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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

23 August 1918, Dornach

24. Leseprobe zu Goethes «Klassischer Walpurgisnacht» II

[ 1 ] Nun wurde die Szene verlegt in das Ägäische Meer, in das sich der Peneios ergießt, an dessen beiden Ufern früher die Szene war. Auf den Klippen umhergelagert sind die Sirenen, die namentlich mit den Kräften des Mondenlichtes arbeiten. Gerade aus dieser Szene geht hervor, dass Goethe durchaus im Sinne hatte, dass die Sirenen eben in der Mehrzahl dasjenige sind, was dann im Norden die Lorelei geworden ist – in der Einzahl die Lorelei, die Sirenen in der Mehrzahl. Und sie arbeiten als Zauberwesen mit den Strahlen des Mondenlichtes. In der Szene hier, wo sie besonders wirksam arbeiten sollen, da steht der Mond mitten am Himmel im Zenit. Zu denken ist er natürlich eigentlich zwischen den übrigen Sternen. Die Sirenen haben außer dem, was sie sonst sind, zu ihrer Hauptbeschäftigung dieses: dass sie die Schiffer betören. Die Schiffer werden betört durch die Sirenen. Dadurch gehen die Schiffe unter und verlieren ihre Beute, ihren Inhalt. Dasjenige, was da die Schiffe als Beute, als Inhalt verlieren, das wird auf diese Weise gewissermaßen zugeschanzt den Nereiden und Tritonen und anderen Meerwesen. Also diese Nereiden und Tritonen und andere Meerwesen, die leben eigentlich von der Gunst der Sirenen. Die Sirenen betören die Schiffer, die Schiffe gehen unter, verlieren ihr Strandgut, und das sammeln dann die Nereiden und Tritonen.

[ 2 ] Die Nereiden sind die Töchter des Nereus, und Nereus ist eine Art Wassergottheit, eine Art ahrimanisches, wenigstens ahrimanisch gefärbtes göttliches Wesen, welches in alten Erdenzeiten eine andere Rolle hatte als in der Zeit, von der hier die Rede ist. In alten Erdenzeiten waren solche Wesen wie Nereus, Proteus und so weiter Wesen, welche dazumal den noch anders gearteten Elementen vorstanden. Also: Das Wasser in Urzeiten hatte andere Kräfte als das abstrakte Wasser, das heute das Meer erfüllt. Dadurch aber sind solche Geister im Kosmos, in der kosmischen Entwicklung, solche Geister, die früher dem mehr lebendigen Wasser vorgestanden haben, in Pension versetzt und haben andere Aufgaben in der Welt, in der kosmischen Evolution, sind – pensioniert. Aber sie haben dann ihre neuen Aufgaben. Sie hatten ihre richtigen Aufgaben in uralten Zeiten, als die Menschen nicht so waren, wie sie heute sind, als die Menschen noch auf einer geistigeren, das heißt, mehr ihrer Mondenstufe näheren Art standen.

[ 3 ] Nun, da sehen wir namentlich zuerst die Sirenen, auf Klippen umhergelagert, dasjenige betonen, was eben ihre Aufgabe ist.

SIRENEN (auf den Klippen umher gelagert flötend und singend):
Haben sonst bei nächtigem Grauen
Dich thessalische Zauberfrauen
Frevelhaft herabgezogen,
Blicke ruhig von dem Bogen
Deiner Nacht auf Zitterwogen
Mildeblitzend Glanzgewimmel
Und erleuchte das Getümmel,
Das sich aus den Wogen hebt.

[ 4 ] Das ist alles an den Mond gerichtet.

Dir zu jedem Dienst erbötig,
Schöne Luna, sei uns gnädig! (V 8034–8043)

[ 5 ] Also, das ist der Sirenengesang, den sie hier mehr für sich, man möchte sagen wiederholend, sirenenhaft-meditierend, erwähnen. Ihre eigentliche Aufgabe ist aber, die Schiffer zu betören.

[ 6 ] Die Töchter des Nereus und der Doris – die Doriden – sind die Schwestern der Nereiden. Die Doriden sind mehr der Doris ähnlich gestaltet, die Nereiden mehr dem Vater – Nereus. Aber sie sind Geschwister. Die Nereiden sind frauenhafte dämonische Wesen, die sich ausstatten mit dem Strandgut, das die Sirenen erbeuten. Und die Tritonen, die sind fischähnliche Wesen, auf welchen die Nereiden reiten können, also sich mehr vorwärts bewegen können. Diese zusammen nun, Nereiden und Tritonen, antworten gewissermaßen auf den Sirenengesang:

NEREIDEN UND TRITONEN (als Meerwunder):
Tönet laut in schärfern Tönen,
Die das breite Meer durchdröhnen,
Volk der Tiefe ruft fortan!
Vor des Sturmes grausen Schlünden
Wichen wir zu stillsten Gründen,
Holder Sang zieht uns heran.

[ 7 ] Der Gesang der Sirenen zieht sie heran.

Seht! wie wir im Hochentzücken
Uns mit goldnen Ketten schmücken;
Auch zu Kron’ und Edelsteinen
Spang’ und Gürtelschmuck vereinen.
Alles das ist eure Frucht.
Schätze, scheiternd hier verschlungen,
Habt ihr uns herangesungen,
Ihr Dämonen unsrer Bucht.

[ 8 ] Die Sirenen, die das hören, antworten darauf:

SIRENEN:
Wissen’s wohl, in Meeresfrische
Glatt behagen sich die Fische,
Schwanken Lebens ohne Leid;
Doch! Ihr festlich regen Scharen,
Heute möchten wir erfahren,
Dass ihr mehr als Fische seid. (V 8044–8063)

[ 9 ] Also die Tritonen sollen mehr als Fische sein; sie sind eben doch zugleich zurückgebliebene Wesen aus früheren Zeiten, also alles ahrimanisch angehauchte Gestalten. Und sie sind ja diejenigen, die dadurch beweisen können, dass sie mehr als Fische sind, dass sie die Kabiren herholen. Das sind Götter und Göttinnen von Samothrake, die unter anderem auch die Aufgabe haben, die Fischer [und die] Schiffe, wenn sie in Gefahr sind, zu beschützen auf dem Meere. Wir werden noch von ihnen sprechen, denn sie treten ja auf. Die Kabiren haben wesentlich auch tiefere Aufgaben.

