Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
19 November 1901, Berlin
52. Das Künstlerische im Buchgewerbe
[ 1 ] In der Sitzung der «Berliner Typografischen Gesellschaft» am 19. November hielt Herr Dr. Rudolf Steiner einen Vortrag über das Thema: «Das Künstlerische im Buchgewerbe». Die «Papierzeitung» berichtet in ihrer Nummer 96 über den Vortrag Folgendes:
[ 2 ] Redner schildert fesselnd den Umschwung, welchen die Kunst im Allgemeinen im 19. Jahrhundert und mit ihr in den letzten zehn Jahren die Buchkunst genommen hat. Einen Beweis hierfür bietet beispielsweise ein Vergleich der Zeitschriften «Fliegende Blätter» und «Jugend». Die bedeutendsten Werke aus dem Anfange des Jahrhunderts wurden mit den schlechtesten Lettern auf dem denkbar schlechtesten Papier gedruckt. Die Bücher erhielten nüchterne, trockene Titelblätter. Das Beste, was in dieser Art geleistet wurde, ist ein Titelblatt zu einer Original-Ausgabe von Goethes «Faust». Die heute in der Kunst geforderten Grundsätze wurden schon von Gottfried Semper ausgesprochen, der bereits in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts mehr Klarheit forderte und darauf hinwies, dass die Kunst dem menschlichen Bedürfnis entspringen, dass Harmonie zwischen dem praktischen Nutzen und der Ausführung herrschen müsse und dass die größte Kunstvollendung darin liege, neben schönen Formen die größte Zweckmäßigkeit zu erreichen. Die äußere Form muss erkennen lassen, welchem Zweck das Innere dient. Der allgemeine Niedergang der Kunst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der Mangel an originalen Ideen in den bildenden und dekorativen Künsten hat das alltägliche Leben prosaischer gemacht. Redner bezeichnet die in Frankreich in den siebziger Jahren entstandene Plakatkunst als den größten Fortschritt, den die grafische Kunst im 19. Jahrhundert gemacht hat, und begrüßt es, dass die allerbesten Künstler sich dadurch in den Dienst der Reklame stellten. Die Plakatkunst leitete zur künstlerischen Buchillustration über, und eine Reihe bedeutender Verlagsanstalten, wie Drugulin, Leipzig, Albert Langen, München, Schuster & Löffler, Berlin, haben unter Mitwirkung hervorragender Künstler Werke geschaffen, die Schönheit, Zweckmäßigkeit und vor allem innigen Zusammenhang des äußeren Schmuckes mit dem Inhalt verbinden. Der Künstler, dem die Aufgabe zufällt, ein Buch zu illustrieren, muss sich mit dem Inhalt vertraut machen, aber leider gibt es noch viele unter ihnen, die dazu keine Neigung haben. (Eine große Anzahl ausgestellter, vom Redner erklärter Bücher dient zur näheren Erläuterung des Vortrages.) Man darf jedoch den Umschwung, den die Buchkunst genommen hat, nicht überschätzen. Nicht die Kunst war es, welche sich dem Buche aufdrängte, sondern der Buchhändler verlangte, die Bücher so zu gestalten, dass die Aufmerksamkeit auf seine Erzeugnisse gelenkt würde. Das Künstlerische ist also aus dem Kampf ums Dasein herausgewachsen.
[ 3 ] […] Die zweite November-Sitzung brachte einen Vortrag des Herrn Dr. Rudolf Steiner über «Das Künstlerische im Buchgewerbe». Der Vortragende beschäftigte sich insbesondere mit dem in letzter Zeit etwas aufdringlich gewordenen sogenannten «Buchschmuck», machte für diese Kunstrichtung den Architekten Gottfried Semper verantwortlich, streifte sodann die großen französischen Plakatkünstler, um daran unsere modernen Karikaturenzeichner zu reihen und schließlich unter Vorlegung einer großen Zahl von Werken der verschiedensten Verlagsrichtungen seinen Zuhörern zu zeigen, was gut und böse ist.
