The Mystery of the Sun
and
The Mystery of Death and Resurrection
Exoteric and Esoteric Christianity
GA 211
25 March 1922, Dornach
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The Mystery of the Sun and The Mystery of Death and Resurrection, tr. SOL
3. Vom Wandel der Weltanschauung
3. On the Transformation of Worldview
[ 1 ] Wir haben schon öfter unseren Blick zurückgewendet in die Anschauungen älterer Zeiten, wir wollen dies in einem gewissen Sinne auch heute tun, und zwar zu dem Ziele, um einige Gesichtspunkte zu gewinnen für geschichtliche Einblicke in die Menschheit und in die Menschheitsentwickelung. Wenn wir Jahrtausende zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, zu den Zeiten zum Beispiel, die wir in unserer Terminologie als die altindische Kulturperiode bezeichnen, so finden wir, daß die Anschauungsweise der Menschen damals eine ganz andere war, als — wenn wir nun gleich einen sehr weit davon abliegenden Zeitraum nehmen — die Anschauungsweise in unserer Zeit. Wenn wir in jene älteren Zeiten zurückgehen, so wissen wir, die Menschen sahen einfach die Natur nicht so, wie wir sie heute sehen. Die Menschen sahen die Natur so, daß sie in allem, in den einzelnen Gliedern der Erdoberfläche, in Berg und Fluß, aber auch in alledem, was zunächst die Erde umgibt, in Wolken, im Lichte und so weiter, noch unmittelbar geistige Wesenheiten wahrnahmen. Es wäre undenkbar gewesen für einen Menschen jener älteren Zeiten, so von der Natur zu sprechen, wie wir es tun. Denn er würde sich so vorgekommen sein, wie wir uns vorkommen würden, wenn wir — das Bild ist etwas grotesk, aber es entspricht durchaus den Tatsachen — einer Sammlung von Leichnamen gegenübersitzen könnten und dann sagen würden, daß wir unter Menschen wären. Was heute dem Menschen sich als Natur darbietet, das würde Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung der Mensch nur als den Leichnam der Natur empfunden haben. Denn in allem, was ihn umgab, hat er Geistig-Seelisches wahrgenommen.
[ 1 ] We have often looked back at the views of earlier times, and in a certain sense we wish to do so again today, with the aim of gaining some perspectives for historical insights into humanity and human development. If we go back millennia in human development—to the times, for example, that we refer to in our terminology as the ancient Indian cultural period—we find that people’s worldview back then was quite different from—even if we take a period very far removed from our own—the worldview of our time. When we go back to those earlier times, we know that people simply did not see nature the way we see it today. People saw nature in such a way that they still perceived spiritual beings directly in everything—in the individual features of the Earth’s surface, in mountains and rivers, but also in all that initially surrounds the Earth, in clouds, in light, and so on. It would have been unthinkable for a person of those earlier times to speak of nature the way we do. For they would have felt as we would feel if we—the image is somewhat grotesque, but it certainly corresponds to the facts—were to sit facing a collection of corpses and then say that we were among human beings. What appears to people today as nature would have been perceived by people millennia before our era merely as the corpse of nature. For in everything that surrounded them, they perceived the spiritual and soul-life.
[ 2 ] Wir wissen, wenn die heutige Menschheit aus Dichtungen oder aus den Mitteilungen der Mythen und Legenden vernimmt, wie man einstmals geglaubt hat, daß sich in der Quelle, im strömenden Flusse, in dem Berginnern und so weiter Geistig-Seelisches findet, so glaubt sie ja, daß eben die Alten ihre Phantasie haben wirken lassen, daß sie gedichtet haben. Nun, das ist ein naiver Standpunkt. Die Alten haben durchaus nicht gedichtet, sondern sie haben das Geistig-Seelische ebenso wahrgenommen, wie man die Farben wahrnimmt, wie man die Bewegungen der Blätter des Baumes wahrnimmt und so weiter. Sie haben unmittelbar das Geistig-Seelische wahrgenommen, und sie würden eben das, was wir heute Natur nennen, nur für den Leichnam der Natur gehalten haben. Aber in einem gewissen Sinne strebten einzelne Menschen bei diesen Älteren danach, eine andere Anschauungsweise zu gewinnen als diejenige, die die allgemeine war.
