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Human-Becoming, World-Soul and World-Spirit II
Human Beings as Physical and Spiritual Entities
in the Course of History
GA 206

23 July 1921, Dornach

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Fünfzehnter Vortrag

Fifteenth Lecture

[ 1 ] Ich habe gestern versucht, gewissermaßen den Schnitt zu ziehen zwischen jenen Sinneserlebnissen, die dem oberen Menschen, wenn ich so sagen darf, angehören, die das eigentliche Seelenleben des Menschen konstituieren, und denjenigen Sinneserlebnissen, die mehr einem unteren Menschen angehören, deren Inhalt gewissermaßen der menschlichen Bewußtheit in ähnlicher Weise gegenübersteht wie eigentlich äußere Erlebnisse, nur daß sie eben sich im Inneren des Menschen abspielen. Wir haben gesehen, daß zu den Sinneserlebnissen der ersteren Art diejenigen des Ichsinnes, des Gedankensinnes, des Wortesinnes, des Gehörsinnes, des Wärmesinnes und des Sehsinnes gehören, und wir haben gesehen, daß wir in zwei Regionen eintauchen, in denen der Mensch im wesentlichen seine inneren Erlebnisse gleichartig den äußeren Erlebnissen im Bewußtsein hat, indem wir den Geschmackssinn, Geruchssinn und die andern, die eigentlich inneren Sinne haben. Sie sehen schon, indem man über ein solches Thema redet, wie schwierig es ist, mit jenen gröberen Ausdrücken zu hantieren, die für die Charakteristik der Außenwelt ja ganz gut anwendbar sind, die aber natürlich sofort versagen, wenn man die menschliche Wesenheit selbst und das Innere des Weltengefüges in Betracht zieht.

[ 1 ] Yesterday I tried, so to speak, to draw a line between those sensory experiences that belong, if I may put it that way, to the higher human being—those that constitute the actual inner life of the human soul— and those sensory experiences that belong more to a “lower human being,” whose content, so to speak, stands in opposition to human consciousness in much the same way as external experiences do, except that they take place within the human being. We have seen that the sensory experiences of the former kind include those of the sense of the “I,” the sense of thought, the sense of speech, the sense of hearing, the sense of warmth, and the sense of sight, and we have seen that we enter two realms in which a person essentially experiences inner sensations in a manner analogous to external sensations in consciousness, namely through the sense of taste, the sense of smell, and the other so-called inner senses. You can already see, when discussing such a topic, how difficult it is to use those coarser terms that are quite applicable for characterizing the external world but which, of course, immediately fail when one considers the human being itself and the inner structure of the world.

[ 2 ] Jedenfalls aber kann demjenigen, der sich ganz klarmacht diesen Unterschied des oberen und des unteren Menschen, die ja beide in einer gewissen Weise das Weltgeschehen repräsentieren, auch klarwerden, wie durch unser Erleben ein Schnitt geht, wie wir in einer ganz verschiedenen Art gewissermaßen den einen Pol unseres Erlebens gegenüberstellen dem andern Pol. Ohne daß man sich gewissenhaft befaßt mit dieser Gliederung der menschlichen Wesenheit, wird man doch nicht in einer hinlänglichen Weise über das allerwichtigste Problem der Gegenwart und der nächsten Zukunft zur Klarheit kommen können, nämlich über das Problem: Wie steht es eigentlich mit dem Verhältnisse der moralischen Welt, innerhalb welcher wir mit unserer höheren menschlichen Natur doch leben, innerhalb welcher unsere menschliche und Weltverantwortlichkeit vorhanden ist, zu jener Welt, in die wir nun auch eingespannt sind, der Welt der Naturnotwendigkeit?

[ 2 ] In any case, however, anyone who fully grasps this distinction between the higher and the lower human being—both of which, in a certain sense, represent world events—can also come to understand how a dividing line runs through our experience, and how, in a very different way, we contrast, as it were, one pole of our experience with the other. Without conscientiously engaging with this structure of human nature, one will not be able to gain sufficient clarity regarding the most important problem of the present and the near future, namely the problem: What is the actual relationship between the moral world—within which we live with our higher human nature, and within which our human and global responsibility exists—and that world into which we are now also drawn, the world of natural necessity?

[ 3 ] Wir wissen ja, daß in den letzten Jahrhunderten, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, der menschliche Fortschritt namentlich darauf beruhte, daß die Vorstellungen ausgebildet worden sind, die sich auf die Naturnotwendigkeit beziehen. Weniger Aufmerksamkeit hat die Menschheit in diesen Jahrhunderten auf das andere Gebiet des menschlichen Erlebens verwendet, auf das Gebiet der moralischen Weltenordnung. Heute ist für jeden, der nur ein wenig die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, der sich bekanntzumachen weiß mit den großen Aufgaben der Zeit, ohne weiteres klar, daß ein tiefer Spalt besteht zwischen dem, was moralische Notwendigkeit genannt wird und demjenigen, was natürliche Notwendigkeit genannt wird.

[ 3 ] We know, of course, that in recent centuries—since the mid-15th century—human progress has been based primarily on the development of concepts relating to natural necessity. During these centuries, humanity has devoted less attention to the other realm of human experience—the realm of the moral order of the world. Today, it is immediately clear to anyone who understands even a little how to interpret the signs of the times and who knows how to familiarize themselves with the great tasks of our age that there is a deep divide between what is called moral necessity and what is called natural necessity.

[ 4 ] Dieser Spalt hat sich ja namentlich in der Weise aufgetan, daß eine große Anzahl von Menschen, die da glauben, im heutigen Geistesleben ganz drinnenzustehen, den Unterschied machen zwischen einem gewissen Gebiete des Erlebens, das vom Wissen, vom Erkennen umfaßt werden kann, und dem andern Gebiete des Erlebens, das nur vom Glauben umfaßt werden soll. Und Sie wissen ja, daß man auf gewissen Seiten als eigentlich wissenschaftlich nur gelten läßt, was man in strenge, wie man es so nennt, Naturgesetze bringen kann, daß man geradezu eine andere Art von Gewißheit statuieren will für alles das, was das Leben des Moralischen ist, und daß man für diese Gewißheit bloß eine Art von Glaubensgewißheit in Anspruch nimmt. Es gibt ausführliche Theorien über die notwendige Unterscheidung, die man machen müßte zwischen der eigentlich wissenschaftlichen Gewißheit und der Glaubensgewißheit.

[ 4 ] This divide has arisen, in particular, because a large number of people who believe they are fully immersed in today’s spiritual life draw a distinction between a certain realm of experience that can be encompassed by knowledge and understanding, and another realm of experience that is to be encompassed solely by faith. And as you know, in certain circles, only that which can be expressed in strict—as they call them—laws of nature is considered truly scientific; they seek to establish an entirely different kind of certainty for everything pertaining to the moral life, and for this certainty they rely solely on a kind of certainty based on faith. There are detailed theories regarding the necessary distinction that must be made between truly scientific certainty and certainty based on faith.

[ 5 ] Alle diese Unterscheidungen, alle diese Theorien beruhen ja im Grunde genommen darauf, daß man heute ein sehr geringes historisches Bewußtsein hat, daß man die Bedingungen, unter denen unsere gegenwärtigen Seeleninhalte zustande gekommen sind, sehr wenig berücksichtigt. Ich habe ja das klassische Beispiel dafür öfter angegeben. Ich habe Ihnen gesagt, wie heute zum Beispiel die Philosophen meinen, mit der Unterscheidung des Menschen in Leib und Seele etwas zu sagen, was auf irgendeiner ursprünglichen Beobachtung oder dergleichen beruht, während dasjenige, was die Menschen über die beiden Gebiete Leib und Seele denken, lediglich ein Ergebnis eines Konzilsbeschlusses ist, des Konzilsbeschlusses von 869, des achten Konzils, das zum Dogma erhoben hat den Lehrsatz: der Mensch dürfe nicht angesehen werden als bestehend aus Leib, Seele und Geist, sondern nur aus Leib und Seele, und der Seele dürften eben einige geistige Eigenschaften zugeschrieben werden.

