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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

20 August 1918, Dornach

23. Leseprobe zu Goethes «Klassischer Walpurgisnacht» I

[ 1 ] Es soll also, wie verfügt worden ist, fortgefahren werden in der «Klassischen Walpurgisnacht». Nun erinnern Sie sich, dass zu den faustischen Worten:

Geheilt will ich nicht sein! mein Sinn ist mächtig!
Da wär’ ich ja wie andere niederträchtig (V 7459–7460)

[ 2 ] dass da die Szene verwandelt worden ist. Dann kam die andere Szene, in der Chiron sagt:

Versäume nicht das Heil der edlen Quelle!
Geschwind herab! Wir sind zur Stelle (V 7461–7462)

[ 3 ] bis zum Auftreten der Manto. Das war also eine andere Szene; die fehlt in den Ausgaben, diese [Angabe der] Verwandlung. Nun aber soll die Szene wiederum zurückrücken bis zu der, die ja in unserer Darstellung eigentlich die allererste war. Gemeint ist allerdings im Buch, dass es zurückgeht bis zu der Szene: «Peneios, umgeben von Gewässern und Nymphen», zu der soll zurückgegriffen werden. Aber, nicht wahr, bei unserer Darstellung waren in dieser Szene – [«Peneios, umgeben von Gewässern und Nymphen»] – die Sphinxe nicht mehr zu sehen, währenddem jetzt die Sphinxe natürlich da sein müssen.

[ 4 ] Also wir müssen uns ähnlich der ersten Szene aufstellen, der allerersten Szene, die wir gehabt haben. Und das Wesentliche ist, dass also Goethe zunächst einmal anschaulich zu machen bestrebt ist den Unterschied zwischen der ganzen nordischen Welt und der griechischklassischen Welt. Geister der nordischen Welt, der fünften nachatlantischen Zeit, wie wir sagen, sind im Wesentlichen gebunden an eine ruhige Erde. Erdbeben gibt’s ja eigentlich nur bis Göttingen; was nördlich von der Göttinger Zone ist, ist ja eigentlich erdbebenfreies Gebiet. Und mit diesen Dingen hängen natürlich die Erscheinungen im Weiteren zusammen, die hier gemeint sind.

[ 5 ] Das ganze Gefüge der griechischen Götterwelt hing schon damit zusammen, dass die Natur selber unruhig war, die Natur gewissermaßen in sich geeignet war, sich zu metamorphosieren, mitmachte dasjenige, was die Menschheit machte, was die Geisterwelt machte. Aber gerade dazu soll ja zurück Faust in die vierte nachatlantische Zeit, die griechische Welt, damit sein Schicksal in Gemeinsamkeit mit der Natur verlaufen kann. Und das bestrebt sich hier Goethe zu zeigen, indem er anschließt an die Szene, die wir früher gehabt haben: «Am oberen Peneios».

[ 6 ] Es sind zunächst die Sirenen, die Sirenen, die zunächst etwas ihre Stimme halten können, weil sie gewissermaßen unter sich sind jetzt, hier nicht auf Menschen wirken. Aber das Eigentümliche ist, dass sie überrascht werden eben gerade von der Bewegung der Erde, von dem Erdbeben. Sie wollen zuerst gewissermaßen der Gesang des Wassers, der Gesang des Peneios sein. Die ersten Verse sind gewissermaßen die in dem Wasser stehen gebliebenen Wellen. Die Wasserwellen rinnen unter den Tonwellen fort, sodass die Sirenen gewissermaßen unter die Wellen untertauchen, aber die Wasserwellen rinnen fort; die Sirenenwellen bleiben stehende Wellen, wollen nur auf- und abwogen in den fortrinnenden Wasserwellen. Das ist der Sinn der ersten Sirenen-Zeilen. Also in dieser Art:

SIRENEN:
Stürzt euch in Peneios Flut!
Plätschernd ziemt es da zu schwimmen,
Lied um Lieder anzustimmen,
Dem unseligen Volk zugut. (V 7495–7498)

[ 7 ] Das unselige Volk ist hier das Wasservolk, alle Wassergeister.

Ohne Wasser ist kein Heil!
Führen wir mit hellem Heere
Eilig zum Ägäischen Meere,
Würd’ uns jede Lust zuteil. (V 7499–7502)

[ 8 ] Sie sind eben nicht gesonnen, zum Ägäischen Meere zu fahren, sondern sie bleiben als stehende Wellen, während das Wasser unter ihnen fortfließt. Und während sie so mit dem Wasser spielen, kommt das Erdbeben, das sie überrascht, das sie zunächst dadurch sehen, dass die Welle zurückschlägt. Sie dachten, die Welle gehe fort; die Welle schlägt [aber] zurück.

Erdbeben.

SIRENEN:
Schäumend kehrt die Welle wieder,
Fließt nicht mehr im Bett darnieder;
Grund erhebt, das Wasser staucht,
Kies und Ufer berstend raucht.
Flüchten wir! Kommt alle, kommt!
Niemand, dem das Wunder frommt.
Fort! ihr edlen frohen Gäste,
Zu dem seeisch heitern Feste,
Blinkend, wo die Zitterwellen,
Ufernetzend, leise schwellen;
Da, wo Luna doppelt leuchtet,
Uns mit heiligem Tau befeuchtet.
Dort ein freibewegtes Leben,
Hier ein ängstlich Erde-Beben;
Eile jeder Kluge fort!
Schauderhaft ist’s um den Ort. (V 7503–7518)

[ 9 ] Also: dunkel, rhythmisch, das Schaudern nur andeutend, im Künstlerischen das Schaudern verfließen lassend. Nun kommt der Erdboden herauf. In der Nähe des Peneios erhebt sich der Erdboden. Die Wellen haben zuerst das Erheben des Erdbodens angedeutet. Aus der Tiefe schiebt das Erdbeben einen Berg heran. Im BergHeranschieben sichtbar wird der Gott des Erdbebens, der Gott der bewegten Erde: Seismos. Man hört ihn zuerst, indem er noch nicht sichtbar ist, in der Tiefe:

SEISMOS (in der Tiefe brummend und polternd):
Einmal noch mit Kraft geschoben,
Mit den Schultern brav gehoben!
So gelangen wir nach oben,
Wo uns alles weichen muss. (V 7519–7522)

[ 10 ] Das bemerken nun die Sphinxe, die die Ruhe im bewegten Kosmos darstellen, die das Gegenstück sind zu diesem bewegten Kosmos.

