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Healing Factors for the Social Organism
GA 198

3 June 1920, Dornach

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Siebenter Vortrag

Lecture II

[ 1 ] Ich habe heute vor, in den Betrachtungen, die letzten Sonntag hier begonnen worden sind, fortzufahren, und zwar möchte ich zunächst noch einmal zurückkommen auf die paar Worte, die ich gesagt habe am letzten Sonntag über den Antimodernisteneid. Ich habe das Wesen dieses Antimodernisteneides ja dahin charakterisiert, daß seit jener Zeit ein jeder, der im römisch-katholischen Kirchenlehramt tätig ist, sei es als I'heologe, sei es als Kanzelredner, diesen Eid zu schwören hat, diesen Eid, der im wesentlichen besagt, daß nicht abweichen dürfe derjenige, der innerhalb des katholischen Lehramtes steht, von demjenigen, was durch das Lehramt der römisch-katholischen Kirche als die Wahrheit dogmatisch anerkannt ist, das heißt aber im wesentlichen, was anerkannt ist durch die römische Kurie.

[ 1 ] It is my intention today to continue with the subject we began here last Sunday, and I should like first to go back to the few words I then said concerning the Anti-Modernist Oath. I described its nature by saying that since the time of its inauguration anyone who holds a teaching office in the Roman Catholic Church, whether as theologian or preacher, has to take this oath which forbids anyone engaged in Catholic teaching to deviate from what is recognized as dogmatic truth by the Roman Catholic Church; which means, in fact, what is recognized as dogma by the Roman Curia.

[ 2 ] Nun handelt es sich darum, daß gegenüber einer solchen Tatsache die Frage aufgeworfen werden muß: Was ist denn eigentlich neu an diesem Antimodernisteneid? Neu ist nicht das Bekenntnis des katholischen Kanzelredners oder des Theologen zu dem, was Lehrgut der römisch-katholischen Kirche ist — dies bitte ich Sie zunächst ins Auge zu fassen —, sondern neu ist, daß die Betreffenden zu schwören haben, daß sie einen Eid abzulegen haben auf dasjenige, was eben Lehrgut der katholischen Kirche ist. Dies bitte ich Sie zunächst ins Auge zu fassen und es zusammenzubringen mit dem anderen, daß eine gewaltige Steigerung weltgeschichtlich wirksamer Tatsachen innerhalb der römischkatholischen Kirche in etwas mehr als einem halben Jahrhundert vorliegt. Die Sache hat begonnen mit den Erklärungen des Dogmas der Conceptio immaculata, und sie fand dann außerordentlich subtil und geistvoll eine weitere Steigerung in der Enzyklika und in dem Syllabus der sechziger Jahre, in denen durch Pius IX. alles moderne Denken in achtzig Artikeln als häretisch erklärt worden ist. Eine weitere bedeutsame Steigerung, wiederum außerordentlich geistvoll und historisch konsequent, lag dann in der Erklärung des Infallibilitätsdogmas, in der Erklärung des Unfehlbarkeitsdogmas. Der nächste innerlich außerordentlich konsequente Schritt war die Enzyklika «Aeterni patris», jene Enzyklika, welche die Lehre des Thomas von Aquino als die offizielle Lehre der römisch-katholischen Geistlichkeit erklärte. Und die vorläufige Krönung des ganzen Gebäudes ist der Antimodernisteneid, der ja im wesentlichen nichts anderes ist als eine Übertragung desjenigen, was intellektuell immer da war, in die Emotionssphäre des Menschen, in die Willens- und Gemütssphäre des Menschen. Was immer anerkannt werden mußte, das muß seit dem Jahre 1910 auch noch beschworen werden.

[ 2 ] Now in face of such a fact the important question to ask oneself is: “What is there actually new about this Anti-Modernist Oath?” There is nothing new in the adherence of a Catholic preacher or theologian to the doctrines of the Roman Catholic Church; please be clear about that. What is new is that the person concerned has to take an oath as to what is the doctrine of the Church. I want you to be clear about this first, and then to see it in relation to the fact that there has been a prodigious piling up of historical deeds in the Roman Catholic Church during the last half century. It began with the definition of the Dogma of the Immaculate Conception; then came a further extraordinary, subtle, and clever step in the Encyclical and Syllabus of the sixties, in which Pope Pius IX in his eighty Articles declared all modern thinking to be heretical. Then on top of that came the definition of the Dogma of Infallibility, again a very important and extraordinarily clever and subtle advance. The next extremely logical step was the Encyclical “Acterni Patris,” which declared the doctrine of Thomas Aquinas to be the official doctrine of the Roman Catholic Church. The crowning of this whole structure for the time being is this oath against Modernism, which in effect is nothing else than the carrying over of something which was always present intellectually into the sphere of human emotion, the sphere of will and feeling. That which always had to be acknowledged has, since the year 1907, had also to be sworn on oath.

[ 3 ] Wer diese grandiose dramatische Entwickelung versteht, der wird sie wahrhaftig nicht als irgend etwas Geringes anschlagen, denn sie stellt gewissermaßen von einer gewissen Seite her das einzige Wachsein dar innerhalb unserer schlafenden Kultur. Denn, sehen Sie, ich möchte wahrhaftig abzählen können, wieviel Leute wie von einer Viper gestochen aufgefahren sind, als sie einen gewissen Satz im letzten «Basler Vorwärts» gelesen haben, einen Satz, der wie blitzartig die ganze Situation der Gegenwart beleuchtet. Aber ich möchte wissen, wieviele Leute bei diesem Satze, wie von einer Viper gestochen, aufgefahren sind. Der Satz heißt: «Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Köpfen der Menschen über ihre Beziehungen untereinander und zur Natur darstellt, ist dem natürlichen Untergang geweiht durch das Anwachsen und den Sieg der wissenschaftlichen, klaren, naturalistischen Auffassung von der Wirklichkeit, die sich parallel mit dem planmäßigen Aufbau der neuen Gesellschaft entwickeln wird.» Dieser Satz findet sich in einem Leitartikel, in einer Abhandlung, die noch nicht ganz erschienen ist, über die Maßnahmen von Lenin und Trotzkij gegenüber der russischen katholischen Kirche, den russischen religiösen Gemeinschaften überhaupt. Und zu gleicher Zeit ist dieser Artikel programmatisch für dasjenige, was von dieser Seite als Zukunftsziel angesehen wird.

[ 3 ] Anyone who understands this grandiose dramatic development will certainly not underestimate its importance, for it demonstrates the only wakeful consciousness within our sleeping civilization. I should be interested to know how many people felt as if stung by a viper when they read a certain sentence in the last number of the “Basler Vorwarts,” which illuminates as by a flash of lightning the whole situation at the present time. I should really like to know how many people, when reading this, felt as if stung by a viper! The sentence runs: “Religion, which represents a fantastic reflex in the minds of human beings concerning their relations one to another and to nature, is doomed to natural decay through the victorious growth of the scientific, clear and naturalistic grasp of reality which is bound to develop parallel with the establishment of a planned society.” This sentence is to be found in an article which has not yet appeared in its entirety, but has yet to be concluded. It is to be found in an article on the measures taken by Lenin and Trotsky against the Russian Catholic Church and the Russian religious communities in general. This article is at the same time an indication of what is regarded as the programme for the future in these quarters.

