Perspectives on Human Evolution
The Materialistic Impulse toward Knowledge
and the Task of Anthroposophy
GA 204
24 April 1921, Dornach
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The Spiritual Backgrounds of the Outer World, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Wir haben im Verlaufe der letzten Woche eine Reihe von Betrachtungen angestellt, die geeignet sind, Licht zu verbreiten über die geistige Verfassung der Gegenwart und der nächsten Zukunft. Wir haben ja in der letzten Zeit ganz besonders hingewiesen auf jenen Zeitpunkt europäischer Menschheitsentwickelung im 4. nachchristlichen Jahrhundert, der einen tiefen Einschnitt bildet. Vorher verstand man, wenigstens im Süden Europas, bis zu einem gewissen Grade aus orientalischen Weisheitsuntergründen heraus das Mysterium von Golgatha. Man hatte noch mit einem gewissen Verständnis umfaßt, was heute so sehr mit Antipathie angesehen wird von gewissen Seiten: die sogenannte Gnosis. Die Gnosis war ja eben der letzte Rest orientalischer Urweisheit, jener Urweisheit, die aus instinktiven Erkenntniskräften der Menschen hervorgegangen ist, die aber tief eingedrungen ist in das Wesen des Weltgefüges. Was nun im Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat, man konnte es einsehen mit Hilfe derjenigen Vorstellungen und Empfindungen, die man aus diesem gnostischen Erkennen heraus gewonnen hatte. Aber an dem Zugrundegehen dieses gnostischen Erkennens arbeitete ja jene christliche Strömung, die immer mehr einmündete in das römische Staatswesen, die immer mehr und mehr annahm die Form des römischen Staatswesens. Diese christliche Strömung rottete aus bis auf ganz geringfügige Reste, aus denen wenig zu gewinnen ist, alles das, was einst als Gnosis vorhanden war. Und wir haben ja gesehen, es blieb dann nichts zurück von der alten orientalischen Urweisheit im lebendigen europäischen Menschheitsbewußtsein als die einfachen, in materielle Geschehnisse gekleideten Erzählungen über das, was sich in Palästina zur Zeit des Mysteriums von Golgatha zugetragen hat.
[ 1 ] Over the course of the past week, we have presented a series of reflections that shed light on the spiritual state of the present and the near future. Recently, we have placed particular emphasis on that pivotal moment in the development of European humanity during the 4th century A.D., which marks a profound turning point. Previously, at least in southern Europe, the mystery of Golgotha was understood to a certain extent through the lens of Eastern wisdom traditions. People still had a certain understanding of what is today viewed with such antipathy by certain quarters: so-called Gnosticism. Gnosticism was, after all, the last remnant of primordial Eastern wisdom—that primordial wisdom which arose from humanity’s instinctive powers of insight but which had penetrated deeply into the very essence of the world order. What took place in the Mystery of Golgotha could be understood with the help of the concepts and feelings derived from this Gnostic insight. But the very force that was working toward the demise of this Gnostic knowledge was that Christian current which increasingly merged into the Roman state system, which more and more took on the form of the Roman state system. This Christian current eradicated, down to only very minor remnants from which little can be gained, everything that once existed as Gnosis. And as we have seen, nothing remained of the ancient Oriental primordial wisdom in the living European consciousness of humanity except the simple narratives—cloaked in material events—about what took place in Palestine at the time of the Mystery of Golgotha.
[ 2 ] Diese Erzählungen wurden zunächst ja in jene Form gekleidet, die aus dem alten Heidentum heraus stammte, wie Sie das am «Heliand» sehen. Sie bürgerten sich ein in der europäischen Zivilisation. Allein man hatte immer weniger das Gefühl, daß man sie mit einer gewissen Erkenntniskraft durchdringen soll. Man hatte immer weniger das Gefühl, daß ein tiefes Weltenrätsel und Geheimnis zu schauen sei in dem Mysterium von Golgatha; denn über dasjenige, was als Christus mit dem Jesus verbunden war, hatte man durch Konzilsbeschlüsse festgestellte Formeln aufgebracht. Man hatte den Glauben gefordert an diese festgestellten Formeln, und allmählich ging alles, was an lebendigem Wissen noch vorhanden war bis in die Zeit des 4. nachchristlichen Jahrhunderts, eben in das festgefügte Formelwesen der römischen Staatskirche über.
[ 2 ] These stories were initially clothed in a form that originated in ancient paganism, as you can see in the Heliand. They became part of European civilization. Yet people felt less and less that they should penetrate them with a certain power of insight. People felt less and less that a profound cosmic enigma and mystery lay within the mystery of Golgotha; for regarding that which, as Christ, was connected to Jesus, formulas established by council decrees had been imposed. Belief in these established formulas had been demanded, and gradually everything that still remained of living knowledge up to the time of the 4th century A.D. was absorbed into the rigid system of formulas of the Roman state church.
[ 3 ] Und wenn man, ich möchte sagen, das ganze System dieser abendländischen christlich-kirchlichen Strömung überschaut, dann sieht man eben, daß in gewisse feste, starre, immer mehr und mehr unverständliche Formeln gekleidet wurde dasjenige, was das Mysterium von Golgatha war, daß aber ein lebendiges spirituelles Wissen eigentlich ausgerottet wurde.
[ 3 ] And when one surveys—I would say—the entire system of this Western Christian-ecclesiastical current, one sees that what was the Mystery of Golgotha was clothed in certain fixed, rigid, and increasingly incomprehensible formulas, while a living spiritual knowledge was, in fact, eradicated.
[ 4 ] Es liegt da eine eigentümliche Tatsache europäischer Entwickelung vor. Man möchte sagen: Dasjenige, was fruchtbares, lebendiges orientalisches Urwissen war, das floß ein in die Formeln und erfror in den Formeln, welche das römische Kirchentum annahm. Und in Formeln pflanzte es sich fort durch die folgenden Jahrhunderte. Diese Formeln waren da. Es gab allerdings Leute, welche aus diesen Formeln noch irgend etwas zu machen wußten; aber es war unmöglich geworden, daß das allgemeine Menschheitsbewußtsein eben etwas anderes empfing als tote Form. Gewiß, wir haben eine Reihe ganz ausgezeichneter Geister. Wir brauchen uns nur an manche derjenigen zu erinnern, die von den irländischen Wissensstätten ausgingen, wir brauchen uns nur an den am Hofe Karls des Kahlen lebenden Scotus Erigena zu erinnern. In solchen Persönlichkeiten haben wir eben Menschen, welche die Formeln aufnahmen und in diesen Formeln den Geist noch ahnten, oder ihn mehr oder weniger herausfanden. Wir haben dann die Scholastik, über die wir ja öfters in einem gewissen Zusammenhang gesprochen haben, die in einer mehr abstrakten Form dann versuchte, die Formeln erkenntnisgemäß zu durchdringen. Es liegt eben die Tatsache vor, daß ein weit ausgebreitetes System religiösen Inhaltes in Formeln erfroren vorlag, durch die Jahrhunderte von Generation zu Generation verpflanzt worden ist und als solches Formelwesen weiterlebte. Auf der einen Seite lagen also die theologischen Formeln vor, auf der anderen Seite die in materialistische Bilder gekleideten Erzählungen über die Ereignisse in Palästina.
[ 4 ] Here we have a peculiar fact of European development. One might say: What was once fruitful, living, primordial Eastern knowledge flowed into the formulas and froze within the formulas adopted by the Roman Church. And in these formulas, it continued to take root throughout the following centuries. These formulas were there. There were, of course, people who still knew how to make something of these formulas; but it had become impossible for the general consciousness of humanity to perceive anything other than a dead form. Certainly, we have a number of truly outstanding minds. We need only recall some of those who emerged from the Irish centers of learning; we need only recall Scotus Erigena, who lived at the court of Charles the Bald. In such figures we find people who took up the formulas and, within them, still sensed the spirit—or, to a greater or lesser extent, discovered it. Then we have Scholasticism, which we have often discussed in a certain context, and which, in a more abstract form, attempted to penetrate the formulas through understanding. The fact remains that a widely spread system of religious content existed, frozen in formulas, which was passed down from generation to generation over the centuries and continued to live on as a system of formulas. On the one hand, then, there were the theological formulas; on the other, the narratives about the events in Palestine, clothed in materialistic imagery.
[ 5 ] Man darf nun durchaus nicht vergessen, wenn man die heutige Zeit verstehen will, was es im Grunde genommen mit diesen in römische Staatsbegriffe gekleideten römisch-katholischen Formeln auf sich hat. Da sind Formeln von großer Bedeutung, großartige Formeln. Da ist vor allen Dingen die Formel der Trinität, die Formel also, welche hinweist, in der Terminologie der späteren Zeiten, auf Vater, Sohn und Geist. In dieser Formel war allerdings eine alte, tiefe Urweisheit eingefroren, etwas Großes und Gewaltiges, das einstmals die menschliche Erkenntnis instinktiv besessen hat. Aber höchstens der genial inspirierte Blick einzelner konnte ahnen, was in einer solchen Formel steckt.