[ 2 ] We know that when people today learn from works of fiction or from the accounts in myths and legends how it was once believed that spiritual and soul-related forces could be found in springs, in flowing rivers, within mountains, and so on, they assume that the ancients simply let their imaginations run wild—that they were simply making things up. Well, that is a naive point of view. The ancients were by no means making things up; rather, they perceived the spiritual and soul-life just as one perceives colors, just as one perceives the movements of the leaves on a tree, and so on. They perceived the spiritual and soul-life directly, and they would have regarded what we today call “nature” as nothing more than the corpse of nature. But in a certain sense, some individuals among these ancients strove to gain a different perspective than the one that was generally held.
[ 3 ] Sie wissen ja, heute, wenn Menschen danach streben, eine andere Anschauungsweise zu gewinnen, als es die gewöhnliche ist, und wenn sie überhaupt dazu in der Lage sind, dann werden sie «studierte Leute», dann bekommen sie Begriffe übermittelt über das, was sie sonst nur äußerlich sehen. Dann nehmen sie Wissenschaft, wie man das nennt, in sich auf. Diese Wissenschaft, die gab es in jenen Zeiten, von denen wir jetzt sprechen, nicht. Wohl aber strebten auch einzelne Menschen über das allgemeine Anschauen, über das, was man eben im alltäglichen Leben wußte, hinaus. Nur studierten sie nicht so, wie heute studiert wird. Sie machten gewisse Übungen. Diese Übungen waren nicht solche, wie die, von denen wir heute in der Anthroposophie sprechen, sondern es waren Übungen, welche gerade in jenen älteren Zeiten mehr an den menschlichen Organismus gebunden waren. Es waren zum Beispiel Übungen, durch welche der Atmungsprozeß zu etwas anderem ausgebildet wurde, als was er von Natur aus ist. Man setzte sich also nicht in Laboratorien, machte nicht Experimente, aber man machte gewissermaßen an sich selber Experimente. Man regulierte seinen Atem. Man atmete zum Beispiel ein, man hielt den Atem zurück und suchte zu erleben, was bei so verändertem Atem im Innern des Organismus vorging. Solche Atemübungen sollen heute nicht nachgemacht werden. Aber sie waren durchaus einmal ein Mittel, durch welches die Menschen glaubten, zu höheren Erkenntnissen zu kommen, als zu denen sie kommen konnten, wenn sie eben mit ihren gewöhnlichen Anschauungen die Natur betrachteten, wenn sie also die äußeren Naturdinge sahen, wie wir sie sehen, aber außerdem noch in allen Naturdingen das Geistig-Seelische darinnen sahen.
[ 3 ] You know, today, when people strive to gain a different perspective than the usual one—and if they are even capable of doing so—they become “educated people”; they are then given concepts about what they would otherwise see only superficially. Then they take in what is called “science.” This science did not exist in the times we are now speaking of. However, individual people did strive to go beyond the general way of seeing things, beyond what was simply known in everyday life. But they did not study in the way we study today. They performed certain exercises. These exercises were not like those we speak of today in anthroposophy, but were exercises that, especially in those earlier times, were more closely tied to the human organism. They were, for example, exercises through which the breathing process was transformed into something other than what it is by nature. So people did not sit in laboratories or conduct experiments, but they did, in a sense, conduct experiments on themselves. They regulated their breathing. For example, they would inhale, hold their breath, and seek to experience what was happening inside the organism as a result of this altered breathing. Such breathing exercises should not be imitated today. But they were once a means by which people believed they could attain higher insights than those they could reach simply by observing nature through their ordinary perceptions—that is, by seeing the external phenomena of nature as we see them, while also perceiving the spiritual and soul elements within all natural phenomena.