[ 4 ] Ich möchte die Tatsache, daß man ganz gewiß wissen kann, daß diejenigen, die als Nichtleninisten einen solchen Satz lesen, nur zum geringsten Teile über den Satz so hinüberlesen, daß sie heute wie von einer Viper gestochen auffahren, als nicht unbedeutend bezeichnen, weil sie gerade zur Anschauung bringt, wie sehr die heutige Menschheit über die wichtigsten Tatsachen, die entscheidend sind für das Leben der Menschheit auf der Erde, überhaupt schlafend hinweggeht. Natürlich kommt es nicht auf einen solchen einzelnen Satz an, sondern es kommt darauf an, daß ja heute diejenige Seite, die ihn hier einmal wieder ausspricht, den Inhalt dieses Satzes von den Dächern herab die Spatzen pfeifen läßt. Was in diesem Satze liegt, daß eine Anschauung kommen werde über die weitesten Bevölkerungskreise in Europa, die sich so aussprechen wird: Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Köpfen der Menschen über ihre Beziehungen untereinander und zur Natur darstellt, ist dem natürlichen Untergang geweiht —, daß eine solche Anschauung kommen werde, das verschlief die sogenannte aufgeklärte Menschheit der neueren Zeit vollständig, und verschläft es noch heute. Aber die römisch-katholische Kirche wacht. Die römisch-katholische Kirche ist im Grunde genommen die einzige, die nun wirklich wacht, und die systematisch entgegenarbeiter demjenigen, was da heraufzieht. Sie arbeitet entgegen in ihrem Sinne. Dieser Sinn, der liegt allerdings zunächst uns nahe, zu verstehen, denn ich habe Ihnen ja mancherlei zu erklären gehabt über das, was als Angriffe von jener Seite gegen dasjenige geschmiedet wird, was hier an diesem Orte vertreten werden muß. Mittlerweile hat sich das in mancherlei Wolken zusammengezogen. Das letzte ist, daß uns die Plakargesellschaft ankündigen mußte, daß man heute morgen dem Mann, der das Plakat zu meinem Vortrage über den sonnabendlichen Vortrag in Reinach anschlagen wollte, dieses weggerissen und alle Plakate verbrannt hat. Sie sehen, die Dinge gehen auch hier ganz systematisch weiter.

[ 4 ] One knows for a certainty that the number of Lenin’s opponents who feel as if stung by a viper on reading such a sentence is very small. I want to emphasize this as not being without significance, because it brings out to what an extent modern humanity passes lightly over things, usually asleep—how it passes over the weightiest facts, facts which are decisive for the life of mankind on this earth. It is, of course, not a question of any one such sentence; the point is that in certain quarters they will see to it that the content of what is there expressed will be made known throughout the world, that among the widest circles of the European population an outlook will come about which can be thus expressed: “Religion which represents a fantastic reflex in the minds of human beings concerning their relations to one another and to nature, is doomed to natural decay.” The so-called ‘enlightened’ humanity of today is still soundly asleep to the fact that such a view is coming. But the Roman Catholic Church is awake; she alone in fact is awake and is working systematically against the approaching storm. She works against it in her own way. And it is very important that we should understand that way, for I have had much to say about the attacks from that quarter that are being forged against what we have to stand for. Meanwhile the clouds are gathering. The latest is that the bill posters had to notify us that the man who this morning was to have posted up in Reinach the announcement of Saturday’s lecture had the posters taken from him and burnt. You see, these things are getting worse, even here they are getting systematically worse.

[ 5 ] Was Sie als eine Summe von lauter Unwahrheiten — ich habe Ihnen die knüppeldicksten das letzte Mal charakterisiert — lesen konnten von einem Menschen, der sich häufig hinter den Sträuchern hält und sich als «Spektator» charakterisiert, das geht bereits durch die ganze katholische Presse, und das Verbrennen der Plakate erinnert wahrhaftig nicht mehr an neuzeitliche Zustände.

[ 5 ] What was written by a man who frequently hides behind the bushes and calls himself ‘Spectator’—a pack of sheer lies, I told you last time about the most egregious of them—now goes through the whole Roman Catholic press, and this burning of our posters really takes one back out of modern times altogether.

[ 6 ] Diese Frage stellte ich an den Ausgangspunkt: Warum muß heute dasjenige beschworen werden, wozu vordem verpflichtet waren die Kleriker der römisch-katholischen Kirche? Niemand wird leugnen, daß eine solche Tatsache, daß man schwören muß, eine Verstärkung bedeutet in dem äußeren Ergreifen einer Sache. Niemand wird auch leugnen, daß, wenn man sich gezwungen sieht, die Leute schwören zu lassen, man voraussetzt, daß sie ohne den Schwur nicht mehr in einer solchen Stärke vorwärtsschreiten würden. Aber noch ein drittes ist allerdings da, wovon am besten wäre, wenn Sie es sich zunächst selber überlegen würden. Denn wahrhaftig, es spielen da Dinge, die vorläufig noch gar nicht beim rechten Namen genannt werden sollten. Aber die Frage dürfte doch gewissermaßen als eine Unterfrage aufgeworfen werden: Muß denn das Vertrauen in eine Sache nicht schon etwas erschüttert sein, wenn ein Eid für diese Sache gefordert wird? Kann es denn im Grunde genommen eine Möglichkeit geben, daß man jemandem einen Eid für die Wahrheit abnimmt? Kann es eine solche Möglichkeit geben? Ist es denn nicht notwendig, anzunehmen, daß dasjenige, was wahr ist, durch seine eigene Kraft sich in der Seele des Menschen verbürgt? Es ist vielleicht nicht einmal so wichtig, zu fragen, ob jener Eid sittlich oder ob er gut ist, oder ob er nützlich ist, sondern es ist vielleicht das historisch Wichtigere, zu fragen, ob dieser Eid und warum er notwendig geworden ist. Ihm gegenüber ist aber gewiß etwas anderes notwendig. Notwendig ist, daß eine gewisse Anzahl von Menschen fühlt, wie ohne Geisteswissenschaft über Europa unbedingt kommen muß das Ergebnis der Gesinnung, die sich eben ausspricht in den Worten: «Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Köpfen der Menschen über ihre Beziehungen untereinander und zur Natur darstellt, ist dem natürlichen Untergang geweiht durch das Anwachsen und den Sieg der wissenschaftlichen, klaren, naturalistischen Auffassung von der Wirklichkeit, die sich parallel mit dem planmäßigen Aufbau der neuen Gesellschaft entwickeln wird.» Was wird da als dasjenige hingestellt, wodurch die alte Religion, welche immer, dem Untergang geweiht ist? Nun, es ist dasjenige, was seit drei bis vier Jahrhunderten als die neue, aufklärerische Wissenschaft, als die sogenannte objektive Wissenschaft in den Lehranstalten der zivilisierten Menschheit gelehrt wird. Was gelehrt wird, was verwaltet wurde von den bürgerlichen, führenden Menschen, das hat das Proletariat der zivilisierten Menschheit als Überzeugung übernommen. Was die Lehrer der Universitäten, der Gymnasien bis in die Volksschulen herunter in die Seelen der Menschen hineingetragen haben, das geht durch Lenin und Trotzkij auf. Und nichts anderes ist es, was da aufgeht, als dasjenige, was in den Anstalten der zivilisierten Menschheit gelehrt wird.