SPHINXE:
Welch ein widerwärtig Zittern,
Hässlich grausenhaftes Wittern!
Welch ein Schwanken, welches Beben,
Schaukelnd Hin- und Widerstreben!
Welch unleidlicher Verdruss!
Doch wir ändern nicht die Stelle,
Bräche los die ganze Hölle. (V 7523–7529)

[ 11 ] Etwas Pause. Nun kommt der Berg, der immerfort herauftaucht. – Ich bin bloß gespannt, wie Sie das alles machen werden! – Der Berg wird immer höher und höher.

SPHINXE:
Nun erhebt sich ein Gewölbe
Wundersam.

[ 12 ] Sie betrachten den Berg nicht mit Wohlwollen, eher mit Entsetzen. Sphinxe weiter:

Es ist derselbe,
Jener Alte, längst Ergraute,
Der die Insel Delos baute,
Einer Kreißenden zu Lieb’
Aus der Wog’ empor sie trieb. (V 7530–7535)

[ 13 ] Nämlich: der Leto zulieb, die den Apollo gebären wollte, hat er die Insel Delos heraufgehoben, der Seismos.

Einer Kreißenden zulieb’
Aus der Wog’ empor sie trieb.
Er, mit Streben, Drängen, Drücken,
Arme straff, gekrümmt den Rücken,
Wie ein Atlas an Gebärde,
Hebt er Boden, Rasen, Erde,
Kies und Grieß und Sand und Letten,
Unsres Ufers stille Betten. (V 7536–7541)

[ 14 ] Nun tut sich ein Spalt auf.

So zerreißt er eine Strecke
Quer des Tales ruhige Decke. (V 7542–7543)

[ 15 ] Und nun kommt eine Karyatide herauf; die sieht man bis zur Taille einen Felsenberg heraufheben aus der Erde.

Angestrengtest, nimmer müde,
Kolossale Karyatide;
Trägt ein furchtbar Steingerüste,
Noch im Boden bis zur Büste. (V 7544–7547)

[ 16 ] Also die Karyatide ist bis zur Büste noch im Boden; so trägt sie diesen Steinansatz herauf.

Weiter aber –

[ 17 ] wehren die Sphinxe,

Weiter aber soll’s nicht kommen,
Sphinxe haben Platz genommen. (V 7548–7549)

[ 18 ] Also sie wollen ruhig bleiben; sie sind ja die Ruhe im bewegten Kosmos. Seismos lässt sich aber in seinen Geschäften, oder will sich wenigstens nicht stören lassen, sondern hebt nun auch die guten Seiten seines Amtes hervor. Also, indem er da das Ganze heraufbefördert hat, die Kolossalkaryatide ihm geholfen hat, verteidigt er sich gegen die Sphinxe:

SEISMOS:
Das hab’ ich ganz allein vermittelt,
Man wird mir’s endlich zugestehn;
Und hätt’ ich nicht geschüttelt und gerüttelt,
Wie wäre diese Welt so schön?
Wie ständen eure Berge droben
In prächtig-reinem Ätherblau,
Hätt’ ich sie nicht hervorgeschoben
Zu malerisch-entzückter Schau?
Als, angesichts der höchsten Ahnen,
Der Nacht, des Chaos, ich mich stark betrug
Und, in Gesellschaft von Titanen,
Mit Pelion und Ossa als mit Ballen schlug.
Wir tollten fort in jugendlicher Hitze,
Bis überdrüssig, noch zuletzt
Wir dem Parnass als eine Doppelmütze,
Die beiden Berge frevelnd aufgesetzt …
Apollen hält ein froh Verweilen
Dort nun mit seliger Musen Chor.
Selbst Jupitern mit seinen Donnerkeilen
Hob ich den Sessel hoch empor. (V 7550–7569)

[ 19 ] Er schiebt weiter.

Jetzt so, mit ungeheurem Streben,
Drang aus dem Abgrund ich herauf
Und fordere laut, zu neuem Leben,
Mir fröhliche Bewohner auf. (V 7570–7573)

[ 20 ] Also er stürmt herauf mit seinen Welten. Die Sphinxe, die sind eben eigentlich eine Art Ruhe in dem Ganzen; gegen die hat sich der Seismos nun verteidigt gehabt. – Und nun: Die Sphinxe haben ihm zugehört und nehmen jetzt ihrerseits Stellung zu dem, was er gesagt hat.

SPHINXE:
Uralt, müsste man gestehen,
Sei das hier Emporgebirgte (V 7574–7575) –

[ 21 ] «Emporgebirgt» ist schon ein ganz gutes deutsches Wort; es heißt also: nach Art der Gebirge emporgehoben. Goethe versucht, von Gebirge ein Verbum zu machen: es entsteht das Gebirge – emporgebirgt.