[ 5 ] All these distinctions, all these theories are, after all, based on the fact that people today have very little historical awareness, that they pay very little attention to the conditions under which our current mental states came into being. I have, after all, often cited the classic example of this. I have told you, for example, how philosophers today believe that by distinguishing between the human body and soul, they are saying something based on some kind of original observation or the like, whereas what people think about the two realms of body and soul is merely the result of a council decree—the decree of 869, the Eighth Council—which elevated to the status of dogma the doctrine that human beings should not be regarded as consisting of body, soul, and spirit, but only of body and soul, and that the soul may be attributed certain spiritual qualities.

[ 6 ] Dieses Dogma ist in den folgenden Jahrhunderten immer mehr und mehr befestigt worden. In diesem Dogma haben namentlich die Philosophen des Mittelalters gelebt. Und als sich aus der mittelalterlichen Philosophie die neuere Philosophie herausgebildet hat, da glaubten die Leute aus ihren Erfahrungen heraus zu urteilen. Aber sie urteilten nur nach der Gewohnheit, die sie sich angeeignet haben in Gemäßheit dessen, was eben eine jahrhundertealte Gewohnheit geworden war: den Menschen als nur bestehend aus Leib und Seele anzunehmen.

[ 6 ] This dogma became increasingly entrenched over the following centuries. The philosophers of the Middle Ages, in particular, lived by this dogma. And when modern philosophy emerged from medieval philosophy, people believed they were judging based on their own experiences. But they judged only according to the habit they had acquired, in accordance with what had become a centuries-old custom: to assume that human beings consist solely of body and soul.

[ 7 ] Es ist dies das klassische Beispiel für manches, worinnen die heutige Menschheit steht, indem sie glaubt, ein unbefangenes Urteil zu haben, während das Urteil, das geäußert wird, nichts anderes ist als das Ergebnis eines historischen Vorganges. Man kommt auch nicht leicht zu einem wirklich maßgeblichen Urteil als lediglich durch das Überschauen von immer größeren und größeren historischen Zeiträumen.

[ 7 ] This is a classic example of one of the situations in which humanity finds itself today: believing it to have an unbiased judgment, while the judgment it expresses is nothing more than the result of a historical process. Nor is it easy to arrive at a truly authoritative judgment except by surveying ever-wider historical time periods.

[ 8 ] Wer zum Beispiel nur das wissenschaftliche Denken der Gegenwart kennt, bei dem ist es ganz selbstverständlich, daß er nur dieses für maßgebend hält, daß er sich gar nicht denken kann, daß man auch irgendeine andere Art von Erkenntnis haben könne. Wer, sagen wir, zu diesem wissenschaftlichen Urteil der Gegenwart hinzu, das sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts etwa befestigt hat, noch ein wenig dasjenige kennt, was im früheren Mittelalter geltend war bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert zurück, der wird etwa so urteilen, wie die besseren Neuscholastiker der Gegenwart über die Beziehungen des Menschen zur intellektuellen Welt urteilen; aber er wird keineswegs ein Urteil gewinnen können über etwas anderes als höchstens über das Verhältnis des Menschen zur Intellektualität, nicht aber ein Urteil über das Verhältnis des Menschen zur Geistigkeit. Denn er weiß nicht, daß, wenn man zurückgeht, sagen wir hinter Aristoteles, der ja 322 vor Christi Geburt gestorben ist, man, um überhaupt ein Verständnis zu gewinnen für die Art und Weise, wie die Menschen damals gedacht haben, sich selbst in eine ganz andere Geisteskonfiguration hineinfinden muß, als diejenige ist, die man etwa in der Gegenwart hat. Plato oder gar Heraklit oder Thales mit einer solchen Geistesverfassung verstehen zu wollen, wie man sie in der Gegenwart hat, ist eine Unmöglichkeit. Man versteht schon nicht einmal Aristoteles. Und wer etwas genauer die Diskussionen kennt, welche über die aristotelische Philosophie in der neueren Zeit gepflogen worden sind, der weiß, wie durch das Hin- und Herschreiben der Begriffe und Vorstellungen, die sich noch bei Aristoteles finden, unzählige Ungeklärtheiten entstanden sind, einfach weil man nicht berücksichtigt hat, daß in dem Augenblicke, wo man sich zum Beispiel zu Plato, der der Lehrer des Aristoteles war, zurückwendet, man schon eine ganz andere Geisteskonfiguration haben muß. Dann, wenn man von Plato vorwärtsschreitend an Aristoteles herantritt, dann wird man auch sehen, wie man die Logik des Aristoteles anders beurteilt, als wenn man sie gewissermaßen nur im Rückblick mit demjenigen anschaut, was man heute als Geistesverfassung aus der Kultur der Gegenwart heraus gewinnen kann.

[ 8 ] For example, anyone who is familiar only with contemporary scientific thinking will naturally regard it as the sole authoritative standard and will be completely unable to conceive that any other kind of knowledge could exist. Anyone who, let us say, in addition to this contemporary scientific view—which has been firmly established since about the middle of the 15th century—is also somewhat familiar with what prevailed in the early Middle Ages, going back as far as the 4th century A.D., will judge matters much as the better neo-Scholastics of today judge the relationship of human beings to the intellectual world; but they will by no means be able to form a judgment about anything other than, at most, the relationship of human beings to intellectuality—not, however, a judgment about the relationship of human beings to spirituality. For he does not know that, if one goes back—say, beyond Aristotle, who died in 322 B.C.—in order to gain any understanding at all of the way people thought back then, one must place oneself within a completely different mental framework than the one we have today. To try to understand Plato, or even Heraclitus or Thales, with the same mental disposition one has today is impossible. One does not even understand Aristotle. And anyone familiar with the discussions that have taken place in recent times regarding Aristotelian philosophy knows how, through the constant rewriting of the concepts and ideas still found in Aristotle, countless ambiguities have arisen, simply because one has failed to take into account that the moment one turns, for example, to Plato—who was Aristotle’s teacher—one must already adopt an entirely different mental framework. Then, when one approaches Aristotle by proceeding forward from Plato, one will also see how one assesses Aristotle’s logic differently than when one views it, so to speak, only in retrospect through the lens of what one can derive today as a state of mind from contemporary culture.

[ 9 ] Aristoteles hatte im wesentlichen, auch als er seine Logik aufstellte, die ja schon abstrakt genug ist, die schon genug intellektualisiert ist, Aristoteles hatte noch durchaus wenigstens ein äußeres Wissen, wenn auch nicht eine selbsteigene Anschauung — die wird ja bei Aristoteles wohl sehr spärlich gewesen sein —, aber er hatte noch ein deutliches Wissen, daß man einmal, wenn auch in instinktiver Art, in die geistige Welt hat hineinschauen können. Und für ihn waren die logischen Regeln die letzte Äußerung, wenn ich so sagen darf, von oben, von der geistigen Welt aus. Also für Aristoteles war dasjenige, was er als logische Regeln oder als logische Grundbegriffe festsetzte, gewissermaßen der Schatten, der heruntergeworfen wird aus der geistigen Welt, die für Plato zum Beispiel noch eine gegebene Welt war, eine zu erlebende Welt, eine faktische Welt, eine bewußtseinsfaktische Welt.

[ 9 ] Aristotle, even when he was formulating his logic—which is, after all, already abstract enough and sufficiently intellectualized—still possessed at least a superficial knowledge, even if not his own direct insight—which must have been very scarce in Aristotle’s case— but he still had a clear awareness that one could, even if only instinctively, glimpse into the spiritual world. And for him, the logical rules were the ultimate expression, if I may put it that way, from above, from the spiritual world. So for Aristotle, what he established as logical rules or basic logical concepts was, in a sense, the shadow cast down from the spiritual world, which for Plato, for example, was still a given world, a world to be experienced, a factual world, a world of conscious experience.

[ 10 ] Gewöhnlich wird eines nicht gesehen. Es werden nicht gesehen die großen, die gewaltigen Unterschiede, die für die einzelnen Menschheitsepochen bestehen. Wenn Sie die Jahre nehmen, sagen wir, etwa vom Tode des Aristoteles, 322 vor Christo, bis zum Konzil von Nicäa, 325 nach Christi Geburt, so haben Sie einen Zeitraum, dessen Erkenntnis äußerlich allerdings sehr schwierig ist, weil sich die Kirche ja hat angelegen sein lassen, alle Dokumente auszutilgen, die äußerlich ein einigermaßen entsprechendes Bild geben würden von der Seelenverfassung dieser drei vorchristlichen und drei nachchristlichen Jahrhunderte.