[ 6 ] Now, my dear friends, I have already raised the important question as to why the clergy of the Roman Catholic Church today must take an oath in support of what they were already pledged to maintain. No one will deny that the enforcement of such an oath strengthens the external grasp of the matter. Nor will anyone deny that if it is felt necessary to make people take this oath, the assumption is that without such an oath they would no longer go so firmly forward. But, my dear friends, there is, of course, still a third point, which it would be well for you to ponder. For verily things enter in here which must not yet be called by their right names; yet the question may nevertheless be thrown out as an aside. Must not confidence in a thing be already to a certain extent shattered if it has to be sworn on oath? Is it a possibility to administer an oath for the truth? Can there be such a possibility? Is it not necessary to assume that the truth of its own inherent force is its own guarantee in the human soul? Perhaps it is not so important to ask whether an oath is moral or good or useful; perhaps it is far more important historically to ask whether it has become necessary, and if so, why? In face of this oath something else is now necessary. It is necessary that a certain number of human beings should feel how without spiritual science there must inevitably come over Europe the consequence of the frame of mind expressed in the words “Religion, which represents a fantastic reflex in the minds of human beings concerning their relations to one another and to nature, is doomed to natural decay through the victorious growth of the scientific, clear and naturalistic grasp of reality, which is bound to develop parallel with the establishment of a planned society.” What is it that is to bring about the decay of the old religions one and all? It is all that has arisen during the last three to four centuries as modern science, enlightened science—all that is taught as objective science in the educational institutions of civilized humanity. Bourgeois teaching and bourgeois methods of administration have been adopted by the proletariat. What the teachers of the universities and high schools right down to the elementary schools have put into the souls of men, comes out through Lenin and Trotsky. They bring out nothing but what is already taught in the institutions of civilized humanity.

[ 7 ] Heute gibt es eine Antithese, der man mit unbefangenem Sinn ins Auge schauen sollte. Diese Antithese ist diese: Was ist zunächst zu tun, wenn man will, daß die Früchte von Lenin und Trotzkij nicht über die ganze zivilisierte Menschheit aufgehen? Das ist zu tun, daß man die Kinder nicht mehr lehren läßt, die Jugend nicht mehr lehren läßt, was bis in das 20. Jahrhundert von unseren Hoch-, Mittel- und Volksschulen die Jugend gelehrt worden ist. Diese Antithese gilt. Diese Antithese fordert heraus Mut. Weil man diesen Mut nicht haben will, schläft man. Das ist dasjenige, warum man sagen muß: Wer eine solche Manifestation, wenn sie einem auch nur in ein paar Zeilen eines Leitartikels entgegentritt, liest, sollte, wie von einer Viper gestochen, aufzucken, denn es ist, wie wenn die ganze Kultursituation der Gegenwart vom Blitze beleuchtet würde.

[ 7 ] My dear friends, today there exists an antithesis which one should contemplate without prejudice. It is this. What is to be done to prevent the influence of Lenin and Trotsky from spreading over the entire civilized world? The primary necessity is no longer to allow our children and our youth to be taught what has been taught right up to the Twentieth Century in our universities and in our secondary and elementary schools. To grasp this seeming contradiction demands courage, and because men do not want to have this courage, they go to sleep. That is why one has to say that whoever reads a declaration such as the one I have just quoted, even if it only appears in a few lines of an article, should feel as if stung by a viper; for it is as if the whole situation of present-day civilization were illumined by a flash of lightning.

[ 8 ] Was will dieser Situation gegenüber die Geisteswissenschaft mit allen ihren konkretesten Einzelheiten? Nun, wenn ich das charakterisieren soll, was die Geisteswissenschaft will, so muß ich folgendes sagen: Die römisch-katholische Kirche vertritt als eine grandiose Körperschaft dasjenige, was der vertrocknete Ausläufer der Zivilisation der vierten nachatlantischen Zeit war. Streng nachweisbar in allen Einzelheiten ist, daß die römisch-katholische Kirche den lerzten Ausläufer desjenigen vertritt, was schon zum Schatten sogar geworden ist desjenigen, was berechtigte Zivilisation der vierten nachatlantischen Zeit war, berechtigt war bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts herein. Selbstverständlich kündigen sich spätere Früchte der Menschheitsentwickelung früher an, reichen frühere Sprossen noch in eine spätere Zeit hinein; aber im wesentlichen ist es so, daß die römisch-katholische Kirche dasjenige vertritt, was bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts für Europa und seine Kolonien zu vertreten war.

[ 8 ] Face to face with this situation, what would spiritual science with all its detailed concreteness have? What spiritual science would have, I would characterize somewhat as follows. The Roman Catholic Church, as a mighty corporation, represents the last withered remains of the civilization of the fourth post-Atlantean Epoch. It can be well authenticated in all detail that the Roman Catholic Church represents the last remnant of what was the right civilization for the fourth post-Atlantean epoch, what was justified right up to the middle of the Fifteenth Century, but what has now become a shadow. Of course products of a later evolution often herald their arrival in an earlier period, and its earlier products linger on into a later epoch; but in essentials the Roman Catholic Church represents what was justifiable for Europe and its colonies up to the middle of the Fifteenth Century.

[ 9 ] Geisteswissenschaft, wie wir sie auffassen, soll dasjenige erfassen, was nun notwendig ist als fünfte nachatlantische Kultur. Die römisch-katholische Kirche vertritt in einer Summe von Dogmen als ein geschlossenes Gebäude, das zwar erstorben ist, das aber noch ein Leichnam ist, etwas, was innerlich in einer wohlgefügten Logik zusammenhängt, in einer Wirklichkeitslogik zusammenhängt. Und enthalten ist in diesem Gebäude der Geist einer vergangenen Epoche; aber der Geist ist darinnen. Wie der Geist darinnen ist, das hat sich, denke ich, gezeigt durch die Vorträge, die ich hier über den Thomismus gehalten habe. Geist war in jenen Lehren, in den Dogmen der römisch-katholischen Kirche, Geist, der erschaut worden war von jenen Großen, deren letzte Nachzügler in Plotin, in Porphyrios, Jamblichos und so weiter erschienen, und mit denen noch als, ich möchte sagen, in einer interessanten Art Augustinus kämpft, ringt.

