The Human Being as a
Spirit and Soul Being
GA 71b
26 February 1918, Nuremberg
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The Human Being as a Spirit and Soul Being, tr. SOL
6. Die Offenbarungen des Unbewussten im Seelenleben vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte
6. The Manifestations of the Unconscious in the Life of the Soul from a Spiritual Scientific Perspective
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Ich habe mir gestattet, gestern darauf hinzuweisen, dass vonseiten naturwissenschaftlicher Weltanschauung, der sich die hier gemeinte geisteswissenschaftliche Weltanschauung an die Seite stellen kann und muss, gegen die Art und die ganze Forschungsmethode dieser Geisteswissenschaft Antipathien herrschen, dass gewissermaßen ein gewisses subjektives Vorurteil vorhanden ist in der Gegenwart noch, welches ein wirkliches Eingehen und ein Verständnis dieser Geisteswissenschaft gerade bei denjenigen erschwert, welche glauben, auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen — auf dem selbstverständlich auch die Geisteswissenschaft steht —, die aber der Meinung sind, dass von diesem Boden aus eine Brücke zu einer wirklichen Geisteswissenschaft nicht zu schlagen ist.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! I took the liberty of pointing out yesterday that, from the perspective of the natural-scientific worldview—which the spiritual-scientific worldview referred to here can and must stand alongside—there is a prevailing antipathy toward the nature and the entire research method of this spiritual science, that, in a sense, a certain subjective prejudice still exists today, which makes it difficult to truly engage with and understand this spiritual science, particularly among those who believe they stand on the firm ground of natural science—on which, of course, spiritual science also stands—but who are of the opinion that no bridge to a genuine spiritual science can be built from this ground.
[ 2 ] Dennoch ging ja wohl auch aus meinen gestrigen Auseinandersetzungen eine Tatsache im Seelenleben der gegenwärtigen Menschheit hervor. Das ist die Tatsache, dass gerade die Vertiefung in die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse vom Gesichtspunkte der Gegenwart aus auf der anderen Seite die Sehnsucht hervorrufen muss, und sie auch hervorruft, über dasjenige im Menschen wirklich Aufschluss zu erlangen, welches hinausragt über das alltägliche, gewöhnliche Seelenleben, das ja gebunden sein muss an die Beobachtung und an das Erleben der physisch-sinnlichen Welt.
[ 2 ] Nevertheless, a fact regarding the inner life of contemporary humanity certainly emerged from my discussions yesterday. That is the fact that, from the perspective of the present, a deeper engagement with scientific knowledge must—and indeed does—evoke a longing to truly gain insight into that aspect of the human being which transcends the everyday, ordinary life of the soul—a life that is, after all, bound to the observation and experience of the physical-sensory world.
[ 3 ] Nun kann man allerdings sagen: Dasjenige, was allgemeine Weltanschauung geworden ist unter dem Einflusse naturwissenschaftlicher Vorstellungen und Ideen, das erweist sich im Grunde genommen immer unvermögender, mit anderen Forschungsarten sich zu beschäftigen als mit denjenigen, welche auf äußerlich-sinnlich Vorhandenes, auf Physisches hinweisen. Und so will man denn auch von gewisser Seite her das über das gewöhnliche Bewusstsein hinaus Liegende auf dieselbe sinnengemäße Weise erforschen — wenn man es schon erforschen will, wenn man nicht darauf verzichten will —, wie man die äußeren Naturtatsachen erforscht.
[ 3 ] Now, however, one might say: What has become the general worldview under the influence of scientific concepts and ideas is, in essence, proving increasingly incapable of engaging with any forms of inquiry other than those that point to what is externally perceptible, to the physical. And so, from a certain perspective, people want to investigate what lies beyond ordinary consciousness in the same sensory manner—if they want to investigate it at all, if they are not willing to do without it—as they investigate external natural phenomena.
[ 4 ] Aus diesem Grunde, sehr verehrte Anwesende, hat es sich denn ergeben, dass ein gewisses Grenzgebiet menschlichen Erlebens in der neueren Zeit Berücksichtigung gefunden hat derjenigen, welche auf naturwissenschaftlichem Boden stehen bleiben wollen und welche dennoch in einer gewissen Weise in die Geheimnisse des menschlichen Seelenlebens einzudringen die Sehnsucht haben, innerhalb des bewussten Gebietes, das mehr oder weniger, wie ich schon sagte, an die Sinneswelt gebunden ist. Man hat sich allmählich davon überzeugt, dass man da die Geheimnisse des Seelenlebens nicht erforschen kann, dass in das Seelenleben des Menschen mannigfaltiges hineinwogt und hineinwallt aus unbekannten Tiefen oder, man könnte auch sagen, aus unbekannten Höhen, das geeignet ist, viel mehr Aufschluss zu geben über dasjenige, was eigentlich des Menschen Wesenskern ist, als dasjenige, was innerhalb des gewöhnlichen Bewusstseins ist. Da man aber im Allgemeinen gerade die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, als etwas zu wenig Greifbares, wie viele sagen, als etwas zu sehr von der äußeren Wirklichkeit Abführendes ansieht, so will man eben eine Art Grenzgebiet erforschen — erforschen, ich möchte sagen, auf naturwissenschaftlich-sinnliche Weise.
[ 4 ] For this reason, ladies and gentlemen, it has come to pass that in recent times a certain frontier area of human experience has been taken into account by those who wish to remain firmly grounded in the natural sciences and who nevertheless yearn, in a certain way, to penetrate the mysteries of human soul life, within the realm of consciousness, which, as I have already said, is more or less bound to the sensory world. People have gradually come to realize that the mysteries of the soul’s life cannot be explored there, that manifold elements surge and well up into the human soul from unknown depths—or, one might also say, from unknown heights—which is capable of shedding far more light on what is actually the core of the human being than on what lies within ordinary consciousness. But since spiritual science—in the sense intended here—is generally regarded as something too intangible, as many say, or as something that leads one too far away from external reality, people seek to explore a kind of borderland—to explore it, I would say, in a scientific, sensory manner.
[ 5 ] Daher hat Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, allen Grund, nun von ihrem Gesichtspunkte aus auf dieses Grenzgebiet hinzuweisen, dieses Grenzgebiet von ihrem Gesichtspunkt aus zu behandeln. Es ist dasjenige Gebiet, welches man gewöhnt worden ist in der neueren Zeit und in der Gegenwart, das Gebiet des Unbewussten zu nennen. Dieses Gebiet des Unbewussten, es wird ja immer wieder und wiederum von ihm gesprochen. Es ist auch noch aus dem Grunde für die Geisteswissenschaft, die hier vertreten wird, ganz besonders wichtig, Betrachtungen anzustellen über dieses Gebiet des Unbewussten, weil manches, was auf diesem Felde zutage tritt, so aufgefasst wird und weil andererseits die Geisteswissenschaft so aufgefasst wird, dass sie verwechselt wird mit dem, was von der einen oder anderen Seite mehr oder weniger berechtigt über dieses Grenzgebiet vorgebracht wird.
[ 5 ] Therefore, spiritual science, as understood here, has every reason to draw attention to this borderland from its own perspective and to address it from that perspective. It is the realm that, in recent times and in the present, we have become accustomed to calling the realm of the unconscious. This realm of the unconscious—it is, after all, spoken of time and again. It is also particularly important for spiritual science, as represented here, to reflect on this realm of the unconscious, because some of what comes to light in this field is interpreted in a certain way, and because, on the other hand, spiritual science is often misunderstood and conflated with what is put forward—more or less justifiably—by one side or the other regarding this borderland.
[ 6 ] Unter dem Unbewussten versteht man ja im Allgemeinen dasjenige, was in das bewusste Leben aus unbekannten Gebieten hereinwogt und hereinströmt. Es würde natürlich sehr lange Zeit in Anspruch nehmen, wenn ich wollte alles dasjenige auch nur skizzierend kennzeichnen, was über dieses Gebiet des Unbewussten in der neuesten Zeit in der Wissenschaft über das ganze Erdenrund hin in reichlichem Maße vorgebracht worden ist. Innerhalb unseres mitteleuropäischen Kulturlebens ist ja der Ausdruck «das Unbewusste» seit den Sechzigerjahren schon bekannt geworden durch die mehr oder weniger populäre Philosophie Eduard von Hartmanns, der die Gründe zu alledem, was der Mensch bewusst erlebt, in einem geistig Unbewussten, sei es unterbewusst, sei es überbewusst, sucht.
[ 6 ] The unconscious is generally understood to be that which surges and flows into conscious life from unknown realms. It would, of course, take a very long time if I were to even briefly outline everything that has been extensively presented in recent times in the scientific community across the entire globe regarding this realm of the unconscious. Within our Central European cultural life, the term “the unconscious” has, in fact, been familiar since the 1860s through the more or less popular philosophy of Eduard von Hartmann, who seeks the roots of everything a person consciously experiences in a spiritual unconscious—be it subconscious or superconscious.
[ 7 ] Wenn ich einleitungsweise, sehr verehrte Anwesende, eine persönliche Bemerkung machen darf, so ist es diese: dass gegenüber der Art, wie sich Eduard von Hartmann dem Geistesleben, das für das gewöhnliche Bewusstsein unbewusst bleiben soll, nähert — dass diese Art Eduard von Hartmanns, trotzdem sie auf Geistiges geht, trotzdem sie in der physisch-sinnlichen Welt eine Offenbarung des Unbewussten sieht, des GeistigUnbewaussten sieht —, dass diese Weltanschauung Eduard von Hartmanns auch diametral entgegengesetzt ist in einer gewissen Weise derjenigen Weltanschauung, die hier von mir vertreten wird. Und ich habe versucht, schon in den Achtzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts durch meine persönliche Bekanntschaft mit Eduard von Hartmann mich auch brieflich mit ihm über diese Dinge sehr eingehend auseinanderzusetzen; [ich] habe versucht, zu zeigen, welcher Unterschied besteht zwischen dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und der Weltanschauung, die auf das Unbewusste begründet ist, zum Beispiel Eduard von Hartmanns. Ich habe diesen Unterschied, ich möchte sagen, mit einer persönlichen Note im Februarheft des zweiten Jahrganges der Zeitschrift «Das Reich» kürzlich besprochen. Dasjenige, was da ausführlich erörtert ist, das möchte ich, weil das hier genügt, mit ein paar Worten andeuten. Eduard von Hartmann weist darauf hin, dass allem, was der Mensch durch sein gewöhnliches Leben zeigen kann, ein geistig Unbewusstes zugrunde liegt. Aber er ist der Anschauung, dass dieses Unbewusste nur zu erreichen ist durch die logische Urteilskraft, die schließt von dem Bewussten, dem sinnlich Wahrnehmbaren aus auf ein unbekannt Bleibendes, das nur begrifflich zu erreichen ist, in Hypothesen zu erfassen ist. Und er weist darauf hin, dass dieses Unbewusste für sich selber nicht in demselben Sinne bewusst ist, wie der Mensch zum Beispiel bewusst ist.
[ 7 ] If I may make a personal remark by way of introduction, esteemed audience, it is this: that in contrast to the way Eduard von Hartmann approaches spiritual life—which is meant to remain unconscious to ordinary consciousness—that this approach of Eduard von Hartmann, even though it pertains to the spiritual, and yet sees in the physical-sensory world a revelation of the unconscious, of the spiritually unconscious—that Eduard von Hartmann’s worldview is, in a certain sense, diametrically opposed to the worldview I am advocating here. And as early as the 1880s, through my personal acquaintance with Eduard von Hartmann, I attempted to discuss these matters with him in great detail, even in correspondence; [I] tried to show the difference between this anthroposophically oriented spiritual science and the worldview based on the unconscious, such as that of Eduard von Hartmann. I recently discussed this difference—I would say, with a personal touch—in the February issue of the second volume of the journal Das Reich. Since that is sufficient here, I would like to summarize in a few words what is discussed there in detail. Eduard von Hartmann points out that everything a human being can manifest through their ordinary life is grounded in a spiritual unconscious. But he holds the view that this unconscious can only be accessed through logical reasoning, which deduces from the conscious—that which is perceptible through the senses—to something that remains unknown, accessible only conceptually and graspable only through hypotheses. And he points out that this unconscious is not conscious of itself in the same sense that a human being, for example, is conscious.
[ 8 ] Nach diesen beiden Richtungen hin unterscheidet sich Geisteswissenschaft ganz diametral von dieser Anschauung Eduard von Hartmanns: Erstens ist diese Geisteswissenschaft begründet darauf, dass der Mensch nicht nur — ich habe gestern ausführlicher das Nähere auseinandergesetzt und auf Bücher hingewiesen, die Belege dafür liefern —, dass diese Geisteswissenschaft nicht bloß will eindringen in das geistige Gebiet durch Hypothesen und logische Schlussfolgerungen, sondern dadurch, dass gewisse in der Seele liegende, schlummernde Kräfte, welche für das gewöhnliche Bewusstsein allerdings unterbewusst bleiben, aus der Seele heraufgeholt werden; Kräfte, welche durch Erstarkung, durch Erkraftung des Seelenlebens heraufgeholt werden in das Bewusstsein; dass diese unterbewussten Seelenkräfte in das Bewusstsein des Menschen eintreten können, sodass der Mensch voll bewusst, nicht durch Hypothesen, nicht bloß durch logische Schlussfolgerungen, sondern durch geistige Beobachtung voll bewusst den Weg gehen kann von der sinnlichen in die übersinnliche Welt, sodass er diese übersinnliche Welt ebenso, wenn auch geistig, aber ebenso beobachten kann, wie die sinnliche Welt zu beobachten ist.
[ 8 ] In these two respects, spiritual science differs diametrically from Eduard von Hartmann’s view: First, spiritual science is based on the premise that human beings not only—as I explained in greater detail yesterday and pointed out in books, which provide evidence for this—that this spiritual science does not merely seek to penetrate the spiritual realm through hypotheses and logical inferences, but rather by bringing forth from the soul certain dormant forces lying within the soul—forces that, admittedly, remain subconscious to ordinary consciousness; forces that are brought up into consciousness through the strengthening and invigoration of the soul life; that these subconscious powers of the soul can enter human consciousness, so that the human being can, fully consciously—not through hypotheses, not merely through logical conclusions, but through spiritual observation—fully consciously traverse the path from the sensory to the supersensory world, so that he can observe this supersensory world just as the sensory world is observed, albeit spiritually.
[ 9 ] Geisteswissenschaft stellt also dar nicht den hypothetischen, sondern den wirklich erlebbaren Weg aus dem Sinnlichen in das Übersinnliche hinein. Und auf der anderen Seite muss Geisteswissenschaft betonen, dass ja ein unbewusstes Geistiges, in dem selber kein Bewusstsein zu finden wäre, im Grunde genommen nicht viel mehr wert ist als das große unbewusste Reich der rein materiellen Atome und ihrer Vorgänge, der rein physikalischen Grundlage des Daseins. Was wäre schließlich ein Geistiges, das dem Sinnlichen wirklich zugrunde liegen soll, wenn der Mensch als einzelnes bewusstes Wesen sich herausheben würde aus einer Welt, die in Bezug auf die Bewusstheit auch nicht höherwertig wäre als die unbewusste Welt der rein physikalischen Erscheinungen? — So weist Geisteswissenschaft nicht hin auf ein solches Unbewusstes, das an sich die Unbewusstheit trägt, sondern Geisteswissenschaft weist hin auf geistige Wesenheiten, die hinter der physischen Welt stehen, die ebenso bewusst sind wie der Mensch selbst, in vieler Beziehung sogar ein höheres Bewusstsein haben als der Mensch selbst.
[ 9 ] Spiritual science, then, represents not a hypothetical path but a path that can truly be experienced—a path leading from the sensory realm into the supersensory realm. On the other hand, spiritual science must emphasize that an unconscious spiritual realm, in which no consciousness can be found, is essentially no more valuable than the vast unconscious realm of purely material atoms and their processes—the purely physical foundation of existence. After all, what would a spiritual reality—supposed to truly underlie the sensory world—be if human beings, as individual conscious beings, were to stand out from a world that, in terms of consciousness, would be no more advanced than the unconscious world of purely physical phenomena? — Thus, spiritual science does not point to such an unconscious realm that in itself embodies unconsciouslyness, but rather to spiritual beings who stand behind the physical world, who are just as conscious as human beings themselves, and in many respects even possess a higher consciousness than human beings themselves.
[ 10 ] Das ist dasjenige, was radikal unterscheidet mit Bezug auf das Unbewusste die Auffassung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft von einer solchen Anschauung, wie die Eduard von Hartmanns ist, die ja im Grunde genommen von vielen heute geteilt wird; die von vielen in der gleichen Weise, auch wenn sie auf naturwissenschaftlichem Standpunkte stehen bleiben wollen, doch vertreten wird. Nun werden wir gerade heute Gelegenheit haben, indem wir diejenigen unbewussten Erscheinungen im menschlichen Seelenleben ins Auge fassen, die in einer unvollkommeneren Weise in das Bewusstsein hineindringen als die Geistesforschung selbst, wir werden Gelegenheit haben, indem wir diese unbewussten Erscheinungen in ihren Offenbarungen ins Auge fassen, gerade dadurch zu zeigen, in welcher Art Geistesforschung wirklich in das Gebiet des geistigen Lebens eindringen kann.
[ 10 ] This is precisely what radically distinguishes the view of anthroposophically oriented spiritual science—with regard to the unconscious—from a perspective such as that of Eduard von Hartmann, which is, after all, shared by many today; which is nevertheless held by many in the same way, even if they wish to remain within the framework of natural science. Today, in particular, we will have the opportunity—by examining those unconscious phenomena in human soul life that penetrate into consciousness in a more imperfect way than spiritual research itself—to demonstrate, precisely by observing these unconscious phenomena as they manifest, the manner in which spiritual research can truly penetrate the realm of spiritual life.
