The Polarity of Duration and Development in Human Life
GA 184
5 October 1918, Dornach
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The Polarity of Duration and Development in Human Life, tr. SOL
Elfter Vortrag
Eleventh Lecture
[ 1 ] Aus den mannigfaltigsten Andeutungen und Ausführungen, die ich über das Christus-Mysterium gemacht habe, werden Sie haben entnehmen können, daß man zu unterscheiden hat zwischen demjenigen, was im allgemeinen Entwickelungsgang der Menschheit gelegen hatte zur Zeit dieses Mysteriums von Golgatha, und dem, was durch das Mysterium von Golgatha in diese Menschheitsentwickelung hineingekommen war. Nach der Art, wie wir jetzt die Menschheitsentwickelung kennengelernt haben, wissen Sie, daß wir es zu tun haben mit einer fortlaufenden Strömung von Kräften, die von den Wesenheiten der höheren Hierarchien herrühren und die zur ureigenen Natur des Menschen gehören, und mit zwei seitlichen Strömungen, mit der luziferischen und der ahrimanischen Strömung.
[ 1 ] From the wide variety of hints and explanations I have offered regarding the Mystery of Christ, you will have gathered that a distinction must be made between what was inherent in the general course of human evolution at the time of the Mystery of Golgotha, and what was introduced into this human evolution through the Mystery of Golgotha. Based on what we have now learned about human evolution, you know that we are dealing with a continuous flow of forces that originate from the beings of the higher hierarchies and are part of humanity’s very nature, as well as with two lateral currents: the Luciferic and the Ahrimanic currents.
[ 2 ] Nun handelt es sich darum, daß die luziferische und die ahrimanische Strömung gewissermaßen ihren Höhepunkt, den Höhepunkt ihres nützlichen Wirkens innerhalb der Menschheitsentwickelung gerade zur Zeit des Mysteriums von Golgatha erreicht haben, und in gewissem Sinne, wenn man den Ausdruck gebrauchen darf, der Menschheit Gefahr drohte, daß dieser Höhepunkt überschritten werde und dadurch das notwendige Gleichgewicht zwischen dem ahrimanischen Wirken und dem luziferischen Wirken für die ganze Menschheitsentwickelung verlorengehen könnte. Im Laufe dieser Menschheitsentwickelung trat ja folgendes zutage. Betrachten wir die fortschreitende Menschheitsentwickelung als eine gerade Linie (siehe Zeichnung $.220), so können wir sagen, dieser fortschreitenden Menschheitsentwickelung gehören an — wir wollen beginnen mit der lemurischen Zeit — das lemurische Zeitalter, das atlantische Zeitalter und unser Zeitalter, das fünfte, wie immer wir das bezeichnen, das nachatlantische Zeitalter. Wenn ich als rote Linie einzeichne die Stärke der luziferischen Wirkung, so kann man diese etwa so einzeichnen. Man kann sagen, im lemurischen Zeitalter ist eine gewisse Stärke da, die wächst, nimmt dann wiederum ab, und diese luziferische Stärke wird sehr gering und geht dann ganz unter im atlantischen Zeitalter, um im nachatlantischen Zeitalter sich wiederum zu erheben. So daß im atlantischen Zeitalter im Grunde genommen — also ich rede jetzt nicht vom einzelnen Menschen, sondern ich rede von der Menschheitsentwickelung — in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit wenig vom unmittelbaren Einflusse des Luziferischen da ist (siehe Zeichnung, rot).
[ 2 ] The point is that the Luciferic and Ahrimanic forces, so to speak, reached their peak—the peak of their beneficial influence within human evolution—precisely at the time of the Mystery of Golgotha, and in a certain sense—if one may use the expression—humanity faced the danger that this peak might be exceeded, and that as a result, the necessary balance between the Ahrimanic and Luciferic forces for the entire development of humanity might be lost. In the course of this human development, the following became apparent. If we regard the progressive development of humanity as a straight line (see diagram $.220), we can say that this progressive development of humanity includes—let us begin with the Lemurian period—the Lemurian Age, the Atlantean Age, and our own age, the fifth, however we may designate it, the post-Atlantean Age. If I draw the intensity of the Luciferic influence as a red line, it can be depicted roughly as follows. One can say that in the Lemurian Age there is a certain intensity that grows, then diminishes again, and this Luciferic intensity becomes very weak and then disappears entirely in the Atlantean Age, only to rise again in the post-Atlantean Age. So that in the Atlantean era, essentially—I am not speaking here of the individual human being, but of the development of humanity—there is little of the direct influence of the Luciferic in the historical development of humanity (see diagram, red).


[ 3 ] Dafür aber war in diesem Zeitalter die ahrimanische Entwickelung, was ich einzeichne mit einer gelben Linie, und ich müßte diese so zeichnen, daß sie besonders im atlantischen Zeitalter stark ist und hier, nachatlantische Zeit, wiederum schwächer wird — ich rede jetzt von der geschichtlichen Entwickelung — und wir müssen uns klar sein, daß wir, wenn wir so etwas charakterisieren, immer das berücksichtigen müssen, was ich neulich einmal gesagt habe: Wenn Luzifer besonders stark wirkt, so ruft er im Unterbewußtsein Ahriman hervor. Also wenn in unserem fünften Zeitalter die luziferische Kurve besonders da ist, so bedeutet das nicht, daß, weil Luzifer besonders wirkt, etwa Ahriman außerhalb unseres Kreises liege; im Gegenteil, es gilt gerade, daß, weil Luzifer unter den historischen Kräften stark wirkt, Ahriman in den unterbewußten Regionen des Menschen besonders sein Wesen treibt.
[ 3 ] In contrast, however, this era was marked by Ahrimanic development, which I have indicated with a yellow line, and I would have to draw it such that it is particularly strong in the Atlantean epoch and here, in the post-Atlantean era, becomes weaker again—I am now speaking of historical development—and we must be clear that when we characterize something like this, we must always take into account what I said the other day: When Lucifer is particularly active, he evokes Ahriman in the subconscious. So if the Luciferic curve is particularly pronounced in our fifth epoch, this does not mean that, because Lucifer is particularly active, Ahriman lies outside our sphere; on the contrary, it is precisely the case that, because Lucifer is strongly active among the historical forces, Ahriman is particularly at work in the subconscious regions of the human being.
