The Polarity of Duration and Development in Human Life
GA 184
4 October 1918, Dornach
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The Polarity of Duration and Development in Human Life, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Heute und in den nächsten Tagen möchte ich einige Folgerungen aus den Betrachtungen der letzten Zeit, die hier gepflogen worden sind, für das menschliche Leben selber ziehen. Ich bemerke im voraus, namentlich mit Bezug auf gewisse Gedanken, welche der Anthroposophie als solcher entgegengebracht werden von der Außenwelt, wie hinsichtlich dieser Gedanken gewisse Anschauungen eigentlich gewonnen werden sollten und von uns betont werden sollten. Im Leben der Natur, in der Ordnung der Natur erkennt heute jeder Mensch genau dasselbe an, allerdings abgestimmt für die Ordnung der Natur, was wir durch die anthroposophische Geisteswissenschaft für das geistige Leben, für die geistige Ordnung geltend machen wollen. Allerdings muß anthroposophische Anschauung mißverstanden werden, wenn sie sich irgendwie darauf einläßt, moderne Geisteswissenschaft zu verquicken mit irgendwelchem althergebrachtem, an Aberglauben grenzenden Irrtum oder Mystizismus. Wir müssen uns gewöhnen, solche Bezeichnungen wie ahrimanisch, luziferisch, die uns geläufig geworden sind für die geistige Ordnung, so zu gebrauchen, allerdings dann auf einer höheren Stufe des Daseins, wie der Naturforscher auf seinem Gebiete, sagen wir, positive und negative Elektrizität, positiven und negativen Magnetismus oder Ähnliches gebraucht. Wir müssen uns nur wiederum im Unterschied von der landläufigen und vorurteilsvollen Naturwissenschaft klar darüber sein, daß natürlich in dem Augenblick, wo man heraufkommt zur Betrachtung der geistigen Ordnung der Welt, solche Begriffe, die für die Naturwissenschaft einen gewissen bestimmten, man kann sagen, sogar stark abstrakten Inhalt haben, konkreter, eben geistiger gefaßt werden müssen.
[ 1 ] Today and over the next few days, I would like to draw some conclusions for human life itself from the reflections that have been shared here recently. I would like to note in advance—particularly with regard to certain ideas that the outside world holds against anthroposophy as such—how certain perspectives regarding these ideas should actually be gained and emphasized by us. In the life of nature, in the order of nature, every person today recognizes exactly the same thing—albeit adapted to the order of nature—that we seek to assert through anthroposophical spiritual science for spiritual life and the spiritual order. However, the anthroposophical view is bound to be misunderstood if it in any way attempts to blend modern spiritual science with any kind of traditional error bordering on superstition or mysticism. We must accustom ourselves to using terms such as “Ahrimanic” and “Luciferic”—which have become familiar to us in connection with the spiritual order—in this way, albeit on a higher plane of existence, just as the natural scientist, in his own field, uses terms such as positive and negative electricity, positive and negative magnetism, or similar concepts. We must simply be clear—in contrast to conventional and prejudiced natural science—that, naturally, the moment one ascends to the contemplation of the spiritual order of the world, such concepts—which for natural science have a certain, specific, one might even say highly abstract content—must be conceived in more concrete, indeed spiritual, terms.
[ 2 ] Nun wissen wir, daß das Menschenwesen, so wie es uns zunächst im Leben zwischen Geburt und Tod entgegentritt, uns darbietet dasjenige, was wir gewohnt worden sind, den physischen Leib zu nennen, dann darüber hinaus dasjenige, was wir Ätherleib nennen, oder was ich versuche, um gewissermaßen einen gangbareren Ausdruck zu gewinnen, Bildekräfteleib zu nennen, dann dasjenige, was schon Bewußtseinscharakter hat, was wir gewohnt worden sind, den astralischen Leib zu nennen, was aber noch nicht jenen Bewußtseinscharakter hat, der unser uns zunächststehendes heutiges Bewußtsein durchzieht. Dasjenige, was wir heute das Unterbewußte nach dem Brauch vieler Leute nennen, das würde dem astralischen Leib angehören. Dann das, was wir als unser gewöhnliches Bewußtsein bezeichnen, welches wechselt zwischen Schlaf- und Wachzuständen, welches in die Schlafzustände hinein nur die chaotischen Träume sendet, welches in den Wachzuständen sich nicht mit Anschauungen begnügt, sondern zu Urteilen und Begriffen, die abstrakt sind, Zuflucht nimmt, das alles bezeichnen wir als jenes Glied der menschlichen Wesenheit, welches wir das Ich nennen. Nur in diesem letzten Gliede der menschlichen Wesenheit, im eigentlichen Ich, könnte man sagen, kennt sich der Mensch der Gegenwart aus. Dieses Ich wird ihm gespiegelt von seinem Bewußtsein. Dieses Ich ist dasjenige, in dem sich alles Denken, Fühlen und Wollen der Seele eigentlich abspielt. Alles übrige, astralischer Leib, Ätherleib und der physische Leib in seiner wahren Gestalt, liegt unterhalb des Bewußtseins und auch unterhalb des Ich. Denn dasjenige, was die gewöhnliche Wissenschaft, Anatomie, Physiologie und so weiter, vom physischen Leib konstatieren kann, das ist ja nur seine Außenseite; das ist im Grunde genommen auch nichts anderes als unser Bewußtseinsinhalt von dem menschlichen physischen Leib, den wir geradeso gewinnen, wie wir einen andern sinnenfälligen Inhalt gewinnen. Das ist das äußere Bild des physischen Leibes für unser Bewußtsein, das ist aber nicht der physische Leib selber.
[ 2 ] Now we know that the human being, as it first appears to us in life between birth and death, presents us with what we have come to call the physical body, and beyond that, what we call the etheric body—or what I will attempt to call, in order to find a more suitable term, so to speak, the “body of formative forces”; then that which already possesses a character of consciousness—what we have come to call the astral body—but which does not yet possess the character of consciousness that pervades our present-day consciousness as it first presents itself to us. That which we today call the “subconscious,” following the custom of many people, would belong to the astral body. Then there is what we call our ordinary consciousness, which alternates between states of sleep and wakefulness, which sends only chaotic dreams into the states of sleep, and which, in the states of wakefulness, is not content with mere perceptions but resorts to abstract judgments and concepts; —we designate all of this as that aspect of the human being which we call the “I.” It is only in this last aspect of the human being—in the “I” proper, one might say—that the modern human being is familiar with himself. This “I” is reflected to him by his consciousness. This “I” is the very place where all the soul’s thinking, feeling, and willing actually take place. Everything else—the astral body, the etheric body, and the physical body in its true form—lies below consciousness and also below the “I.” For what conventional science—anatomy, physiology, and so on—can ascertain about the physical body is, after all, only its outer aspect; which, when it comes down to it, is nothing other than the content of our consciousness regarding the human physical body—a content we perceive in exactly the same way as we perceive any other sensory content. This is the external image of the physical body as it appears to our consciousness, but it is not the physical body itself.
[ 3 ] Also, die drei Glieder der menschlichen Wesenheit, die wir nach der Entwickelung als vorirdisch bezeichnen — Sie kennen diese Entwickelung aus meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» —, diese drei Glieder sind zunächst außerhalb des Feldes menschlicher Bewußtheit gelegen. Nun wissen Sie, daß wir bezüglich der geistigen Ordnung hinweisen auf Wesenheiten, die sich nach oben hin als Hierarchien, als Mitglieder der Hierarchien so anschließen an den Menschen, wie sich nach unten hin die drei Naturreiche, das tierische, pflanzliche, mineralische Reich anschließen. In dem Augenblicke, wo wir nun geistig den Menschen betrachten, können wir nicht mehr nur von denjenigen Inhalten des astralischen, des ätherischen, des physischen Leibes sprechen, von denen die gewöhnliche Wissenschaft oder auch die Anthroposophie spricht, wenn sie nur Rücksicht nimmt auf dasjenige Leben des Menschen, das in der sinnenfälligen Welt offenbar wird. Und ich habe deshalb schon in früheren Betrachtungen dieses Herbstes erwähnt, daß mit diesen, nennen wir sie nun untere Glieder der menschlichen Natur, daß mit diesen unteren Gliedern der menschlichen Natur, wenn wir sie ihrer Wahrheit nach betrachten, im wesentlichen verbunden sind die Geister der einzelnen Hierarchien.
[ 3 ] So, the three members of the human being that we, based on their development, refer to as pre-earthly—you are familiar with this development from my *Outline of Esoteric Science*—these three members are initially located outside the realm of human consciousness. Now you know that, with regard to the spiritual order, we refer to beings who, ascending upward, are connected to human beings as hierarchies and as members of hierarchies, just as the three natural kingdoms—the animal, plant, and mineral kingdoms—are connected to them descending downward. The moment we now consider the human being spiritually, we can no longer speak solely of those aspects of the astral, etheric, and physical bodies that ordinary science—or even anthroposophy—discusses when it takes into account only that aspect of human life which manifests itself in the sensory world. And that is why I have already mentioned in earlier reflections this fall that these—let us call them the lower members of human nature—that these lower members of human nature, when we consider them in their true nature, are essentially connected to the spirits of the individual hierarchies.


[ 4 ] Nun können wir, im Sinne dessen, was ich Ihnen gerade in Anknüpfung an Goethes Weltanschauung neulich vorbrachte, sagen: Insofern sich der Mensch durch diese seine drei Glieder in der Zeit entwickelt, insofern er jene Entwickelung durchmacht, welche man verfolgen kann von seiner Geburt bis zu seinem Tode, insofern hängt er zusammen mit gewissen geistigen Kräften, die hinter seiner Entwickelung liegen. Ich habe es Ihnen dadurch klarzumachen versucht, daß ich sagte: Wenn wir dieses (siehe Zeichnung) als Wesenheit des heutigen Menschen betrachten, so müssen wir rückgängig in der Entwickelung mit dieser seiner Wesenheit verbunden denken die geistigen Kräfte, die wir als die Glieder der höheren Hierarchien erkannt haben. Diese geistigen Kräfte wirken ja nun, wie Sie wissen, unmittelbar in sein Ich beim normalen Menschen nicht herein, außer den Geistern der Form, denjenigen, die man Exusiai nennt. Also außer diesen Geistern der Form, jenen Kräften, welche dem Menschen seine ihm ureigene Form geben, wirken in das gegenwärtige Bewußtsein des Menschen die andern geistigen Kräfte nicht herein. Wir bekommen einen zwar spärlichen, aber doch immerhin einigermaßen möglichen Begriff von den Geistern der Form, wenn wir den Blick wenden auf diejenige Formung des Menschen — es ist nur ein Teil, ein Glied seiner allgemeinen Formung —, die er noch während der Zeit seines physischen Lebens annimmt. Wir werden alle geboren als mehr oder weniger kriechende Wesen. Wir haben die Vertikale nicht in unserer Gewalt. Nun hängt mit dem Aufrechten des Menschen — nicht gerade mit dem mathematisch Aufrechten, aber mit der Kraft, die aufrechte Lage als seine Lage zu haben — ungeheuer viel in der Gesamtwesenheit des Menschen zusammen. Und wenn man den Unterschied des Menschen vom Tiere betrachtet nach rein äußeren Merkmalen, so sollte man nicht auf diejenigen Dinge sehen, auf die gewöhnlich gesehen wird, auf die Zahl der Knochen und der Muskeln und so weiter, die ja der Mensch im wesentlichen mit dem Tiere gemein hat, sondern man sollte gerade auf diese Aufrichtekraft, die dem werdenden Menschen seine Formung gibt, achten. Es ist nur ein Teil dessen, was in Betracht kommt, aber es ist ein wesentlicher Teil. Dieselbe Kraft, die da als Aufrichtekraft in unser physisches Werden eingreift, sie ist von der Art wie alle die Kräfte, die uns als Menschen, als Erdenmenschen unsere Form geben. Und nur diese Kräfte, die von solcher Art sind, greifen in unser Ich ein.