[ 9 ] Spiritual science, however, as we understand it, has to further the needs of the fifth post-Atlantean civilization. The Roman Catholic Church represents in a number of dogmas, as a self-contained structure which is dead, but which still exists as a corpse, something which hangs together inwardly through a well-constructed logic, a logic of reality. In this structure there is spirit, the spirit of a past epoch, but it is spirit. The way in which spirit is contained within it I have, I think, shown in the lectures I held here on St. Thomas Aquinas. There was spirit in these teachings, in these dogmas of the Roman Catholic Church, a spirit which had been perceived by those great ones whose last stragglers we find in Plotinus, and others, and with which St. Augustine had yet in an interesting way to wrestle.

[ 10 ] Was als Philosophie, als Wissenschaft, als öffentliche Meinung, als Weltanschauung zum großen Teile sich der modernen Zivilisation geoffenbart hat seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, abgesehen von der römisch-katholischen Kirche, ist geistlos. Denn es beginnt der Geist der fünften nachatlantischen Zeit erst mit solchen Prinzipien, wie sie bei Lessing und Goethe aufkommen. Denn es will dasjenige, was die naturwissenschaftliche Richtung — von Kopernikus, Galilei und Kepler angefangen — geistlos liefern konnte, woraus Darwin, Huxley und so weiter den Geist völlig ausgeblasen haben, es will das mit Geist erfüllt sein. Und Geisteswissenschaft will den Geist zur Offenbarung bringen, welcher der Geist sein muß der fünften nachatlantischen Periode.

[ 10 ] Since the middle of the Fifteenth Century, what has appeared as philosophy, science, public opinion, world conception, apart from the Roman Catholic Church, is, for the most part, void of spirit. For the spirit of the fifth post-Atlantean age begins only to emerge with such principles as those of Lessing and Goethe. And it wants to enter into what the natural-scientific trend inaugurated by Copernicus, Galilee and Kepler was able to yield without spirit, and out of which Darwin, Huxley, and so on have blown the last remnant of Spirit. It wants to enter into that and fill it with Spirit. And spiritual science wishes to make manifest the Spirit which has to be the spirit of the fifth post-Atlantean age.

[ 11 ] Eine Institution, die von einem gewissen Geist als ihrer Seele durchtränkt war, kann als Institution, wenn sie sich erhält, nur für das Vergangene kämpfen. Von der katholischen Kirche zu verlangen, daß sie für das Zukünftige kämpft, wäre eine Torheit. Denn nicht kann dieselbe Institution den Geist der fünften nachatlantischen Periode tragen, welche den der vierten getragen hat. Dasjenige, was die Konfiguration der katholischen Kirche geworden ist, was sich ausgebreitet hat über die zivilisierte Welt als die Konfiguration der katholischen Kirche — und viel mehr als die Menschen glauben, war von dieser Konfiguration der katholischen Kirche durch die ganze Zivilisation hindurch vorhanden; die Monarchien waren durchaus im Grunde genommen, auch wenn sie protestantisch waren, ihrem Gefüge nach lateinisch-katholische Einrichtungen —, alles dasjenige, was da sich verbreitet hat über die Welt, was, ich möchte sagen, seine andere Art der Erscheinung in dem römischen Recht und in der ganzen lateinischen Abstraktion hat, das gehört der vierten nachatlantischen Periode an. Das fordert, daß die Menschen nach abstrakten Grundsätzen organisiert sind, und daß gewisse hierarchische Anordnungen dieser Organisation zugrunde liegen. Dasjenige, was als der Geist, wie wir ihn durch die Geisteswissenschaft pflegen, der fünften nachatlantischen Zeit kommen soll, das fordert nicht eine solche festgefügte, nach abstrakten Grundsätzen organisierte Struktur, sondern das fordert ein solches Verhalten der Menschen zueinander, wie es als ethischer Individualismus in meiner «Philosophie der Freiheit» charakterisiert ist. Was da als die ethische Seite auftritt, steht in demselben Gegensatz zu der sozialen Struktur, der von der römisch-katholischen Kirche geforderten sozialen Ordnung, wie schließlich Geisteswissenschaft steht zu demjenigen, was römischkatholische Theologie ist.

[ 11 ] An institution permeated by a certain spirit as its own soul, if it is to maintain itself as an institution, can only fight for the past. To demand of the Catholic Church that it should fight for the future would be folly, for an institution which carried the spirit of the fourth post-Atlantean epoch cannot possibly carry that of the fifth. What the Catholic Church has become, what has spread over the civilized world as the configuration of the Catholic Church, and has its other aspect in Roman law and the abstractness of the whole Latin culture, all that belongs to the fourth cultural epoch. And the Catholic Church configuration has permeated the entire of civilization far more than men think. The monarchies, even if they were Protestant ones, were in their structure at bottom Latin Catholic institutions. For the fourth epoch it was necessary that men should be organized according to abstract principles, and that certain hierarchical ordinances should form the basis of organization. But what is to come as the spirit of the fifth post-Atlantean age, which we seek to cultivate through spiritual science, does not require such a firm structure, does not need a structure organized according to abstract principles, but requires such a relation of one human being to another as is characterized in my Philosophy of Spiritual Activity as ethical individualism. What that book has to say on the subject of ethics stands in the same contrast to the social structure fostered by the Roman Catholic Church as in the last resort spiritual science stands to Roman Catholic theology.

[ 12 ] Geisteswissenschaft war wahrhaftig nicht dazu veranlagt, als irgendeine Streitmacht aufzutreten. Sie war ja nur dazu veranlagt, dasjenige zu sagen, was sich ihr als die Wahrheit kundgab. Und derjenige, der verfolgen will alles das, was wir getrieben haben, der wird sich sagen müssen: Niemals, aber auch gar niemals ist, wenigstens von mir aus, irgend etwas Aggressives erfolgt. — Stets mußte nur die Defensive aufgenommen werden gegen Angriffe, die von außen kamen, und das ist das Wesentliche, worauf es heute ankommt. Daß aber dasjenige, was Geisteswissenschaft kundgeben soll, daß das tatsächlich gesagt werden muß, das ist einfach selbstverständlich eine Forderung der Zeit. Aber man muß nur bedenken, daß allerdings die moderne Zivilisation schläft, und Rom wacht. Und daß Rom wacht, das zeigt die großartige Dramatik, welche in den Tatsachen liegt: Festlegung des Dogmas der Conceptio immaculata, Erscheinen der Enzyklika 1864 mit dem Syllabus, mit der Verdammung der achtzig modernen Wahrheiten, Erklärung der Infallibilität, Erklärung des Thomas von Aquino zum offiziellen Philosophen des katholischen Klerus und für das katholische Lehramt, Antimodernisteneid.

[ 12 ] Spiritual Science was verily never meant to appear in the role of belligerent; spiritual science was only meant to state what it saw to be the truth. Anyone who examines our activities here will have to admit that never, never have I taken an aggressive stance. Of course, one has had constantly to defend oneself against attacks which came from outside, and that is the essential thing. But it is simply a demand of the age that what spiritual science has to give should be stated quite concretely. One has to remember that modern civilization is asleep, and that Rome is awake. That Rome is awake is revealed by the mighty drama unrolled in the definition of the dogma of the Immaculate Conception; in the publication of the Encyclical of 1864, with its Syllabus condemning eighty modern truths; in the declaration of the Infallibility of the Pope; in the naming of Thomas Aquinas as the official philosopher of the Catholic priesthood; and finally in the anti-Modernist Oath for the teaching clergy.