[ 4 ] Sie sehen also, es ist eine Art Wellenlinie sowohl für ahrimanisches Wirken wie für luziferisches Wirken im Verlauf der menschlichen Erdenentwickelung da. Aus den beiden Stärken des Ahrimanischen und Luziferischen muß ein Gleichgewichtszustand hergestellt werden. Dieser Gleichgewichtszustand ist nun in der geschichtlichen Entwickelung niemals ein vollkommener gewesen. Es gab Zeiten, in denen die luziferischen Wirkungen sehr stark waren, Zeiten, in denen die ahrimanischen Wirkungen sehr stark waren.
[ 4 ] So you see, there is a kind of undulating pattern in the course of human evolution on Earth, both for Ahrimanic and Luciferic forces. A state of balance must be established between the two forces of Ahriman and Lucifer. This state of balance has never been perfect in the course of historical development. There were times when the Luciferic influences were very strong, and times when the Ahrimanic influences were very strong.


[ 5 ] Wenn wir das Zeitalter der menschlichen Entwickelung ins Auge fassen, in dem sich die Menschheit dem Mysterium von Golgatha näherte, da finden wir, daß der Gleichgewichtszustand zwischen dem luziferischen und ahrimanischen Kräftewesen ein außerordentlich labiler ist, ein schwankender ist, kein rechtes Gleichgewicht eigentlich da ist. Wir haben auf der einen Seite jene Menschheitsströmung, die sich dem Mysterium von Golgatha zu bewegt, und die uns historisch erscheint in der Entwickelung der semitischen Völker. Diese Menschheitsströmung ist insbesondere zugänglich für das luziferische Wesen, wodurch ahrimanische Wirkungen stark im Unterbewußten erzeugt werden.
[ 5 ] When we consider the era of human development in which humanity was approaching the Mystery of Golgotha, we find that the balance between the Luciferic and Ahrimanic forces is an extraordinarily unstable one—a fluctuating one—and that there is, in fact, no true equilibrium. On the one hand, we have that current of humanity moving toward the Mystery of Golgotha, which appears to us historically in the development of the Semitic peoples. This current of humanity is particularly susceptible to the Luciferic being, whereby Ahrimanic influences are strongly generated in the subconscious.
[ 6 ] Dagegen das griechische Wesen ist stark zugänglich für die historischen ahrimanischen Kräfte, wodurch starke luziferische Wirkungen im Unterbewußten erzeugt werden. Man versteht die semitische und die griechische Kultur, die ja polarische Gegensätze sind, nur dann vollständig, wenn man dies Schwanken in der Weltentwickelung des Menschen zwischen Ahrimanischem und Luziferischem gehörig ins Auge faßt. Aber für die abendländische Bevölkerung war in der Zeit, in der also von auswärts das Mysterium in die Erdenentwickelung hereinfiel, der Einfluß des Griechentums ein ganz ungeheuer bedeutsamer. Dieser Einfluß des Griechentums, er war aber schon im Abnehmen, besser gesagt, er hatte seinen Höhepunkt überschritten. Dem Griechentum drohte eine absteigende Entwickelung. Und diese absteigende Entwickelung, die dem Griechentum drohte, die kann man so ausdrücken, daß man sagt: Die Griechen haben gerade durch den ahrimanischen Einschlag, den sie gehabt haben, der sich in ihrer Kunst als luziferisches Element kundgab, eine hohe Weisheit entwickelt. Und diese Weisheit, sie hat, wie wir öfter charakterisiert haben, einen sehr individuellen, menschlich individuellen Charakter angenommen. Aber sie war im Grunde genommen am größten da, wo noch hereinleuchtet in die griechische Weisheit aus uralten Zeiten dasjenige, was geistige Wesen selber die Menschen gelehrt hatten.
[ 6 ] In contrast, the Greek nature is highly susceptible to the historical Ahrimanic forces, which generate strong Luciferic effects in the subconscious. One can only fully understand Semitic and Greek culture—which are, after all, polar opposites—if one properly takes into account this oscillation in human evolution between the Ahrimanic and the Luciferic. But for the Western population, at the time when the Mystery thus entered Earth’s evolution from outside, the influence of Greek culture was of immense significance. This influence of Greek culture, however, was already on the wane; or rather, it had passed its zenith. Greek culture was threatened by a downward trajectory. And this downward trajectory threatening Greek culture can be expressed as follows: It was precisely through the Ahrimanic influence they had—which manifested in their art as a Luciferic element—that the Greeks developed a high wisdom. And this wisdom, as we have often described, took on a very individual, humanly individual character. But it was, in essence, greatest where that which spiritual beings themselves had taught human beings still shone into Greek wisdom from time immemorial.
[ 7 ] Wir wissen ja, daß in Urzeiten die Lehrer der Menschheit unmittelbar aus der geistigen Welt heraus Inspirierte, Initiierte waren. Durch solche aber haben die geistigen Wesenheiten der Welt selber gesprochen, und wir können, wenn wir in uralte Zeiten der Menschheitsentwickelung noch in dem Beginne des fünften Zeitalters zurückblicken, auf eine wunderbare Urweisheit blicken. Die war gewissermaßen in Begriffen und Ideen so geläutert, daß sie sich in diesen Begriffen und Ideen dem Menschenwesen angepaßt hatte. Während sie in früheren Zeiten durch die großen Eingeweihten in mehr bildlicher, imaginativer Form verkündet worden war, war sie durch die Griechen in Ideen, in Begriffe gefaßt worden, hatte sich dadurch den Menschen angepaßt. Aber dasjenige, was eigentlich bewundernswürdig an den Griechen ist, dasjenige, was selbst noch die Philosophie des Plato durchtönt, das ist noch ein Nachklang jener Urweisheit, welche die Menschheit, ich möchte sagen, aus dem Munde der Götter selber empfangen hat. Aber diese Weisheit drohte den Menschen verlorenzugehen.
[ 7 ] We know, of course, that in ancient times the teachers of humanity were Initiates who drew their inspiration directly from the spiritual world. Through them, however, the spiritual beings of the world spoke directly, and when we look back to the ancient times of human development—still at the beginning of the fifth epoch—we can behold a wondrous primordial wisdom. In a sense, this wisdom had been so refined in terms of concepts and ideas that it had adapted itself to human beings through these very concepts and ideas. Whereas in earlier times it had been proclaimed by the great initiates in a more pictorial, imaginative form, it had been expressed by the Greeks in ideas and concepts, thereby adapting itself to human beings. But what is truly admirable about the Greeks—what still resonates even in Plato’s philosophy—is an echo of that primordial wisdom which humanity, I might say, received from the mouths of the gods themselves. Yet this wisdom was in danger of being lost to humanity.
