchwärmt. Dieses innige VerwachsenSein des in der Seele Erlebten mit dem großen Geheimnis des Weltenalls, soweit es der Mensch ergründen kann, das ist das ganz eigene Deutsche in Johann Gottlieb Fichtes Streben.
[ 12 ] Und man kann sehen, wenn man Fichte beobachtet so, wie er sich darlebt, man sieht an ihm, wie das zu beurteilen ist, wie es nicht etwas Erdachtes, etwas Anerzogenes ist, sondern wie es sich aus den geheimsten Tiefen seiner Seele als seine naturgemäße Anlage ergibt. Um das zu erhärten, seien einzelne Züge aus Johann Gottlieb Fichtes Leben angeführt. Wie gesagt, selbst auf die Gefahr hin, Kleinigkeiten zu wiederholen, die ich mir schon erlaubte, hier zu sagen.
[ 13 ] Da sehen wir zum Beispiel diesen Johann Gottlieb als kleinen, siebenjährigen Knaben vor dem Hause seines Vaters, der ein armer Webermeister war, wir sehen da den Johann Gottlieb Fichte siebenjährig stehen vor dem kleinen Bach, der vor dem Hause seines Vaters vorbeifließt; und ein Buch hat er in diesen Bach hineingeworfen. Der Vater kommt dazu, und ist im höchsten Grade erstaunt über dasjenige, was da vorgegangen ist. — Was war vorgegangen? Nun, Johann Gottlieb Fichte, er war ein sechs- bis siebenjähriger Knabe, ein fleißiger Schüler. Dasjenige, was man Pflichtgefühl nennt, lebte in stärkster Kraft in seiner Seele; und weil er so fleißig war, hat ihm der Vater zum letzten Weihnachtsfest ein Buch geschenkt: den «Gehörnten Siegfried». Den siebenjährigen Knaben, der schon vollständig lesen konnte, interessierte das Buch vom «Gehörnten Siegfried» so in der alleräußersten Weise, und er war immer dabei, sich zu vertiefen in die große Gestalt des gehörnten Siegfrieds; sodass man hatte bemerken können, dass er etwas weniger fleißig in der Schule geworden war, und man hat ihm das vorgehalten. Jetzt regte sich innerhalb des Wollenslebens schon in dem siebenjährigen Knaben die seelische Pflicht: Nicht wollte er mehr weiterlesen, und auch nicht versucht werden, weiterzulesen in dem Buch vom gehörnten Siegfried. Und um ganz sicher zu sein, so wirft er, weinend, das Buch in den Bach! — So war derjenige beschaffen, der für seine Zeit nach seinem eigenen Bewusstsein die deutsche Weltanschauung schaffen sollte!
[ 14 ] Und wiederum, schauen wir uns den neunjährigen Johann Gottlieb Fichte an. Es war an einem Sonntagmorgen, der Gutsnachbar war aus der Nachbarschaft gekommen, um die Predigt zu hören. Er war aber zu spät gekommen, der Gutsherr, und konnte somit die Predigt nicht mehr hören. Einige aus dem Bekanntenkreis des Gutsherrn waren auf das Auskunftsmittel gekommen, den kleinen Johann Gottlieb Fichte kommen zu lassen, denn der könne so gut die Predigt anhören, dass er sie Wort für Wort wiedergeben könne. Man holt den neunjährigen Johann Gottlieb Fichte. Nachdem er zuerst in seinem blauen Bauernkittel linkisch aufgetreten war, stellte er sich dann hin und wiederholte die Predigt, aber jetzt nicht in einer Weise etwa, die nur ein äußerliches Festhalten der Worte war, sondern mit innerlichstem Anteil, nicht nur gedächtnismäßig, [sondern] mit innerlichstem Anteil, sodass man sah: Alles dasjenige, was gesprochen worden war, lebte in seiner Seele ein ureigenes Leben.
[ 15 ] Das sind so kleine Züge, die zeigen, wie innig verwachsen war Johann Gottlieb Fichtes Seele mit dem auf der einen Seite, was er Pflicht nannte, und auf der anderen Seite, was in ihm der Drang war, das eigene menschliche Ich so zu erhöhen, so zu erkraften, dass in ihm sich ausleben, sich offenbaren könne dasjenige, was als Urgesetze die Welt willentlich durchwebt und durchwärmt. Und wie er gerade darauf hinausging später, als er zum Professor in Jena berufen war, zu wirken, das erzählen uns die Leute, die ihn selber gehört haben und die uns versichern, dass, wenn er sprach, seine Worte waren ernst und streng, aber zugleich eindringlich, wie verwoben mit der Sprache, die die Weltgeheimnisse aus der Natur der Dinge selber spräche. Wie Donnerrollen war seine Sprache, und die Worte entluden sich — so sagt uns einer, der ihn gehört hat, und der mit ihm befreundet war —, die Worte entluden sich wie Blitze. Seine Phantasie war zwar nicht üppig — wird uns erzählt —, aber sie war majestätisch, großartig. Und so wird uns erzählt, dass er im Reiche der übersinnlichen Ideen lebte, nicht wie einer, der bloß drinnen wohnt, sondern wie einer, der dieses Reich der Ideen im Wesentlichen beherrschte.
[ 16 ] Und eigentümlich war es zum Beispiel auch, wie er auffasste seinen Lehrer-Beruf: Da war nicht viel von dem, was man so gewöhnt ist von einem Redner oder Lehrer. Er war in fortwährender innerer Arbeit. Seine Vorbereitung für irgendeinen Vortrag oder eine Rede bestand darinnen, dass er nicht so sehr sich den Inhalt zurechtlegte, als sich versuchte, mit seiner Seele zu versetzen in jenes geistig Innerliche, das er nicht bloß durch den Inhalt der Worte, [sondern] durch die Art und Weise, wie er es gab, in die Seelen seiner Zuhörer einfließen lassen wollte; er strebte danach, so zu wirken, dass es weniger auf den Inhalt seiner Worte ankam als darauf, dass durch die ganze Art und Weise, wie sich das Geistige im Strome seiner Rede betätigte, die Seelen der Zuhörer ergriffen wurden. So konnte wiederum jemand, der ihn gut kannte, sagen: Er strebte nicht allein, gute Menschen zu erziehen, sondern große Seelen.
[ 17 ] Auf einen kleinen Zug sei hingewiesen, den man immer wieder und wiederum erwähnen muss, wenn man das unmittelbar lebendige, wie Fichte sich zu seinen Zuhörern verhielt, lebendig machen will. Da sagte er zum Beispiel — der tiefdenkende Steffens hat uns das überliefert —, da sagte Fichte zum Beispiel zu seinen Zuhörern in Jena: Denken Sie die Wand! — Das fanden die Leute selbstverständlich leicht: Sie dachten die Wand. Nachdem er sie eine Zeit lang die Wand hatte denken lassen, da sagte er: So, und nun denken Sie den, der die Wand eben gedacht hat! — Da waren einige verblüfft!
[ 18 ] Das war doch ein Hinweis auf das eigene Seelische, in dem entzündet werden sollte dasjenige, was die Welt im tiefsten Inneren durchströmt und durchwärmt. [So sehr er auch damit verblüfft haben mag,] aber es ist doch zugleich ein Zeugnis, wie — ich möchte sagen — Fichte tatsächlich nicht bloß mit gescheiten Worten unmittelbar das Geistige an seine Zuhörer heranbringen wollte. Durch die Worte hindurch — nicht bloß in dem Worte wollte er wirken. Daher konnte es kommen, dass dieser Mann auch das Geschichtliche im Wirken des bildenden Volksgeistes tatkräftig zu erfassen suchte. Und indem er lebendig sich verbinden wollte wie mit dem Weltenwirken im Allgemeinen, so wollte er auch lebendig sich verbinden mit dem, was ein Teil dieses Weltenwirkens ist und ihm nahe leben als Angehöriger seines Volkstums; er wollte sich verbinden mit dem Wesen des deutschen Volksgeistes. Und niemand kann im Grunde genommen verstehen, welche nicht nur tiefe, sondern welche tragende Kraft die wunderbaren Worte haben, die Johann Gottlieb Fichte in einem so schweren Zeitabschnitte des deutschen Volkes zu diesem Volke als seine «Reden an die deutsche Nation» gehalten hat, niemand kann das richtig begreifen, der nicht den Zusammenhang einsieht zwischen der Art und Weise, wie Fichte in sich selber den Weltenwillen im Ich ergreifen wollte, und dann stark die Kraft, die sich ihm da in der Seele ergab, wiederum hinaustragen wollte in das Wirken, in das Geschehen, in das gesellschaftliche und sonstige Zusammenleben der Menschen und in die Auffassung des Lebens.
[ 19 ] Da steht er — allerdings in unserer Weise — vor uns, dieser Johann Gottlieb Fichte! Und — wie gesagt — nicht aus einem engherzigen Volkstum heraus, sondern durchaus aus tatsächlicher Betrachtung sollen diese Dinge gesagt werden, die jetzt besprochen werden müssen. Wir brauchen ja nicht in den Fehler zu verfallen, in den jetzt verfallen die Feinde des deutschen Wesens, die dieses deutsche Wesen nicht nur anklagen, sondern sogar verleumden im wahren Sinne des Wortes; wir können uns innerhalb der Betrachtungen des deutschen Wesens auf einen sachlichen Standpunkt stellen und werden gerade durch diesen sachlichen Standpunkt in der Lage sein, in der richtigen Weise zu erkennen dasjenige, was das Wesen des deutschen Volkstums ist.
[ 20 ] Lebendig in sich wollte Fichte erfassen den Weltenwillen. Und dieser Weltenwille war ihm der Träger desjenigen, was er die Weltenpflicht nannte, die sich sondert wiederum in einzelne Menschenpflichten. Dadurch ist [ihm] geworden dasjenige, was draußen lebt, ein überall Lebendiges. Dadurch steht er aber auch im Gegensatze, wie er selber es auch in seinen «Reden an die deutsche Nation» betont — Sie können das nachlesen in meiner Ausführung in meinem kleinen Büchelchen «Gedanken während der Zeit des Krieges», das jetzt vergriffen ist, aber bald wiederum erscheinen wird, [wie] er, Johann Gottlieb Fichte, sucht in allem überall das Lebendige und sich so bewusst ist —, dass er damit im Gegensatze steht zu manchem, was er eine tote Wissenschaft nennt. Und diese tote Wissenschaft sie findet auch Johann Gottlieb Fichte bei den westeuropäischen Völkern, bei dem französischen und bei dem britischen Volke. — Nur, wie gesagt, zur tatsächlichen Kennzeichnung, nicht um irgendeinem Volke etwas aufzumutzen, sei das gesagt; aber es muss erkannt werden, in welchem Verhältnis der deutsche Geist zu den andern Volksgeistern steht in dieser schicksaltragenden Zeit!
[ 21 ] Ich habe schon damals, als ich versuchte, das Weltbild des deutschen Idealismus zu zeichnen, darauf hingewiesen, wie charakteristisch dasteht in der Entwicklung des französischen Weltanschauungslebens am Anfange des siebzehnten Jahrhunderts Descartes, Cartesius. Ich habe darauf hingewiesen, wie er charakteristisch zum Ausdrucke bringt dasjenige, was aus seinem Volkstum heraus in seinem Weltanschauungsbilde lebt, dadurch, dass ihm nicht nur die mineralische, die pflanzliche Welt, sondern sogar die tierische Welt nichts anderes ist, als eine Summe belebter — nicht beseelter —, sondern nur bewegter Maschinen! Das ist das Eigentümliche dieses westlichen Geistes, dass er nur eine tote Wissenschaft im Grunde genommen fassen kann.