Hätten wir nicht selbst gesehen,
Wie sich’s aus dem Boden würgte.
Bebuschter Wald verbreitet sich hinan,
Noch drängt sich Fels auf Fels bewegt heran;
’ne Sphinx wird sich daran nicht kehren:
Wir lassen uns im heiligen Sitz nicht stören. (V 7576–7581)

[ 22 ] «Ein Sphinx» – ist falsch; es muss heißen: «’ne Sphinx». Zu dem Berg gehen nun die Greifen:

GREIFE:
Gold in Blättchen, Gold in Flittern
Durch die Ritzen seh’ ich zittern.
Lasst euch solchen Schatz nicht rauben;
Imsen auf! es auszuklauben. (V 7582–7585)

[ 23 ] Und nun kommen die Imsen; die wollen so heran; das sind die Naturgeister des aufstrebenden Berges, die sich da alle geltend machen. Und mit dem aufgetriebenen Berg kommen nun auch die Imsen heran:

CHOR DER AMEISEN:
Wie ihn die Riesigen
Emporgeschoben,
Ihr Zappelfüßigen,
Geschwind nach oben!
Behendest aus und ein!
In solchen Ritzen
Ist jedes Bröselein
Wert zu besitzen.
Das Allermindeste
Müsst ihr entdecken,
Auf das geschwindeste
In allen Ecken.
Allemsig müsst ihr sein,
Ihr Wimmelscharen;
Nur mit dem Gold herein!
Den Berg lasst fahren.

GREIFE:
Herein! Herein! Nur Gold zu Hauf!
Wir legen unsre Klauen drauf;
Sind Riegel von der besten Art,
Der größte Schatz ist wohlverwahrt. (V 7586–7605)

[ 24 ] Und nun kommt von einer anderen Seite der Chor der Pygmäen herauf. Das muss eine ganze Schar sein, viele Kinder, die Pygmäen sind; vorne eine Reihe PygmäenÄltester, dann ein Generalissimus, ein Pygmäen-Feldmarschall, der sie anführt; so kommt dieses Pygmäenheer heran:

PYGMÄEN:
Haben wirklich Platz genommen,
Wissen nicht, wie es geschah;
Fraget nicht, woher wir kommen,
Denn wir sind nun einmal da!
Zu des Lebens lustigem Sitze
Eignet sich ein jedes Land;
Zeigt sich eine Felsenritze,
Ist auch schon der Zwerg zur Hand.
Zwerg und Zwergin, rasch zum Fleiße,
Musterhaft ein jedes Paar;
Weiß nicht, ob es gleicher Weise
Schon im Paradiese war.
Doch wir findens hier zum besten,
Segnen dankbar unsern Stern;
Denn im Osten wie im Westen
Zeugt die Mutter Erde gern. (V 7606–7621)

[ 25 ] Jetzt kommen aus irgendeiner Ecke heraus – das muss dann eingeteilt werden – fünf kleine Gestalten: vier Fingerlinge und ein Däumerling. Das sind die Daktyle.

DAKTYLE:
Hat sie in einer Nacht
Die Kleinen hervorgebracht;
Sie wird die Kleinsten erzeugen,
Finden auch ihresgleichen.

[ 26 ] Jetzt die Pygmäenälteste:

PYGMÄENÄLTESTE:
Eilet, bequemen
Sitz einzunehmen!
Eilig zum Werke;
Schnelle für Stärke!
Noch ist es Friede;
Baut euch die Schmiede,
Harnisch und Waffen
Dem Heer zu schaffen.

Ihr Imsen alle,
Rührig im Schwalle,
Schafft uns Metalle!
Und ihr, Daktyle,
Kleinste, so viele,
Euch sei befohlen,
Hölzer zu holen!
Schichtet zusammen
Heimliche Flammen,
Schaffet uns Kohlen!

[ 27 ] Jetzt der Pygmäen-Generalissimus:

GENERALISSIMUS:
Mit Pfeil und Bogen
Frisch ausgezogen!
An jenem Weiher
Schießt mir die Reiher,
Unzählig nistende,
Hochmütig brüstende,
Auf einen Ruck!
Alle wie Einen;
Dass wir erscheinen
Mit Helm und Schmuck. (V 7622–7653)

[ 28 ] Der muss ein Schwert haben. Jetzt die Daktyle – das sind die Fingerlinge – und die Imsen zusammen:

IMSEN UND DAKTYLE:
Wer wird uns retten!
Wir schaffen’s Eisen,
Sie schmieden Ketten.
Uns loszureißen
Ist noch nicht zeitig,
Drum seid geschmeidig.

DIE KRANICHE DES IBYKUS:
Mordgeschrei und Sterbeklagen!
Ängstlich Flügelflatterschlagen!
Welch ein Ächzen, welch Gestöhn
Dringt herauf zu unsern Höhn!
Alle sind sie schon ertötet,
See von ihrem Blut gerötet;
Missgestaltete Begierde
Raubt des Reihers edle Zierde.
Weht es doch schon auf dem Helme
Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme.
Ihr Genossen unsres Heeres,
Reihenwanderer des Meeres,
Euch berufen wir zur Rache
In so nahverwandter Sache.
Keiner spare Kraft und Blut,
Ewige Feindschaft dieser Brut! (V 7654–7675)
(Zerstreuen sich krächzend in den Lüften.)

[ 29 ] Jetzt ist hier der Berg – in der Mitte –, drüben links die Sphinxe, und da irgendwo, ganz rechts, taucht der Mephisto auf, der durch den Berg gehindert wird, zu den Sphinxen zurückzukehren. Er ist auf dem Weg zu den Sphinxen zurück; er hat ja versprochen, dass er wiederkommen wird; aber er sieht sie nicht, weil der Berg entstanden ist.