[ 10 ] There is one thing that is usually overlooked. People fail to see the great, the enormous differences that exist between the various epochs of human history. If you take the years, say, from the death of Aristotle in 322 B.C. to the Council of Nicaea, 325 A.D., you have a period that is, admittedly, very difficult to understand from an external perspective, because the Church has made it a point to destroy all documents that would provide a reasonably accurate picture of the state of mind during these three pre-Christian and three post-Christian centuries.

[ 11 ] Man muß nur bedenken, daß zum Beispiel heute eine große Anzahl von Menschen eben einfach über die Gnosis sprechen. Wie kennen sie die Gnosis? Sie kennen sie aus den Schriften der Gegner. Mit Ausnahme ganz weniger und außerordentlich wenig charakteristischer gnostischer Schriften ist ja alles Gnostische ausgetilgt worden, und man hat nur dasjenige, was als Zitate eingefügt worden ist in gegnerische Schriften, in Schriften, die dazu bestimmt waren, die Gnosis zu widerlegen. Man hat ungefähr die Gnosis so, wie man die Anthroposophie haben würde, wenn man sie aus den Schriften des Pfarrers Kully kennenlernen würde; so hat man da die Gnosis. Und dennoch reden die Menschen aus dieser äußerlichen Erkenntnis über die Gnosis.

[ 11 ] One need only consider that, for example, a large number of people today simply talk about Gnosticism. How do they know about Gnosticism? They know it from the writings of its opponents. With the exception of very few and exceptionally uncharacteristic Gnostic writings, everything Gnostic has been eradicated, and all that remains is what has been included as quotations in the writings of opponents—writings intended to refute Gnosticism. Our understanding of Gnosticism is roughly the same as our understanding of anthroposophy would be if we were to learn about it from the writings of Pastor Kully; that is the extent of our knowledge of Gnosticism. And yet people speak about Gnosticism based on this superficial understanding.

[ 12 ] Nun war aber diese Gnosis ein wesentliches Element alles dessen, was das reale Geistesleben gerade der Jahrhunderte war, von denen ich gesprochen habe. Wir können heute selbstverständlich uns nicht etwa wiederum zur Gnosis zurückwenden. Aber diese Gnosis bildete namentlich für die europäische Entwickelung in dem genannten Zeitraume etwas außerordentlich Wichtiges.

[ 12 ] Now, this Gnosis was an essential element of the actual spiritual life of precisely those centuries I have been speaking of. Of course, we cannot simply turn back to Gnosis today. But this Gnosis was something extraordinarily important, particularly for European development during the period mentioned.

[ 13 ] Wie könnte man diese Gnosis eigentlich charakterisieren? So etwa, wie man im 4. nachchristlichen Jahrhundert von der Gnosis hat sprechen können, so hätte man natürlich, sagen wir, ein halbes Jahrtausend vorher nicht sprechen können. Denn ein halbes Jahrtausend vorher waren noch instinktive alte Schauungen da, Erkenntnisse der übersinnlichen Welt, und man mußte von diesen Erkenntnissen der übersinnlichen Welt so sprechen, daß man sie beschrieb. Man hatte gewissermaßen immer im Hintergrunde einer solchen Beschreibung die reale geistige Welt, die bewußtseinspräsent war. Das hörte auf.

[ 13 ] How, in fact, might one characterize this Gnosis? Just as one could speak of Gnosis in the 4th century A.D., so, of course, one could not have spoken of it, say, half a millennium earlier. For half a millennium earlier, there were still instinctive, ancient visions—insights into the supersensible world—and one had to speak of these insights in such a way as to describe them. In a sense, the real spiritual world, which was present in consciousness, was always in the background of such a description. That came to an end.

[ 14 ] Aristoteles zum Beispiel ist gerade dadurch charakterisiert, daß für ihn diese Welt völlig nur noch eine Tradition war. Vielleicht hat er, wie ich schon sagte, einiges davon gewußt, aber im wesentlichen war sie für ihn Tradition. Aber das, was aus diesen geistigen Welten heraus an Timbre die Begriffe gehabt haben, das war noch vorhanden, und das ging eigentlich erst zugrunde im 3.,4.nachchristlichen Jahrhundert.

[ 14 ] Aristotle, for example, is characterized precisely by the fact that, for him, this world was now nothing more than a tradition. Perhaps, as I have already said, he knew something about it, but essentially it was a tradition for him. But the distinctive character that these concepts had derived from those spiritual worlds was still present, and it did not actually disappear until the 3rd or 4th century A.D.

[ 15 ] Augustinus hatte nichts mehr von der Gnosis. Da war sie bereits verschwunden. Die Gnosis ist also wesentlich, sagen wir, der abstrakte Bodensatz einer früher spirituellen Erkenntnis, der abstrakte Bodensatz, die bloßen Begriffe. Es waren Abstraktionen, die da lebten. Man kann sie schon bei Philo als Abstraktionen erkennen. Man kann sie auch bei den eigentlichen Gnostikern als Abstraktionen erkennen. Aber es waren Abstraktionen von einer einmal geschauten geistigen Welt. Für die Leute des 4. nachchristlichen Jahrhunderts lag die Sache schon so, daß sie überhaupt nichts mehr anzufangen wußten mit den Begriffen, die der Inhalt der Gnosis waren. Daher jener im Grunde genommen ganz und gar nicht auf eine Formel zu bringende Streit zwischen dem Arianismus und Athanasianismus. Nicht wahr, wie da gestritten, diskutiert worden ist, ob der Sohn gleicher Natur und Wesenheit mit dem Vater oder verschiedener Natur und Wesenheit mit dem Vater ist, das bewegt sich auf einem Gebiete, wo man schon den eigentlichen Inhalt der alten Begriffe verloren hatte. Man diskutierte gewissermaßen nur mehr mit Worten, nicht mehr mit den Vorstellungen.

[ 15 ] Augustine had nothing left of Gnosticism. It had already disappeared by then. Gnosticism is thus essentially, shall we say, the abstract residue of a former spiritual insight—the abstract residue, the mere concepts. These were abstractions that had taken on a life of their own. One can already recognize them as abstractions in Philo. One can also recognize them as abstractions among the Gnostics themselves. But they were abstractions derived from a spiritual world that had once been perceived. For the people of the 4th century A.D., the situation was already such that they no longer knew what to make of the concepts that constituted the content of Gnosticism. Hence the dispute between Arianism and Athanasianism, which, at its core, cannot be reduced to a formula at all. Isn’t it true that the way they argued and debated—whether the Son is of the same nature and essence as the Father or of a different nature and essence from the Father—takes place in a realm where the actual content of the old concepts had already been lost? In a sense, they were merely discussing with words, no longer with concepts.

[ 16 ] Das war der Übergang dazu, den reinen Intellektualismus immer mehr und mehr auszubilden, der dann eben in der Mitte des 15. Jahrhunderts an die abendländische Menschheit herankam. Als dann dieser Intellektualismus auftauchte, da war die Logik etwas ganz anderes, als sie bei Aristoteles war. Bei Aristoteles war Logik gewissermaßen der Bodensatz spiritueller Erkenntnisse. Er hatte dasjenige gesammelt, was die Leute früher erfahren hatten aus der geistigen Welt heraus. Davon war nun jedes Bewußtsein verschwunden, und es war nur noch vorhanden das intellektuelle Element selber, das intellektuelle Element, das jetzt aber nicht sich als ein Bodensatz spiritueller Welten ausnahm, sondern als eine Abstraktion aus der Sinneswelt. Man nahm gewissermaßen dasjenige, was bei Aristoteles ein Ergebnis der Welten von oben war (rot), als Abstraktion der Welten von unten (blau). Und mit dieser Intellektualität gingen jetzt im wesentlichen die Menschen wie Kopernikus, Galilei, Kepler heran — Kepler hatte allerdings noch einige Intuitionen — und versuchten dasjenige anzuwenden, dessen spiritueller Ursprung verlorengegangen war; sie versuchten es anzuwenden auf die äußere natürliche Welt, auf die bloß natürliche Welt. So daß man sagen kann: Die Entwickelung vom 4. nachchristlichen Jahrhundert bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts ist im wesentlichen eine Art Schwangergehen der zivilisierten Menschheit mit dem nur von unten kommenden Intellektualismus, der dann voll herauskommt im 15. Jahrhundert und sich dann immer mehr und mehr in der Anwendung des Verstandes auf die äußere Naturbeobachtung festlegt, bis er im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt in dieser Beziehung erlangt hat.