[ 22 ] Da steht Fichte mit seinem Lebendigen in all seinen Ausführungen in wesentlichem Gegensatze zu dem Erkenntnisweg und -streben des Westens, [wo] die Tiere sind wie Maschinen. Das hat sich dann fortgesetzt. Und nicht lange, bevor Johann Gottlieb Fichte in Deutschland wirkte, um aus dem lebendigen Erfassen der Weltengeheimnisse heraus das Leben bei allen Tatsachen und Wesen der Welt aufzuzeigen, hat — ich möchte sagen — ein Nachkomme jenes Descartes — Cartesius — in Frankreich gewirkt: de La Mettrie.
[ 23 ] Und während Cartesius noch wenigstens aus der inneren Erfahrung, aus dem inneren Erlebnissen dem Menschen zugestanden hat eine besondere Seele, sprach de La Mettrie in einer Steigerung dieser westlichen toten Wissenschaft sich in seinem Buche «Der Mensch eine Maschine» dahin aus, dass auch dasjenige, was als Mensch uns gegenübersteht, selber in dem Weltenzusammenhange drinnen steht als eine bloße Maschine; dass man diesen ganzen Menschen begreifen könne dadurch, dass man ihn auffasst als Ergebnis der rein stofflichen Vorgänge und Kräfte. Alles am Menschen, einschließlich aller Seeleneigenschaften und Betätigungen soll so erfasst werden nach de La Mettrie, dass der Mensch nur als eine Maschine anerkannt werde.
[ 24 ] Gewiss, bis zu einem gewissen Grade ist der Mensch eine Maschine. Das ist nicht das Wesentliche der Geisteswissenschaft, dass sie etwa widerspricht dem, worinnen solche Behauptungen recht haben; sondern dass sie noch andere Wege — wir werden morgen davon sprechen von diesem —, dass sie noch andere [ergänzende] Wege zu diesem zeigen kann, andere Wege noch weiß, die auch über die berechtigten Ansprüche des Materialismus hinausführen. De La Mettrie ist im Grunde genommen aus dem französischen Volkstume heraus einer der allerbezeichnendsten Geister dieser Auffassung, dass die ganze Welt des Menschen nur eine Art Mechanismus ist. Und es ist interessant, gerade einen solchen Gegensatz zu betrachten, wie den Franzosen de La Mettrie und den Deutschen Johann Gottlieb Fichte. Bei de La Mettrie: alles Mechanismus am Menschen; bei Fichte ist so alles Geist, dass er in seine Seele herein empfing das, was er Weltenwille nennt, und dass ihm das äußerlich Stoffliche nur ein verinnerlichtes Feld für die Pflichtverrichtung aus dem Geiste heraus ist. Daher jenes schöne, jenes wunderbare Streben Fichtes, alles aus dem Geiste heraus abzuleiten, was hier in der Sinneswelt für den Menschen bezeichnet auftritt; dagegen dort bei de La Mettrie alles von dem Ziel erfüllt, das äußerlich Körperliche als einen unmittelbar maßgebenden Trieb auch für das Geistesleben anzusehen.
[ 25 ] De La Mettrie wird in solchen Dingen manchmal recht witzig, denn er steckt ebenso tief in seiner mechanistischen Weltanschauung drinnen, wie tief Johann Gottlieb Fichte in seiner geistigen Weltanschauung drinnen steckt. Wenn zum Beispiel de La Mettrie in seinem Buch «Der Mensch eine Maschine» sagt: Sieht man es denn nicht an, wie der Körper das Seelische formt? An einem berühmten Dichter, in dessen Seele man nur zu sehen braucht, dann sieht man, dass er zur Hälfte ein Filou ist, zur anderen Hälfte ausgestattet ist mit dem Feuer des Prometheus? — Etwas schlau hat de La Mettrie nicht gesagt, welchen Dichter er meinte; aber Voltaire ist wütend geworden über diese Bemerkung. Da hat, als ihm das gesagt worden ist, de La Mettrie gesagt: Nun ja, gut, ich nehme die eine Hälfte der Behauptung zurück — er meinte die Hälfte vom Prometheus! —, den «Filou», den hat er weiter [aufrechterhalten]. Er hat es nur in seiner Art ausgedrückt, es muss nicht gepresst werden. Sondern, wenn Sie die einzelnen Angaben nehmen, dass gerade der Mensch eine Maschine ist — und darin ist er unermüdlich, zu zeigen, wie das Maschinenmäßige, gewissermaßen das Einheizen [Lücke in der Mitschrift] im Menschen, wie das den ganzen Menschen kennzeichnet, Befriedigung bewirkt, verursacht — da wird er manchmal ganz merkwürdig sogar. Und ich weiß nicht, und ich weiß nicht, mit welchen Gefühlen eine Stelle aus «Der Mensch eine Maschine» heute in Frankreich gelesen wird! Ich will sie auch durchaus nicht als etwas anführen, was man nun etwa als Deutscher zu teilen braucht; aber ich möchte es doch anführen, weil es recht charakteristisch ist, und weil — sie werden doch ja gleich sehen, aus welchem Grunde ich sie doch anführen möchte — man vielleicht gerade vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus fragen könnte: Wie sieht nun solche eine Seele — er hat zwar geleugnet, dass das möglich ist — aber: Wie sieht nun solch eine Seele herunter, mehr als hundert Jahre nach ihrem Tode, auf dasjenige, was jetzt als Lobeserhebungen zwischen Frankreich und England ausgetauscht ist, wenn er, de La Mettrie, der Franzose, in seinem Buch «Der Mensch eine Maschine» doch beweist, wie die Menschen ganz in ihrem Charakter in ihren Seelen abhängig sind von der Art und Weise, wie das Materialistische auf sie wirkt, wenn er da Folgendes sagt:
«Das rohe Fleisch macht die Tiere wild; die Menschen würden es durch gleiche Nahrung werden.»
[ 26 ] Das führt er zu einem Beweise an, dass das Stoffliche auch das Geistige bedingt.
«Wie wahr das ist»
[ 27 ] sagt de La Mettrie, der Franzose,
«sieht man darin, dass die englische Nation, die das Fleisch weniger kocht wie der Franzose, ganz roh und blutig isst, eine größere Wildheit zeigt, die zum Teil durch jene Nahrungsmittel hervorgebracht wird, zum Teil freilich auch durch andere Ursachen, welche nur die Erziehung unterdrücken kann. Diese Wildheit bringt in der Seele Hochmut, Hass, Verachtung anderer Nationen, Unlenksamkeit und andere Gefühle hervor, die den Charakter verderben, wie die groben Nahrungsmittel einen schwerfälligen und plumpen Geist bei einem Volke erzeugen, dessen Haupteigenschaften Faulheit und Stumpfsinn sind.»
[ 28 ] Wie gesagt, man braucht sich nicht anzueignen diese Charakteristik des französischen Materialisten; aber es könnte doch nicht uninteressant sein, sie sich gerade heute vor die Seele zu rücken, von dem Gesichtspunkte aus betrachtet, wie sich die Empfindungen ändern im Laufe der Zeit.
[ 29 ] Wenn wir, sehr verehrte Anwesende, den zweiten der Geister vor unsere Seele stellen, die einen Weltanschauungshintergrund geschaffen haben für dasjenige, was deutsche Kunst, deutsche Dichtung im Goethe-Zeitalter geschaffen hat, so ist es Wilhelm Joseph Schelling. Und wenn man bei Fichte vor allen Dingen bewundern muss, wie er das Hereinwirken des Willens in das Ich ins Auge fasst, und sich durchkraftet mit dem Bewusstsein von diesem Hereinwirken des Willens in das Ich, so ist es bei Schelling, dass er begründet eine Wissenschaft von der Natur und eine Wissenschaft von dem Geiste, wirklich so, dass man sagen kann: In ihm wirkt da, wo er in abstrakter Weise die Naturerscheinungen verstehen und erkennen will, in ihm wirkt das deutsche Gemüt. Dadurch wird ja Schelling in einer ganz besonderen Weise — jetzt nicht der Gegensatz, nicht so, wie Fichte der Gegensatz ist zum Franzosentum, der Gegensatz ist zum Britentum —, wird Schelling nicht Gegensatz für den Idealismus, aber er wird der Fortsetzer, der Erweiterer. In Schelling steht da, lebendig, aus dem deutschen Gemüt heraus geschaffen, ein Weltanschauungsbild, das im besten Sinne des Wortes auf eine höhere Höhe der Geistigkeit hebt dasjenige, was zum Beispiel ein Giordano Bruno nur anregen konnte. In dieser Seele Schellings, die so ganz durchglüht war vom deutschen Gemüt, auch künstlerisch durchglüht, wuchsen Natur und Geist in einer Einheit zusammen. Er konnte sich soweit versteigen — gewiss, solch eine Sache ist einseitig aber es kommt heute ja wirklich nicht darauf an, dass man in kindischer Weise Anhänger oder Gegner einer Weltanschauung sein müsse, sondern dass man genau weiß, dass es sich nicht handelt darum, Anhänger oder Gegner zu sein, sondern zu betrachten das Streben, das in einem solchen Menschen lebt, das Streben nach Wahrheit hin, das Streben nach der Erkenntnis der tieferen Geheimnisse des Menschendaseins. Von einem einseitigen, aber energisch kraftvollen Standpunkte aus kam Schelling zu der Behauptung, auf die ich hier auch schon hingewiesen habe in einem der letzten Vorträge: Die Natur erkennen, heißt, die Natur schaffen. — Gewiss eine einseitige Behauptung, aber eine Behauptung, von der man sagen kann: Sie entsteht aus einer Seele heraus, die sich eins weiß mit dem, was in der Natur webt und lebt.
[ 30 ] Wiederum aus urdeutschem Wesen heraus ein Schöpfer eines Weltenbildes, der da weiß, dass das menschliche Ich so erhöht, so erkraftet, so durchseelt werden könne, dass sich ausspricht in diesem Ich dasjenige, was die Welt in geheimnisvoll geistiger Weise durchwellt und durchwärmt. Und wiederum — könnte man sagen —, gerade durch die Wirkung, die Schelling auf seine Zeitgenossen machte, ist gerade auch Schelling zu erkennen. Da wird uns erzählt — von dem tiefgeistigen, selber eben tiefgeistigen Schubert, einem Schüler und Freunde Schellings —, wie man wusste, wenn in Jena auf der Straße am Nachmittag ein besonderes Leben war — Schelling war ja Professor in Jena —, da waren nicht etwa Studentenveranstaltungen, sondern da war es, dass Schelling sprach über dasjenige, was er als ein Weltenbild gewinnen wollte. Schubert, der ihn in Jena hörte, er drückte es aus, wie ihm dann Schelling vorkam. Ich möchte Ihnen diese Stelle wörtlich vorlesen von Schubert, damit Sie sehen, wie ein Zeitgenosse über Schelling sprach, über diesen Schelling, der wirklich, wie man das bei Fichte zeigen kann, in seiner ganzen Art, in seiner ganzen menschlichen Art zusammengewachsen war — mit seinem geistigen Streben — mit dem Weltengeheimnisse.
[ 31 ] Dieses unmittelbare — ich möchte sagen —, tiefinnerst ehrliche Zusammenwachsen in der Seele mit dem Weltengeheimnisse, das ist das Ureigene des Strebens gerade jener Zeit, von der wir jetzt sprechen.