[ 8 ] Wenn man zurückblickt auf dasjenige Zeitalter der griechischen Geistesentwickelung, das Nierzsche das tragische Zeitalter genannt hat, dann blickt man zurück auf die großen griechischen Philosophengestalten, auf Anaxagoras, auf Heraklit, und man erblickt in ihnen, ich möchte sagen, letzte Träger der Götterweisheit, die aber schon umgesetzt ist in Ideen und Begriffe. Thales ist gewissermaßen der erste, der rein auf natürlichen Begriffen fußt; er ist schon getrennt von dem unmittelbar lebendigen Eindruck der Urweisheit der Menschheit, der noch bei Anaxagoras wahrzunehmen ist. Der Menschheit drohte nach und nach diese Urweisheit verlorenzugehen. Nun war aber aus dieser Urweisheit geflossen dasjenige, was in alten Zeiten den Menschen befähigt hat, überhaupt über den Menschen etwas zu wissen. Menschenerkenntnis, es war ja auch etwas, was die griechische und was alle Urweisheit durchtränken sollte. Die Mysterien sollten Menschenerkenntnis geben. «Erkenne dich selbst» war einer der Weisheitssprüche. Aber diese alte Menschenerkenntnis, sie war auf dem Umwege durch Luzifer vermittelt, und der Mensch erarbeitete sie durch ahrimanische Kräfte. Sie war ganz und gar gebunden an den Gleichgewichtszustand zwischen ahrimanischen und luziferischen Kräften.
[ 8 ] When one looks back on that era of Greek intellectual development which Nietzsche called the “tragic age,” one looks back on the great figures of Greek philosophy—Anaxagoras, Heraclitus—and one sees in them, I might say, the last bearers of the wisdom of the gods, which has, however, already been transformed into ideas and concepts. Thales is, in a sense, the first to base his thought purely on natural concepts; he is already detached from the immediate, living impression of humanity’s primordial wisdom, which can still be perceived in Anaxagoras. Humanity was gradually in danger of losing this primordial wisdom. Yet it was from this primordial wisdom that flowed what, in ancient times, enabled people to know anything at all about human beings. Knowledge of the human being—this was, after all, something that was to permeate Greek wisdom and all primordial wisdom. The mysteries were meant to impart knowledge of the human being. “Know thyself” was one of the sayings of wisdom. But this ancient knowledge of humanity was conveyed indirectly through Lucifer, and human beings developed it through Ahrimanic forces. It was entirely bound up with the state of equilibrium between Ahrimanic and Luciferic forces.
[ 9 ] Nun stellte sich zur Zeit, als die alte Welt zu Ende ging, als von der andern Seite her das Mysterium von Golgatha kam, für die Menschheit ein leichter Überschuß ein an ahrimanischen Kräften. Die ahrimanischen Kräfte waren damals besonders stark. Jetzt, seit dem 16. Jahrhundert, ist wiederum etwas Ähnliches der Fall, eine Art Renaissance der ahrimanischen Kräfte. Aber in jener Zeit waren die ahrimanischen Kräfte eben besonders stark, in welcher das Mysterium von Golgatha hereinkam. Und durch die Stärke dieser ahrimanischen Kräfte wurde namentlich das bewirkt, daß das menschliche Seelenleben nach der Abstraktheit hingetrieben wurde, bis zu jener Abstraktheit, die uns dann im römischen Wesen entgegentritt, welches durch und durch abstrakt ist. Man muß sich fragen: Was wäre mit der Menschheit geschehen, wenn nur in dieser hier eben charakterisierten Entwickelungsströmung der Entwickelungsgang fortgegangen wäre, wenn nicht das Mysterium von Golgatha gekommen wäre? Das wäre eingetreten, daß der Mensch nicht mehr hätte einen Begriff, eine Vorstellung, eine Empfindung fassen können von der menschlichen Persönlichkeit selbst.
[ 9 ] Now, at the time when the old world was coming to an end, as the Mystery of Golgotha was emerging from the other side, a slight excess of Ahrimanic forces set in for humanity. The Ahrimanic forces were particularly strong at that time. Now, since the 16th century, something similar has been happening again—a kind of renaissance of the Ahrimanic forces. But it was precisely during that time—when the Mystery of Golgotha entered the world—that the Ahrimanic forces were particularly strong. And the strength of these Ahrimanic forces brought about, in particular, that human soul life was driven toward abstractness, to the very degree of abstractness that we then encounter in the Roman character, which is abstract through and through. One must ask: What would have become of humanity if the course of development had continued solely within this current of development just described, had the Mystery of Golgotha not come? What would have happened is that human beings would no longer have been able to grasp a concept, an idea, or a feeling of the human personality itself.
[ 10 ] Damit ist außerordentlich Bedeutsames gesagt. Das drohte den Menschen, weil ihnen nichts mehr auf dem Wege von den Göttern her gesagt werden konnte, weil selbst die Traditionen verlorengegangen waren von diesem Götterwege der Weisheit über die Persönlichkeit, daß sie sich selber immer mehr und mehr ein Rätsel werden sollten. Man muß diese Wahrheit in ihrer ganzen Stärke fühlen: Ohne das Mysterium von Golgatha hätte den Menschen gedroht, daß sie sich immer mehr und mehr ein Rätsel geworden wären. Die Menschen hätten Weisheit erringen können, aber nur über die Natur, nicht über sich. Und sie hätten allmählich vergessen müssen, daß sie aus dem Geiste geboren sind. Sie hätten das vollständig verlernen müssen.
[ 10 ] This is an extraordinarily significant statement. This was the threat facing humanity: because nothing could any longer be communicated to them from the gods, because even the traditions had been lost—those traditions of divine wisdom regarding the individual—they were destined to become more and more of a mystery to themselves. One must feel the full force of this truth: Without the Mystery of Golgotha, humanity would have faced the threat of becoming more and more of a mystery to itself. People could have attained wisdom, but only about nature, not about themselves. And they would have gradually forgotten that they were born of the Spirit. They would have had to unlearn this completely.