[ 16 ] This marked the transition toward the increasing development of pure intellectualism, which then reached Western civilization in the middle of the 15th century. When this intellectualism emerged, logic was something quite different from what it had been in Aristotle. For Aristotle, logic was, in a sense, the dregs of spiritual insights. He had gathered what people had previously experienced from the spiritual world. All consciousness of this had now vanished, and only the intellectual element itself remained—an intellectual element that no longer presented itself as the dregs of spiritual worlds, but rather as an abstraction from the sensory world. In a sense, what had been, in Aristotle’s thought, a result of the worlds above (red) was now taken as an abstraction of the worlds below (blue). And it was essentially with this intellectualism that people like Copernicus, Galileo, and Kepler now approached their work—though Kepler still had some intuitions—and attempted to apply that which had lost its spiritual origin; they tried to apply it to the external natural world, to the purely natural world. So that one can say: The development from the 4th century A.D. to the middle of the 15th century is essentially a kind of gestation period for civilized humanity with this intellectualism, which comes only from below, and which then fully emerges in the 15th century and increasingly focuses on the application of reason to the observation of external nature, until it reached its peak in this regard in the 19th century.

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[ 17 ] Nun, wenn Sie alles das nehmen, was ich gestern gesagt habe über Ichsinn, Gedankensinn, Wortesinn und so weiter, so werden Sie sich sagen: So, wie wir diese Sinne jetzt haben, wie wir das Ergebnis dieser Sinne jetzt erleben im gewöhnlichen menschlichen Bewußtsein, haben wir es ja im Grunde genommen nur mit Bildern zu tun, sonst könnten ja gar nicht fortwährend jene Diskussionen sich ergeben, die aus den Eigentümlichkeiten der gegenwärtigen Zeit heraus sich ergeben müssen. Ein wirkliches Verstehen des eigentlichen Seelenlebens ist ja im Grunde genommen zunächst verlorengegangen. Ein empirischer Beweis dafür ist, wie ich Ihnen öfter vorgeführt habe, die Art und Weise, wie Brentano gescheitert ist in dem Abfassen einer Psychologie, einer Seelenlehre, was er redlich vorgehabt hat. Die andern verfassen natürlich Seelenlehren, weil sie weniger redlich sind, weniger ehrlich sind; aber er wollte ganz ehrlich eine Seelenlehre mit Gehalt verfassen, und er kam zu keinem Gehalt, weil der Inhalt nur aus Geisteswissenschaft hätte kommen können, die er ablehnte. Daher blieb es bei dem Torso, indem er weniger von dem brachte, als er eigentlich bringen wollte. Es ist dieses ein tief bedeutsames historisches Faktum, dieses Scheitern des Brentano mit seiner Psychologie. Denn all das Jonglieren mit allerlei Begriffen und Vorstellungen, das heute unsere psychologische Wissenschaft ausführt, war natürlich für Brentano etwas Leeres.

[ 17 ] Well, if you take everything I said yesterday about the sense of the “I,” the sense of thought, the sense of words, and so on, you will say to yourself: Just as we have these senses now, just as we experience the result of these senses in ordinary human consciousness, we are, after all, essentially dealing only with images; otherwise, those discussions that must arise from the peculiarities of the present time could not arise at all. A true understanding of the actual life of the soul has, in fact, been lost for the time being. Empirical proof of this, as I have often demonstrated to you, is the way in which Brentano failed in his attempt to write a psychology—a doctrine of the soul—which he had sincerely intended to do. Others, of course, write treatises on the soul because they are less sincere, less honest; but he wanted, in all sincerity, to write a treatise on the soul with substance, and he arrived at no substance because the content could only have come from spiritual science, which he rejected. Thus, it remained a work in progress, in which he presented less than he had actually intended to present. This—Brentano’s failure with his psychology—is a profoundly significant historical fact. For all the juggling of all sorts of concepts and ideas that our psychological science engages in today was, of course, something empty to Brentano.

[ 18 ] Nun, dasjenige aber, was da Seelenleben ist als Ergebnis der sechs oberen Sinne, des Ichsinnes bis zum Sehsinn, alles das war einmal mit spirituellem Leben erfüllt. Und wir blicken zurück in alte Zeiten in Europa bis zu Plato; da war mit Spiritualität erfüllt, was nun immer leerer und leerer an Spiritualität wurde, was immer intellektualistischer und immer intellektualistischer wurde. Und wir kommen da auf der einen Seite zu alldem, was der Menschheit gewissermaßen in ihrer Entwickelung in der älteren Zeit gegeben war, in der Zeit, in der das Morgenland in bezug auf die menschliche Zivilisation der Erde tonangebend war. Da hatte man eine Zivilisation, die gegeben war diesem Seelenleben, diesem eigentlichen Seelenleben. So daß wir sagen können:

[ 18 ] Well, that which constitutes the life of the soul—as the result of the six higher senses, from the sense of the “I” up to the sense of sight—was once filled with spiritual life. And when we look back to ancient times in Europe, all the way back to Plato, what is now becoming increasingly devoid of spirituality—and increasingly intellectualistic—was once filled with spirituality. And on the one hand, we come to all that was, so to speak, given to humanity in its development in earlier times, in the era when the East set the tone for human civilization on Earth. Back then, there was a civilization that was rooted in this soul life, this true soul life. So that we can say:

[ 19 ] Alle diese Sinne liefern Ergebnisse, die, wenn im Inneren der Seele spirituelles Leben ist, diesem spirituellen Leben Nahrung geben. Und was da die Menschheit entwickelt hat, das hat sie entwickelt in der alten orientalischen Kultur. Und Sie verstehen sie am besten, diese orientalische Kultur in ihrer Gesamtheit, wenn Sie sie so verstehen, wie ich es eben jetzt dargelegt habe.

[ 19 ] All these senses provide results that, if there is spiritual life within the soul, nourish that spiritual life. And whatever humanity has developed, it has developed within ancient Eastern culture. And you will understand this Eastern culture in its entirety best if you understand it as I have just explained.

[ 20 ] Aber das ist gewissermaßen in dem Untergrund der Entwickelung der Zivilisation herangezogen. Das Seelenleben wurde zunächst — und das begann eben, wie gesagt, im 4. vorchristlichen Jahrhundert — entspiritualisiert, intellektualisiert. Die Abfassung der abstrakten Logik des Aristoteles war der erste Merkstein dieser Entspiritualisierung des menschlichen Seelenlebens, das Ausbilden der Gnosis das vollständige Hinunterdrängen dieses Seelenlebens. Nun bleibt der andere Mensch:

[ 20 ] But this is, in a sense, rooted in the very foundations of the development of civilization. Spiritual life was first—and this began, as I said, in the 4th century B.C.—de-spiritualized and intellectualized. The formulation of Aristotle’s abstract logic was the first milestone in this de-spiritualization of human inner life; the development of gnosis marked the complete suppression of this inner life. Now there remains the other human being:

[ 21 ] Und es begann nun eine Zivilisation, die sich im wesentlichen auf diese Sinne stützte. Wenn sie das auch zunächst nicht zugibt, sie stützt sich auf diese Sinne. Denn nehmen Sie jenen Wissenschaftsgeist, der heraufkam, der überall Mathematik anwenden will. Mathematik kommt, wie ich gestern charakterisierte, aber aus Bewegungs- und Gleichgewichtssinn. Also selbst dasjenige, das am geistigsten vorbringt unsere moderne Wissenschaftlichkeit, das kommt vom unteren Menschen. Insbesondere aber wird mit dem Tastsinn gearbeitet, denn es werden ja sogar die andern Sinne dadurch charakterisiert, daß man ihnen überall eigentlich die Eigenschaften des Tastsinnes zugrunde legt. Sie können da heute interessante Studien machen, wenn Sie in das physiologische Gebiet eindringen.