NEREIDEN UND TRITONEN:
Ehe wir hieher gekommen,
Haben wir’s zu Sinn genommen,
Schwestern, Brüder, jetzt geschwind!
Heut bedarf’s der kleinsten Reise,
Zum vollgültigsten Beweise:
Dass wir mehr als Fische sind. (V 8064–8069)
(entfernen sich)

[ 10 ] Nun entfernen sie sich, um ihre Mission auszuführen bezüglich der Kabiren. Die Sirenen bleiben zurück. Die Sirenen hocken überhaupt jetzt weiter da während der ganzen Szene.

SIRENEN:
Fort sind sie im Nu!
Nach Samothrake grade zu,
Verschwunden mit günstigem Wind.
Was denken sie zu vollführen
Im Reiche der hohen Kabiren?
Sind Götter! Wundersam eigen,
Die sich immerfort selbst erzeugen,
Und niemals wissen, was sie sind. (V 8070–8077)

[ 11 ] Also das sagen die Sirenen von den Kabiren. Es ist vielleicht am leichtesten nahezukommen so der Gesamtverfassung dieser Kabiren, wenn Sie denken an die Stelle in der Bibel, wo von den Elohim die Rede ist, die eigentlich erst, nachdem sie ihr Tagewerk geschaffen haben, sehen, dass es gut war, oder eigentlich, wie es dort steht, dass es schön war. Es ist natürlich für Menschen etwas schwer zu verstehen, weil Götter – gerade die Kabiren, um die es sich hier handelt –, nicht ein solches Bewusstsein haben wie Menschen oder wie gewisse spätere Götter. Sie sind Götter ersten Entstehens, die Kabiren, und sie gehen auf in diesem Entstehen. Daher sind sie von einer viel zu großen Lebendigkeit, als dass sie ein voll ausgebildetes Bewusstsein haben. Sie gehören auch zusammen in dieser Beziehung. Es sind in Samothrake vier solcher Kabirengötter. Eigentlich sind ihrer wohl acht; aber für Samothrake selbst kommen eigentlich nur die vier in Betracht. Und nun natürlich kann man sagen:

Wundersam eigen,
Die sich immerfort selbst erzeugen,
Und niemals wissen, was sie sind. (V 8075–8077)

[ 12 ] Das kann man von den dreien, von den drei Hauptgöttern, die die Erzeugungsgötter sind, schon sagen: von Axieros, Axiokersos und Axiokersa. Von denen kann man schon sagen, dass sie nicht wissen, was sie sind. Aber so wenig diese drei zusammen wissen, was sie sind, so gut weiß der vierte für die drei. Also, wenn Sie sich denken, Sie bestehen aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, und das Ich vollführt das Bewusstsein, so müssen Sie sich denken: Diese Kabiren sind vier. Während bei Ihnen diese vier Glieder zusammenhalten, sind aber diese Kabiren vier getrennte Wesen. Und Axieros ist physischer Leib, Axiokersos ist Ätherleib, Axiokersa ist Astralleib; die haben also kein Bewusstsein. Dagegen Kadmilos, der dem Ich Entsprechende, der denkt für alle drei. Also das ist das Eigentümliche dieser Götter, dass der vierte eigentlich ihr Bewusstsein zugleich ist.

[ 13 ] Wenn Sie den einen Zyklus nehmen, wo ich von den Elohim gesprochen habe, ist es auch so ähnlich, dass eigentlich der siebente für die sechs denkt.

[ 14 ] Nun, nachdem die Sirenen auf dieses Geheimnis der Kabiren hingewiesen haben, wenden sie sich wiederum zu ihrer eigentlichen göttlichen Kraft, zum Mond:

SIRENEN:
Bleibe auf deinen Höhn,
Holde Luna, gnädig stehn;
Dass es nächtig verbleibe,
Uns der Tag nicht vertreibe! (V 8078–8081)

[ 15 ] Also, sie sind Nachtgötter! Das ist ja klar. Nun kommt am Ufer der Bucht zu Thales, links, zu Homunkulus gewendet.

THALES (am Ufer zu Homunkulus):
Ich führte dich zum alten Nereus gern;
Zwar sind wir nicht von seiner Höhle fern,
Doch hat er einen harten Kopf,
Der widerwärtige Sauertopf.
Das ganze menschliche Geschlecht
Macht’s ihm, dem Griesgram, nimmer recht. (V 8082–8087)

[ 16 ] Er liebt nämlich die Menschen nicht, Nereus – er hat früher, als die Menschen den Göttern noch näherstanden, wenn auch atavistisch geistiger, da hat er die Menschen gerner gehabt. Aber seit die Menschen zweibeinig geworden sind und diese wenig denkerische und wenig spirituelle Form angenommen haben, die sie jetzt haben, da haben sie sich die Liebe des Nereus mehr oder weniger verscherzt. Da stehen sie ihm und seinem alten Wasserelement ferner, daher liebt er sie nicht.

Doch ist die Zukunft ihm entdeckt,
Dafür hat jedermann Respekt,
Und ehret ihn auf seinem Posten;
Auch hat er manchem wohlgetan. (V 8088–8091)

[ 17 ] Nun, nicht wahr, der Thales, der übersetzt alles ins Philiströs-Bourgeoishafte. Aber der Homunkulus, der möchte doch entstehen, er möchte Körper haben zu seinem Elemente. Daher will er sich einlassen darauf.

HOMUNKULUS:
Probieren wir’s und klopfen an!
Nicht gleich wird’s Glas und Flamme kosten. (V 8092–8093)

[ 18 ] Nereus tritt auf aus seiner Höhle, als ein etwas ahrimanisch angehauchter Geist; rechts.