[ 5 ] If one wishes to understand the present age, one must by no means forget what these Roman Catholic formulas—cloaked in Roman concepts of state—are really all about. These are formulas of great significance, magnificent formulas. First and foremost is the formula of the Trinity—that is, the formula which, in the terminology of later times, refers to the Father, the Son, and the Holy Spirit. In this formula, however, an ancient, profound primordial wisdom was crystallized—something great and mighty that once instinctively possessed human understanding. But at most, only the brilliantly inspired vision of a few individuals could sense what lay within such a formula.
[ 6 ] Da war dasjenige, was durch die verschiedenen Konzilsbeschlüsse durchgehend zuletzt erfroren ist in der Formel über die zwei Naturen des Christus und des Jesus in einer Person. Da waren Formeln über die Geburt, über die Wesenheit des Christus Jesus, über Tod und Auferstehung und Himmelfahrt. Da waren endlich Formeln, welche die verschiedenen Feste festsetzten, und alles das war im Grunde genommen das Gerippe, das Schattenbild einer wunderbaren uralten Weisheit. Und dieses Schattenbild, dieses Gerippe setzte sich durch die Jahrhunderte fort. Es konnte sich namentlich dadurch fortsetzen, daß es eine gewisse Form alter Kulte annahm, und dasjenige, was in Formeln, in die höchsten Formeln gekleidet war, wie zum Beispiel die Formel der Verwandlung des Brotes und Weines in den Leib und in das Blut des Christus, das konnte sich fortpflanzen, weil es gekleidet wurde in eine uralt heilige Kultform wie das Meßopfer, das nur eben etwas umgestaltet wurde, aber sich als solches fortsetzte. Es lebten dann die verschiedenen Metamorphosen der christlichen Feste durch das ganze Kirchenjahr hindurch. Es lebten diejenigen Dinge, die Sie kennen als die Sakramente, welche gewissermaßen durch die Kirche den Menschen herausheben sollten aus dem gewöhnlichen materiellen Leben und ihn hinaufheben sollten in eine höhere geistige Sphäre. Durch das alles und durch seine Verbindung mit dem Impuls des Christentums lebte sich das in den Jahrhunderten europäischer Entwickelung fort. Daneben, wie gesagt, war die schlichte, aber in materialistische Formeln gekleidete Erzählung über die Ereignisse in Palästina.
[ 6 ] There was what had ultimately crystallized through the various council decrees in the formula concerning the two natures of Christ and Jesus in one person. There were formulas concerning the birth, the essence of Christ Jesus, his death, resurrection, and ascension. Finally, there were formulas that established the various feasts, and all of this was, in essence, the framework, the shadow of a wondrous, ancient wisdom. And this shadow, this framework, persisted through the centuries. It was able to persist, in particular, by taking on a certain form of ancient cults, and that which was clothed in formulas—in the highest formulas—such as the formula for the transformation of bread and wine into the Body and Blood of Christ—was able to endure because it was clothed in an ancient, sacred ritual form like the Mass, which was merely slightly adapted but continued as such. Thus the various metamorphoses of the Christian feasts lived on throughout the entire church year. Those things that you know as the sacraments lived on—which, in a sense, were intended by the Church to lift people out of ordinary material life and raise them into a higher spiritual sphere. Through all of this, and through its connection with the impulse of Christianity, this tradition lived on throughout the centuries of European development. Alongside this, as I said, was the simple narrative—cloaked in materialistic formulas—of the events in Palestine.
[ 7 ] Das aber alles zusammen war etwas, was dutch seinen bedeutsamen Inhalt — weil man ja im Grunde etwas anderes nicht hatte, um eine Beziehung zu begründen zu den übersinnlichen Welten — auf diejenigen Geister wirkte, die nach solcher Erkenntnis strebten; was aber auch diejenige Art von Wirksamkeit entfalten konnte durch den Kultus, durch die schlichte Evangelienerzählung, welche auf die große breite Masse der europäischen Bevölkerung ihren Einfluß gewonnen hat.
[ 7 ] All of this, however, had a significant impact—because, after all, there was essentially nothing else with which to establish a connection to the supersensible worlds—on those spirits who were striving for such knowledge; but it was also able to exert that kind of influence through worship and through the simple telling of the Gospel stories, which had won over the vast majority of the European population.
[ 8 ] Daneben pflanzte sich nun fort als Einzelnes ein anderes System des Kultus, das weniger mit dem Christentum als solchem rechnete, das das Christentum oftmals aufnahm, aber im Grunde genommen nicht organisch mit dem Christentum verbunden war, das mehr hervorging aus noch älteren Kultformen. Es pflanzte sich dasjenige fort, was dann in das Formelwesen der neuzeitlichen Freimaurerei einmündete, was eben nur eine äußerliche Beziehung zu dem Christentum hatte und hat. Und Sie wissen ja, daß sich das, was sich in die Form der römisch-katholischen Dogmatik kleidete und den römisch-katholischen Kultus hat, und dasjenige, was in freimauterischer Weise an andere Kultformen und an andere Symbolik anknüpft, sich bis in unsere Tage herein bis aufs Messer bekämpfen.
[ 8 ] Alongside this, another system of worship took root as a distinct entity—one that had less to do with Christianity as such, one that often incorporated elements of Christianity but was not, fundamentally speaking, organically connected to it, and one that emerged more from even older forms of worship. What took root was that which eventually flowed into the ritual system of modern Freemasonry—a system that had, and continues to have, only an external relationship to Christianity. And as you know, what took the form of Roman Catholic dogma and the Roman Catholic cult, and that which, in a Masonic manner, draws upon other forms of worship and other symbolism, have been locked in a bitter struggle right up to the present day.
[ 9 ] Diese Entwickelung ist ja mehr oder weniger zu verfolgen, wenn man nur mit einigem Sinn die geschichtlichen Tatsachen, die vorliegen, ins Seelenauge faßt. Aber so richtig verstehen kann man das, was da vorliegt, eigentlich doch nur, wenn man hinblicken kann auf jenen Einschnitt europäischer Entwickelung, der im 4. nachchristlichen Jahrhundert sich vollzog und der, ich möchte sagen, wie in einen Abgrund hinunter versenkte dasjenige, was alte spirituelle Weisheit und ihre Nachklänge waren; so daß man eigentlich in Europa durch die folgenden Jahrhunderte wenig wußte von dem, was orientalische Urweisheit war.
[ 9 ] This development can, after all, be traced to a greater or lesser extent if one simply takes in the available historical facts with some insight through the eye of the soul. But one can truly understand what is before us only if one can look back at that turning point in European development that took place in the 4th century A.D. and which, I would say, plunged what was ancient spiritual wisdom and its echoes into an abyss; so that, in Europe, little was actually known throughout the following centuries about what constituted ancient Eastern wisdom.
[ 10 ] Nach und nach waren ja der Menschheit die inneren Fähigkeiten hingeschwunden, welche es dem Menschen in alten Zeiten, wie ich das gestern angedeutet habe, möglich machten, Gewicht, Zahl und Maß in ihrem eigenen Wesen zu erleben. Maß, Zahl, Gewicht wurden Abstraktionen, und als Abstraktionen wurde mit ihnen dann im fünften nachatlantischen Zeitraum dasjenige begründet, was heute unsere naturwissenschaftliche Weltanschauung ist, was den Menschen nicht aufnehmen konnte in sein Gebiet, was vor dem Menschen haltmachte, was den Menschen ganz und gar nicht begriff, was aber eben mit den Abstraktionen von Gewicht, Zahl und Maß die äußeren Naturerscheinungen, abgesehen vom Menschen, mit einer gewissen Großartigkeit umfaßte, und was dann eine Art Höhepunkt erreichte im 19. Jahrhundert.
[ 10 ] Gradually, humanity had lost the inner capacities that, as I hinted at yesterday, had enabled people in ancient times to experience weight, number, and measure within their very being. Measure, number, and weight became abstractions, and as abstractions they were then used in the fifth post-Atlantean epoch to establish what is today our scientific worldview—a worldview that could not incorporate human beings into its realm, that stopped short of human beings, that did not comprehend human beings at all, but which, precisely through the abstractions of weight, number, and measure—encompassed the external phenomena of nature, apart from human beings, with a certain grandeur, and which then reached a kind of climax in the 19th century.