[ 13 ] Bedenken Sie, gegenüber dem heraufziehenden Darwinismus, gegenüber dem heraufziehenden Naturalismus in den fünfziger Jahren wird etwas festgelegt, was allerdings nur verstanden werden kann aus den geistigen Anforderungen des vierten nachatlantischen Zeitraums, aber etwas, was der Fehdehandschuh ist für diesen ganzen heraufziehenden Materialismus. Die ganze übrige Welt läßt den Materialismus kommen und schwätzt höchstens mit Euckenschen Worten dagegen. Rom stellt ein Dogma auf von der Conceptio immaculata, welches genau sagt: Selbstverständlich kann niemand die Conceptio immaculata annehmen, der sich zum Darwinismus schlägt. Also, wir richten eine reinliche Scheidewand auf. — Es vergeht nicht mehr als ein Jahrzehnt: dasjenige, was heraufkommt, allerdings zunächst als geistlose Gestalt der neuen Weltanschauung, es wird durch den Syllabus verdammt. Schon die Aufstellung des Dogmas von der Conceptio immaculata brach mit allen Traditionen der früheren katholischen Kirchenentwickelung. Worin bestand denn die Aufstellung eines Dogmas von einem Konzil in früheren Zeiten innerhalb der römisch-katholischen Kirche? Eine primäre Grundbedingung für die Aufstellung eines Dogmas war diese — ich erzähle, ich kritisiere gar nicht —, daß die betreffenden Väter, die im Konzil versammelt sind, in dem das Dogma zur Aufstellung kommt, vom Heiligen Geiste erleuchtet sind, so daß also eigentlich der Urheber des Dogmas der Heilige Geist ist. Es handelte sich aber darum, zu erkennen für den Menschen, daß der Heilige Geist wirklich der Inspirator des aufzustellenden Dogmas ist. Worinnen erkennt man das, erkannte man das? Das erkannte man dadurch, daß dasjenige, was durch ein Konzil als Dogma aufgestellt werden sollte, schon Meinung der gesamten katholischen Kirche war. Das war die Conceptio immaculata nicht, und es ist prinzipiell mit jenem Grundsatz der katholischen Kirche gebrochen worden, der da verlangte, daß nur das zum Dogma gemacht wurde, wofür sich vorher schon die Gläubigen geneigt gezeigt haben. Allerdings lebte man ja mit den neueren Dogmenaufstellungen schon innerhalb desjenigen, was sich abspielte im fünften nachatlantischen Zeitraume, und es war nicht mehr so leicht wie im alten Mittelalter, die Gläubigen vorzubereiten, so daß sich unter ihnen eine gemeinschaftliche Regelung als Dogma festsetzte, das man dann festlegen konnte.

[ 13 ] In face of the rising tide of Darwinism, in face of the rising tide of naturalism in the fifties, something was done which, although it can only be understood out of the spiritual demands of the fourth post-Atlantean epoch nevertheless throws down the gauntlet before all this rising materialism. The rest of the world lets it come, or at best counters it with foolish arguments such as those of Eucken. Rome, however, sets up the dogma of the Immaculate Conception, which states clearly: “Naturally, no one can accept the Immaculate Conception and at the same time ascribe to Darwinism; thus we establish the incompatibility of the two things.” Not more than a decade later, the whole structure of the modern world conception, void of spirit, is condemned by the Syllabus. The definition of the dogma of the Immaculate Conception was already a departure from all the earlier traditional development of the Catholic Church. In what then in former times consisted definition by an Ecumenical Council? Within the Catholic Church a fundamental condition for the definition of any dogma—I am simply relating, not criticizing—was that the Fathers gathered together in the Council in which the dogma was to be defined should be illumined by the Holy Spirit; so that in reality the originator of the dogma is the Holy Spirit. It is really a question of recognizing whether the Holy Ghost is really the inspirer of the dogma to be defined. How does one know, how did they know that? Because what was about to be defined as a dogma by an Ecumenical Council was already the opinion of the whole Catholic Church. Now that was not the case with the doctrine of the Immaculate Conception; consequently, one of the fundamental principles of the Catholic Church was broken, the principle which required that a doctrine shall only be made into a dogma if the faithful have previously signified an inclination towards it. Of course, as regards these modern definitions of dogma, one was already living in the events of the fifth post-Atlantean epoch; and it was no longer so easy as in the Middle Ages so to prepare the faithful that a common opinion prevailed among them which could then be defined. But you see, the ground had been well prepared.

[ 14 ] Aber nun wurde gut vorbereitet, und die Vorbereitungen, welche gepflogen wurden, damit man die letzten Offenbarungen, die vorläufig letzten Offenbarungen, das, was zunächst losgelassen werden konnte, die liegen wirklich eigentlich schon in dem Verlauf der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Auch da hat die römisch-katholische Kirche schon gewacht. Und wenn Sie sich erinnern, wann der Jesuitenorden begründet worden ist, so werden Sie da leicht den Schluß ziehen können, daß die Begründung des Jesuitenordens im wesentlichen zusammenhängt damit, daß man suchte, etwas zu schaffen, was die Schwierigkeiten einer Bearbeitung der Gläubigen in der neueren Zeit leichter überwand und was überhaupt in entsprechender Weise mit diesen Schwierigkeiten rechnen konnte.

[ 14 ] Preparations had really been going on all through the last three or four centuries for these latest revelations; that is to say, these last revelations so far. Even then the Roman Catholic Church was already awake; and if you remember when the Jesuit Order was founded, you will easily draw the inference that the foundation of that Order is essentially connected with the fact that some means had to be found to overcome the difficulties of working on the faithful in modern times and generally to take these difficulties into account.

[ 15 ] Das sollte mit einiger Aufmerksamkeit gesehen werden, wie die Dinge denn eigentlich verlaufen sind. Ich erzähle, ich kritisiere nicht; aber ich möchte doch erzählen, daß 1574 dasjenige Jahr ist, in dem die Bürgerschaft von Luzern den Jesuitismus selber verlangt hat. Ich möchte doch einmal darauf hinweisen, daß in Freiburg Canisins es war, der unmittelbare Schüler des /gnatius von Loyola, welcher das Jesuitenkollegium in Freiburg 1580 selber eingerichtet hat, das dann seine Kolonie in Solothurn begründet hat. Ich möchte doch auch erzählen, daß nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch Clemens XIV. selbstverständlich die Jesuiten auch aus der Schweiz verschwinden mußten, denn sie pflanzten sich nur fort in den Ländern Friedrichs II. von Preußen und der Kaiserin Katharina von Rußland. Denen verdankt der Jesuitenorden seine Kontinuität. Ich habe das neulich schon ererwähnt. Aber in diesem merkwürdigen Interregnum, das da bestand zwischen der Aufhebung des Jesuitenordens durch den Papst Clemens XIV., 1773, und der Wiederherstellung durch Pius VII., 1814, da spielt sich doch mit dem Jesuitenorden etwas sehr Merkwürdiges ab, denn in dieser Zeit war zum Beispiel in Sitten die Anstalt selbstverständlich verblieben, die bis dahin von Jesuiten geleitet war, und es waren auch zum großen Teile dieselben Lehrer geblieben; nur waren diese Lehrer bis 1773 Jesuiten und von 1773 an waren sie keine Jesuiten mehr, sondern man redete dann davon, daß in den betreffenden Lehranstalten die sogenannten «Väter des Glaubens» lehren. Deshalb war es nicht besonders wunderbar, daß 1814 in Brig, 1818 in Freiburg, 1836 in Schwyz, 1844 in Luzern die Jesuitenkolonien wiederum errichtet wurden, nachdem Pius VII. das Dekret Clemens XIV. 1814 aufgehoben hat.