NEREUS:
Sind’s Menschenstimmen, die mein Ohr vernimmt?
Wie es mir gleich im tiefsten Herzen grimmt! (V 8094–8095)

[ 19 ] Also so, wie die Menschen Bauchgrimmen kriegen, wenn sie etwas nicht richtig Entsprechendes gehabt haben, so grimmt’s bei ihm im Herzen, wenn er von Menschen auch nur hört, weil die ihm zuwider sind.

Gebilde, strebsam Götter zu erreichen,
Und doch verdammt, sich immer selbst zu gleichen.
Seit alten Jahren konnt’ ich göttlich ruhn,
Doch trieb mich’s an, den Besten wohlzutun;
Und schaut’ ich dann zuletzt vollbrachte Taten,
So war es ganz, als hätt’ ich nicht geraten. (V 8096–8101)

[ 20 ] Er ist sehr unzufrieden.

THALES:
Und doch, o Greis des Meers, vertraut man dir,
Du bist der Weise, treib’ uns nicht von hier!
Schau diese Flamme, menschenähnlich zwar,
Sie deinem Rat ergibt sich ganz und gar.

NEREUS:
Was Rat! Hat Rat bei Menschen je gegolten?
Ein kluges Wort erstarrt im harten Ohr.
So oft auch Tat sich grimmig selbst gescholten,
Bleibt doch das Volk selbstwillig wie zuvor.
Wie hab’ ich Paris väterlich gewarnt,
Eh’ sein Gelüst ein fremdes Weib umgarnt.
Am griechischen Ufer stand er kühnlich da,
Ihm kündet’ ich, was ich im Geiste sah:
Die Lüfte qualmend, überströmend Rot,
Gebälke glühend, unten Mord und Tod:
Trojas Gerichtstag, rhythmisch festgebannt,
Jahrtausenden so schrecklich als gekannt.
Des Alten Wort dem Frechen schien’s ein Spiel,
Er folgte seiner Lust, und Ilion fiel –
Ein Riesenleichnam, starr nach langer Qual,
Des Pindus Adlern gar willkommnes Mahl.
Ulyssen auch! sagt’ ich ihm nicht voraus
Der Circe Listen, des Cyclopen Graus?
Das Zaudern sein, der Seinen leichten Sinn,
Und was nicht alles! bracht ihm das Gewinn?
Bis vielgeschaukelt ihn, doch spät genug,
Der Woge Gunst an gastlich Ufer trug.

THALES:
Dem weisen Mann gibt solch Betragen Qual;
Der gute doch versucht es noch einmal.
Ein Quäntchen Danks wird, hoch ihn zu vergnügen,
Die Zentner Undanks völlig überwiegen.
Denn nichts Geringes haben wir zu flehn:
Der Knabe da wünscht weislich zu entstehn. (V 8102–8133)

[ 21 ] Man muss nur achtgeben, dass der Thales nicht aus der Rolle fällt. Er ist ja ein richtiger Philister gegenüber dem Nereus, nicht wahr, der ein großartiger Kerl eigentlich ist, wenn er auch etwas ahrimanisch angehaucht ist.

NEREUS:
Verderbt mir nicht den seltensten Humor!
Ganz andres steht mir heute noch bevor.
Die Töchter hab’ ich alle herbeschieden,
Die Grazien des Meeres, die Doriden.
Nicht der Olymp, nicht euer Boden trägt
Ein schön Gebild das sich so zierlich regt.
Sie werfen sich, anmutigster Gebärde,
Vom Wasserdrachen auf Neptunus’ Pferde,
Dem Element aufs zarteste vereint,
Dass selbst der Schaum sie noch zu heben scheint.
Im Farbenspiel von Venus Muschelwagen
Kommt Galatee, die Schönste nun, getragen,
Die, seit sich Kypris von uns abgekehrt,
In Paphos wird als Göttin selbst verehrt. (V 8134–8147)

[ 22 ] Also Galatee ist die schönste von seinen Töchtern, die schönste der Doriden. Von ihr wird später gesagt, dass sie besonders der Mutter ähnlich sah. Also das, Kypris hat sich abgekehrt, die andere Meeresgöttin, und sie, [Galatee], wird als Göttin verehrt, ist also eine Art MeerAphrodite.

Und so besitzt die Holde lange schon
Als Erbin Tempelstadt und Wagenthron.
Hinweg! Es ziemt in Vaterfreudenstunde
Nicht Hass dem Herzen, Scheltwort nicht dem Munde.
Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann:
Wie man entstehn und sich verwandeln kann. (V 8148–8153)
(entfernt sich gegen das Meer)

[ 23 ] Er – [Nereus] – geht weiter gegen das Meer hinaus, weil er nun eben die Ankunft der Galatee erwartet.

THALES:
Wir haben nichts durch diesen Schritt gewonnen,
Trifft man auch Proteus, gleich ist er zerronnen;
Und steht er euch, so sagt er nur zuletzt,
Was Staunen macht und in Verwirrung setzt.
Du bist einmal bedürftig solchen Rats,
Versuchen wir’s und wandlen unsres Pfads! (V 8154–8159)
(entfernen sich)

[ 24 ] Die Sirenen oben auf den Felsen sind geblieben, und sie künden an, wie von weitem mit den Kabiren herankommen die Nereiden und Tritonen.

SIRENEN (oben auf den Felsen):
Was sehen wir von Weiten
Das Wellenreich durchgleiten?
Als wie nach Windes Regel
Anzögen weiße Segel,

[ 25 ] Also: als wenn nach der Regel des Windes weiße Segel herankommen! Wir sehen es so, es schaut so aus, wie wenn nach der Regel des Windes weiße Segel heranzögen.

So hell sind sie zu schauen,
Verklärte Meeresfrauen …

[ 26 ] So hell sind diese Nereiden und Tritonen zu schauen.

Lasst uns herunterklimmen,
Vernehmt ihr doch die Stimmen. (V 8160–8167)

[ 27 ] Nereiden und Tritonen kommen an.