[ 11 ] Zu diesen Dingen haben die Menschen heute noch zuwenig Distanz; sie sehen noch nicht, wie tatsächlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein ganz besonderer Zeitpunkt europäischer Entwickelung war. Das intellektuelle Streben, das reine Verstandesstreben, das kam in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu seiner vollsten, zu seiner höchsten Entfaltung. Es war dies dasjenige Streben, das sich aus denselben Quellen heraus ergeben hatte, aus denen eben seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts die modernen naturwissenschaftlichen Anschauungen flossen. Es war aber zu gleicher Zeit dasjenige Streben, welches zuletzt nichts mehr anfangen konnte, im Grunde genommen schon lange nichts mehr hat anfangen können mit dem Kultus, der sich fortgepflanzt hatte, welches schon lange nichts mehr hat anfangen können mit den dogmatischen Formeln, die durch die Konzilien festgelegt worden waren. Lediglich einige Ranken waren geblieben, einige Abfälle, wie zum Beispiel der Abfall des Konzils von 869, wo man beschlossen hatte, daß der Mensch nicht bestehe aus Leib, Seele und Geist, sondern nur aus Leib und Seele, und daß die Seele einige geistige Eigenschaften habe. Dieser Abfall war geblieben, und dieser Abfall lebt in den modernen philosophischen Anschauungen fort, die glauben, unbefangen zu sein, die aber im Grunde genommen nur nachplappern, was dieser katholischen Dogmatik entstammt.
[ 11 ] People today still lack sufficient perspective on these matters; they do not yet see how the mid-19th century was, in fact, a very special moment in European development. Intellectual striving—the pursuit of pure reason—reached its fullest, its highest flowering in the mid-19th century. This was the very striving that had arisen from the same sources from which modern scientific views had been flowing since the first third of the 15th century. At the same time, however, it was the very same striving that ultimately could no longer come to terms with—and, in essence, had long since been unable to come to terms with—the religious tradition that had persisted, and that had long since been unable to come to terms with the dogmatic formulas established by the councils. Only a few remnants remained, a few heresies, such as the heresy of the Council of 869, where it had been decided that man does not consist of body, soul, and spirit, but only of body and soul, and that the soul possesses certain spiritual qualities. This heresy had persisted, and it lives on in modern philosophical views that believe themselves to be impartial but which, in essence, merely parrot what stems from this Catholic dogma.
[ 12 ] Aus all diesen Strömungen heraus bildete sich die moderne Stimmung der europäischen Zivilisation, die immer mehr hintendierte zu einer rein intellektuellen, zu einer verstandesmäßigen Auffassung des Weltenalls. Und diese Stimmung, die aber schon durch Jahrhunderte vorbereitet war, erreichte ihren Höhepunkt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und wie können wir, wenn wir auf den Menschen hinschauen seelisch-geistig, diesen Höhepunkt begreifen? Da müssen wir einmal einen Blick auf die Menschennatur werfen, wie sie in alten Zeiten war, und wie sie allmählich geworden ist. Wir haben es von verschiedenen Gesichtspunkten aus schon getan, wollen es heute wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus tun.
[ 12 ] Out of all these currents, the modern spirit of European civilization took shape, tending more and more toward a purely intellectual, rational conception of the universe. And this spirit, which had already been developing for centuries, reached its peak in the mid-19th century. And how can we, when we look at human beings from a psychological and spiritual perspective, understand this peak? To do so, we must first take a look at human nature—how it was in ancient times and how it has gradually evolved. We have already done this from various perspectives; today we will do so again from a particular perspective.
[ 13 ] Stellen wir einmal schematisch die menschliche Wesenheit vor uns hin. Nehmen wir zunächst einmal des Menschen physischen Leib (siehe Zeichnung, rot). Wie gesagt, ich zeichne schematisch.
[ 13 ] Let us visualize the human being schematically. Let us first consider the human physical body (see drawing, red). As I said, I am drawing this schematically.


[ 14 ] Nehmen wir des Menschen Ätherleib (blau); nehmen wir des Menschen astralischen Leib (gelb), und nehmen wir des Menschen Ich. Betrachten wir nun zunächst einmal diese menschliche Wesenheit, wie sie war in alten Zeiten, in jenen alten Zeiten, in denen das instinktive Hellsehen noch vorhanden war, das dann abblühte, verwelkte und allmählich verschwand. Das Ich ist ja im Grunde genommen Erdenprodukt, auf das brauchen wir weniger zu sehen; allein klar müssen wir uns sein, daß in des Menschen physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib ja im Grunde genommen die ganze Welt lebt. Wir können sagen: In diesem physischen Leib lebt dasjenige, was die ganze Welt ist. Er ist herausgeboren, ergänzt sich noch immer durch die Nahrungsaufnahme aus ihr. Im ätherischen Leib lebt die ganze Welt; fortwährend kommen auf den verschiedensten Wegen in ihn hinein diejenigen Dinge, welche auf überphysische Weise in den Menschen hereinwirken, die sich in seinen Wachstumskräften äußern, die sich zum Beispiel in der Zirkulation seines Blutes äußern, die im Atem leben und so weiter, und die nicht etwa dieselben sind wie die Kräfte, die in der Nahrungsaufnahme und in der Verdauung leben. Wir haben dann alles das, was in seinem astralischen Leibe lebt, was ja auch aufnimmt Eindrücke aus der Welt, was durch die Sinne eindringt und so weiter. Das war so und es ist heute noch so, als der Mensch mit seinem alten instinktiven Hellsehen lebte; aber es war während dieser Zeit des alten instinktiven Hellsehens der Mensch intimer verbunden mit seinem physischen Leib, mit seinem Ätherleib, mitseinem Astralleib, als er es heute ist. Wenn er des Morgens aufwachte, so tauchte er hinein mit seinem Ich und seinem astralischen Leibe in seinen physischen Leib und in seinen Ätherleib. Ein inniges Gefüge bildete sich zwischen seinem Ich und seinem astralischen Leibe und seinem Ätherleibe und seinem physischen Leibe. Und er lebte nicht nur in seinem physischen Leibe, er lebte in den Kräften, die in seinem physischen Leibe darinnen arbeiteten.
[ 14 ] Let us consider the human etheric body (blue); let us consider the human astral body (yellow); and let us consider the human “I.” Let us now first consider this human being as it was in ancient times, in those ancient times when instinctive clairvoyance still existed, which then faded, withered, and gradually disappeared. The “I,” after all, is essentially a product of the Earth; we need not dwell on that. But we must be clear that, in essence, the entire world lives within the human physical body, etheric body, and astral body. We can say: Within this physical body lives that which is the entire world. It is born from it and is still nourished by it through the intake of food. The entire world lives within the etheric body; constantly, through the most varied paths, those things enter it that act upon the human being in a superphysical way—forces that manifest in his growth processes, that manifest, for example, in the circulation of his blood, that live in his breath, and so on—and which are not the same as the forces that live in the intake of food and in digestion. Then we have everything that lives in the astral body—which, after all, also takes in impressions from the world, which penetrate through the senses, and so on. This was the case, and it is still so today, when human beings lived with their old instinctive clairvoyance; but during that time of ancient instinctive clairvoyance, human beings were more intimately connected with their physical body, their etheric body, and their astral body than they are today. When they awoke in the morning, they would plunge—with their “I” and their astral body—into their physical body and their etheric body. An intimate connection was formed between their I, their astral body, their etheric body, and their physical body. And they did not merely live in their physical body; they lived within the forces that were at work within it.