MEPHISTOPHELES:
Die nordischen Hexen wusst’ ich wohl zu meistern,
Mir wird’s nicht just mit diesen fremden Geistern.
Der Blocksberg bleibt ein gar bequem Lokal,
Wo man auch sei, man findet sich zumal.
Frau Ilse wacht für uns auf ihrem Stein,
Auf seiner Höh’ wird Heinrich munter sein,
Die Schnarcher schnauzen zwar das Elend an,
Doch alles ist für tausend Jahr getan.
Wer weiß denn hier nur, wo er geht und steht,
Ob unter ihm sich nicht der Boden bläht? …
Ich wandle lustig durch ein glattes Tal
Und hinter mir erhebt sich auf einmal
Ein Berg, zwar kaum ein Berg zu nennen,
Von meinen Sphinxen mich jedoch zu trennen
Schon hoch genug – Hier zuckt noch manches Feuer
Durchs Tal hinab, und flammt ums Abenteuer …
Noch tanzt und schwebt mir lockend, weichend vor,
Spitzbübisch gaukelnd, der galante Chor. (V 7676–7693)

[ 30 ] Nämlich die Lamien, die jetzt wiederum ihm nachkommen.

Nur sachte drauf! Allzugewohnt ans Naschen,
Wo es auch sei, man sucht was zu erhaschen. (V 7694–7695)

[ 31 ] Also die Lamien müssen hier so kostümiert werden, dass sie mit einer Haut überzogen werden, in sehr schöner Maske; die muss so angezogen werden, dass sie abgeworfen werden kann nach rückwärts rasch und dass die Lamien die Gestalten annehmen, wie sie hier beschrieben werden. Also die Lamien sind Metamorphosen, müssen sich rasch verwandeln können. Die Lamien kommen also:

LAMIEN (Den Mephistopheles nach sich ziehend):
Geschwind, geschwinder!
Und immer weiter!
Dann wieder zaudernd,
Geschwätzig plaudernd.
Es ist so heiter,
Den alten Sünder
Uns nach zu ziehen,
Zu schwerer Buße
Mit starrem Fuße
Kommt er geholpert,
Einher gestolpert;
Er schleppt das Bein,
Wie wir ihn fliehen,
Uns hinterdrein! (V 7696–7709)

[ 32 ] Mephistopheles rechts.

MEPHISTOPHELES (stillstehend):
Verflucht Geschick! Betrogne Mannsen!
Von Adam her verführte Hansen! (V 7710–7711)

[ 33 ] So schimpft er sich selber, die Männer!

Alt wird man wohl, wer aber klug?
Warst du nicht schon vernarrt genug!
Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts;
Geschnürten Leibs, geschminkten Angesichts;
Nichts haben sie Gesundes zu erwidern,
Wo man sie anfasst, morsch in allen Gliedern.
Man weiß, man sieht’s, man kann es greifen,
Und dennoch tanzt man, wenn die Luder pfeifen!
(V 7712–7719)

[ 34 ] Er fasst sie an, findet, dass sie morsch sind; sie sind eben ganz ausgestopft, mit etwas überzogen. Die Lamien halten etwas stille:

LAMIEN (innehaltend):
Halt! er besinnt sich, zaudert, steht;
Entgegnet ihm, dass er euch nicht entgeht! (V 7720–7721)

[ 35 ] Also sie wollen ihm näherkommen. Mephistopheles schreitet etwas vor.

MEPHISTOPHELES (fortschreitend):
Nur zu! und lass dich ins Gewebe
Der Zweifelei nicht törig ein;
Denn wenn es keine Hexen gäbe,
Wer Teufel möchte Teufel sein!

LAMIEN (anmutigst):
Kreisen wir um diesen Helden;
Liebe wird in seinem Herzen
Sich gewiss für Eine melden.

MEPHISTOPHELES:
Zwar mit ungewissem Schimmer
Scheint ihr hübsche Frauenzimmer,
Und so möchte’ ich euch nicht schelten. (V 7722–7731)

[ 36 ] Und nun kommt die Schlimmste, die geht ganz auf ihn zu, die Empuse, die ist eine von den Lamien:

EMPUSE (eindringend):
Auch nicht mich! als eine solche
Lasst mich ein in eure Folge.

LAMIEN:
Die ist in unserm Kreis zu viel,
Verdirbt doch immer unser Spiel.

EMPUSE (zu Mephistopheles):
Begrüßt von Mühmichen Empuse,
Der Trauten mit dem Eselsfuße;
Du hast nur einen Pferdefuß,
Und doch, Herr Vetter, schönsten Gruß! (V 7732–7739)

[ 37 ] Also sie hat einen Eselsfuß. Da nimmt sie nun das Tuch zurück und hat einen Eselskopf auf. Vorher schaut er nur nach ihr hin, und es sieht so aus, wie wenn sie sehr schön wäre. Hier muss sie nun das Tuch zurückschlagen. Sie ist nämlich sehr schön, aber ihr Kopf verwandelt sich, wie sich alle metamorphosieren, in einen Eselskopf.

MEPHISTOPHELES:
Hier dacht’ ich lauter Unbekannte
Und finde leider Nahverwandte,
Es ist ein altes Buch zu blättern:
Vom Harz bis Hellas immer Vettern! (V 7740–7743)

[ 38 ] Empuse links.

EMPUSE:
Entschieden weiß ich gleich zu handeln,
In vieles könnt’ ich mich verwandeln;
Doch euch zu Ehren hab’ ich jetzt
Das Eselsköpfchen aufgesetzt.

MEPHISTOPHELES:
Ich merk’, es hat bei diesen Leuten
Verwandtschaft Großes zu bedeuten;
Doch mag sich, was auch will, ereignen,
Den Eselskopf möchte’ ich verleugnen.
LAMIEN: Lass diese Garstige, sie verscheucht,
Was irgend schön und lieblich deucht;
Was irgend schön und lieblich wär’,
Sie kommt heran, es ist nicht mehr!