[ 11 ] Das allerdings muss ich heute, sehr verehrte Anwesende, voraussetzen, dass durch gewisse, gestern prinzipiell geschilderte innere Seelenvorgänge — wenn man pedantisch sein will, kann man sie Übungen nennen —, dass durch solche Seelenvorgänge dasjenige, was gewöhnliches Seelenleben ist, auch dasjenige, was nur mystisches Seelenleben ist, so behandelt werden kann, dass der Mensch von diesem Seelenleben heraus zu einem Geistigen aufsteigt — wie er auf der anderen Seite durch naturwissenschaftliche Betrachtung von dem Seelischen heruntersteigt zu dem Leiblichen — hinaufsteigt zur Anschauung des Geistigen. Wenn man dann diese Anschauung des Geistigen, ich möchte sagen — um diesen Goethe’sehen Ausdruck wieder zu gebrauchen —, wenn man dann die «Geistesaugen» und «Geistesohren» heranerzogen hat im Seelenleben, dann ist man imstande, in einer ganz anderen Weise zu überschauen, von seinem also gewonnenen Gesichtspunkte aus zu überschauen dasjenige, was sonst aus unbekannten Tiefen oder auch aus unbekannten Höhen hereinspielt in das bewusste menschliche Seelenleben.
[ 11 ] However, I must assume today, esteemed audience, that through certain inner soul processes—described in principle yesterday—which, if one wishes to be pedantic, one might call exercises—that through such soul processes, both what constitutes ordinary soul life and what constitutes purely mystical soul life can be approached in such a way that the human being ascends from this soul life to the spiritual—just as, on the other hand, through scientific observation, one descends from the soul to the physical—and rises to the contemplation of the spiritual. If one has then cultivated this perception of the spiritual—I would say, to use Goethe’s expression again—if one has then trained the “eyes of the spirit” and “spiritual ears” in one’s soul life, then one is able to survey in an entirely different way—from the perspective thus gained—that which otherwise flows into conscious human soul life from unknown depths or even from unknown heights.
[ 12 ] Nun, die Grenzgebiete, um die es sich handelt, sie sind ja ein weites Feld. Ich will heute nur einige von diesen Grenzgebieten herausheben, die aber ein gewisses Licht werfen können auf alles übrige Unbewusste im menschlichen Seelenleben und seine Offenbarungen. Ich will herausheben dasjenige, was zunächst jedem Menschen bekannt ist, gut bekannt ist, was aber sich doch rätselhaft in das menschliche Dasein hineinstellt; ich will behandeln dasjenige, was die menschliche Traumwelt darstellt. Und ich will dann weiter behandeln dasjenige Gebiet, welches in der neueren Zeit, man könnte sagen, das Schoßkind geworden ist aller derjenigen, die in die geistige, die übersinnliche Welt eindringen wollen und die sich davor scheuen, wirkliche Geisteswissenschaft zu treiben, das weite Gebiet desjenigen, was man Somnambulismus und die mit demselben verwandten Mediumschaft und dergleichen nennt. Ich will dann hinweisen auf ein anderes Gebiet, von dem ja wohl hinlänglich bekannt ist, dass es aus unbewussten Untergründen des Seelenlebens hervorsprudelt, wenn es in seiner Wahrheit auftritt; ich will mit einigen Strichen behandeln das Gebiet des künstlerischen Genießens, des künstlerischen Schaffens. Und ich möchte dann hinweisen auf ein Gebiet, das vielleicht von manchem nicht dem Unbewussten und seinen Offenbarungen zugerechnet wird, das aber — zum Mindesten für jeden, der es vernünftig betrachtet — als etwas Halbbewusstes wenigstens in das menschliche Leben hinein sich erstreckt, das Gebiet des menschlichen Schicksals, und dieses Gebiet behandeln vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus, vom Gesichtspunkte des wirklichen und wahren Hellsehens aus.
[ 12 ] Well, the borderlands in question cover a vast field. Today I want to highlight just a few of these borderlands, which can, however, shed some light on the rest of the unconscious in human soul life and its manifestations. I want to highlight that which is initially familiar to every human being—very familiar, in fact—but which nonetheless enters human existence in a mysterious way; I want to discuss the human world of dreams. And I would then like to go on to discuss the realm that in recent times has, one might say, become the darling of all those who wish to penetrate the spiritual, the supersensible world, yet shy away from practicing true spiritual science—the vast realm of what is called somnambulism and the related phenomena of mediumship and the like. I will then point to another field, about which it is well known that it springs from the unconscious depths of the soul’s life when it manifests in its true form; I will briefly address the field of artistic appreciation and artistic creation. And I would then like to point to a realm that perhaps some do not attribute to the unconscious and its manifestations, but which—at least for anyone who considers it rationally—extends into human life as something semi-conscious: the realm of human destiny, and I would like to address this realm from the perspective of spiritual science, from the perspective of genuine and true clairvoyance.
[ 13 ] Den Ausdruck «Hellsehen» gebrauche ich ungern, weil er eben vermengt wird mit allem möglichen dilettantischem und sonstigem Zeug; aber in der Anwendung, die ich heute von ihm machen will, rechtfertigt er sich vielleicht aus der Sache selbst heraus. Ich will hinweisen auf das, was das Gebiet der Geistesforschung selbst ist, die ja gerade berufen sein will, das geistig Unbewusste hereinzuholen in das Bewusstsein. Und weil ich will, dass die anderen Erscheinungen des Unbewussten, die ich zunächst nur genannt habe und nachher deutlich charakterisieren will geisteswissenschaftlich — der Kürze der Zeit halber muss ich heute davon absehen, die Dinge auch naturwissenschaftlich zu charakterisieren —, weil diese Erscheinungen geisteswissenschaftlich charakterisiert werden können, gerade vonseiten der geisteswissenschaftlichen Methode aus selber, so möchte ich zuerst einige charakteristische Eigenschaften des wirklichen Erlebens der übersinnlichen geistigen Welt durch den Geistesforscher vorausschicken.
[ 13 ] I am reluctant to use the term “clairvoyance” because it tends to be conflated with all sorts of amateurish and other nonsense; but in the context in which I intend to use it today, it may be justified by the subject matter itself. I wish to point out what the field of spiritual research itself is, since it is precisely this field that aims to bring the spiritual unconscious into consciousness. And because I want to address the other phenomena of the unconscious—which I have so far only mentioned and intend to characterize clearly from a spiritual-scientific perspective later on—I must refrain today, due to time constraints, from characterizing these phenomena from a natural-scientific perspective as well— since these phenomena can be characterized from a spiritual scientific perspective—precisely by means of the spiritual scientific method itself—I would like to begin by outlining a few characteristic features of the spiritual scientist’s actual experience of the supersensible spiritual world.
[ 14 ] Es handelt sich darum, wenn die menschliche Seele bei dem Geistesforscher wirklich sich so weit gebracht hat, einer geistigen Welt so gegenüberzustehen, wie man mit sinnlich-physischen Augen und Ohren und den anderen Sinnesorganen der sinnlich-physischen Welt gegenübersteht, dass dann der Mensch die geistige Welt wahrnimmt und ihre Beziehungen zur sinnlich-physischen Welt in einer gewissen Weise feststellen kann.
[ 14 ] This is what happens when the human soul has truly progressed to the point, through spiritual research, where it can face the spiritual world in the same way that one faces the physical-sensory world with physical-sensory eyes, ears, and the other sense organs—that is, when a person can perceive the spiritual world and, in a certain way, discern its relationships to the physical-sensory world.
[ 15 ] Ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht, dass es wahrhaftig recht unbegründet ist, wenn von dieser oder jener Seite der Einwand erhoben wird gegen Geisteswissenschaft, dass dasjenige, was sie vorbringt, eigentlich etwas aus der sinnlich-physischen Welt Zusammengetragenes und in die geistige Welt Hinauferträumtes sei. Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, dass derjenige, der die geisteswissenschaftlichen Methoden gewissenhaft durch Jahre angewendet hat, weiß, wie oft und oft er in die Lage kommt, dass dasjenige, was er erlebt in der geistigen Welt, sich als ganz anders darstellt als irgendetwas, was in der physisch-sinnlichen Welt im Reiche der Vergänglichkeit erlebt werden kann. Er weiß, dass ihm das klar ist, dass mit all den Vorstellungen und Ideen, die er sich aneignen konnte in der physisch-sinnlichen Welt, er nicht[s] machen kann in der geistigen Welt. Aber schon das Erleben der geistigen Welt selbst, die ganze Seelenstimmung und Seelenverfassung ist so, dass sie sich radikal unterscheidet von dem sonstigen Seelenleben. Und ich möchte einige charakteristische Eigenschaften dieses Erlebens im Geiste heute vorausschicken.
[ 15 ] Yesterday I pointed out that it is truly unfounded when objections are raised from this or that quarter against spiritual science, claiming that what it presents is in fact something gathered from the sensory-physical world and projected into the spiritual world. And I pointed out that anyone who has conscientiously applied the methods of spiritual science over the years knows how often they find themselves in a situation where what they experience in the spiritual world presents itself as something entirely different from anything that can be experienced in the physical-sensory world, in the realm of transience. They know that it is clear to them that all the concepts and ideas they have acquired in the physical-sensory world are of no use to them in the spiritual world. But the very experience of the spiritual world itself—the entire mood and state of the soul—is such that it differs radically from the rest of the soul’s life. And today I would like to begin by outlining some characteristic features of this experience in the spirit.
[ 16 ] Man könnte natürlich immer, wenn man nur oberflächlich Kenntnis nimmt von dem, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, sagen: Nun ja, der Geistesforscher lebt in einer Art von Selbsttäuschung; er kombiniert etwas, was er als Vorstellung in sich gebildet hat, und sieht darin, weil er vielleicht übersehen oder vergessen hat, wie er diese Vorstellungen aus der Sinneswelt gewonnen hat, er kombiniert etwas und sieht darin Offenbarungen einer geistigen Welt. — Ja, sehr verehrte Anwesende, wenn sich dasjenige, was der Geistesforscher erlebt als geistige Erfahrung, wenn sich das so verhielte wie aus der Sinneswelt gewonnene Vorstellungen und Ideen, dann könnten er und andere selbstverständlich misstrauisch werden gegen diese Geisteswissenschaft. Aber das ist nicht der Fall.
[ 16 ] Of course, if one only takes a superficial look at what is meant here by “spiritual science,” one might say: Well, the spiritual researcher lives in a kind of self-deception; he combines something he has formed within himself as an idea, and—perhaps because he has overlooked or forgotten how he derived these ideas from the sensory world—he combines something and sees in it revelations of a spiritual world. — Yes, ladies and gentlemen, if what the spiritual researcher experiences as a spiritual experience were, in fact, the same as concepts and ideas derived from the sensory world, then he and others might naturally become suspicious of this spiritual science. But that is not the case.
[ 17 ] Gleich eine Grundeigenschaft desjenigen, was wir beobachten können alles in unseren Gedanken der sinnlichen Welt gegenüber, zeigt sich ganz anders gegenüber den wirklich geistigen Erlebnissen. Diejenigen Vorstellungen, die wir uns an der sinnlich-physischen Welt machen, sie prägen sich der Seele ein, und wir können uns nach einiger Zeit an diese Vorstellungen wieder erinnern, sie können aus dem Schatze unseres Gedächtnisses heraufgeholt werden. Die geistigen Erlebnisse, welche der Geistesforscher hat, die zeigen eine ganz andere Eigenschaft. Sie sind nicht als geistige Erlebnisse unmittelbar erinnerbar.
[ 17 ] A fundamental characteristic of everything we can observe—everything in our thoughts concerning the sensory world—manifests itself quite differently when compared to truly spiritual experiences. The images we form of the physical, sensory world are imprinted on the soul, and after some time we can recall these images; they can be retrieved from the treasure trove of our memory. The spiritual experiences that the spiritual researcher has, however, exhibit a completely different quality. They cannot be recalled directly as spiritual experiences.
[ 18 ] Dasjenige, was nach Heranerziehung der Seele zum geistigen Schauen wirklich als geistige Erlebnisse vor die Seele hintritt, das ist nicht eine bloße Vorstellung. Denn eine bloße Vorstellung kann dem Gedächtnisse einverleibt werden, dieses geistige Erlebnis aber als solches kann nicht der Seele unmittelbar als Erinnerung einverleibt werden, sondern das geistige Erlebnis selber ist so vergangen, wie vergangen ist für uns die unmittelbare Anschauung eines Baumes, den wir eine gewisse Zeit hindurch angesehen haben, von dem wir weggegangen sind; wir müssen wieder zu ihm hingehen, um ihn selber in seiner Wirklichkeit zu sehen. Die bloße Vorstellung erhalten wir im Gedächtnis, den wirklichen Baum, zu dem müssen wir wiederum uns begeben, wenn wir ihn vor uns haben wollen. So wie wenn wir vom Baume weggegangen sind, der Baum nicht mehr vor der Seele lebt, so lebt das geistige Erlebnis nicht mehr vor der Seele, wenn wir es abgeschlossen gehabt haben. Daraus geht hervor, sehr verehrte Anwesende, dass es sich bei dem geistigen Erleben nicht um ein bloßes Kombinieren von Vorstellungen, Ideen und Gedanken handelt, denn die können erinnert werden. Nun könnte man sagen: Ja, wie ist es denn dann überhaupt, dann könnte man ja niemals von einem solchen geistigen Erlebnis berichten, wenn es vergessen werden müsste; dann könnte man ja niemals etwas darüber sagen, denn es würde eben, nachdem es erlebt worden ist, aus dem menschlichen Seelenleben verschwunden sein. — So ist die Sache aber nicht. Geradeso, wie wir uns Vorstellungen bilden können von einer sinnlichen Wirklichkeit, einer sinnlichen Wesenheit oder einem sinnlichen Vorgang und die Vorstellung dann behalten können, so kann der Geistesforscher sich Vorstellungen bilden von demjenigen, was er geistig erlebt hat; und diese Vorstellung, die ist dann erinnerbar. Und darauf kommt es an, dass in wirklich innerem Erleben der Geistesforscher seine Erlebnisse unterscheiden kann von den Vorstellungen, die er sich darüber gemacht hat, wie man im äußeren Erleben unterscheiden kann die sinnliche Wahrnehmung von der Vorstellung, die man von ihr davonträgt.
[ 18 ] What truly presents itself to the soul as spiritual experiences after the soul has been trained in spiritual vision is not a mere idea. For a mere idea can be incorporated into memory, but this spiritual experience, as such, cannot be incorporated directly into the soul as a memory; rather, the spiritual experience itself has passed, just as the direct perception of a tree that we have been looking at for a certain time—and from which we have walked away—has passed; we must return to it in order to see it in its reality. We retain the mere idea in memory, but as for the actual tree, we must go back to it if we wish to have it before us. Just as when we have walked away from the tree, the tree no longer lives before the soul, so too does the spiritual experience no longer live before the soul once we have concluded it. From this it follows, ladies and gentlemen, that spiritual experience is not merely a combination of representations, ideas, and thoughts, for these can be recalled. Now one might say: Well, what is it then, if one could never describe such a spiritual experience if it were to be forgotten; one could never say anything about it, for once it has been experienced, it would have vanished from the life of the human soul. — But that is not the case. Just as we can form concepts of a sensory reality, a sensory entity, or a sensory process and then retain that concept, so too can the spiritual researcher form concepts of what he has experienced spiritually; and this concept can then be recalled. And what matters is that, in truly inner experience, the spiritual researcher can distinguish his experiences from the ideas he has formed about them, just as one can distinguish, in outer experience, sensory perception from the idea one carries away from it.
[ 19 ] Das hierauf Bezügliche zeigt sich noch in einer anderen Art: Will man ein geistiges Erlebnis ein zweites, ein drittes Mal in derselben Weise haben, so genügt es nicht, sich daran zu erinnern, das heißt die Vorstellung davon wiederum hervorzurufen. Denn man ist sich dann klar darüber: Man hat nicht das vollinhaltliche Erlebnis, sondern nur die blasse Vorstellung davon. Will man vor dem geistigen Erlebnis wieder stehen, so muss man die verborgen schlummernden Kräfte der Seele neuerdings wachrufen, muss sich neuerdings vor dieses Erlebnis stellen. Und gewissen besonders charakteristischen Erscheinungen der geistigen Welt gegenüber ist es so, dass man sich nur erinnern kann an die Art, wie man zu dem Erlebnis gekommen ist; dann kann man diese Art wieder hervorrufen; man kann es ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal haben, aber davon kann keine Rede sein, dass das Erlebnis denselben Gesetzen unterliegt, dem die bloße Vorstellungsart unterliegt. — Das ist das eine. Sie sehen daraus, dass der Geistesforscher kein Träumer, kein Phantast ist, dass er sich voll klar ist durch innere Selbstbeobachtung über dasjenige, was ihn zu seinen wirklichen Erkenntnissen eigentlich führt.
[ 19 ] This point is evident in yet another way: If one wishes to have a spiritual experience a second or third time in the same way, it is not enough simply to remember it—that is, to recall the image of it. For one is then clearly aware that one does not have the experience in its full richness, but only a pale image of it. If one wishes to stand once more before the spiritual experience, one must once again awaken the hidden, slumbering powers of the soul; one must once again place oneself before this experience. And with certain particularly characteristic phenomena of the spiritual world, one can only recall the manner in which one arrived at the experience; one can then evoke that manner again; one can have it a second, a third, or a fourth time, but there can be no question of the experience being subject to the same laws as those governing mere imagination. — That is one point. You can see from this that the spiritual researcher is neither a dreamer nor a fantasist, but is fully aware, through inner self-observation, of what actually leads him to his true insights.