[ 15 ] Ich möchte Ihnen das ganz anschaulich schildern. Nehmen Sie einmal an, der Mensch des alten Hellsehens aß eine Pflaume. Es nimmt sich ja für den heutigen Menschen fast grotesk aus, wenn man so etwas schildert, aber es ist tief wahr. Nehmen wir an, der Mensch des alten Hellsehens aß eine Pflaume; diese Pflaume hat in sich ätherische Kräfte. Wenn der Mensch heute eine Pflaume ißt, weiß er ja nicht, was in dieser Pflaume vorgeht. Der Mensch des alten Hellsehens aß eine Pflaume, hatte sie nun im Magen, verdaute sie und erlebte mit, wie das, was da ätherisch in der Pflaume lebte, in seinen Leib überging; er erlebte es kosmisch mit. Und erst wenn er nun innerlich seinen Vergleich anstellte zwischen den verschiedenen Dingen, die er in seinen Magen hineinbeförderte, da lebte alles das, was an Beziehungen vorhanden war in der Welt draußen, das lebte in ihm weiter fort, das nahm er innerlich wahr. Er erfüllte sich vom Aufwachen am Morgen bis zum Einschlafen am Abend mit einem innerlichen lebendigen Anschauen desjenigen, was draußen die Pflaumen leben, was die Äpfel leben, was auch vieles andere noch lebt, das er zu sich nahm. Er kannte innerlich durch den Atmungsprozeß die geistige Wesenhaftigkeit der Luft. Er kannte durch das, was in seinem Zirkulationsprozesse vor sich ging, wenn die Wärme drinnen zirkulierte, was als Wärmekräfte im Kosmos in seiner Umgebung war. Er hörte nicht damit auf, das Licht im Auge bloß zu empfinden; sondern er fühlte, wie das Licht durch seine Augennerven einstrahlte, in seinem eigenen Ätherleib aufstieß auf die physischen Glieder, in den physischen Gliedern lebte; er erlebte sich ganz konkret drinnen im Kosmischen. Das war allerdings ein dumpfes Bewußtsein, aber es war eben vorhanden. Es war allerdings während des Tages übertönt von dem, was auch der damalige Mensch schon äußerlich wahrnahm. Aber selbst in den ersten Zeiten der griechischen Zivilisation war es so, daß die Menschen schon noch einen Nachklang desjenigen hatten, was heute ja nur noch andere Wesen haben. Ich habe schon einmal oder sogar vielleicht öfters darauf hingewiesen, daß es außerordentlich interessant ist, mit spirituellem Blick hinzuschauen auf eine Weide, wo Kühe liegen und verdauen. Dieses ganze Geschäft des Verdauens ist für die Kühe ein kosmisches Erleben, für die Schlangen erst recht; wenn sie liegen und verdauen, so erleben sie in der Tat Weltgeschehen. Da blüht und sproßt aus ihrem Organismus für sie, für ihre Anschauung etwas auf, was Welt ist. Da steigt aus ihrem Inneren etwas auf, was viel schöner ist als alles dasjenige, was der Mensch jemals durch Augen von außen sehen kann. Und so etwas war, ich möchte sagen, als Unterton bei den Menschen, die das alte instinktive Hellsehen hatten, vorhanden. Es war allerdings die größte Zeit des Tages gedämpft durch das äußere Anschauen. Wenn aber dann diese Menschen einschliefen, dann trugen sie das, was sie da erlebt hatten und was sie aufgenommen hatten in ihren astralischen Leib und in ihr Ich, hinaus, wenn ihr Ich mit seinem astralischen Leib allein war, und dann stieg es in Form von realen Träumen mächtig auf; dann erlebten sie in Form von realen Träumen nach, was sie nur dumpf während des Tages erlebt hatten.
[ 15 ] I would like to describe this to you very vividly. Suppose a person from the era of ancient clairvoyance ate a plum. It seems almost grotesque to people today when something like this is described, but it is profoundly true. Let’s suppose a person from the era of ancient clairvoyance ate a plum; that plum contains ethereal forces. When a person today eats a plum, they have no idea what is happening inside it. A person of the ancient clairvoyant era ate a plum, had it in their stomach, digested it, and experienced how the ethereal life within the plum passed into their body; they experienced it on a cosmic level. And only when they made an inner comparison between the various things they had taken into their stomachs did all the relationships that existed in the outside world continue to live within them; they perceived this inwardly. From the moment he awoke in the morning until he fell asleep at night, he filled himself with an inner, living contemplation of what the plums were living as outside, what the apples were living as, and what many other things he consumed were also living as. Through the process of breathing, he knew inwardly the spiritual essence of the air. Through what took place in his circulatory processes—when warmth circulated within him—he perceived the heat forces present in the cosmos around him. He did not stop at merely sensing the light in his eyes; rather, he felt how the light radiated through his optic nerves, met the physical limbs within his own etheric body, and lived within the physical limbs; he experienced himself quite concretely within the cosmic realm. This was, admittedly, a dim consciousness, but it was indeed present. During the day, however, it was drowned out by what people at that time already perceived externally. But even in the earliest days of Greek civilization, people still retained an echo of what today is possessed only by other beings. I have pointed out once before—or perhaps even more often—that it is extraordinarily interesting to look with a spiritual eye at a pasture where cows lie and ruminate. This whole process of rumination is a cosmic experience for the cows, and even more so for snakes; when they lie and ruminate, they are in fact experiencing world events. There, something that is the world blossoms and sprouts from their organism—for them, for their perception. Something rises from within them that is far more beautiful than anything a human being can ever see with their external eyes. And something like this, I would say, was present as an undertone in people who possessed the ancient, instinctive gift of clairvoyance. For the most part, however, it was dampened by external observation. But when these people fell asleep, they carried what they had experienced and absorbed into their astral body and into their “I”; when their “I” was alone with its astral body, it rose powerfully in the form of real dreams; then, in the form of real dreams, they relived what they had only dimly experienced during the day.
[ 16 ] Sehen Sie, da weise ich Sie hin auf das innerliche seelisch-leiblich-physische Erleben der Menschen älterer Zeiten, die gerade dadurch, daß sie so seelisch-leiblich-physisch erlebten, kosmisch erlebten, die gerade darinnen ihr kosmisch-übersinnliches Schauen hatten. Und wenn dann im Orient die Menschen den Somatrank tranken, dann wußten sie, was der Geist der Höhe ist. Dieser Somatrank, der durchsetzte und durchwühlte und durchwob ihr Inneres, der durchlebte ihr Blut. Und wenn sie dann einschliefen und dasjenige, was als Ich und astralischer Leib im Blute gewoben hatte, mitnahm die Formen, die entstanden waren durch das Verdauen des Somatrankes, dann dehnte sich ihr Wesen aus in Raumesweiten, und sie fühlten die Geistigkeiten des Kosmos nach in ihrem nächtlichen Erleben.
[ 16 ] You see, I am referring here to the inner spiritual-somatic-physical experience of people in earlier times, who—precisely because they experienced things in this spiritual-somatic-physical way—experienced the cosmos, and it was precisely in this that they found their cosmic-supersensible vision. And when people in the East drank the Soma, they knew what the Spirit of the Heights is. This Soma, which permeated, stirred, and interwove their inner being, lived through their blood. And when they then fell asleep and took with them—along with what had been woven into their blood as the “I” and the astral body—the forms that had arisen through the digestion of the Soma drink, their being expanded into the vastness of space, and they sensed the spiritual forces of the cosmos in their nocturnal experience.
[ 17 ] Solch ein Erleben war durchaus noch zu finden bei denjenigen, bei denen der alte Zarathustra in der urpersischen Zeit ein geneigtes Ohr fand. Man versteht das, was schließlich aus den orientalischen Urkunden, die geblieben sind, zu uns herübertönt, nicht, wenn man nicht solche Dinge weiß. Aber dieses lebendige kosmische Schauen, es verglomm allmählich. Es ist schon in der historisch-ägyptischen Zeit wenig zu finden, aber es sind die Nachklänge noch da, und es schwindet bis auf letzte Reste, die sich bei primitiven Menschen ja immer erhalten haben, im 4. nachchristlichen Jahrhundert dahin. Und von da ab rang sich immer mehr aus dem Menschen heraus das, was nun ganz und gar an den bloßen physischen Leib gebunden ist in seiner Isoliertheit von der Welt: der Intellekt, das Verstandesmäßige. Man kann nicht anders, wenn man ein bildliches Vorstellen hat und hinuntertaucht in seinen Leib, als etwas Kosmisches mitempfinden.
[ 17 ] Such an experience could still certainly be found among those who listened favorably to the ancient Zarathustra during the early Persian period. One cannot understand what ultimately resonates with us from the surviving Oriental documents unless one is aware of such things. But this living cosmic vision gradually faded away. It is already scarce in the historical Egyptian period, yet its echoes still linger, and it dwindles away by the 4th century A.D. to its very last remnants—remnants that have, after all, always been preserved among primitive peoples. And from that point on, what is now entirely bound to the mere physical body in its isolation from the world—the intellect, the rational—increasingly forced its way out of the human being. When one has a pictorial imagination and dives down into one’s body, one cannot help but sense something cosmic as well.


