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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

27 Oktober 1901, Berlin

51. Liliencron- und Falke-Abend

[ 1 ] Wer wissen will, was das Gewerkschaftshaus für die Berliner Arbeiterschaft bedeutet, der gehe an einem Sonntagabend dorthin. Des Lebens härtesten Kampf schaut er in der Herberge, wo denen, die durch Arbeitslosigkeit auf die Landstraße geworfen sind, für einige karge Stunden Ruhe und Erquickung geboten ist. Mannigfach gliedern sich auch im Proletariat die Abstufungen und so kontrastiert merklich mit dem Leben in der Herbergsstube das bunte Gewimmel derer, die, oft von Weib und Kind umgeben, im Restaurant den Nachmittag, den Abend anregend verplaudern. Das ist gewiss nur eine «Elite» der Arbeiterschaft. Denn heute, wo das Gespenst der Not lauter denn seit Langem an die Türe pocht, bedarf die Frage, ob man sich nach sechs Tagen schwerer Arbeit ein Gläschen Bier gönnen soll, oft sehr genauer Erwägung. Aber weiter. Auch mit einer geistigen Auslese haben wir es am Sonntagabend im Gewerkschaftshause zu tun. Oben, im geräumigen, heute noch ziemlich schmucklosen Saal drängt sich Kopf an Kopf ein Publikum, dem auf den ersten Blick anzusehen ist, dass es gleichfalls zur Arbeiterschaft gehört. Alle Plätze sind bereits besetzt und doch kommen immer noch neue Gäste, für die mit Mühe und Not Stühle herbeigeschafft werden. Vielleicht hätte die doppelte Zahl der Besucher sich eingefunden, wenn der Raum ausreichend gewesen wäre. Die Männer und Frauen sind erschienen, um – Kammermusik zu hören und außerdem noch, um Deutschlands jüngste Dichtung auf sich einwirken zu lassen. Die Arbeiter-Bildungsschule hat einen Unterhaltungsabend veranstaltet, einen Liliencron- und Falke-Abend, wie die von ihr gewählte, nicht ganz genaue Bezeichnung lautet. Eingeleitet wird die Unterhaltung mit dem Vortrag eines Schumann’schen Konzertstückes, das von dem Waldemar Meyer-Quartett vorzüglich gespielt wird. Dann skizziert Herr Dr. Rudolf Steiner in gewandtem, übersichtlich gruppiertem Vortrage die Entwicklung der deutschen Lyrik seit Goethes Tagen, schildert die Marzipanpoesie der Geidel und Baumbach und darauf die neue, aus den Leiden und kärglichen Freuden des Volkes geborene Dichtung, deren Töne wir seit der Mitte der achtziger Jahre vernehmen. Im Vortrage wie in den Rezitationen und Gesangsstücken, die von Herrn und Frau Moest vortrefflich zur Geltung gebracht werden, erhalten wir sodann ein geschickt entworfenes Bild vom Wesen der beiden Dichter, denen zu Ehren der Abend veranstaltet ist. Mit Spannung lauscht die Zuhörerschaft sowohl diesen Vorträgen wie den stimmungsvoll aneinandergereihten Musikstücken, die namentlich Schumann und Schubert entnommen sind.

[ 2 ] Fünfzig Pfennig betrug der Eintrittspreis einschließlich Garderobe und Programm. Das ist wenig, herzlich wenig für die Fülle des Gebotenen und doch recht viel, wenn man den Arbeitsverdienst eines Familienvaters in Betracht zieht. Und uns will scheinen, dass die Proletarier, die hier Liliencron und Schubert zu Ehren versammelt waren, sich nicht vor jenen bürgerlichen Konzertbesuchern zu schämen brauchen, bei denen der Freikarten-Kultus zur spottgewohnten Einrichtung geworden ist. Wer in jenen Kreisen vermag zu ermessen, was für ein Stück geistiger Spannkraft dazugehört, nach sechs Tagen sorgenvollen Mühens an Hobelbank und Schraubstock sich zum Genuss eines Kammermusik-Programms zu rüsten? Wenn die Interessenten der heutigen Ordnung anders nichts gegen eine sozialistische Ordnung der Dinge ins Feld führen können, dann kommen sie auf das Banausentum zu sprechen, das sich unter der ungezügelten Demokratie breitmachen werde. Nun ist dank den jammervollen Zuständen im Volksschulwesen des bürgerlichen Staates und nicht minder dank der sozialen Notlage, in der das Volk geflissentlich erhalten werden soll, gewiss noch außerordentlich viel zu tun, bis das Proletariat sich zum Genuss der höchsten geistigen Güter unsrer Nation vorbereitet hat. Aber ganz gering soll man es doch nicht einschätzen, dass die Volksschichten, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kaum andre Freuden kannten als etwa die im Schnapsdunst der Zunftstuben gebotenen, sich unter dem erzieherischen Wirken der Sozialdemokratie heute zum Genießen eines Abends wie den von der Arbeiter-Bildungsschule veranstalteten befähigt fühlen. Wer diese Entwicklung überschlägt, der braucht sich auch um das künstlerische Verständnis im Zukunftsstaat keine allzu grämlichen Sorgen zu machen.