[ 20 ] Ein Zweites ist, dass sich ein geisteswissenschaftliches Erlebnis zu unserem Seelenleben in einer ganz anderen Weise verhält als ein anderes Erlebnis, das das gewöhnliche Bewusstsein hier in der physisch-sinnlichen Welt durchmacht. Was wäre unser ganzes physisches Leben, wenn wir uns nicht gewisse Geschicklichkeiten, gewisse Gewohnheiten aneignen könnten, wenn wir nicht in der Lage wären, nachdem wir irgendetwas getrieben haben, wenn wir es das zweite Mal treiben wollen, es besser zu können, wenn uns nichts nützen würde die Wiederholung irgendeiner Verrichtung? Die Wiederholung einer Verrichtung, sie wird als eine Gewohnheit unserem gewöhnlichen Erleben einverleibt. Geistige Erlebnisse können nicht in derselben Weise gewohnheitsgemäß dem Seelenleben einverleibt werden.
[ 20 ] A second point is that an experience in the humanities relates to our inner life in a completely different way than any other experience that ordinary consciousness undergoes here in the physical-sensory world. What would our entire physical life be if we could not acquire certain skills, certain habits; if, after doing something, we were not able to do it better the second time we tried; if the repetition of any activity were of no use to us? The repetition of an action is incorporated into our ordinary experience as a habit. Spiritual experiences cannot be incorporated into the life of the soul in the same habitual way.
[ 21 ] Zu ihrer Überraschung machen diese Erfahrung viele, welche Anfänger sind im geistigen Erleben. Man kann verhältnismäßig leicht — ich sage verhältnismäßig leicht —, wenn man die gestern, prinzipiell in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» genauer geschilderten Seelenübungen durchmacht, man kann verhältnismäßig rasch zu gewissen anfänglichen Erlebnissen der geistigen Welt kommen; und Anfänger sind dann überglücklich, wenn sie erste Erlebnisse geistiger Art wirklich haben. Aber sie sind dann umso mehr überrascht, wenn diese geistigen Erlebnisse nicht in leichter Weise oder überhaupt nicht wiederholt werden können. Und in der Tat, man kann sich, wenn man in so leichter Weise solche geistigen Erfahrungen macht, immer wieder und wiederum anstrengen, man kann sich grämen darüber, dass man einmal das oder jenes erlebt hat, aber man kann das Erlebnis nicht ohne Weiteres wieder hervorrufen; man wird nicht dazu geschickter. In Gewohnheit lässt sich nicht umsetzen dasjenige, was man vom Geiste aus erlebt. Im Gegenteil. Es wird bei Wiederholung immer schwieriger, diese Wiederholung zu machen. Und gerade darin besteht ein Teil desjenigen, was man zu üben hat, dass, wenn man wünscht, gewisse Erlebnisse wiederholt zu machen, man ganz anders geartete Anstrengungen das zweite, dritte Mal wiederum nötig hat. Im ganz entgegengesetzten Sinne abstumpfend, die Gewohnheit austreibend, verhält sich das geistige Erleben zum physischen Erleben.
[ 21 ] To their surprise, many who are beginners in spiritual experience have this experience. It is relatively easy—I say relatively easy—if one undergoes the spiritual exercises described in more detail yesterday in my book How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds? —one can reach certain initial experiences of the spiritual world relatively quickly; and beginners are overjoyed when they truly have their first spiritual experiences. But they are all the more surprised when these spiritual experiences cannot be easily repeated—or not at all. And in fact, when one has such spiritual experiences so easily, one can try again and again, one can be distressed that one once experienced this or that, but one cannot simply evoke the experience again; one does not become more skilled at it. What one experiences through the spirit cannot be turned into a habit. On the contrary. With each repetition, it becomes increasingly difficult to achieve that repetition. And this is precisely part of what one must practice: that if one wishes to repeat certain experiences, one must make efforts of a completely different nature the second and third time around. Spiritual experience stands in direct contrast to physical experience, dulling the senses and driving out habit.
[ 22 ] Und ein drittes, was charakteristisch ist für das geistige Erleben, ist, dass eigentlich, so sonderbar es klingt, das wirklich geistige Erleben — das nichts zu tun hat mit irgendeiner Verrichtung, an der der Leib beteiligt ist —, dass das eigentlich blitzschnell vorüberhuscht. Ja, das ist ein Grund, warum so wenige Menschen zu geistigem Erleben heute noch kommen. Die Menschen sind aus dem äußeren Leben gewöhnt, eine gewisse Zeit zu brauchen, um irgendetwas, was in ihr Gesichtsfeld tritt, aufzufassen. Nach diesem gewöhnlichen äußeren Erleben stellt sich die Sache zumeist so dar, dass, ehe der Mensch aufmerksam wird auf das Erlebnis, ist es schon vorüber, wenn es ein geistiges Erlebnis ist.
[ 22 ] And a third characteristic of spiritual experience is that, strange as it may sound, true spiritual experience—which has nothing to do with any activity involving the body—actually flashes by in the blink of an eye. Yes, that is one reason why so few people still have spiritual experiences today. People are accustomed, from their external lives, to needing a certain amount of time to take in anything that enters their field of vision. According to this ordinary external experience, the situation usually presents itself in such a way that, before a person becomes aware of the experience, it is already over—if it is a spiritual experience.
[ 23 ] Was daher vor allen Dingen notwendig ist, um wirklich geistige Erlebnisse zu haben, das ist das, was man nennen könnte Geistesgegenwart. Derjenige Mensch, sehr verehrte Anwesende, der geistige Erlebnisse haben will, muss sich auch schon im gewöhnlichen physischen Erleben darin üben, in gewissen Situationen des Lebens, die sich ihm aufdrängen, die das Leben mitbringt, schnell zu entscheiden, die Situation rasch zu überschauen, nicht zögernd, Zeit vertändelnd, alles Mögliche immer wiederum umzuwenden. Menschen, die nicht heranwollen zu einer solchen Selbsterziehung, gewissen Situationen gegenüber schnell zu entscheiden, schnell dasjenige zu sehen, was geschehen muss, die sind auch nicht geeignet, sich selber so seelisch in die Hand zu nehmen, dass sie geistige Erlebnisse leicht haben können. Derjenige, der schon in der äußeren physischen Welt sich in Situationen so hineinfindet, dass er nicht die Sache nach allen Seiten hin wendet und herummuddelt, sondern dass er versucht, trifft ihn die Situation, aus einer schnellen Entschlossenheit heraus zu handeln und dann auch stehen zu bleiben dabei, der bereitet sich gut vor, um geistige Erlebnisse zu haben. Denn, sehr verehrte Anwesende, geistige Erlebnisse müssen innerlich ebenso schnell gemacht werden, wie man manche Lebenssituation schnell ergreifen muss und Entschlüsse herbeiführen muss, die, wenn sie nicht schnell ergriffen werden, zum Unglück, zum Verderben vielleicht ausschlagen würden. — Ich sage nicht, dass das geistige Erlebnis zum Verderben ausschlagen kann; es wird eben einfach dann nicht gemacht. Es ist dieses Verhalten ihm gegenüber nötig.
[ 23 ] What is therefore necessary above all else in order to have truly spiritual experiences is what one might call presence of mind. Ladies and gentlemen, anyone who wishes to have spiritual experiences must practice—even in ordinary physical life—making quick decisions in certain situations that life presents, that impose themselves upon them; they must be able to grasp the situation swiftly, without hesitation, without wasting time, and without constantly turning everything over and over again. People who are unwilling to engage in such self-discipline—to make quick decisions in certain situations and to see immediately what must be done—are also not suited to taking control of their own souls in such a way that they can easily have spiritual experiences. The person who, even in the outer physical world, finds their way into situations not by turning the matter every which way and dithering, but who, when faced with a situation, tries to act out of swift resolve and then stands firm in that decision—such a person is well prepared to have spiritual experiences. For, dear friends, spiritual experiences must be achieved inwardly just as quickly as one must swiftly grasp certain life situations and make decisions which, if not made quickly, might lead to misfortune or even ruin. — I am not saying that a spiritual experience can lead to ruin; it simply will not take place in that case. This attitude toward it is necessary.
[ 24 ] Noch eine vierte Eigenschaft vom geistigen Erleben möchte ich anführen, das ist diese: Geistige Erlebnisse, sehr verehrte Anwesende, sind immer individuell. In der äußeren physischen Welt ist der Mensch gewöhnt, alles in gewisse Klassen einzuteilen, das ganze Leben in gewisse Klassen einzuteilen. Man spricht ja von dem berühmten, man könnte auch sagen, von dem berüchtigten «Schema F». Alles muss in irgendeiner Kategorie stehen; alles muss irgendwie eingeteilt werden. Nur dadurch glaubt man ja, dass Gesetz in die Welt der Erscheinungen hineinzubringen sei, dass alles in gewisse Kategorien hineingehört. Man soll sich nur einmal vorstellen, wie man mit der Natur, die man mit Recht auf gewisse Kategorien bringt, zurechtkommen würde, wenn alles individuell wäre — nur ein Löwe, nicht eine ganze Klasse von Löwen. Und man stelle sich erst vor, wie das Menschenleben wäre, wenn in jedem einzelnen Fall der Mensch nicht zum Beispiel ein Gesetzbuch aufschlagen könnte! Wenn er nicht in eine bestimmte Kategorie den einzelnen Fall hübsch einschachteln könnte, sondern ihm gegenüberstehen müsste mit individuellem Urteil.
[ 24 ] I would like to mention a fourth characteristic of spiritual experience, which is this: Spiritual experiences, my dear friends, are always individual. In the outer physical world, people are accustomed to categorizing everything into certain classes—to categorizing their entire lives into certain classes. People speak, of course, of the famous—or one might even say infamous—“Formula F.” Everything must fall into some category; everything must be classified in some way. It is only through this that people believe order can be brought into the world of phenomena—that everything belongs in certain categories. Just imagine for a moment how one would cope with nature—which is rightly divided into certain categories—if everything were individual: just one lion, not an entire class of lions. And just imagine what human life would be like if, in every single case, a person could not, for example, open a law book! If they could not neatly slot the individual case into a specific category, but instead had to face it with individual judgment.
[ 25 ] Aus der physischen Welt her ist ja der Mensch ganz gewöhnt, alles in Schemen, in Schematik zu bringen. Das muss sich derjenige gründlich abgewöhnen — nicht für die äußere physische Welt, sonst würde er dafür ungeeignet, aber für das Feld der geistigen Erfahrungen —, das muss man sich abgewöhnen, die Dinge zu kategorisieren, die Dinge in Klassen und Ordnungen und Gesetze zu bringen. Dasjenige, was in der geistigen Welt erlebt wird, das stellt sich immer als Individuelles dar.
[ 25 ] In the physical world, people are quite accustomed to reducing everything to patterns and schematics. One must thoroughly break this habit—not in relation to the external physical world, for then one would become ill-suited to it, but in the realm of spiritual experiences—one must break the habit of categorizing things, of organizing them into classes, orders, and laws. What is experienced in the spiritual world always presents itself as something individual.
[ 26 ] Deshalb stößt man ja so sehr an mit den Ergebnissen der Geisteswissenschaft. Spricht man einmal von einem geisteswissenschaftlichen Ergebnis, zum Beispiel — ich stehe nicht an, nachdem ich hier so viele Jahre vorgetragen habe, dasjenige, was Wesen dieser Geisteswissenschaft ist, auch ins Konkrete hineinzuziehen —, sagen wir, dass ich ausführe, dass der plötzliche Tod eines Menschen so zur Wirkung kommt in der geistigen Welt, dass der Mensch in einem Augenblick, wo die plötzliche Zerstörung seines physischen Leibes eintritt, wenn ihn ein Unglück getroffen hat, geistig so viel erfährt, als er durch zwanzig, dreißig Jahre im Leben hätte erfahren können; stellt man es dar, so soll das nur auf den individuellen Fall sich beziehen. Dann kommt natürlich der andere und sagt: Plötzliche Tode rufen das und das hervor. Er möchte gern ein Gesetz daraus formen.
[ 26 ] That is why the findings of spiritual science are so controversial. When we speak of a finding of spiritual science—for example, I have no qualms, after having lectured here for so many years, about applying the very essence of this spiritual science to concrete situations— let’s say I explain that the sudden death of a human being has such an effect in the spiritual world that, at the very moment when the sudden destruction of their physical body occurs—when misfortune has struck them—the person spiritually experiences as much as they could have experienced over twenty or thirty years of life; if one describes it this way, it should refer only to the individual case. Then, of course, someone else comes along and says: Sudden deaths bring about this and that. He would like to formulate a law out of it.
[ 27 ] Solche Gesetze, sie sind, möchte ich sagen, der Feind des wirklich geisteswissenschaftlichen Erkennens, weil im geisteswissenschaftlichen Erleben jeder einzelne Fall ein Individuelles, ein Besonderes darstellt, weil man überrascht sein muss, weil immer Neues sich darstellen kann — und der Mensch möchte so gerne mit dem Alten durchs Leben gehen. Man kann die feinsten Erlebnisse der äußeren physischen Welt in kleine Büchelchen schreiben und kann dann diese kleinen Büchelchen in die Westentasche stecken. Unmöglich ist ein gleiches Verfahren in Bezug auf geisteswissenschaftliche Erkenntnisse. Daher auch die vielartigen Darstellungen, welche der Geisteswissenschafter geben muss. Diejenigen der verehrten Zuhörer, die öfter in den vielen Jahren, die ich hier nun schon spreche, zu den Vorträgen gekommen sind, werden öfter ähnliche Themen behandelt gehört haben von mir, niemals aber in irgendeiner gleichen Weise, sondern immer so oder so variiert, individualisiert. Ich habe zum Beispiel im vorigen Winter über dasselbe Thema in den verschiedensten deutschen Städten gesprochen, hintereinander Tag für Tag manchmal über dasselbe Thema gesprochen, jedes Mal aber über dasselbe Thema in anderer Art, dieselben Dinge in verschiedener Weise darstellend. Geisteswissenschaftliche Erkenntnisse machen Ansprüche an den Geist, die bezeichnet werden können als Beweglichkeit dieses Geistes, sodass man sagen kann: Nicht auf den Inhalt so sehr der Worte, auf den unmittelbaren Inhalt der Worte kommt es an, sondern darauf, dass dieser Inhalt der Worte aus dem Geiste heraus selber geschöpft und gesprochen ist.
[ 27 ] Such laws, I would say, are the enemy of true spiritual scientific knowledge, because in spiritual scientific experience every single case represents something individual, something unique; because one must be surprised, because something new can always present itself—and yet human beings would so much like to go through life clinging to the old. One can write down the subtlest experiences of the external physical world in little booklets and then slip these little booklets into one’s vest pocket. It is impossible to do the same with regard to spiritual scientific insights. Hence the varied presentations that the spiritual scientist must offer. Those among my esteemed audience who have attended my lectures frequently over the many years I have now been speaking here will have heard me address similar topics time and again, yet never in exactly the same way—but always varied and individualized in one way or another. For example, last winter I spoke on the same topic in a wide variety of German cities, sometimes speaking on the same topic day after day, but each time addressing it in a different way, presenting the same ideas in various ways. Insights from the spiritual sciences place demands on the spirit that can be described as the flexibility of that spirit, so that one can say: What matters is not so much the content of the words—the immediate content of the words—but rather that this content of the words is drawn from the spirit itself and spoken.
[ 28 ] Sie sehen daraus, sehr verehrte Anwesende, dass, wenn wir aufsteigen vom Vergänglichen in das Unvergängliche, wenn wir uns nahen demjenigen, dem auch der Mensch angehört mit seinem unvergänglichen, seinem ewigen Wesenskern, es immer nötig ist, sich eine ganz andere Art der Seelenverfassung und Seelenstimmung anzueignen. Daher ist es ganz begreiflich, selbstverständlich, dass Geisteswissenschaft nicht nur als schwer verständlich empfunden wird, sondern dass sie auch angefeindet, missverstanden wird, mit allem Möglichen verwechselt wird. Ja, wie manche sagen, erst kürzlich wiederum, wo jemand, der eben lieber dasjenige hört, was er schon immer gehört hat, sie wirke aufreizend. Natürlich wirkt sie aufreizend für denjenigen, der nur seine altgewohnten Dogmen wiederum aufgewärmt haben will. Also nicht bloß dasjenige, was Geisteswissenschaft über das Ewige, das Geistige zu sagen hat, ist anders als dasjenige, was in der sinnlich-physischen Wirklichkeit da ist, sondern die Seelenverfassung gegenüber dem Geiste selbst ist anders als die Seelenverfassung gegenüber der sinnlich-physischen Wirklichkeit. Mit einer solchen Seelen-Verfassung, wie ich sie in einzelnen charakteristischen Eigentümlichkeiten jetzt geschildert habe, kommt man heran an dasjenige, was im Menschen durch Geburten und Tode geht, was im Menschen der ewige Wesenskern ist und was als Geistiges der geistigen Welt so angehört, wie der Mensch als physisch-leibliches Geschöpf der physischen Natur mit ihren Reichen angehört.
[ 28 ] You can see from this, esteemed audience, that when we ascend from the transitory to the imperishable, when we draw near to that to which human beings also belong with their imperishable, eternal core of being, it is always necessary to adopt a completely different state of mind and spiritual disposition. It is therefore entirely understandable, indeed self-evident, that spiritual science is not only perceived as difficult to understand, but that it is also met with hostility, misunderstood, and confused with all manner of things. Indeed, as some have said—just recently, in fact—those who prefer to hear only what they have always heard find it provocative. Of course, it seems provocative to those who merely wish to have their old, familiar dogmas rehashed. So it is not merely that what spiritual science has to say about the eternal and the spiritual differs from what exists in sensory-physical reality; rather, the state of the soul in relation to the spirit itself differs from the state of the soul in relation to sensory-physical reality. With such a state of mind—as I have now described in terms of its individual characteristic features—one approaches that which passes through the human being through births and deaths, that which is the eternal core of the human being, and that which, as the spiritual, belongs to the spiritual world just as the human being, as a physical-bodily creature, belongs to physical nature with its realms.