[ 21 ] And so began a civilization that was essentially based on these senses. Even if it does not admit it at first, it is based on these senses. For take, for example, that scientific spirit that has emerged, which seeks to apply mathematics everywhere. Mathematics, however—as I characterized it yesterday—arises from the sense of movement and balance. So even that which our modern scientific approach presents as the most intellectual originates from the lower human being. In particular, however, the sense of touch is employed, for even the other senses are characterized by the fact that their properties are essentially based on those of the sense of touch. You can conduct interesting studies in this area today if you delve into the field of physiology.

[ 22 ] Gewiß, die Leute reden zum Beispiel vom Sehen oder vom Auge oder vom Sehsinn; aber für denjenigen, der die Dinge durchschaut, sind alle die Begriffe, die angewendet werden, eigentlich aus dem Tastsinn in den Sehsinn hereingeschwindelt. Es wird mit Dingen, die dem Tastsinn entlehnt sind, gearbeitet. Die werden hineingeschwindelt. Die Leute bemerken das nicht; aber sie charakterisieren den Sehsinn, indem sie die Kategorien, die Vorstellungen, mit denen man den Tastsinn begreifen kann, auf das Sehen anwenden. Was man heute in der Wissenschaft Sehen nennt, ist eigentlich nur ein etwas komplizierteres Tasten. Zuweilen werden dann Kategorien, Begriffe wie Schmecken, Riechen, zu Hilfe genommen und so weiter. Auf dasjenige, was unseren heutigen Vorstellungen besonders zugrunde liegt, die Art und Weise, wie wir äußere Erscheinungen zusammenfassen, auf das können wir durchaus auch in demselben Sinne hindeuten; denn das ist heute schon ein Ergebnis der äußeren Anatomie und Physiologie, wenigstens eine gut begründete Hypothese, daß eigentlich unser heutiges Denken in einer Metamorphose des Geruchssinnes wurzelt, insofern das Denken gebunden ist an das Gehirn, also gar nicht an die höheren Sinne, sondern an eine Metamorphose des Geruchssinnes. Diese eigentümliche Art, wie wir uns im Begreifen zu der Außenwelt verhalten, die ganz verschieden ist von dem, wie sich etwa Plato zu der Außenwelt verhalten hat, das ist nicht etwa ein Ergebnis der höheren Sinne, das ist ein Ergebnis des Geruchssinnes, wenn ich mich etwas trivial ausdrücken darf. Ich möchte sagen, wir haben unsere Vollendung als Menschen heute nicht dadurch, daß wir die höheren Sinne ausgebildet haben, sondern eben dadurch, daß wir uns eine etwas umgestaltete, eine metamorphosierte, verfeinerte Hundeschnauze angeschafft haben. Die besondere Art, zur Außenwelt sich zu verhalten, ist eben eine ganz andere als diejenige, die einem spirituellen Zeitalter entspricht.

[ 22 ] Certainly, people speak, for example, of seeing, or of the eye, or of the sense of sight; but for those who see through things, all the concepts that are applied have actually been slipped into the sense of sight from the sense of touch. People work with concepts borrowed from the sense of touch. These are slipped in. People do not notice this; but they characterize the sense of sight by applying to vision the categories and concepts used to understand the sense of touch. What is called “seeing” in science today is actually nothing more than a somewhat more complicated form of touching. Occasionally, categories and concepts such as tasting, smelling, and so on are then called upon. We can certainly point to the very foundation of our present-day conceptions—the way in which we summarize external phenomena—in the same sense; for it is already a finding of external anatomy and physiology—or at least a well-founded hypothesis—that our present-day thinking is actually rooted in a metamorphosis of the sense of smell, insofar as thinking is bound to the brain—that is, not at all to the higher senses, but to a metamorphosis of the sense of smell. This peculiar way in which we relate to the external world in our understanding—which is quite different from, say, how Plato related to the external world—is not a result of the higher senses; it is a result of the sense of smell, if I may put it somewhat trivially. I would like to say that we have not attained our fulfillment as human beings today by developing our higher senses, but precisely by acquiring a somewhat transformed, metamorphosed, and refined dog’s snout. This particular way of relating to the external world is quite different from that which corresponds to a spiritual age.

[ 23 ] Nun, wenn das, was sich zunächst in alten Zeiten durch die höheren Sinne der Menschheit geoffenbart hat, als orientalische Kultur bezeichnet werden muß, so muß dasjenige, in dem wir drinnen leben und das ich eben charakterisiert habe, als das Wesentliche der okzidentalischen Kultur angesehen werden. Diese okzidentalische Kultur ist im wesentlichen aus dem unteren Menschen herausgeholt.

[ 23 ] Well, if what was first revealed in ancient times through humanity’s higher senses must be called Oriental culture, then what we are living within—and which I have just characterized—must be regarded as the essence of Western culture. This Western culture has essentially been drawn out of the lower human being.

[ 24 ] Bei solchen Dingen, wie ich sie jetzt ausspreche, muß ich immer wieder und wiederum betonen: Es handelt sich dabei wirklich nicht um Wertungen, sondern um historische Verläufe. Ich will durchaus nicht andeuten mit dem oberen und unteren, daß das eine wertvoll, das andere weniger wertvoll wäre. Das eine ist eben ein Versenken in die Welt, das andere ist ein Nichtversenken in die Welt. Und es hilft nichts, wenn man da irgendwelche Sympathien und Antipathien einmischt. Man kommt eben dann nicht zu einer objektiven Erkenntnis. Wer festhalten will, was in der Vedenkultur, in der Vedantakultur, in der Jogakultur enthalten ist, der muß von einem Verständnis dieser Dinge auf diesem Wege ausgehen (siehe Aufstellung Seite 33, oberer Mensch). Und wer verstehen will, was sich eigentlich erst im Anfange befindet, was immer mehr und mehr ausgebildet werden muß für gewisse Arten des menschlichen Verhaltens, was allerdings im 19. Jahrhundert schon einen gewissen Höhepunkt erlangt hat, der muß wissen, daß da der untere Mensch besonders heraus will, und daß dieses Herauskommen des unteren Menschen ganz besonders der anglo-amerikanischen Natur eigen ist, der okzidentalischen, der westländischen Kultur.

[ 24 ] When it comes to matters such as those I am now discussing, I must emphasize again and again: These are truly not value judgments, but historical developments. I certainly do not mean to imply, by referring to “higher” and “lower,” that one is more valuable and the other less so. One is simply a immersion in the world; the other is a non-immersion in the world. And it does no good to mix in any personal sympathies or antipathies. One simply cannot arrive at an objective understanding that way. Anyone who wishes to grasp what is contained in Vedic culture, in Vedanta culture, and in yoga culture must proceed from an understanding of these things in this way (see the table on page 33, “the higher human being”). And anyone who wants to understand what is actually still in its infancy—what must be developed more and more for certain types of human behavior, though it had already reached a certain peak in the 19th century—must know that the lower human being is particularly eager to break free, and that this emergence of the lower human being is especially characteristic of Anglo-American nature, of Western culture.