[ 32 ] [Gotthilf Heinrich Schubert schildert Schelling als Jüngling. Und] ich kannte, sehr verehrte Anwesende, noch solche, die Schelling im Alter gehört haben, da war es auch noch so, dass aus der ganzen Persönlichkeit Schellings heraus sprach unmittelbar persönlich, was in ihm lebte, lebte so, wie wenn es hereingeströmt wäre aus dem, was geistig in der Welt waltet und webt. Daher kam er vor denen, die ihm zuhörten, wie der Seher, der umflossen war von einer Art geistiger Aura und [der] so sprach, dass er wie eine Art Seher sprach indem er Worte prägte, nicht aus der menschlichen Willkür heraus prägte, sondern sie so prägte, weil er hineinschaute in die geistigen Triebkräfte, die der Welt zugrunde lagen. Deshalb sagt Gotthilf Heinrich Schubert, ein liebenswürdig geistvoller Denker:
«Was war es, das Jünglinge wie gereifte Männer von ferne und nahe so mächtig zu Schellings Vorlesungen hinzog? War es nur die Persönlichkeit des Mannes oder der eigentümliche Reiz seines mündlichen Vortrags, darin diese anziehende Kraft lag?»
[ 33 ] Das war es nicht allein.
«In seinem lebendigen Worte lag»
[ 34 ] allerdings
«eine hinnehmende Kraft, welcher, wo sie nur einige Empfänglichkeit traf, keine der jungen Seelen sich erwehren konnte. Es möchte schwer sein, einem Leser unserer Zeit»
[ 35 ] Schubert schreibt 1854 nieder, was er in den Neunzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts mit Schelling erlebt hatte
«der nicht wie ich jugendlich teilnehmender Hörer war, es begreiflich zu machen, wie es mir, wenn Schelling zu uns sprach, öfters so zu Mute wurde, als ob ich Dante, den Seher einer nur dem geweihten Auge geöffneten Jenseitswelt, läse oder hörte. Der mächtige Inhalt, der in seiner, wie mit mathematischer Schärfe im Lapidarstile abgemessenen Rede lag, erschien mir wie ein gebundener Prometheus, dessen Bande zu lösen und aus dessen Hand das unverlöschende Feuer zu empfangen, die Aufgabe des verstehenden Geistes ist.
Aber weder die Persönlichkeit noch die belebende Kraft der mündlichen Mitteilung konnten es allein sein, welche für die Schelling’sche Philosophie alsbald nach ihrem öffentlichen Kundwerden durch Schriften eine Teilnahme und eine Aufregung für oder wider ihre Richtung hervorriefen, wie dies vor und nachher in langer Zeit keine andere literarische Erscheinung ähnlicher Art vermocht hat. Hier musste dies einzig der Inhalt für sich selber tun.
Man wird es da, wo sich’s um sinnlich wahrnehmbare Dinge oder natürliche Erscheinungen handelt, einem Lehrer oder Schriftsteller sogleich anmerken, ob er aus eigener Anschauung und Erfahrung spricht oder bloß von dem redet, was er von andern gehört, ja nach eigener selbstgemachter Vorstellung sich ausgedacht hat ... Auf die gleiche Weise, wie mit der äußeren Erfahrung, verhält es sich mit der inneren. Es gibt eine Wirklichkeit von höherer Art, deren Sein der erkennende Geist in uns mit derselben Sicherheit und Gewissheit erfahren kann, als unser Leib durch seine Sinne das Sein der äußeren sichtbaren Natur erfährt. Diese, die Wirklichkeit der leiblichen Dinge, stellt sich unseren wahrnehmenden Sinnen als eine Tat eben derselben schaffenden Kraft dar, durch welche auch unsere leibliche Natur zum Werden gekommen. Das Sein der Sichtbarkeit ist in gleicher Weise eine wirkliche Tatsache, als das Sein des wahrnehmenden Sinnes. Auch dem erkennenden Geiste in uns hat sich die Wirklichkeit der höheren Art als geistig-leibliche Tatsache genaht; er wird ihrer inne werden, wenn sich sein eigenes Erkennen zu einem Anerkennen dessen erhebt, von welchem er erkannt und aus welchem nach gleichmäßiger Ordnung die Wirklichkeit des leiblichen wie des geistigen Werdens hervorgeht. Und jenes Innewerden einer geistigen, göttlichen Wirklichkeit, in der wir selber leben, weben und sind, ist der höchste Gewinn des Erdenlebens und des Forschens nach Weisheit. ...
Schon zu meiner Zeit»
[ 36 ] so sagt Schubert
«gab es unter den Jünglingen, die ihn hörten, solche, welche es ahnten, was er unter der intellektuellen Anschauung meinte, durch welche unser Geist den unendlichen Urgrund alles Seins und Werdens erfassen muss.»
[ 37 ] Dass Schelling aus einer solchen unmittelbaren Anschauung heraus von einer solchen Welt des Geistes sprach, das will von ihm Gotthilf Heinrich Schubert zum Ausdrucke bringen.
[ 38 ] Und als ob sich der deutsche Geist nach allen Seiten eben offenbaren wollte, sehen wir in Hegel — der ebenso wie Schelling ein Württemberger ist; sogar ein Stuttgarter ist Hegel —, wir sehen in Hegel, wie er bemüht ist, in dem, was die Seele in sich selber erleben kann, zu gleicher Zeit das zu erleben, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchflutet und in die eigene Seele herein sich leben kann, nur auf eine dritte Art. Wie wenn der deutsche Geist nach allen Seiten hin sich offenbaren wollte: In der dritten Art versucht Hegel dies. Für ihn ist dasjenige, was die Welt durchweht und durchleuchtet, der göttlichgeistige Gedanke. Und indem der Mensch denkt, indem der Mensch den Gedanken in sich erhellt — den Gedanken, der nicht von Erinnerung abhängig ist, sondern den sinnlichkeitsfreien Gedanken —, wächst dieses Denken in der Seele zusammen mit dem, was als Gedanke in den Weltengesetzen selber die Welt durchfluter.
[ 39 ] Und da begründet Hegel etwas — wie gesagt, man braucht weder Anhänger, noch Gegner zu sein, sondern [man möge] hinwenden den Blick zu der Anschauung des Strebens —, da begründet Hegel etwas, was so recht charakteristisch ist wiederum für die deutsche Volksseele. Die Art und Weise, wie Hegel strebt, man kann sagen: Es ist die Natur des mystischen Strebens zusammengewachsen im eigenen Innern mit dem, was die Welt als Göttlich-Geistiges im Grund erfüllt. Aber es ist kein Zusammenwachsen in dunklen, nebulösen Vorstellungen, in chaotischen Gefühlen — wie [es] viele, die Mystiker werden wollen, so sehr lieben —, sondern es ist ein Streben, das auf seinem Wege ein mystisches, aber in seiner Art, in seiner ganzen Art ein gedankenerfülltes, gedankenklares ist. Das ist das Charakteristische für die Ureigenschaft des deutschen Strebens nach Weltanschauung, dass man nicht will eine dunkle, aus bloßen Gefühlen oder bloßem trivialem Hellsehen hervorgehende Weltanschauung, sondern dass man will eine Weltanschauung, die auf dem Wege ist nach dem Göttlich-Geistigen der Welt, aber die von gedanklicher Klarheit und von gedanklichem Lichte durchhellt und durchleuchtet ist. Das ist nun das Eigentümliche bei Hegel!
[ 40 ] Und wenn man nun diese drei bedeutsamen Gestalten vor seine Seele hintreten lässt — Fichte, Schelling, Hegel —, man hat immer das Gefühl, sehr verehrte Anwesende: Drei Seiten der deutschen Gedankenentwicklung sprechen sich in diesen drei Geistern aus — Seiten der deutschen Gedankenentwicklung, die schon noch volkstümlich werden.
[ 41 ] Ich habe schon das letzte Mal gerade hier, als ich von einem anderen Gesichtspunkte aus sprach, darauf hingewiesen, dass man einen Weg finden kann — wenn auch die Stumpflinge noch sagen: Ach das ist alles Gedankenabstraktion! Trotz des Einspruches dieser Stumpflinge wird man einen Weg finden, diese großen Kräfte, diese großen Triebkräfte, die die Menschenseele verbinden wollen mit dem Weltgeheimnisse, in der allereinfachsten Sprache [auszudrücken], sodass — man möchte sagen — jedes Kind begreifen kann und jedes Kind wird hinhorchen können. Dass man sie in dieser Weise zum Ausdrucke bringen könnte, das wird eine geistige Selbstbesinnung des deutschen Volkes ergeben.
[ 42 ] Aber man hat immer das Gefühl: Innerhalb dessen, was sich in diesen drei Offenbarungen des deutschen Gedankenlebens auslebt, da ist noch etwas Tieferes drinnen, ein höherer Geist gleichsam, der aus den dreien heraus spricht. Und dann bekommt man den Eindruck: Das ist der deutsche Volksgeist selber. Auf drei verschiedene Arten drückt er sich aus zu einem Weltanschauungsbilde bei Fichte, Schelling und Hegel! Und man bekommt insbesondere dieses Gefühl, wenn man nun das ins Auge fasst, was ich eben in der heutigen Betrachtung nennen möchte: ein vergessenes Streben, einen vergessenen, einen verklungenen Ton des deutschen Geisteslebens.
[ 43 ] Denn das Eigentümliche, sehr verehrte Anwesende, tritt uns entgegen, dass die genannten Geister, welche Geister allerersten Ranges in der Entwicklung sind, dass diese Nachfolger haben, kleinere Geister, Geister, die ganz anscheinend nicht so bedeutend sind wie diese drei Großen, dass aber diese kleineren Geister Bedeutenderes hervorzubringen vermögen als die großen. Zu verwundern braucht man sich darüber ja nicht; jeder Schulbub kann den pythagoreischen Lehrsatz begreifen. Die Anregung, ihn zu begreifen, musste natürlich von Pythagoras ausgehen! Aber nur, wie gesagt, in einer etwas paradoxen Weise wollte ich das, was hier in Betracht kommt, ausdrücken; in so paradoxer Weise gilt es nicht.
[ 44 ] Aber doch gilt es, dass diese drei Geister Nachfolger haben, die ihnen an Entwicklungskraft, an Spannkraft der Seele, an Begabung gewiss nicht das Wasser reichen können, die aber in Bezug auf den Weg, den die Menschenseele nehmen muss, um hineinzukommen in die geistige Welt, in die lebendige geistige Welt, sogar Bedeutenderes leisten können als diese drei großen, anregenden Vorfahren.
[ 45 ] Und da sehen wir gleich den Sohn Johann Gottlieb Fichtes: Hermann Immanuel Fichte. Es ist kein so großer Geist, wie sein Vater; aber er stand allerdings unter dem Einflusse seines Vaters, solange der Vater lebte. Und Immanuel Hermann Fichte — der auch an der Tübinger Universität gelehrt hat —, Immanuel Hermann Fichte, er kommt schon dazu, aus dem neueren Denken, aus der neueren Gedankenentwicklung heraus davon zu sprechen, wie der Mensch, so wie er uns in der Welt entgegentritt, nicht bloß den äußeren physischen Leib habe, sondern Immanuel Hermann Fichte spricht von einem ätherischen Leibe, der zugrunde liegt dem äußeren, physischen Leib. Und wie der äußere physische Leib durch seine Kräfte und Gesetze gebunden ist an das äußere Materielle des physischen Daseins, so ist der Ätherleib durch seine Kräfte und Gesetze gebunden an das Element, das die Welt durchwellt und durchwebt. Und vom Physischen ausgehend schaut auf dem Grund des Menschen Immanuel Hermann Fichte einen gewissermaßen höheren Menschen im Menschen, den ätherischen Menschen; und er betrachtet diesen ätherischen Menschen.
[ 46 ] Und dann sehen wir, wie als Nachfolger der genannten Großen ein Geist auftritt, der nun wirklich so recht drinnen steht in dem verklungenen, vergessenen Ton der deutschen Gedankenentwicklung, sehr verehrte Anwesende, das ist Troxler, Ignaz Paul Vital Troxler. Wer kennt Troxler?!