MEPHISTOPHELES:
Auch diese Mühmchen, zart und schmächtig,
Sie sind mir allesamt verdächtig;
Und hinter solcher Wänglein Rosen
Fürcht’ ich doch auch Metamorphosen.

LAMIEN:
Versuch’ es doch! sind unsrer Viele.
Greif zu! Und hast du Glück im Spiele,
Erhasche dir das beste Los.
Was soll das lüsterne Geleier?
Du bist ein miserabler Freier,
Stolzierst einher und tust so groß! –
Nun mischt er sich in unsre Scharen;
Lasst nach und nach die Masken fahren
Und gebt ihm euer Wesen bloß.

MEPHISTOPHELES:
Die Schönste hab‘ ich mir erlesen …
(Sie umfassend.)

[ 39 ] Umfasst sie ein wenig.

O weh mir! welch ein dürrer Besen! (V 7744–7770)

[ 40 ] Also er umfasst sie ein wenig, und nun fliegt nach hinten ihre Hülle ab. Also er hat eine ganz Schmächtige, Dürre, Besenartige in der Hand. Er ergreift eine andere:

(eine andere ergreifend)
Und diese? … Schmähliches Gesicht!

LAMIEN:
Verdienst du’s besser? dünk’ es nicht.

MEPHISTOPHELES:
Die Kleine möcht ich mir verpfänden … (V 7771–7773)

[ 41 ] Also eine dritte.

Lacerte schlüpft mir aus den Händen!
Und schlangenhaft der glatte Zopf.
Dagegen fass’ ich mir die Lange,
Da pack’ ich eine Thyrsusstange!
Den Pinienapfel als den Kopf.
Wo will’s hinaus? … Noch eine Dicke,
An der ich mich vielleicht erquicke;
Zum letztenmal gewagt! Es sei!
Recht quammig, quappig, das bezahlen
Mit hohem Preis Orientalen …
Doch ach! der Bovist platzt entzwei! (V 7774–7784)

[ 42 ] Die muss also ganz entzweiplatzen! – Ich bin nur neugierig, wie Sie das inszenieren!

LAMIEN:
Fahrt auseinander, schwankt und schwebet
Blitzartig, schwarzen Flugs umgebet
Den eingedrungenen Hexensohn!
Unsichre schauderhafte Kreise!
Schweigsamen Fittichs, Fledermäuse!
Zu wohlfeil kommt er doch davon. (V 7785–7790)

[ 43 ] Sie gehen fort, sie verschwinden, die Lamien. Mephistopheles schüttelt sich.

MEPHISTOPHELES:
Viel klüger, scheint es, bin ich nicht geworden;
Absurd ist’s hier, absurd im Norden,
Gespenster hier wie dort vertrackt,
Volk und Poeten abgeschmackt.
Ist eben hier ein Mummenschanz,
Wie überall ein Sinnentanz.
Ich griff nach holden Maskenzügen
Und fasste Wesen, dass mich’s schauerte …
Ich möchte gerne mich betrügen,
Wenn es nur länger dauerte.
(sich zwischen dem Gestein verirrend)
Wo bin ich denn? Wo will’s hinaus?
Das war ein Pfad, nun ist’s ein Graus.
Ich kam daher auf glatten Wegen,
Und jetzt steht mir Geröll entgegen.
Vergebens klettr’ ich auf und nieder,
Wo find’ ich meine Sphinxe wieder?
So toll hätt’ ich mirs nicht gedacht,
Ein solch Gebirg in Einer Nacht!
Das heiß’ ich frischen Hexenritt,
Die bringen ihren Blocksberg mit. (V 7791–7810)

[ 44 ] Das ist gerade das, worauf es ankommt: Im Norden bringen die Hexen ihren Blocksberg nicht mit; hier sind sie so mit der Natur verwandt, dass sie ihren eigenen Blocksberg mitbringen; hier gehört die Natur noch zu den Wesen dazu.

[ 45 ] Nun aber zeigt sich oben auf den Felsen eine Oreade. Das ist also eine Felsennymphe; die muss man nach oben setzen.

OREAS (vom Naturfels):
Herauf hier! Mein Gebirg ist alt,
Steht in ursprünglicher Gestalt.
Verehre schroffe Felsensteige,
Des Pindus letztgedehnte Zweige.
Schon stand ich unerschüttert so,
Als über mich Pompejus floh.
Daneben, das Gebild des Wahns,
Verschwindet schon beim Krähn des Hahns.
Dergleichen Märchen seh’ ich oft entstehn
Und plötzlich wieder untergehn.

MEPHISTOPHELES:
Sei Ehre dir, ehrwürdiges Haupt!
Von hoher Eichenkraft umlaubt;
Der allerklarste Mondenschein
Dringt nicht zur Finsternis herein. –
Doch neben am Gebüsche zieht
Ein Licht, das gar bescheiden glüht.
Wie sich das alles fügen muss!
Fürwahr! es ist Homunkulus.
Woher des Wegs, du Kleingeselle? (V 7811–7829)

[ 46 ] Also mittlerweile hat sich Homunkulus eingefunden, der ja auch hier den Weg in die Natur finden soll, in die Natur und [in] die Menschennatur. Faust findet sich zu Helena, mit der er sich vereinigt, nachdem er mit ihr die Elemente durchlaufen. Der Homunkulus sucht sich ins Grüne, bis zum Muschelwagen der Galatee, an dem er zerschellt, also in die Natur hinein [zu finden]; [und zu Wesen], die noch mit der Natur verbunden sind; und der Mephistopheles [sucht Anschluss an] Wesen, Gestalten, die noch mit der Natur so verwandt sind wie er, [und] findet sich zu den Phorkyaden. Alle suchen den Anschluss an die Natur. Während man im Norden den Menschen aus der Natur herausgestellt, herausversteinert hat – hier ist mit der Natur alles verbunden. Und wenn im Menschenleben etwas geschieht, so geschieht auch in der Natur etwas.