[ 4 ] Now, in line with what I recently explained to you in connection with Goethe’s worldview, we can say: To the extent that human beings develop over time through these three aspects of their being—to the extent that they undergo the development that can be traced from birth to death—to that extent are they connected to certain spiritual forces that underlie their development. I have tried to make this clear to you by saying: If we regard this (see drawing) as the essence of modern human beings, then we must conceive of the spiritual forces—which we have recognized as the members of the higher hierarchies—as being connected to this essence of theirs in the course of their evolutionary development. As you know, these spiritual forces do not, in the case of the normal human being, act directly upon his “I,” except for the spirits of form, those called the Exusiai. Thus, apart from these spirits of form—those forces that give the human being his very own form—the other spiritual forces do not act upon the human being’s present consciousness. We gain a concept of the spirits of form—admittedly a sparse one, but nevertheless somewhat feasible—when we turn our gaze to that aspect of the human being’s formation—it is only a part, a link in his general formation—which he still assumes during the course of his physical life. We are all born as more or less crawling beings. We do not have control over the vertical axis. Now, an immense amount in the total being of the human being is connected to the human being’s ability to stand upright—not exactly in the mathematical sense, but with the power to maintain an upright posture as their natural state. And when one considers the difference between human beings and animals in terms of purely external characteristics, one should not focus on the things that are usually emphasized—such as the number of bones and muscles and so on, which human beings essentially share with animals—but rather one should pay attention precisely to this power of uprightness, which gives the developing human being its form. It is only one part of what comes into consideration, but it is an essential part. The same force that intervenes in our physical development as this “uprighting force” is of the same nature as all the forces that give us our form as human beings, as earthly human beings. And only these forces, which are of this nature, intervene in our “I.”
[ 5 ] Dagegen greifen andere Kräfte, wir nennen sie die Kräfte der kosmischen Bewegung, der kosmischen Weisheit, des kosmischen Willens, bezeichnen sie als Dynamis, Kyriotetes, Throne, alte Namen gebrauchend für diese im modernen Geiste gesehenen Dinge, ein in dasjenige, was nicht ins Bewußtsein des Menschen hereinfällt, was also angehört seinem astralischen Leibe, seinem Bildekräfteleib oder Ätherleib und seinem physischen Leib. So daß man, wenn man diese Glieder der Menschennatur ohne diesen geistigen Inhalt betrachtet, den ich eben angeführt habe, dann eigentlich von einer bloßen Illusion, von einem bloßen Scheingebilde redet. In Wahrheit stecken wir nicht in dem, was sich als äußerer Schein darbietet, sondern in den angedeuteten geistigen Kräften darinnen.
[ 5 ] In contrast, other forces come into play; which we call the forces of cosmic movement, cosmic wisdom, and cosmic will; we refer to them as Dynamis, Kyriotetes, and Thrones—using ancient names for these concepts as understood in the modern spirit—that which does not enter human consciousness, and thus belongs to the human astral body, the body of formative forces (or etheric body), and the physical body. Thus, if one considers these aspects of human nature without the spiritual content I have just mentioned, one is actually speaking of a mere illusion, a mere semblance. In truth, we do not dwell in what presents itself as outward appearance, but in the spiritual forces indicated within it.
[ 6 ] Nun wirken aber auf den Menschen gewissermaßen zeitlich wie ich neulich in Anknüpfung an Goethes Weltanschauung gesagt habe —, ohne daß sie mit seiner Entwickelung unmittelbar zusammenhängen, jene beiden Kräftearten herein, die wir als luziferische oder ahrimanische bezeichnen. Wir können sagen: mehr geistig die luziferischen Kräfte (siehe Zeichnung, rot), mehr vom Unterbewußten her die ahrimanischen Kräfte (lila). Daher haben wir eine Dreigliedrigkeit im kosmischen Hineingestelltsein des Menschen in das Dasein. So daß wir sagen: Es gibt in der Menschennatur gewisse geistige Kräfte, die unmittelbar mit seiner Entwickelungsströmung zusammenhängen. Es gibt zwei andere Kräfteströmungen, die luziferische und die ahrimanische, die nicht mit seiner unmittelbaren Entwickelungsströmung zusammenhängen, sondern zeitlich auf ihn einwirken, die also hinzukommen zu dem, was eigentlich zum Menschen gehört.
[ 6 ] Now, however, as I recently said in connection with Goethe’s worldview—in a sense, these two types of forces, which we describe as Luciferic or Ahrimanic, begin to influence human beings over time, without being directly linked to their development. We can say: the Luciferic forces (see diagram, red) are more spiritual in nature, while the Ahrimanic forces (purple) stem more from the subconscious. Hence, we have a threefold structure in humanity’s cosmic placement within existence. Thus we say: There are certain spiritual forces in human nature that are directly connected to the current of human development. There are two other currents of force—the Luciferic and the Ahrimanic—which are not connected to the human being’s immediate stream of development but act upon him over time; they thus come in addition to what actually belongs to the human being.


[ 7 ] Betrachten wir nun das Leben. Wenn wir das Leben betrachten denken Sie doch, wir sehen nicht nur den Kräftestrom, der eigentlich zu uns gehört, wir sehen immer etwas, was aus den drei Kräfteströmen zusammengeflossen ist. Was immer wir überschauen, sei es die äußere Sinneswelt, sei es das zwischen Lust und Leid, Freude und Schmerz, Tat und Trägheit verlaufende menschliche geschichtliche Leben, wir sehen es so, daß die drei Strömungen ineinandergeflossen sind. Wir unternehmen im gewöhnlichen Leben nicht dasjenige, was zum Beispiel der Chemiker unternimmt, wenn er Wasser nicht einfach als die Flüssigkeit hinnimmt, als die sie sich im Äußeren darbietet, sondern es zerlegt in Wasserstoff und Sauerstoff. Geisteswissenschaft muß diese Zerlegung unternehmen. Geisteswissenschaft muß sich einlassen auf diese geistige Chemie, sonst wird niemals das menschliche Leben durchdrungen werden können.
[ 7 ] Let us now consider life. When we look at life, do you not think that we see not only the stream of forces that actually belongs to us, but that we always see something that has flowed together from the three streams of forces? Whatever we survey—be it the external sensory world, or human historical life as it unfolds between pleasure and suffering, joy and pain, action and inaction—we see it as the result of these three currents merging into one another. In ordinary life, we do not undertake what, for example, a chemist does when he does not simply accept water as the liquid it appears to be on the surface, but breaks it down into hydrogen and oxygen. Spiritual science must undertake this breakdown. Spiritual science must engage in this spiritual chemistry; otherwise, human life will never be fully understood.
[ 8 ] Nun haben wir ja von den verschiedensten Gesichtspunkten aus hingewiesen auf die besondere Eigenart jener Wesenheit, die wir als luziferisch bezeichnen, und die besondere Eigenart jener Wesenheit, die wir als ahrimanisch bezeichnen. Es handelt sich nun darum, noch von einem andern Gesichtspunkte, von dem Gesichtspunkte des unmittelbaren Menschenlebens auch einmal auf diese Dinge einzugehen. Wir können dann fragen: Wo ist denn eigentlich im Menschenleben der Punkt, wo die luziferischen Kräfte besonderen Einfluß gewinnen, und wo ist wiederum der Punkt, wo die ahrimanischen Kräfte besonderen Einfluß gewinnen?
[ 8 ] We have now pointed out, from a wide variety of perspectives, the distinctive nature of that entity we call “Luciferic” and the distinctive nature of that entity we call “Ahrimanic.” The task now is to examine these matters from yet another perspective—that of immediate human life. We can then ask: Where, exactly, in human life is the point at which the Luciferic forces gain particular influence, and where, in turn, is the point at which the Ahrimanic forces gain particular influence?
[ 9 ] Ja, wenn sich der Mensch überlassen könnte seiner ruhigen, in seinem ureigenen Wesen gelegenen Entwickelung — er kann es aber nicht, Sie wissen es aus früheren Betrachtungen, er würde erst in der zweiten Lebenshälfte zu einiger Selbsterkenntnis kommen können —, dann würde er nicht ausgesetzt sein dem zeitlichen Eingreifen der luziferischen und ahrimanischen Mächte. Aber im wirklichen Leben, so wie wir es zu durchleben haben, ist der Mensch eben diesem zeitlichen Eingreifen der luziferischen und ahrimanischen Mächte ausgesetzt, ja, er muß sogar mit den luziferischen und ahrimanischen Mächten rechnen. In alldem nun, was beim Menschen mehr in das Gebiet des Bewußten gehört, aber so, daß der Mensch diese Bewußtheit nicht durch Natur bloß anstrebt, sondern über diese Natur hinausgeht — wir gehen über die Natur hinaus, wenn wir zum Beispiel in der ersten Lebenshälfte schon Selbsterkenntnis haben —, in alldem, was der Mensch durch sein Bewußtsein anstrebt, liegt etwas, was wir nicht anders nennen können als Überbewußtes. Unser Bewußtsein würde ganz anders aussehen, wenn nicht in diesem Bewußtsein eben Überbewußtes liegen würde. Überbewußtheit ist es, was den Menschen dazu veranlaßt, mehr hereinzutragen in das geschichtliche Leben, als er hereintragen würde, wenn er sich nur seiner bloßen physischen Entwickelung überließe. Wir wären heute in diesem Zeitpunkte der menschlichen Erdenentwickelung in einer ganz andersgearteten Kultur darinnen, wenn nicht eingeflossen wäre in dasjenige, was sich nur durch die Menschheit an Bewußtheit entwickelt hat, Überbewußtes. Aber mit diesem Überbewußten ist schon durchaus gegeben die Möglichkeit des Eingriffes luziferischer Mächte. Man muß nur in der richtigen Weise erkennen, wie luziferische Mächte ins Bewußtsein hereinwirken. Der Mensch würde niemals veranlaßt sein, ein anderes Denken zu entwickeln als ein solches, welches ich Ihnen als das Ideal der Goetheschen Weltanschauung neulich charakterisiert habe, wenn nicht luziferische Mächte hereinspielten. Durch die luziferischen Mächte bildet der Mensch Hypothesen, durch die luziferischen Mächte bildet der Mensch Phantasien über die Wirklichkeit. Er ergreift nicht bloß die Wirklichkeit, er vereint mit dem Bewußten das Überbewußte. Er macht sich allerlei Ideen über die Wirklichkeit, Ideen, die ihn dann wiederum befähigen, gründlicher mit dieser Wirklichkeit zusammenzuwachsen, als er sonst zusammenwachsen würde. Und wenn wir erst das ganze Gebiet der Kunst ins Auge fassen, müssen wir ja betonen, daß innerhalb der Kunst, in der das Überbewußte eine so große Rolle spielt, wenn die Kunst nicht ausarten will in reinen Naturalismus, das luziferische Element im höchsten Grade sich wirksam erweisen muß. Es geht nicht an — das habe ich immer wieder und wiederum betont —, einfach zu sagen, der Mensch soll in seinem Leben sich dem Luziferischen fernhalten. Wenn er sich dem Luziferischen fernhielte, würde der Mensch nicht ein wirkliches Leben führen können, sondern er würde zum Urphilister werden müssen. Dasjenige, was immer wieder und wiederum wie ein Sauerteig wirkt und die Menschheit rettet, sie aus dem Philistertum herauszustreben anspornt, das ist schon die luziferische Regsamkeit.