[ 25 ] Ein besonders charakteristischer Geist für das Heraufkommen dieser Kultur ist ja Bacon, Baco von Verulam, der deshalb ganz besonders charakteristisch ist, weil er in dem, sagen wir, was er in seinem «Novum organon» behauptet, eigentlich sehr leichtgeschürzte Behauptungen aufstellt, Dinge sagt, die im Grunde genommen nur für Oberflächlinge irgend etwas Wesentliches bedeuten können. Und dennoch sind sie außerordentlich charakteristisch. Bacon ist ja sowohl unwissend wie töricht in gewisser Beziehung und oberflächlich, außerordentlich oberflächlich. Unwissend ist er, denn sobald er über ältere Kulturen spricht, redet er Unsinn, weiß nichts davon. Oberflächlich ist er, weil man ihm das aus seinen Schriften nachweisen kann. Da, wo er zum Beispiel über die Wärme spricht — er ist ein Empiriker —, da stellt er alles das zusammen, was man über Wärme sagen kann; aber man sieht, er hat alle diese Notizen aus den Experimentenbüchern. Was er sich über die Wärme zusammengestellt hat, hat er nicht selber zusammengestellt, sondern von einem Schreiber zusammenklauben lassen, denn es ist eine ungeheuer gehudelte Arbeit. Trotzdem, er ist ein Markstein in der neueren Entwickelung. Man möchte sagen, es kann einem seine Persönlichkeit ganz gleichgültig sein, aber durch all das Gehudle und durch all den Nonsens, den er vielfach sagt, drückt sich immer etwas durch, was besonders charakteristisch ist für das Heraufkommen eben einer solchen Kultur, die dem entspricht, was ich hier charakterisiert habe (Seite 34). Und es ist unmöglich, daß die Menschheit aus der Misere, in der sie gegenwärtig lebt, herauskommen kann, wenn sie nicht begreift, daß zwar, aus Gründen, die ja aus den bisherigen Vorträgen genugsam ersichtlich sein können, sich leben ließ mit der Kultur des oberen Menschen, daß sich aber nicht wird leben lassen mit der Kultur des unteren Menschen. Denn schließlich bringt der Mensch sich dennoch bei jeder neuen Inkarnation seine Seele mit, die unbewußte Reminiszenzen hat aus früheren Erdenleben. Der Mensch wird immer wiederum zu dem Abgelebten hingedrängt. Heute weiß er es vielfach nicht, wozu er da hingedrängt wird. Es besteht dieses Hindrängen in einer ganz unbestimmten Sehnsucht, in etwas Undefinierbarem vielfach, aber es ist da. Und es ist vor allen Dingen dadurch da, daß man langsam dasjenige, was diesem Gebiete angehört (Seite 34, unterer Mensch), indem es in Gesetzmäßigkeiten gefaßt wird, als etwas Objektives gelten läßt. Alles das, was eigentlich mehr traditionell vorhanden ist und diesem Gebiete angehört (Seite 33, oberer Mensch), das hat sich verflüchtigt in bezug auf seinen Seinscharakter in den Glauben, und man versucht es noch festzuhalten, indem man sich geniert, diesem, was da der Seele angehört mit dem moralischen Inhalt, Seinscharakter beizulegen und ihm eigentlich in bezug auf seine Erkenntnis nur eine Glaubensgewißheit zugesteht.

[ 25 ] A particularly characteristic figure for the emergence of this culture is, of course, Bacon, Bacon of Verulam, who is especially characteristic because, in what he asserts in his Novum Organum, he actually makes very flippant claims—saying things that, fundamentally, can only mean anything substantial to superficial people. And yet they are extraordinarily characteristic. Bacon is, after all, both ignorant and foolish in a certain respect, and superficial—extraordinarily superficial. He is ignorant because as soon as he speaks of older cultures, he talks nonsense; he knows nothing about them. He is superficial because this can be demonstrated from his writings. For example, when he speaks of heat—he is an empiricist—he compiles everything that can be said about heat; but one can see that he has taken all these notes from the laboratory journals. What he has compiled on the subject of heat, he did not compile himself, but had a scribe cobble together, for it is an incredibly slapdash piece of work. Nevertheless, he is a milestone in recent development. One might say that one could be completely indifferent to his personality, but through all that sloppiness and all the nonsense he often spouts, something always shines through that is particularly characteristic of the emergence of precisely such a culture, one that corresponds to what I have described here (page 34). And it is impossible for humanity to emerge from the misery in which it currently lives unless it understands that, while—for reasons that should be sufficiently evident from the lectures so far—it was possible to live with the culture of the higher human being, it will not be possible to live with the culture of the lower human being. For ultimately, with every new incarnation, a person brings along their soul, which harbors unconscious reminiscences of previous earthly lives. A person is always drawn back to what has been left behind. Today, in many cases, they do not know what it is that draws them there. This pull manifests as a very vague longing, often something indefinable, but it is there. And it is there above all because people are slowly coming to regard that which belongs to this realm (page 34, lower human)—by framing it in laws—as something objective. Everything that is actually more traditionally present and belongs to this realm (page 33, the higher human), has, in terms of its character of being, evaporated into faith, and people still try to hold on to it by being reluctant to attribute a character of being to that which belongs to the soul along with its moral content, and by actually granting it, in terms of its cognition, only a certainty of faith.

[ 26 ] Aber es ist nicht möglich für die Menschheit, mit diesem Zwiespalt in der Seele weiterzuleben in der Gegenwart. Man kann sich noch einreden, es müsse der evangelische Gegensatz von Glauben und Wissen, der insbesondere in den evangelischen Konfessionen konstruiert ist, theoretisch vertreten werden. Theoretisch vertreten kann man es, aber man kann es nicht für das Leben anwenden, man kann nicht leben damit. Das menschliche Leben selber widerspricht dem Aufrichten eines solchen Gegensatzes. Es muß der Weg gefunden werden, das Moralische anzugleichen demjenigen, dem man ein Sein zugesteht, sonst wird man immer dahin kommen, sich zu sagen: Aus den bloßen Naturnotwendigkeiten macht man sich Vorstellungen über den Erdenanfang und über das Erdenende; aber was dann werden soll, wenn dieses naturwissenschaftlich beurteilte Erdenende da ist, mit dem, weswegen wir uns eigentlich einen menschlichen Wert beilegen, mit dem, was der Mensch innerlich moralisch sich als Wert aneignet, was da werden soll, wie das gerettet werden soll aus der untergehenden Erde hinaus in andere Welten, darüber will man sich nur einer Glaubensgewißheit hingeben.

[ 26 ] But it is not possible for humanity to continue living in the present with this inner conflict. One can still convince oneself that the Protestant opposition between faith and knowledge—which is constructed particularly within the Protestant denominations—must be defended in theory. It can be defended in theory, but it cannot be applied to life; one cannot live by it. Human life itself contradicts the establishment of such an opposition. A way must be found to reconcile the moral with that which is acknowledged to have existence; otherwise, one will always end up telling oneself: From mere natural necessities, one forms ideas about the beginning of the earth and its end; but as for what is to become of that which we actually regard as having human value—that which human beings inwardly and morally appropriate as value—once this scientifically determined end of the Earth has arrived, what is to become of it, and how it is to be saved from the perishing Earth into other worlds—on these matters, one wishes only to surrender to the certainty of faith.

[ 27 ] Und interessant ist es, wie gerade von diesem Gesichtspunkte aus zum Beispiel Anthroposophie bekämpft wird. Dieses Bekämpfen darf ich schon aus dem Grunde erwähnen, weil es typisch ist, weil es nicht von einem ausgeht, sondern von einer ganzen Anzahl von Leuten. Sie finden, daß Anthroposophie Anspruch darauf macht, Inhalt zu haben, der Erkenntnisinhalt ist, also behandelt werden kann so, wie zum Beispiel der naturwissenschaftliche Erkenntnisinhalt. Tröpfe sagen natürlich, er entspricht nicht dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisinhalt, er ist etwas anderes — nun, das ist eine Selbstverständlichkeit, die man nicht besonders zu erwähnen braucht —, aber er kann so behandelt werden, wie der naturwissenschaftliche Erkenntnisinhalt. Manche sagen auch, man kann ihn nicht beweisen. Die haben sich eben niemals mit der logischen Natur des Beweisens bekanntgemacht. Aber um was es sich handelt, ist, daß gesagt wird: Diejenigen Dinge, von denen Anthroposophie handelt, die dürfen überhaupt nicht Gegenstand einer Erkenntnis werden, denn es würde ihnen ihr wesentlicher Charakter genommen, wenn sie Gegenstand einer Erkenntnis werden würden; sie müssen Gegenstand einer Glaubensgewißheit sein. Denn nur dadurch, daß man nichts weiß von Gott, von einem unsterblichen Leben, sondern nur glaubt an diese Dinge, darauf beruht der Wert dieser Dinge. Und es wird geradezu zum Vorwurf gemacht, daß in der Anthroposophie ein Wissen von diesen Dingen angestrebt wird, ja, es wird dieses Wissen sogar von dem Gesichtspunkte aus angefochten, daß man sagt: Es wird ja da der religiöse Charakter dieser Wahrheiten untergraben, denn der religiöse Charakter beruht darauf, daß man eben irgend etwas glaubt, worüber man nichts weiß. Das Vertrauen drücke sich gerade dadurch aus, daß man nichts davon wisse. — Ich möchte zwar wissen, wie die Menschen im gewöhnlichen Leben mit einem solchen Vertrauensbegriff auskommen würden! Man müßte also das gleiche Vertrauen haben zu denjenigen, von denen man gar nichts weiß, wie zu denen, von denen man etwas weiß. Man dürfte also zu den göttlichgeistigen Wesen kein Vertrauen haben, wenn man sie kennenlernt. Also es müßte gerade der religiöse Charakter darin bestehen, daß man sie nicht kennt, denn es ist die Heiligkeit der religiösen Dinge angetastet, wenn man sie zur Erkenntnis macht.