NEREIDEN UND TRITONEN:
Was wir auf Händen tragen
Soll allen euch behagen.
Chelonen’s Riesen-Schilde
Entglänzt ein streng Gebilde,
Sind Götter, die wir bringen;
Müsst hohe Lieder singen. (V 8168–8173)

[ 28 ] Also sie bringen auf einem großen Schilde diese Göttinnen, die aber ausschauen wie Töpfe. Sie sehen möglichst primitiv aus, diese Götter, die Kabiren. Man kann einfache, aber griechische, noch sehr aus der griechischen Urzeit herrührende primitive Töpfe formen, und das würden die Kabiren sein. Das ist die Gestalt dieser hohen Götter. Sie sind sehr klein, breit und putzig. Sie sind sehr hohe Götter, aber sie zeichnen sich durch ihre Zwerggestalt aus, sind eigentlich Götterzwerge, aber sehr mächtig, ganz mächtig. Daher, weil sie Entstehungsgötter sind, braucht man sie auch: Der Homunkulus möchte entstehen, daher braucht man sie. Natürlich konnte Goethe sich nicht etwa berufen auf die Naturwissenschaftler, die die Entstehung, nicht wahr, durch den Meeresschleim und so weiter, und so weiter annehmen, sondern er berief sich auf die Kabiren, auf die das Leben aus dem Elemente hervorrufenden Kabiren. Aber sie haben noch eine einfache Gestalt. Sie sind also hohe Götter, wichtige Götter, aber sie sind zwerghafte Götter.

SIRENEN:
Klein von Gestalt,
Groß von Gewalt,
Der Scheiternden Retter,
Uralt verehrte Götter. (V 8174–8177)

[ 29 ] «Der Scheiternden Retter», weil sie den Schiffern helfen, die das Meer durchfurchen, durchqueren müssen. Das ist insbesondere wichtig, nicht wahr. Den Schiffern sind sie eigentlich durch ihre Eigenschaft wichtig, die Kabiren. Durch ihre ganze Funktion im Weltenall sind sie eigentlich furchtlose Götter, das, was man couragierte Götter nennen kann. Nicht wahr, furchtsam wird man ja durch den Verstand, dadurch, dass einen der Verstand fortwährend auf Gefahren aufmerksam macht, dass er einen immerfort nachdenkerisch macht, und so weiter. Wenn man nicht durch den Verstand beirrt würde, würde man nicht furchtsam sein. Diese Kabiren – mit Ausnahme des vierten, des Kadmilos, nicht wahr, der ihr Bewusstsein darstellt –, sie sind, namentlich die drei, [sie] sind furchtlose Götter. Dadurch können sie auch die Beschützer der Schiffer sein.

NEREIDEN UND TRITONEN:
Wir bringen die Kabiren,
Ein friedlich Fest zu führen;
Denn wo sie heilig walten,
Neptun wird freundlich schalten.

SIRENEN:
Wir stehen euch nach,
Wenn ein Schiff zerbrach,
Unwiderstehbar an Kraft
Schützt ihr die Mannschaft.

NEREIDEN UND TRITONEN:
Drei haben wir mitgenommen,
Der Vierte wollte nicht kommen;
Er sagte, er sei der Rechte,
Der für sie alle dächte. (V 8178–8189)

[ 30 ] Also der mit dem Bewusstsein wollte nicht kommen; sie haben nur die drei Unbewussten mitgebracht. [Die] Sirenen, sie betrachten diese ganze Anordnung ein wenig vom Standpunkte des kosmischen Humors aus.

SIRENEN:
Ein Gott den andern Gott
Macht wohl zu Spott.
Ehrt ihr alle Gnaden,
Fürchtet jeden Schaden.

[ 31 ] Die Götter arbeiten natürlich einander entgegen: Ein Gott macht wohl den anderen zum Spott.

NEREIDEN UND TRITONEN:
Sind eigentlich ihrer Sieben. (V 8190–8194)

[ 32 ] Im Ganzen sind’s eigentlich acht. Aber die acht, respektive sieben, die haben nur die Ägypter gekannt.

SIRENEN:
Wo sind die drei geblieben?

NEREIDEN UND TRITONEN:
Wir wüssten’s nicht zu sagen,
Sind im Olymp zu erfragen;
Dort wes’t auch wohl der Achte,
An den noch niemand dachte.
In Gnaden uns gewärtig,
Doch alle noch nicht fertig.

Diese Unvergleichlichen
Wollen immer weiter,
Sehnsuchtsvolle Hungerleider
Nach dem Unerreichlichen. (V 8195–8205)

[ 33 ] Dieses «Hungerleider» hat keinen bösen Beigeschmack. Sie sind begierig nach der größten Vollkommenheit. Also sie haben die denkbar größte Begierde des Werdens, des Entstehens in sich, sind «Hungerleider nach dem Unerreichlichen».

SIRENEN:
Wir sind gewohnt:
Wo es auch thront,
In Sonn’ und Mond
Hinzubeten, es lohnt. (V 8206–8209)

[ 34 ] Also sie, [die Sirenen], wollen alles tun, was die Tritonen wollen.

NEREIDEN UND TRITONEN:
Wie unser Ruhm zum Höchsten prangt,
Dieses Fest anzuführen!

SIRENEN:
Die Helden des Altertums
Ermangeln des Ruhms,
Wo und wie er auch prangt;
Wenn sie das Goldne Vlies erlangt,
Ihr die Kabiren. (V 8210–8218)

[ 35 ] Das Goldne Vlies, nicht wahr, das ist also die Anschauung des Astralischen. Das singen zunächst die Sirenen. Und dann antworten Sirenen und Nereiden zusammen:

(wiederholt als Allgesang)
Wenn sie das Goldne Vlies erlangt.

[ 36 ] und jeder sagt:

Wir! Ihr! die Kabiren.

[ 37 ] Die Nereiden sagen:

Wir!

[ 38 ] Die Sirenen sagen:

Ihr! die Kabiren. (V 8217–8218)
(NEREIDEN und TRITONE ziehen vorüber.)

[ 39 ] Nun ziehen die vorüber, Homunkulus schaut sie sich an:

HOMUNKULUS:
Die Ungestalten seh’ ich an
Als irden-schlechte Töpfe,
Nun stoßen sich die Weisen dran
Und brechen harte Köpfe. (V 8219–8222)

[ 40 ] Das sind die Gelehrten, nicht wahr, die nachdenken über diese Sache; sie bringen nichts heraus; denn dasjenige, was die äußere Wissenschaft über die Kabiren erforscht hat, das war ja zu Goethes Zeiten zwar noch nicht so dumm als heute, aber es war schon auch gehörig töricht.