[ 18 ] Man kann nicht anders, wenn man noch etwas von der inneren Eigenschaft der Zahl hat und dann hinuntertaucht in seinen Leib, als die Zahlenmäßigkeit des Kosmos miterleben. Und so ist es auch mit den Gewichtsverhältnissen. Aber wenn man mit der Kraft des Ichs, welche als rein Verstandesmäfßiges, als rein Intellektuelleswirkt, wenn man damit hinuntertaucht in den menschlichen Organismus beim Aufwachen, dann taucht man damit nur in den isolierten menschlichen Leib ein, in dasjenige, was der menschliche Leib nur durch sich ist, was er ist ohne seine Verbindung mit dem Kosmos. In den irdischen menschlichen Leib in voller Isolierung taucht man ein, so daß man, wenn man dieses verstandesmäßßig zeichnen wollte, eben sagen müßte: Da ist zwar auch vorhanden Ätherleib, Astralleib, Ich (siehe Zeichnung blau, gelb, Mitte); aber das Ich erlebt hier in der menschlichen Wesenheit nichts vom Kosmischen mehr. Es erlebt eben nur dumpf sein Sein, sein Untergetauchtsein in den isolierten menschlichen Organismus. Wenn daher dieses rein verständige Ich schlafend in die Umwelt herausgeht, nimmt es nichts mit. Und dieses Nichts-Mitnehmen, das bewirkt, daß höchstens Reminiszenzträume, Traumbilder irrealer Art im Menschen auftauchen können, aber daß dieses Ich nicht kosmisch irgendwie von etwas durchdrungen ist. Der Mensch erlebt also im Grunde genommen vom Einschlafen bis zum Aufwachen nichts Wesentliches, weil sein ganzes Erleben auf den isolierten menschlichen Organismus berechnet ist, der aber nunmehr mit denjenigen Kräften auf dieses Ich wirkt, welche nichts mit dem Kosmos zu tun haben. Daher wird das Ich stumpf vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Das muß auch so sein. Die alten instinktiv-hellseherischen Menschen haben zwar ihr kosmisches Schauen gehabt, sie haben, in instinktiven Intuitionen, in instinktiven Inspirationen, in instinktiven Imaginationen gelebt; aber sie haben nicht ein selbständiges Verstandesdenken gehabt, denn dieses selbständige Verstandesdenken, dieses eigentlich intellektuelle Denken, das muß sich bedienen des Werkzeuges des isolierten menschlichen Leibes, wenn es sich ausbilden will. Das muß stumpf sein zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, bringt daher auch beim Aufwachen nichts mit, während der alte Mensch mitgebracht hat das, was er, nachdem er das Erleben im Leibe hinausgetragen hatte in den Kosmos, erlebt hat im Begegnen dieser Nachklänge, dieser kosmischen Nachklänge mit dem draußenstehenden wirklich geistig-kosmischen Geschehen. Von dem, was er da erlebt hat, brachte er wieder Nachklänge zurück; er hatte dadurch einen lebendigen Verkehr mit dem Kosmos. Was im verstandesmäßigen Denken vom Menschen errungen wird, das wird errungen vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wird stumpf nach dem Einschlafen. Der Mensch ist nun auf das Wachen angewiesen.
[ 18 ] If one still possesses some sense of the inner nature of numbers and then delves into one’s own body, one cannot help but experience the numerical order of the cosmos. And the same is true of weight ratios. But when one uses the power of the “I”—which acts as a purely rational, purely intellectual force—to descend into the human organism upon waking, one thereby enters only the isolated human body, that which the human body is in and of itself, what it is without its connection to the cosmos. One plunges into the earthly human body in complete isolation, so that if one were to depict this rationally, one would have to say: Although the etheric body, the astral body, and the “I” are indeed present (see diagram: blue, yellow, center), the “I” no longer experiences anything of the cosmic within the human being. It merely experiences its existence in a dull way, its immersion in the isolated human organism. Therefore, when this purely intellectual “I” goes out into the environment while asleep, it takes nothing with it. And this failure to take anything with it means that, at most, reminiscence dreams or dream images of an unreal nature may arise in the human being, but that this “I” is not permeated by anything cosmic in any way. So, fundamentally speaking, from the moment of falling asleep until waking up, a person experiences nothing of substance, because their entire experience is geared toward the isolated human organism—which, however, now acts upon this “I” with forces that have nothing to do with the cosmos. That is why the “I” becomes dull from the moment of falling asleep until waking up. It must be that way. The ancient, instinctively clairvoyant people did indeed possess their cosmic vision; they lived through instinctive intuitions, instinctive inspirations, and instinctive imaginations; but they did not possess independent rational thought, for this independent rational thought—this truly intellectual thinking—must make use of the instrument of the isolated human body if it is to develop. This must lie in a state between sleep and waking; therefore, it brings nothing with it upon waking, whereas the ancient human being brought with him what he had experienced—after having carried the experience from within the body out into the cosmos—in the encounter of these echoes, these cosmic echoes, with the truly spiritual-cosmic events taking place outside. From what he experienced there, he brought back echoes; through this, he had a living connection with the cosmos. What is attained by human intellectual thinking is attained from waking until falling asleep; it becomes dull after falling asleep. Human beings are now dependent on the waking state.
[ 19 ] Sehen Sie, es liegt ein merkwürdiges Verhältnis vor, es liegt das Verhältnis vor, daß in alten Zeiten der Mensch mehr an seinen Leib gebunden war als er es heute ist, aber daß er eben im Leibe das Geistige des Kosmos erlebte. Dieses Erleben im Leibe hat der neuere Mensch verloren. Der neuere Mensch ist geistig, aber er hat den verdünntesten Geist, er lebt im Intellekt und kann im Geiste nur leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, und er wird stumpf, wenn er in die geistige Welt geht mit seinem ganz verdünnten intellektiven Geiste.
[ 19 ] You see, there is a curious relationship here: in ancient times, human beings were more bound to their bodies than they are today, but it was precisely through their bodies that they experienced the spiritual essence of the cosmos. Modern human beings have lost this experience within the body. Modern man is spiritual, but his spirit is the most diluted; he lives in the intellect and can only live in the spirit from the moment he wakes up until he falls asleep, and he becomes dull when he enters the spiritual world with his highly diluted, intellectual spirit.
[ 20 ] Warum haben wir eigentlich den Materialismus bekommen? Und warum haben die alten Menschen den Materialismus nicht gehabt? — Die alten Menschen haben den Materialismus nicht gehabt, weil sie in der Materie des Leibes gelebt haben; die neueren Menschen haben den Materialismus, weil sie nur im Geiste leben, weil sie ganz frei sind von einem kosmischen Zusammenleben mit ihrem Leibe. Der Materialismus kommt gerade daher, daß der Mensch geistig geworden ist, aber verdünnt geistig. Am geistigsten war der Mensch in der Mitte des 19. Jahrhunderts; aber er hat sich ahrimanisch selbst belogen, indem er nicht erkannte, daß das, worin er lebt, der verdünnte Geist ist, und er nahm nur auf in das Geistigste, was ihm werden konnte, die Vorstellung von der Materialität. Der Mensch war ganz und gar ein geistiger Behälter geworden; aber er ließ in diesen geistigen Behälter nur die Gedanken vom materiellen Dasein hineinfließen. Das ist das Geheimnis des Materialismus, daß der Mensch wegen seiner Geistigkeit sich der Materie zuwandte. Das ist die Ableugnung des modernen Menschen gegenüber der eigenen Geistigkeit. Der Kulminationspunkt des Geistigseins war in der Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht; aber der Mensch erfaßte dieses Geistigsein nicht.
[ 20 ] Why did we actually end up with materialism? And why didn’t people in the past have materialism? — Ancient people did not have materialism because they lived within the physical body; modern people have materialism because they live only in the spirit, because they are completely free from a cosmic coexistence with their bodies. Materialism arises precisely because human beings have become spiritual—but in a diluted form. Human beings were at their most spiritual in the mid-19th century; but he deceived himself in an Ahrimanic way by failing to recognize that what he lives in is the diluted spirit, and he incorporated into the most spiritual state he could attain only the concept of materiality. Human beings had become entirely spiritual vessels; yet they allowed only thoughts of material existence to flow into these spiritual vessels. That is the secret of materialism: that human beings, because of their spirituality, turned toward matter. This is modern humanity’s denial of its own spirituality. The culmination of spiritual existence was reached in the mid-19th century; but human beings did not grasp this spiritual existence.
[ 21 ] Das aber, wie gesagt, bereitete sich langsam vor durch die Jahrhunderte. Hinabgeglommen war die alte instinktive Geistigkeit im 4, nachchristlichen Jahrhundert, herauf kam die neue Geistigkeit im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts; dazwischen ist gewissermaßen eine Episode des menschlichen Erlebens. Aber jetzt, nach diesem Zeitpunkt, nach dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, nach dem 15. Jahrhundert überhaupt, machte sich dieses Angewiesensein des Menschen auf seinen isolierten irdischen physischen Leib geltend. Jetzt fing er eben an, keine Beziehung mehr zu entwickeln zu dem, was eingefroren war in den dogmatischen Konzilienformeln, was ja allerdings eingefroren war, aber doch einen großartigen Inhalt hatte. Und er konnte im Grunde genommen auch keine Beziehung mehr finden zu den schlichten Erzählungen von Palästina. Er zwang sich noch einige Zeit, einen Sinn damit zu verbinden. Man kann aber nur einen Sinn damit verbinden, wenn man sie erkennend durchdringt. Insbesondere aber konnte er keinen Sinn mehr damit verbinden, dieser moderne Mensch, immer weniger und weniger Sinn verbinden mit den Kultformen, mit dem Kultus selbst. Das Meßopfer, eine Handlung von höchster kosmischer Bedeutung, wurde zum äußeren Symbolum, da man es nicht verstand; das Sakrament der Transsubstantiation, das sich forterhalten hatte das Mittelalter hindurch, und das eine tiefe kosmische Bedeutung hat, wurde in die rein intellektuelle Diskussion der Menschen hineingeworfen. Es war ganz selbstverständlich, daß man mit dem isolierten Verstand, wenn man anfing zu fragen, in welcher Weise der Christus enthalten sei im Altarsakrament, das nicht begreifen konnte; denn zum Verstandesbegreifen sind diese Dinge eben nicht geeignet. Jetzt fing man an, sie mit dem Verstande begreifen zu wollen.