[ 15 ] One ought to pay attention to the course things have taken. I am only relating, I am not criticizing. 1574 was the year in which the citizens of Lucerne themselves expressed a desire for Jesuitism. Let me repeat that it was Canisius, the immediate disciple of Ignatius Loyola, who founded the Jesuit College in Freiburg in 1580 which later established its colony in Solothurn. I should like too, to say that after the suppression of the Jesuit Order by Clement XIV, the Jesuits had, of course, to disappear from Switzerland, and they then continued their activities only in the countries of Frederick II of Prussia and of Catherine of Russia, to whom the Jesuit Order really owes its continued existence. But in this extraordinary interregnum between the suppression of the Jesuit Order in 1773 by Clement XIV and its reinstatement by Pius VII in 1814, strange things nevertheless happened. For you see, during this interval, in Sion, for example, the institution which had been conducted by the Jesuits naturally remained; and as a matter of fact for the most part, too, the same teachers remained in it; only up to 1773 these teachers were Jesuits, and from that date onward they were no longer Jesuits, but one spoke of the Fathers of the Faith as teaching in such institutions. Therefore, it is not surprising that after Pius VII had in 1814 withdrawn the decree of Clement XIV, these Jesuit colonies were again reinstated—in Brigue the same year, in Freiberg in 1818, in Schwiez in 1836.

[ 16 ] Diese Dinge obliegt mir nicht zu kritisieren, aber ich möchte sie erzählen. Ich möchte aber noch etwas erzählen. Aus meinen Auseinandersetzungen sehen Sie, daß von dem 21. Juli 1773, wo von Clemens XIV. die Bulle «Dominus ac redemptor noster» erschien, der Jesuitenorden offiziell aufgehoben wurde, bis Pius VII. 1814 durch die Bulle «Sollicitudo omnium» erließ. Nun gibt es etwas sehr Merkwürdiges. Es gibt Denkwürdigkeiten von einem Mann, der Cordara heißt und der Jesuit war, der alles mitgemacht hat, was innerhalb des Jesuitenordens mitgemacht werden kann. Aus seinen «Denkwürdigkeiten» geht hervor, daß er kein bornierter Mann war wie etwa der Hoensbroech, denn das, was der Hoensbroech schreibt, hat keine Bedeutung, ebensowenig wie wenn er darüber redet. Denn natürlich, die Jesuiten sind gescheit, und Hoensbroech außerordentlich töricht. Also es handelt sich nicht darum, daß man heute schläfrig jene Sachen einfach hinnimmt, sondern daß man in der Lage ist, vor allen Dingen heute das Bedeutende von dem Unbedeutenden zu unterscheiden. Ich möchte nur das hervorheben von den «Denkwürdigkeiten» des Cordara, daß er sagt, es sei doch sehr merkwürdig, daß der Jesuitenorden durch den Papst Clemens aufgehoben werden konnte, denn der Papst Clemens hätte die Jesuiten eigentlich sehr gern gehabt, und er wäre eigentlich ein außerordentlich toleranter Mann gewesen, wäre auch kein dummer Mann gewesen. Also dieser Cordara stellt dem Papst Clemens das allerbeste Zeugnis aus. Geradezu Lobeshymnen sind es, die der Jesuit Cordara trotz dem Aufheben des Jesuitenordens Clemens XIV. ausstellt. Daher frägt der Jesuit selbstverständlich, wie es denn möglich war, daß durch diesen gütigen Papst der Jesuitenorden hat aufgehoben werden müssen. Da muß man fragen, sagt Cordara, welche Absichten die göttliche Weisheit mit der Aufhebung des Jesuitenordens gehabt hat, daß er sie zuließ. Nun ist Cordara allerdings ein Jesuit, aber eigentlich ein Mensch, der allerdings vom Jesuitenorden auch das gelernt hat, logisch ordentlich zu denken, und deshalb frägt er nicht bloß abstrakt, sondern sehr konkret. Da sagt er: Wir müssen allerdings suchen, was innerhalb des Jesuitenordens selber da sein könnte, was wir verschuldet haben. — Da sagt er: Ich finde, daß wir allerdings in bezug auf die Moral in einer merkwürdigen Weise zu Werke gegangen sind. Mit Bezug auf alles dasjenige, was zum Beispiel Unkeuschheit oder dergleichen betrifft, ist man bei uns sehr strenge, anderes kann man nicht sagen — sagt Cordara —, aber man ist so lässig gegen alles dasjenige, was betrifft Anschwärzerei, Verleumdungen und Beschimpfungen.—Cordara sagt eben, daß Gott die Aufhebung des Jesuitenordens durch den Papst Clemens XIV. wohl deshalb wird zugelassen haben, weil sich im Jesuitenorden allmählich eingeschlichen hat eine gewisse Sucht, Anschwärzereien, Verleumdungen und Beschimpfungen zu vollziehen. — Ich möchte auch diese Sache nicht kritisieren, sondern sie nur erzählen. Ich möchte nur noch hinzufügen, daß der Jesuit Cordara sagt: Einer unserer Hauptfehler ist auch die Hochfahrigkeit, durch die wir alle anderen Orden für unbedeutend ansehen, für nichtswürdig ansehen, und alle Weltpriester für nichtswürdig ansehen.