[ 29 ] Dasjenige, was Geisteswissenschaft auf diesem Wege findet, das ist ein Unbewusstes zunächst für das gewöhnliche Bewusstsein, aber hereingeholt werden kann es in dieses gewöhnliche Bewusstsein. Das ist das Wesentliche der geisteswissenschaftlichen Methode, dass sie zur Offenbarung bringen will dasjenige, was zunächst unoffenbar als ein Unbewusstes der menschlichen Seele gegenüber im gewöhnlichen Leben da ist. Denn Geisteswissenschaft bringt nichts Neues zutage, nichts von ihr Erfundenes, sondern dasjenige, was als ewig geistiger Wesenskern im Menschen — um den gestrigen Ausdruck zu gebrauchen — ebenso einen «Geistwechsel» durchmacht, wie der physische Leib einen Stoffwechsel durchmacht; das ist in jedem Menschen. Der Geistesforscher bringt nichts anderes zutage, als was in jedem Menschen wirkt und west. Es ist seine Aufgabe, nur dasjenige, was sonst unbewusst bleibt, in das Bewusstsein hereinzuholen. Der Geistesforscher redet von nichts anderem als von dem, was die Grundlage ist für das, woraus jeder Mensch redet und denkt und handelt. Nur ist gerade das Geistesgebiet für das gewöhnliche Bewusstsein ein entweder Unterbewusstes oder Überbewusstes, kurz, ein Unbewusstes.
[ 29 ] What spiritual science discovers in this way is something that is initially unconscious to ordinary consciousness, but it can be brought into that ordinary consciousness. This is the essence of the spiritual scientific method: it seeks to reveal what initially lies hidden as an unconscious aspect of the human soul in ordinary life. For spiritual science brings nothing new to light, nothing it has invented, but rather that which, as the eternal spiritual core of the human being—to use yesterday’s expression—undergoes a “spiritual transformation” just as the physical body undergoes metabolism; this is present in every human being. The spiritual researcher brings to light nothing other than what is active and present in every human being. It is his task to bring into consciousness only that which otherwise remains unconscious. The spiritual researcher speaks of nothing other than that which is the foundation for everything from which every human being speaks, thinks, and acts. It is just that the spiritual realm is, for ordinary consciousness, either subconscious or superconscious—in short, unconscious.
[ 30 ] Nun ragt aber in das Gebiet des gewöhnlichen Seelenlebens mancherlei herein, das, wenn es beurteilt wird von diesem gewöhnlichen Seelenleben aus, etwas Schillerndes, etwas Schwankendes hat. Das, was hier gemeint ist, gehört eben jenen Grenzgebieten an, von denen ich eben gesprochen habe. Und als ein solches Grenzgebiet kennt zunächst jeder das scheinbar so alltägliche und doch so rätselvolle, merkwürdige Gebiet des Traumlebens. Dieses Traumleben, das hereinragt mit seinen Bildern in das gewöhnliche Seelenleben, es gibt dem Forscher noch ganz andere Rätsel auf als demjenigen, der es nur, ich möchte sagen, an sich vorbeihuschen lässt und es höchstens mit einigen abergläubischen Meinungen verbrämen will.
[ 30 ] Yet there are various things that intrude into the realm of ordinary mental life which, when judged from the perspective of that ordinary mental life, have something dazzling and something fluctuating about them. What is meant here belongs precisely to those borderlands of which I have just spoken. And as such a borderland, everyone is familiar, first and foremost, with the seemingly so ordinary and yet so enigmatic, strange realm of dream life. This dream life, which intrudes with its images into ordinary psychological life, presents the researcher with entirely different puzzles than it does to those who merely—I might say—let it flit past them and, at most, seek to embellish it with a few superstitious notions.
[ 31 ] Nun könnte sehr viel schon zur äußeren Charakteristik dieses Traumlebens gesagt werden, aber ich will nur, um dieses Traumleben geisteswissenschaftlich charakterisieren zu können, einige charakteristische Eigenschaften hervorheben, diejenigen Eigenschaften, die gerade dazu dienen werden, dieses Traumleben seinem Wesen nach kennenzulernen.
[ 31 ] Much could be said about the external characteristics of this dream life, but in order to characterize it from a spiritual scientific perspective, I wish only to highlight a few characteristic features—those features that will serve specifically to help us understand the very nature of this dream life.
[ 32 ] Da weiß vielleicht jeder, dass eine größere Anzahl von Träumen so auftritt, dass man sie, wie das die eine oder andere philosophische Betrachtung der Traumeswelt schon getan hat, Sinnesreizträume nennen kann. Die Traumwelt, die wir erleben, sie hat ein durchgreifend Gemeinsames mit der bewusstlosen Schlafeswelt. Der Mensch, wenn er im bewusstlosen Schlafe ist, dann ist er von seiner Umwelt sowohl durch seine Sinne wie durch seine Bewegungsglieder abgeschlossen. In dem Zimmer, in dem wir liegen schlafend, wirkt nichts, was uns auch umgeben mag, wenn wir wirklich im traumlosen Schlafe sind, auf unsere Sinne. Über nichts wird gedacht von dem, was in unserer Umgebung ist; aber in dem wirklich traumlosen Schlaf handeln wir auch nicht. Wir setzen uns in kein Verhältnis zu dem, was unsere Umgebung ist; wir sind in einem gewissen Sinne isoliert von dem, was uns umgibt.
[ 32 ] Perhaps everyone knows that a large number of dreams occur in such a way that they can be called “sensory-stimulus dreams,” as some philosophical reflections on the world of dreams have already done. The dream world we experience shares a fundamental similarity with the unconscious world of sleep. When a person is in unconscious sleep, they are cut off from their environment both through their senses and through their limbs. In the room where we lie sleeping, nothing in our surroundings—if we are truly in dreamless sleep—has any effect on our senses. We do not think about anything in our surroundings; nor do we act in this truly dreamless sleep. We do not relate to our surroundings; in a certain sense, we are isolated from what surrounds us.
[ 33 ] Das ist nun das Charakteristische der Traumeswelt, dass der Mensch träumend in dieser Isolierung eigentlich bleibt; selbst wenn sie bei dem Sinnesreiztraum scheinbar durchbrochen wird, so ist diese Durchbrechung eben nur scheinbar. Was sind Sinnesreizträume? Nun, jeder kennt [sie]. Er träumt, sagen wir, von vorübertrabenden Pferden; er wacht auf und kann nach dem Aufwachen genau erkennen, es ist die Taschenuhr, die er hingelegt hat, die Taschenuhr mit ihrem Ticken. Durch irgendeine besondere, in diesem Augenblick eintretende Sensitivität des Ohres hat er dieses Ticken wahrgenommen. Aber nicht so, wie im normalen Sinne in der Außenwelt die Wahrnehmung gemacht wird, sondern dramatisiert tritt das auf, was durch den Sinn wirkt. Der Mensch setzt sich also nicht durch seine Sinne in ein Verhältnis zur Umgebung; er bleibt in der Isolierung, die ihm der Schlaf gegeben hat. Das, was wirkt auf seine Sinne, das wird seelisch umgestaltet; er bleibt also in seinem inneren Seelenleben isoliert. Solche Reizträume können ja auch von innen heraus veranlasst werden. Immer zeigt sich, dass auch ein Reiz, der von der eigenen Leiblichkeit ausgeht, seelisch umgestaltet wird. Man träumt zum Beispiel von einem kochenden Ofen, man hört das Brodeln — unser Herzschlag ist stärker geworden; das symbolisiert sich uns im kochenden Ofen. Selbst unsere eigene Leiblichkeit bleibt so zu uns in einem Verhältnis wie sonst im traumlosen Schlaf; seelisch umgestaltet wird selbst das, was als Reiz von der eigenen Leiblichkeit ausgeht. So bleiben wir auch zur eigenen Leiblichkeit im Traume in demselben Verhältnis, in dem wir im traumlosen Schlafe sind; isoliert auch von der eigenen Leiblichkeit. Jeder weiß, dass er im Traume ganze Reisen, solche Reisen sogar, die er im wachen Tagesleben nicht ausführen kann, ausführt, Reisen im Fluge. Aber er weiß zugleich, dass alles das nicht führt zu einer Änderung seines Verhältnisses zur Außenwelt, wie es im wirklich wachen Handeln zutage tritt. Auch in Bezug auf dasjenige, was der Mensch erlebt als Verhältnis seines Wesens zu irgendeiner erträumten Umgebung, auch darin ändert sich nicht das Verhältnis des Menschen zur Außenwelt.
[ 33 ] This is precisely what characterizes the world of dreams: that while dreaming, a person actually remains in this state of isolation; even if it appears to be broken in the case of sensory-stimulus dreams, this break is only apparent. What are sensory-stimulus dreams? Well, everyone is familiar with [them]. Let’s say a person dreams of horses trotting by; they wake up and can immediately recognize that it is the pocket watch they set aside—the pocket watch with its ticking. Through some particular sensitivity of the ear occurring at that moment, they have perceived this ticking. But this does not occur in the same way that perception takes place in the external world through the normal senses; rather, what acts through the senses is dramatized. Thus, the person does not establish a relationship with the environment through their senses; they remain in the isolation that sleep has given them. Whatever acts upon their senses is transformed psychologically; they thus remain isolated within their inner psychological life. Such stimulus-induced dreams can, of course, also be triggered from within. It is always evident that even a stimulus emanating from one’s own physicality is transformed psychologically. For example, one dreams of a boiling stove and hears the bubbling—our heartbeat has grown stronger; this is symbolized to us by the boiling stove. Even our own physicality thus remains in the same relationship to us as it does during dreamless sleep; even what originates as a stimulus from our own physicality is transformed psychologically. Thus, even in a dream, we remain in the same relationship to our own physicality as we are during dreamless sleep—isolated even from our own physicality. Everyone knows that in dreams they undertake entire journeys—even journeys they cannot undertake in waking life—journeys in the blink of an eye. But at the same time, one knows that none of this leads to a change in one’s relationship to the external world, as is evident in truly waking action. Even with regard to what a person experiences as the relationship of their being to some dreamed-up environment, even there the person’s relationship to the external world does not change.
[ 34 ] So können wir sagen: Das ist das Charakteristische des Traumes, dass er gerade in Bezug auf ein wichtiges Merkmal den Menschen nicht heraushebt aus der Lage, in die er mit seiner seelisch-geistig-leiblichen Konstitution durch seine Sinne und Bewegungen und den eigenen Leib zu der Umwelt und zu sich selbst im Verhältnis ist. Das aber auch hebt den Traum heraus von all den übrigen unbewussten Gebieten, die ich heute noch werde zu charakterisieren haben. Das hebt den Traum heraus von alledem, was wirklich auf irgendeiner Veränderung des Verhältnisses des Menschen zur Außenwelt basiert ist. Das bezeugt, dass der Traum also schon durch die äußerliche Betrachtungsweise — das bezeugt, dass der Traum nicht verwechselt werden darf mit irgendwelchem krankhaftem seelischen Erleben; das bezeugt, dass der Traum nicht verändert die Beziehungen des Menschen zur Außenwelt und zum eigenen Leibe, dass er also schon rein oberflächlich betrachtet als etwas Gesundes hingestellt werden muss, nicht als etwas Krankhaftes im menschlichen Seelenleben, wie er im normalen menschlichen Seelenleben auftritt.
[ 34 ] Thus we can say: What is characteristic of the dream is that, precisely with regard to one important feature, it does not remove the person from the situation in which he or she, with his or her psychological, spiritual, and physical constitution, relates to the environment and to himself or herself through his or her senses, movements, and own body. But this also sets the dream apart from all the other unconscious realms, which I will still have to characterize today. This sets the dream apart from everything that is truly based on some kind of change in the human being’s relationship to the external world. This demonstrates that, even from an external perspective, the dream—this demonstrates that the dream must not be confused with any kind of pathological psychological experience; it testifies that the dream does not alter a person’s relationship to the external world and to their own body; that, therefore, even when viewed purely superficially, it must be regarded as something healthy, not as something pathological in human psychological life, as it appears in normal human psychological life.
[ 35 ] Ein charakteristisches Merkmal des Traumerlebens, das besonders wichtig ist für die folgenden Betrachtungen, ist dieses, dass der Traum in seinem Verlaufe zeigt, dass der Mensch aufhört, logisch die Traumerscheinungen, die hintereinander folgenden Traumvorstellungen zu gliedern. Aus der gewöhnlichen Logik kommt der Mensch heraus. Der Mensch logisiert nicht im Traume. — Dagegen gibt es einen Einwand. — Der Geistesforscher kennt immer die Einwände, die gemacht werden können. Gewiss ist mancher Traumverlauf so, dass man sagen kann: Die Bilder sind logisch aneinandergereiht. Aber damit ist es doch so: Wenn man genau beobachtet, so sieht man, dass, so oft man logisiert während des Traumes, man nichts anderes träumt als Reminiszenzen aus dem Leben; das hat sich schon vorher logisch aneinandergereiht. Was im Leben logisch aneinandergereiht war, das träumt man wieder, aber im Traume selbst logisiert man nicht. Dasjenige also, was als Logik im menschlichen Seelenleben auftritt, das ist bei der Traumeshandlung weg. Ebenso ist weg dasjenige, was man moralische Stimmungen, was man moralische Anschauungen des menschlichen Handelns nennen kann. Jeder weiß, wozu er alles fähig ist im Traume. Jeder weiß, dass er im Traume Dinge vollbringt und als Träumer sich zuschreibt, die er im wachen Tagesleben hart verurteilen würde. Im Traume hört nicht nur die Logik, es hört auch die moralische Lebensauffassung auf. — Das sind zwei wichtige Kennzeichen, welche wir festhalten müssen, wenn wir das Wesen des Traumes erforschen wollen.
[ 35 ] A characteristic feature of the dream experience—one that is particularly important for the following considerations—is that, as the dream unfolds, it shows that the person ceases to logically organize the dream phenomena, the successive dream images. The person steps outside of ordinary logic. People do not reason logically in dreams. — There is, however, an objection to this. — The researcher of the spiritual realm is always aware of the objections that can be raised. Certainly, the course of some dreams is such that one can say: The images are logically strung together. But the fact remains: If one observes closely, one sees that whenever one applies logic during a dream, one dreams nothing other than reminiscences from life; these were already logically strung together beforehand. What was logically sequenced in life is what one dreams again, but in the dream itself one does not reason logically. Thus, what appears as logic in human psychological life is absent from the dream’s plot. Likewise absent are what one might call moral dispositions and moral views of human action. Everyone knows what they are capable of in a dream. Everyone knows that in a dream they accomplish things—and attribute them to themselves as the dreamer—that they would harshly condemn in waking life. In a dream, not only does logic cease, but so does the moral outlook on life. — These are two important characteristics that we must bear in mind if we wish to explore the nature of the dream.
[ 36 ] Nun ist gewiss: Es kann sehr vieles gesagt werden über das Traumleben vom äußeren physikalischen Standpunkte aus. Das wollen wir heute nicht berühren. Dasjenige, um was cs sich handelt, das ist, dass ja für eine bloß äußerlich naturwissenschaftliche Betrachtungsweise das Wesen des Traumes, das wirkliche Wesen des Traumes nicht eingesehen werden kann, aus dem einfachen Grunde nicht eingesehen werden kann, weil für das gewöhnliche Bewusstsein das Traumesleben sich ja mit nichts vergleichen lässt. Der Traum tritt in das übrige bewusste Erleben als eine Erscheinung hinein, die sich mit nichts vergleichen lässt. Und etwas, was man nicht vergleichen kann mit anderem, was man nicht in ein gewisses Schema bringen kann, was durch seine Eigenheit etwas Individuelles darstellt, darauf ist eine rein äußerliche naturwissenschaftliche Betrachtungsweise nicht anwendbar.
[ 36 ] Now, one thing is certain: a great deal can be said about dream life from an external, physical standpoint. We will not address that today. What is at issue here is that, from a purely external, scientific perspective, the nature of the dream—the true nature of the dream—cannot be understood, for the simple reason that, for ordinary consciousness, dream life cannot be compared to anything else. The dream enters into the rest of conscious experience as a phenomenon that cannot be compared to anything else. And something that cannot be compared to anything else, that cannot be fitted into a certain pattern, that represents something individual through its uniqueness—to such a thing, a purely external, scientific approach is not applicable.
[ 37 ] Eine Ansicht zu gewinnen über den Traum und sein Wesen ist nur möglich vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus. Aus dem einfachen Grunde, weil der Geisteswissenschafter durch diejenige seelische Entwicklung, die so zu charakterisieren ist, wie ich sie heute charakterisiert habe, zu etwas kommt, zu einem bildhaften oder sonstigen geistigen Erleben, das in einer gewissen Beziehung, wenn auch radikal vom Traume verschieden, so doch der Form nach, dem Erleben nach, der Stärke des Erlebens nach wenigstens, etwas Ähnliches mit dem Traume hat. Man kann zunächst ganz dahingestellt sein lassen, wie der Traum zur Wirklichkeit sich verhält. Darauf wollen wir jetzt nicht eingehen.
[ 37 ] It is only possible to gain an understanding of the dream and its nature from the perspective of spiritual science. For the simple reason that the spiritual scientist, through the kind of psychological development I have described today, arrives at something—a pictorial or other spiritual experience—that, in a certain respect, though radically different from the dream, is nonetheless similar to the dream in form, in the nature of the experience, and at least in the intensity of the experience. For the time being, we can leave entirely open the question of how the dream relates to reality. We do not wish to go into that now.
[ 38 ] Aber der Geisteswissenschafter weiß, dass er mit seinem Erleben, das auch zunächst bildhaft ist, einer wirklich geistigen Welt gegenübersteht, dass er eine geistige Welt erlebt. Er kann also ansehen die Welt des Traumes und sie charakterisieren von der Welt aus, die er erlebt. Das ist das eine. Dadurch bekommt er eine Anschauung zunächst, die ihm durch die Beobachtung selbst sagt, was eigentlich in der menschlichen Seele das ist, was Traum ist. Vom Standpunkte des äußeren Bewusstseins aus, sehr verehrte Anwesende, kann man nämlich gar nicht wissen, was Traum ist. Der Traum steigt herauf im Seelenleben, wogt herauf wie eine unbekannte Welle aus der Tiefe, aber man weiß nicht, was eigentlich in der Seele als Träumendes tätig ist.