[ 11 ] Da kam das Mysterium von Golgatha. Und von den verschiedensten Gesichtspunkten, von denen aus man das Mysterium von Golgatha charakterisieren kann, ist auch der eine Gesichtspunkt zu beachten, daß durch den Einschlag des Mysteriums von Golgatha den Menschen die Fähigkeit wiederum gebracht worden ist, aus geistigen Höhen, die ihnen vom irdischen Felde aus verlorengegangen waren, sich als Persönlichkeit zu fassen. Der Christus-Impuls brachte den Menschen die Möglichkeit, sich wiederum als Persönlichkeit zu fassen, aber jetzt als Persönlichkeit sich zu fassen durch innere Kräfte.
[ 11 ] Then came the Mystery of Golgotha. And among the various perspectives from which the Mystery of Golgotha can be characterized, one perspective that must be considered is that, through the impact of the Mystery of Golgotha, human beings were once again given the ability to establish themselves as personalities from spiritual heights that they had lost from the earthly realm. The Christ impulse gave human beings the opportunity to once again establish themselves as personalities—but now to do so through inner forces.
[ 12 ] Es ist heute für den Menschen außerordentlich schwierig, sich vorzustellen, wie der alte Mensch zu seinem Persönlichkeitsbewußtsein gekommen ist, weil die Leute einem heute nicht glauben wollen, wie ganz anders die äußere Weltanschauung für den alten Menschen war. Man kann eine solche Gestalt wie Julian den Abtrünnigen, den Apostaten, nicht verstehen in seiner ganzen welthistorischen Bedeutung, wenn man nicht weiß, daß er einer der letzten von denjenigen war, welche die Sonne noch anders gesehen haben, als der heutige Mensch sie sieht. Der heutige Mensch sieht die Sonne wie einen physikalischen Körper. Die Mondenwirkung ist ihm noch länger geblieben als Naturwirkung. Im Monde gehen heute noch die Liebenden spazieren und schwärmen und träumen, im Monde wächst und blüht die Phantasie, im Monde, da dämmert es und die Mondscheinpoesie, die wahre und die falsche, sie ist heute noch immer unter den Menschen verbreitet. So, aber viel intensiver, wie heute noch manche im Monde fühlen, so fühlten die alten Menschen, wenn sie aufwachend der Sonne ansichtig wurden. Wenn die alten Menschen aufwachend der Sonne ansichtig wurden, dann redeten sie nicht nur von dem Sonnenlicht, dann empfanden sie: Aus diesem Himmelswesen strömt mit dem Strahl in uns ein dasjenige, was uns wärmend und uns durchleuchtend durchdringt, was uns zur Persönlichkeit macht.
[ 12 ] It is extremely difficult for people today to imagine how ancient humans came to develop a sense of their own personality, because people today refuse to believe just how different the external worldview was for them. One cannot understand a figure such as Julian the Apostate in all his world-historical significance unless one knows that he was one of the last of those who still viewed the sun differently than people do today. People today view the sun as a physical body. The influence of the moon has lingered longer for them as a natural phenomenon. Even today, lovers still take walks under the moon, swooning and dreaming; under the moon, the imagination grows and blossoms; under the moon, twilight falls, and moonlight poetry—both true and false—is still widespread among people today. Just as some people still feel this way about the moon today—but much more intensely—so did the ancient people feel when they awoke and beheld the sun. When the people of old awoke and saw the sun, they did not merely speak of the sunlight; they sensed: From this celestial being, along with its rays, flows into us that which permeates us, warming and illuminating us, that which makes us who we are.
[ 13 ] Das fühlte noch Julian der Apostat, und er glaubte, daß das den Menschen erhalten werden könne. Und das war sein Irrtum; das war auch seine große Tragik. Aus dem physischen Sonnenstrahl trat der sich entwickelnden Menschheit die Persönlichkeit nicht mehr entgegen. Auf einem geistigen Wege wurde den Menschen diese Erkenntnis der Persönlichkeit gebracht. Was die Sonne draußen im Raume nicht mehr geben konnte, was nicht mehr auf dem Wege von außen an den Menschen herankommen konnte, es mußte aus dem tiefsten Inneren des Menschen aufsteigen. Der Christus mußte selber sein Weltengeschick mit den Menschen verbinden, damit im fortwährenden Schwanken der Waagschale zwischen Ahriman und Luzifer die Menschen nicht aus ihrer fortschreitenden Bahn fielen. Und man muß in vollem und tiefem Ernste nehmen, daß der Christus aus geistigen Höhen zu den Menschen heruntergestiegen ist und sein Geschick mit dem Geschick der Menschen verbunden hat. Wie ist das? Das ist das Eigentümliche: Wenn die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha in die Sinneswelt hineingeschaut haben, dann sahen sie zugleich ein Geistiges. Das habe ich Ihnen ja an der Sonnenanschauung eben klargestellt. Das ging den Menschen verloren. Die Menschen mußten dafür ein anderes bekommen, sie mußten ein Geistiges empfangen, aus dessen Geistigkeit sie zu gleicher Zeit den Eindruck der sinnenfälligen Wirklichkeit hatten. Das ist das Merkwürdige beim Mysterium von Golgatha und seinem Verhältnis zu der menschlichen Erkenntnis.
[ 13 ] Julian the Apostate still sensed this, and he believed that it could be preserved for humanity. And that was his error; that was also his great tragedy. The personality no longer came to meet evolving humanity through the physical ray of sunlight. This realization of the personality was brought to humanity through a spiritual path. What the sun out in space could no longer provide, what could no longer reach humanity from the outside, had to rise from the deepest inner being of the human being. Christ Himself had to link His cosmic destiny with that of humanity, so that in the constant wavering of the scales between Ahriman and Lucifer, humanity would not fall from its path of progress. And one must take it with full and profound seriousness that Christ descended from spiritual heights to humanity and linked his destiny with that of humanity. How is this so? This is what is peculiar about it: When people looked into the sensory world before the Mystery of Golgotha, they simultaneously perceived something spiritual. I have just made this clear to you in connection with the contemplation of the sun. That was lost to humanity. In its place, humanity had to receive something else; it had to receive a spiritual reality from which, at the same time, it gained an impression of sensory reality. That is what is remarkable about the Mystery of Golgotha and its relationship to human knowledge.
