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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

10 Dezember 1904, Berlin

3. Die deutsche Mystik und ihre Voraussetzungen: Jakob Böhme

[ 1 ] Wie eine Zusammenfassung des mystischen Bestrebens des Mittelalters erscheint der Görlitzer Schuhmacher Jakob Böhme. Durch seine Sprache ist er zunächst nicht leicht zugänglich, aber wer sich einmal hineingelesen hat und das Gelesene mit intuitiver Kraft verfolgen kann, wird sehen, dass er es mit einem wahren Weisen zu tun hat. Man steht vor einem Rätsel, wenn man denkt, dass man heute viel Wissen aufgespeichert haben müsste dazu, während doch die Gewalt des Denkens bei einem Laien hier zweifellos die Größe seines Geisteslebens zeigt, seinen hervorragenden Einfluss auf alle Denker. Es ist nur möglich, in Kürze die Hauptzüge zu geben; insofern Jakob Böhme von andern wenig berücksichtigte Probleme mehr ausgeführt hat Lücke.

[ 2 ] Einst als Knabe ging er auf den Gipfel des Berges, der von roten Steinen eingeschlossen war, da fand er sich mächtig erleuchtet, und es war ihm, als ob er ins Innere der Erde schauen könnte. Ein anderes Mal, er war noch ein Schuhmacherlehrling, da kam ein Mann, ein merkwürdiger Mann. – Er hatte den Auftrag, nichts zu verkaufen. – Der Mann ging weg, dann ertönte eine Stimme: Jakob, Jakob, komm heraus! – Dann, mit merkwürdiger Stimme, deren Klang er nie vergessen konnte, vernahm er die Worte: Jakob! Ja, du bist noch klein, aber bist dazu bestimmt, der Welt ein Licht anzuzünden. – Ein drittes Erlebnis war, dass er beim Anblick einer zinnernen Schüssel, welche glänzte, eine besondere Erleuchtung gehabt hat. Jakob hat diese Erleuchtung später gegeben, als er das ganze System seiner Weisheit entwickelte, und gab ihr symbolische Bedeutung.

[ 3 ] Der Mensch, welcher Dinge mit Verstand beurteilt, sucht sich in sie hineinzubohren und dadurch sie zu beurteilen, dass er ihr Inneres erforscht; Naturwissenschaft. – Derjenige, der Höheres sucht, geht nach etwas anderm, für ihn leuchtet das Innere der Seele auf, da sieht er die Geistessonne. Die Dinge in ihm erglänzen dann durch das zurückgeworfene Licht der Geistessonne. In der Tat, es ist nicht möglich für den Mystiker, dass er dasjenige, was er innerlich erlebt, anders als durch Symbole erzählt, denn was er erlebt, ist so groß und gewaltig und die Sprache so arm, weil sie nur auf Erfahrungsdinge angewandt ist.