[ 38 ] But the scholar of the spiritual sciences knows that through his experience—which is also, at first, pictorial—he is facing a truly spiritual world, that he is experiencing a spiritual world. He can thus observe the world of dreams and characterize it from the perspective of the world he is experiencing. That is one thing. Through this, he gains an initial insight that, through the act of observation itself, reveals to him what a dream actually is within the human soul. From the standpoint of outer consciousness, ladies and gentlemen, one cannot possibly know what a dream is. The dream rises up in the life of the soul, surging like an unknown wave from the depths, but one does not know what is actually at work in the soul as the dreaming entity.
[ 39 ] Nun erlebt der Geistesforscher, indem er in seine geistesforscherische Tätigkeit hineinkommt, wie ich es gestern charakterisiert habe, ein anderes Selbst, dasselbe Selbst, aber in einer anderen Form, das wahre Ich; er erlebt das Geistig-Seelische des Menschen unabhängig von der Leiblichkeit. Ein so großer Horror es ist für viele Menschen, es muss gesagt werden: Die geistigen Erlebnisse werden außer dem Leibe gemacht. Dadurch weiß der Geistesforscher, was es heißt, außer dem Leibe stehen. Er kann das nun vergleichen mit der Traumeswelt. Indem er die Traumeswelt auf der einen Seite sieht, die geistigen Erlebnisse auf der anderen Seite kennt, weiß er, dass dasselbe in der Seele normal träumt, was in der Seele geistig erlebt bei der Geistesforschung. Es ist ein und dasselbe, was träumt und was in der Geistesforschung tätig ist, nur steht man in der Geistesforschung der geistigen Wirklichkeit gegenüber, und im Traume — ja, darum handelt es sich eben —, wem steht man denn im Traume gegenüber?
[ 39 ] Now, as the spiritual researcher enters into his spiritual research work, as I described it yesterday, he experiences a different self—the same self, but in a different form—the true “I”; he experiences the spiritual-soul aspect of the human being independently of the physical body. It must be said that this is such a horror for many people: spiritual experiences take place outside the body. Through this, the spiritual researcher knows what it means to be outside the body. He can now compare this to the world of dreams. By seeing the world of dreams on the one hand and knowing spiritual experiences on the other, he knows that what normally dreams in the soul is the same as what is spiritually experienced in the soul through spiritual research. It is one and the same thing that dreams and that is active in spiritual research; it is just that in spiritual research one faces spiritual reality, whereas in a dream—yes, that is precisely the point—whom does one face in a dream?
[ 40 ] Der Unterschied zwischen dem Gegenüberstehen der geistigen Wirklichkeit mit demselben Selbst in der Geistesforschung und im Traume ist der, dass der Geistesforscher sich vorher die Seele bereitet hat, um wirklich hineinzukommen in die geistige Welt, in der man nun wahrnimmt, wie man sonst mit Auge und Ohr in der physischen Welt wahrnimmt; er lernt erkennen durch Geistesforschung, dass der Mensch aus dem Leibe herausgeht im Schlafe. Weil er aber die Organe nicht hat, um dort wahrzunehmen, bleibt sein Bewusstsein vom Einschlafen bis zum Aufwachen dumpf, unbewusst, wie man sagt.
[ 40 ] The difference between encountering spiritual reality with one’s own self in spiritual research and in a dream is that the spiritual researcher has first prepared the soul to truly enter the spiritual world, where one now perceives just as one otherwise perceives with the eyes and ears in the physical world; through spiritual research, he learns to recognize that the human being leaves the body during sleep. But because he lacks the organs to perceive there, his consciousness remains dull and unconscious—as they say—from the moment he falls asleep until he wakes up.
[ 41 ] Nun, wenn der Mensch eingeschlafen ist, so lebt sein Geistig-Seelisches. Der Geistesforscher kann vergleichen, was er in der geistigen Welt schaut, mit dem, was nun das unbewusste Geistig-Seelische vom Einschlafen bis zum Aufwachen erlebt. Es erlebt das Geistig-Seelische unbewausst in der geistigen Welt, bringt sich beim Aufwachen wiederum hinein in den physischen Leib und bedient sich dann des physischen Leibes, um mit der Umwelt in Beziehung zu treten. Nun ist es nicht so, dass es genügt, wenn man bloß schildert, was der Leib durchmacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen, was da in ihm für organisch-physische Vorgänge sich abspielen. Auch mit dem Seelisch-Geistigen spielt sich Wesentliches ab vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Die Seele ist eine andere, wenn sie aufwacht und in den Leib zurückkehrt, als wenn sie den Leib verlassen hat. Und indem sie in den Leib wiederum eintritt, kann das so sein, dass nun, wie es im gewöhnlichen Leben ist, das Geistig-Seelische untertaucht einfach in den Leib und des Leibes sich bedient, indem es pfeilschnell in den Leib hineindringt und nun durch den Leib tätig ist, durch den Leib anschaut.
[ 41 ] Now, when a person has fallen asleep, their spiritual-soul aspect remains active. The spiritual researcher can compare what he observes in the spiritual world with what the unconscious spiritual-soul aspect experiences from the moment of falling asleep until waking up. The spiritual-soul aspect experiences this unconsciously in the spiritual world; upon waking, it re-enters the physical body and then uses the physical body to interact with the external world. Now, it is not enough merely to describe what the body goes through from falling asleep to waking up—that is, the organic-physical processes taking place within it. Significant events also occur in the soul-spiritual realm from falling asleep to waking up. The soul is different when it wakes up and returns to the body than when it has left the body. And as it re-enters the body, it may be the case that—just as in ordinary life—the spiritual-soul aspect simply submerges into the body and makes use of it, penetrating the body with lightning speed and now acting through the body, perceiving through the body.
[ 42 ] Es kann aber auch der Fall eintreten, dass diejenigen Kräfte, diejenigen Inhalte, die sich das Geistig-Seelische erworben hat vom Einschlafen bis zum Aufwachen — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf —, zu intensiv sind für einen Augenblick, um sogleich in den Leib unterzutauchen. Es stimmt nicht dasjenige beim Aufwachen, was die Seele sich angeeignet hat vom Einschlafen bis zum Aufwachen, mit der Konfiguration des Abbildes des Seelischen im Leibe überein, und so tritt dasjenige ein, was wie ein Zurückwerfen erscheint desjenigen, was die Seele unbewusst erlebt hat vom Einschlafen bis zum Aufwachen; was ihr wie in einem Spiegelbilde zurückgeworfen wird, indem sie aufwacht, weil sie sich nicht gleich beim Aufwachen anpassen kann an den Leib. Dadurch kleidet die Seele die ganz andersartigen Erlebnisse der geistigen Welt, die sie durchmacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen, in dasjenige, was dem Gedächtnisschatz, was dem äußeren Leben entlehnt ist oder was umgestaltete Sinnesreize sind, umgestaltete Leibesreize sind.
[ 42 ] However, it can also happen that the forces and contents that the spiritual-soul aspect has acquired from the moment of falling asleep until waking up—if I may use that expression—are, for a moment, too intense to immediately sink into the body. What the soul has acquired from the moment of falling asleep until waking up does not correspond, upon waking, to the configuration of the image of the soul within the body; and so there occurs what appears to be a reflection of what the soul has unconsciously experienced from the moment of falling asleep until waking up; which is reflected back to it as if in a mirror when it awakens, because it cannot immediately adapt to the body upon waking. Through this process, the soul clothes the entirely different experiences of the spiritual world—which it undergoes from falling asleep to waking up—in what is drawn from the storehouse of memory, from external life, or in the form of transformed sensory stimuli and transformed bodily stimuli.
[ 43 ] Dasjenige, was im Menschen träumt, ist das Ewige, so wie dasjenige, was im Menschen den Geist erforscht, das Ewige ist, aber die Einkleidung ist eine solche, dass die Ereignisse des alltäglichen Lebens, die Reminiszenzen des gewöhnlichen Lebens eben nur das Kleid abgeben, sodass man sagen kann: Im Traume schaut das Ewige im Menschen das Zeitliche an. Aber es ist das Ewige, das im Menschen das Zeitliche anschaut. Und insofern ist der Traum, trotzdem das Inhaltliche seiner Bilder, die dem zeitlichen Leben entlehnt sind, nichts Besonderes ist, auch für den Geistesforscher, wenn es ein normaler Traum ist, eine wirkliche Offenbarung des im Menschen unbewusst lebenden Ewig-Geistigen, des Übersinnlichen. Der Geistesforscher ist in der Lage, dasjenige, was der Traum an Bildern darstellt, zu trennen von dem, was eigentlich dem Traume zugrunde liegt.
[ 43 ] That which dreams within a person is the Eternal, just as that which explores the spirit within a person is the Eternal; but the form it takes is such that the events of everyday life and the memories of ordinary life serve merely as a garment, so that one can say: In a dream, the eternal within a person beholds the temporal. But it is the eternal that beholds the temporal within a person. And in this respect, even though the content of its images—borrowed from temporal life—is nothing special, the dream, if it is a normal dream, is also for the spiritual researcher a true revelation of the eternal-spiritual, the supersensible, that lives unconsciously within the human being. The spiritual researcher is able to separate what the dream represents in images from what actually underlies the dream.
[ 44 ] Sehen Sie, ich habe kürzlich einmal von einem anderen Gesichtspunkte aus über die verschiedenen Erscheinungen des menschlichen Seelenlebens in einer Stadt gesprochen; in einer Stadt, in welcher besonders viel von jener sogenannten Wissenschaft getrieben wird, die man heute Psychoanalyse nennt. Diese Psychoanalyse beschäftigt sich ja unter anderem auch mit der Traumeswelt. Da waren einige Herren, die haben zugehört, was ich sagte, und sie haben, wie es mit der Geisteswissenschaft sehr häufig geht, gründlich missverstanden, was ich gesagt habe. Sie kamen sich unendlich gescheit vor gegenüber dem, was da auch über den Traum von mir gesagt worden ist. Sie sagten: Der mit seiner Geisteswissenschaft, der redet über den Traum. Wir wissen, dass der Traum nur eine symbolische Bedeutung hat, wir Psychoanalytiker. Wir wissen, der Traum ist nur als symbolische Sache zu behandeln, der aber nimmt den Traum seiner Wirklichkeit nach! Das ist eine Schiefheit.
[ 44 ] You see, I recently spoke from a different perspective about the various manifestations of human soul life in a city—a city in which there is a particularly high concentration of that so-called science which is today called psychoanalysis. This psychoanalysis, among other things, also deals with the world of dreams. There were a few gentlemen who listened to what I said, and—as is very often the case with spiritual science—they thoroughly misunderstood what I had said. They felt infinitely clever in light of what I had said about dreams. They said: “That guy with his spiritual science—he’s talking about dreams.” “We—as psychoanalysts—know that dreams have only symbolic meaning. We know that dreams must be treated solely as symbolic phenomena, but he takes the dream at face value!” That is a distortion.
[ 45 ] Wie gesagt, sie kamen sich sehr gescheit vor. Aber dasjenige, in dem sie sich gescheit vorkamen, das war nur entnommen ihrem eigenen Nichtverstehen. Denn weder symbolisch noch sonst irgendwie nimmt der Geistesforscher den Inhalt des Traumes. Der Geistesforscher, der gewohnt ist, solche Dinge zu beobachten, der weiß Folgendes: Dasjenige, was wirklich in der Seele vorgeht zwischen Einschlafen und Aufwachen, das kann ein und dasselbe sein bei zehn Menschen; und diese zehn Menschen erzählen alle das Traumerlebnis, und bei zehn Menschen sind es dann zehn verschiedene Träume. Der Geistesforscher weiß dann, trotzdem inhaltlich die zehn Menschen zehn verschiedene Träume erzählen, dass diesen zehn verschiedenen Träumen ein und dasselbe, oder wenigstens ein sehr ähnliches geistiges, unbewusstes Erlebnis zugrunde liegt.
[ 45 ] As I said, they thought they were very clever. But what made them think they were clever stemmed solely from their own lack of understanding. For the spiritual researcher does not interpret the content of a dream—neither symbolically nor in any other way. The spiritual researcher, who is accustomed to observing such things, knows the following: What actually takes place in the soul between falling asleep and waking up can be one and the same for ten people; and these ten people all recount the dream experience, yet for ten people there are then ten different dreams. The spiritual researcher then knows that, even though the ten people describe ten different dreams in terms of content, these ten different dreams are based on one and the same—or at least a very similar—spiritual, unconscious experience.
[ 46 ] Übrigens wird der Geistesforscher niemals, weder inhaltlich noch symbolisch, den Inhalt des Traumes als solchen nehmen; er weiß, dass man ein und denselben Traum auf zehn, auf hundert, auf tausend verschiedene Arten einkleiden kann, weil das Erlebnis das Zeitliche so schaut, dass es sich damit umkleidet. Daher sieht der Geistesforscher auf den Ablauf des Traumes, auf die Art und Weise, ob eine Lösung auf die Spannung folgt, ob ein Aufstieg und ein Abstieg folgt; die innere Dramatik, die Art des rhythmischen Verlaufes, ich möchte sagen, das Musikalische, das sich in der verschiedensten Weise ausdrückt durch die Traumbilder, das ist es, worauf er schaut; weder das Symbol noch der Inhalt ist maßgebend. Das Erlebnis ist die innere Dramatik. Der Traum ist das Zeugnis für ein wirklich geistiges Erlebnis, der Trauminhalt ist ein Kleid, das diesem Traumerlebnis angezogen ist. Aber durch diesen Trauminhalt sieht man, wenn man in solchen Dingen erfahren ist, hindurch auf dasjenige, was erlebt werden kann. Das ist das eine, wodurch Geisteswissenschaft auf das Wesen des Traumes hindeutet.
[ 46 ] Incidentally, the researcher of the spiritual realm will never—neither in terms of content nor symbolically—take the content of the dream as such; he knows that one and the same dream can be clothed in ten, a hundred, or a thousand different ways, because the experience perceives the temporal in such a way that it clothes itself with it. Therefore, the spiritual researcher looks at the course of the dream, at the manner in which a resolution follows the tension, or whether an ascent and a descent follow; the inner drama, the nature of the rhythmic progression—I would say, the musical quality—which expresses itself in the most varied ways through the dream images—that is what he looks at; neither the symbol nor the content is decisive. The experience is the inner drama. The dream is the testimony to a truly spiritual experience; the dream content is a garment draped over this dream experience. But through this dream content, if one is experienced in such matters, one can see through to what can be experienced. This is the means by which spiritual science points to the essence of the dream.
[ 47 ] Das andere ist noch das Folgende: Wenn der Geisteswissenschafter nach und nach vorrückt und zu seinen Erlebnissen in der geistigen Welt kommt, dann merkt er, dass gerade die Traumeswelt bei ihm sich umgestaltet. Ich habe unter denjenigen, die jetzt doch schon auch ganz zahlreich sich auch praktisch mit den Wegen der Geisteswissenschaft befassen, die jetzt schon öfter erfahren, wie sie ganz besonders dadurch von dieser Geisteswissenschaft einen für sie maßgebenden Begriff bekommen, wie diese Geisteswissenschaft ihnen ganz besonders wertvoll wird dadurch, dass sie sehen, wie sich das Traumleben umgestaltet, wie sie erfahren können, dass der Traum ja im gewöhnlichen Erleben etwas ist, was willkürlich Vorstellungsbild an Vorstellungsbild anreiht; wie sie dann dazu kommen, dass der Traum immer sinnvoller und sinnvoller wird; wie sie dahin kommen, dass sie den Traum in gewisser innerer Weise dirigieren können. Kurz, die Veränderung des Traumlebens, die Anähnlichung des Traumlebens an die erste Stufe des wirklichen geisteswissenschaftlichen Erkennens, das merken die verschiedensten Menschen, die nach und nach praktisch sich in die Geisteswissenschaft einleben. Sodass in der Tat durch diese Umgestaltung der Traumwelt der Geistesforscher herankommt an das Wesen des Traumes. Er hebt den Traum selber durch das, was er als Geistesforscher wird, aus seiner Zeitlichkeit heraus; der Traum hat nicht mehr die Neigung, nur Zeitliches anzunehmen als Kleid.
[ 47 ] The other point is this: As the student of spiritual science gradually progresses and begins to have experiences in the spiritual world, he notices that his dream world, in particular, is undergoing a transformation. Among those who are now already quite numerous in their practical engagement with the paths of spiritual science—and who are already frequently experiencing how, through this very process, they gain a defining understanding of spiritual science that is particularly significant to them— how this spiritual science becomes particularly valuable to them as they see their dream life transforming; how they can experience that, in ordinary experience, a dream is something that arbitrarily strings one mental image after another; how they then come to realize that the dream becomes more and more meaningful; and how they reach the point where they can, in a certain inner way, direct their dreams. In short, the transformation of dream life—its alignment with the first stage of genuine spiritual scientific knowledge—is something that a wide variety of people notice as they gradually become practically acquainted with spiritual science. Thus, through this transformation of the dream world, the spiritual scientist does indeed approach the essence of the dream. Through what he becomes as a spiritual scientist, he lifts the dream itself out of its temporality; the dream no longer tends to take on only temporal elements as its garment.
[ 48 ] Ein großer Moment, wenn der Geistesforscher so weit ist, dass er nicht nur äußerlich Bildliches, das symbolischen Wert hat, träumt, sondern dass er im Traume hineinkommt in das, in das er sonst willkürlich hineinkommt; ein großer Moment, wenn er kennenlernt, wenn ihm die geistige Welt durch den Traum zuschickt Erlebnisse, die hereindringen wie durch Gnade in das gewöhnliche Erleben, und die nicht mehr Träume sind, trotzdem sie in der einen oder anderen Richtung noch durchaus so auftreten wie ein Traum. So kann man sagen: Gerade der geisteswissenschaftliche Gesichtspunkt zeigt, dass der Traum aus dem ewigen Geistig-Seelischen herausquillt, dass aber der Mensch, der dieses ewige Geistig-Seelische sich noch nicht zum Bewusstsein gebracht hat, einkleidet die Ereignisse, die er zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen hat, in die Reminiszenzen, in die Eindrücke des alltäglichen Lebens.