[ 16 ] It is not my task to criticize these things, but I want you to know about them, and I should further like to say this. From my explanations you will have seen that from the 21st of July, 1773, when Clement XIV issued the Bull “Dominus ac Redemptor Noster” until Pius VII caused his Bull “Solicitude omnium Ecclesiarum” to appear, the Jesuit Order was officially suppressed. Now comes something extraordinary. There exist memoirs written by a man who was called Cordara, a Jesuit, one who had gone through all the grades of the Jesuit Order. From his memoirs it is evident that he was not an ignoramus like Count Hoensbruch, whose speeches and writings are unimportant, for, of course, the Jesuits are clever and Hoensbruch is very foolish. It is a question of not being asleep over these things today, but of knowing how to distinguish the important from the unimportant. I should like to mention one point in Cordara’s memoirs, where he remarks that it was strange that the Jesuit Order should have been suppressed by Pope Clement XIV, who had a great liking for the Jesuits and was at the same time an extremely tolerant man and no fool. Thus Cordara gives Pope Clement an excellent character, almost lauds him to the skies, in spite of the fact that he suppressed the Jesuits. Therefore, Cordara naturally asks how it was that they had to be suppressed by this kindly Pope. “One must ask,” says Cordara, “What were the intentions of Divine Wisdom in the suppression of the Jesuits and why it was permitted?” Now, of course, Cordara was a Jesuit, but a man who had even been taught by them to think logically, and therefore, he does not ask abstract questions but very concrete ones. He said, “We have to look for what was blameworthy in the Order,” and he goes on to say, “I find that as regards morality, the Jesuit Order has gone admirably to work; as to unchastity or the like, we are very strict, nobody can deny it. But we are very lenient towards everything of the nature of slander, calumny, and abuse.” Cordara actually says that God probably allowed the suppression of the Jesuit Order by Pope Clement XIV because there had gradually crept into the Order a certain tendency to slander, calumny, and abuse. Now I am not criticizing this, I am only relating facts. I should only like to add that the Jesuit Cordara further says: “One of our chief faults is pride, which causes us to regard all other Orders as of no account and worthless, and all secular clergy as worthless.”

[ 17 ] Stellt man also zusammen dasjenige, was in diesen «Denkwürdigkeiten» dem Jesuitenorden nicht als Vorwürfe gemacht wird, sondern als mea culpa, als eine Art Gewissenserforschung von einem Jesuiten, so findet man: Erstens Streben nach politischer Macht; zweitens Stolz, Hochfahrigkeit; drittens Verachtung der anderen Orden und der Weltgeistlichen; viertens Reichtümer anhäufen. Aber wenn man allmählich weiß, was es heißt, durch Macht verdorrte Wahrheiten aufrechtzuerhalten, dann kann man nichts Besseres tun, als das Aufrechterhalten dieser Wahrheiten präparieren zu lassen durch einen solchen Orden. Die römisch-katholische Kirche wußte in Pius VII. sehr gut, was sie tat, als sie die Dankesschuld der Welthistorie abtrug, die eigentlich nur abzutragen war gegenüber dem König von Preußen, Friedrich II. — der war tot — und der Kaiserin Katharina von Rußland — die war auch tot —, daß diese Dankesschuld abgetragen wurde, den Jesuitenorden wiederum aufzurichten. Und unter denjenigen, die hier in der Schweiz als erste, als ausländische, sogenannte ausländische Jesuiten wiederum gelehrt haben, waren viele von den von Katharina aufgepäppelten, die aus Rußland zurückgekommen sind nach der Schweiz. Bitte, lesen Sie alle diese Sachen in den entsprechenden Dokumenten nach.

[ 17 ] Now, if one puts together everything in these memoirs which is said, not as a reproach to the Jesuit Order but simply as a kind of mea culpa, as an examination of conscience by a Jesuit, one finds in the first place striving for political power; second—pride, arrogance; third—contempt of other Orders and secular priests; fourth—accumulation of wealth. But if one gradually comes to know what it means to maintain dead, withered truths by means of power, one cannot do better than to use such an Order to provide for their maintenance. The Roman Catholic Church in Pius VII well knew what it was doing. It discharged its debt of gratitude to world history, history made by Frederick II, King of Prussia, and by Catherine of Russia, both now dead, when it reinstated the Jesuit Order. And among the first ‘foreign’ Jesuits to teach here in Switzerland again were many of those who had been protected by Catherine, many who came back from Russia. You can read all this in the relevant historical documents.

[ 18 ] Nun handelt es sich darum, daß man also sehen kann, daß gut wachend vorbereitet war das, wovon man voraussah, daß man es brauchen werde; und daß man weiter ging, daß man also alles dasjenige, was da heraufzog, zur rechten Zeit noch bezeichnete, solange es geistlos blieb, nachdem man sich schon vier Jahrhunderte angestrengt hatte, den Geist herauszutreiben, solange die Menschheit außerdem sonst schlafend blieb. Es handelte sich darum, daß man das vollzog, was dann 1864 mit der damaligen Enzyklika und dem Syllabus vollzogen worden ist.

[ 18 ] You can see, therefore, that Rome was wide awake and made in advance her necessary preparations. Wide awake preparation was made. Now comes the next step, the condemnation of all that mounting tide of science—ripe for condemnation since after four centuries of effort to drive out the spirit, it remained void of spirit and mankind remained asleep. The next step was the Encyclical of 1864 with its Syllabus.

[ 19 ] War schon das Aufstellen des Dogmas von der Conceptio immaculata ein Bruch mit allen Gepflogenheiten der früheren römisch-katholischen Kirche, so war es selbstverständlich noch mehr dasjenige, was aufgestellt wurde mit dem Infallibilitätsdogma. Denn nun hatte man allerdings schon allen Scharfsinn der von der katholischen Kirche wohlgepflegten Logik nötig, um rechtfertigen zu können, daß der Papst unfehlbar ist, nachdem 1773 Clemens XIV. den Jesuitenorden aufgehoben, sein Nachfolger, Pius VII. 1814 ihn wieder eingesetzt hat, Solche Dinge ließen sich eine stattliche Anzahl nachweisen. Aber es handelte sich ja darum, daß man die Logik, die man wohl gepflegt hat, nunmehr verwendete, um Begriffskonturen heraufzubringen. Da handelt es sich darum, daß man eine Begriffskontur heraufbrachte für das, was nun die Unfehlbarkeit rechtfertigen könnte. Das allein gilt als unfehlbar, was der Papst nicht sagt als private Meinung, sondern was er sagt «ex cathedra». Nun hatte man, nicht wahr, nicht die Frage zu entscheiden, ob Clemens XIV., Pius VII, unfehlbar wären, sondern ob Clemens XIV. oder Pius VII. ex cathedra redeten oder privat. Clemens XIV. muß privat gesprochen haben, als er den Jesuitenorden aufhob, und Pius VII. muß ex cathedra gesprochen haben, als er ihn wieder eingesetzt hat, nicht wahr! Aber das Fatale ist, daß der Papst es nie sagt, ob er ex cathedra spricht oder ob er privat spricht. Das hat er noch nie gesagt. Man muß sagen, daß es seine Schwierigkeiten hat, nunmehr die Frage im einzelnen zu unterscheiden, ob nun irgend etwas dem Infallibilitätsdogma unterliegt oder nicht. Aber immerhin, das Infallibilitätsdogma ist da. Damit hatte man einen guten Strich gemacht gegenüber alledem, was heraufkommen kann als die elementare Kultur des fünften nachatlantischen Zeitraums. Jetzt war es aber notwendig, auch die Konsequenzen zu ziehen. Das hat der sehr einsichtige, mit Bezug auf seine Intelligenz grandiose Papst Leo XIII. wohl getan, indem er den Thomismus herübergenommen wissen wollte in der Art, wie der Thomismus eben noch im vierten nachatlantischen Zeitraum war. Man brauchte diejenige Philosophie, die grandios ist, aber grandios ist für den vorigen Zeitraum. Denn selbstverständlich ist es objektiv so, daß alles das, was hinterher als Philosophie aufgetreten ist, kleiner ist gegenüber demjenigen, was in der Hochscholastik als Philosophie da war; aber dasjenige, was klein ist, ist eben ein Anfang, und dasjenige, was in der Hochscholastik da war, war eine Vollendung.