[ 14 ] Und dieses Mysterium von Golgatha, das der Erdenentwickelung den eigentlichen Sinn gegeben hat, es ging eigentlich, unbemerkt für die Römer, in einem kleinen Winkel der Welt vor sich, und Tacitus weiß eigentlich noch nichts Rechtes von dem Mysterium von Golgatha, obwohl er hundert Jahre nach dem Mysterium von Golgatha seine ausgezeichnete römische Geschichtsbetrachtung aufgestellt hat. Die Geschichte sagt eigentlich nichts über das Mysterium von Golgatha, denn die Evangelien sind keine Geschichte; sie sind geschrieben so, wie ich es darstelle in meinem Buch «Das Christentum als mystische Tatsache»: sie sind eigentlich aufs Leben angewendete Mysterienbücher. Und wenn sich die Theologen noch so viel Mühe geben werden: Geschichte, so wie Geschichte über andere Ereignisse existiert, wird nie da sein über das Mysterium von Golgatha. Denn das soll gerade das Charakteristische sein des Mysteriums von Golgatha, daß man geschichtlich, auf dem Wege der äußeren tatsächlichen Geschichte, nichts darüber wissen soll. Wer über das Mysterium von Golgatha etwas wissen will, muß ans Übersinnliche glauben. Historisch-sinnlich läßt sich das Mysterium von Golgatha nicht beweisen.
[ 14 ] And this Mystery of Golgotha, which gave the actual meaning to the development of the Earth, actually took place—unnoticed by the Romans—in a small corner of the world, and Tacitus actually knows nothing concrete about the Mystery of Golgotha, even though he composed his excellent account of Roman history a hundred years after the Mystery of Golgotha. History actually says nothing about the Mystery of Golgotha, for the Gospels are not history; they are written as I describe in my book *Christianity as a Mystical Fact*: they are, in fact, books of mysteries applied to life. And no matter how much effort theologians may expend, there will never be a history—in the sense that history exists for other events—of the Mystery of Golgotha. For that is precisely what is characteristic of the Mystery of Golgotha: that one is not supposed to know anything about it historically, through the medium of external, factual history. Anyone who wants to know anything about the Mystery of Golgotha must believe in the supersensible. The Mystery of Golgotha cannot be proven historically or through the senses.
[ 15 ] So wie der alte Mensch ins Sinnliche geschaut hat und Übersinnliches mitbekommen hat, so soll der moderne Mensch, wenn er nicht die Erkenntnis der Persönlichkeit verlieren will, auf das Mysterium von Golgatha als auf ein Übersinnliches hinschauen und aus dem Hinschauen auf das Übersinnliche die Überzeugung erhalten: Auch dies ist historisch geschehen, worüber keine Geschichte berichtet. — Wer das nicht ins Auge faßt, daß es im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit über das wichtigste geschichtliche Ereignis keine Geschichte gibt, daß darüber äußerlich nichts verzeichnet ist, was man Geschichte nennt, wer das nicht faßt, faßt das ganze Verhältnis des Mysteriums von Golgatha zum modernen Menschen nicht. Denn der moderne Mensch soll an dem Mysterium von Golgatha lernen, an die Tatsächlichkeit von etwas sich zu wenden, von dem er keine historische Urkunde hat. Und wirksam soll dieses Tatsächliche sein. Denn was haben wir denn gestern eigentlich erwähnt als von Ahriman und Luzifer kommend? Wir haben erwähnt, daß Luzifer die Menschengemüter abzieht von dem Interesse am Nebenmenschen. Würde nur Luziferisches in der Menschheit wirken, wir würden immer mehr und mehr verlieren das Interesse an unseren Mitmenschen. Es würde uns wenig berühren, wie der eine oder der andere Mensch denkt. Man bekommt sogar einen recht guten Maßstab, wieviel Luziferisches in einem Menschen ist, wenn man frägt: Interessiert der Mensch sich für andere Menschen objektiv, tolerant, oder interessiert er sich doch eigentlich nur für sich selbst? — Luziferische Naturen haben wenig Interesse für ihre Mitmenschen, sind in sich versteift, verstockt, halten nur dasjenige für richtig, was sie selber ausdenken, was sie selber empfinden, sind nicht zugänglich für die Urteile von andern. Würde das Luziferische in derselben Weise weiter gewirkt haben in der Menschenentwickelung, wie es bis zum Mysterium von Golgatha hin gewirkt hat, dann würde die Menschheit eben allmählich in die Bahn hineingekommen sein, die damit zu charakterisieren wäre, daß die Menschen in sich verstockte und verschlossene Seelen würden, jeder sich nur um sein Eigenes kümmerte, jeder nur sein eigenes Ausgedachtes für wahr hielte und keinen Sinn hätte, in die Herzen der andern hineinzuschauen. Das aber ist nichts anderes als die Kehrseite des Verlustes der Persönlichkeit. Denn indem wir eben die Möglichkeit, den Menschen als Persönlichkeit zu erkennen, verlieren, verlieren wir auch das Verständnis für die Persönlichkeit des Mitmenschen. Es gab sehr viele Leute — viel mehr als man denkt, gerade im Zeitalter, in dem das Mysterium von Golgatha herannahte — in der griechischen, in der römischen Welt, in Afrika, im Westen von Asien, viele Menschen, welche in gewissem Sinne Hochmütige des Geistes waren, Leute, welche durch die Welt gingen, wie, man kann nicht sagen Sonderlinge, aber wie hochmütige, einsame Menschen, die einsam sein wollten. Es gab viele solche, es gab auch solche, die eine Philosophie daraus machten, sich nicht um die andern Menschen zu kümmern, sondern nur dem zu folgen, was man selbst in sich trug. Das war durch das Herausfallen des Luziferischen aus der Gleichgewichtslage bewirkt.