[ 48 ] It is a great moment when the spiritual researcher has reached the point where he no longer merely dreams of external, pictorial images that have symbolic value, but rather enters in his dreams into that which he otherwise enters arbitrarily; a great moment when he comes to know—when the spiritual world sends him, through the dream, experiences that penetrate, as if by grace, into ordinary experience, and which are no longer dreams, even though in one way or another they still appear very much like a dream. Thus one can say: It is precisely the spiritual-scientific perspective that shows that the dream springs forth from the eternal spiritual-psychic realm, but that the human being who has not yet brought this eternal spiritual-psychic realm into consciousness clothes the events he experiences between falling asleep and waking up in the reminiscences and impressions of everyday life.
[ 49 ] Ist so der Traum auf der einen Seite der unterbewussten oder unbewussten Ereignisse etwas, das durchaus, auch wenn es nun geisteswissenschaftlich durchschaut wird, als etwas Gesundes angesehen werden darf, so kann das viel weniger gesagt werden in Bezug auf die anderen Grenzgebiete. Merkwürdig ist, dass es sogar Philosophen gibt, Eduard von Hartmann gehörte sogar zu ihnen, die die Traumbilder, deren Ursprung wir jetzt etwas erkannt haben, mit Halluzinationen, mit Visionen vergleichen. Während das Traumbild aber etwas ist, was aus dem Geistig-Seelischen selber hervorgeht, was nur im Zusammenstoßen mit der Leiblichkeit entsteht, ist die Vision, die Halluzination etwas, woran allerdings die Leiblichkeit sehr, sehr stark beteiligt ist. Während der Traum in seinem Erleben aus dem Seelisch-Geistigen herausquillt und die Leiblichkeit nur die Veranlassung gibt, dass der Traum auftritt, ist die Konstitution, die Verfassung der Leiblichkeit die Veranlassung für alles dasjenige, was auf dem Felde der Halluzination, der Vision, des Somnambulismus, des Mediumismus und dergleichen in das menschliche Seelenleben abnorm hereindringt.
[ 49 ] While, on the one hand, dreams—as manifestations of subconscious or unconscious events—are something that, even when examined from a spiritual-scientific perspective, can certainly be regarded as healthy, the same cannot be said to nearly the same extent with regard to the other borderline areas. It is curious that there are even philosophers—Eduard von Hartmann was one of them—who compare dream images, whose origin we have now come to understand to some extent, with hallucinations and visions. But while the dream image is something that arises from the spiritual-soul realm itself—something that comes into being only through its interaction with physicality—the vision and the hallucination are phenomena in which physicality plays a very, very strong role. While the dream, in its experience, wells up from the soul-spiritual realm and physicality merely provides the occasion for the dream to occur, the constitution—the state—of physicality is the occasion for everything that abnormally intrudes into human soul life in the realm of hallucination, vision, somnambulism, mediumship, and the like.
[ 50 ] Sie können ein charakteristisches Kennzeichen sehen für das menschliche Erleben vom rein geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus, zu dem leicht der naturwissenschaftliche hinzugefügt werden könnte, wenn Sie das auffassen, dass es darauf ankommt, dass der Mensch, der, wie ich gestern sagte, nur seinem Wesen nach zu kennzeichnen ist, wenn er nach Leib, Seele und Geist betrachtet wird, dass der Mensch ein Verhältnis des Geistes zum Leibe nur auf dem Umwege durch die Seele hat. Die Seele stellt sich in die Mitte hinein. Der Mensch selbst als Träumer lebt nicht einfach so, dass er den Geist in eine Beziehung zum Leibe bringt, sondern so, dass er den Geist auf dem Umwege des Seelischen in ein Verhältnis zum Leibe bringt. Die Seele ist das Zwischenglied für das normale Leben zwischen dem Geist und dem Leibe. Dasjenige nun, was im menschlichen Organismus eintreten kann und was gewisse abnorme Erscheinungen des geistig-seelischen Lebens hervorrufen kann, das ist das, dass im Menschen durch Krankhaftes, dauernd oder vorübergehend Krankhaftes im Organismus gewissermaßen dieser regelmäßige Zusammenhang, der sich dadurch herstellt, dass der Geist mit dem Leibe nur zusammenhängt durch die Seele, dass überall das Geistige zuerst auf die Seele wirkt und dadurch erst auf den Leib, dass dieser Zusammenhang dadurch durchbrochen wird, dass gewissermaßen durch die krankhafte Organisation das Seelische in einer gewissen Weise ausgeschaltet wird. Die Ausschaltung kommt nicht durch die äußeren Sinnesorgane, sondern durch mehr innen gelegene Organe. Wenn gewisse Organe krankhaft sind, dann kann das Geistig-Seelische nicht den ganzen Leib erfassen, indem es durch diesen Leib mit der Außenwelt in Beziehung tritt, sondern es muss sich des Leibes mit Ausschluss der krankhaften Glieder oftmals bedienen.
[ 50 ] You can see a characteristic feature of human experience from a purely spiritual-scientific point of view—to which the natural-scientific perspective could easily be added—if you understand that what matters is that human beings, who, as I said yesterday, can be characterized solely by his nature when considered in terms of body, soul, and spirit—that human beings have a relationship between spirit and body only indirectly, through the soul. The soul stands in the middle. Human beings themselves, as dreamers, do not simply live in such a way that they bring the spirit into a relationship with the body, but rather in such a way that they bring the spirit into a relationship with the body via the soul. The soul is the intermediary link between the spirit and the body in normal life. Now, what can occur in the human organism and what can give rise to certain abnormal phenomena in spiritual-soul life, is this: in human beings, due to pathological conditions—whether permanent or temporary—in the organism, this regular connection is, so to speak, disrupted. This connection is established by the fact that the spirit is linked to the body only through the soul; that everywhere the spiritual first acts upon the soul and only then upon the body; and that this connection is broken because, in a sense, the pathological condition of the organism shuts out the soul in a certain way. This exclusion does not occur through the external sense organs, but through organs located more internally. When certain organs are diseased, the spiritual-soul aspect cannot encompass the entire body by entering into a relationship with the external world through that body; rather, it must often make use of the body while excluding the diseased parts.
[ 51 ] Dann tritt der Geist, statt auf dem Umweg des Seelischen, wegen des kranken Leibes in ein unmittelbares Verhältnis zum Leibe. Es wird das Seelische in einer gewissen Weise umgangen. Dadurch wird UnregelmäRigkeit in das Bewusstsein hineingetragen, es wird eine Durchbrechung des Bewusstseins hervorgerufen. Wird zum Beispiel ein Geistiges erlebt, ohne dass es dadurch, dass ein gewisses Organ des Gehirns oder des Nervensystems oder der Blutzirkulation gesund ist, durch die Seele vermittelt wird, wird ein gewisses Geist-Erlebnis nicht so aufgenommen, dass sich die Seele des Leibes in der richtigen Weise bedienen kann, um das Geist-Erlebnis seelisch zu verarbeiten, so tritt der Leib unmittelbar unter die Wirkung des Geistes, nicht auf dem Umwege des Seelischen. Dann wird das unmittelbare Erleben des Geistes — es ist auch ein Erleben des Geistes, aber ein solches, das die menschliche Konstitution krankhaft durchdringt —, dann wird das Erleben des Geistes zur Halluzination, zur Vision.
[ 51 ] Then, because of the sick body, the spirit enters into a direct relationship with the body, rather than taking the detour through the soul. The soul is, in a certain sense, bypassed. This introduces irregularity into consciousness and causes a disruption of consciousness. If, for example, a spiritual experience is had without being mediated by the soul—because a certain organ of the brain, the nervous system, or the blood circulation is healthy—then a particular spiritual experience is not received in such a way that the soul of the body can make proper use of it to process the spiritual experience psychologically, the body comes directly under the influence of the spirit, bypassing the soul. Then the direct experience of the spirit—which is indeed an experience of the spirit, but one that pathologically permeates the human constitution—becomes a hallucination, a vision.
[ 52 ] Mit diesen hat dasjenige, was geisteswissenschaftliche Forschung ist, nichts zu tun. Denn geisteswissenschaftliche Forschung sieht darauf, dass der Mensch nicht etwa das im gewöhnlichen Leben bestehende Verhältnis zwischen Leib, Seele und Geist durchbricht, sondern dass er das Seelische noch reicher macht, sodass das Verhältnis des Geistes zum Leibe durch ein reiches Seelenleben bewirkt wird. Ein verarmtes Seelenleben kann aber eintreten, wenn sich der Mensch durch eine Erkrankung in seinem Leibe nicht des ganzen Leibes bedienen kann, um sich mit der Umwelt in ein Verhältnis zu setzen. Daher ist für den Geistesforscher dasjenige, was als Vision, als Halluzination erfahren wird, was nicht so zum geistigen Leben steht wie der Traum, das ist für den Geistesforscher etwas, das er von seinem Gesichtspunkte aus ansehen muss zwar als ein geistiges Erlebnis, aber nicht als ein solches, das etwa wertvoller wäre als das gewöhnliche sinnliche Anschauen, sondern das weniger wertvoll ist als das gewöhnliche sinnliche Anschauen.
[ 52 ] What spiritual scientific research is has nothing to do with these. For research in the humanities aims not to have the human being disrupt the relationship between body, soul, and spirit that exists in ordinary life, but rather to enrich the soul even further, so that the relationship of the spirit to the body is brought about through a rich inner life. However, an impoverished life of the soul can arise when, due to a physical illness, a person is unable to make full use of their body to relate to the environment. Therefore, for the spiritual researcher, what is experienced as a vision or a hallucination—which does not relate to spiritual life in the same way as a dream—is something that, from his point of view, must be regarded as a spiritual experience, but not as one that is, say, more valuable than ordinary sensory perception; rather, it is less valuable than ordinary sensory perception.
[ 53 ] In einem solchen unregelmäßigen geistigen Erleben wie in der Halluzination, in der Vision, im somnambulen Reden und Handeln, im Mediumismus, der ein künstlicher Somnambulismus ist, steht der Mensch weniger im Verhältnis zur Umwelt, als er im sinnlichen Wahrnehmen steht. Das ist das Wichtige. Das ist dasjenige, was man besonders einsehen muss. Und so kann es geschehen, dass der Mensch, weil er nicht nur zum Anschauen der Umwelt, sondern auch zum vernünftigen logischen Begreifen der Umwelt nötig hat dasjenige, was man Urteil über die Umwelt nennt; zu dem hat er nötig den Gebrauch des gesamten Leibes. Ist nun der Leib abnorm gebildet, so kann er auch kein vernünftiges Urteil gewinnen über das, was sich ihm geistig darstellt. Während der Mensch auf der einen Seite dasjenige, was er im Traume erlebt, mit Vernunft im Wachzustand überschauen kann, ist er nicht imstande, das, was er in der Vision, in der Halluzination erlebt, in die Erlebnisse des gewöhnlichen Wachzustandes zu übertragen, es zu überschauen.
[ 53 ] In such irregular mental experiences as hallucinations, visions, somnambulistic speech and behavior, and mediumship—which is a form of artificial somnambulism—a person’s relationship to the environment is less direct than it is in sensory perception. That is the important point. This is what one must particularly understand. And so it can happen that a person—because he requires what is called judgment about the environment not only for observing it but also for rational, logical comprehension of it—needs to use his entire body for this purpose. If, however, the body is abnormally formed, he cannot form a rational judgment about what presents itself to him mentally. While, on the one hand, a person can rationally comprehend what they experience in a dream while awake, they are unable to transfer what they experience in a vision or hallucination into the experiences of the ordinary waking state, nor can they comprehend it.
[ 54 ] Nun ist das Bedeutungsvolle dieses, dass ja nun allerdings, wenn der Leib von außen gesehen solche Abnormitäten zeigt, es scheinbar geistige Erlebnisse sind, das gibt ja der Geistesforscher zu, nur sollen sie nicht hervorgerufen werden; wenn sie naturgemäß hervorgerufen werden, sind sie Zeugen von Krankheit, wenn sie künstlich hervorgerufen werden, bewirken sie Krankheit. Weil man diese Dinge aber äußerlich wie im Laboratorium untersuchen will — die doch Erscheinungen des Lebens selber sind —, weil man sie nach dem Schema der naturwissenschaftlichen Anschauungsweise erklären will, so kann man es denn erleben, dass selbst diejenigen, die gute, hervorragende, bedeutungsvolle Naturforscher sind, vollständig straucheln auf diesem Gebiet.
[ 54 ] Now, the significant point here is that, admittedly, when the body exhibits such abnormalities as seen from the outside, they appear to be mental experiences—as the researcher of the spirit admits—but they should not be induced; if they arise naturally, they are signs of illness; if they are artificially induced, they cause illness. But because people want to examine these things externally, as if in a laboratory—even though they are phenomena of life itself—and because they want to explain them according to the framework of the scientific worldview, one can observe that even those who are good, outstanding, and significant natural scientists completely falter in this area.
[ 55 ] Ich möchte einen Fall hier anführen, den ich schon einmal angedeutet habe, anführen aus dem Grunde, weil er ein charakteristischer Fall ist, weil er zeigt, wie gerade bei Naturforschern die Sehnsucht heute besteht, in das, was sie das übersinnliche Gebiet nennen, einzudringen, wie sie aber dann nicht an die Geisteswissenschaft herankommen wollen, sondern wie sie bei den gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methoden stehen bleiben wollen. Diesen Fall, ich bespreche ihn nicht deshalb, weil ich selbst irgendwie zu seiner Wahrheit oder Nichtwahrheit Stellung nehmen will, sondern weil ich daran zeigen will, wie sich zum Geistig-Übersinnlichen ein naturwissenschaftlich einwandfreier, ein hervorragender Gelehrter der Gegenwart verhält.
[ 55 ] I would like to cite a case here that I have already alluded to, for the reason that it is a characteristic example—it shows how, especially among natural scientists today, there is a longing to penetrate what they call the supersensible realm, yet how they do not wish to engage with spiritual science, but instead prefer to remain within the framework of conventional scientific methods. I am discussing this case not because I wish to take a position myself on whether it is true or false, but because I want to use it to show how a contemporary scholar—one who is scientifically impeccable—relates to the spiritual and supersensible.
[ 56 ] Es ist der Fall, den ausführlich in einem dicken Buche Sir Oliver Lodge beschreibt und der so ungeheuer viel Aufsehen gemacht hat, nur erfährt man über die Fronten hinüber weniger von solchen Dingen als sonst. Die Ereignisse sind folgende: Der Sohn des berühmten Naturforschers Oliver Lodge war an der französischen Front. Der Vater bekam von Amerika aus nach London einen Brief, worin er aufmerksam gemacht wird, dass ein Medium gesagt habe, es stehe dem Sohne Wichtiges bevor, Entscheidendes bevor, aber die Seele eines abgeschiedenen Freundes von Oliver Lodge werde in diesem entscheidenden Augenblick vom Übersinnlichen aus sich des Sohnes annehmen. Das war schon eine Mitteilung, die man auf diese und auf diese Art lesen kann selbstverständlich. Es hätte ja alles Mögliche geschehen können und die Mitteilung hätte doch, äußerlich angesehen, wahr sein können. Der Sohn hätte in Lebensgefahr kommen können und gerettet werden können, dann hätte der Schreiber gesagt: Nun ja, Myers, des Freundes Seele, ist dem Sohne beigestanden, deshalb ist er nicht gefallen. Nun ist aber der Sohn gefallen. Da wurde nun von derselben Seite her die Sache so ausgelegt, dass die Seele des Sohnes ja hinübergegangen ist und dass im Jenseits ihr geholfen wird von dem Freunde, der viele Jahre vorher im Jenseits war. Wäre ein Drittes, ein Viertes möglich, es wäre durch die Weitmaschigkeit einer solchen Voraussage zu treffen gewesen.
[ 56 ] This is the case that Sir Oliver Lodge describes at length in a thick book and that caused such a tremendous stir; however, one hears less about such things from behind the front lines than usual. The events are as follows: The son of the famous naturalist Oliver Lodge was on the French front. The father received a letter in London from America in which he was informed that a medium had said something important—something decisive—was about to happen to his son, but that the soul of a deceased friend of Oliver Lodge’s would, at that decisive moment, take care of the son from the supernatural realm. That was certainly a message that could be interpreted in this way or that, of course. All sorts of things could have happened, and the message could still have been true, at least on the surface. The son could have been in mortal danger and been saved; in that case, the writer would have said: “Well, Myers—the friend’s soul—stood by the son, which is why he did not fall.” But the son did fall. So the same source interpreted the matter to mean that the son’s soul had indeed passed on and that, in the afterlife, it is being helped by the friend who had been in the afterlife for many years. If a third or fourth possibility had been conceivable, it could have been accommodated by the broad scope of such a prediction.
[ 57 ] Sir Oliver Lodge ist nun ein Mann, der vom Standpunkte strenger naturwissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit schildert, deshalb kann der Fall von jemand überschaut werden, der sich auf der einen Seite versteht auf naturwissenschaftliche Gewissenhaftigkeit und auf der anderen Seite auf dasjenige, was über so etwas gesagt werden kann; man kann sich daher Aufschluss verschaffen aus dem Buche über dasjenige, was da eigentlich vorliegt.
[ 57 ] Sir Oliver Lodge is a man who describes things from the standpoint of strict scientific rigor; therefore, the case can be assessed by someone who is, on the one hand, versed in scientific rigor and, on the other hand, in what can be said about such matters; one can therefore gain insight from the book into what is actually at stake here.