[ 21 ] But, as I said, this developed slowly over the centuries. The old, instinctive spirituality had faded away in the 4th century A.D., and the new spirituality emerged in the first third of the 15th century; in between lies, so to speak, an episode in human experience. But now, after that point—after the first third of the 15th century, after the 15th century as a whole—this dependence of human beings on their isolated, earthly, physical body began to assert itself. Now they simply began to lose all connection to what had been frozen in the dogmatic formulas of the councils—formulas that were indeed frozen, yet still possessed magnificent content. And, in essence, he could no longer find a connection to the simple narratives of Palestine either. For some time, he still forced himself to find meaning in them. But one can only find meaning in them if one penetrates them with understanding. In particular, however, this modern human being could no longer find any meaning in them—finding less and less meaning in the forms of worship, in the worship itself. The Mass, an act of the highest cosmic significance, became an external symbol because it was not understood; the sacrament of transubstantiation, which had been preserved throughout the Middle Ages and which has a profound cosmic significance, was thrown into the purely intellectual discourse of human beings. It was only natural that, when people began to ask, using their isolated intellect, in what way Christ was present in the sacrament of the altar, they could not comprehend it; for these things are simply not suited to intellectual understanding. Now people began to try to grasp them with their intellect.
[ 22 ] Das führte dann dazu, daß jene Diskussionen von so großer weltgeschichtlicher Bedeutung auftauchten, die als «Abendmahlsstreit» bekannt sind, und die geknüpft sind an Namen wie Has und andere. Und die fortgeschrittensten, die im verständigen Auffassen der Welt fortgeschrittensten Menschen der europäischen Zivilisation mündeten in die verschiedenen Protestantismen hinein. Es ist die Reaktion des Intellekts gegen dasjenige, was aus einer viel breiteren, viel intensiveren Erkenntniskraft hervorgegangen war als es der Intellekt ist. Wie fremd standen sich gegenüber die Kräfte, die sich in der modernen Seele gebildet hatten als intellektive Kräfte, und dasjenige, was in den eingefrorenen Formeln lebte, aber ‚was in sich doch umschloß ein Gtoßes, ein Gewaltiges! Die evangelischen Bekenntnisse der verschiedensten Art kamen herauf, Kompromisse zwischen dem Intellekt und den alten Überlieferungen, und das 16., 17., 18., 19. Jahrhundert, sie liefen ab, und der Mensch stand eben in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Höhepunkt seiner intellektuellen Entwickelung; er wurde ein ganz und gar geistiges Wesen. Er konnte durch diese Geistigkeit begreifen, was in der äußeren Sinneswelt ist; aber er begriff sich selber nicht als Geist. Kaum hatte man noch eine Ahnung, was ein solcher Satz bedeutete, wie der des Leibniz, der da sagte: «Nichts lebt im Intellekt, was nicht vorher in den Sinnen gelebt hat, außer dem Intellekt selber.» Diese letztere Wendung hatte der moderne Mensch ganz und gar weggelassen und er bekannte sich nur zu dem Satze: Nichts lebt in dem Intellekt, was nicht vorher in den Sinnen gelebt hat —, während Leibniz ganz und gar durchschaute, daß der Intellekt ein durch und durch Geistiges ist, etwas, was im Menschen arbeitet, ganz unabhängig von aller physischen Körperlichkeit.
[ 22 ] This then led to the emergence of those discussions of such great significance in world history, known as the “Communion Controversy,” which are associated with names such as Has and others. And the most advanced people of European civilization—those most advanced in their rational understanding of the world—ultimately found their way into the various forms of Protestantism. It is the intellect’s reaction against that which had emerged from a much broader, much more intense power of cognition than the intellect itself. How alien were the forces that had formed within the modern soul as intellectual forces, and that which lived in the frozen formulas—yet which, in itself, encompassed something great, something mighty! Protestant confessions of the most diverse kinds emerged—compromises between the intellect and the old traditions—and the 16th, 17th, 18th, and 19th centuries passed; and in the middle of the 19th century, humanity stood at the pinnacle of its intellectual development; it became a thoroughly spiritual being. Through this spiritual nature, he could comprehend what exists in the external sensory world; but he did not conceive of himself as spirit. People barely had any inkling left of what a statement like Leibniz’s meant, when he said: “Nothing lives in the intellect that has not first lived in the senses, except the intellect itself.” Modern man had completely omitted this latter phrase and adhered only to the statement: Nothing lives in the intellect that has not first lived in the senses—while Leibniz fully understood that the intellect is thoroughly spiritual, something that works within the human being, entirely independent of all physical corporeality.
[ 23 ] Wie gesagt, der Intellekt wirkte, aber er erkannte sich nicht. Und so haben wir es erlebt, daß der Mensch nun auf dem Übergange zu einer anderen Entwickelungsphase seines Lebens ist, und er trägt gewissermaßen nichts in die Nacht hinaus. Denn dasjenige, was verstandesmäßig erarbeitet wird, wird durch den Leib erarbeitet und hat keine Beziehung zu dem Außerleiblichen. Nun muß sich der Mensch neuerdings hineinarbeiten in die geistige Welt. Es tritt für ihn die Möglichkeit ein, in diese geistige Welt hineinzuschauen; sie ist deutlich da. Was der Mensch früher aus seinem physischen, aus seinem Ätherleib, aus seinem astralischen Leib herausgeholt hat an instinktivem Anschauen über den Kosmos, es kann heute wieder errungen werden. Wir können zu Imaginationen kommen und können die Weltentwickelung durch Saturn, Sonne und Mond, Erde und so weiter in Imaginationen schildern. Wir können dasjenige, was da lebt, in die Zahlnatur, in die Zahlwesenheit hineinschauen und können dadurch die Inspiration empfangen, wie aus der Weltengeistigkeit heraus sich durch die Zahlengesetzmäßigkeit die Welt gestaltet. Es ist zunächst durchaus möglich, daß das da ist, was in dieser Weise imaginativ und inspirativ und intuitiv über die Welt zu erringen ist.
[ 23 ] As I said, the intellect was at work, but it did not recognize itself. And so we have observed that human beings are now at the threshold of a new phase of development in their lives, and, in a sense, they carry nothing with them into the night. For what is worked out intellectually is worked out through the body and has no connection to the extra-physical realm. Now human beings must once again work their way into the spiritual world. The possibility arises for them to look into this spiritual world; it is clearly there. What human beings once drew from their physical body, their etheric body, and their astral body in the form of instinctive insights into the cosmos can be regained today. We can arrive at imaginations and depict the development of the world through Saturn, the Sun, the Moon, the Earth, and so on in these imaginations. We can look into the living essence of the nature of numbers, into the being of numbers, and thereby receive inspiration as to how the world is shaped from the world spirit through the laws of numbers. It is certainly possible, at first, that what can be attained in this way—through imagination, inspiration, and intuition—regarding the world actually exists.
[ 24 ] Die meisten Menschen werden sagen: Wenn wir nicht selber hellsichtig geworden sind, so können wir das höchstens studieren. — Gut, aber man kann es studieren, und immer wieder und wiederum ist gesagt worden, der gewöhnliche Intellekt kann es einsehen. Heute soll hinzugefügt werden, warum der gewöhnliche Intellekt es einsehen kann. Nehmen Sie an, Sie lesen so etwas wie die «Geheimwissenschaft im Umrißs». Nehmen Sie an, Sie versuchen, sich mit dem gewöhnlichen Intellekt in diese Dinge hineinzuversetzen ‚Sie nehmen es auf mit dem Intellekt, der nur an den isolierten menschlichen Leib gebunden ist. Sie nehmen aber etwas auf, was Sie durch diesen Intellekt nicht haben aufnehmen können, weil dieser Intellekt sich selber nicht begriffen hat durch die Jahrhunderte hindurch. Jetzt nehmen Sie etwas auf, was für diejenigen Begriffe, die der Intellekt nur aus der äußeren Sinneswelt entlehnt, unverständlich ist, was aber verständlich wird, wenn der Intellekt sich aufrafft, um aus sich selber heraus etwas zu verstehen, um zunächst nicht zu bejahen oder zu verneinen, sondern nur zu verstehen. Das ist ja, was gesagt wird: Verstehen soll man die Dinge. — Man braucht sie zunächst einfach nur zu verstehen. Versteht man sie, so schafft man ja mit dem, was das Ich sich als Verständnis errungen hat, nun in die Nacht hinein. Da bleibt man nicht mehr stumpf, wie bei dem bloßen intellektiven Verhalten zur Welt, da lebt man vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit einem anderen Inhalt in der fein filtrierten Geistigkeit. Und dann wacht man auf und hat, eine allerdings immer nur kleine Möglichkeit des innerlichen Aneignens zugesetzt zu dem, was man sich bemüht hat, intellektuell zu verstehen. Aber ich möchte sagen, mit jeder Nacht, mit jedem Schlafen setzt sich etwas dazu von einer innerlichen Beziehung, der Mensch bekommt eine innerliche Beziehung. Er trägt das, was er als Nachklang seines Tagesverstehens in die außerkörperliche Welt hinausträgt, beim Einschlafen wieder herein, und dadurch bekommt er eine Beziehung, eine ganz aus dem Realen herausgeholte Beziehung zu der geistigen Welt, wenn er sich diese Beziehung nicht ruiniert durch dasjenige, wodurch er sie sich ja heute vielfach ruiniert; ich habe diese Hilfsmittel des Ruinierens der Geistigkeit ja öfters angeführt. Sie wissen, zahlreiche Menschen sehen sehr darauf, vor dem Einschlafen etwas zu erlangen, was sie die «Bettschwere» nennen; sie trinken so viele Gläser Bier, bis sie die nötige Bettschwere haben. Das ist ein ganz gewöhnlicher Ausdruck, der heute weit verbreitet ist gerade in der «Intelligenz». Da allerdings können sich jene Kräfte nicht hineinentwickeln, von denen ich jetzt eben gesprochen habe.