THALES:
Das ist es ja, was man begehrt,
Der Rost macht erst die Münze wert. (V 8223–8224)

[ 41 ] Der könnte nun wirklich ein Universitätsprofessor und Theosoph sein, nicht wahr, der Thales! Es ist ganz klar, nicht wahr, dass er der Anschauung ist, dass der Rost erst die Münze wert macht. Also erst das Altertum, das Forschen, das macht dasjenige erst wert, was da geistig verehrt worden ist in alten Zeiten.

[ 42 ] Den Proteus bemerkt man noch nicht ganz; man hört ihn erst sprechen; aber er hat alles das gehört.

PROTEUS (unbemerkt):
So etwas freut mich alten Fabler!
Je wunderlicher, desto respektabler.

THALES:
Wo bist du, Proteus?

PROTEUS (Bauchrednerisch, bald nah, bald fern):
Hier! und hier! (V 8225–8227)

[ 43 ] Da muss also jemand weiter weg stehen und jemand näher; und der eine sagt: «Hier!» – und der andere dort sagt: «Hier!» – Es tönt weit weg das eine Mal; er kann von zwei Orten sprechen.

THALES:
Den alten Scherz verzeih’ ich dir;
Doch, einem Freund nicht eitle Worte!
Ich weiß, du sprichst vom falschen Orte.

PROTEUS (als aus der Ferne):
Leb’ wohl!

THALES (leise zu Homunkulus):
Er ist ganz nah. Nun leuchte frisch!
Er ist neugierig wie ein Fisch;
Und wo er auch gestaltet stockt,
Durch Flammen wird er hergelockt.

HOMUNKULUS:
Ergieß’ ich gleich des Lichtes Menge,
Bescheiden doch, dass ich das Glas nicht sprenge.

PROTEUS (in Gestalt einer Riesenschildkröte):
Was leuchtet so anmutig schön? (V 8228–8237)

[ 44 ] Proteus in Gestalt einer Riesenschildkröte: Ja, da muss er eben ein großes Dach haben, wodurch er die Gestalt einer Riesenschildkröte annimmt. Der Thales deutet an, wo er ist. Das ganze Dach muss er nachher hinunterfallen lassen, und er ist dann erst der Proteus. Also zunächst Proteus in Gestalt einer Riesenschildkröte:

[ 45 ] Was leuchtet so anmutig schön?

THALES (den Homunkulus verhüllend):
Gut! Wenn du Lust hast, kannst du’s näher sehn.
Die kleine Mühe lass dich nicht verdrießen
Und zeige dich auf menschlich beiden Füßen.
Mit unsern Gunsten sei’s, mit unserm Willen
Wer schauen will, was wir verhüllen. (V 8237–8242)

[ 46 ] Nun lässt er – Proteus – die Schildkrötengestalt fallen und erscheint eigentlich als ein sehr schöner Mann, edel gestaltet.

PROTEUS (edel gestaltet):
Weltweise Kniffe sind dir noch bewusst.

THALES:
Gestalt zu wechseln bleibt noch deine Lust.
(hat den Homunkulus enthüllt)

[ 47 ] Er enthüllt jetzt den Homunkulus. Proteus links, erstaunt.

PROTEUS (erstaunt):
Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!

[ 48 ] Thales rechts.

THALES:
Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.
Er ist, wie ich von ihm vernommen,
Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch wär’ er gern zunächst verkörperlicht.

PROTEUS:
Du bist ein wahrer Jungfern-Sohn,
Eh du sein solltest, bist du schon!
THALES (leise):
Auch scheint es mir von andrer Seite kritisch,
Er ist, mich dünkt, hermaphroditisch.

PROTEUS:
Da muss es desto eher glücken;
So wie er anlangt, wird sich’s schicken.
Doch gilt es hier nicht viel Besinnen,
Im weiten Meere musst du anbeginnen!
Da fängt man erst im Kleinen an
Und freut sich, Kleinste zu verschlingen,
Man wächst so nach und nach heran,
Und bildet sich zu höherem Vollbringen. (V 8243–8264)

[ 49 ] Also er meint: er kann ruhig hermaphroditisch sein, solange er ein Geist ist. Wenn er unter den Menschen anlangt, so wird es schon sich differenzieren.

HOMUNKULUS:
Hier weht gar eine weiche Luft,
Es grunelt so, und mir behagt der Duft!

PROTEUS:
Das glaub ich, allerliebster Junge!
Und weiterhin wird’s viel behäglicher,
Auf dieser schmalen Strandeszunge
Der Dunstkreis noch unsäglicher;
Da vorne sehen wir den Zug,
Der eben herschwebt, nah genug.
Kommt mit dahin!

THALES:
Ich gehe mit.

HOMUNKULUS:
Dreifach merkwürdiger Geisterschritt! (V 8265–8274)

[ 50 ] Da gehen sie also dem Zug entgegen, dem Zug der Telchinen. Die Telchinen sind auch solch ahrimanische Wesen; sie sind die Helfer der ersten Denkmalskünste, sie sind eigentlich diejenigen geistigen Wesenheiten, die die Formen der Menschen und der anderen Wesen bedingen – nicht das Leben, sondern die Formen. Dieser ganze Chor stürmt eigentlich jetzt heran. Die Telchinen von Rhodus, das sind also solche Erzzauberer, Erzgeister, die eben Formen gaben. Auf Hippokampen und Meerdrachen – Hippokampen, das sind also halb Fische und halb Pferde –, auf denen reiten sie daher als Meerdrachen. Den Dreizack Neptunens, den haben sie als Waffe. Nun kommen sie also an.