[ 4 ] Wenn sich Menschen nun solchen Übungen hingaben, deren Wesen sich ja, obwohl in Abschwächung, in dem erhalten hat, was heute aus dem Oriente herüber als Joga-Übungen geschildert wird, wenn sie also ihr Atmen gegenüber dem gewöhnlichen Atem veränderten, dann verschwand aus dem Anblicke der Umgebung das Geistig-Seelische, und es wurde gerade durch solches Atmen die Natur für diese Menschen so, wie wir sie selber heute sehen. Also, um die Natur so zu sehen, wie wir sie heute sehen, mußten solche Menschen erst Übungen machen in jenen alten Zeiten. Sonst sprangen ihnen gewissermaßen für ihr Anschauen aus allen Wesen ihrer Umgebung geistig-seelische Wesenhaftigkeiten entgegen. Sie vertrieben gewissermaßen diese geistig-seelischen Wesenhaftigkeiten dadurch, daß sie ihren Atmungsprozeß veränderten.
[ 4 ] When people engaged in such exercises—the essence of which, albeit in a diminished form, has been preserved in what is described today as yoga exercises from the East—in other words, when they altered their breathing in contrast to ordinary breathing—then the spiritual-soul aspect vanished from the perception of their surroundings, and it was precisely through such breathing that nature became for these people as we ourselves see it today. So, in order to see nature as we see it today, such people first had to perform exercises in those ancient times. Otherwise, spiritual-soul qualities would, as it were, leap out at them from all the beings in their surroundings as they looked upon them. They dispelled these spiritual-soul qualities, so to speak, by altering their breathing process.
[ 5 ] So hatten sie — wenn ich den Ausdruck gebrauche, der heute gebräuchlich ist für diejenigen, die so hinausstreben über das allgemeine Anschauen — als «Gelehrte» das Bestreben, die Natur nicht mehr durchseelt und durchgeistigt um sich zu haben, sondern sie so um sich zu haben, daß sie sie wie eine Art Leichnam empfanden. Man könnte auch so sagen: Diese Menschen fühlten sich, indem sie hinausschauten in die Natur, wie in einem wellenden, wogenden, seelisch-geistigen Weltenall, aber sie fühlten sich darinnen so, wie sich der Mensch der Gegenwart fühlen würde, wenn er in lebhaften Bildern träumte und aus diesem Träumen kaum aufwachen könnte. So fühlten sie sich. Was erreichten aber diese einzelnen — wir wollen sie also die Gelehrten jener alten Zeit nennen —, wenn sie durch solche besondere Übungen sich heraushoben aus diesem lebendig Wogenden und es abtöteten in der Anschauung, so daß sie wirklich das Gefühl hatten, sie haben nunmehr ein Totes, ein Leichnamartiges um sich? Was strebten sie dadurch an?
[ 5 ] Thus, to use the term commonly applied today to those who strive to transcend conventional views, they—as “scholars”—sought no longer to have nature around them as something imbued with soul and spirit, but rather to have it around them in such a way that they perceived it as a kind of corpse. One could also put it this way: When these people looked out into nature, they felt as if they were in a surging, undulating, soul-and-spirit-filled universe, but they felt within it just as a person of the present day would feel if they were dreaming in vivid images and could hardly wake up from that dream. That is how they felt. But what did these individuals—let us call them the scholars of that ancient time—achieve when, through such special exercises, they detached themselves from this living, surging world and killed it off in their perception, so that they truly had the feeling they now had something dead, something corpse-like, around them? What were they striving for through this?
[ 6 ] Sie strebten dadurch ein stärkeres Selbstgefühl an. Sie strebten etwas an, wodurch sie sich selber erlebten, wodurch sie sich selber empfanden. Der heutige Mensch sagt alle Augenblicke: «Ich bin». «Ich» ist für ihn überhaupt ein Wort, das er vom Morgen bis zum Abend sehr häufig im Munde führt, denn es ist ihm natürlich, es ist ihm selbstverständlich. Bei diesen alten Menschen war es für das gewöhnliche alltägliche Erleben nicht selbstverständlich, das «Ich» oder gar das «Ich bin» auszusprechen. Das mußten sie sich erwerben. Dazu mußten sie erst solche Übungen machen. Und indem sie diese Übungen machten, kamen sie zu einem solchen inneren Erleben, daß sie mit einer gewissen Wahrheit sagen konnten: «Ich bin». Sie kamen erst damit zum Bewußtsein ihres eigenen Seins.