[ 58 ] Nun, Sir Oliver Lodge, nachdem er den Sohn verloren hatte, ihm wurde zugetragen — es sind immer Mittel und Wege da, wie man, namentlich wenn es sich um einen berühmten Mann handelt, den Leuten Medien, Somnambule zuschiebt —, ihm wurden zugeschoben verschiedene Medien. Sir Oliver Lodge wollte sich nur einlassen mit absoluter, gewissenhaftester Beobachtung aller Vorsicht, die nur angewendet werden kann. Nun schildert er, wie die Medien Botschaften bringen, als Sprechmedien oder sonst als Schreibmedien, Botschaften, die von dem Sohne herrühren sollten. Darin ist ja nun vieles enthalten, das ja wirklich keinen tieferen Eindruck macht auf den Leser als vieles, was sonst bei Spiritisten zu finden ist; aber eines hat auf Sir Oliver Lodge einen tiefen Eindruck gemacht. Und selbst auf die skeptischen Journalisten in weitesten Kreisen hat es einen Eindruck gemacht. Das ist das, was Sir Oliver Lodge als ein «experimentum crucis», als ein Kreuzexperiment anführt.
[ 58 ] Well, Sir Oliver Lodge, after he had lost his son, was presented with—there are always ways and means, especially when it comes to a famous man, of foisting mediums and somnambulists on people—he was presented with various mediums. Sir Oliver Lodge wanted to engage only through the most rigorous and conscientious observation, exercising every possible precaution. He now describes how the mediums convey messages—whether as speaking mediums or writing mediums—messages that were supposedly from his son. Much of this, of course, makes no deeper impression on the reader than much of what is otherwise found among spiritualists; but one thing made a deep impression on Sir Oliver Lodge. And it even made an impression on skeptical journalists in the broadest circles. This is what Sir Oliver Lodge cites as an “experimentum crucis,” a cross-experiment.
[ 59 ] Es ist das Folgende. Das Medium sagte: Ja, jetzt kommt eine Botschaft von dem verstorbenen Sohne; die Seele Myers ist auch dabei. Beide kündigen sich an. Aber der Sohn weist hin darauf, dass eine Fotografie besteht, die, kurz bevor er gefallen ist, an der französischen Front aufgenommen wurde. Er ist auf der Fotografie mit einer ganzen Reihe von Kameraden. Die Aufnahme ist mehrmals gemacht worden. Bei der einen Aufnahme hält der Sohn die Hand auf die eine Schulter eines Kameraden in der Weise, bei der nächsten Aufnahme ist die ganze Stellung des Sohnes etwas anders angeordnet, und so weiter. Schön. Die Fotografien wurden genau beschrieben. Man konnte sich eine Vorstellung davon machen, wie die Fotografien waren. Sie waren aber nicht da. Niemand wusste etwas davon; niemand konnte etwas davon wissen, weder das Medium noch die anderen. Man konnte das Ganze zunächst als einen Humbug ansehen. Aber das Wesentliche ist: Nach zwei Wochen, glaube ich, kam der Brief mit den Fotografien, die also in der Zeit, als das Medium darüber gesprochen hat, noch drüben in Frankreich waren; es kam der Brief nach zwei Wochen in London an; man konnte sich überzeugen, genau stimmte die Beschreibung mit den Bildern überein. Die Fotografien waren da — ein experimentum crucis, ein Kreuzexperiment. In der Tat etwas, was genügt hat der wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit des Sir Oliver Lodge, was unzählige Menschen überzeugt hat.
[ 59 ] Here is what happened. The medium said: “Yes, now a message is coming from the deceased son; Myers’s soul is also present. Both are announcing their presence.” But the son points out that there is a photograph taken on the French front shortly before he was killed. In the photograph, he is with a whole group of comrades. The picture was taken several times. In one shot, the son has his hand on the shoulder of a comrade in a certain way; in the next shot, the son’s entire posture is slightly different, and so on. Fine. The photographs were described in detail. One could get a clear picture of what the photographs looked like. But they weren’t there. No one knew anything about them; no one could have known anything about them—neither the medium nor the others. At first, one might have regarded the whole thing as a hoax. But the essential point is this: After two weeks, I believe, the letter arrived with the photographs—which, at the time the medium was speaking about them, were still over in France; the letter arrived in London after two weeks; one could see for oneself that the description matched the images exactly. The photographs were there—an experimentum crucis, a decisive test. Indeed, it was something that satisfied Sir Oliver Lodge’s scientific rigor and convinced countless people.
[ 60 ] Man kann es begreifen. Aber als Geistesforscher geht man an die Sache doch noch mit anderen Gesichtspunkten heran. Man kann sagen: Gerade weil Sir Oliver Lodge die Sache so genau beschrieben hat, deshalb ist es, dass man aus dieser Beschreibung unmittelbar erkennen kann, wie sich der Fall verhält. Dann wundert man sich nur, wenn man ein wenig bekannt ist in der einschlägigen Literatur, dass solch ein Mann wie Sir Oliver Lodge den Fall, wenn er auch so sonderbar liegt, dass man, wenn man nicht auf der Hand Liegendes immer abweisen will, überzeugt werden kann — man wundert sich doch, dass er nicht den Fall vergleicht mit den unzähligen Fällen, die bekannt sind bei Somnambulen als, ich möchte sagen, Ansteckung der Sinnesorgane mit Verstandesurteilen. Wer kennt nicht, wenn er bekannt ist mit der Literatur, wer kennt nicht den Fall, dass irgendjemand eine Vision hat, einen Eindruck hat: In drei Wochen werde ich, wenn ich reite, vom Pferde stürzen. Er hat ganz genau visionär das Bild vor sich. Er versucht es sogar zu verhindern, aber das führt gerade die Sache herbei. Solche Dinge sind ja vielfach zu finden in der Literatur.
[ 60 ] One can understand it. But as a researcher of the spiritual realm, one approaches the matter from a different perspective. One might say: Precisely because Sir Oliver Lodge described the matter so precisely, it is possible to discern immediately from this description how the case stands. Then, if one is even slightly familiar with the relevant literature, one is simply surprised that a man like Sir Oliver Lodge—even though the case is so peculiar that one can be convinced if one does not always reject what is not immediately obvious—one is still surprised that he does not compare the case with the countless cases known among somnambulists as, I would say, the “contagion” of the sense organs with intellectual judgments. Who, if familiar with the literature, is not acquainted with the case in which someone has a vision, an impression: “In three weeks, when I am riding, I will fall from my horse.” He has the image before him with perfect clarity. He even tries to prevent it, but that is precisely what brings it about. Such things are, after all, frequently found in the literature.
[ 61 ] Es gibt eine solche Heraufrufung durch krankhafte Störungen, durch nicht vollständiges Beherrschen seines Leibes gerade, ein solches Verfeinern desjenigen, was in der normalen Organisation unterbewusst bleiben muss, in das Bewusstsein hinauf, dass man namentlich solche Dinge, die der menschlichen Kultur angehören, wo man diese durch räumliches oder zeitliches Ferngesicht haben kann. — Nun ist für denjenigen, der das Buch von Sir Oliver Lodge durchnimmt, dasjenige, was das somnambule Medium gesehen hat, in der Tat nichts anderes als ein zeitliches Ferngesicht. Die Fotografien kamen an in zwei Wochen. Das Medium sah voraus — wie der andere Mensch voraussah sein Stürzen vom Pferde — die Fotografien. Mit nichts hat das zu tun, was man nennen könnte eine Offenbarung aus der übersinnlichen Welt, sondern es ist nur ein verfeinertes Wahrnehmen desjenigen, was innerhalb der sinnlichen Welt auch da ist. Gerade das muss man bei diesen Dingen ins Auge fassen, dass man genau unterscheiden muss dasjenige, wo der Geist unmittelbar in das Körperliche hineinspielt. Das ist nichts, was uns hinausführt in das Übersinnliche. Gerade weil Geisteswissenschaft den Menschen einführen will in die wahre übersinnliche Welt, muss sie Gewicht darauf legen, zu verstehen, was die abnormen Fälle sind, in denen durch ein verfeinertes Sinnenleben der Mensch irgendetwas erfährt, was ja auch nichts anderes ist als eine Kundgebung aus der gewöhnlichen physischen Welt, nur dass es auf abnorme Weise erfahren wird.
[ 61 ] There is such a summoning brought about by pathological disturbances—specifically, by an inability to fully control one’s body—a refinement of that which, in a normal constitution, must remain subconscious, bringing it up into consciousness, so that one can perceive, in particular, those things that belong to human culture, which can be viewed through spatial or temporal remote vision. — Now, for anyone who reads through Sir Oliver Lodge’s book, what the somnambulist medium saw is, in fact, nothing other than a vision of the distant past. The photographs arrived two weeks later. The medium foresaw—just as the other person foresaw his fall from the horse—the photographs. This has nothing to do with what one might call a revelation from the supersensible world; rather, it is merely a refined perception of what already exists within the sensory world. It is precisely this that must be kept in mind when dealing with such matters: one must make a clear distinction between those instances where the spirit intervenes directly in the physical realm. This is not something that leads us into the supersensible. Precisely because spiritual science seeks to introduce people to the true supersensible world, it must emphasize understanding what the abnormal cases are in which, through a refined sensory life, a person experiences something that is, in fact, nothing other than a manifestation from the ordinary physical world—only that it is experienced in an abnormal way.
[ 62 ] Ich könnte noch vieles anführen über solches, was durch eine Verschärfung der Sinne, gerade dadurch, dass ein Krankhaftes im Menschen vorliegt, zutage tritt. Es ist insbesondere ein Überwiegen der animalischen Funktionen gegenüber den seelischen Funktionen, was dieses zweite Gebiet des Unbewussten charakterisiert. Es ist allerdings ein Hereinspielen des Geistigen, aber niemals wird auf diese Weise das zustande kommen, was Sir Oliver Lodge wollte: eine Einsicht in die übersinnliche Welt. Wer eine Verbindungsbrücke schlagen will zwischen dem, der hier ist, und dem, der in der übersinnlichen Welt ist als ein sogenannter Toter, der muss es durch geisteswissenschaftliche Methoden tun; der muss seine eigene Seele entwickeln, dass sie den Weg finde, nicht dadurch, dass in ein somnambules Medium hineinspricht ein Toter. Gerade diese Dinge müssen scharf ins Auge gefasst werden. Gerade weil Geisteswissenschaft streng auf dem Boden steht: Nicht nur im Allgemeinen, auch im Konkreten kann man eindringen in die geistige Welt —, deshalb muss sie zurückweisen dasjenige, was mit Ausschluss der seelischen Entwicklung, durch Halluzination, durch Vision, durch Verfeinerung des Sinneslebens, die nicht über das Sinnliche hinausführt, nichts über das Ewige aussagt, erworben wird. Obwohl das Geistige in den menschlichen Leib hineinspielt, nichts kann dadurch ausgemacht werden über das Übersinnliche, sondern allein durch das Hineinstellen des menschlichen GeistigSeelischen in die übersinnliche Welt. Für denjenigen, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, für den ist daher die visionäre Welt, die somnambule Welt, die Welt des künstlichen Somnambulismus, die Mediumwelt, sie ist eine untersinnliche Welt, nicht eine übersinnliche Welt.
[ 62 ] I could cite many more examples of such phenomena, which come to light through a heightening of the senses—precisely because of a pathological condition present in the individual. In particular, it is a predominance of animal functions over mental functions that characterizes this second realm of the unconscious. There is, admittedly, an influence of the spiritual, but what Sir Oliver Lodge sought—an insight into the supersensible world—will never come about in this way. Anyone who wishes to build a bridge between the one who is here and the one who is in the supersensible world as a so-called dead person must do so through spiritual scientific methods; they must develop their own soul so that it may find the way—not through a dead person speaking through a somnambulistic medium. It is precisely these things that must be clearly understood. Precisely because spiritual science is firmly grounded—it is possible to penetrate the spiritual world not only in general but also in concrete terms—it must therefore reject anything acquired by means of hallucination, vision, or the refinement of sensory life that does not lead beyond the sensory realm and says nothing about the eternal, all while excluding the development of the soul. Although the spiritual influences the human body, nothing can be ascertained about the supersensible through this means; rather, it can be ascertained only by placing the human spiritual-soul aspect into the supersensible world. For those who stand on the ground of spiritual science, the visionary world, the somnambulistic world, the world of artificial somnambulism, and the world of mediumship are therefore a sub-sensory world, not a supersensory world.
[ 63 ] Die Zeit drängt, ich kann das nicht weiter ausführen, denn ich muss nunmehr auf ein anderes Gebiet, das sich kurz besprechen lässt, übergehen, auf das Hineinragen der übersinnlichen Welt, wie sie uns auftritt im menschlichen Leben, wenn wir die wirkliche Kunst, das künstlerische Genießen betrachten. Auch da kann die Geisteswissenschaft verfolgen die Seele des wirklichen Künstlers oder auch die Seele des für wirkliche Kunst empfänglichen Menschen. Dasjenige, was die Seele durchlebt und nachher in Dichtung, in ein anderes Kunstwerk umschafft, das ist ebenso in der geistigen Welt erlebt, wie erlebt ist dasjenige, was immer unbewusst bleibt und nur höchstens durch den Traum in zeitlichen Bildern bewusst wird für das gewöhnliche Bewusstsein, was erlebt wird zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen.
[ 63 ] Time is running out; I cannot elaborate further, for I must now turn to another topic that can be discussed briefly: the influence of the supersensible world, as it appears to us in human life when we consider true art and artistic enjoyment. Here, too, spiritual science can trace the soul of the true artist or the soul of a person receptive to true art. What the soul experiences and subsequently transforms into poetry or another work of art is experienced just as fully in the spiritual world as is that which always remains unconscious and becomes conscious to ordinary consciousness—at most—through dreams in temporal images, that which is experienced between falling asleep and waking up.
[ 64 ] Aber der Dichter ist imstande, dasjenige, was ihm in seiner unmittelbaren Gestalt, oder der Künstler überhaupt, was ihm nicht zum Bewusstsein kommt, während er in der geistigen Welt weilt, hineinzutragen, noch unbewusst bleibend, in die sinnlich-physische Welt, dann es einzukleiden in Bilder. Mit Recht weist man darauf hin, dass wirkliche, echte Kunst nicht ihrem Inhalte nach, aber ihrer Veranlassung nach, ihrem Ursprung nach, ihren Quellen nach wurzelt in demjenigen, was die Künstlerseele erlebt im Übersinnlichen. Sodass wahre, echte Kunst, nicht Naturalismus, von der Menschheit mit Recht zu allen Zeiten angesehen worden ist als Botschaften, die hereingetragen werden aus einer übersinnlichen Welt in die sinnliche Welt.
[ 64 ] But the poet is capable of bringing into the sensory-physical world—while remaining unconscious of it—that which he experiences in its immediate form, or, in the case of the artist in general, that which does not come to his consciousness while he dwells in the spiritual world, and then of clothing it in images. It is rightly pointed out that true, genuine art is rooted—not in its content, but in its motivation, its origin, and its sources—in what the artist’s soul experiences in the supersensible realm. Thus, true, genuine art—not naturalism—has rightly been regarded by humanity throughout the ages as messages brought from the supersensible world into the sensory world.
[ 65 ] Der Unterschied zwischen dem Dichter und dem Seher, dem, der das Übersinnliche bewusst schaut, ist nur der, dass der Seher, während er in der übersinnlichen Welt Erlebnisse hat, sein Bewusstsein hineingetragen hat in die übersinnliche Welt und selbst aus der übersinnlichen Welt heraus in voller Geistesgegenwart diese Erlebnisse umsetzt in Vorstellungen, sodass das Ganze ein bewusster Prozess ist. Bei dem Dichter, dem Künstler, bleibt der Prozess unbewusst; er lebt zwar im Übersinnlichen, weil dies ihm aber nicht zum Bewusstsein kommt, kann er es nicht vergleichen mit der geistigen Welt. Nachdem er es erlebt hat, trägt er es hinein, kleider es in die Bilder, die dann zu Botschaften des Übersinnlichen werden. Der ganze Prozess, der im Seher bewusst wird, ist zum Teil seinem Ursprung nach unbewusst im Dichter, im Künstler. Das, was da als Offenbarungen eines Unbewussten hineinspielt, ist das, was das menschliche Leben mit Schönheit überzicht; dasjenige, was man seinem wahren Werte nach erst schätzen wird, wenn man als Überzeugung aufnimmt, dass die wahre Kunst Botschaft ist aus der Welt des Ewigen, dass echtes künstlerisches Genießen den Menschen nahe bringt dieser übersinnlichen Welt, wenn auch unbewusst.
[ 65 ] The difference between the poet and the seer—the one who consciously perceives the supersensible—is simply that the seer, while having experiences in the supersensible world, has carried his consciousness into that world and, from within it and with full presence of mind, transforms these experiences into mental images, so that the whole process is a conscious one. For the poet, the artist, the process remains unconscious; although he lives in the supersensible realm, because this does not come to his consciousness, he cannot compare it with the spiritual world. After he has experienced it, he carries it into his consciousness, clothes it in images, which then become messages from the supersensible realm. The entire process, which becomes conscious in the seer, is in part, in terms of its origin, unconscious in the poet and the artist. What comes into play there as revelations of the unconscious is that which imbues human life with beauty; that which one will only appreciate according to its true value once one accepts as a conviction that true art is a message from the world of the eternal, and that genuine artistic enjoyment brings people closer to this supernatural world, even if unconsciously.
[ 66 ] Halb unbewusst ist dasjenige, was wir als unser Schicksal erleben. Wie fasst der Mensch im gewöhnlichen Bewusstsein dieses Schicksal auf, dieses Schicksal, das sozusagen sein Leben begleitet von der Geburt bis zum Tode? Die meisten Menschen stehen — und mit Recht für das gewöhnliche Bewusstsein — diesem Schicksal so gegenüber, dass sie seine einzelnen Fälle ansehen wie etwas, was zustößt; einer nach dem anderen stößt eben so zu. Aber das mag ganz richtig sein, ist auch richtig für die gewöhnliche Lebensauffassung. Aber es gibt eine andere Seite dieser Dinge zu betrachten.