[ 47 ] Aber das ist so recht charakteristisch für die Kleineren, die nun nachkommen und Größeres als die Großen schaffen, weil das deutsche Volkstum durch sie pulst und sich in ihnen zum Ausdruck bringt.
[ 48 ] Eine merkwürdige Persönlichkeit — dieser Troxler! Er beginnt schon früh zu schreiben unter dem Einflusse Fichtes und Schellings namentlich: «Blicke in [das Wesen des Menschen)» schreibt er. Er schreibt in «Vorlesungen», die er 1835 hat erscheinen lassen, in einer wunderbaren Weise davon, wie der Mensch entwickeln kann zu dem Erkennen der Sinneswelt eine übersinnliche Erkenntnis dazu; wie der Mensch kommen kann — und ich gebrauche jetzt die charakteristischen Ausdrücke, die Troxler gebraucht hat —, wie der Mensch kommen kann zu zwei, im gewöhnlichen Leben in der Seele schlummernden Seelenkräften. Troxler spricht davon, dass der Mensch nicht bloß angewiesen ist — in Bezug auf das Erkennen der Welt nicht bloß angewiesen ist — auf den gewöhnlichen Sinn, und auf den gewöhnlichen Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, sondern Troxler spricht davon, dass der Mensch zwar für die äußere Welt diese höheren, in ihm schlummernden Kräfte nicht anwendet, dass sie aber entwickelt werden können.
[ 49 ] Troxler spricht von zwei Kräften in der menschlichen Seele zunächst, von dem «übersinnlichen Geist» und von dem «übergeistigen Sinn». Das sind Troxlers eigene Worte. Aber den Sinn dessen, was er glaubt, will ich mit ein paar Worten, die an dasjenige anklingen, was ich geisteswissenschaftlich schon öfter hier entwickelt habe, charakterisieren. Troxler spricht davon, wenn wir hier in die Welt hinausschauen, so reden wir auch nicht in so abstrakter Weise «Natur, Natur, Natur» und meinen die Pflanzen im Allgemeinen, sondern wir sprechen von der Tulpe, von der Lilie, von dem Klee und so weiter, nicht wahr. Aber die Philosophen, die Abstraktlinge, die sprechen davon: vom Geist im Allgemeinen, von diesem Geist, der als ein Geist — aber eigentlich nicht im grauen Allgemeinen — alles durchdringt und durchsetzt. Und erhaben fühlt man sich, wenn man Pantheist sein kann, aber für das äußere Leben der Natur. Das sieht Troxler genau ein: Geht man auf die konkreten, auf die einzelnen Dinge ein durch den Sinn, so gibt es einen «übergeistigen Sinn», der nicht bloß im Allgemeinen — verzeihen Sie den Ausdruck — schwefelt, von dem, was als Geist pantheistisch allen Erscheinungen und Tatsachen zugrunde liegt und allen Wesenheiten zugrunde liegt, sondern der sich einlässt auf das Konkrete, auf das einzelne Wirkliche der einzelnen geistigen Wesen: «übergeistiger Sinn».
[ 50 ] Und wiederum: «Übersinnlicher Geist» — [gemeint ist ein Geist, den man sich durchaus nicht an das Gehirn gebunden denken muss, sondern] dass er in der Geistwelt unmittelbar, ohne die Vermittlung der Sinne und des Nervensystems, drinnen steht, wie eben das physische Erkennen des Menschen in dem leiblichen Sein drinnen steht: «Übergeistiger Sinn» — «übersinnlicher Geist».
[ 51 ] Und nicht in einer allgemein verschwommenen Weise, sondern in echt wissenschaftlicher Weise spricht Troxler davon, dass die Gefühle intelligent werden können, heraufgehoben werden können — wir werden davon morgen noch zu sprechen haben, nicht in Bezug auf Troxler, aber in Bezug auf den Gegenstand, der morgen zu besprechen sein wird —, heraufgehoben werden können und selber Erkenntniskräfte liefern. Von intelligentem Gefühl und von empfindenden Gedanken, von Gedanken, die berühren das geistige Sein, spricht Troxler 1835. Das ist ein verklungener Ton, der nach Geisteswissenschaft strebt aus urdeutschem Wesen heraus innerhalb der deutschen Gedankenentwicklung.
[ 52 ] Aber noch tiefer geht Troxler auf die menschliche Seele ein, indem er Folgendes sagt: Nun, gewiss, hier in der physischen Welt, da steht die Seele, indem sie sich in einem Leibe verkörpert, indem sie durch den Leib wirkt. [Und] das Schönste, das Größte, was diese Seele hier im physischen Leib verkörpern kann, zum Ausdruck bringen kann an dieser Verkörperung, das ist der Glauben, das ist die Liebe — Krone und Blüte des physischen Menschendaseins — und das ist die Hoffnung. Aber wenn eben diese drei ewigen Kräfte — Glaube, Liebe, Hoffnung — wie sie sich dadurch äußern, dass der Mensch durch seine Seele aus dem Leibe heraus wirkt, so stehen in den ewigen Kräften der Menschenseele, die durch den Tod hindurchgehen und in die geistige Welt eintreten höhere Kräfte, Kräfte, die erlebt werden. Weil sie eigen sind der Seele, die hinter allem Leiblichen als rein Geistiges ist, steht hinter der Glaubenskraft — die als Glaubenskraft ein Höchstes ist, aber im Leibe — steht für Troxler dasjenige, was er nennt «geistiges Hören».
[ 53 ] Welch wunderbare, großartige Gedankenansicht der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse gerade, von deren Einzelheiten wir wiederum morgen sprechen werden. Das, was der Mensch hier im Leibe gewissen Erscheinungen gegenüber tut, das ist: Er entwickelt seine Glaubenskraft. Aber diese Glaubenskraft ist die äußere Hülle für das, was die Seele leibfrei hat, womit sie durch die Pforte des Todes in die geistige Welt eintreten kann: geistiges Hören, geistiges Gehör. Und dieses geistige Gehör im Leibe, es drückt sich in der Glaubenskraft aus.
[ 54 ] Und die Liebe, diese Krone und Blüte des Lebens, der Seele im Leibe — was ist das für die Seele, insofern sie, diese Seele, die ewigen Kräfte in sich trägt? Die Liebe ist die äußere Hülle für das geistige Tasten. Troxler spricht davon: So, wie man die Hand ausstreckt und die physischen Dinge betastet, so kann man die Fühler, aber die geistigen Fühler der Seele ausstrecken und befühlt die geistigen Dinge. Und das, was sich als Liebe hier im Leibe ausprägt, das ist das äußere Material für die geistige Fühlens-Kraft.
[ 55 ] Und die Hoffnung, sie ist die äußere Hülle für das geistige Schauen, das geistige Sehen.
[ 56 ] Wir sehen, so recht auf dem Wege ist diese deutsche Gedankenentwicklung, so recht auf dem Wege, der immer gerade in diesen Vorträgen hier gesucht worden ist als der geisteswissenschaftliche Weg, von dem wir morgen gerade wieder sprechen werden. So fühlt sich Troxler in dem, was ich hier nennen muss einen verklungenen Ton innerhalb des deutschen Geisteslebens, so fühlt er sich drinnen, dass er davon spricht, wie man suchen könne geistige Wirklichkeit am Menschen und außerhalb des Menschen, so wie die Sinne und der an die Sinne gebundene Verstand physische Wirklichkeit suchen.
[ 57 ] Eine Stelle von Troxler, die charakteristisch ist, in dieser Beziehung charakteristisch ist, möchte ich vorlesen. Da sagt er:
«Schon früher haben die Philosophen einen feinen, hehren Seelleib unterschieden von dem gröberen Körper ... eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere höhere Mensch war ... In der neuesten Zeit selbst Kant in den Träumen eines Geistersehers träumt ernsthaft im Scherze einen ganzen inwendigen seelischen Menschen, der alle Gliedmaßen des auswendigen an seinem Geistesleib trage; Lavater dichtet und denkt ebenso; und selbst wenn Jean Paul humoristisch über das Bonner’sche Unterziehröckchen und das Platner’sche Seelenschnürleibchen scherzt, die im gröberen Körperüberrock und Marterkittel stecken sollen, so hören wir ihn doch auch wieder fragen, «wozu und woher wurden diese außerordentlichen Anlagen und Wünsche in uns gelegt, die bloß wie verschluckte Diamanten unsere erdige Hülle langsam verschneiden? ... In den steinernen Gliedern»
[ 58 ] des Menschen
«wachsen und reifen seine lebendigen nach einer uns unbekannten Lebensweise» Wir könnten»
[ 59 ] sagt Troxler weiter
noch eine Unzahl ähnlicher Denk- und Dichtweisen anfühzen, welche am Ende nur verschiedene Anschauungen und Vorstellungen sind, in welchen ... die wahre, einzige Lehre von der Individualität und Unsterblichkeit des Menschen enthalten»
[ 60 ] ist. Und nun steht vor Troxlers Seele — wie gesagt, das, was ich hier mitteile, ist enthalten in anderen Schriften Troxlers, so namentlich in seinen 1835 erschienenen «Vorlesungen», in denen er ein Weltbild in seiner Art geben will —, so tritt vor Troxlers Seele der Gedanke an eine Wissenschaft über den Menschen, im Gegensatz zu der bloßen Anthropologie. Anthropologie ist die Wissenschaft, die entsteht, indem der Mensch den Menschen mit den Sinnen betrachtet, dasjenige, was er kombiniert mit dem Verstande. Anthropologie: Betrachtung des äußeren Menschen durch den äußeren Menschen. Vor Troxler entsteht das Bild einer Wissenschaft, wo der innere Mensch, der Mensch mit dem geweckten Vermögen des übersinnlichen Geistes und des übergeistigen Sinnes, wo der unsichtbare, übersinnliche Mensch auch den unsichtbaren, übersinnlichen Menschen betrachtet. Und wie spricht Troxler von dieser Wissenschaft, die ein höheres Geistiges im Gegensatz zu der auf das Sinnliche gewandten Anthropologie sein soll? Auch das lassen Sie mich Ihnen wörtlich aus Troxlers Buch vorlesen. Da sagt en
«Wenn es nun höchst erfreulich ist, dass die neueste Philosophie, welche ... in jeder Anthroposophie ... sich offenbaren muss, emporwindet, so ist doch nicht zu übersehen, dass diese Idee nicht eine Frucht der Spekulation sein kann, und die wahrhafte Individualität des Menschen weder mit dem, was sie als subjektiven Geist oder endliches Ich aufstellt, noch mit dem, was sie als absoluten Geist oder absolute Persönlichkeit diesem gegenüberstellt, verwechselt wer den darf.»
[ 61 ] Eine Anthroposophie steht vor Troxlers Seele, in der der Geistmensch den Geistmenschen betrachtet, wie in der Anthropologie der Sinnesmensch den Sinnesmenschen. Wenn heute von der Anthroposophie gesprochen wird, so redet man von der Fortsetzung desjenigen, was in den Keimen liegt in dem verklungenen Ton des deutschen Geisteslebens, von dem ich ja spreche.
[ 62 ] Und ist es nicht wunderbar, sehr verehrte Anwesende, geradezu wunderbar, wenn wir sehen — und nicht etwa bloß da, wo man gewissermaßen berufsmäßig, allerdings im höheren Sinne berufsmäßig, nach einer Weltanschauung strebt — bei Hermann Immanuel Fichte, bei Ignaz Paul Vital Troxler —, dass nicht bloß da solche Dinge hervortreten, sondern dass das auftreten kann innerhalb des deutschen Geisteslebens aus den einfachsten Verhältnissen heraus!