[ 6 ] Through this, they sought a stronger sense of self. They sought something through which they could experience themselves, through which they could feel themselves. People today say at every moment: “I am.” For them, “I” is a word they use very frequently from morning to night, for it comes naturally to them; it is second nature. For these ancient people, however, uttering “I” or even “I am” was not second nature in their ordinary, everyday experience. They had to acquire this ability. To do so, they first had to perform certain exercises. And as they performed these exercises, they arrived at such an inner experience that they could say with a certain truth: “I am.” Only then did they become conscious of their own being.
[ 7 ] Also das, was für uns etwas Selbstverständliches ist, das wurde für diese Menschen erst dann ein Erlebnis, wenn sie sich anstrengten in einem inneren Atmungsprozesse. Sie mußten erst die Umgebung gewissermaßen für die Anschauung töten, sich selber aufwecken. Dadurch kamen sie zu der Überzeugung, daß sie auch selber sind, daß sie «Ich bin» zu sich sagen konnten. Aber mit diesem «Ich bin» war ihnen etwas gegeben, was uns heute wieder selbstverständlich ist. Es war ihnen die innere Entfaltung des Intellektuellen gegeben. Sie entwickelten dadurch die Möglichkeit, ein innerliches, abgesondertes Denken zu haben.
[ 7 ] So what we take for granted only became an experience for these people when they exerted themselves in an inner breathing process. They first had to, so to speak, “kill” their surroundings for the sake of perception, to awaken themselves. Through this, they came to the conviction that they, too, were themselves—that they could say “I am” to themselves. But with this “I am,” they were given something that we today take for granted once again. They were given the inner unfolding of the intellectual. Through this, they developed the capacity for inner, detached thinking.
[ 8 ] Wenn wir also zurückgehen in Zeiten, in denen für die Zivilisation die alten orientalischen Anschauungen tonangebend waren, so war es eben so, daß die Menschen im alltäglichen Leben eine beseelte Natur empfanden, aber ein ganz schwaches, fast gar kein Selbstgefühl hatten, gar nicht dieses Selbstgefühl in der Überzeugung «Ich bin» zusammenfaßten, daß aber einzelne Menschen, welche durch die Mysterienanstalten geschult wurden, dazu gebracht wurden, dieses «Ich bin» zu erleben. Dann erlebten sie aber dieses «Ich bin» nicht so, wie wir es heute als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen, sondern in dem Momente, wo sie durch ihren Atmungsprozeß dazu gebracht waren, überhaupt «Ich bin» aus innerlicher Überzeugung, aus innerlichem Erleben heraus sagen zu können, erlebten sie etwas, was auch der heutige Mensch zunächst nicht wirklich erlebt.
[ 8 ] If we go back to times when ancient Eastern views set the tone for civilization, it was precisely the case that people perceived nature as animated in their everyday lives, but had a very weak, almost nonexistent sense of self—and certainly not this sense of self based on the conviction “I am”—though individual people who had been trained in the mystery schools were led to experience this “I am.” However, they did not experience this “I am” in the way we take it for granted today; rather, at the very moment when their breathing process enabled them to say “I am” at all—out of inner conviction and inner experience—they experienced something that even people today do not truly experience at first.
[ 9 ] Denken Sie zurück in Ihre Kindheit: Sie können bis zu einem gewissen Punkte zurückdenken, dann hört es auf. Sie waren einmal ein Baby, und wie Sie da innerlich gelebt haben als Baby, das wissen Sie nicht. Es hört einmal das Erinnerungsvermögen auf. Sie waren ganz gewiß schon da, sind auf der Erde herumgekrochen, sind geliebkost worden von Ihrer Mutter oder von Ihrem Vater. Da haben Sie vielleicht gezappelt, haben die Hände bewegt, aber was Sie da innerlich erlebt haben, das wissen Sie im gewöhnlichen Bewußtsein nicht. Dennoch war es ein regeres, ein intensiveres Seelenleben als das spätere. Denn dieses intensivere Seelenleben hat zum Beispiel Ihr Gehirn plastisch ausgestaltet, hat Ihren übrigen Körper durchdrungen und ihn plastisch ausgestaltet. Es war ein intensives Seelenleben vorhanden, und in dieses Seelenleben fühlte sich der alte Inder versetzt in demselben Momente, wo er zu sich «Ich bin» sagte.