[ 19 ] If the definition of the dogma of the Immaculate Conception had already been a break with all earlier custom of the Roman Catholic Church, undoubtedly what was promulgated in the doctrine of Infallibility constituted a far greater break. For all the acumen of the practiced logic of the Catholic Church was needed to justify the contention that the Pope is infallible after Pope Clement XIV in 1773 had suppressed the Jesuit Order, and his successor Pope Pius VII in 1814 had reinstated it. A goodly number of such things could be adduced. But the logic which had been so well cultivated was not applied to produce sharply defined concepts. What was needed was a well-formed concept which could justify infallibility. Not what the Pope expresses as his private opinion is regarded as infallible, only what he says ‘ex cathedra’. Then it was not necessary to decide whether Clement XIV or Pius VII was infallible, but whether Clement XIV or Pius VII had spoken ‘ex cathedra’ or privately. Clement XIV must have spoken privately when he suppressed the Jesuit Order, and Pius VII ‘ex cathedra’ when he reinstated it! But, you see, the trouble is that the Pope never states whether he is speaking ‘ex cathedra’ or privately. That he has never yet said! One must admit that it is difficult to distinguish in the individual instance whether it is subject to the dogma of infallibility, but the dogma is there, and with it a good blow was struck at what can arise as the elemental culture of the fifth post-Atlantean epoch. It then became necessary to draw the consequences and that was well done by Pope Leo XIII, a man full of insight and of very great intelligence. Pope Leo XIII sought to adopt the philosophy of Thomas Aquinas as it was in the fourth post-Atlantean epoch. The Church needed that philosophy which is so great but great for the last culture epoch, for, of course, objectively everything in the way of philosophy which has subsequently arisen is small compared to what blossomed as Philosophy in Scholasticism. But what is small is still a beginning, whereas what was in Scholasticism was an end, a climax.

[ 20 ] Nun muß man bedenken, daß die Menschheit doch vorwärtsschreiten will, und daher kam es, daß nun wirklich, sei es durch Natur-, sei es durch Geschichtsforschung, unter den katholischen Klerikern ganz merkwürdige Dinge auftauchten. Da war es schon notwendig, um dasjenige, was vom Augustinismus im katholischen Klerus ist, aufrechtzuerhalten, starke Maßregeln zu ergreifen. Daher der Antimodernisteneid.

[ 20 ] Now we must remember that mankind is nevertheless trying to progress and therefore it happened that, both in the sphere of natural-scientific research and in historical research, strange vagaries cropped up among the Catholic clergy. Very well then, it now became necessary to adopt strong measures in support of the Catholic doctrine derived from St. Augustine. Hence the Oath against Modernism.

[ 21 ] Gegen alles das läßt sich ja nichts sagen, wenn es als freie Impulse irgendeiner Gemeinschaft getrieben wird. Aber wenn nun 1867, als die Jesuiten in München wieder zugelassen worden sind, ein Jesuitenprediger in seiner ersten Predigt gesagt hat, daß die Ordensregeln den Jesuiten verbieten würden, sich in die Politik hineinzumischen, also daß niemals ein Jesuit sich in Politik hineinzumischen habe, so scheint mir doch die moderne Menschheit in ihren breiten Massen nicht recht veranlagt zu sein, das zu glauben, und es wird schon anders sein!

[ 21 ] Now of course, my dear friends, nothing can be said against all that, if it is pursued by any community out of a free impulse, but when in 1867 the Jesuits were again allowed into Munich, a Jesuit priest in his first sermon then said that the Rules of the Order forbade Jesuits to meddle in politics, that a Jesuit never has taken any part in politics; then it appears to me that modern men are not likely to believe that. And it soon becomes otherwise. Up to that time it had not in fact been possible to find a really adequate measure.

[ 22 ] Dasjenige, um was es sich handelt, ist im Grunde doch dieses: in Wirklichkeit müßten alle diejenigen, die es wirklich mit der Erkenntnis und mit dem Fortschritt, mit der Güte der Menschheit ernst meinen, sich zur Dreigliederung des sozialen Organismus bekennen. Denn wie wenig politische Maßregeln gegen die römisch-katholische Kirche vermögen, das beweist der Verlauf des deutschen sogenannten Kulturkampfes. Aber worum es sich hauptsächlich handelt, das ist, daß es ja so langsam geht mit dem Einsehen desjenigen, was als notwendige Konsequenz geisteswissenschaftlicher Bestrebungen doch in die Welt gehen muß als der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus. Das ist es, was wir brauchen, daß ein waches Verständnis für die Erscheinungen der Gegenwart wirklich vorhanden wäre.

[ 22 ] My dear friends, what I am really trying to bring home to you is that all those who seriously want knowledge, progress and the good of humanity will have to recognize the threefold nature of the social organism. For how little political measures avail against the Roman Catholic Church has shown itself in the course of the German ‘Kultur’ campaign. But what I am primarily trying to bring home to you is how slow people are to see what, as the necessary consequence of spiritual-scientific endeavor, must come into the world as the impulse for the threefold order of society. That is what we need, a wide awake understanding for the phenomena of the time.

[ 23 ] Damit habe ich eben ein Thema angeschnitten, das ich wahrhaftig nicht angeschnitten hätte, wenn nicht all das um uns herum geschähe, was eben geschieht und weiter geschehen wird. Sie wissen, ich werde hier am Sonnabend über das 'Thema öffentlich sprechen: «Die Wahrheit über die Anthroposophie und deren Verteidigung wider die Unwahrheit»; aber ich kann nicht umhin, am Sonntag Ihnen noch einiges als Fortsetzung desjenigen zu sagen, was ich heute nicht mehr zu sagen in der Lage bin, so daß wir uns am Sonntag um halb acht Uhr doch noch einmal hier treffen müssen, trotzdem wir am Montag ja reisen müssen. Es geht aber in dieser bewegten Zeit nicht anders. Sonnabend ist also hier der öffentliche Vortrag — trotz dem Verbrennen der Plakate!

[ 23 ] Now, my dear friends, I have plunged into a theme into which I would certainly not have entered had it not been for recent events here, of which we shall see further developments. You know that on Saturday I am to give a public lecture on “The Truth about Anthroposophy and its Defense against Untruth.” But in any case I must contrive next Sunday to continue the comments which I cannot complete today. So next Sunday at half-past seven we will meet here once more, although we have to start on a journey on Monday. In these troubled times one cannot do otherwise, and so on Saturday, despite the burning of our posters, the public lecture also will take place here.