TELCHINEN VON RHODUS (auf Hippokampen und Meerdrachen, Neptunens Dreizack handhabend):
Wir haben den Dreizack Neptunens geschmiedet,
Womit er die regesten Wellen begütet.
Entfaltet der Donn’rer die Wolken, die vollen,
Entgegnet Neptunus dem gräulichen Rollen;
Und wie auch von oben es zackig erblitzt,
Wird Woge nach Woge von unten gespritzt;
Und was auch dazwischen in Ängsten gerungen,
Wird, lange geschleudert, vom Tiefsten verschlungen;
Weshalb er uns heute den Zepter gereicht,
Nun schweben wir festlich, beruhigt und leicht. (V 8275–8284)

[ 51 ] Sie bringen nun das Sonnenhafte mit. – Nicht wahr, Sie müssen sich vorstellen, dass Goethe sehr mit der Natur gelebt hat, das heißt mit dem Geiste der Natur. Dasjenige, was sich also bis jetzt abgespielt hat an der Bucht des Ägäischen Meeres in der vorhergehenden Szene – hier ist ja ein Szenenwechsel, bevor die Telchinen kommen –, was sich vorher abgespielt hat, ist so von Mitternacht bis am Morgen. Also es ist jetzt, man könnte sagen Morgenrötestimmung, die da herankommt. Der Mond ist noch da, und alle Sterne sind noch da. Aber es ist jetzt Morgenrötestimmung, die da herankommt. – Also diese Entstehung, die der Homunkulus sucht, der Morgenrötestimmung zuschreibend: Das ist eigentlich Goethes Absicht.

SIRENEN:
Euch, dem Helios Geweihten,
Heiteren Tags Gebenedeiten,
Gruß zur Stunde, die bewegt
Lunas Hochverehrung regt! (V 8285–8288)

[ 52 ] Also der Mond neigt sich schon zum Untergange; die Sonne ist noch nicht aufgegangen; aber sie wird schon von den Sirenen gefeiert.

TELCHINEN:
Alllieblichste Göttin am Bogen da droben!
Du hörst mit Entzücken den Bruder beloben.

[ 53 ] Also das sagen sie zu dem Mond, dass er den Sonnenbruder hört mit Entzücken loben.

Der seligen Rhodus verleihst du ein Ohr,
Dort steigt ihm ein ewiger Päan hervor.
Beginnt er den Tagslauf und ist es getan,
Er blickt uns mit feurigem Strahlenblick an.
Die Berge, die Städte, die Ufer, die Welle,
Gefallen dem Gotte, sind lieblich und helle.
Kein Nebel umschwebt uns, und schleicht er sich ein,
Ein Strahl und ein Lüftchen, die Insel ist rein!
Da schaut sich der Hohe in hundert Gebilden,
Als Jüngling, als Riesen, den großen, den milden.
Wir ersten, wir waren’s, die Göttergewalt
Aufstellten in würdiger Menschengestalt. (V 8289–8302)

[ 54 ] Also sie – [die Telchinen] – sind diejenigen, die die Formen gegeben haben. Die Göttergewalt haben sie aufgestellt in lieblichster Menschengestalt. Der Proteus will doch auf seine Aufgabe etwas eingehen:

PROTEUS:
Lass du sie singen, lass sie prahlen!
Der Sonne heiligen Lebestrahlen
Sind tote Werke nur ein Spaß.
Das bildet, schmelzend, unverdrossen;
Und haben sie’s in Erz gegossen,
Dann denken sie, es wäre was.
Was ist’s zuletzt mit diesen Stolzen?
Die Götterbilder standen groß, –
Zerstörte sie ein Erdestoß;
Längst sind sie wieder eingeschmolzen.

Das Erdetreiben, wie’s auch sei,
Ist immer doch nur Plackerei;
Dem Leben frommt die Welle besser;
Dich trägt ins ewige Gewässer
Proteus-Delfin. (Er verwandelt sich.) Schon ist’s getan! (V 8303–8317)

[ 55 ] Also: die Sonne leidet nicht die bloßen Formen; die Sonne will den Formen Leben, also das Ätherische, den Ätherleib hinzugeben.

[ 56 ] Und nun verwandelt sich der Proteus wiederum; er nimmt eine Fischgestalt an:

Schon ist’s getan!
Da soll es dir zum schönsten glücken:
Ich nehme dich auf meinen Rücken,
Vermähle dich dem Ozean. (V 8317–8320)

[ 57 ] Der Homunkulus soll also im Wasser das Entstehen beginnen; er soll sich mit dem Elemente des Wassers vereinigen. Proteus nimmt ihn auf seinen Rücken und will, dass der Homunkulus sich eigentlich mit dem Wasserelemente vereinigt, um allmählich Mensch zu werden.

THALES:
Gib nach dem löblichen Verlangen,
Von vorn die Schöpfung anzufangen!
Zu raschem Wirken sei bereit!
Da regst du dich nach ewigen Normen,
Durch tausend abertausend Formen,
Und bis zum Menschen hast du Zeit.

[ 58 ] Homunkulus steigt hinauf auf den Proteus-Delfin.

HOMUNKULUS
(besteigt den Proteus-Delfin)

PROTEUS:
Komm geistig mit in feuchte Weite,
Da lebst du gleich in Läng’ und Breite,
Beliebig regest du dich hier;
Nur strebe nicht nach höhern Orten:
Denn bist du erst ein Mensch geworden,
Dann ist es völlig aus mit dir. (V 8321–8332)

[ 59 ] Das habe ich ja nun schon öfter gesagt, dass es nicht «Orden» heißt, sondern «Orten», denn Homunkulus ist noch nicht so ein Mensch, der nach Orden strebt! Es ist nur von Goethe in frankfurterischem Deutsch diktiert worden, und der Schreiber hat ein weiches d geschrieben.

[ 60 ] Thales ist nicht damit einverstanden. Nicht wahr, er will wie der richtige Bourgeois-Philister immer weiter, weiter streben.

THALES:
Nachdem es kommt; ’s ist auch wohl fein,
Ein wackrer Mann zu seiner Zeit zu sein.

PROTEUS (zu Thales):
So einer wohl von deinem Schlag!
Das hält noch eine Weile nach;
Denn unter bleichen Geisterscharen
Seh’ ich dich schon seit vielen hundert Jahren. (V 8333–8338)

[ 61 ] Nun, der Proteus durchschaut ihn schon!