[ 4 ] Was Jakob Böhme als wichtige Frage besonders behandelt, ist die nach dem Ursprung des Bösen, des Unvollkommenen in der Welt. Diejenigen, welche annehmen, die Welt hätte ihren Ursprung im göttlich vollkommenen Wesen, sagen sich: Ja, woher kommt es? – Schelling hat in diesen Gedankengängen Jakob Böhmes etwas so Tiefes, unendlich Bedeutendes gesehen, dass er in seiner Schrift über die menschliche Freiheit dieses Problem in dieser Art wiederaufgenommen hat: Die Welt urständet zweifellos in dem Guten, und wenn ein Philosoph das eigentlich tiefere Wesen, den Kern sucht, kann er ihn nur im Guten und Erhabenen finden, so wie derjenige, der die Dinge beleuchtet sehen will, sie im Lichte sehen muss. Nun sagt er: Ja, das Vollkommene, das Gute hat sich aber geoffenbart, ist in Erscheinung getreten; wenn es in Erscheinung tritt, wird es eine Mannigfaltigkeit, gegliedert. Der Mensch ist seelisch eine Einheit, diese macht sich durch die mannigfaltigen Glieder in der Welt bemerkbar. Diese Mannigfaltigkeit wird umso vollkommener sein, je mehr jedes Glied in sich selbst ein Abbild des Ganzen der Seele ist. – So ist es in der ganzen Welt, und nehmen wir an, die Wechselbeziehung tritt ein: Beispiel mit Händen, die sich nicht zerfleischen. Jakob Böhme sagt, dass eine Vielheit nur aus einer Einheit entsteht, die Vielheit aber nur durch den Willen der Einheit gelenkt werden muss; wie zum Beispiel zwei Hände, wenn sie nicht dirigiert werden von einem Willen, getrennte Glieder sind; ohne diese lenkende Einheit können wir kein großes Werk schaffen. Diese Hände können gegeneinander wüten, sie können sich zerfleischen. Die Möglichkeit ist grade dann gegeben, wenn den zweien das gegeben wird, was wir Freiheit nennen. Solange die beiden Hände von der Persönlichkeit abgestimmt (sind) und so lange sie ein Wille beherrscht, werden sie sich nicht gegeneinander wenden.

[ 5 ] Wenn die Gottheit sich so vollkommen machen will, dass die Wesen gottähnlich werden, dann muss sie sich in unendlicher Liebe hingeben, dann muss sie jedem Wesen die Möglichkeit geben, einen eigenen Entschluss zu fassen. In der selbstlosen Hingabe sieht also Jakob Böhme die Möglichkeit des Bösen und der Freiheit. Freiheit ist nur möglich, wenn sich die Gottheit begeben hat der Möglichkeit des einheitlichen Entschlusses, und somit kommt die Möglichkeit des Bösen in die Welt. Und es kommt, wenn wir es nicht nur räumlich, sondern zeitlich fassen. Beispiel des Klavierbauers und des Virtuosen: Man denke sich eine Klavierwerkstätte, darin ein vollkommener Klavierbauer, der nicht nur höchste technische Fertigkeit hat, sondern auch mit Liebe an der Verfertigung der Klaviere arbeitet. Innerhalb der Werkstätte werden wir nichts Unvollkommenes finden. Wenn wir ein Klavier in den Konzertsaal bringen, und ein Virtuose sich dransetzt, wird wieder etwas Vollkommenes kommen. Jeder an seinem Platz leistet Vollkommenes. Nehmen wir aber an, der Klavierbauer wäre zu enthusiastisch und hämmerte weiter, während der Virtuose spielt, so würde diese am unrechten Orte verrichtete Tätigkeit etwas Unvollkommenes hervorbringen. Im Zusammenklange wird dann das Unvollkommene bewirkt.

[ 6 ] Jedes Böse ist in Wahrheit ein versetztes Gutes. Das können wir schon im geschichtlichen Werden verfolgen. Wir nennen heute «reaktionär», was in einer gewissen Zeit gut war. – Jakob Böhme hat in neuerer Zeit den Grund zur Erfassung des Problems gelegt. Er sagt: Dieses Böse stammt eigentlich aus dem Nichts; was veranlagt ist, ist das Gute; die Glieder brauchen nur zusammenzuwirken, dann entsteht das Zusammenwirken des Urgrundes und des Ungrundes. So wenig, wie der Schatten in der Sonne begründet ist, so wenig ist das Böse im Guten begründet. Böhme hat gezeigt, dass es falsch ist, die Probleme des Bösen zu behandeln im Besondern. Es ist in jedem Dinge etwas, was nicht aus dem Urgrunde wirkt, sondern aus dem Zusammenwirken, und es hat damit das Böse in sich. Sein Gedankengebäude ist, wenn man’s verfolgt – namentlich «De signatura rerum» enthält den Schlüssel zu allem –, in Kürze Folgendes: Wir haben jetzt Menschen, Tiere und Mineralien vor uns. – Er Böhme nimmt an, dass der Mensch, nachdem er schon einmal durch das Tierreich durchgegangen war, noch einmal alle früheren Stufen wiederholen musste. Drei Kreisläufe hat er schon durchgemacht. Nun ist er im vierten Kreislauf; da hat er kurz wiederholt die Stufe des Mineralreichs, Pflanzenreichs, Tierreichs und macht jetzt höhere durch.