[ 9 ] Yes, if human beings could be left to their own peaceful development, rooted in their very essence—but they cannot, as you know from earlier discussions; they would only be able to attain some self-knowledge in the second half of life—then they would not be exposed to the temporal intervention of the Luciferic and Ahrimanic forces. But in real life, as we have to live it, human beings are precisely exposed to this temporal intervention of the Luciferic and Ahrimanic forces; indeed, they must even reckon with the Luciferic and Ahrimanic forces. In all that which, in human beings, belongs more to the realm of the conscious, but in such a way that human beings do not merely strive for this consciousness through nature alone, but go beyond nature—we go beyond nature when, for example, we already have self-knowledge in the first half of life—in all that which human beings strive for through their consciousness, there lies something we can call nothing other than the superconscious. Our consciousness would look quite different if the superconscious were not present within it. It is the superconscious that prompts human beings to contribute more to historical life than they would if they were to rely solely on their mere physical development. At this point in human evolution on Earth, we would be living in a culture of a completely different nature if the superconscious had not flowed into that which has developed as consciousness solely through humanity. But with this superconscious comes the very possibility of intervention by Luciferic forces. One need only recognize in the right way how Luciferic forces work their way into consciousness. Human beings would never be led to develop a way of thinking other than the one I recently characterized for you as the ideal of Goethe’s worldview, were it not for the influence of Luciferic forces. Through the Luciferic forces, human beings form hypotheses; through the Luciferic forces, human beings form fantasies about reality. They do not merely grasp reality; they unite the superconscious with the conscious. They form all manner of ideas about reality—ideas that in turn enable them to grow together with this reality more deeply than they otherwise would. And when we consider the entire realm of art, we must emphasize that within art—where the superconscious plays such a major role—the Luciferic element must be active to the highest degree if art is not to degenerate into pure naturalism. It is not acceptable—as I have emphasized time and again—to simply say that human beings should keep the Luciferic element at a distance in their lives. If human beings were to keep their distance from the Luciferic, they would not be able to lead a true life, but would have to become primeval philistines. That which time and again acts like leaven and saves humanity, spurring it on to strive out of philistinism—that is precisely the Luciferic vitality.
[ 10 ] Aber diese ganze luziferische Regsamkeit, sie verursacht zu gleicher Zeit, daß der Mensch in einer gewissen Weise, man kann sagen, die Welt aus der Vogelperspektive zu betrachten geneigt ist. Alles das, was im Laufe der Zeit auftritt als Programme, als schr schöne Ideen, mit denen man immer glaubt, das goldene Zeitalter in der einen oder in der andern Weise herbeiführen zu können, alles das rührt von den in den Menschen einströmenden luziferischen Neigungen her. Alles das, wodurch der Mensch aus dem Zusammengewachsensein mit der Wirklichkeit herausstrebt, durch das er gewissermaßen seine Schwingen höher heben würde, als es der Zusammenhang ist, in den er als Mensch hineingestellt ist, alles das weist auf Luziferisches. Luziferisch in der Menschennatur ist derjenige Trieb, der uns immerfort veranlaßt, unser Interesse gegenüber unseren Mitmenschen zu verringern. Wenn wir unserer ureigenen Menschennatur folgen würden, also denjenigen Entwickelungskräften, die in des Menschen eigener Strömung liegen, würden wir ein weit über das Maß dessen hinausgehendes Interesse für unsere Mitmenschen haben, als wir es in Wirklichkeit haben. Die luziferische Wesenheit in der Natur des Menschen, die bewirkt eine gewisse Interesselosigkeit gegenüber den andern Menschen. Und man sollte, wenn man den Menschen in seiner Wesenheit studiert, gerade auf diesen Punkt einen großen Wert legen. Vieles in der Welt würde anders sein, wenn wir seiner Realität nach anerkennen würden diesen unseren Drang, ein viel zu großes Interesse für dasjenige zu haben, was wir selber auskochen, und ein viel zu geringes Interesse für dasjenige, was andere Menschen denken und fühlen und wollen. Menschenkenntnis in rechtem Sinne erlangt man nur, wenn man seine Menschenanschauung durchstrahlt mit der Frage: Was treibt mich hinweg von dem Interesse, das ich an andern Menschen entwickeln kann? Und es muß eine Aufgabe der Menschenkultur in der Zukunft sein, gerade diese Menschenkenntnis zu entwickeln. Heute nennt man vielfach noch Menschenkenntnis dasjenige, was einer sagt über die Menschen, je nachdem er sich einbildet, sie seien so oder so, oder sie sollten so oder so sein. Die Menschen nehmen, wie sie sind, und sich klar darüber sein, daß jeder, wie er ist, selbst der Verbrecher — auch das muß gesagt werden —, noch immer etwas Wichtigeres uns sagt über die Welt, als es die Einbildungen sind, die wir uns über die Menschenwesenheit machen, wenn wir uns noch so schöne Gedanken aushecken: dieses sich sagen, das heißt, dem Luziferischen die richtige Gleichheitslage in uns geben. Es würde ein solches Streben nach Menschenkenntnis unendlich viel offenbaren. Und aus der Natur der menschlichen Erdenentwickelung war eigentlich keine Zeit weiter entfernt von dem wirklichen, echten Interesse an der unmittelbaren Menschennatur als die heutige Zeit. Man verwechsle dasjenige, was hier gemeint ist, nicht mit einer Kritiklosigkeit gegenüber dem Menschen. Wer freilich wiederum von der Idee ausgeht: Alle Menschen mußt du als gut ansehen und alle Menschen gleich lieben —, der macht sich die Sache ja allerdings recht luziferisch bequem, denn er geht erst recht von seinen Phantasien aus. Alle Menschen gleich zu betrachten, das ist erst recht eine luziferische Phantasie. Es handelt sich nicht darum, eine allgemeine Idee zu pflegen, sondern gerade darum, auf das Konkrete jedes einzelnen Menschen einzugehen und dafür ein liebevolles, vielleicht besser gesagt, interessevolles Verständnis zu entwickeln.
[ 10 ] But all this Luciferic restlessness also causes human beings, in a certain sense, to be inclined—one might say—to view the world from a bird’s-eye perspective. Everything that arises over time in the form of programs or so-called beautiful ideas—with which people always believe they can bring about a golden age in one way or another—all of this stems from the Luciferic inclinations flowing into human beings. Everything that causes human beings to strive away from their interconnectedness with reality—through which they would, as it were, raise their wings higher than the context into which they are placed as human beings—all of this points to the Luciferic. The Luciferic element in human nature is the impulse that constantly causes us to diminish our interest in our fellow human beings. If we were to follow our very own human nature—that is, the forces of development inherent in the human being’s own current—we would have a far greater interest in our fellow human beings than we actually do. The Luciferic element in human nature is what causes a certain lack of interest toward other people. And when studying human nature, one should place great emphasis on precisely this point. Much in the world would be different if we were to acknowledge, in all its reality, this urge of ours to take far too much interest in what we ourselves concoct, and far too little interest in what other people think, feel, and want. One can only attain true insight into human nature if one illuminates one’s view of humanity with the question: What is driving me away from the interest I can develop in other people? And it must be a task of human culture in the future to develop precisely this insight into human nature. Today, “knowledge of human nature” is still often used to refer to what someone says about people, depending on how they imagine them to be or how they think they ought to be. Accepting people as they are, and being clear that everyone—just as they are, even the criminal—and this, too, must be said—still tells us something more important about the world than the illusions we create about human nature, no matter how beautiful the thoughts we concoct: to acknowledge this means to grant the Luciferic principle its proper place of equality within us. Such a quest for knowledge of human nature would reveal an infinite amount. And in the history of human development on Earth, no era has actually been further removed from a genuine, authentic interest in immediate human nature than the present day. Let us not confuse what is meant here with an uncritical attitude toward humanity. Of course, anyone who starts from the idea that “you must regard all people as good and love all people equally” is, in fact, taking a rather Luciferic shortcut, for they are basing their views all the more on their own fantasies. To regard all human beings as equal is, in fact, a Luciferic fantasy. It is not a matter of cultivating a general idea, but rather of engaging with the concrete reality of each individual human being and developing a loving—or perhaps, better said, interested—understanding of them.
[ 11 ] Nun können Sie fragen: Was soll denn dann eigentlich diese ganze luziferische Kraft in uns, wenn sie uns abhält davon, gegen die Menschennatur im weisheitsvollen Sinne tolerant zu sein und Interesse zu entwickeln? Sie hat ihre gute Berechtigung im Haushalte des Geistes, wenn ich mich des philiströsen Ausdruckes bedienen darf. Diese luziferische Kraft muß schon auch da sein, weil wir, wenn wir nur in der fortlaufenden Strömung wären und die natur- und geistgemäße Hinneigung zur Erkenntnis eines jeden Menschen entwickeln würden, in unserer Menschenkenntnis — verzeihen Sie den harten Ausdruck ersaufen würden. Wir würden ertrinken, wir würden nicht recht zu uns kommen können. Gerade das ist zusammenhängend mit vielen Geheimnissen des Daseins, daß in diesem Dasein nichts eigentlich ist, was nicht, wenn es in der Konsequenz verfolgt wird, bis in seine Extreme in der Konsequenz verfolgt wird, dann zum Bösen wird, zum Unglück. Dasjenige, was uns so recht mit Menschen zusammenbringt, was uns finden läßt den andern Menschen in uns selbst, das würde bewirken, daß wir ertrinken in unserer Menschenkenntnis, wenn nicht fortwährend der luziferische Stachel da wäre, der uns immer wieder und wiederum hinweghebt vom Ertrinken, der uns immer wieder und wiederum an die Oberfläche heraufhebt und zu uns bringt und das Interesse nachher an uns selbst erweckt. Gerade in unseren Beziehungen zu den Menschen leben wir in einem fortwährenden Wechselspiel zwischen unserer ureigenen Kraft und der luziferischen Kraft. Und derjenige, der da sagt, es wäre gescheiter, wenn die Menschen nur ihrer ureigenen Kraft folgen und gar nicht vom Luziferischen berührt würden —, der soll auch gleich behaupten, wenn er eine Waage hat mit dem Waagebalken und zwei Waagschalen, er nehme lieber die eine Waagschale weg und wiege bloß mit der andern, mit einer Waagschale also. Das Leben geht eben in Gleichgewichtszuständen ab, nicht in absoluten dinglichen Verhältnissen. Das ist dasjenige, was man zunächst mit Bezug auf das menschliche Leben vom luziferischen Einschlag sagen kann: Er ergreift das Bewußtsein, aber so, daß sich Überbewußtes in das Bewußtsein hereinmischt.