SIRENEN (auf dem Felsen):
Welch ein Ring von Wölkchen ründet
Um den Mond so reichen Kreis?
Tauben sind es, liebentzündet,
Fittiche wie Licht so weiß.
Paphos hat sie hergesendet,
Ihre brünstige Vogelschar;
Unser Fest, es ist vollendet,
Heitre Wonne voll und klar! (V 8339–8346)

[ 62 ] Also die ganze Erscheinung des Mondes, wie die Wolken sich um ihn gruppieren: Dass in diesem Elemente geistige Wesenheiten sind, das wird hier besonders betont. Goethe hat auf diese Stelle einen ganz besonderen Wert gelegt, weil er durch solche Dinge darauf hindeuten wollte, dass er nicht bloß eine Lufterscheinung sieht, sondern in der Lufterscheinung zugleich die Offenbarung eines tieferen Geistigen.

NEREUS (zu Thales tretend):

[ 63 ] also er bespricht noch einmal das, was die Sirenen schon besprochen haben:

Nennte wohl ein nächtiger Wandrer
Diesen Mondhof Lufterscheinung;
Doch wir Geister sind ganz andrer
Und der einzig richtigen Meinung.
Tauben sind es, die begleiten
Meiner Tochter Muschelfahrt,
Wunderflugs besondrer Art,
Angelernt vor alten Zeiten. (V 8347–8354)

[ 64 ] Also er verwahrt sich dagegen, dass man darin bloß eine Lufterscheinung sieht, also nicht bloß äußere Lufterscheinung, sondern Tauben, geistige Lufterscheinungen. – Eine Taube ist ja auch erschienen bei der Taufe des Christus. – Also Tauben, die den Mond umfliegen und die zuerst bei seiner Tochter Muschelfahrt erschienen sind.

THALES:
Auch ich halte das fürs Beste,
Was dem wackern Mann gefällt,
Wenn im stillen, warmen Neste
Sich ein Heiliges lebend hält. (V 8355–8358)

[ 65 ] Nun kommen Psyllen und Marsen. Das sind eigentlich – beide Arten, sowohl Psyllen wie Marsen, sind eigentlich, man könnte sagen diejenigen geistigen Wesenheiten, welche die Schlangen beseelen und mit den Schlangen verwandt sind. Sie tragen her die anderen, das heißt, sie kommen auf Meerstieren und Meerkälbern und -widdern. Wieder sind sie diejenigen, die heranbringen mit der Morgenröte zu gleicher Zeit die Doriden und die schönste der Doriden, die Aphrodite des Meeres: Galatee. Dadurch also wird die ganze Kraft des Meeres herangetragen.

[ 66 ] Homunkulus, der vom Delfin in das Meer getragen ist, ausfließt in das Meer, er wird dadurch zum Menschen. Und der Mensch, der aus dem Meere ausfließt, das ist ja die Helena nachher.

PSYLLEN UND MARSEN (auf Meerstieren, Meerkälbern und -widdern):
In Cyperns rauen Höhle-Grüften,
Vom Meergott nicht verschüttet,
Vom Seismos nicht zerrüttet,
Umweht von ewigen Lüften,
Und, wie in den ältesten Tagen,
In still-bewusstem Behagen
Bewahren wir Cypriens Wagen,
Und führen, beim Säuseln der Nächte,
Durch liebliches Wellengeflechte,
Unsichtbar dem neuen Geschlechte,
Die lieblichste Tochter heran. (V 8359–8378)

[ 67 ] Also diese, die da die Galatee heranbringen, die herrschen auf Zypern. [In] Zypern war schon alles Mögliche, nicht wahr, Zypern ist ja ein Land, das von allem Möglichen beherrscht war. Sie scheuen weder den römischen Adler noch den geflügelten Leuen, die andere Herrschaft; weder das christliche Kreuz noch den türkischen Halbmond. Alles das hat ja Zypern beherrscht. Das fürchten sie alles nicht; sie fühlen sich als die richtigen Herrscher von Zypern, denen die Insel eigentlich gehört, und trotzdem da Christen und Türken und Heiden und Adler und Leu und alles Mögliche war, so üben sie hier ihre Herrschaft aus.

Wir leise Geschäftigen scheuen
Weder Adler noch geflügelten Leuen,
Weder Kreuz noch Mond,
Wie es oben wohnt und thront,
Sich wechselnd wägt und regt,
Sich vertreibt und totschlägt,
Saaten und Städte niederlegt.
Wir, so fortan,
Bringen die lieblichste Herrin heran.

[ 68 ] SIRENEN:

[ 69 ] Oben.

Leicht bewegt, in mäßiger Eile,
Um den Wagen, Kreis um Kreis,
Bald verschlungen, Zeil’ an Zeile,
Schlangenartig, reihenweis,
Naht euch, rüstige Nereiden,
Derbe Frau’n, gefällig wild,
Bringet, zärtliche Doriden,
Galateen, der Mutter Bild:
Ernst, den Göttern gleich zu schauen,
Würdiger Unsterblichkeit,
Doch wie holde Menschenfrauen,
Lockender Anmutigkeit. (V 8370–8390)

[ 70 ] Also die Doriden sind schon Schwestern der Nereiden, aber sie, die Doriden, geraten mehr der Mutter nach:

Bringet, zärtliche Doriden,
Galateen, der Mutter Bild:

[ 71 ] Weil sie der Mutter so ähnlich ist, ist sie das Abbild der Mutter:

Ernst, den Göttern gleich zu schauen,
Würdiger Unsterblichkeit,
Doch wie holde Menschenfrauen,
Lockender Anmutigkeit.

DORIDEN (im Chor an Nereus vorbeiziehend, sämtlich auf Delfinen):
Leih uns, Luna, Licht und Schatten,
Klarheit diesem Jugendflor!
Denn wir zeigen liebe Gatten
Unserm Vater bittend vor.
(zu Nereus)
Knaben sind’s, die wir gerettet,

[ 72 ] Also die haben Schiffbruch gelitten, und die haben sie gerettet.