[ 63 ] Ist es nicht wunderbar, wenn wir sehen ein 1856 erscheinendes Buch, ein kleines Büchelchen, das herrührt von einem einfachen Pfarrer — Rudolf Rocholl, der Pfarrer war in Sachsenberg, im Fürstentum Waldeck —, der da versucht eben als einfacher Pfarrer, aus dem deutschen Geistesleben heraus sich zu einer geistgemäßen Weltanschauung zu entwickeln? Und wer dieses kleine Büchelchen — es heißt «Beiträge zu einer Geschichte deutscher Theosophie» — schon 1856, von diesem einfachen Pfarrer — liest, der bekommt den Eindruck: Hier spricht ein Mensch! Man kann vieles vom heutigen Standpunkte aus gewissermaßen phantastisch gemacht finden; darauf kommt es aber nicht an, sondern auf den Eindruck des Strebens, den man bekommt, auf den Eindruck: Da haben wir es zu tun mit einem Menschen, der nun nicht bloß in philosophisch abstrakten Sätzen zu sprechen vermag, sondern von einer konkreten geistigen Welt, durch die man hineinblicken kann. Und in wunderbarer Weise verweist dieser einfache Pfarrer 1856 in seinem Büchelchen «Beiträge zu einer Geschichte deutscher Theosophie» auf eine lebensvolle, geistgemäße Weltanschauung!
[ 64 ] Das sind nur so einzelne Punkte aus dem deutschen Geistesleben. Man könnte überall angreifen, und zu Hunderten und Hunderten könnten solche Beispiele angeführt werden, die einem verklungenen Ton des deutschen Geisteslebens angehören.
[ 65 ] Gleich aber will ich Ihnen sprechen von einem andern Geist, von einem Geist — ich möchte sagen —, in dessen örtlicher Aura wir ja eigentlich leben hier. Obwohl er so bedeutend ist für das deutsche Geistesleben, dass ich — ich erwähne das ausdrücklich, sonst könnte jemand glauben, ich wollte gerade den Württembergern schmeicheln —, dass ich diesen Geist in der letzteren Zeit hervorgehoben habe in Hamburg, Bremen, Leipzig, überall, wo darüber zu reden war über dieses Thema: «Ein vergessenes Streben nach Geisteswissenschaft innerhalb der deutschen Gedankenentwicklung.» Derjenige, den ich meine, das ist Karl Christian Planck, der 1819 hier in Stuttgart geboren ist, ein — ich möchte sagen — echter Sohn des deutschen Volksgeistes und ein sich bewusster Sohn des deutschen Volksgeistes, Christian Karl Planck, ein Sohn des deutschen Volksgeistes, der nur wollte das, was er schuf, als eine geistgemäße Weltanschauung aus dem ursprünglichsten Wesen dieses deutschen Volksgeistes heraus schaffen! Es ist ein wunderbarer Geist, dieser Christian Karl Planck. Er strebte an gegenüber dem, was ihm viel zu idealistisch und dadurch egoistisch erschien — denn auch der Idealismus kann ganz egoistisch sein —, er strebte an gegenüber dem Idealismus der Deutschen, den er für einen einseitigen bloß hielt, einen Realismus, aber einen geistgemäßen Realismus, einen Realismus, der gerade die Kraft der Gedankenentwicklung in geistgemäßer Weise [hervorbringen sollte], um in die Wirklichkeit einzudringen; aber nicht bloß in die äußere, materielle-stoffliche Wirklichkeit, sondern in die ganze, volle Wirklichkeit, zu der Stoff und Geist gehören.
[ 66 ] Da ist recht charakteristisch — man kann nur Einzelnes, gewissermaßen Symptomatisches aus seinem Weltenbilde hervorheben. Wie sicht dieser Christian Karl Planck von seinem Gesichtspunkte aus die Erde an? sehr verehrte Anwesende, man bekommt nur eine Vorstellung von der Größe des Gedankens, den Christian Karl Planck gefasst hat, wenn man sieht, wie die Geologen — die gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Geologen — die Erde ansehen. Da ist diese Erde so zusammengebacken, nicht wahr, aus bloßem mineralischem Wesen. So die Erde zu betrachten, das erschien Christian Karl Planck so, wie wenn man den Baum betrachten wollte nur in Bezug auf den Stamm und seine Rinde, und nicht gelten lassen wollte, dass zu dem Ganzen des Baumes gehören Blüte und Frucht; und dass man den Baum nur einseitig und halb betrachtet, wenn man nicht dasjenige, was zu seinem innersten Wesen gehört, mitbetrachtet. So erscheint Planck die Erde nicht nur als ein lebendiges, sondern als ein geistig-seelisches Wesen, das nicht bloß stofflich ist, sondern das den Erdenmenschen aus sich hervortreibt wie der Baum die Blüten, die Früchte aus seinem eigenen Wesen hervortreibt. Zur Ganzheit einer irdischen Auffassung strebt Karl Christian Planck. Und er strebt das auf allen Gebieten an, und nicht nur so, dass dies — wie gesagt — eine Theorie ist, sondern er will damit eine Begründung, die sich des Seelischen ebenso bewusst ist, dass man erfassen kann dasjenige, was die Welt an Kraft durchdringt und durchlebt, das aber auch einwirken kann auf die äußeren menschlichen Verhältnisse, auf das menschliche Zusammenleben.
[ 67 ] Dieser Christian Karl Planck — gewiss, allerlei von der Sorte, die ich eben vorhin Stumpflinge genannt habe, die können ja kommen und sagen: Ja, wenn man die späteren Schriften, namentlich das hinterlassene Werk nach dem Tode Christian Karl Plancks, das hinterlassene Werk «Testament eines Deutschen» betrachtet, so sieht man ein gesteigertes Selbstbewusstsein; und dann werden sie davon sprechen — womit ja diese Stumpflinge sogleich bei der Hand sind —, dass er so halb verrückt war, nicht wahr! Nun aber, es war ein trauriges Leben! Planck war sich bewusst, dass das deutsche Wesen nicht nur eingekreist wird — wir werden davon gleich sprechen — in politischer Beziehung, sondern dass es eingekreist ist durchaus von ausländischem Wesen, dass es vor allen Dingen davor gerettet werden müsse. Da trifft man ja auf Schritt und Tritt dasjenige, was außerordentlich wesentlich ist, auf diesem Gebiet zu betrachten.
[ 68 ] So, sehr verehrte Anwesende, muss es doch immer wieder und wieder gesagt werden: Goethe hat aus der Tiefe des deutschen Wesens heraus seine Farbenlehre geschaffen; und er wurde aus der Tiefe des deutschen Wesens heraus in dieser «Farbenlehre» der Gegner einer Farbenlchre, die die Welt eingekreist hat auf englische Art: der Newton’schen Farbenlehre!
[ 69 ] Alle Physiker werden einem heute selbstverständlich das sagen, was mir vor Jahren gesagt wurde: Gegen solches Dilettantische in Bezug auf «Goethes Farbenlehre» kann der Physiker nichts anderes einwenden, als dass er sich dabei gar nichts denken kann! Gewiss; aber es wird die Zeit kommen, wo man verstehen wird in anderer Weise als heute dieses Kapitel «Goethe im Recht gegen Newton». Auch auf dem Gebiet der Farbenlehre kann jene Selbstbesinnung des deutschen Wesens kommen, die so notwendig ist, für die die gegenwärtige Zeit auch ein außerordentliches Zeichen sein mag, wo man nicht mehr Geister wie Karl Christian Planck, der bewusst aus dem deutschen Volkstum heraus schaffen wollte, vergessen wird.
[ 70 ] Nur der V-Vischer, der edle V-Vischer hat sich seiner angenommen; genützt hat es ebensowenig als das, dass ich schon im Jahre 1901 in der ersten Auflage meiner «Welt- und Lebensanschauungen» Karl Christian Planck charakterisiert habe. Mit diesen Dingen kommt man heute noch nicht an. Aber wenn das deutsche Wesen — und das wird geschehen — sich seiner ganzen welthistorischen Stellung bewusst wird, dann wird man solche Dinge einsehen, und wie Karl Christian Planck sich bewusst war, aus der Tiefe des deutschen Wesens heraus zu schaffen. Sehr verehrte Anwesende, die folgenden Worte, die er 1864 in Ulm in den «Grundlinien zu einer Wissenschaft der Natur», die er geschrieben hat, verzeichnet hat, diese folgenden Worte zeigen das:
«Welche Macht tiefgewurzelter Vorurteile von der bisherigen Anschauung aus seiner»
[ 71 ] des Verfassers
«Schrift entgegensteht, dessen ist er sich vollkommen bewusst; allein wie schon die Arbeit selbst, trotz aller Ungunst der Umstände, die zufolge der ganzen Lage und Berufsstellung des Verfassers einem Werke dieser Art sich entgegenstellte, doch ihre Durchführung und ihren Weg in die Öffentlichkeit sich erkämpft hat, so ist er auch gewiss, dass das, was sich jetzt erst seine Anerkennung erkämpfen muss, einst als die einfachste und selbstverständlichste Wahrheit erscheinen wird, und dass darin nicht bloß seine Sache, sondern die wahrhaft deutsche Anschauung der Dinge über alle noch unwürdig äußerliche und undeutsche Auffassung der Natur und des Geistes siegen wird.
Was in unbewusster tiefsinniger Ahnung schon unsere mittelalterliche Dichtung vorgebildet hat, das wird endlich in der Reife der Zeiten an unserer Nation sich erfüllen. Die unpraktische, mit Schaden und Spott heimgesuchte Innerlichkeit deutschen Geistes (wie Wolfram sie in seinem Parsifal schildert)»
[ 72 ] — 1864, vor Wagners Parsifal geschrieben! —
«erringt endlich in der Kraft ihres unablässigen Strebens das Höchste; sie schaut den letzten einfachen Gesetzen der Dinge und des menschlichen Daseins selbst auf den Grund; und was die Dichtung phantastisch mittelalterlich in den Wundern des Grals versinnbildlicht hat, dessen Herrschaft ihr Held erringt, das erhält umgekehrt seine rein natürliche Erfüllung und Wirklichkeit in der bleibenden Erkenntnis der Natur und des Geistes selbst.»
[ 73 ] So spricht Karl Christian Planck, der dann dasjenige, was er zu sagen hatte, zusammenfasste. 1881 starb er; er schrieb in dem letzten Jahre sein Buch «Testament eines Deutschen», das dann Karl Köstlin, sein Landsmann, herausgegeben hat in erster Auflage, und das 1912 in neuer Auflage erschienen ist.
[ 74 ] Wie gesagt, trotzdem auf Karl Christian Planck hingewiesen worden ist, hat man sich nicht viel beschäftigt mit ihm, auch nicht, als das «Testament eines Deutschen» 1912 in zweiter Auflage erschienen war. Man hatte anderes zu tun. Diejenigen, die sich dazumal viel mit Weltanschauungsfragen beschäftigten, waren zum Beispiel mit andern Büchern aus demselben Verlage beschäftigt, in dem Karl Christian Plancks «Testament eines Deutschen» erschien; man war ja dazumal beschäftigt mit dem großen Geiste des Henri — ja, er heißt heute noch immer Bergson —, mit Henri Bergson, desjenigen Geistes, der in einer so unverständigen und törichten Weise jetzt überall das deutsche Wesen, die deutsche Erkenntnis, nicht nur schmäht, sondern wirklich verleumdet. Bisher hat er es in Paris getan, und seinen Franzosen allerlei Unsinn über das deutsche Geistesleben erzählt, damit diese Franzosen und andere mit ihnen Verbündete sehen konnten, was Schreckliches eigentlich in diesem Mitteleuropa lebt, was für Wölfe- und Tigergeister da leben. Nächstens soll er es auch in Schweden tun, dieser selbe Bergson.