[ 11 ] Now you might ask: What, then, is the purpose of all this Luciferic power within us, if it prevents us from being tolerant of human nature in the wise sense and from developing an interest in it? It has its rightful place in the economy of the spirit, if I may use that philistine expression. This Luciferic force must indeed be present, because if we were merely carried along by the continuous current and developed the natural and spiritual inclination toward knowledge inherent in every human being, we would—forgive me for the harsh expression—drown in our knowledge of human nature. We would drown; we would not be able to find our bearings. This is precisely what is connected to many of the mysteries of existence: that in this existence there is actually nothing which, if pursued to its logical conclusion—pursued to its extremes—does not become evil, does not become misfortune. That which truly brings us together with other people—that which allows us to find the other person within ourselves—would cause us to drown in our knowledge of human nature if it were not for the constant presence of the Luciferic sting, which time and again lifts us out of the water, brings us back to the surface, and subsequently awakens our interest in ourselves. It is precisely in our relationships with others that we live in a constant interplay between our very own power and the Luciferic power. And anyone who says it would be wiser if people simply followed their own innate power and were not touched by the Luciferic at all—let them also claim, if they have a scale with a balance beam and two pans, that they would rather remove one of the pans and weigh only with the other, that is, with just one pan. Life, after all, unfolds in states of equilibrium, not in absolute, objective relationships. This is what can initially be said about the Luciferic influence in relation to human life: it seizes consciousness, but in such a way that the superconscious intermingles with consciousness.
[ 12 ] Der ahrimanische Einschlag ergreift zunächst hauptsächlich das Unterbewußte im menschlichen Leben. In all dasjenige, was die unterbewußten, oftmals so raffinierten Triebe der Menschennatur sind, da hinein mischen sich die ahrimanischen Kräfte. In all das, was im Menschenleben spielt aus dem Unterbewußten heraus, da mischen sich hinein die ahrimanischen Kräfte. Will man, ich möchte sagen, persönlich Ahriman und Luzifer charakterisieren, so kann man sagen: Luzifer ist ein hochmütiger Geist, der am liebsten in die Vogelperspektive hinauf enteilt und vieles überblickt; Ahriman ist ein moralisch einsamer Geist, der sich nicht leicht sehen läßt, der im Unterbewußten des Menschen sein Wesen treibt, auf das Unterbewußte des Menschen wirkt, Urteile heraufzaubert aus diesem Unterbewußten. Die Menschen glauben dann, daß sie aus ihrem Bewußtsein urteilen, während sie nur aus ihren unterbewußten Trieben und aus ihren unterbewußten, raffinierten Impulsen oftmals das Urteil heraufzaubern, oder auch heraufzaubern lassen eben durch die ahrimanischen Kräfte.
[ 12 ] The Ahrimanic influence initially takes hold mainly of the subconscious in human life. The Ahrimanic forces intermingle with all those subconscious, often so subtle, drives of human nature. In everything that plays out in human life from the subconscious, the Ahrimanic forces intermingle. If one wishes—I would say—to characterize Ahriman and Lucifer personally, one can say: Lucifer is a haughty spirit who loves to soar up to a bird’s-eye view and survey the whole picture; Ahriman is a morally solitary spirit who does not easily reveal himself, who operates within the human subconscious, influences the human subconscious, and conjures up judgments from this subconscious. People then believe that they are judging from their consciousness, whereas they are often conjuring up judgments—or allowing them to be conjured up—from their subconscious drives and their subtle, subconscious impulses, precisely through the forces of Ahriman.
[ 13 ] Religiöse Darstellungen sind ja, wie wir wissen, oftmals aus alten, heute überholten geisteswissenschaftlichen Anschauungen hervorgegangen. Und Petrus nennt nicht mit Unrecht gerade Ahriman den herumschleichenden Löwen, der zu verschlingen sucht, wen er nur erhaschen kann. Aus diesem Grund nennt Petrus den Ahriman so, weil in der Tat Ahriman im Verborgenen, das heißt, im Unterbewußten der menschlichen Natur herumschleicht und dadurch sein Weltenziel zu erreichen strebt, daß er die unterbewußte Kraft des Menschen an sich heranlotst, um mit ihr in der Weltenentwickelung geistig andere Ziele zu erreichen, als sie in der geradlinigen Menschenströmung selbst liegen.
[ 13 ] As we know, religious depictions often stem from old, now outdated views in the humanities. And Peter is not wrong to call Ahriman the prowling lion who seeks to devour anyone he can catch. This is why Peter calls Ahriman by this name: because Ahriman does indeed prowl in secret—that is, in the subconscious of human nature—and thereby strives to achieve his cosmic goal by drawing the subconscious power of human beings toward himself, in order to use it to attain, in the course of cosmic evolution, spiritual goals other than those inherent in the straightforward course of human development.
[ 14 ] In bezug auf das geschichtliche Leben sind es immer luziferische Kräfte, die uns große, aber mit der Menschennatur nicht rechnende Weltenträume aushecken lassen. Wieviel ist ausgeheckt worden im Laufe des menschlichen Denkens an Weltbeglückungsideen! Und nach der Überzeugung derjenigen, die solche Weltbeglückungsideen aushecken, kann die Welt eben nur glücklich werden durch diese Ideen. Es rührt das davon her, daß solches luziferisches Denken perspektivischer Art ist, sich in die Vogelperspektive erhebt und all dasjenige, was da drunten herumwimmelt, unberücksichtigt läßt und glaubt, nach den Linien der Gedanken, die in der Vogelperspektive gefaßt werden, ließe sich die Welt einrichten. Solche Weltbeglückungsideen, die eben immer auf mangelnder Menschenkenntnis beruhen, sind luziferischer Art. Weltmachtsträume, die aus gesonderten menschlichen Gebieten herkommen, sind ahrimanischer Art. Denn aus dem Unterbewußten herauf entwickeln sich diese Weltmachtsträume. Ahrimanisch ist es, ein gewisses Gebiet des menschlichen Daseins zu umfassen und in diesem einzelnen Gebiet eigentlich die ganze Welt umspannen und umfassen zu wollen. Alles, was mit Herrschaftsgelüsten des Menschen über andere Menschen zusammenhängt, alles, was einem gesunden sozialen Wollen widerstrebt, ist ahrimanischer Natur. Derjenige Mensch, von dem man sagen könnte aber jetzt nicht im abergläubischen, sondern in unserem Sinne —, daß er von Luzifer besessen ist, verliert das Interesse für seine Mitmenschen. Derjenige Mensch, der von Ahriman besessen ist, möchte möglichst viele Menschen beherrschen, geht dann darauf aus, wenn er klug ist, die menschliche Schwäche zu benützen, um gerade durch die menschliche Schwäche die Menschen zu beherrschen. Denn das ist ahrimanisch: im Unterirdischen, im Unterbewußten menschliche Schwächen aufzusuchen, um die Menschen zu beherrschen.
[ 14 ] When it comes to historical life, it is always Luciferic forces that lead us to concoct grand visions of the world that take no account of human nature. How many such ideas for bringing happiness to the world have been concocted in the course of human thought! And according to the conviction of those who devise such ideas for the world’s happiness, the world can only become happy through these very ideas. This stems from the fact that such Luciferic thinking is of a perspectival nature; it rises to a bird’s-eye view and disregards everything that teems down below, believing that the world can be organized according to the lines of thought conceived from that bird’s-eye perspective. Such ideas for bringing happiness to the world, which are always based on a lack of knowledge of human nature, are of a Luciferic nature. Dreams of world domination that arise from specific human spheres are of an Ahrimanic nature. For these dreams of world domination develop from the subconscious. It is Ahrimanic to focus on a specific sphere of human existence and, within that single sphere, to actually seek to encompass and dominate the entire world. Everything connected with human desires for domination over other people, everything that runs counter to a healthy social will, is of an Ahrimanic nature. The person of whom one might say—not in a superstitious sense, but in our sense—that he is possessed by Lucifer loses interest in his fellow human beings. The person who is possessed by Ahriman wants to dominate as many people as possible; if he is clever, he will then seek to exploit human weakness in order to dominate people precisely through that weakness. For this is Ahrimanic: to seek out human weaknesses in the subterranean, in the subconscious, in order to dominate people.
[ 15 ] Nun müssen wir fragen: Woher kommt denn das alles? Das ist ja vor allem die Frage, die uns interessieren muß: Woher kommt denn das alles? Welcher Art sind denn solche Wesenskräfte wie die ahrimanischen und die luziferischen? Nicht wahr, wir wissen, unsere Erde ist die Metamorphose — um diesen Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen — vorhergehender kosmischer Weltenkörper, die vierte Metamorphose. Und um Ausdrücke zu haben, haben wir gesagt: Die Erde war zuerst verkörpert als Saturn, dann als Sonne, dann als Mond und ist jetzt als Erde verkörpert. Also wir wissen, diese Erde ist die vierte Verkörperung ihrer kosmischen Wesenheit, die vierte Metamorphose. Sie wird weitere Metamorphosen durchmachen. Das alles müssen wir in Erwägung ziehen, wenn wir nun weiter fragen wollen: Welche Bedeutung im ganzen kosmischen Zusammenhange, in dem der Mensch drinnensteht, haben die ahrimanischen und die luziferischen Kräftewesenheiten? — Wir wissen, mit der Gestaltung, welche der uns zunächst berührende Teil des Kosmos, unsere Erde, angenommen hat, hängen die Geister der Form zusammen. Und wenn man das ganz besonders Charakteristische der Erdenbildung ins Auge faßt, so ist es identisch mit dem Wesenhaften, was — wie ich vorhin sagte — allerdings nur zum kleinsten Teile, aber doch in dem liegt, wie wir die Schwerkraft überwinden in unserer eigenen Aufrichtekraft. Diese Geister der Form sind gewissermaßen die regierenden Kräfte des irdischen Daseins, der gegenwärtigen Metamorphose unseres Planeten. Diese Geister der Form, sie wirken aber, wie wir wissen, durch andere Geister, die wir Archai, Archangeloi, Angeloi nach alten Benennungen in unserer modernen Weise benennen.
[ 15 ] Now we must ask: Where does all this come from? That is, after all, the question that should interest us most: Where does all this come from? What kind of essential forces are the Ahrimanic and Luciferic ones? We know, don’t we, that our Earth is the metamorphosis—to use Goethe’s term—of previous cosmic world bodies, the fourth metamorphosis. And to put it in terms we can understand, we have said: The Earth was first embodied as Saturn, then as the Sun, then as the Moon, and is now embodied as the Earth. So we know that this Earth is the fourth embodiment of its cosmic essence, the fourth metamorphosis. It will undergo further metamorphoses. We must take all of this into consideration if we now wish to ask further: What significance do the Ahrimanic and Luciferic forces have within the entire cosmic context in which human beings are situated? — We know that the spirits of form are connected with the form assumed by the part of the cosmos that most directly concerns us: our Earth. And if we consider the most distinctive feature of the Earth’s formation, it is identical to the essential nature of what—as I said earlier—lies, albeit only to a very small extent, in the way we overcome gravity through our own power of uprightness. These spirits of form are, so to speak, the governing forces of earthly existence, of the present metamorphosis of our planet. These spirits of form, however, act—as we know—through other spirits, whom we call Archai, Archangeloi, and Angeloi, using the ancient terms in our modern way.