[ 9 ] Think back to your childhood: You can think back only so far, and then it stops. You were once a baby, and you don’t know what your inner life was like as a baby. Your memory simply stops there. You were certainly already there, crawling around on the floor, being cherished by your mother or father. You may have squirmed or moved your hands, but what you experienced internally at that time is something you are not aware of in your ordinary consciousness. Nevertheless, it was a more active, more intense soul life than what came later. For this more intense soul life, for example, shaped your brain plastically and permeated the rest of your body, shaping it plastically as well. An intense soul life existed, and the ancient Indian felt himself transported into this very soul life at the very moment he said to himself, “I am.”
[ 10 ] Stellen Sie sich das nur ganz lebhaft vor, wie das war. Er fühlte sich nicht im gegenwärtigen Augenblicke, wenn er zu sich «Ich bin» sagte, er fühlte sich zurückversetzt in seine Babyzeit, er fühlte sich so, wie er in der Babyzeit gefühlt hat, und sagte von da aus zu seinem ganzen späteren Leben . Er hatte gar nicht das Gefühl, daß er jetzt Aber das ist erst hineingezogen in dieses Innere, nachdem es vorher in der geistig-seelischen Welt gelebt hat. Das heißt, indem dieser alte indische Jogi zuerst sich durch seinen Atmungsprozeß in seine Babyzeit zurückversetzte, wurde er gewahr der Zeit vor seinem Erdendasein. Das kam ihm vor wie eine Erinnerung. Genau so, wie wenn sich der Mensch heute an etwas erinnert, was er vor zehn Jahren erlebt hat, so war es wie das Auftreten einer Erinnerung in dem Momente, wo das «Ich bin> durch die Seele schoß, wenn in dieser alten indischen Zeit der Mensch durch Atmungsübungen innerlich sich stärkte und die Außenwelt um sich herum abtötete, dafür aber lebendig machte das,was nicht jetzt seine Außenwelt war, sondern was Außenwelt war, bevor der Mensch in die physische Erdenwelt heruntergestiegen war.
[ 10 ] Just imagine very vividly what that was like. When he said to himself, “I am,” he did not feel as though he were in the present moment; he felt transported back to his infancy, he felt just as he had felt in his infancy, and from that place he spoke to his entire later life. He didn’t feel at all that he was now—but that had only been drawn into this inner being after it had previously lived in the spiritual-soul world. That is to say, by first transporting himself back to his infancy through his breathing process, this ancient Indian yogi became aware of the time before his earthly existence. It seemed to him like a memory. Just as when a person today remembers something they experienced ten years ago, so it was like the emergence of a memory at the very moment when the “I Am” shot through the soul—when, in that ancient Indian era, a person strengthened himself inwardly through breathing exercises and “killed off” the external world around him, but in doing so brought to life not what was now his external world, but rather what had been the external world before the human being had descended into the physical world of the Earth.
[ 11 ] Man wurde wirklich dazumal — wenn ich es wiederum mit einem heutigen Ausdruck bezeichnen will, der aber natürlich unendlich philiströs klingt, wenn ich ihn für jene alten Zeiten gebrauche — durch das Jogi-Studium herausgehoben aus dem gegenwärtigen Erdendasein und in das geistig-seelische Dasein hineingehoben. Man verdankte also dem damaligen Studium das Hinaufgehobenwerden in die geistig-seelischen Welten. Man hatte ein etwas anderes Bewußtsein, als wir es heute haben. Aber gerade wenn man im damaligen Sinne ein Joga-Gelehrter war, konnte man denken — die anderen Menschen konnten nicht den ken, die anderen Menschen konnten nur träumen —, aber man dachte hinein in die übersinnliche Welt, aus der man ins Erdendasein heruntergestiegen war.
[ 11 ] Back then—if I may describe it using a modern term, which of course sounds infinitely philistine when applied to those bygone days—the study of yoga truly lifted one out of one’s present earthly existence and elevated one into the spiritual-soul realm. So it was thanks to the study of yoga in those days that one was lifted up into the spiritual and soul worlds. People had a somewhat different consciousness than we do today. But precisely when one was a yoga scholar in the sense of that time, one could think—other people could not do so, other people could only dream—but one could think one’s way into the supersensible world from which one had descended into earthly existence.