[ 15 ] Just as the people of old looked into the sensory world and perceived the supersensible, so too must modern people—if they do not wish to lose their understanding of the personality—look upon the Mystery of Golgotha as something supersensible and, through this gaze upon the supersensible, gain the conviction that: This, too, has happened historically, though no history records it. — Whoever fails to grasp that, in the course of humanity’s historical development, there is no history of the most important historical event—that outwardly, nothing has been recorded about it in what is called history—whoever fails to grasp this does not understand the entire relationship of the Mystery of Golgotha to modern humanity. For modern humanity is meant to learn from the Mystery of Golgotha to turn toward the reality of something for which it has no historical record. And this reality is meant to be effective. For what did we actually mention yesterday as coming from Ahriman and Lucifer? We mentioned that Lucifer diverts human minds from interest in our fellow human beings. If only Luciferic forces were at work in humanity, we would lose more and more interest in our fellow human beings. We would be little moved by what one person or another thinks. One can even get a fairly good measure of how much Luciferic influence is present in a person by asking: Does this person take an objective, tolerant interest in others, or is he or she actually interested only in himself or herself? — Luciferic natures have little interest in their fellow human beings; they are rigid and obstinate within themselves; they consider only what they themselves conceive and feel to be right; they are impervious to the judgments of others. If the Luciferic principle had continued to influence human development in the same way it had up to the Mystery of Golgotha, then humanity would gradually have entered a course characterized by people becoming stubborn and closed-off in their souls, each person concerned only with their own affairs, each person regarding only their own ideas as true, and having no inclination to look into the hearts of others. But this is nothing other than the flip side of the loss of personality. For in losing the very ability to recognize a human being as a personality, we also lose our understanding of the personality of our fellow human beings. There were a great many people—far more than one might think, especially in the age when the Mystery of Golgotha was approaching—in the Greek and Roman worlds, in Africa, and in Western Asia; many people who, in a certain sense, were haughty in spirit, people who went through the world, as, one cannot say “eccentrics,” but like haughty, solitary people who wanted to be alone. There were many such people; there were also those who made a philosophy out of not caring about other people, but only following what they carried within themselves. This was brought about by the fall of the Luciferic forces from their state of equilibrium.
[ 16 ] Und gar das Ahrimanische, das war sogar in einer Überkraft vorhanden. Es zeigt sich ja am allerbesten in der Anschauung der ersten römischen Kaiser, der Julier, von denen nur in einer etwas fragwürdigen Weise der allererste, Augustus, initiiert war, während unter den andern es höchstens solche gab, die sich die Initiation erzwangen, die sich aber alle für Göttersöhne, das heißt, für Initiierte hielten, dafür hielten, daß sie von den Göttern abstammten. Denn das Ahrimanische offenbart sich insbesondere dadurch, daß der Mensch nicht unter Menschen leben will wie Persönlichkeit unter Persönlichkeiten, sondern daß er Macht entwickeln will, wie ich gestern ausgeführt habe, daß er herrschen will, herrschen will durch Benützung der Schwächen anderer. Das waren die zwei großen drohenden Gefahren zur Zeit des Mysteriums von Golgatha, denen die Menschheit verfallen wäre, wenn das Mysterium von Golgatha nicht gekommen wäre: Interesselosigkeit für die Mitmenschen, Herrschaftsgelüste jedes einzelnen. Indem der Christus sein Geschick mit dem Menschheitsgeschick verbunden hat, hat er etwas außerordentlich Tiefes in die Menschheit hineinverpflanzt. Vielleicht verstehen Sie mich am besten, wenn ich Ihnen schematisch davon spreche, was eigentlich der Christus in die Menschheit hineinverpflanzt hat. Wir Menschen, wir haben, wie ich Ihnen gezeigt habe, Kräfte, die wir durch unser ureigenes Wesen entwickeln. Sie wissen ja, in einer gewissen Beziehung werden wir erst in der zweiten Lebenshälfte gescheit durch unser ureigenes Wesen. Das habe ich Ihnen des langen und breiten und wiederholt ausgeführt. Aber damit noch nicht genug. Das, was ich Ihnen da ausgeführt habe für das Gescheiterwerden des Menschen zwischen Geburt und Tod, gilt ja im Grunde genommen nur für die Erdenentwickelung, und wir sollen ja weiter gescheit werden durch die Jupiter- und Venusentwickelung und Vulkanentwickelung. Diese Kräfte, die wir entwickeln sollen im Lauf der Jupiter- und Venusentwickelung, liegen jetzt auch schon in uns.
[ 16 ] And even the Ahrimanic principle was present in a superhuman force. This is most clearly evident in the example of the first Roman emperors, the Julii, of whom only the very first, Augustus, was initiated—albeit in a somewhat questionable manner—while among the others there were at most those who forced their way into initiation, yet all of whom considered themselves sons of the gods—that is, initiates—and believed themselves to be descended from the gods. For the Ahrimanic reveals itself particularly in that a person does not wish to live among people as a personality among personalities, but rather wishes to develop power—as I explained yesterday—wishes to rule, to rule by exploiting the weaknesses of others. These were the two great and looming dangers at the time of the Mystery of Golgotha, to which humanity would have succumbed had the Mystery of Golgotha not come to pass: indifference toward fellow human beings, and the desire for domination on the part of each individual. By linking his destiny to that of humanity, Christ has implanted something extraordinarily profound within humanity. Perhaps you will understand me best if I speak to you schematically about what Christ actually implanted within humanity. We human beings, as I have shown you, possess forces that we develop through our very own nature. As you know, in a certain sense, it is only in the second half of life that we truly become wise through our very own nature. I have explained this to you at great length and repeatedly. But that is not all. What I have explained to you regarding the development of human intelligence between birth and death applies, in essence, only to Earth’s evolution; and we are to become even more intelligent through the Jupiter, Venus, and Vulcan phases of evolution. These forces, which we are to develop in the course of the Jupiter and Venus phases of evolution, are already present within us.
[ 17 ] Nun ist folgendes geschehen: Sie wissen, was der Mensch an Selbsterkenntnis erwerben kann in der ersten Lebenshälfte, kann er nicht durch seine ureigene Menschenwesenheit erwerben. Er muß es durch Luzifer erwerben. Seine ureigene Menschenwesenheit geht weiter. Luziferisches gibt ihm, indem es ihm in der ersten Lebenshälfte einen Einschlag gibt, die Selbsterkenntnis; diese glanzvolle Selbsterkenntnis wird in der zweiten Lebenshälfte durch Ahriman abgedämpft. Mit dem Christus-Impuls tritt eine andere Strömung in die Menschheitsentwickelung ein: zum tiefsten Inneren des Menschen spricht der Impuls, der mit dem Mysterium von Golgatha eintritt. Und wenn der Mensch durch seine ureigenen Kräfte das entwickeln sollte, was ihn von sich aus zu denjenigen kosmischen Einsichten führen würde, die durch den Christus in die Erdenentwickelung hereingekommen sind, dann würde der Mensch erst während der Venusentwickelung die Fähigkeit dazu erlangen. Also wenn der Mensch noch so gescheit wird bis zu seinem Tode, er würde bis zu seinem Tode auf der Erde von sich selbst aus nicht das erreichen können, was er dadurch erreicht, daß der Christus-Impuls sein Schicksal mit der Erdenentwickelung verbunden hat.