[ 16 ] Nun interessieren uns von diesen Wesenheiten zunächst die Archai oder Urkräfte, die Urbeginne. Wir wissen, in der Rangordnung der geistigen Wesenheiten stehen gewissermaßen die Geister der Form unmittelbar über den Urkräften. Dadurch ist in dem Entwickelungsgange, der des Menschen ureigener ist — den ich hier weiß schematisiert habe mit einfachen Kreidestrichen (siehe Zeichnungen $. 198 und 200) —, die Sache so, daß die Kräfte der Archai gewissermaßen dienende Kräfte sind der Geister der Form. In unserer menschlichen Wesenheit wirken Archai, wirken Exusiai: Geister, die wir als Urkräfte bezeichnen, Geister, die wir als Geister der Form bezeichnen. Aber außerdem ist immer noch das Folgende vorhanden: Da sind gewisse geistige Kräfte der Form, Formgeister vorhanden, die sich maskieren als Urkräfte, als Archai. Die könnten also Exusiai sein, machen sich aber nicht als Exusiai geltend, sondern machen sich als Archai geltend; sie maskieren sich. Das ist das Wesentliche, daß wir dahinterkommen, wie in der Welteneinrichtung geistige Wesenheiten, die eigentlich auf einer andern Stufe der Entwickelung stehen, sich maskieren.
[ 16 ] Of these entities, we are initially interested in the Archai, or primal forces, the primordial beginnings. We know that, in the hierarchy of spiritual entities, the spirits of form stand, so to speak, immediately above the primal forces. Consequently, in the course of development that is most inherent to human beings—which I have schematized here with simple chalk lines (see Figures 198 and 200)—the situation is such that the forces of the Archai are, so to speak, serving forces of the spirits of form. Within our human being, Archai and Exusiai are at work: spirits we call primal forces, and spirits we call spirits of form. But in addition to this, the following is also present: there are certain spiritual forces of form—spirits of form—that masquerade as primal forces, as Archai. These could therefore be Exusiai, but they do not assert themselves as Exusiai; rather, they assert themselves as Archai—they disguise themselves. This is the essential point: that we come to understand how, within the structure of the world, spiritual beings who actually stand at a different stage of development disguise themselves.
[ 17 ] Das hat aber eine ganz bestimmte Folge. Diese Urkräfte, die eigentlich nicht Urkräfte sind, sondern Geister der Form, von denen kann nun ebenso abhängig sein dasjenige, was in der äußeren Erdenform lebt, wie es abhängig ist von den eigentlichen Geistern der Form. Aber das Bedeutsame ist, daß in unserem irdischen Dasein alles das, was mit dem Raume zusammenhängt, indem es im Raum sich gestaltet, aus dem Raumlosen heraus sich gestaltet. Das Räumliche begreifen wir nur vollständig, wenn wir es in seiner Bildhaftigkeit auf Urbilder zurückführen, die raumlos sind. Das ist ja natürlich das Schwierige für das abendländische Denken, daß es sich das Raumlose so schwer vorstellen kann. Aber dennoch ist es so, daß sich alles dasjenige, was mit unserem ureigenen Menschentum zusammenhängt, was hervorgeht aus den Geistern der Form, indem es Gestaltung im Raume annimmt, die Wirkung ist des Raumlosen. Konkret gesprochen, indem wir uns als einzelner Mensch, der wir zuerst auf allen vieren kriechen, aufrichten, die Schwerkraft im aufrechten Gestalten überwinden, stellen wir uns in den Raum hinein; aber die Kraft, die dem zugrunde liegt, die strebt aus dem Raumlosen in den Raum hinein. Also wenn wir als Menschen nur unterworfen wären den zu uns gehörigen Geistern der Form, so würden wir in aller Art, uns in den Raum hineinzustellen, verwirklichen das Raumlose im Raume; denn die Geister der Form leben nicht im Raume. Wer das Göttliche im Raume sucht, findet es nicht; selbstverständlich findet er es nicht. Dasjenige, was im Raume als Gestaltung auftritt, ist eine Verwirklichung des Raumlosen.
[ 17 ] But this has a very specific consequence. These primal forces—which are not actually primal forces, but spirits of form—can now influence that which lives within the outer earthly form just as much as it is influenced by the actual spirits of form. But the significant point is that in our earthly existence, everything connected with space—insofar as it takes shape within space—arises from the spaceless. We can only fully comprehend the spatial when we trace its imagery back to archetypes that are spaceless. This, of course, is the difficulty for Western thought: it finds it so hard to conceive of the spaceless. And yet it is true that everything connected with our very essence as human beings—that which emerges from the spirits of form by taking shape in space—is the effect of the non-spatial. To put it concretely: as individual human beings, who first crawl on all fours, then stand upright, and overcome gravity in our upright posture, we place ourselves within space; but the force underlying this strives from the non-spatial into space. So if we as human beings were subject only to the spirits of form that belong to us, we would, in every way we place ourselves within space, realize the non-spatial within space; for the spirits of form do not live in space. Whoever seeks the divine in space will not find it; of course, they will not find it. That which appears in space as a form is a realization of the spaceless.
[ 18 ] Diejenigen Wesenheiten, welche eigentlich Geister der Form sind, aber sich als Archai, als Urkräfte maskieren, die wären also eigentlich nach ihrer Wesenheit bestimmt für das Raumlose. Aber sie treten in den Raum ein, sie wirken im Raume. Und das ist der eigentliche ahrimanische Charakter, daß geistige Wesenheiten, die durch ihre Wesenheit bestimmt sind, raumlos zu sein, vorgezogen haben, im Raume zu wirken. Dadurch entsteht im Raume die Möglichkeit, so zu gestalten, daß die Gestaltung nicht aus dem Raumlosen direkt hereinstrahlt, sondern daß das Räumliche im Räumlichen wieder abgebildet wird, das eine durch das andere im Raume.
[ 18 ] Those beings who are actually spirits of form but masquerade as Archai, as primal forces, would therefore, by their very nature, be destined for the non-spatial realm. Yet they enter into space; they act within space. And this is the true Ahrimanic character: that spiritual beings, who by their very nature are destined to be non-spatial, have chosen instead to act within space. This creates the possibility within space to shape things in such a way that the form does not radiate directly from the non-spatial realm, but rather that the spatial is reflected within the spatial—one thing through another within space.
[ 19 ] Wenn ich einen konkreten Fall sagen darf: Wir Menschen sind alle voneinander verschieden, weil wir alle aus dem Raumlosen ins Leben hereingestellt sind. Unsere Urbilder sind im Raumlosen. Alles ist überhaupt verschieden. Sie kennen die berühmte Erzählung, wie unter der Anleitung Leibnizens — Prinzessinnen haben manchmal nichts anderes zu tun — Prinzessinnen gesucht haben im Garten nach zwei vollständig sich gleichenden Baumblättern und keine gefunden haben, weil es wirklich nicht einmal zwei gleiche Blätter gibt. Wir alle also sind in gewisser Beziehung Gestalten aus dem Raumlosen heraus, insofern wir uns nicht gleichen. Aber dennoch gleichen wir uns; namentlich wenn wir blutsverwandt sind, gleichen wir uns. Wir gleichen uns, weil es auch geistige Wesenheiten gibt, die das Räumliche nach dem Räumlichen bilden, die nicht bloß das Räumliche nach dem Raumlosen bilden, sondern das Räumliche nach dem Räumlichen bilden. Wir gleichen uns, indem ahrimanische Kräfte uns durchziehen. Das muß schon der Mensch sich gestehen, sonst wird er immer bloß über ahrimanische und luziferische Kräfte schimpfen, aber sie nicht verstehen wollen.
[ 19 ] If I may cite a specific example: We humans are all different from one another because we are all brought into life from the spaceless. Our archetypes exist in the formless. Everything is fundamentally different. You know the famous story of how, under Leibniz’s guidance—princesses sometimes have nothing else to do—princesses searched the garden for two tree leaves that were completely identical and found none, because there really aren’t even two identical leaves. So in a certain sense, we are all forms emerging from the non-spatial, insofar as we are not alike. Yet we are alike; especially when we are blood relatives, we are alike. We are alike because there are also spiritual beings who shape the spatial according to the spatial—who do not merely shape the spatial according to the non-spatial, but shape the spatial according to the spatial. We resemble one another because Ahrimanic forces permeate us. Human beings must admit this to themselves; otherwise, they will always merely rail against Ahrimanic and Luciferic forces, but refuse to understand them.
[ 20 ] An diesem Beispiel sehen Sie am anschaulichsten, wie Ahriman ins Leben hereinspielt. Sofern Sie sich getrauen, sich zu sagen: Ich bin ein Mensch für sich meiner Gestalt nach, und ich gleiche keinem andern —, insofern liegen Sie in der geraden Entwickelungslinie. Und wenn nur die geltend wäre in der Welt, wenn nicht die ahrimanische Seitenströmung ankommen würde, dann könnte keine Mutter sich freuen darüber, daß ihr das Töchterchen so furchtbar ähnlich sieht, denn es würde ihr auffallen, wie jeder einzelne Mensch ein räumliches Abbild eines Raumlosen ist, und kein Räumliches einem andern Räumlichen gleicht. Das Eintreten von gewissen Geistern der Form in den Raum gibt Veranlassung zum Ahrimanischen. Natürlich beschränkt sich dieses Ahrimanische nicht bloß auf das Gleiche der Menschen, sondern es erstreckt sich auf vieles; aber wir konnten das aus einem Beispiele anführen.
[ 20 ] This example most clearly illustrates how Ahriman intervenes in life. To the extent that you dare to say to yourself: “I am a human being in my own right, and I am unlike any other”—to that extent, you are on the straight path of development. And if only that were true in the world—if the Ahrimanic side current did not come into play—then no mother could rejoice that her little daughter looks so terribly like her, for she would notice how every single human being is a spatial image of a non-spatial being, and no spatial being resembles another spatial being. The entry of certain spirits of form into space gives rise to the Ahrimanic. Of course, this Ahrimanic is not limited merely to the similarity among human beings, but extends to many things; but we were able to illustrate this with an example.