[ 12 ] Das ist zugleich eine Charakteristik jener Zeit der Erdenentwickelung, die, wenn wir es etwas grob charakterisieren> vorangegangen ist zum Beispiel den griechisch-römischen Anschauungen im vierten nach- atlantischen Zeitraum. Da war das «Ich bin» schon mehr in den Menschen hereingedrungen im gewöhnlichen Alltagsbewußtsein. Zwar hatte die Sprache damals noch im Verbum das Ich drinnenliegen, das war noch nicht so abgesondert wie bei uns, aber es war immerhin schon ein deutliches Ich-Erlebnis vorhanden. Dieses deutliche Ich-Erlebnis war nun eine natürliche, selbstverständliche Tatsache des inneren Lebens. Dafür aber war schon die äußere Natur mehr oder weniger entseelt. Der Grieche hatte immerhin noch die Fähigkeit, die zwei Gesichtspunkte nebeneinander zu erleben, und zwar ohne besondere Schulung. Der Grieche erlebte noch deutlich, wenn auch schwächer als die Menschen älterer Zeiten, in Quelle, im Fluß, im Berg, im Baum das GeistigSeelische. Aber zu gleicher Zeit konnte er absehen von dem Geistig-Seelischen, auch das Tote in der Natur erleben und ein Selbstgefühl haben. Das gibt namentlich dem Griechentum seinen besonderen Charakter. Der Grieche hatte noch nicht eine solche Anschauung der Welt wie wir. Er konnte zwar schon solche Begriffe und Ideen von der Welt entwickeln wie wir, aber er konnte zu gleicher Zeit diejenigen Anschauungen ernst nehmen, die noch in Bildern gegeben waren. Er lebte überhaupt anders, als wir heute leben. Wir gehen zum Beispiel ins Theater, um uns zu unterhalten. Um sich zu unterhalten, ging man in Griechenland eigentlich erst ins Theater — wenn ich mich so ausdrücken darf — zu Euripides Zeiten, kaum zu Sophokles Zeiten, und jedenfalls nicht in den Zeiten des Äschylos, oder gar in noch älteren Zeiten. Da ging man zu anderen Zielen in die dramatischen Vorstellungen. Man hatte ein deutliches Gefühl, daß in allem, in Baum und Strauch, in Quelle und Fluß geistig-seelische Wesenheiten leben. Wenn man diese geistig- seelischen Wesenheiten erlebt, da hat man eben Lebensaugenblicke, wo man kein starkes Selbstgefühl hat. Wenn man aber wiederum dieses starke Selbstgefühl entwickelt, was die Alten noch durch Joga-Schulung haben suchen müssen, und was der Grieche nicht mehr durch JogaSchulung zu suchen brauchte, dann wird alles tot um einen herum, dann sieht man gewissermaßen nur den Leichnam der Natur. Dadurch aber verbraucht man sich. Man sagte sich: Das Leben verbraucht den Menschen. Der Grieche fühlte das wie eine Art seelischen und leiblichen Erkrankens, nur die tote Natur anzuschauen. Man empfand das lebhaft in älteren griechischen Zeiten, daß einen das Tagesleben krank macht, daß man etwas braucht, wodurch man wieder gesund wird: und das war die Tragödie. Um gesund zu werden, weil man fühlte, man verbraucht sich, man macht sich in einem gewissen Sinne krank, man braucht, wenn man überhaupt ganz Mensch bleiben will, eine Heilung, deshalb ging man zur Tragödie. Und die Tragödie wurde noch in Aschylos Zeiten so gespielt, daß man denjenigen, der die Tragödie bildete, der sie gestaltete, als den Arzt empfand, der den verbrauchten Menschen in einem gewissen Sinne wieder gesund machte. Die Gefühle, die da erregt 'wurden von Furcht, von Mitleid mit den Helden, die auftraten, wirkten wie eine Arznei. Sie durchdrangen den Menschen, und indem er sie überwand> diese Gefühle von Furcht und Mitleid, bildeten sie in ihm eine Krisis, wie sich zum Beispiel bei der Pneunomie eine Krisis bildet. Und indem man die Krisis überwindet, wird man gesund. So wurden die Schauspiele aufgeführt, um die Menschen, die sich als Menschen verbraucht fühlten, gesund zu machen. Das war das Gefühl, das man in der älteren Griechenzeit der Tragödie, dem Schauspiel entgegenbrachte. Und das war aus dem Grunde, weil sich die Menschen sagten: Wenn man sein Ich fühlt, dann wird die Welt entgöttert. Das Schauspiel führt wieder den Gott vor, denn es war Im wesentlichen ein Vorführen der göttlichen Welt und des Schicksals, das selbst die Götter erdulden müssen, also ein Vorführen dessen, was hinter der Welt als Geistiges sich geltend macht. Das war es, was in der Tragödie vorgeführt wurde.