[ 75 ] Man war, wenn ich diesen trivialen Ausdruck gebrauchen darf, auf ihn hereingefallen. Wenn man auf dasjenige, was wenigstens sich zeigen kann bei Bergson — ich habe darauf aufmerksam gemacht in meinen «Rätseln der Philosophie», und die betreffende Stelle ist vor dem Kriege geschrieben, das können Sie aus der Vorrede selber sehen —, wenn man auf dasjenige, was sich einigermaßen zeigen kann bei der Bergson’schen Weltanschauung, hinblickt, so ist es das, dass sich bei Bergson herausstellt, dass man nicht darf in der Weltenbetrachtung ausgehen von den verschiedenen Wesen, sondern dass man den Menschen voranstellen muss, dass der Mensch sozusagen das Erstlingswerk wäre, und dass der Mensch, wenn er sich entwickelt, dann die anderen Reiche, das tierische, das pflanzliche, das Mineralische abstößt.
[ 76 ] Ich kann heute nicht eingehen auf das Berechtigte dieser Weltanschauung, obwohl es der zeitgenössischen Weltanschauung so unrichtig wie möglich erscheinen mag, so ist es doch allerdings etwas die Wirklichkeit Treffendes, was in dieser Weltanschauung liegt. Aber auch auf das habe ich hingewiesen in meinen «Rätsel der Philosophie», da können Sie es nachlesen — wie gesagt, nicht durch den Krieg herausgefordert, sondern vor dem Kriege längst —, dass dieser Gedanke, bevor er in Bergsons Hirn Wurzel gefasst hat, in einer tieferen eindringlicheren und umfassenderen Weise, weil heraus aus der Tiefe deutschen Geisteslebens, in dem deutschen Philosophen — der wiederum in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» angeführt ist, aufgesprießt ist, in dem deutschen Philosophen Wilhelm Heinrich Preuss. Da ist der Gedanke entgegengetreten viel früher, als ihn Bergson vertreten hat — 1882 schon und früher —, von Wilhelm Heinrich Preuss in eindringlicher Weise ausgesprochen in seinem Buche über «Geist und Stoff»!
[ 77 ] Man kann nicht wissen, ob Bergson es nicht gewusst hat von Preuss — was bei einem Philosophen ebenso sträflich ist, als wenn er etwas gewusst hat und den Preuss nicht angeführt hat. Nach dem, was sich jetzt gezeigt hat, kann man auch das letztere von Bergson schon annehmen und glauben. Denn wenn man den Sachen nachgeht, kann man zeigen, dass bei Bergson ganze Seiten in seinen Büchern Schopenhauer und Schelling nachgeschrieben sind, zum Teil ganz. wörtlich! Es ist allerdings ein sonderbarer Vorgang: Man schreibt dem deutschen Geistesleben nach, und dann stellt man sich hin und erklärt den Leuten, wie dieses deutsche Geistesleben heruntergekommen ist, seit dieser großen Zeit, wie dieses deutsche Geistesleben mechanistisch geführt wird — ich habe dies im vorigen Jahre schon einmal gesagt. Bergson meint, wenn man nach Deutschland hinüberschaut, so kommt es einem so vor, als ob nur Mechanisches einem entgegentrete. Bergson dachte wohl — wie schon früher gesagt —, wenn die Franzosen mit Kanonen und Flinten schießen, werden die Deutschen auftreten und Goethe oder Novalis rezitieren! Ungefähr so logisch ist dasjenige, was Bergson heute zu sagen hat!
[ 78 ] Wie gesagt, nur in einzelnen Proben kann ich herausheben dasjenige, was wirklich wie ein verklungener Ton des deutschen Geisteslebens vorhanden ist, was aber zugleich dennoch da ist innerhalb dieses deutschen Geisteslebens. Es wird nur auf die Zeitdauer ankommen, sehr verehrte Anwesende, um dies einzuschen, was gerade zum Beispiel schöpferische Geister wie Troxler oder wie ein Karl Christian Planck — Stumpflinge können sagen von ihm: Er ist halt etwas verdreht geworden am Ende seines Lebens — am Ende ihres Lebens schreiben mussten, weil sie aus deutschem Bewusstsein heraus der Welt, die heute auch geistig eingekreist ist, die Worte entgegensetzen müssen, wie sie Planck in der Vorrede seines «Testament eines Deutschen» schreibt. Er sagt da:
«... oft wollte da dem Einsamen im bittern Ringen eines ganzen Lebens das Wort des alten Römers sich auf die Lippen drängen: «Undankbares Vaterland, nicht einmal meine Gebeine sollst du haben!» Denn alle die besten und kräftigsten Jahrzehnte seines Lebens hindurch, bis in sein Alter herein, hat es ihm ja nicht einmal den Beruf gegönnt, dessen unauslöschliches Siegel trotz aller Hindernisse sein ganzes Leben und Wirken trug, und die eigene engere Heimat hat noch vor Kurzem erst das beginnende fünfte Jahrhundert ihrer Hochschule damit eingeweiht, dass sie ihre einzige schöpferisch philosophische Kraft vom Lehrstuhle ausschloss!»
[ 79 ] Es wird die Zeit kommen, wo alles Fremdartige gesehen werden wird, wie es sich hereingeschlichen hat in das deutsche, in das urdeutsche Geistesleben, und wo man sich darauf besinnen wird, was in diesem deutschen Geistesleben liegt! Dann wird man viel klarer auch die Beziehungen sehen, die da bestehen zwischen diesem mitteleuropäischen Geistesleben und demjenigen — das nicht geschmäht werden soll, nur charakterisiert werden soll —, [und] demjenigen, was rings herum ist, und was sich so bemüht gegenwärtig dieses deutsche Geistesleben [zu bekämpfen], wie gesagt: die nicht nur das deutsche Wesen mit den Waffen zu bekämpfen, sondern das deutsche Geistesleben auch zu schmähen, ja zu verleumden haben!
[ 80 ] Die Geschichte wird einmal mit großen Zahlen, allerdings mit nüchternen Zahlen etwas aussprechen können, sehr verehrte Anwesende, was doch angesichts der heutigen Tatsachen einmal vor die Seele gestellt werden darf; die Geschichte wird etwas Sonderbares doch verzeichnen müssen. Man darf fragen: Wie verhält sich denn der Flächenraum, auf dem sich das deutsche Geistesleben entwickelt, zu dem Flächenraum — und wie verhält sich die Einwohnerzahl des mitteleuropäischen Geisteslebens zu der Einwohnerzahl bei denjenigen, die sich heute nicht nur der Waffengegenwehr gegen Mitteleuropa bedienen, sondern sogar durch der Tapferkeit besseres Teil die Mitteleuropäer aushungern zu wollen — wodurch es dahin hat kommen müssen, dass dieses Mitteleuropa ausgehungert wird! Es ist ja der Tapferkeit besseres Teil — namentlich, wenn man die Verhältnisse bedenkt, von denen die Geschichte einmal zu sprechen haben wird! Die Geschichte wird zu fragen haben: Wie viel Prozent von der ganzen trockenen Erde, festländischen Erde besitzen diese mitteleuropäischen Menschen? Vier Prozent sind es! Wie viel Prozent besitzen heute noch die kleinen Völkerschaften, sogar ohne die Japaner gedacht — diejenigen, die ihnen als die sogenannten Antipoden gegenüberstehen: 46 Prozent sind es! Das heißt, es stehen heute gegenüber 6 Millionen Quadratkilometer für Mitteleuropa 69 Millionen Quadratkilometer als Besitz derjenigen, die Mitteleuropa einkreisten. Neidisch brauchten sie wahrhaft nicht zu sein auf dasjenige, was ihnen Mitteleuropa wegnimmt. Und ohne die Italiener gerechnet: 741 Millionen Menschen aufseiten der Entente stehen 150 Millionen Menschen in Mitteleuropa gegenüber. Das heißt: Mitteleuropa steht gegenüber mit neun Prozent der Menschheit fast der Hälfte der Menschheit auf der Erde: 45 bis 47 Prozent. Das wird die Geschichte doch einmal verzeichnen als die Lage, in der man lebte in dieser Gegenwart.
[ 81 ] Und welche Kräfte dazu geführt haben, das kann auch auf geistigem Gebiete betrachtet werden. In meinem Büchelchen «Gedanken während der Zeit des Krieges» — das dann auch jetzt wieder erscheint, das wie gesagt, seit einiger Zeit vergriffen ist — können Sie nachlesen, wie die Kräfte in den letzten Jahrzehnten sich bewegt haben. Nicht nur, dass von Westen dasjenige gegenübersteht, was sich geistig eben so äußert, wie mit einzelnen Strichen wenigstens, wenn auch sehr ungenügend, charakterisiert worden ist heute, sondern auch im Osten stehen Kräfte gegenüber, die vielleicht noch mehr zu berücksichtigen sind als die Kräfte des Westens. Auch da braucht man nicht in den Ton zu verfallen, in welchen die Gegner verfallen! Man braucht nicht das russische Volk zu schmähen. In diesen Ton brauchen wir nicht zu verfallen, in den die Gegner verfallen, wenn deutsche Selbstbesinnung geübt werden soll. Aber darauf aufmerksam kann doch immerhin gemacht werden, auf gewisse charakteristische Seiten, die wirklich aus /Lücke in der Mitschrift] sind für das russische Wesen; sie müssen doch hervorgehoben werden, gerade in dem, mit einer gewissen Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit, auch sogar, wenn man das Volk betrachtet, mit einem gewissen friedliebenden Charakter behaftete Volke, da treten heraus, gerade bei denjenigen, die zu Intelligenzen sich erheben wollen innerhalb des russischen Ostens Europas, da treten hervor zum Beispiel die Anschauungen —ich habe sie schon hervorgehoben auch hier in früheren Vorträgen —, die Anschauungen, dass dieses mittel-, dieses westeuropäische Geistesleben im Grunde genommen greisenhaft ist und dem Tode verfallen ist und dass das russische Geistesleben ersetzen muss dieses mitteleuropäische Geistesleben.
[ 82 ] Es wurzelt das tief, zuerst in denen, die als Slawophile aufgetreten sind; und dann wurzelt es tief in denjenigen, die als Panslawisten die Slawophilen abgelöst haben. Und nicht Uncharakteristisches will ich erwähnen, sondern immer nur das hinstellen, was wirklich auf geistige Weise — nacheinander von anderen Seiten geäußert — aber dasselbe ist, was auf politischer Seite zum Ausdruck gekommen ist.
[ 83 ] Da haben wir zum Beispiel schon 1829 den Iwan Wassiljewitsch Kirejewskij, der aus seiner, wie er glaubt, Erkenntnis heraus davon spricht, wie das europäische Wesen und Leben greisenhaft geworden ist, im Absterben ist und wie das russische Wesen dieses mitteleuropäische und auch das westeuropäische Wesen ablösen allmählich und ersetzen soll. Da sagt dieser Iwan Wassiljewitsch Kirejewskij:
«Das Schicksal jedes europäischen Staates hängt von der Vereinigung aller übrigen ab; — das Schicksal Russlands hängt von Russland allein ab. Aber das Schicksal Russlands ist in seiner Bildung beschlossen: Diese ist die Bedingung und Quelle aller Güter. Sobald alle diese Güter unser sein werden, — werden wir uns dieselben mit dem übrigen Europa teilen, und unsere ganze Schuld werden wir ihnen hundertfach heimzahlen.»