[ 21 ] Nun bitte ich Sie, sich an diejenige Betrachtung zu erinnern, die ich angeknüpft habe, nicht zu Ihrem Troste, sondern aus der Sache heraus, nachdem ich ausgeführt habe, daß der Mensch eigentlich zur Selbsterkenntnis erst gescheit wird in der zweiten Hälfte seines Lebens. Ich habe gesagt: Insofern unser Leben einen solchen zeitlichen Verlauf hat, und wenn es nur diesen zeitlichen Verlauf hätte und nichts anderes auf uns wirkte, so könnten wir in der Tat zur Selbsterkenntnis erst kommen in unserer zweiten Lebenshälfte. Aber nun wirken, sagte ich dazumal, in der ersten Lebenshälfte luziferische Kräfte und erzeugen eine Selbsterkenntnis, die nicht aus unserer ureigenen Menschennatur folgt. Ich habe aber entgegengestellt dem, was das menschliche Leben wäre, wenn es nur seiner ureigenen Natur folgte, dasjenige, was ich genannt habe das Reich der Dauer. In bezug auf alles dasjenige, was zu der ureigenen Menschennatur gehört, sind wir als Fünfzigjähriger ein anderer Mensch, als wir als Zwanzigjähriger sind; wir entwickeln uns. Mit Bezug auf alles dasjenige, in dem wir uns nicht entwickeln, gehören wir nicht unserer Leiblichkeit, sondern dem Geistig-Seelischen an und hängen zusammen mit dem Reich der Dauer, mit jenem Reich, in dem die Zeit keine Rolle spielt. So wie zugrunde liegt allem Räumlichen ein Raumloses, so liegt zugrunde allem Zeitlichen ein Dauerndes. Wir wären ganz andere Menschen, wenn wir nicht zusammenhingen mit dem Reich der Dauer. Wir würden gewissermaßen mit dem achtundzwanzigsten oder neunundzwanzigsten Jahre erst, wie ich vor einiger Zeit sagte, aus einer gewissen Lebensträumerei heraus aufwachen. Aber wir leben im Reich der Dauer, und so wird ausgeglichen das Hindösen der ersten Lebenshälfte und das furchtbare Gescheitsein in der zweiten Lebenshälfte durch das Reich der Dauer.
[ 21 ] Now I ask you to recall the line of thought I introduced—not to comfort you, but for the sake of the argument itself—after I explained that a person does not truly become capable of self-knowledge until the second half of their life. I said: Insofar as our life follows such a temporal course—and if it had only this temporal course and nothing else were acting upon us—we could indeed only attain self-knowledge in the second half of our lives. But now, as I said at the time, Luciferic forces are at work in the first half of life and produce a self-knowledge that does not stem from our very own human nature. But I have contrasted what human life would be if it followed only its very own nature with what I have called the realm of duration. With regard to everything that belongs to our very own human nature, we are a different person at fifty than we are at twenty; we develop. With regard to everything in which we do not develop, we belong not to our physicality but to the spiritual-soul aspect and are connected to the realm of duration—that realm in which time plays no role. Just as everything spatial is grounded in something non-spatial, so everything temporal is grounded in something enduring. We would be entirely different people if we were not connected to the realm of duration. We would, so to speak, only wake up from a certain dreamlike state of life at the age of twenty-eight or twenty-nine, as I said some time ago. But we live in the realm of eternity, and thus the drowsiness of the first half of life and the terrible state of being “awake” in the second half are balanced by the realm of eternity.
[ 22 ] Diesem Reich der Dauer gehören nun an alle geistigen Wesenskräfte der höheren Hierarchien, die wir kennen, mit einziger Ausnahme der Geister der Form. Die spielen herein in das Reich der zeitlichen Entwickelung. Aber sie schaffen herein — indem sie raumlos-räumlich leben, indem sie gewissermaßen ihr Leben zwischen der Raumlosigkeit und Räumlichkeit zubringen — die Gestalten aus dem Raumlosen ins Räumliche. Das unterliegt einem Zeitprozesse, es spielt ihr Leben in die Zeit hinein. Aber die andern Wesenheiten, die in der Hierarchienordnung höher hinauf liegen als die Geister der Form, die sind rein der Dauer angehörige Wesenheiten. Von ihnen als Zeitwesenheiten zu sprechen, kann nur vergleichsweise geschehen; meint man es der Wirklichkeit nach, so ist es ein Unsinn. Es ist eben schwierig, über diese Dinge zu reden, aus dem einfachen Grunde, weil in der gegenwärtigen Zeitentwickelung die wenigsten Menschen eine regsame Empfindung haben für Begriffe und Ideen, die man entwickelt, indem man aus dem Raum und aus der Zeit hinausgeht. Raumloses werden die meisten Menschen heute überhaupt nur für Phantasie erklären, ebenso Zeitloses, Dauerndes, Unvergängliches, aber dann auch Unwandelbares.
[ 22 ] All the spiritual forces of the higher hierarchies that we know belong to this realm of duration, with the sole exception of the spirits of form. They play a role in the realm of temporal development. But by living in a way that is both spaceless and spatial—by, so to speak, spending their lives between spacelessness and spatiality—they create forms that emerge from the spaceless into the spatial. This is subject to a temporal process; their life unfolds within time. But the other beings, who are higher up in the hierarchical order than the Spirits of Form, are beings that belong purely to duration. To speak of them as temporal beings can only be done in a comparative sense; if one means it in reality, it is nonsense. It is indeed difficult to speak about these things, for the simple reason that, in the current course of human development, very few people have a keen sense for concepts and ideas that are developed by stepping beyond space and time. Most people today would dismiss the non-spatial as mere fantasy, just as they would the timeless, the enduring, the imperishable—and, by extension, the unchanging.
[ 23 ] Nun gibt es also über den Wesenheiten der Exusiaiordnung hinauf nur Wesenheiten, die dem Reich der Dauer angehören. Aber es gibt solche unter ihnen, die sich als Zeitenwesen maskieren, die in die Zeit eintreten. So wie die andern Wesen, die ahrimanischen, die ich charakterisiert habe, in den Raum eintreten, so gibt es Wesenheiten, die in die Zeit eintreten. Das sind luziferische Wesenheiten, Wesenheiten, die eigentlich in der Hierarchienordnung zu den Geistern der Weisheit gehören, aber als Geister der Form wirken, weil sie in der Zeit wirken. Und dasjenige, was sonst im Leben zeitlos in der Menschenseele wirken würde, das wird durch diese Geister in die Zeit hereingerückt. Daher kommt es, daß zum Beispiel gewisse Dinge, die für uns immer da sein könnten, wenn wir nur dem Reich der Dauer folgen dürften, auch der Zeit unterliegen; zum Beispiel von uns vergessen werden können, oder besser oder schlechter erinnert werden können und dergleichen, was ja nur mit unserer leiblich-seelischen Natur zusammenhängt, nicht mit unserer geistig-seelischen Natur; das Erinnern, das Gedächtnis.
[ 23 ] Above the beings of the Exusia order, there are only beings that belong to the realm of duration. But there are some among them who disguise themselves as beings of time, who enter into time. Just as the other beings—the Ahrimanic ones I have described—enter into space, so there are beings who enter into time. These are Luciferic beings—beings who, in the hierarchical order, actually belong to the Spirits of Wisdom, but who act as Spirits of Form because they operate within time. And that which would otherwise act timelessly within the human soul is drawn into time by these spirits. This is why, for example, certain things that could always be there for us—if only we were allowed to follow the realm of eternity—are also subject to time; for example, they can be forgotten by us, or remembered more or less clearly, and the like—which, of course, is connected only with our physical-soul nature, not with our spiritual-soul nature; that is, remembering, memory.
[ 24 ] Also Geister der Dauer, die sich als Geister der Zeit maskieren, sind die luziferischen Kräfte; eigentlich Wesenheiten, Wesenskräfte in der kosmischen Ordnung von einer schr hohen Natur, höhere Kräfte als diejenigen, von denen, wenn sie auch noch so theologisch durchgebildet zu sein glauben, manche Pastoren reden, wenn sie vom Göttlichen sprechen. Nun, das, wovon die Pastoren sprechen, sind in Wirklichkeit viel geringere Kräfte, wie wir ja schon gerade auch hier an diesem Orte erwähnt haben.
[ 24 ] Thus, the spirits of duration that masquerade as spirits of time are the Luciferic forces; in reality, they are beings—essential forces within the cosmic order—of a very high nature, forces higher than those of which some pastors speak when they speak of the divine, no matter how theologically sophisticated they may believe themselves to be. Well, what the pastors speak of are in reality much lesser forces, as we have just mentioned here in this very place.
[ 25 ] Diese luziferischen Kräfte haben in sich die Möglichkeit, dasjenige, was sonst für unsere menschliche Anschauung uns rein geistig dauerhaft erscheinen würde, gewissermaßen in die Zeit zu übersetzen, ihm den Schein des zeitlichen Verlaufes zu geben. Und durch diesen Schein des zeitlichen Verlaufes gewisser Erscheinungen in uns selbst kommt einzig und allein die Behauptung des Menschen, daß seine geistige Betätigung zusammenhinge mit stofflichen Vorgängen. Würden wir nicht in unserer Seele gewissermaßen durchsetzt sein von luziferischer Wesenheit, dann würde uns unsere geistige Betätigung als Geistiges unmittelbar erscheinen. Wir würden gar nicht auf die Idee kommen, daß dasjenige, was geistige Betätigung ist, am Stoffe hängen könnte. Wir würden uns bewußt werden, daß das einzige Bild, welches ich oftmals gebrauche, auch das einzig richtige ist: daß der, welcher glaubt, seine geistige Betätigung gehe aus dem Stoffe hervor, einem Menschen gleicht, der sich vor einen Spiegel hinstellt und glaubt, daß das Spiegelbild von einer Wesenheit hinter dem Spiegel herrührt. Gewiß, das Bild ist davon abhängig, wie der Spiegel geformt ist; so ist unser Denken abhängig von unserer Leiblichkeit. Aber der Leib wirkt nicht anders als ein Spiegel. Das würde dem Menschen in der Anschauung selbst unmittelbar sich offenbaren, wenn nicht der luziferische Schein da wäre, daß aus dem Stofflichen heraus die geistige Betätigung gestaltet wird. So sehr Luzifer sich hineinmischt ins Überbewußte, so sehr ruft er wieder den Schein hervor, der uns in ähnlicher Weise nasführt, wie wenn wir einem Spiegel entgegengehen und den Spiegel zerschlagen, um zu sehen, wie sich der angreift, der dahinter ist.
[ 25 ] These Luciferic forces possess the ability to, as it were, translate into time that which would otherwise appear to our human perception as purely spiritual and enduring, giving it the appearance of temporal progression. And it is solely through this appearance of temporal progression in certain phenomena within ourselves that human beings come to assert that their spiritual activity is connected to material processes. If we were not, in a sense, permeated by Luciferic beings in our souls, our spiritual activity would appear to us directly as something spiritual. It would never even occur to us that what constitutes spiritual activity could be dependent on matter. We would realize that the only image I often use is also the only correct one: that the person who believes his mental activity arises from matter is like a person who stands in front of a mirror and believes that the reflection originates from a being behind the mirror. Certainly, the image depends on the shape of the mirror; in the same way, our thinking depends on our physicality. But the body functions no differently than a mirror. This would reveal itself immediately to the individual in their own perception, were it not for the Luciferic illusion that spiritual activity is shaped out of the material. Just as much as Lucifer interferes with the superconscious, he also evokes the illusion that misleads us in a similar way to when we walk toward a mirror and shatter it to see what lies behind it.
[ 26 ] Dieser Schein, daß Geistiges aus dem Stofflichen stammen könne, das ist im wesentlichen ein luziferischer Schein. Und man kann sagen: Der, welcher behauptet, Geistiges sei stoffliches Produkt, erklärt, wenn er es auch nicht ausspricht, Luzifer zu seinem Gott. — Die Behauptung, Geistiges gehe hervor aus Stofflichem, die ganz identisch ist mit der Behauptung, der Spiegel bringt die Spiegelbilder hervor in dem Sinne, als ob die Wesenheiten hinter dem Spiegel wären, diese Behauptung, Stoff bringt Geistiges hervor, menschliches Geistiges, die ist ganz identisch mit der Erklärung, wenn sie auch nicht ausgesprochen wird: Luzifer ist Gott.