[ 24 ] Most people will say: If we have not become clairvoyant ourselves, then the most we can do is study it. — Well, one can study it, and it has been said time and again that the ordinary intellect can understand it. Today we shall add why the ordinary intellect can understand it. Suppose you are reading something like Outlines of Esoteric Science. Suppose you try to grasp these things with your ordinary intellect—you approach them with the intellect that is bound solely to the isolated human body. But you are taking in something that you cannot grasp through this intellect, because this intellect has not understood itself over the course of the centuries. Now you are taking in something that is incomprehensible to the concepts the intellect borrows solely from the external sensory world—but which becomes comprehensible when the intellect rouses itself to understand something from within itself, not initially to affirm or deny, but simply to understand. That is, after all, what is said: one should understand these things. — At first, one simply needs to understand them. If one understands them, then with what the “I” has attained as understanding, one now creates into the night. There, one no longer remains dull, as in the case of a mere intellectual attitude toward the world; there, from falling asleep until waking up, one lives with a different content within the finely filtered spirituality. And then one wakes up and has—albeit only a small possibility—of inner assimilation added to what one has strived to understand intellectually. But I would like to say that with every night, with every sleep, something is added from an inner relationship; the person develops an inner relationship. What one carries out into the external world as an echo of one’s understanding of the day is brought back in again upon falling asleep, and through this one gains a relationship—a relationship drawn entirely from reality—with the spiritual world, provided one does not ruin this relationship through the very things by which one so often ruins it today; I have, after all, often cited these means of ruining spirituality. You know that many people are very keen on attaining, before falling asleep, what they call “sleepiness”; they drink so many glasses of beer until they have the necessary sleepiness. This is a very common expression that is widespread today, especially among the “intelligentsia.” However, the forces I have just spoken of cannot develop within such a state.
[ 25 ] Aber die Geistigkeit ist zu erforschen. Die Geistigkeit kann auf die eben geschilderte Weise auch erlebt werden. Der Mensch ist herausgewachsen aus der Geistigkeit. Er kann wiederum hineinwachsen in diese Geistigkeit. Wir stehen heute am Anfange dieses Hineinwachsens in die Geistigkeit. Was sich in den verflossenen Jahrhunderten, seit dem 15. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert herein, wo der Verstand auf der höchsten Stufe stand, entwickelt hat, was sich gerade unter den fortgeschrittensten Menschen Europas entwickelt hat, das ist zwar eine gewisse Geistigkeit, die aber zunächst ohne Inhalt ist; denn erst wenn man wieder an die Imagination sich wendet, bekommt diese Geistigkeit den ersten Inhalt. Das, was höchstfiltrierte Geistigkeit ist, das muß seinen Inhalt bekommen. Er wird zunächst noch von den weitesten Kreisen der Welt abgelehnt. Die Welt will bei der filtrierten Geistigkeit bleiben und nur einen Inhalt geben, der der äußeren materiellen Welt entlehnt ist. Sie will mit diesem Verstande sich nicht aufraffen, um dasjenige, was aus dem Schauen der geistigen Welt gegeben wird, zu verstehen. Die Evangelienbekenntnisse, sie sind eben Kompromisse zwischen dem Intellekt und den alten Traditionen; sie haben den Zusammenschluß verloren. Der Kultus sagt ihnen nichts, daher hat der Kultus nach und nach ziemlich aufgehört innerhalb dieser Bekenntnisse. Bis zu abstrakten Vorstellungen ist es gekommen statt des lebendigen Erfassens von so etwas wie der TIranssubstantiation. Die schlichten Erzählungen können höchstens erzählt werden, aber man kann mit ihnen ja keinen anderen Sinn verbinden als den, den man eben mit einer materialistischen Theologie verbinden kann: daß man es nämlich zu tun hat mit Ereignissen, die sich angliedern lassen an den schlichten Mann aus Nazareth und so weiter. Das ist etwas, was zu keinem Inhalte kommen kann, das ist etwas, was allen Zusammenhang mit der Geistigkeit verliert.
[ 25 ] But spirituality must be explored. Spirituality can also be experienced in the way just described. Human beings have outgrown spirituality. They can, however, grow back into it. Today we stand at the beginning of this process of growing back into spirituality. What has developed over the past centuries—from the 15th century through the 19th century, when the intellect reached its highest level—and what has developed particularly among the most advanced people in Europe, is indeed a certain form of spirituality; yet it is initially devoid of content. For it is only when one turns once more to the imagination that this spirituality acquires its first content. That which is highly refined spirituality must be given its content. For the time being, it is still rejected by the broadest circles of the world. The world wants to remain with this refined spirituality and provide only content borrowed from the outer material world. It does not want to make the effort, with this intellect, to understand what is given through the vision of the spiritual world. The Gospel creeds are, after all, compromises between the intellect and the old traditions; they have lost their unity. Worship means nothing to them, which is why worship has gradually ceased within these creeds. It has come to rely on abstract concepts instead of a living grasp of something like transubstantiation. At best, the simple stories can be told, but one cannot attach any other meaning to them than what one can attach to a materialistic theology: namely, that one is dealing with events that can be linked to the simple man from Nazareth and so on. This is something that cannot lead to any substance; it is something that loses all connection with the spiritual.
[ 26 ] Und so haben wir heute die Weltsituation, daß dasteht dasjenige, was zunächst den Intellekt abgelehnt hat, was solche Kompromisse nicht eingegangen ist, wodurch in weiten Kreisen der Bevölkerung eine Beziehung sich erhalten hat, wenn auch eine völlig instinktive, zu den Formeln, die in den Dogmen leben, deren Inhalt für den Menschen nicht mehr daliegt, aber der ja doch ausgeflossen ist in diese Formeln. Auch haben sich diese Kreise ihr lebendiges Verhältnis zum Kultus, zum Zeremoniell erhalten, ihren Zusammenhang mit dem Sakramentalen. So sehr auch das alles ausgepreßt ist, es lebte einmal in dem, was da Gerippe, was Schatten geworden ist, die alte Geistigkeit, diejenige Geistigkeit, zu der eben noch durch die Formeln eine Beziehung da ist. In den neueren Bekenntnissen protestantischer Art, in denen man einen Kompromiß versucht, lebt eine solche Beziehung nicht. — Und dann sind die Menschen da, die sich die ganz aufgeklärten nennen, die bloß im Intellekt leben, der allerdings geistig ist, der aber das Geistige nicht erfassen will.
[ 26 ] And so today we have a global situation in which what initially rejected the intellect—what did not enter into such compromises—has remained standing, thereby preserving, in broad circles of the population, a connection—albeit a completely instinctive one—to the formulas that live on in dogmas, whose content is no longer accessible to people, but which has nonetheless flowed into these formulas. These circles have also retained their living relationship to worship and ceremony, their connection to the sacramental. However much all of this has been squeezed out, the old spirituality—the very spirituality to which a connection still exists through the formulas—once lived within what has now become a skeleton, a shadow. In the more recent Protestant-style confessions, in which an attempt is made at compromise, such a connection does not exist. — And then there are those who call themselves thoroughly enlightened, who live solely in the intellect—which is, admittedly, spiritual—but which refuses to grasp the spiritual.