[ 7 ] Wir haben einen wichtigen Einschnitt: zwischen wechselwarmen Tieren und Tieren mit Innenwärme. Wenn wir geologisch zurückgehen, kommen wir zu älteren Zeiten, wo der Mensch noch nicht da war, sondern warmblütige Tiere und andere, dann zu solchen, wo Kaltblüter an der Spitze sind. Was im Innern des Menschen lebt, ist eigentlich von außen eingeströmt, sodass Böhme sich diesen Zeitpunkt so vorstellt, dass diese frühen Eigenschaften der Weltenseele dann zu äußeren wurden, als äußere Spiegelung der innern Wärme in der äußern Natur. Dann müssen wir uns einen mächtigen Umschwung in der Wärmeentwicklung der Natur denken.

[ 8 ] Diejenigen, die absorbiert haben einen gewissen Wärmegrad, haben das getan auf Kosten der niederen Tiere. «Der Geist Gottes brütete über den Wassern» (1 Mos 1,2). Das ist jene Wärme, die als äußerlich brütend gedacht ist, dann absorbiert wurde von den warmblütigen Tieren und Menschen. Die Leidenschaftlichkeit ist also aufgenommen aus der Umgebung, und dieses Element in der Natur nennt Böhme seine «vierte Naturgestalt » und «Feuer». Diese Naturgestalt steht also in der Mitte, drei gingen voran, drei kommen nach. Während der jetzigen Zeit ist der Warmblüter entstanden. – Den Zustand des Minerals nennt Böhme den Zustand der Herbigkeit; als der Mensch den Zustand der Pflanze wiederholte, war er im Zustand des Lebens. Böhme bezeichnet das als Herbigkeit. Während der dritten Stufe tritt die Möglichkeit des Sterbens ein, er nennt es Qual des Lebens, Todfähigkeit. Das Vierte … Lücke. Das Fünfte ist, was er nennt: Liebebegierde, das Sechste der Schall oder der Laut, das Siebente die Wonne. Diese stehen bevor. Es ist ein großes Weltengemälde.

[ 9 ] Alles, was Böhme als Kohlengemälde seiner Weltanschauung gemacht hat, ist größer, sie fließen von ihm, als ob eine göttliche Seele aus ihm flösse. Nicht Begriffe gibt er, sondern wirkliche Weisheit.

[ 10 ] Die Naturwissenschaft beginnt allerdings mystisch, da der berühmte Mystiker Giordano Bruno Kopernikus verteidigt, dann geht es allerdings in einem feinen Strom weiter, lebt sich aus in Goethe, geht dann in feinen Strahlen durch Baader, Novalis bis Maeterlinck. Heute möchte ich noch einen Großen erwähnen, der mehr zu Jakob Böhme gehört – währenddem wir in einem Giordano Bruno ein neues Licht erblickten –, eine Persönlichkeit, in der unmittelbar wie aus der intimsten Seele heraus alle großen Gedanken in Stimmung aufgelöst sind. Nicht Theorien gab sie, aber etwas, das wie aus allen Theorien heraus noch einmal, aber wie aus einer intimsten Seele heraus, in wunderbarem Leben strömt. Die ganze persönliche Art, wie ein zur höchsten Unpersönlichkeit herauf Entwickelter sie ausdrückt, das ist Bewusstsein geworden, was die andern erdacht und erschaut haben: Völlig süß vor Reife ist diese mittelalterliche Mystik in Angelus Silesius geworden.