[ 12 ] This is also a characteristic of that period of Earth’s evolution which—if we characterize it somewhat broadly—preceded, for example, the Greco-Roman worldviews in the fourth post-Atlantean epoch. By then, the “I am” had already penetrated more deeply into people’s ordinary, everyday consciousness. Although language at that time still contained the “I” within the verb—it was not yet as distinct as it is for us—a clear sense of “I” was nonetheless already present. This clear sense of “I” was now a natural, self-evident fact of inner life. On the other hand, however, external nature had already been more or less de-spiritualized. The Greeks still possessed the ability to experience these two perspectives side by side, and indeed without any special training. The Greeks still clearly experienced—albeit more faintly than people of earlier times—the spiritual-soul aspect in springs, rivers, mountains, and trees. But at the same time, they could set aside the spiritual and soulful, experience the lifeless aspects of nature, and still maintain a sense of self. This, in particular, gives Greek culture its distinctive character. The Greeks did not yet have the same view of the world as we do. Although they were already capable of developing concepts and ideas about the world similar to ours, they could at the same time take seriously those perspectives that were still expressed in images. They lived quite differently from the way we live today. We go to the theater, for example, to be entertained. In Greece, however, people actually began going to the theater for entertainment—if I may put it that way—only in the time of Euripides, hardly in the time of Sophocles, and certainly not in the time of Aeschylus, or even in earlier times. Back then, people attended dramatic performances for other purposes. People had a distinct sense that spiritual and soul entities lived in everything—in trees and shrubs, in springs and rivers. When one experiences these spiritual and soul entities, one has moments in life when one does not have a strong sense of self. But when one develops this strong sense of self again—which the ancients still had to seek through yoga training, and which the Greeks no longer needed to seek through yoga training—then everything around one becomes dead; one sees, as it were, only the corpse of nature. But this leads to one’s own exhaustion. People used to say: Life wears a person down. The Greeks felt that merely looking at dead nature was a kind of spiritual and physical illness. In ancient Greek times, people felt this keenly—that daily life made them sick, that they needed something to restore their health: and that was tragedy. To regain health—because one felt one was wearing oneself out, making oneself sick in a certain sense—one needed, if one wanted to remain fully human at all, a cure; that is why people turned to tragedy. And even in Aeschylus’s time, tragedy was performed in such a way that the one who created the tragedy, who shaped it, was perceived as the physician who, in a certain sense, restored the worn-out human being to health. The emotions aroused there—fear and compassion for the heroes who appeared on stage—acted like a medicine. They penetrated the person, and as he overcame these feelings of fear and compassion, they created a crisis within him, just as a crisis forms in the case of pneumonia, for example. And by overcoming the crisis, one becomes healthy. Thus, the plays were performed to restore health to people who felt worn out as human beings. That was the sentiment with which people approached tragedy and theater in ancient Greece. And the reason for this was that people told themselves: When one feels one’s own ego, the world becomes deified. The play brings the god back into view, for it was essentially a presentation of the divine world and of the fate that even the gods must endure—that is, a presentation of what asserts itself as the spiritual behind the world. That was what was presented in tragedy.
[ 13 ] So war dem Griechen die Kunst noch eine Art Heilungsprozeß. Und indem die ersten Christen nachlebten, was in der Verkörperung des Christus in dem Jesus gegeben war und was in den Evangelien nachgedacht und nachempfunden werden kann: der Hingang des Christus Jesus zum Leiden und zum Kreuzestod, zur Auferstehung, zur Himmelfahrt-empfanden sie gewissermaßen eine innerliche Tragödie. Deshalb nannten sie auch den Christus, und nannte man ihn immer mehr den Arzt, den Heiland, den großen Arzt der Welt. Der Grieche hat in den älteren Zeiten dieses Heilende bei seiner Tragödie empfunden. Die Menschheit sollte allmählich dazu kommen, das historisch, das geschichtlich Heilende im Anblicke, im Gemütserleben des Mysteriums von Golgatha, der großen Tragödie von Golgatha zu erleben und zu empfinden.