[ 26 ] This illusion that the spiritual could originate from the material is, in essence, a Luciferic illusion. And one can say: Anyone who claims that the spiritual is a product of the material is declaring—even if they do not say so explicitly—that Lucifer is their god. — The assertion that the spiritual arises from the material—which is entirely identical to the assertion that a mirror produces mirror images as if the beings were behind the mirror—this assertion that matter produces the spiritual, the human spiritual, is entirely identical to the declaration, even if it is not explicitly stated: Lucifer is God.
[ 27 ] Wir können auch nach dem Gegenpol fragen. Eine luziferische Vorspiegelung ist diese, daß der Spiegel, das Stoffliche, ein Geistiges aus sich herausströmen lasse. Der Gegenpol ist der, daß auch die Täuschung beim Menschen vorhanden ist, als ob das, was in der sinnenfälligen Welt ist, jemals auf das menschliche Innere wirklich wirken könnte. Wäre nicht die ahrimanische Illusion da, die durch Kräfte entsteht, welche aus dem Raumlosen in das Räumliche eintreten, dann würde der Mensch durchschauen, wie niemals auf seine Wesenheit die Kräfte Einfluß gewinnen können, die im Stofflichen verankert sind. Die Behauptung, daß im Stofflichen Kräfte verankert sind, Energien verankert sind, die im Menschen weiterwirken können, diese Behauptung ist eine rein ahrimanische, und der sie tut, erklärt Ahriman zu seinem Gotte, auch wenn er es nicht ausspricht.
[ 27 ] We can also ask about the opposite pole. One Luciferic illusion is the notion that the mirror—the material world—allows something spiritual to flow out of itself. The opposite pole is that this deception is also present in human beings, as if what exists in the sensory world could ever truly affect the human inner being. Were it not for the Ahrimanic illusion—arising from forces that enter the spatial realm from the non-spatial—human beings would see through the notion that forces anchored in the material world could ever exert an influence on their very being. The assertion that forces and energies are anchored in the material world and can continue to affect human beings is a purely Ahrimanic one, and whoever makes it declares Ahriman to be his god, even if he does not say so explicitly.
[ 28 ] Dennoch, der Mensch schwebt zwischen diesen beiden Illusionen; der Mensch schwebt zwischen der einen Illusion, die ihm immer wieder und wiederum vorgaukelt, daß der Spiegel die Bilder als Wesenheiten aus sich herausströmen läßt, als ob der Stoff geistige Betätigungen hervorbringen könnte. Die andere Illusion ist diese, daß in dem äußeren sinnenfälligen Dasein Energien enthalten sind, die irgendwie umgesetzt zu der menschlichen Betätigung führen können. Das eine ist die luziferische, das andere ist die ahrimanische Illusion.
[ 28 ] Nevertheless, human beings hover between these two illusions; they hover between the one illusion that repeatedly leads them to believe that the mirror allows images to flow forth from within itself as entities, as if matter were capable of producing spiritual activities. The other illusion is that the external, sensory existence contains energies that, when transformed in some way, can lead to human activity. The former is the Luciferic illusion; the latter is the Ahrimanic illusion.
[ 29 ] Dasjenige, was unsere heutige Zeit so charakterisiert, ist, daß sie keine Neigung hat, auf das Geistige ebenso einzugehen, wie sie auf die Naturordnung eingeht. Es ist ja allerdings leichter, so über den Geist vom Standpunkt eines nebulosen Mystizismus oder vom Standpunkt abstrakter Naturbegriffe zu reden, als sich in wirklich wissenschaftlicher Weise, so wie man das für die Natur selber tut, auf die geistigen Vorgänge und geistigen Impulse konkret einzulassen. Wir leben nun einmal in dem Zeitalter, in dem der Mensch anfangen muß, bewußt sich über das aufzuklären, was in seinem Seelischen wirkt. Wir kennen die Gründe, warum die Zeit abgelaufen ist, in welcher der Mensch im Unbewußten die Impulse finden konnte, die ihn weiter lenkten; heute muß der Mensch beginnen, bewußt einzutreten in das Feld, in dem eben sein Seelisches lebt, und dieses Seelische die Bewußtheit erzeugt.
[ 29 ] What so characterizes our present age is that it has no inclination to engage with the spiritual in the same way that it engages with the natural order. It is, of course, easier to speak of the spirit from the standpoint of a nebulous mysticism or from the standpoint of abstract concepts of nature than to engage concretely with spiritual processes and spiritual impulses in a truly scientific manner, just as one does with nature itself. We are, after all, living in an age in which human beings must begin to consciously educate themselves about what is at work in their souls. We know the reasons why the time has passed when human beings could find in the unconscious the impulses that guided them further; today, human beings must begin to consciously enter the realm in which their soul life is active, and it is this soul life that gives rise to consciousness.
[ 30 ] Wir können also sagen, daß der Mensch eigentlich ein ganz anderes Wesen wäre, wenn er nur seiner ureigenen Natur und den guten geistigen Kräften in der Welt folgen würde in seiner Entwickelung, als er jetzt ist, da er in Wirklichkeit dieser urzeitlichen Entwickelung folgt im Zusammenwirken mit den zeitlich auf ihn wirkenden luziferischen und ahrimanischen Kräften. Die Frage ist nun diese: Wie stellt sich ein Gleichgewichtszustand her zwischen diesen drei Kräften? Um diesen Gleichgewichtszustand herzustellen, oder wenigstens, um zu erkennen, wie er herzustellen ist, muß man auf folgendes sehen.
[ 30 ] We can therefore say that human beings would actually be quite different beings in their development if they were to follow only their own primordial nature and the good spiritual forces in the world, than they are now, since they are in reality following this primeval development in interaction with the Luciferic and Ahrimanic forces acting upon them in this age. The question now is this: How is a state of equilibrium established between these three forces? To establish this state of equilibrium—or at least to recognize how it can be established—one must consider the following.
[ 31 ] Die äußere Naturwissenschaft macht es sich sehr bequem, indem sie für gewisse Gebiete so nach dem Prinzip urteilt: Ein Messer gehört zum Essen, also nimmt man, indem man zum Rasieretui geht, ein Rasiermesser heraus und schneidet sich damit dasjenige, was auf den Tisch kommt. So sind sehr viele heutige naturwissenschaftliche Urteile gebildet, zum Beispiel das über den Tod. Nicht viel mehr verwendet die heutige Naturwissenschaft von zunächstliegenden Begriffen für die Erscheinung des Todes, als das Aufhören eines Organismus. Das ist bequem, denn man kann dann, wie das ja heute manche, die sich Forscher nennen, in grotesker Weise machen, vom Pflanzentode, vom Tiertod und Menschentod im gleichen Sinne sprechen. Aber das ist wirklich nichts anderes, als wenn man sprechen würde vom Messer und meinte das Tischmesser und das Rasiermesser in einer Kategorie. In Wahrheit ist dasjenige, was Tod genannt werden kann, etwas anderes bei der Pflanze, etwas anderes beim Tier, etwas anderes beim Menschen. Nur weil man bei allen dreien das Aufhören der organischen Funktionen sieht, generalisiert man.
[ 31 ] External natural science takes the easy way out by applying the following principle to certain areas: A knife is used for eating, so when one reaches for the shaving kit, one takes out a razor and uses it to cut whatever is served at the table. This is how a great many of today’s scientific judgments are formed—for example, the one concerning death. Modern natural science uses no more than the most obvious concept for the phenomenon of death: the cessation of an organism. This is convenient, because it allows one—as some who call themselves researchers do today in a grotesque manner—to speak of the death of plants, the death of animals, and human death in the same sense. But this is really no different from speaking of a “knife” and meaning both a table knife and a razor in the same category. In truth, what can be called “death” is something different in plants, something different in animals, and something different in humans. It is only because the cessation of organic functions is observed in all three that one generalizes.
[ 32 ] Wenn man den Tod in der Menschennatur studiert — und wir haben ja öfter von der Erscheinung des Menschentodes gesprochen —, dann zeigt innerhalb der Menschennatur dieser Tod ein solches Wesen, daß man ihn als die Ausgleichskraft für die luziferischen Kräfte in einer gewissen Weise ansehen kann. Nicht wahr, der Tod ist ja nicht nur die einmalige Erscheinung, denn der Mensch beginnt eigentlich zu sterben, indem er geboren wird; indem die Impulse des Sterbens schon in ihm liegen, vollzieht der Tod sich in einem gewissen Zeitpunkte. Alles was an Kräfteimpulsen zum Tode führt, das sind zugleich diejenigen Kräfte, welche das Gleichgewicht herstellen mit den luziferischen Kräften. Denn durch den Tod wird der Mensch aus dem Zeitlichen hinausgeführt in das Reich der Dauer.
[ 32 ] When one studies death in human nature—and we have, after all, often spoken of the phenomenon of human death—this death reveals such a nature within human nature that it can, in a certain sense, be regarded as the counterbalancing force to the Luciferic forces. Isn’t that so? After all, death is not merely a one-time event, for the human being actually begins to die the moment he is born; since the impulses of dying are already present within him, death takes place at a certain point in time. All the forces that lead to death are at the same time the forces that establish a balance with the Luciferic forces. For through death, the human being is led out of the temporal realm into the realm of eternity.
[ 33 ] Nun wissen wir, daß die luziferischen Kräfte gerade darinnen ihr Wesen haben, daß sie eigentlich dem Reich der Dauer angehören und das, was sie im Reich der Dauer machen sollten, ins Reich der Zeitlichkeit hereintragen. Das würde keinen Ausgleich haben, wenn nicht dem Reich der Zeitlichkeit der T'od eingefügt wäre, der den Menschen wiederum herausführt aus dem Reich der Zeitlichkeit in das Reich der Dauer. Der Tod ist der Ausgleicher gegenüber dem Luziferischen. Das Luziferische trägt die Dauer in die Zeit herein; der Tod trägt die Zeit in die Dauer hinaus. So ist es abstrakt ausgesprochen, allein in dieser Abstraktion liegt eben eine Unsumme von Konkretem.
[ 33 ] Now we know that the Luciferic forces derive their very nature from the fact that they actually belong to the realm of eternity and carry into the realm of temporality what they were meant to do in the realm of eternity. This would have no balance if Death were not introduced into the realm of temporality, which in turn leads human beings out of the realm of temporality and back into the realm of eternity. Death is the balancing force against the Luciferic. The Luciferic brings permanence into time; death carries time out into permanence. This is expressed in abstract terms, yet within this abstraction lies a vast amount of the concrete.