[ 27 ] Das sind die drei Strömungen, die wir haben, und wir können ja rechnen für die Zukunft nicht mit solchen Strömungen als fruchtbaren, die nur einen äußerlichen Kompromiß haben eingehen wollen, wir können nicht rechnen mit der bloßen Intellektualität, die zu keinem Inhalt kommen kann, die daher sich selbst verlieren muß, weil sie sich nicht selbst erkennen will. Wir können nur rechnen mit dem, wozu allmählich die Strömungen auslaufen, immer deutlicher und deutlicher laufen sie aus, wir können rechnen mit dem, was sich in alte Formeln gegossen hat, was die fortlebende römisch-katholische Kirche ist, und mit demjenigen, was ernst macht mit der neuen Intellektualität, diese Intellektualität imaginativ, inspirativ und intuitiv vertieft und zu einer neuen Geistigkeit kommt. In diesen zwei Gegensätzen lebt sich die moderne Welt auseinander. Auf der einen Seite stehen die Menschen da mit dem Intellekt. Sie sind innerlich träge, sie wollen diesen Intellekt nicht anwenden; aber sie brauchen einen Inhalt. Sie greifen zurück zu den toten Formeln. Gerade unter intelligenten Leuten, die aber innerlich träge sind, die in gewisser Beziehung intellektuell-dadaistisch sind, in denen macht sich heute eine jungkatholische Bewegung geltend, welche aufgreifen will das Alte, das in Formeln erstarrt ist, welche von außen einen Inhalt bekommen möchte, in historischen Erscheinungen aber erstarrt. Sie krampft aus dem Intellekt heraus, einen Sinn zu verbinden mit dem alten Inhalt, und wir haben solche intellektualistischen Krämpfe, welche dutch alten Inhalt ihre erstarrten Formeln sich neuerdings zubereiten wollen zum Gebrauche der Menschen.
[ 27 ] These are the three currents we have, and we certainly cannot count on such currents as fruitful in the future—those that are willing to enter into only an external compromise; we cannot count on mere intellectualism, which cannot arrive at any substance and must therefore lose itself because it refuses to recognize itself. We can only count on what these currents are gradually converging toward—they are converging more and more clearly— we can count on what has taken shape in old formulas—namely, the enduring Roman Catholic Church—and on that which takes the new intellectualism seriously, deepening it imaginatively, inspiringly, and intuitively, and arriving at a new spirituality. The modern world is tearing itself apart between these two opposites. On the one hand, there are people who rely on their intellect. They are inwardly sluggish; they do not want to apply this intellect, yet they need substance. They fall back on dead formulas. Precisely among intelligent people who are, however, inwardly sluggish—who are, in a certain sense, intellectually Dadaist—a Young Catholic movement is gaining ground today that seeks to revive the old, which has solidified into formulas; a movement that desires to imbue these formulas with content from the outside, yet remains frozen in historical manifestations. It strains its intellect to ascribe meaning to the old content, and we are witnessing such intellectualistic struggles, in which they now seek to adapt their rigid formulas—based on that old content—for human use.
[ 28 ] Wir haben zum Beispiel ein intellektuell verkrampftes Sich-Hinneigen zu erstarrten Formeln auf vielen Seiten in dem neuen «Tat»Heft. Denn der Verleger Diederichs tut schließlich alles, er bringt alles in Kategorien und auf Papier, und so hat er auch einer jungkatholischen Bewegung jetzt ein ganzes «Tat»-Heft gewidmet, woraus man sehen kann, wie man heute krämpfig denkt, wie man ein innerlich-krämpfiges Denken entwickelt, um nicht sich innerlich aufzuraffen, um innerlich träge bleiben zu können und mit dem Intellekt, der nun schon einmal da ist, das sich am trägsten Fortschiebende aufzufassen. Das alles versuchen die Menschen, um ablehnen zu können dieses lebendige Hinarbeiten aus der neueren Intellektualität heraus zu der Geistigkeit, die ergriffen werden kann und die ergriffen werden muß. Und immer mehr und mehr werden sich die Dinge so zuspitzen, daß eine mächtige Bewegung durch die Welt geht, welche faszinierend wirkt, suggerierend wirkt, hypnotisierend wirkt auf alle diejenigen, die träge bleiben wollen im Intellekt. Eine katholische Welle geht durch die Welt selbst der intelligenten Leute, die aber in ihrer Intelligenz träge bleiben wollen. Die schläfrigen Seelen merken es nur nicht. Aber unfruchtbar muß das bleiben, demjenigen zuzustreben, was Oswald Spengler so anschaulich geschildert hat in seinem «Untergang des Abendlandes». Man kann das Abendland katholisch machen, aber man tötet damit seine Zivilisation. Dieses Abendland muß sich zuwenden dem Aufwachen, dem Innerlich-regsam-Werden, dem Nicht-träge-Bleiben der Intelligenz, denn diese Intelligenz, sie kann sich aufraffen, sie kann sich innerlich erfüllen mit Verständnis für die neue Geistesanschauung.
[ 28 ] For example, we see an intellectually rigid tendency to cling to rigid formulas on many pages of the new Tat issue. After all, the publisher Diederichs does everything—he categorizes everything and puts it on paper—and so he has now dedicated an entire “Tat” issue—from which one can see how people think in a rigid manner today, how they develop an inwardly rigid way of thinking in order to avoid rousing themselves internally, to remain inwardly sluggish, and to use the intellect—which is already there—to grasp only what moves most sluggishly forward. People are doing all this in order to be able to reject this lively striving—arising from the newer intellectuality—toward the spirituality that can be grasped and that must be grasped. And more and more, things will come to a head so that a powerful movement will sweep through the world, one that has a fascinating, suggestive, and hypnotic effect on all those who wish to remain intellectually sluggish. A Catholic wave is sweeping through the world, even among intelligent people who wish to remain intellectually complacent. The slumbering souls simply do not realize it. But striving for what Oswald Spengler so vividly described in his The Decline of the West must remain fruitless. One can make the West Catholic, but in doing so one kills its civilization. This West must turn toward awakening, toward becoming inwardly active, toward not remaining intellectually sluggish; for this intellect can rouse itself, it can fill itself inwardly with an understanding of the new spiritual perspective.
[ 29 ] Dieser Kampf, er bereitet sich vor, er ist da, und er ist die Hauptsache. Alles andere gerät in der Zukunft zwischen diesen beiden Strömungen unter die Räder in bezug auf dasjenige, was Weltanschauungsfragen sind. Auf das hin muß der Blick gerichtet werden, denn was sich da auslebt, verbirgt sich in mancherlei Formeln und Formen. Und wer da glaubt, mit dem, womit man vielleicht noch im Beginne dieses Jahrhunderts sich einem Traum hingegeben hat, weiterkommen zu können, der lebt nicht mit das Leben der Gegenwart. Derjenige lebt allein das Leben der Gegenwart, der sich ein Auge entwickelt für das, was in diesen beiden geschilderten Strömungen lebt. Darauf muß mit wachen Augen hingesehen werden. Denn all das, wovon ich vor acht Tagen gesprochen habe, daß heute zahlreiche Menschen das Böse lieben und aus dem bloßen Hang zum Bösen in der Weise verleumden, wie es Ihnen charakterisiert worden ist, das muß uns vor die Seele treten. Jene innere Unwahrhaftigkeit muß uns vor die Seele treten, daß, wie ich es Ihnen erwähnt habe, die Leute, welche in ihrem katholischen Bewußtsein gestärkt werden sollen, in die katholische Kirche in Stuttgart zum Vortrag des Generals von Gleich geschickt werden, und daß dieser katholische General mit dem Lutherliede schließt! — Da findet sich das zusammen, was nicht auf das Bekenntnis hält, sondern was nur im Ausschleimen der Lüge zusammenströmen will.
[ 29 ] This struggle is brewing; it is already here, and it is the main issue. In the future, everything else will fall by the wayside between these two currents when it comes to questions of worldview. Our attention must be focused on this, for what is unfolding there is concealed within various formulas and forms. And anyone who believes they can make progress by clinging to what may have been a dream at the beginning of this century is not living the life of the present. Only those who develop an eye for what is alive in these two described currents are truly living the life of the present. We must observe this with watchful eyes. For everything I spoke of eight days ago—that today numerous people love evil and, out of a mere inclination toward evil, slander in the manner that has been described to you—must come before our very souls. That inner insincerity must come to the forefront of our souls—that, as I mentioned to you, people who are supposed to be strengthened in their Catholic faith are sent to the Catholic Church in Stuttgart to hear a lecture by General von Gleich, and that this Catholic general concludes with a Lutheran hymn! — Here we see the convergence of those who do not adhere to the creed, but who seek only to come together in the flattery of lies.
[ 30 ] Auf diese Dinge muß heute hingesehen werden. Wenn man nicht hinsieht, so schläft man, macht nicht mit dasjenige, was heute eigentlich doch nur den Menschen zum wahren Menschen machen kann.
[ 30 ] We must pay attention to these things today. If we do not pay attention, we are asleep; we are not participating in what, after all, is the only thing that can make a person truly human today.