[ 27 ] And it is interesting to note how, from this very perspective, anthroposophy, for example, is opposed. I feel I should mention this opposition simply because it is typical—because it does not stem from a single individual, but from a whole group of people. They believe that anthroposophy claims to have content that constitutes knowledge, and can therefore be treated in the same way as, for example, the content of scientific knowledge. Skeptics, of course, say that it does not correspond to the content of scientific knowledge; it is something else—well, that goes without saying and need not be specifically mentioned—but it can be treated in the same way as the content of scientific knowledge. Some also say that it cannot be proven. They have simply never familiarized themselves with the logical nature of proof. But the point is this: it is said that the things anthroposophy deals with must not become the object of knowledge at all, for they would be stripped of their essential character if they were to become the object of knowledge; they must be the object of a certainty of faith. For it is precisely because one knows nothing about God or an immortal life—but merely believes in these things—that the value of these things rests. And it is even held up as a reproach that anthroposophy strives for knowledge of these things; indeed, this knowledge is contested from the standpoint that it is said: After all, the religious character of these truths is undermined there, for the religious character rests precisely on the fact that one believes in something about which one knows nothing. Trust is expressed precisely by the fact that one knows nothing about it. — I would indeed like to know how people would manage in ordinary life with such a concept of trust! One would therefore have to have the same trust in those about whom one knows nothing as in those about whom one knows something. One would thus be unable to have any trust in the divine-spiritual beings once one comes to know them. So the religious character must consist precisely in the fact that one does not know them, for the sanctity of religious matters is compromised when they are made known.

[ 28 ] Ja, die Sache ist schon so: Läßt man sich ein wenig ein auf die Begriffsschwätzereien, die da vorkommen, dann wird man sehen, daß in dem, was von Woche zu Woche gedruckt wird, im Grunde genommen solche Dinge sich darinnen finden, die einfach in Unsinn ausarten, wenn man sie auf ihre ursprünglichen, elementaren Bestandteile bringt. Man darf heute über solche Dinge nicht hinwegschauen — es muß das immer wieder erwähnt werden, und wenn ich mich auch mit solchen Dingen wiederhole, ich scheue solche Wiederholungen nicht —, man muß auf solche Dinge sehen. Man muß zum Beispiel sich sagen können: Wenn sich heute eine angesehene Zeitung in Württemberg von einem Universitätsprofessor einen Aufsatz über Anthroposophie schreiben läßt, und der schreibt dann: Ja, diese Anthroposophie, die behauptet, daß es eine geistige Welt gäbe, in der sich die geistigen Wesenheiten bewegen wie Tische und Stühle im physischen Raum — ja, wenn ein Universitätsdozent heute in der Lage ist, einen solchen Satz hinzuschreiben, so ist er unmöglich, so müßte eigentlich alles angewendet werden, um ihn unschädlich zu machen, denn Unsinn darf nicht an verantwortlicher Stelle geschrieben werden. Nur wenn jemand betrunken ist, bewegen sich für ihn — aber auch nur subjektiv — Tische und Stühle. Und da der Professor Traub weder die Hypothese zulassen wird, daß er seinen maßgeblich autoritativen Artikel in betrunkenem Zustand geschrieben hat, noch auch, daß er Spiritist ist — denn für Spiritisten bewegen sich ja auch Tische und Stühle, wenn auch nicht ganz von selber —, so hat man das volle Recht zu sagen: Hier wird in gedankenlosester Weise Unsinn hingeschrieben. Und wer imstande ist, einmal solchen Unsinn hinzuschreiben, dessen ganze Wissenschaft verdient keinen Glauben.

[ 28 ] Yes, that’s exactly how it is: If one pays a little attention to the conceptual ramblings that occur there, one will see that what is printed week after week essentially contains things that simply degenerate into nonsense when broken down to their original, elementary components. One must not overlook such things today—this must be mentioned again and again, and even if I repeat myself on such matters, I do not shy away from such repetitions—one must pay attention to such things. One must, for example, be able to say to oneself: If today a respected newspaper in Württemberg commissions a university professor to write an essay on anthroposophy, and he then writes: Yes, this anthroposophy, which claims that there is a spiritual world in which spiritual beings move about like tables and chairs in physical space—yes, if a university lecturer today is in a position to write such a sentence, then it is unthinkable; everything must actually be done to render him harmless, for nonsense must not be written in positions of responsibility. Only when someone is drunk do tables and chairs move for him—but even then, only subjectively. And since Professor Traub will neither admit the hypothesis that he wrote his authoritative article while intoxicated, nor that he is a spiritualist—for tables and chairs do move for spiritualists as well, even if not entirely of their own accord—one has every right to say: Here, nonsense is being written in the most thoughtless manner. And anyone capable of writing such nonsense deserves to have his entire body of scholarship dismissed as untrustworthy.

[ 29 ] Heute ist es notwendig, in diesen Dingen sich absoluteste Strenge zur Pflicht zu machen. Und wir kommen immer tiefer hinein in die Niedergangskräfte, wenn diese absoluteste Strenge nicht zur Pflicht gemacht wird. In dieser Beziehung wird eben heute das Unglaublichste erlebt, und das Unglaublichste geht durch, indem man immer wieder Entschuldigungsgründe über Entschuldigungsgründe hat für das, was von angeblich autoritativer Seite an Abgefeimtheiten in solchen Dingen verbrochen wird. Es ist eben durchaus heute notwendig, daß darauf gehalten werde, zu klaren, inhaltsvollen Begriffen zu kommen auf allen Gebieten. Und kommt man zu klaren, inhaltsvollen Begriffen, dann ist die Theorie von der Trennung von Wissen und Glauben eben nicht zu halten. Denn dann müßte sie zurückgeführt werden auf dasjenige, worauf ich sie eben jetzt zurückgeführt habe.

[ 29 ] Today, it is necessary to make the strictest possible discipline a duty in these matters. And we sink ever deeper into the forces of decline if this utmost rigor is not made a duty. In this regard, the most unbelievable things are being experienced today, and the most unbelievable things are getting away with it because people keep coming up with excuse after excuse for the devious acts committed in such matters by those who claim to be authoritative. It is indeed absolutely necessary today to insist on arriving at clear, substantive concepts in all fields. And once one arrives at clear, substantive concepts, the theory of the separation of knowledge and belief simply cannot be sustained. For then it would have to be traced back to precisely what I have just traced it back to.

[ 30 ] Aber auch diese Trennung zwischen Wissen und Glauben ist nur historisch bedingt. Sie ist zum Teil historisch bedingt aus dem, was ich schon angeführt habe, oder aber historisch bedingt noch aus anderem. Vor allen Dingen kommt für diese Sache folgendes in Betracht. Wir haben zum Beispiel innerhalb des abendländischen Christentums zunächst dasjenige, was in den ersten Jahrhunderten des Christentums durch die Verschmelzung der Gnosis mit der monotheistischen Evangelienlehre zustande gekommen ist, und wir haben Verschmelzung des Christentums mit dem, was auf diese Weise zustande gekommen ist in der Zeit der Scholastik — allerdings auf eine sehr geistvolle Weise, aber doch eben als eine bloße historische Reminiszenz — mit dem Aristotelismus. Und es ist eine durchaus aristotelische Lehre die Lehre von der gleichmäßigen Entstehung des menschlichen Leibes und der menschlichen Seele durch die Geburt oder sagen wir Konzeption eines Menschen. Mit dem Abstreifen der alten Spiritualität, mit dem Heraufdringen der bloßen Intellektualität wurde schon von Aristoteles abgestreift die Präexistenzanschauung, die Anschauung von dem Leben der Menschenseele vor der Geburt, vor der Konzeption. Dieses Leugnen der Präexistenzlehre ist nicht christlich, sondern es ist aristotelisch. Zur dogmatischen Fessel wurde im Grunde genommen diese Bekämpfung der Präexistenzlehre erst durch die Aufnahme des Aristotelismus in die christliche Theologie.