HOMUNKULUS:
Ich schwebe so von Stell’ zu Stelle
Und möchte gern im besten Sinn entstehn,
Voll Ungeduld, mein Glas entzwei zu schlagen;
Allein was ich bisher gesehn,
Hinein da möchte’ ich mich nicht wagen.
Nur, um dir’s im Vertraun zu sagen:
Zwei Philosophen bin ich auf der Spur,
Ich horchte zu, es hieß: Natur! Natur!
Von diesen will ich mich nicht trennen,
Sie müssen doch das irdische Wesen kennen;
Und ich erfahre wohl am Ende,
Wohin ich mich am allerklügsten wende.

MEPHISTOPHELES:
Das tu’ auf deine eigne Hand.
Denn, wo Gespenster Platz genommen,
Ist auch der Philosoph willkommen.
Damit man seiner Kunst und Gunst sich freue,
Erschafft er gleich ein Dutzend neue.
Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand!
Willst du entstehn, entsteh’ auf eigne Hand!

HOMUNKULUS:
Ein guter Rat ist auch nicht zu verschmähn.

MEPHISTOPHELES:
So fahre hin! Wir wollen’s weiter sehn. (V 7830–7850)
(trennen sich)

[ 47 ] Der Homunkulus bleibt da; der Mephistopheles geht etwas weiter ab. Zu dem Homunkulus treten jetzt heran die zwei Philosophen, wovon der eine die Ansicht vertritt, dass alles durch das Wasser entstanden ist, was ja hier von selbst sich widerlegt, denn hier ist durch den Seismos – das ist also Vulkane, Erdbeben, Feuerkräfte – der Berg aufgeschüttet worden. So ist der Thales von vornherein durch die Situation widerlegt. Der Anaxagoras vertritt die Ansicht, dass alles durch Feuer entsteht, Feuerkräfte, vulkanische Kräfte. So also ist der Thales hier von vornherein im Nachteil, denn er wird widerlegt durch die Situation. Der Homunkulus soll lernen, wie man entsteht, eben gerade an dem Gebrodel, an dem, was da vorgeht. Da mischen sich die zwei Philosophen hinein, griechische Naturphilosophen, die ja noch mehr als die späteren Philosophen verbunden sind mit der Natur und daher noch etwas verstehen von der Natur. Sie sprechen: Anaxagoras, der mehr begeistert ist; Thales, der mehr Behäbige, Breitere.

ANAXAGORAS (zu Thales):
Dein starrer Sinn will sich nicht beugen,
Bedarf es weit’res, dich zu überzeugen?

[ 48 ] Thales links.

THALES:
Die Welle beugt sich jedem Winde gern,
Doch hält sie sich vom schroffen Felsen fern.

ANAXAGORAS:
Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen.

THALES:
Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.

HOMUNKULUS (zwischen beiden):
Lasst mich an eurer Seite gehn,
Mir selbst gelüstet’s, zu entstehn!

ANAXAGORAS:
Hast du, o Thales, je in Einer Nacht,
Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?
(V 7851–7852)

[ 49 ] Also [wohl zum Darsteller des Thales]: Der widerlegt deine Rede; deine Rede ist Unsinn. – Thales behauptet, es wäre alles aus Schlamm, Wasserkraft abgesetzt worden.

THALES:
Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen
Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen;
Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.

ANAXAGORAS:
Hier aber war’s! Plutonisch grimmig Feuer,
Äolischer Dünste Knallkraft ungeheuer,
Durchbrach des flachen Bodens alte Kruste,
Dass neu ein Berg sogleich entstehen musste.

[ 50 ] Thales links in der Mitte.

THALES:
Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt?
Er ist auch da, und das ist gut zuletzt.
Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile
Und führt doch nur geduldig Volk am Seile.

[ 51 ] Anaxagoras rechts.

ANAXAGORAS:
Schnell quillt der Berg von Myrmidonen,
Die Felsenspalten zu bewohnen;
Pygmäen, Imsen, Däumerlinge
Und andre tätig kleine Dinge.
(zum Homunkulus)
Nie hast du Großem nachgestrebt,
Einsiedlerisch-beschränkt gelebt;
Kannst du zur Herrschaft dich gewöhnen,
So lass’ ich dich als König krönen.

HOMUNKULUS:
Was sagt mein Thales? –

THALES:
Will’s nicht raten;
Mit Kleinen tut man kleine Taten,
Mit Großen wird der Kleine groß.
Sieh hin! die schwarze Kranich-Wolke!
Sie droht dem aufgeregten Volke
Und würde so dem König drohn.
Mit scharfen Schnäbeln, Krallen-Beinen,
Sie stechen nieder auf die Kleinen;

Verhängnis wetterleuchtet schon.
Ein Frevel tötete die Reiher
Umstellend ruhigen Friedensweiher.
Doch jener Mordgeschosse Regen
Schafft grausam-blut’gen Rache-Segen,
Erregt der Nahverwandten Wut
Nach der Pygmäen frevlem Blut.

Was nützt nun Schild und Helm und Speer?
Was hilft der Reiherstrahl den Zwergen?
Wie sich Daktyl und Imse bergen,
Schon wankt, es flieht, es stürzt das Heer. (V 7861–7899)

[ 52 ] Also er findet, dass alles untergeht, und all das Scheinleben, das gefällt ihm nicht. Er findet, dass die Natur und die Erde ganz anders hätten entstehen sollen, als alles entstanden ist. Es gibt ja natürlich selbst beste Philosophen, die stellen Theorien auf, die stimmen nicht mit der Natur. Und dann sagen sie: «Umso schlimmer für die Natur!»