[ 84 ] Das heißt man strebt danach, dass Russland das ganze Europa gehört; und dann würde man nun geneigt sein, wenn man es besitzt, selbstverständlich unter der Fürsorge ganz Russlands zu teilen. Das lebt in dem russischen Geistesleben des ganzen neunzehnten bis ins zwanzigste Jahrhundert herein; das lebt überall. Von dem, was deutsches Geistesleben war, da konnten diese Menschen, die gerade da drüben im Osten die Intelligenzen sind — wie gesagt, lassen Sie mich diese Dinge nur noch zum Schlusse hervorheben —, da konnten diese Menschen im Osten wirklich nicht viel verstehen! Sie haben sich zwar bemüht, so etwas wie den «Faust» zu verstehen, so etwas, wie der Goethe’sche «Faust» ist. Und es ist interessant bei einem Geist des russischen Volkes zu lesen — [Michajlovskij] —, da sagt er etwa: Ja, diese Deutschen, sie sehen in dem «Faust» etwas, wo die menschliche Seele nach Weltengeheimnissen strebt, nach einer Art Erlösung strebt. Aber dieser «Faust», er ist vor einem tieferen Erkennen, meint Michajlovskij, er ist vor einem tieferen Erkennen doch nichts anderes als der reinste Ausdruck des mittel- und westeuropäischen Egoismus, des kapitalistischen Strebens. Ein richtiger kapitalistischer Metaphysiker ist dieser Faust. Und wenn er auf die Metaphysiker, auf diejenigen Menschen, die über das unmittelbar Sinnliche hinauskommen, zu reden kommt, dann wird Michajlovskij ganz merkwürdig. Da sagt er zum Beispiel, Metaphysiker, das seien Leute, die vor Fett tollgeworden sind. — Ich weiß nicht, ob man gerade in Mitteleuropa von dieser Sorte von Menschen die Anschauung besonders viel finden kann «die vor Fett toll geworden sind». Aber zu diesen Metaphysikern, die vor Fett toll geworden sind, rechnet er nun auch den Faust! Kurz, wir sehen, dass nicht viel Verständnis bei denjenigen ist, die da zuerst erobern und dann teilen wollen.
[ 85 ] Auf vieles könnte auch da eingegangen werden; aber das möchte ich, wie gesagt, zum Schlusse noch hervorheben, wie einer der charakteristischsten Geister russischen Geisteslebens, Jushakow, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts in einem Buche Betrachtungen über Russlands Verhältnis auf der einen Seite zu Asien und auf der anderen Seite zu dem europäischen Westen — nicht bloß zu dem deutschen europäischen Westen, sondern zu dem europäischen Westen — im weiteren Sinne anstellt. 1885 hat er — ich meine dieser Jushakow — das Buch, [es ist ein merkwürdiges Buch,] geschrieben. Da wendet er zunächst den Blick nach Asien hinüber, und er sieht: Da drüben in Asien, da leben Völker; sie sind zwar heute etwas heruntergekommen, aber sie zeigen die letzten Spuren einer großen, geistigen Weltanschauung, die einstmals bei ihnen gelebt hat. Sie haben versucht, sich zu dem Geistigen eines Daseins hinaufzuheben; aber sie konnten dies nur, sie haben dies nur gekonnt — so sagt Jushakow —, indem er erwähnt eine Mythe des Orients — indem sie sich verbunden haben mit dem guten Gotte Ormuzd gegen den bösen Geist Ahriman. Von Turanien aus, von den turanischen Völkern ist ausgegangen dasjenige, was Ahriman, was Ahriman als Gegner getan hat gegen die guten Iranier, zu denen er auch die Hindus, die Perser, rechnet — Jushakow. Sie seufzten unter den Taten des Ahriman, diese sich mit dem guten Ormuzd verbunden habenden Asiaten, und haben sich so ihre Kultur geschaffen. Dann sind die Europäer gekommen — 1885 kann er ja noch nicht viel von den Deutschen sprechen, nicht wahr. Aber von dem Europa spricht er — wir werden gleich sehen, von welchem Europa er besonders spricht —, und da sagt er denn: Diese Europäer, was haben sie getan diesen Asiaten, die den Kampf aufgenommen hatten, die sich mit dem guten Ormuzd verbunden hatten gegen den bösen Ahriman? Sie haben ihnen abgenommen, den Asiaten, die Güter, die sie erworben haben an der Seite des Ormuzd im Kampf gegen Ahriman, und sie haben sie mehr noch überliefert den Klauen des Ahriman. Und bei wem sieht Jushakow dieses Übel? Das Buch heißt «Der englischrussische Konflikt» — Zwist, Krieg —, und da sagt er insbesondere mit Bezug auf die Engländer — 1885, dieser Jushakow — das Folgende, indem er nachweist, indem [von ihm] charakterisiert wird, wie die Engländer diese asiatischen Völker behandeln. Da sagt Jushakow: Sie — die Engländer — behandeln diese asiatischen Völker so, wie wenn sie der Ansicht seien: Diese asiatischen Völker seien nur dazu da,
«sich in englische Gewebe zu kleiden, unter einander mit englischen Waffen zu kämpfen, mit englischen Werkzeugen zu arbeiten, aus englischen Gefäßen zu trinken und mit englischem Flitter zu spielen.»
[ 86 ] Und indem er auf das, was er so furchtbar findet bei diesen Engländern, noch einmal hindeutet, sagt Jushakow: Das werde die Asiaten nur bedrängen; da muss Russland eingreifen und diese Asiaten wieder befreien, indem sie empfinden mit diesen Asiaten. Und — das sage nicht ich, das sagt Jushakow selber: Ein Großes wird aus Russland hervorgehen, ein wunderbares Bündnis wird hervorgehen aus Russland, ein Bündnis zwischen dem Bauern, der den Wert der Erde kennt, und dem Träger des edelsten Geisteslebens, den Kosaken. Und aus diesem Bündnis des Bauern mit dem Kosaken wird — das sage nicht ich, das sagt Jushakow —, wird hervorgehen, nach Asien hinüber dasjenige ziehen, was die Asiaten wiederum zu den Genüssen des Ormuzd bringen wird und sie aus den Klauen des Ahriman befreien wird. Dann sagt er zusammenfassend:
«England beutet Millionen von Hindus aus, seine ganze Existenz aber hängt von dem Gehorsam der verschiedenen Völker ab, von denen die reiche Halbinsel bewohnt wird; ich wünsche meinem Vaterlande nichts Ähnliches-ich kann mich nur freuen, dass es von diesem so glänzenden wie traurigen Zustand hinlänglich weit entfernt ist.»
[ 87 ] 1885 gesprochen von einem russischen Intelligenten. Wir haben vielleicht hier den Grund zu suchen, warum Russland sich mit England verband?
[ 88 ] Ich will ja nicht sagen, dass den Asiaten bekommen hat die Befreiung der Asiaten aus den Klauen des Ahriman und dass es etwa zurückgekommen wäre von der Verherrlichung dieses wunderbaren Bündnisses des Bauerntums und der Kosaken. Aber es ist auch da eine Änderung in dem Verhältnisse eingetreten. Es ist wichtig, solche Änderungen zu betrachten und die Verhältnisse zu verstehen, sehr verehrte Anwesende!
[ 89 ] Nicht darum habe ich diese Betrachtungen angestellt, um etwa nur unfruchtbar zu sprechen über einen verklungenen Ton des deutschen Geisteslebens, sondern deshalb, weil ich meine, dass in dem, was angeführt werden konnte über das deutsche Geistesleben, in der Tat lebendige Keime enthalten sind. Sie können eine Zeit lang — ich möchte sagen — unter der Oberfläche der fortschreitenden bewussten Bildung leben; aber sie werden hervordringen. Und dieses Bewusstsein können wir haben: Dass ein Geistesleben, das solche Keime in sich trägt, [...] Zukunft hat, dass es nicht niedergetreten werden kann auch von einer solchen Verbindung, wie sie ihm gegenwärtig gegenübersteht.
[ 90 ] Finden wird vielleicht gerade aus unserer schicksaltragenden Zeit heraus der deutsche Geist die Selbstbesinnung auf die großen Seiten seines Wesens. Und das ist uns wichtiger, als was gegenwärtig uns gegenübersteht feindlich, das ist uns wichtiger als das Schmähen anderer Nationen. Das ist uns wichtiger vor allen Dingen, einzuschen, wie dann, wenn das deutsche Volkstum nach dem Geistigen hin sich wendet, es nicht unfrei zu werden braucht, sondern wie die Kraft eines wirklichen, mit dem Geistesleben verbündeten Denkens auch frei sein kann. Ich könnte Ihnen viele Beweise anführen dafür, dass das das Unwesentlichste ist, dass der Ausspruch, dass Leben im Geiste unfrei macht und dass ein vertrackter Idealist derjenige sein muss, der im Geiste lebt, dass das das Unberechtigtste ist, was — nun sei der Ausdruck noch einmal gebraucht —, was Stumpflinge gegen das Geistesleben einwenden können.
[ 91 ] An Karl Christian Planck, dem Württemberger, sieht man dasjenige, was in Hunderten von Fällen gezeigt werden könnte und wird, wenn einmal so etwas gesehen wird, gerade an Karl Christian Planck sei es charakterisiert. Sehr verehrte Anwesende, «praktische Menschen» haben immer gesprochen über die Politik Europas, über dasjenige, was in den politischen Kräften Europas wurzelt und vorhanden ist, gesprochen von dem, was herauskommen kann — «praktische Politiker», die sicherlich auf solche Menschen wie Karl Christian Planck, Menschen des Geisteslebens, heruntersehen als auf die unpraktischen Idealisten, die nichts wissen von der Wirklichkeit. Diese «Praktiker», ob sie nun gleich Diplomaten oder groß sein sollende Politiker sind, sie sehen ganz gewiss hinunter, weil sie die Praktiker sind, weil sie, die das Praktische mit den Löffeln gegessen zu haben glauben, sie sehen ganz gewiss hinunter auf solche «unpraktischen Idealisten», wie Karl Christian Planck einer ist! Aber aus dem «Testament eines Deutschen» von Planck will ich Ihnen einen Satz vorlesen, der 1880 schon geschrieben war, und in dem Karl Christian Planck von dem gegenwärtigen Krieg spricht. So spricht er, der «unpraktische» Idealist von dem gegenwärtigen Kriege:
«Keine politische Klugheit, keine Friedensliebe vonseiten Deutschlands vermag innerhalb der jetzigen bloß nationalen Ordnung diesen feindlichen Zusammenstoß zu verhindern. Denn mächtiger als alle Klugheit ist die Natur der Verhältnisse; und schon jetzt tritt ungeachtet der befreundeten Haltung Deutschlands und Österreichs die feindliche Stimmung des russischen Ostens nur umso deutlicher hervor, deshalb, weil man ihm nicht in allem die freie Hand lassen konnte, sondern notwendig ein bestimmtes Ziel setzen musste. Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses doch nicht an unserer Seite finden, sondern wie im Osten, so werden wir zugleich auch im Westen und im Süden uns verteidigen müssen; nach allen Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.»
[ 92 ] 1880 geschrieben! — Wo hat jemals ein «Praktiker» aus einer solchen Sachkenntnis heraus die gegenwärtige Situation genau so beschrieben, wie sie ist!
[ 93 ] Die Zeit wird geboren werden, sehr verehrte Anwesende, in der man einsehen wird, dass gerade die Besinnung auf des deutschen Volkes beste Kräfte dahin führen wird, dass nicht mehr undeutsches Wesen in Mitteleuropa Platz haben könne und [dass dasjenige, was das berechtigte Streben — oder wenigstens vieles berechtigte Streben — unterdrücken will, in der Macht der Unfähigkeit bleibe], sodass gerade deutsches Wesen, wie deutsches Wesen in seiner eigenen Wurzel ist, in der Welt [nicht] ausgerottet würde.