[ 66 ] What we experience as our destiny is only half-conscious. How does a person in ordinary consciousness perceive this destiny—this destiny that, so to speak, accompanies their life from birth to death? Most people—and rightly so, from the perspective of ordinary consciousness—view this destiny in such a way that they regard its individual events as things that simply happen; one after another, they just happen. But that may well be true; it is certainly true for the ordinary view of life. Yet there is another side to these matters to consider.
[ 67 ] Man nehme nur einmal an, als Vierzigjähriger oder jünger, wenn man Neigung hat zum Sich-Besinnen, man denke nach über das, was man denn eigentlich in seiner Seele ist, und vergleiche das, was man ist, mit dem Schicksal. Und man frage sich dann, was man wäre, wenn man ein anderes Schicksal gehabt hätte, wenn einem anderes zugestoßen wäre. Man wird dann eine merkwürdige Entdeckung machen. Man wird die Entdeckung machen, dass man eigentlich, wenn man nicht von einem abstrakten Selbst redet, wenn man von dem redet, was man eigentlich in seinem Innern trägt und ist, dass man ja nichts anderes ist als das Ergebnis seines Schicksals. Wäre das Schicksal bloß das, was einem nacheinander zustößt, eine Summe von Zufällen, so wäre man selbst nichts anderes als eine Summe von Zufällen. Was man gelitten hat, wobei man sich gefreut hat, was einem zugetragen hat das Leben so, dass man es aufnehmen konnte, dass man es zur Lebensgeschicklichkeit, zur Lebensweisheit, zur Lebensgewohnheit machen konnte, das ist man, ist es aber aus dem Schicksal heraus; man ist dieses Schicksal selber.
[ 67 ] Just suppose, as a forty-year-old or younger—if one is inclined to reflect—one were to ponder what one actually is deep down in one’s soul, and compare who one is with one’s fate. And then ask yourself what you would be if you’d had a different fate, if something else had happened to you. You’ll then make a remarkable discovery. You will discover that, if you are not speaking of an abstract self—if you are speaking of what you actually carry within yourself and are—you are, in fact, nothing other than the result of your fate. If fate were merely what happens to you one thing after another—a sum of coincidences—then you yourself would be nothing other than a sum of coincidences. What one has suffered, what has brought one joy, what life has presented to one in such a way that one could accept it, that one could turn it into life skill, life wisdom, and a way of life—that is who one is, but it stems from fate; one is that fate itself.
[ 68 ] Geisteswissenschaft versucht nun auch, dieses Schicksal zu betrachten, versucht dieses Schicksal so zu betrachten, dass diese Betrachtung so verläuft, wie, ohne dass der Mensch etwas dazu tut, das gewöhnliche Vorstellungsleben verläuft. Ich sage das, um klarzumachen das Bedeutsame, das damit zum Ausdruck gebracht ist: Denken Sie sich einmal, Sie erinnern sich an ein weit zurückliegendes Erleben, das Sie mit zehn oder siebzehn Jahren gehabt haben. Die Erinnerung hat eine Eigentümlichkeit; als Sie das Erlebnis hatten, waren Sie mit dem ganzen Gemüt dabei; Sie haben nicht nur das erlebt, was Sie in die Vorstellung heraufbringen, sondern Sie waren ganz dabei. Denken Sie nur nach, wie sehr verschieden das ist, wenn man sich erinnert an einen Gemütszustand als an das, was als Vorstellung von dem Erlebnis geblieben ist.
[ 68 ] Spiritual science now also attempts to contemplate this destiny, attempting to view it in such a way that this contemplation unfolds just as ordinary imaginative life unfolds, without the human being doing anything to influence it. I say this to make clear the significance of what is being expressed here: Just imagine—you recall an experience from long ago that you had when you were ten or seventeen years old. This memory has a peculiarity: when you had that experience, your whole being was fully engaged in it; you did not merely experience what you now bring to mind, but you were completely immersed in it. Just think about how different it is to recall a state of mind as opposed to what remains as a mental image of the experience.
[ 69 ] Ein Gemütszustand kann nicht wieder heraufgerufen werden. Es kann die Vorstellung wiederum eine Art Gemütszustand hervorrufen, aber einen Schmerz, den Sie erlebt haben vor zwanzig Jahren, diesen Schmerz als damals Erlebtes zurückrufen, Sie können es nicht. Die Vorstellung kann man zurückrufen, aber nicht den Gemütszustand, nicht den Schmerz. Und so ist es auch mit der Freude. In der gewöhnlichen Erinnerung des Lebens wird, indem die Erlebnisse einverleibt werden dem Gedächtnis, abgestreift der Gemütsimpuls, und es bleibt die Vorstellung als solche. Dadurch kann später wiederum erlebt werden in der Vorstellung das, was früher erlebt worden ist. Das, was so im Einzelnen im Leben der Mensch von selbst macht, indem er das Gemüthafte abstreift von dem, was dem Gedächtnisse einverleibt wird, das kann nun ganz streng gemacht werden mit dem, was Schicksalserlebnisse sind. Aber indem ich es schildere, erscheint es leicht, erscheint es, ich möchte sagen, fast alltäglich. Soll es durchgeführt werden, so gehört dazu gerade eine solche Vorbereitung der Seele, wie ich sie heute und gestern geschildert habe, soll durchgeführt werden nämlich dasjenige, was uns als Schicksalserlebnisse trifft, von allem Gemüthaften zu entkleiden.
[ 69 ] A state of mind cannot be recalled. The memory itself may evoke a kind of state of mind, but you cannot recall a pain you experienced twenty years ago—that pain—exactly as you experienced it back then. You can recall the mental image, but not the state of mind, not the pain. And it is the same with joy. In ordinary memory, as experiences are incorporated into memory, the emotional impulse is stripped away, and the mental image remains as such. This allows what was experienced in the past to be relived later in the imagination. What a person does spontaneously in the details of life—stripping away the emotional aspect from what is incorporated into memory—can now be applied very strictly to what constitutes experiences of destiny. But as I describe it, it seems easy; it seems, I might say, almost mundane. If it is to be carried out, it requires precisely the kind of preparation of the soul that I have described today and yesterday; for what is to be carried out is the stripping away of all emotional elements from what befalls us as experiences of fate.
[ 70 ] Denken Sie, es gelingt einem das. Das ist gerade das Charakteristische des gewöhnlichen Lebens, dass einem das eine sympathisch, das andere antipathisch ist am Schicksal; dass man das eine gleich herbeiziehen, das andere entfernen möchte. Das abzustreifen, sodass man dasjenige, was man im Schicksal erlebt, betrachtet so, wie wenn es einen nicht selbst getroffen hätte, wie wenn man beschreiben möchte das Schicksal eines anderen — ja, noch weniger, weil man ja mit jedem anderen Menschen mitfühlt. Weg mit alledem für die Betrachtungsweise — aber nur für diese, sonst würde man lebensuntüchtig —, weg mit allem für die Momente der Betrachtung des Schicksals! Man muss das Schicksal so betrachten, dass das Gemüthafte wegfällt, man muss es so betrachten, als wenn man außerhalb des Schicksals stände. Der Geistesforscher lernt das dadurch, dass er lernt, außerhalb seines Leibes zu stehen. Dann, wie ein Gedanke, der aufsteigt, ist ein Gedanke, der wiedergibt im individuellen, persönlichen Leben ein früheres Erlebnis, so wird das Schicksal, wenn es wirklich richtig betrachtet wird, wenn es entkleidet wird des persönlichen GemütserlebensCharakters, das Schicksal wird mit Notwendigkeit, mit Überzeugungskraft der Ausdruck früherer Erdenerlebnisse, die durchgemacht sind und die sich zu dem gesamten Leben des Menschen so zusammengliedern, dass der Mensch durchlebt wiederholte Erdenleben und dazu die Leben, die verlaufen zwischen Tod und neuer Geburt.
[ 70 ] Do you think one can succeed in doing that? That is precisely what characterizes ordinary life: that one finds some aspects of fate appealing and others repulsive; that one wants to draw some closer and push others away. To shed that, so that one regards what one experiences in fate as if it had not befallen oneself, as if one were describing the fate of another—indeed, even less so, since one naturally empathizes with every other human being. Away with all of that for the sake of observation—but only for this purpose, otherwise one would become incapable of living—away with everything for the moments of observing fate! One must view fate in such a way that emotional attachment falls away; one must view it as if standing outside of fate. The spiritual researcher learns this by learning to stand outside his own body. Then, just as a thought that arises is a thought that reflects a past experience in one’s individual, personal life, so too does fate—when it is truly viewed correctly, when it is stripped of the character of personal emotional experience— fate becomes, by necessity and with compelling force, the expression of earlier earthly experiences that have been lived through and that interweave with the entirety of a person’s life in such a way that the person lives through repeated earthly lives, as well as the lives that unfold between death and rebirth.
[ 71 ] Durch manches andere, aber auch durch das wirkliche Betrachten des Schicksals kann man wahrnehmen, wie, gerade so, wie in das individuelle Leben dasjenige, was man im Laufe der Jahre durchgemacht hat, hineinwirkt, in unser wirkliches persönliches Schicksalserleben hineinwirkt, was herüberkraftet aus früheren Erdenleben und was wiederum hinüberkraftet in spätere Erdenleben. Nicht etwas phantastisch Ausgesonnenes ist das, was Geistesforschung darlegt über die wiederholten Erdenleben, sondern Ergebnisse gewissenhafter Betrachtung des Lebens selber, veränderte Betrachtung des Lebens selber, hinaufgehoben dasjenige, was halb unbewusst in unser Leben eingreift und sich als Schicksal offenbart. Also auch eine Offenbarung des Unbewussten; hinaufgehoben das Unbewusste in das Bewusstsein.
[ 71 ] Through many other things, but also through a genuine contemplation of destiny, one can perceive how—just as what one has gone through over the years influences individual life—what flows in from earlier earthly lives and what, in turn, flows out into later earthly lives influences our actual, personal experience of destiny. What spiritual research reveals about repeated earthly lives is not some fantastical invention, but rather the results of a conscientious contemplation of life itself—a transformed view of life itself—in which that which intervenes in our lives semi-unconsciously and reveals itself as destiny is brought to the surface. Thus, it is also a revelation of the unconscious; the unconscious is raised up into consciousness.
[ 72 ] Ich konnte leider nur einige Glieder derjenigen Welt, die für das gewöhnliche Bewusstsein unbewusst bleiben, Ihnen schildern und zeigen, wie Geisteswissenschaft zu diesen Dingen sich verhält. Skizzenhaft konnte ich es nur schildern. Aber gerade diese Betrachtung der Grenzgebiete zeigt, wie Geisteswissenschaft imstande ist, auch auf das Ewige hinzuweisen, indem sie zeigen kann, wie im Traume oder sonst das Geistige sich auf normale und auf abnorme Weise im gewöhnlichen Leben offenbart, indem sie zeigt, gerade von ihrem Gesichtspunkte aus, wie das Unbewusste offenbar wird im menschlichen Erleben. Dadurch wird auch an diesen Grenzgebieten gerade für Geisteswissenschaft klar, dass der Mensch schon erreichen kann, indem er die gewöhnlichen Sinnesgrenzen überschreitet, das übersinnlich-geistige Gebiet; dass der Mensch eindringen kann aus dem Vergänglichen hinaus in das Unvergängliche, dass der Mensch sich in Zusammenhang bringen kann durch sein Geisteswesen mit der ewig-geistigen Welt, sodass sein Geistig-Seelisches, sein Geistig-Ewiges mit dem Geiste der ganzen Welt als eine Harmonie empfunden wird.
[ 72 ] Unfortunately, I was able to describe to you only a few aspects of that world which remain unconscious to ordinary consciousness, and to show you how spiritual science relates to these things. I could only sketch it out briefly. But it is precisely this examination of the borderlands that demonstrates how spiritual science is capable of pointing toward the eternal by showing how, in dreams or in other ways, the spiritual reveals itself in both normal and abnormal ways in everyday life—and by demonstrating, from its own perspective, how the unconscious becomes manifest in human experience. Through this, it becomes clear—especially in these borderlands and precisely for spiritual science—that by transcending the ordinary limits of the senses, human beings can already reach the supersensible-spiritual realm; that human beings can penetrate beyond the transitory into the imperishable, that human beings can connect, through their spiritual being, with the eternal spiritual world, so that their spiritual-soul aspect, their spiritual-eternal aspect, is experienced in harmony with the spirit of the whole world.
[ 73 ] Gerade wenn man so etwas darstellt, dann merkt man, dass diese Geisteswissenschaft nur so anzusehen ist, wie ich gestern gesagt habe: dass diese Geisteswissenschaft zwar durch die besondere Bildung des geistigen Kulturlebens in der Gegenwart selbst auftreten kann, während ihr Inhalt wahr ist für alle Zeiten — so wie die kopernikanische Weltanschauung aus der zeitlichen Bildung in einer gewissen Epoche auftreten musste. Aber anders ist es als mit äußerer Erfahrungswissenschaft mit dem, was als Geisteswissenschaft auftritt. In klaren, festumrissenen Begriffen und Ideen tritt diese Geisteswissenschaft wohl erst in der Gegenwart so recht ins Dasein. Geahnt, ersehnt, nicht nur ersehnt in allgemeiner, sondern in bestimmter Gestalt ist sie aber worden von denjenigen, denen es wirklich zu allen Zeiten ernst war um die Erforschung der großen Lebensrätsel des Daseins.
[ 73 ] It is precisely when one presents something like this that one realizes this spiritual science can only be viewed as I said yesterday: that while this spiritual science can emerge through the specific development of contemporary spiritual cultural life, its content is true for all times—just as the Copernican worldview had to emerge from the historical development of a particular epoch. But what appears as a spiritual science is different from the empirical sciences. It is only in the present that this spiritual science truly comes into being in clear, well-defined concepts and ideas. Yet it has been foreseen and longed for—not merely in a general sense, but in a specific form—by those who have truly been serious, at all times, about exploring the great mysteries of existence.
[ 74 ] Daher fühlt man sich gerade als Geistesforscher im Einklang mit denen selbst, die aus der Menschheitsgeschichte der Menschheit etwas geben konnten und geben wollten. Aus der großen Summe der Persönlichkeiten, die — nicht um Bestätigungen anzuführen — hier genannt werden könnten, sei eine herausgehoben. Nicht um Bestätigung anzuführen; denn ich weiß genau, dass der Einwand richtig ist, wenn man Goethe anführt: dass man immer aus seinen Schriften auch das Entgegengesetzte anführen kann, Stellen anführen kann, wo die entgegengesetzte Ansicht bestätigt wird; darum handelt es sich nicht. Aber jemand, der wie ich, mehr als dreißig Jahre eine eingehende Betrachtung nicht nur dem Inhalt der Goethe-Anschauung widmete, sondern der ganzen Art, wie Goethe zur Welt gestanden hat, nahekommen will, der kann zuletzt dasjenige, was er sagen wollte durch eine solche Betrachtung wie die heutige, zusammenfassen mit einem Worte, das da ausdrückt ein gewisses intellektuelles Glück, wiederzufinden dasjenige, was erst gewissenhafte Forschung gibt, in der großen Ahnung eines Menschen, die ihm einmal doch vor die Seele getreten sein musste, als er die Worte aussprach:
[ 74 ] That is why, especially as a researcher of the spiritual realm, one feels in harmony with those very people who were able to—and wanted to—contribute something to humanity from the history of humankind. From the vast number of personalities who—not to cite them as examples—could be named here, let one be singled out. Not to cite them as examples; for I know full well that the objection is valid when Goethe is cited: that one can always find the opposite in his writings, passages that confirm the opposing view; that is not the point. But someone who, like me, has devoted more than thirty years to a thorough examination not only of the content of Goethe’s worldview but also of the entire way in which Goethe related to the world, can ultimately summarize what he intended to say—through a reflection such as today’s—with a single word that expresses a certain intellectual joy: the joy of rediscovering, through conscientious research, that which must have once truly come to his mind when he uttered the words:
[ 75 ] [Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt: dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.] Ich glaube, dass, als Goethe so den harmonischen Zusammenklang des menschlichen Innern mit dem Weltenall in einem schönen Satze ausgesprochen hat, er hat sagen wollen dasjenige, was Geisteswissenschaft in klare, festumrissene wissenschaftliche Formen bringen will: dass der Mensch in seinem Innern erleben kann, sei es auf diese oder auf jene Weise, wie sein Geistig-Ewiges dem Geistig-Ewigen der äußeren Welt gegenübersteht und dann die große Harmonie zwischen der menschlichen Individualität und dem Weltenall der Menschenseele selbst unmittelbar gegenwärtig ist. Denn was macht die Geisteswissenschaft zur Gewissheit? Das macht die Geisteswissenschaft zur Gewissheit, dass der Mensch sein Ewiges ergreifen kann, indem er in wahrer, wirklicher Weise gegenüberstehen kann als Geistesmensch dem Geiste der Welt, als ewiger Geist des Menschen ergreifen kann den ewigen Geist der Welt.
[ 75 ] [When the healthy nature of man functions as a whole, when he feels himself to be part of the world as a great, beautiful, dignified, and valuable whole, when this harmonious contentment grants him pure, free delight: then the universe, if it could perceive itself, would exult at having reached its goal and marvel at the pinnacle of its own becoming and being.] I believe that when Goethe expressed the harmonious resonance between the human inner world and the universe in such a beautiful sentence, he intended to express precisely what spiritual science seeks to articulate in clear, well-defined scientific terms: that human beings can experience within themselves—whether in this or that way—how their spiritual-eternal nature stands in relation to the spiritual-eternal nature of the external world, and that the great harmony between human individuality and the universe is then immediately present within the human soul itself. For what makes spiritual science a certainty? What makes spiritual science a certainty is that human beings can grasp their own eternal nature by standing, in a true and real sense, as spiritual beings before the spirit of the world—and by grasping, as the eternal spirit of humanity, the eternal spirit of the world.