[ 53 ] Anaxagoras bezieht nun – das alles, was da entstanden ist, das ist ja durch Mondenkräfte entstanden, also in der Erdenevolution zurückgebliebene Mondenkräfte –, Anaxagoras bezieht das nun auch auf den Mond. Es tritt eine feierliche Pause ein, nachdem der Thales seine Bourgeois-Philisterrede vorgebracht hat.

[ 54 ] Thales ist das schon im Bourgeoistum aufgehende Griechentum, das Philisterium. Also, eine feierliche Pause tritt ein. Der Mond geht auf.

[ 55 ] Anaxagoras großartig:

ANAXAGORAS (nach einer Pause, feierlich):
Konnt’ ich bisher die Unterirdischen loben,
So wend’ ich mich in diesem Fall nach oben …
Du! droben ewig Unveraltete,
Dreinamig-Dreigestaltete,
Dich ruf’ ich an bei meines Volkes Weh,
Diana, Luna, Hekate!
Du, Brust-Erweiternde, im Tiefsten-Sinnige,
Du Ruhig-Scheinende, Gewaltsam-Innige,
Eröffne deiner Schatten grausen Schlund,
Die alte Macht sei ohne Zauber kund! (V 7900–7909)
(Pause)

[ 56 ] Es ist ihm, wie wenn er feurige Massen, Feuerwolken, kommen sehen würde. [Anaxagoras] ängstlich.

ANAXAGORAS:
Bin ich zu schnell erhört!
Hat mein Flehn
Nach jenen Höhn
Die Ordnung der Natur gestört?

Und größer, immer größer nahet schon
Der Göttin rundumschriebner Thron,
Dem Auge furchtbar, ungeheuer.
Ins Düstre rötet sich sein Feuer …

[ 57 ] Ängstlicher, furchtsam.

Nicht näher! drohend-mächtige Runde,
Du richtest uns und Land und Meer zu Grunde!
So wär’ es wahr, dass dich Thessalische Frauen
In frevelnd magischem Vertrauen
Von deinem Pfad herabgesungen?
Verderblichstes dir abgerungen? …
Das lichte Schild hat sich umdunkelt,
Auf einmal reißt’s und blitzt und funkelt,
Welch ein Geprassel! Welch ein Zischen!
Ein Donnern, Windgetön dazwischen! –
Demütig zu des Thrones Stufen! –
Verzeiht! Ich hab’ es hergerufen. (V 7910–7929)
(Wirft sich nieder aufs Angesicht.)

[ 58 ] Thales kommt verständnislos etwas näher.

THALES:
Was dieser Mann nicht alles hört’ und sah!
Ich weiß nicht recht wie uns geschah;
Auch hab’ ich’s nicht mit ihm empfunden.
Gestehen wir, es sind verrückte Stunden,
Und Luna wiegt sich ganz bequem
Auf ihrem Platz, so wie vordem. (V 7930–7935)

[ 59 ] Er ist eben der Urphilister, Bourgeois-Philister!

HOMUNKULUS:
Schaut hin nach der Pygmäen Sitz,
Der Berg war rund, jetzt ist er spitz.
Ich spürt’ ein ungeheures Prallen,
Der Fels war aus dem Mond gefallen;
Gleich hat er, ohne nachzufragen,
So Freund als Feind gequetscht, erschlagen.
Doch muss ich solche Künste loben,
Die schöpferisch, in einer Nacht,
Zugleich von unten und von oben,
Dies Berggebäu zu Stand gebracht. (V 7936–7945)

[ 60 ] Also da ist noch eine Spitze entstanden am Felsen. Das ungeheure Prallen, das war das, was der Anaxagoras gesehen hatte.

THALES:
Sei ruhig! Es war nur gedacht.
Sie fahre hin, die garstige Brut!
Dass du nicht König warst ist gut.
Nun fort zum heitern Meeresfeste,
Dort hofft und ehrt man Wundergäste. (V 7945–7950)
(entfernen sich)

[ 61 ] Auf der anderen Seite kommt der Mephistopheles unwillig heran, sich räuspernd.

MEPHISTOPHELES
(an der Gegenseite kletternd):
Da muss ich mich durch steile Felsentreppen,
Durch alter Eichen starre Wurzeln schleppen!
Auf meinem Harz der harzige Dunst
Hat was vom Pech und das hat meine Gunst;
Zunächst der Schwefel … Hier, bei diesen Griechen
Ist von dergleichen kaum die Spur zu riechen;
Neugierig aber wär’ ich, nachzuspüren,
Womit sie Höllenqual und Flamme schüren. (V 7951–7958)

[ 62 ] Nun kommt eine Dryade, in der Mitte.

DRYAS:
In Deinem Lande sei einheimisch klug,
Im fremden bist du nicht gewandt genug.
Du solltest nicht den Sinn zur Heimat kehren,
Der heiligen Eichen Würde hier verehren. (V 7959–7962)

[ 63 ] Mephistopheles, rechts stehend.

MEPHISTOPHELES:
Man denkt an das, was man verließ,
Was man gewohnt war bleibt ein Paradies.
Doch sagt: was in der Höhle dort,
Bei schwachem Licht, sich dreifach hingekauert?
(V 7963–7966)

[ 64 ] Da zeigt er auf die Höhle, wo die Phorkyaden sind, rechts.

DRYAS:
Die Phorkyaden! Wage dich zum Ort,
Und sprich sie an, wenn dich nicht schauert.