[ 94 ] Es ziemt sich schon, einmal in ernster Zeit ernste Worte zu sprechen, wenn diese ernsten Worte auf Tatsachen beruhen, und nicht auf allerlei hirnverbrannte Idealismen, die jeder Dilettant finden kann, der sich nicht die Mühe nimmt, in die Tatsachen einzutreten.
[ 95 ] Wenn man es anschaut, dieses mitteleuropäische Wesen: Man findet es allerdings in einem Gegensatz, in einem bedeutungsvollen Gegensatz gerade zu dem orientalischen Wesen, das so bedrohlich hinter dem orientalischen Russland heute steht; man findet es in einem charakteristischen Gegensatz. Dasjenige, was in Asien heute lebt, das ist der Überrest eines Suchens nach der geistigen Welt, aber eines Suchens, wie es war und wie es sein musste zu einer Zeit, in der noch nicht der größte Impuls eingeschlagen hat in die Entwicklung, in die Menschheitsentwicklung: der Christus-Impuls. Wie dieses Streben nach der geistigen Welt in der vorchristlichen Zeit sein musste, so tritt es in Asien auf, indem das menschliche Wesen herabgelähmt wird, das Ich herabgelähmt wird, damit bei herabgedämpftem und herabgestumpftem Ich der Mensch aufgehen kann in der geistigen Welt. Das war ein Aufgehen, wie es im Hinduismus, Brahmanismus, Buddhismus und so weiter aufgetreten ist, wie es aber nimmermehr angemessen ist einer neueren Zeit, in welche der Christus-Impuls eingeschlagen hat. Da ist am tiefsten dieses Wesen der neueren Zeit doch hervorgetreten in dem, was heute der verklungene Ton des deutschen Geisteslebens uns so schön anzeigt: nicht die Herunterlähmung des Ichs, sondern die Erkraftung, die Belebung des Ichs, das so rechte Drinnenstehen im Ich.
[ 96 ] Das Gegenteil desjenigen, was einstmals orientalisches Wesen war, das findet, indem es sich innerlich erkraftet, im Menschen auch den Weg hinein in die geistigen Welten. Damit, dass das deutsche Wesen diese Aufgabe hat, stellt es sich mit seiner Sendung hinein in die Gesamtentwicklung der Menschheit — steht es auf dem Boden der 6 Millionen Quadratkilometer gegen 68 Millionen Quadratkilometer der Völker, die rings herum dieses deutsche Wesen heute bedrohen.
[ 97 ] Lassen Sie mich zum Schluss Ihnen anführen Worte eines österreichischen Dichters, die da zeigen, wie tief gewurzelt in ganz Mitteleuropa dasjenige ist, was ich heute zu nennen mir erlaubte das «deutsche Wesen», und das ich zu charakterisieren versuchte in seinem weltgeschichtlichen Sinne. Lassen Sie mich es so charakterisieren, indem ich Sie hinweise — wie gesagt —, auf einen Dichter Mitteleuropas, der Österreich angehört. Mir, der ich fast einunddreißig Jahre in Österreich verlebt habe und da verbunden war mit all den Kämpfen, die auch deutsches Wesen auszufechten hat in der letzten Zeit, muss es gestattet sein, hinweisen zu dürfen auf Robert Hamerling; auf jenen Robert Hamerling, der ja dasjenige, was die Natur der Verhältnisse hervorgebracht hat — die Zusammenschweißung Mitteleuropas aus Deutschland und Österreich — auch in Bezug auf das geistige Leben tief empfunden hat; aber indem er auch nicht abgewendet war den äußeren Verhältnissen, wie tief sich solche Geister wurzelnd fühlen in dem gesamtmitteleuropäischen, deutschen Wesen, das zeigen solche Aussprüche wie der gerade von Robert Hamerling, der sagt: «Österreich ist mein Vaterland; aber Deutschland ist mein Mutterland». Das empfindet gerade derjenige, der mit Mitteleuropas Kultur verbunden ist als ein Deutscher Österreichs. Aber er ist auch verbunden, ein solcher deutscher Österreicher, mit allem deutschen Wesen.
[ 98 ] Nur — ich möchte sagen — wie eine Kleinigkeit möchte ich verweisen auf dasjenige, was Robert Hamerling 1880 als ein kleines, unbedeutendes [Gedichtchen] hingeschrieben hat, damals, als die Franzosen vor dem ElsassStandbild, vor der Bildsäule von Straßburg die deutsche Fahne verbrannten und einen Tanz aufführten, während dem sie die deutsche Fahne damals verbrannten in [Paris], damals, da schrieb Robert Hamerling — ich will auf das nicht als eine dichterische Bedeutung hinweisen — aber auf etwas Besonderes; da schrieb er die Worte:
«Mögt ihr an die Rache glauben,
Und an künft’ger Sieger Kranz:
Hoffet nicht, zurückzurauben
Eine Scholle deutschen Lands!
Mögt ihr schwärmen auch wie Raben
Um ein Elsass-Standbild her,
Straßburg werdet ihr nicht haben,
Straßburg nimmermehr.»
[ 99 ] So rief geradezu aus der österreichische Deutsche Robert Hamerling aus dem Waldviertel. Aber auch die große Sendung des deutschen Volkes, sie erschien ihm; 1862 schrieb er, Robert Hamerling, seinen «Germanenzug». Wunderbar ist es geschildert, wie mit den Germanen die Vorfahren der späteren Deutschen herüberzogen von Asien nach Europa — wie sie sich lagern im Abendsonnenglanz, noch an der Grenze von Asien nach Europa; wunderbar sind die untergehende Sonne, der aufgehende Mond geschildert. Und wunderbar spricht da Robert Hamerling aus, wie einer nur wacht innerhalb des schlafenden Germanenvolkes, das herüberzieht von Asien nach Europa, wunderbar spricht Hamerling es aus, indem er Teut, den blondgelockten Jüngling, allein wachen lässt; und der Genius — der Genius des künftigen deutschen Volkes, spricht nun Worte von deutscher Zukunft zu dem blonden Teut. Da spricht er, der Genius des deutschen Volkes, zu dem blonden Teut, während die anderen Germanen ringsherum schlafen:
«Wem bricht dereinst das Wort aus Seelentiefen
Wie deinem Volk, so reich, so zart, so mächtig?
Wer haucht so weihevoll in Saitenklänge
Sein Innerstes? Wem zich’n den Sinn so prächtig
Ins Himmelsblau granit'ne Hieroglyphen
Des Seelenaufschwungs aus des Lebens Enge?
Wer knüpft zuletzt die Stränge
Des forschenden Gedankens an die Sterne
So kühn und strebt und kämpft auf allen Bahnen?
Wen führt so hoch, so tief sein Drang, sein Ahnen?
Wer fasst so treu das Nahe wie das Ferne?
Wo spiegelt jede Erd- und Himmelszone
Sich wie in deinem Denken, O Teutone?»
[ 100 ] Und dieses Wesen des deutschen Geistes, das eine nachchristliche Erneuerung, aber Vertiefung aus dem Ich heraus des Geist-Erfassens ist, das unter anderem so schön zum Beispiel derjenige ausgesprochen hat, den man den Philosophen des Deutschtums nennt, Jakob Böhme, dieses Wesen des deutschen Geistes, der auch mit dem Wissen, mit dem Erkennen immer einen religiösen Zug verbinden will, dieses Wesen des deutschen Geistes bei Jakob Böhme finden wir so:
«Wenn du die Tiefe»
[ 101 ] er meint die Tiefe des blauen Himmels
«des Himmels und die Sterne und die Erde ansichest, so siehest du deinen Gott, und in demselben lebest und bist du auch. Und derselbige Gott regiert durch dich und regiert auch dich.» «Du bist aus diesem Gott geschaffen und lebest in demselben. Auch stehet alle deine Wissenschaft in diesem Gott, und wenn du stirbest, so wirst du in diesem Gott begraben.»
[ 102 ] Diese Stimmung des deutschen Geistes, bei Robert Hamerling tritt sie wieder so schön hervor, indem er 1862 schon in seinem «Germanenzug» zu dem blonden Teut sprechen lässt Worte, welche ausdrücken sollen, wie bestes Streben Asiens einstmals in erhöhter Lebendigkeit vom deutschen Volkstum ausgebildet werden sollen in Europa. Da sagt der Genius zu dem blonden Teut:
«Doch wie auch stolz du aufstrebst, and’re Schwärme
Hoch überschwebend, stets noch eine Lohe
Wirst du bewahren, uralt heil’gen Brandes:
Fortleben wird in dir die traumesfrohe
Gotttrunkenheit, die seel’ge Herzenswärme
Des alten asia’schen Heimatlandes.
Geruhigen Bestandes
Wird dieser heil’ge Strahl, ein Tempelfeuer
Der Menschheit, frei von Rauch, mit reiner Flamme
Fortglüh’n in deiner Brust und Seelenamme
Dir bleiben und Pilote deinem Steuer!
Du strebst nur, weil du liebst: dein kühnstes Denken
Wird Andacht sein, die sich in Gott will senken.»
[ 103 ] So ist sich der Deutsche in ganz Mitteleuropa bewusst seines Darinnen-Stehens im deutschen Volkstum. Und wenn man betrachtet die reine Tatsächlichkeit, wie wir das heute versuchten, sehr verehrte Anwesende, so kann man finden, dass man glauben darf, wie ich schon einmal hier sagte in früheren Vorträgen, dass man haben darf das Vertrauen und den Glauben zum Wesen des deutschen Volkes, dass, weil es Keime auch auf geistigem Gebiet in solcher Art enthält, wie die charakterisierten, so wird es einstmals in fernen Zeiten die Blüten und Früchte tragen. Und diejenigen, die Feinde des deutschen Volkes sind, sie werden diese Blüten und diese Früchte aus der Weltentwicklung nicht entfernen können.
[ 104 ] Wie gesagt, über dasjenige, wie die Geschicke in der äußeren Weltgeschichte heute entschieden werden, darüber entscheidet die Gewalt der Waffen. Diese Gewalt der Waffen, wie sie heute in unserer schicksaltragenden Zeit lebt, sie ist nur eine andere Seite der Kraft, des deutschen Wesens. Und eine andere Seite wiederum ist die Kraft des deutschen Geistes, über die ich heute Abend eine Betrachtung anstellen wollte.
[ 105 ] Das aber möchte ich erreicht haben mit Worten, die ja nur wirklich bruchstückweise sein konnten gegenüber der Aufgabe, die sie sich stellen wollten, das möchte ich erreicht haben gerade aus einer tatsächlichen, aus einer rein sachlichen Betrachtung auch des deutschen Geisteslebens: das Fruchttragende, das Unzerstörbare des deutschen Wesens, ist dasjenige, das gegenüber den schwersten Bedrückungen den Menschen, die auf 6 Millionen Quadratkilometern stehen gegenüber den sie Umringenden, die auf 68 Millionen Quadratkilometern stehen, wie es diesen in Mitteleuropa stehenden Menschen ermöglicht, gerade wieder mit Robert Hamerling aus dem Tiefsten des deutschen Fühlens und aus dem Wesen des deutschen Herzens, insoferne es mit dem deutschen Geistesleben sich auch verbindet, herauszusagen dasjenige, was Robert Hamerling — das Unverwüstliche des deutschen Geistes damit ausdrückend — in die schönen Worte zusammenfasste, mit denen ich diese Betrachtung heute abschließen möchte:
«Und wenn je dem deutschen Namen
Feindlich sich der Tag erweist,
Finden wird von Meer zu Meere
Seine Bahn der deutsche Geist.»