[ 17 ] Now, the following has happened: You know that whatever a human being can attain in terms of self-knowledge during the first half of life, he cannot attain through his own inherent human nature. He must attain it through Lucifer. His own inherent human nature continues. The Luciferic principle imparts self-knowledge to the human being by exerting an influence on them during the first half of life; this resplendent self-knowledge is then tempered by Ahriman in the second half of life. With the Christ impulse, a different current enters human evolution: the impulse that enters with the Mystery of Golgotha speaks to the deepest inner being of the human being. And if human beings were to develop, through their own innermost powers, what would lead them of their own accord to those cosmic insights that have entered Earth’s evolution through the Christ, then they would not acquire the capacity to do so until the Venusic stage of evolution. So no matter how intelligent a human being may become before his death, he would not be able to achieve on his own, during his time on Earth, what he attains through the fact that the Christ impulse has linked his destiny to the development of the Earth.
[ 18 ] Wir durchleben also unser Erdenleben, ohne daß wir in der Lage sind, vermöge unserer ureigenen Entwickelung bis zu unserem Tode dahin zu kommen, den Christus-Impuls zu begreifen. Daraus geht Ihnen doch folgendes hervor: Es gab Zeitgenossen des Christus, seine Schüler; sie verkehrten mit ihm, sie konnten auch durch die Tradition der Urweisheit so viel Weisheit über ihn gewinnen, daß sie die Evangelien später schreiben konnten; aber verstehen konnten sie ihn eigentlich nicht. Denn sie konnten ja bis zu ihrem Tode damals ganz gewiß nicht zu dem Verständnis des Christus-Impulses kommen. Wann konnten sie denn erst dazu kommen? Nach ihrem Tode, in der Zeit nach dem Tode. Wenn wir annehmen, daß, sagen wir, Petrus oder Jakobus Zeitgenossen Christi waren, wann waren denn Petrus oder Jakobus reif, den Christus zu verstehen? Erst im 3. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha. Im 3. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha, denn bis zu ihrem Tode wurden sie nicht reif, sondern erst im 3. Jahrhundert wurden sie reif.
[ 18 ] We thus live out our earthly lives without being able—through our own inner development—to reach the point of comprehending the Christ impulse by the time of our death. From this, the following should be clear to you: There were contemporaries of Christ, his disciples; they associated with him, and through the tradition of primordial wisdom they were able to gain enough insight into him to later write the Gospels; but they could not truly understand him. For they certainly could not have attained an understanding of the Christ impulse by the time of their deaths. When, then, were they able to do so? After their deaths, in the afterlife. If we assume that, say, Peter or James were contemporaries of Christ, when were Peter or James ready to understand Christ? Only in the 3rd century after the Mystery of Golgotha. In the 3rd century after the Mystery of Golgotha, for they did not become ready until their deaths; rather, it was only in the 3rd century that they became ready.
[ 19 ] Wir berühren damit ein sehr bedeutsames Geheimnis; wir wollen es uns ganz genau vor die Seele führen. Die Zeitgenossen Christi mußten erst durch ihren Tod gehen, mußten in der geistigen Welt bis ins 2., 3. Jahrhundert leben, dann konnte ihnen in dem Leben nach dem Tode die Erkenntnis Christi aufgehen, und dann konnten sie inspirieren diejenigen, die gegen Ende des 2. Jahrhunderts oder vom 3. Jahrhundert an über den Christus-Impuls schrieben. Dadurch gewinnt auch das Schreiben über den Christus-Impuls, weil es durch eine mehr oder weniger deutliche, oder auch mehr oder weniger getrübte Inspiration der Kirchenväter ging, ein ganz besonderes Gesicht, aber erst vom 3. Jahrhundert an. Darum ist es, daß im Grunde genommen der für das Mittelalter dann maßgebende Augustinus in dieses Zeitalter fällt. Und daraus ersehen Sie, worauf man angewiesen war beim Verständnis des Christus-Impulses: die Venusweisheit, wenn ich so sagen darf, die der Mensch jetzt noch nicht erleben kann bis zu seinem Tode, sondern erst nach seinem Tode — in folgenden Jahrhunderten sogar erst —, diese Venusweisheit hereininspiriert zu bekommen auf die Erde. Und es war, man möchte sagen, wenn der Ausdruck nicht gar so töricht wäre, aber es gibt keinen rechten anderen, noch ein Glück, daß im 2.und 3. Jahrhundert inspiriert werden konnte, die Inspiration anfangen konnte; denn hätte man länger gewartet, über das Jahr 333 hinaus, dann hätte die Menschheit immer mehr und mehr sich verstockt gegen die geistige Welt und keinerlei Inspiration angenommen.
[ 19 ] We are thus touching upon a very significant mystery; let us bring it very clearly before our souls. Christ’s contemporaries first had to pass through death; they had to live on in the spiritual world into the 2nd and 3rd centuries; only then could the knowledge of Christ dawn upon them in the life after death, and only then could they inspire those who wrote about the Christ impulse toward the end of the 2nd century or from the 3rd century onward. Consequently, writings on the Christ impulse—because they were channeled through the more or less clear, or indeed more or less clouded, inspiration of the Church Fathers—take on a very special character, but only from the third century onward. This is why Augustine, who ultimately became the defining figure for the Middle Ages, belongs to this era. And from this you can see what was essential for understanding the Christ Impulse: the Venus wisdom—if I may put it that way—which human beings cannot yet experience in this life until after their death, but only after their death—and in subsequent centuries, indeed, only then—this Venus wisdom being inspired onto the Earth. And it was—one might say, if the expression were not quite so foolish, but there is really no other—a stroke of luck that inspiration could take hold in the 2nd and 3rd centuries; for had one waited longer, beyond the year 333, then humanity would have become increasingly hardened against the spiritual world and would not have accepted any inspiration at all.