[ 34 ] Was haben wir sagen müssen von Ahriman? Er macht ähnlich das Ähnliche. Ich habe Ihnen den konkreten Fall des Ähnlichen in der Menschennatur angeführt, das mit dem Ahrimanischen zusammenhängt. Diesem Ähnlichen, dem muß ebenso ein Gegengewicht geschaffen werden oder geschaffen sein — man kann natürlich nicht teleologisch sprechen, also geschaffen sein —, es muß da sein dieses Gegengewicht, welches eigentlich gegen die Ähnlichkeit wirkt. Nur führt man sonderbarerweise vielfach die Ähnlichkeit zurück auf dieses Gegengewicht durch einen der verworrenen Begriffe, die da kommen, wenn man sich nicht einläßt auf tiefere Zusammenhänge. Das Gegengewicht für die Ähnlichkeit ist die Vererbungskraft: wir sind nicht nur ähnlich in der Form, die auf unsere Gestaltung führt, sondern wir tragen in uns innere Vererbungskräfte. Durch diese Vererbungskräfte, die wir in uns tragen, wirken wir eigentlich der Ähnlichkeit der Form entgegen. Nur eine verworrene Wissenschaft schiebt Ähnlichkeit und Vererbung zusammen. Wir sehen unseren Eltern ähnlich, bekommen aber zu gleicher Zeit von unseren Eltern in unserem inneren Menschen gewisse Kräfte mitvererbt, die danach streben, uns wiederum zum Urbilde des Menschen zurückzuführen. Eigentlich ist das, was wir vererbt bekommen, im Kampfe gegen die Ähnlichkeit. Eine feinere Betrachtung des Menschenlebens kann schon darauf kommen, selbst ohne übersinnliche Betrachtung, ganz durch äußerliche Betrachtung. Versuchen Sie einmal, das Leben in der rechten Weise zu fragen, versuchen Sie einmal, Menschen zu betrachten, die ihren Eltern, Großeltern und so weiter nach dieser oder jener Formeigenschaft besonders ähnlich sehen, und sehen Sie dann auf die vererbten moralischen Impulse: dann werden Sie sehen, daß die vererbten moralischen Impulse in der Regel entgegengesetzt wirken den gleichen Formgestaltungen.
[ 34 ] What have we had to say about Ahriman? He makes the similar into the similar. I have cited for you the specific case of the “similar” in human nature that is connected with the Ahrimanic. This similarity—a counterbalance must be created for it, or must already exist—though of course one cannot speak teleologically, so “must already exist”—this counterbalance must be present, one that actually counteracts the similarity. Yet, strangely enough, the similarity is often traced back to this very counterbalance through one of the confused concepts that arise when one does not engage with deeper connections. The counterbalance to this similarity is the power of heredity: we are not only similar in the form that gives rise to our physical appearance, but we also carry within us inner hereditary forces. Through these hereditary forces that we carry within us, we actually counteract the similarity of form. Only a confused science conflates similarity and heredity. We resemble our parents, but at the same time we inherit certain forces from them into our inner being that strive to lead us back to the archetype of the human being. In fact, what we inherit is in conflict with this resemblance. A more nuanced observation of human life can reveal this, even without supernatural insight, simply through external observation. Try once to examine life in the right way; try once to observe people who bear a particular resemblance to their parents, grandparents, and so on in this or that physical characteristic, and then look at the inherited moral impulses: you will see that the inherited moral impulses generally work in opposition to these same physical characteristics.
[ 35 ] Wenn Sie gerade bei den von der Geschichte verzeichneten hervorragenderen Persönlichkeiten sich die Bilder ansehen, welche deren Formgestaltung als ähnlich dem Vorfahren erscheinen lassen, so werden Sie überall sehen, daß zu gleicher Zeit in der Biographie seelische Eigenschaften verzeichnet sind — und die gerade vererbte Eigenschaften sind —, die sich auflehnen gegen diejenigen, von denen diese Formähnlichkeiten hergekommen sind. Dies ist wesentlich eines der Geheimnisse des Lebens. Und es würden Vorfahren ihre Nachkommen, es würden Eltern ihre Kinder viel, viel besser verstehen, wenn sie in völliger Vorurteilslosigkeit solch ein Faktum ins Auge fassen könnten. Wenn zum Beispiel — verzeihen Sie, daß ich solche Dinge sage, aber wir sind ja nicht in einer Philistergesellschaft — eine Mutter ein Söhnchen hat, das ihr ganz besonders ähnlich ist, so kann sie sich darüber freuen, daß ihr das Söhnchen ähnlich ist; aber für die Erziehung könnte es sehr nützlich sein, wenn sie sich nun sagt: Was wollen sich da in diesem Söhnchen für Eigenschaften entwickeln, die ähnlich denen sind, weswegen ich mich mit meinem Manne so oft zanken muß? — Auf solche konkreten Impulse, die im Leben eine ungeheure Bedeutung haben, sollte man den Blick richten. Man wird die Erkenntnis solcher Impulse für die Erziehungsaufgabe der Zukunft, der zukünftigen menschlichen Entwickelung, ganz besonders nötig haben. Denn man wird nicht aus abstrakten Grundsätzen heraus in der Zukunft erziehen können, sondern man wird nach Unterlagen, nach empirischen, konkreten Unterlagen erziehen müssen. Und diese konkreten, empirischen Unterlagen ergeben sich nicht, wenn man das Leben nicht lesen kann. Man muß es lesen können; aber dazu muß man die Buchstaben kennen. Im Konkreten sind es ja, wie Sie wissen, viel mehr, aber zum notwendigsten Buchstabieren für die nächste Zukunft genügt schon, wenn man die drei Buchstaben: die normale Entwickelung, das Ahrimanische und das Luziferische kennt. Aber wer sie nicht kennt, kann nicht lesen, so wie derjenige, der nicht das Abc kennt, kein Buch lesen kann. Das sind einfach die Buchstaben, durch die man das Leben kennen, das Leben lesen lernt. Und der Geist des Utopischen, der in der Menschheit so vielfach verbreitet ist, er wird sich nur besiegen lassen dadurch, daß man das Leben wird lesen lernen. Dann muß man sich aber einlassen darauf, die im Leben spielenden Kräfte zu studieren.
[ 35 ] If you look at the portraits of the more distinguished figures recorded by history—whose physical features appear similar to those of their ancestors—you will see everywhere that, at the same time, their biographies record spiritual qualities—which are precisely the inherited qualities—that stand in contrast to those from which these physical similarities originated. This is essentially one of the mysteries of life. And ancestors would understand their descendants, and parents would understand their children, much, much better if they could consider such a fact with complete impartiality. If, for example—forgive me for saying such things, but we are not in a philistine society—a mother has a little son who resembles her very closely, she can rejoice that her little son resembles her; but for the sake of his upbringing, it could be very helpful if she were to ask herself: What traits are likely to develop in this little boy that are similar to those that so often cause me to quarrel with my husband? — One should focus on such concrete impulses, which have immense significance in life. Recognition of such impulses will be particularly necessary for the task of education in the future, for future human development. For in the future, one will not be able to educate based on abstract principles, but will have to educate based on evidence—on empirical, concrete evidence. And this concrete, empirical evidence does not reveal itself if one cannot read life. One must be able to read it; but to do so, one must know the letters. In concrete terms, as you know, there are many more, but for the most essential spelling in the near future, it is sufficient to know the three letters: normal development, the Ahrimanic, and the Luciferic. But whoever does not know them cannot read, just as someone who does not know the ABCs cannot read a book. These are simply the letters through which one learns to know life, to read life. And the spirit of utopianism, which is so widespread among humanity, can only be overcome by learning to read life. But then one must commit oneself to studying the forces at work in life.
[ 36 ] Nun kann natürlich jemand sagen: Du erklärst uns hier etwas als die ureigene Menschenwesenheit, was man aber nirgends findet. — Das ist ja selbstverständlich; aber das ist kein anderer Einwand, als den derjenige macht, welcher sagt: Du erklärst mir hier, daß in dem dahinfließenden Flußwasser Wasserstoff und Sauerstoff darinnen ist; ich finde nichts davon. — Es ist eben nötig, auf diese Dinge einzugehen, vor allen Dingen sich einen richtigen Begriff von dem zu machen, was Form ist. Ich habe früher einmal folgenden Vergleich gebraucht, den ich wiederholen möchte.
[ 36 ] Now, of course, someone might say: You’re describing something here as the very essence of human existence, but it can’t be found anywhere. — That goes without saying; but this is no different from the objection raised by someone who says: “You’re telling me that the flowing river water contains hydrogen and oxygen; I can’t find any of that.” — It is precisely necessary to address these matters, and above all to form a correct understanding of what form is. I once used the following analogy, which I would like to repeat.
[ 37 ] Man kann in Koblenz oder irgendwo ankommen, auch in Basel, und kann den Rhein bewundern und kann sich veranlaßt fühlen zu dem Ausdruck: Dieser Rhein, nun fließt er, man weiß nicht wie lange, gewiß seit Jahrhunderten, vielleicht aber seit unvordenklichen Zeiten dahin. Wie alt ist dieser Rhein! — Was ist denn da eigentlich alt? Das Wasser, das Sie anschauen, das wird in einigen Tagen ganz woanders sein, das wird weg sein: das ist sicher nicht alt, denn es war vor einigen Tagen noch gar nicht da, sondern ganz woanders. Was Sie da sehen, ist sicher nicht alt, das dürfen Sie nicht für jahrhundertealt halten. Und wenn Sie vom Rhein sprechen, sprechen Sie wahrscheinlich auch nicht von der Rinne in der Erde, die da ist, wo das Wasser drinnen fließt; Sie sprechen wirklich von etwas, das Sie eigentlich gar nicht vor sich haben. Sie können nämlich nicht, wenn Sie von der Wirklichkeit sprechen, von demjenigen sprechen, was Sie vor sich haben, denn das, was Sie vor sich haben, ist ein Zusammenfluß von durch die Welt wirkenden Strömungen, und ist nur der Gleichgewichtszustand. Und überall, wo Sie hinsehen, sehen Sie nur Gleichgewichtszustände. Die Wirklichkeiten, in die müssen Sie erst eindringen. Aber nur durch das Eindringen in die Wirklichkeiten ist auch ein Buchstabieren des Lebens möglich.
[ 37 ] One can arrive in Koblenz or anywhere else—even in Basel—and admire the Rhine, and one might be moved to say: “This Rhine—it has been flowing for who knows how long, certainly for centuries, but perhaps since time immemorial.” How old is this Rhine! — But what exactly is old here? The water you’re looking at will be somewhere else entirely in a few days; it will be gone: that certainly isn’t old, because a few days ago it wasn’t even there at all—it was somewhere else entirely. What you see there is certainly not old; you mustn’t think of it as centuries-old. And when you speak of the Rhine, you’re probably not speaking of the channel in the earth where the water flows; you’re really speaking of something that isn’t actually right in front of you. For when you speak of reality, you cannot speak of what is right in front of you, because what is right in front of you is a confluence of currents acting throughout the world, and is merely a state of equilibrium. And wherever you look, you see only states of equilibrium. You must first penetrate these realities. But only by penetrating these realities is it possible to spell out life.
[ 38 ] Morgen werde ich nun sprechen von dem Zusammenhang des luziferischen und ahrimanischen Impulses mit dem Christus-JahveImpuls, damit Sie sehen, wie sich dieser Christus- Jahve-Impuls in Wirklichkeit in diese Strömungen hineinstellt.
[ 38 ] Tomorrow I will speak about the relationship between the Luciferic and Ahrimanic impulses and the Christ-Yahweh impulse, so that you may see how this Christ-Yahweh impulse actually positions itself within these currents.