MEPHISTOPHELES:
Warum denn nicht! – Ich sehe was und staune.
So stolz ich bin, muss ich mir selbst gestehn:
Dergleichen hab’ ich nie gesehn,
Die sind ja schlimmer als Alraune …
Wird man die urverworfnen Sünden
Im Mindesten noch hässlich finden,
Wenn man dies Dreigetüm erblickt?
Wir litten sie nicht auf den Schwellen
Der grauenvollsten unsrer Höllen.
Hier wurzelt’s in der Schönheit Land,
Das wird mit Ruhm antik genannt …
Sie regen sich, sie scheinen mich zu spüren, (V 7967–7980)

[ 65 ] Also sie sind untereinander gekommen.

[ 66 ] Sie zwitschern pfeifend, Fledermaus-Vampiren.

PHORKYADEN:
Gebt mir das Auge, Schwestern, dass es frage,
Wer sich so nah an unsre Tempel wage.

MEPHISTOPHELES:
Verehrteste! Erlaubt mir euch zu nahen
Und euren Segen dreifach zu empfahen.
Ich trete vor, zwar noch als Unbekannter,
Doch, irr’ ich nicht, weitläufiger Verwandter.
Altwürdige Götter hab’ ich schon erblickt,
Vor Ops und Rhea tiefstens mich gebückt, (V 7981–7989)

[ 67 ] Ops ist die Schwester und Gattin des Saturn; Rhea, das wissen wir ja.

Die Parzen selbst, des Chaos, eure Schwestern,
Ich sah sie gestern – oder ehegestern;
Doch eures Gleichen hab’ ich nie erblickt,
Ich schweige nun und fühle mich entzückt.

PHORKYADEN:
Er scheint Verstand zu haben, dieser Geist.

MEPHISTOPHELES:
Nur wundert’s mich, dass euch kein Dichter preist.
Und sagt! wie kam’s, wie konnte das geschehn?
Im Bilde hab’ ich nie euch Würdigste gesehn;
Versuch’s der Meißel doch, euch zu erreichen,
Nicht Juno, Pallas, Venus und dergleichen.

PHORKYADEN:
Versenkt in Einsamkeit und stillste Nacht,
Hat unser Drei noch nie daran gedacht!

MEPHISTOPHELES:
Wie sollt’ es auch? da ihr, der Welt entrückt,
Hier niemand seht und niemand euch erblickt.
Da müsstet ihr an solchen Orten wohnen,
Wo Pracht und Kunst auf gleichem Sitze thronen,
Wo jeden Tag, behend, im Doppelschritt,
Ein Marmorblock als Held ins Leben tritt.
Wo –

PHORKYADEN:
Schweige still und gib uns kein Gelüsten!
Was hülf’ es uns und wenn wir’s besser wüssten?
In Nacht geboren, Nächtlichem verwandt,
Beinah uns selbst, ganz allen unbekannt.

MEPHISTOPHELES:
In solchem Fall hat es nicht viel zu sagen,
Man kann sich selbst auch andern übertragen.
Euch Dreien g’nügt Ein Auge, g’nügt Ein Zahn,
Da ging’ es wohl auch mythologisch an
In zwei die Wesenheit der drei zu fassen,
Der dritten Bildnis mir zu überlassen,
Auf kurze Zeit.

[ 68 ] EINE: Wie dünkt’s euch ging’ es an?

DIE ANDEREN:
Versuchen wir’s! – doch ohne Aug’ und Zahn.

MEPHISTOPHELES:
Nun habt ihr grad das Beste weggenommen;
Wie würde da das strengste Bild vollkommen!

EINE:
Drück du ein Auge zu, ’s ist leicht geschehn,
Lass alsofort den Einen Raffzahn sehn,
Und, im Profil, wirst du sogleich erreichen,
Geschwisterlich vollkommen uns zu gleichen.

MEPHISTOPHELES:
Viel Ehr’! Es sei!

[ 69 ] PHORKYADEN: Es sei!

MEPHISTOPHELES (als Phorkyas im Profil):
Da steh’ ich schon.
Des Chaos vielgeliebter Sohn!

PHORKYADEN:
Des Chaos Töchter sind wir unbestritten.

MEPHISTOPHELES:
Man schilt mich nun, o Schmach! Hermaphroditen.

PHORKYADEN:
Im neuen Drei der Schwestern welche Schöne!
Wir haben zwei der Augen, zwei der Zähne.

MEPHISTOPHELES:
Vor aller Augen muss ich mich verstecken,
Im Höllenpfuhl die Teufel zu erschrecken. (Ab)
(V 7990–8033)

[ 70 ] [Mephistopheles] ab, nach rechts.

[ 71 ] Das ist eine gewaltige Szene. – Ich bin bloß neugierig, wie Sie das alles machen werden! – Die Lamien zum Beispiel müssen zuerst sehr schön sein, dann die eine hässlich; eine ein dürrer Besen, die andere eine Thyrsusstange mit dem Pinienapfel auf dem Kopf. Eine muss auseinanderplatzen, die muss er spalten, das ist nämlich ein Schwamm, Bovist, der auseinanderplatzt.

[ 72 ] Die Empuse – da ist es besser, ein Tuch darüber zu machen; sie steht im Profil da, das braucht nur er [Mephistopheles] genau zu sehen, das Gesicht; dann wird das Tuch weggezogen, und der Eselskopf bleibt übrig.

[ 73 ] Die Sirenen wie im vorigen Jahre kostümiert. Oreade vom Naturfels: Das ist ein alter Berg, der ist nicht neu, ein alter Berg mit Eichenlaub, der ist schon lange da. Was neu heraufgehoben wird, das können im Grunde Felsenmassen sein; das hat keine Bäume noch Erdmassen, Felsenmassen.

[ 74 ] Die Kraniche sind schwer. Es können Puppen sein, die von oben heruntergelassen werden. Die Worte sind stark zu sprechen, etwas verkrächzend; da könnte man etwas Musik dazu machen. Man könnte es vielleicht singen.