[ 20 ] Sie sehen, die Wirksamkeit des Christus-Impulses in die Menschheit herein ist im Laufe der Jahrhunderte der christlichen Entwickelung an mancherlei Geheimnisse gebunden. Und derjenige, der sie heute wieder aufsuchen will, der findet die wichtigsten Bestandteile der Erkenntnis des Christus-Impulses nur, indem er das übersinnliche Erkennen ergreift. Denn die ersten wirklichen Lehrer der Menschheit über den Christus-Impuls waren im Grunde genommen Tote, wie Sie aus meinen eben getanen Ausführungen haben ersehen können, Leute, die Zeitgenossen Christi waren, und die erst im 3. Jahrhundert reif waren, ein vollständiges Verständnis zu erhalten. Im 4. Jahrhundert konnte dann dieses Verständnis wachsen; aber es wuchs auch die Schwierigkeit, Menschen zu inspirieren. Und im 6. Jahrhundert wuchs die Schwierigkeit noch mehr, bis endlich jene Zeit eintrat, wo Ordnung geschaffen wurde von Rom aus in diesem Hereininspirieren von geistigen Geheimnissen über das Christus-Mysterium in die Menschheit und dem Dawider-sich-Sträuben der verstockten Menschheit. Da hat Rom endlich Ordnung geschaffen im 9. Jahrhundert, 869, auf dem Konzil von Konstantinopel, wo man nun endlich den Geist abgeschafft hat. Es wurde Rom endlich zu bunt, diese Inspiriererei, und man stellte das Dogma auf, daß der Mensch in seiner Seele etwas Geistartiges hat, aber daß es ketzerisch ist, an den Geist zu glauben. Die Menschen sollten von dem Geiste abgezogen werden. Das ist ja im wesentlichen das, was mit dem achten ökumenischen Konzil in Konstantinopel 869, das ich öfter erwähnt habe, zusammenhängt. Es ist nur eine Folge dieser Abschaffung des Geistes, wenn Jesuiten heute — wie ich Ihnen neulich angeführt habe — einem sagen: Na ja, früher, da gab es Inspirationen, aber heute ist die Inspiration teuflisch, man darf nicht übersinnliche Erkenntnisse anstreben, denn da, da kommt der Teufel.
[ 20 ] As you can see, the effectiveness of the Christ impulse within humanity has been bound up with various mysteries over the course of centuries of Christian development. And anyone who wishes to seek them out again today will find the most important elements of the knowledge of the Christ impulse only by embracing supersensible knowledge. For the first true teachers of humanity regarding the Christ impulse were, in essence, the dead—as you have seen from my remarks just now—people who were contemporaries of Christ and who were not ready to attain a complete understanding until the 3rd century. In the 4th century, this understanding was then able to grow; but the difficulty of inspiring people also grew. And in the 6th century, the difficulty grew even more, until finally the time came when order was established from Rome regarding this infusion of spiritual secrets about the Christ Mystery into humanity and the resistance of obstinate humanity to it. It was then that Rome finally established order in the 9th century, in 869, at the Council of Constantinople, where the Spirit was finally abolished. Rome had finally had enough of this “inspiration business,” and the dogma was established that human beings possess something spiritual in their souls, but that it is heretical to believe in the Spirit. People were to be weaned off the Spirit. That is essentially what is connected with the Eighth Ecumenical Council in Constantinople in 869, which I have mentioned several times. It is merely a consequence of this abolition of the Spirit that Jesuits today—as I recently pointed out to you—tell people: “Well, in the past, there were inspirations, but today inspiration is diabolical; one must not strive for supernatural insights, because that is where the devil comes in.”
[ 21 ] Doch diese Dinge hängen mit dem Tiefsten zusammen, das einen interessieren muß, wenn man wahrhaft in die Geisteswissenschaft eindringen will. Sie hängen nämlich zusammen mit einem gewissen Anerkennen eines Weisheitscharakters, den viele sogenannte Geisteswissenschafter, namentlich solche, die oftmals in sogenannten Geheimgesellschaften zusammengeschlossen sind, nicht anerkennen. Es gibt, ich möchte sagen, einen gewissen Betrug, der immer wieder und wiederum in die Menschheit hineingetragen wird, hineingetragen wird von denjenigen, die geistige Geheimnisse kennen. Und dieser Betrug hüllt sich in einen falschen Gegensatz, in eine falsche Polarität. Haben Sie nicht gehört, daß die Leute sagen, es gibt Luzifer, und sein Gegner ist Christus —, daß die Leute die Polarität aufstellen: Christus-Luzifer, als Gegner? Ich habe Ihnen ausgeführt, daß selbst noch die Goethesche Faust-Idee unter der Konfundierung von Ahriman und Luzifer leidet, daß Goethe nicht genau auseinanderhalten konnte das Ahrimanische und das Luziferische. Der zweite Aufsatz in meinem Büchelchen über «Goethes Geistesart» handelt auch davon.
[ 21 ] Yet these matters are connected to the very depths that must interest one if one truly wishes to delve into spiritual science. For they are connected to a certain recognition of a character of wisdom that many so-called spiritual scientists—namely those who are often united in so-called secret societies—do not acknowledge. There is, I would say, a certain deception that is repeatedly instilled into humanity by those who know spiritual mysteries. And this deception cloaks itself in a false opposition, in a false polarity. Have you not heard people say that there is Lucifer, and his opponent is Christ—that people set up the polarity: Christ and Lucifer as adversaries? I have explained to you that even Goethe’s Faust concept suffers from the confusion between Ahriman and Lucifer, that Goethe was unable to distinguish precisely between the Ahrimanic and the Luciferic. The second essay in my little book on “Goethe’s Spiritual Nature” also deals with this.
[ 22 ] Damit aber ist etwas außerordentlich Bedeutsames gemeint. Der wahre Gegensatz, den diejenigen, die wahr reden wollen aus der geistigen Welt, den Menschen mitgeteilt haben, der wahre Gegensatz ist der zwischen Ahriman und Luzifer, und der Christus-Impuls bringt etwas anderes, und hat nichts zu tun mit der Polarität Ahriman-Luzifer, sondern er bewegt sich in der Gleichgewichtslinie. Und auf der Anerkennung dieser Tatsache beruht etwas ungeheuer Bedeutsames. Davon wollen wir dann morgen weitersprechen.
[ 22 ] But this refers to something extraordinarily significant. The true opposition—which those who wish to speak the truth from the spiritual world have communicated to humanity—is that between Ahriman and Lucifer; the Christ impulse, however, brings something else entirely and has nothing to do with the Ahriman-Lucifer polarity, but rather moves along the line of balance. And something of immense significance rests upon the recognition of this fact. We will continue to speak about this tomorrow.