[ 30 ] But even this separation between knowledge and faith is merely historically conditioned. It is partly historically conditioned by what I have already mentioned, and partly by other factors. Above all, the following must be taken into account in this matter. For example, within Western Christianity, we first have what emerged in the early centuries of Christianity through the fusion of Gnosticism with the monotheistic teachings of the Gospels, and we have the fusion of Christianity with what emerged in this way during the Scholastic period—albeit in a very spirited manner, yet merely as a historical reminiscence—with Aristotelianism. And the doctrine of the simultaneous formation of the human body and the human soul through birth—or, let us say, the conception of a human being—is a thoroughly Aristotelian doctrine. With the casting aside of the old spirituality and the rise of mere intellectualism, Aristotle himself had already discarded the doctrine of pre-existence—the view of the life of the human soul before birth, before conception. This denial of the doctrine of pre-existence is not Christian, but Aristotelian. Essentially, this rejection of the doctrine of pre-existence only became a dogmatic constraint through the incorporation of Aristotelianism into Christian theology.

[ 31 ] Nun aber entsteht hier eine bedeutungsvolle Frage, eine Frage, für deren Beantwortung ein wenig schon die Elemente in den Vorträgen, die ich hier in den letzten Wochen gehalten habe, vorhanden sind. Wenn Sie sich an manches erinnern, was ich da in den letzten Wochen gesagt habe, so werden Sie sich sagen: In einem gewissen Sinne — so habe ich es immer betont — ist ja der Materialismus des 19. Jahrhunderts nicht ganz unbegründet gewesen. Warum? Weil dasjenige, was uns im Menschen zum Beispiel entgegentritt, insofern der Mensch ein physisch-materiell organisiertes Wesen ist, Abbild ist der geistigen Entwickelung seit dem letzten Tode. Das ist in der Tat nicht das rein Geistig-Seelische, es ist das Physisch-Seelische, es ist Abbild, was sich da entwickelt zwischen Geburt und Tod. Aus dem, was da der Mensch durchlebt zwischen Geburt und Tod, ist in der Tat niemals eine Möglichkeit zu gewinnen für eine wissenschaftliche Anschauung eines Postmortem-Lebens. Es gibt nichts, was einen möglichen Unsterblichkeitsbeweis liefert, wenn man bloß das Leben des Menschen zwischen der Geburt und dem Tode ins Auge faßt.

[ 31 ] But now a significant question arises here—a question for which some of the elements are already present in the lectures I have given here over the past few weeks. If you recall some of what I have said here in recent weeks, you will say to yourselves: In a certain sense—as I have always emphasized—19th-century materialism was not entirely without foundation. Why? Because what we encounter in human beings, for example—insofar as human beings are physically and materially organized beings—is a reflection of spiritual development since the last death. This is, in fact, not the purely spiritual-soul aspect; it is the physical-soul aspect; it is a reflection of what develops between birth and death. From what a human being experiences between birth and death, it is indeed never possible to derive any basis for a scientific conception of a life after death. There is nothing that provides possible proof of immortality if one considers only human life between birth and death.

[ 32 ] Nun faßt aber zunächst das traditionelle Christentum vom Menschen nur dieses Leben zwischen der Geburt und dem Tod ins Auge, denn es läßt ja auch die Seele geschaffen werden mit der Geburt oder Konzeption. Daraus ist kein Wissen zu gewinnen über das Postmortem-Leben. Will man nicht gelten lassen das präexistente Leben, über das, wie Sie wissen, ein Wissen zu gewinnen ist, dann kann man niemals ein Wissen gewinnen über das Leben nach dem Tode. Daher also die Spaltung zwischen Wissen und Glauben mit Bezug auf die Unsterblichkeitsfrage, zum Beispiel aus dem Dogma von der Bekämpfung des vorgeburtlichen Lebens. Weil man fallenlassen wollte die Erkenntnis von dem vorgeburtlichen Leben, ergab sich die Notwendigkeit, eine besondere Glaubensgewißheit zu statuieren. Denn will man dann, wenn man das vorgeburtliche Leben bekämpft, noch von einem Leben nach dem Tode sprechen, dann kann man nicht von einer wissenschaftlichen Erkenntnis darüber sprechen.

[ 32 ] Traditional Christianity, however, initially considers only this life between birth and death, since it posits that the soul is created at birth or conception. No knowledge can be gained from this about life after death. If one refuses to acknowledge pre-existing life—about which, as you know, knowledge can be gained—then one can never gain knowledge about life after death. Hence the division between knowledge and faith regarding the question of immortality, stemming, for example, from the dogma of opposing pre-birth life. Because people wanted to discard the understanding of prenatal life, it became necessary to establish a special certainty of faith. For if, while opposing prenatal life, one still wishes to speak of life after death, one cannot speak of scientific knowledge regarding it.

[ 33 ] Sie sehen, wie systematisch geordnet, möchte ich sagen, dieses Dogmengefüge ist. Es handelt sich darum, innerhalb der Menschheit Finsternis zu verbreiten über die geistige Wissenschaft. Wie kann man das? Man bekämpft auf der einen Seite die Präexistenzlehre; dann gibt es kein Wissen über das nachtodliche Leben, dann muß das nachtodliche Leben von dem Menschen auf Grundlage der Dogmatik geglaubt werden. Man erkämpft sich den Glauben an die Dogmatik, indem man bekämpft die Erkenntnis des vorgeburtlichen Lebens.

[ 33 ] You can see how systematically organized—I would say—this set of dogmas is. The aim is to spread darkness among humanity regarding spiritual science. How is this done? On the one hand, the doctrine of pre-existence is combated; then there is no knowledge of life after death, so people must believe in life after death on the basis of dogma. Belief in dogma is enforced by combating the recognition of pre-birth life.

[ 34 ] Oh, es ist außerordentlich viel Systematik darinnen, wie die Dogmatik seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert sich entwickelt hat, wie sich aus dieser Dogmatik restlos die modernen wissenschaftlichen Anschauungen herausentwickelt haben. Denn sie sind alle ihrem Ursprunge nach darinnen nachzuweisen, nur angewendet auf die äußere Naturbeobachtung, und es ist nachzuweisen, wie dadurch vorbereitet worden ist des Menschen Sich-Anhängen an ein bloßes Glauben. Weil der Mensch natürlich etwas über die Unsterblichkeit will, nimmt man ihm das Wissen, und das hat man ihm genommen: dann ist er für den dogmatischen Glauben zugänglich, dann kann der dogmatische Glaube sich seine Herrschaftsbereiche aussuchen.

[ 34 ] Oh, there is an extraordinary amount of systematic thought in how dogmatics has developed since the 4th century A.D., and how modern scientific views have emerged entirely from this dogmatics. For their origins can all be traced back to it—merely applied to the external observation of nature—and it can be demonstrated how this paved the way for humanity’s attachment to mere faith. Because human beings naturally want to know something about immortality, their knowledge is taken away from them—and indeed, it has been taken away—making them susceptible to dogmatic faith, which can then choose its own spheres of influence.

[ 35 ] Das ist zugleich eine soziale Frage, das ist eine Frage der menschheitlichen Entwickelung, das ist eine Frage, der heute mit voller Klarheit ins Auge geschaut werden muß. Und diese Frage entscheidet erstens über den Wert der gegenwärtigen Kultur, namentlich aber auch über den Wert des gegenwärtigen Wissenschaftsgeistes, und dann über die Aussichten der Menschheit, wiederum zu Aufgangskräften, zu Aufsteigekräften zu kommen.

[ 35 ] This is at once a social issue, a question of human development, and an issue that must be faced with complete clarity today. And this issue determines, first of all, the value of contemporary culture—and in particular, the value of the current scientific spirit—and, secondly, humanity’s prospects for regaining the forces of ascent and renewal.

[ 36 ] Davon wollen wir dann morgen weitersprechen.

[ 36 ] We'll talk more about that tomorrow.

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