Aus der Brandung grimmem Zahn,
Sie, auf Schilf und Moos gebettet,
Aufgewärmt zum Licht heran;
Die es nun mit heißen Küssen
Treulich uns verdanken müssen;
Schau die Holden günstig an!

NEREUS:
Hoch ist der Doppelgewinn zu schätzen:
Barmherzig sein, und sich zugleich ergötzen.

DORIDEN:
Lobst du, Vater, unser Walten,
Gönnst uns wohl erworbene Lust,
Lass uns fest, unsterblich halten
Sie an ewiger Jugendbrust.

[ 73 ] Also sie wollen sich nicht mehr trennen von den Jünglingen, die sie gerettet haben.

NEREUS:
Mög’t euch des schönen Fanges freuen,
Den Jüngling bildet euch als Mann;
Allein, ich könnte nicht verleihen,
Was Zeus allein gewähren kann. (V 8385–8411)

[ 74 ] Also er, [Nereus], kann nicht ein Ewiges, Unsterbliches der Freundschaft einhauchen; das könnte nur Zeus, der der Seele Ewigkeit gibt; er, [Zeus], könnte auch der Freundschaft Unsterblichkeit geben. Aber sie, [die Doriden], haben nichts anderes zu geben als die Welle; das findet sich und trennt sich, wie die Welle sich findet und trennt. Das will er hervorheben.

Die Welle, die euch wogt und schaukelt,
Lässt auch der Liebe nicht Bestand,
Und hat die Neigung ausgegaukelt,
So setzt gemächlich sie ans Land.

DORIDEN:
Ihr, holde Knaben, seid uns wert;
Doch müssen wir traurig scheiden;
Wir haben ewige Treue begehrt,
Die Götter wollen’s nicht leiden.

DIE JÜNGLINGE:
Wenn ihr uns nur so ferner labt,
Uns wackre Schiffer-Knaben;
Wir haben’s nie so gut gehabt
Und wollen’s nicht besser haben.

[ 75 ] Nun nähert sich Galatee auf dem Muschelwagen.

GALATEE
(auf dem Muschelwagen nähert sich)

NEREUS:
Du bist es, mein Liebchen!
GALATEE:
O Vater! das Glück!
Delfine, verweilet! mich fesselt der Blick.

NEREUS:
Vorüber schon, sie ziehen vorüber
In kreisenden Schwunges Bewegung!
Was kümmert sie die innre herzliche Regung!

[ 76 ] Also sie ziehen vorüber.

Ach! nähmen sie mich mit hinüber!
Doch ein einziger Blick ergötzt,
Dass er das ganze Jahr ersetzt. (V 8412–8431)

[ 77 ] Er sieht ihr traurig nach.

THALES:
Heil! Heil! aufs Neue!
Wie ich mich blühend freue,
Vom Schönen, Wahren durchdrungen …
Alles ist aus dem Wasser entsprungen!!
Alles wird durch das Wasser erhalten!
Ozean, gönn’ uns Dein ewiges Walten.
Wenn Du nicht Wolken sendetest,
Nicht reiche Bäche spendetest,
Hin und her nicht Flüsse wendetest,
Die Ströme nicht vollendetest:
Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt?
Du bist’s, der das frischeste Leben erhält. (V 8432–8443)

[ 78 ] Der [Thales] entwickelt also hier seine philiströse Theorie. Alles war so furchtbar schön, großartig; aber der abstrahiert, der sieht in allem nur seine abstrakten Theorien: «Alles ist aus dem Wasser entsprungen!» Er könnte ebenso gut sagen: Habe ich’s nicht schon lang gesagt?!

[ 79 ] Alle, die da sind – das sind also alle die geistigen Wesenheiten, die Doriden, die Nereiden und so weiter: alle, alle:

ECHO
(Chorus der sämtlichen Kreise):
Du bist’s, dem das frischeste Leben entquellt.

NEREUS:
Sie kehren schwankend fern zurück,
Bringen nicht mehr Blick zu Blick;
In gedehnten Kettenkreisen,
Sich festgemäß zu erweisen,
Windet sich die unzählige Schar. (V 8444–8449)

[ 80 ] Also sie drehen sich im Kreise; sie kommen zurück.

Aber Galateas Muschelthron
Seh’ ich schon und aber schon,
Er glänzt wie ein Stern
Durch die Menge;
Geliebtes leuchtet durchs Gedränge,
Auch noch so fern
Schimmert’s hell und klar,
Immer nah und wahr.

HOMUNKULUS:
In dieser holden Feuchte,
Was ich auch hier beleuchte,
Ist alles reizend schön.

PROTEUS:
In dieser Lebensfeuchte
Erglänzt erst deine Leuchte
Mit herrlichem Getön.

NEREUS:
Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen
Will unseren Augen sich offenbaren?
Was flammt um die Muschel um Galatees Füße?
Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,
Als wär es von Pulsen der Liebe gerührt.

THALES:
Homunkulus ist es, von Proteus verführt …
Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,
Mir ahnet das Ächzen beängsteten Dröhnens;
Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron;
Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon. (V 8450–8473)

[ 81 ] Da langt er an. Es wird ihm ganz – er weiß nicht wie …

SIRENEN:
Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,
Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
So leuchtet’s und schwanket und hellet hinan:
Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,
Und rings ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
Heil dem Meere! Heil den Wogen!
Von dem heiligen Feuer umzogen;
Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
Heil dem seltnen Abenteuer!

[ 82 ] Jetzt: All-alle, die verschiedenen Geister:

ALL-ALLE:
Heil den mildgewognen Lüften!
Heil geheimnisreichen Grüften!
Hochgefeiert seid allhier,
Element’ ihr alle vier! (V 8474–8487)

[ 83 ] Da zerschellt der Muschelwagen. Galatee geht im Meere auf. Das ist der aus dem Meere ersteigende Eros, die Liebe, die auf diese Weise die Helena gebiert. Aus dem Homunkulus, der sich an Galatees Muschelwagen zerschellt, und aus der Morgenröte heraus – mit der Galatee – wird dann die Helena. – Bei den letzten Zeilen ist Musik, weil die Sirenen mitsingen; es kann eurythmisch gehüpft werden.