[ 13 ] For the Greeks, art was still a kind of healing process. And as the early Christians relived what was given in the incarnation of Christ in Jesus—and what can be contemplated and experienced in the Gospels: the path of Christ Jesus toward suffering and death on the cross, toward the Resurrection, toward the Ascension—they experienced, in a sense, an inner tragedy. That is why they also called Christ—and increasingly referred to him as—the Physician, the Savior, the great Physician of the world. In earlier times, the Greeks had sensed this healing aspect in their own tragedy. Humanity was to gradually come to experience and feel this historical, redemptive healing in the vision and in the emotional experience of the Mystery of Golgotha, the great tragedy of Golgotha.
[ 14 ] Im alten Griechenland ging man, namentlich in der Zeit Vor Äschylos, in der das, was früher nur im Dunkel der Mysterien gefeiert wurde, schon mehr öffentlich geworden war, in die Tragödie. Was sahen die Menschen in dieser älteren Tragödie? Der Gott Dionysos erschien, der Gott Dionysos war es, welcher aus den Erdenkräften, aus der geistigen Erde sich herausarbeitete. — Der Gott Dionysos, weil er sich aus den geistigen Kräften herausarbeitete und an die Oberfläche der Erde drang, machte das Leiden der Erde mit. Er fühlte gewissermaßen als Gott seelisch — nicht so, wie es beim Mysterium von Golgatha war, auch körperlich —, was es hieß, unter Wesen zu leben, welche durch den Tod gehen. Er lernte den Tod nicht an sich selbst erleben, aber er lernte ihn anschauen. Man fühlte, da ist der Gott Dionysos, der tief leidet unter den Menschen, weil er den Anblick haben mußte von alledem, was die Menschen erleiden. Es war nur eine einzige Wesenheit auf der Bühne zunächst, der Gott Dionysos, der leidende Dionysos, und um ihn herum ein Chor, der da rezitierend sprach, damit die Leute es hören konnten, was in dem Gotte Dionysos vorging. Denn das war überhaupt die erste Gestalt des Schauspieles, der Tragödie, daß die einzig wirklich handelnde Person, die auftritt, der Gott Dionysos war, und um ihn herum der Chor, welcher rezitierte, was in des Dionysos Seele vorging. Nach und nach nur wurden dann aus der einen Person, die den Gott Dionysos in den älteren Zeiten darstellte, mehrere Personen, und dann aus dem einen Schauspiele das spätere Drama. So erlebte man im Bilde den Gott Dionysos. Und man erlebte später in Wirklichkeit, als eine historische Tatsache der Menschheitsentwickelung, den leidenden und sterbenden Gott, den Christus. Einmal als historische Tatsache sollte sich das vor der Menschheit abspielen, so daß alle Menschen es empfinden konnten, was sonst in Griechenland im Schauspiel erlebt worden war. Aber indem die Menschheit diesem großen Geschichtsdrama entgegenlebte, wurde das Drama, das so heilig war in der alten Griechenzeit, daß man in ihm den Heiland, die wunderwirkende Menschheitsarznei empfand, immer mehr und mehr, ich möchte sagen, von seinem Podest herabgeworfen und wurde zum Unterhaltungsstoff, wIe es schon bei Euripides der Fall ist.
[ 14 ] In ancient Greece, particularly in the period before Aeschylus—when what had previously been celebrated only in the darkness of the mysteries had already become more public—tragedy emerged. What did people see in this earlier tragedy? The god Dionysus appeared; it was the god Dionysus who worked his way forth from the forces of the earth, from the spiritual earth. — Because the god Dionysus worked his way forth from the spiritual forces and broke through to the surface of the earth, he shared in the suffering of the earth. In a sense, as a god, he felt—not only spiritually, as was the case with the Mystery of Golgotha, but also physically—what it meant to live among beings who pass through death. He did not experience death in himself, but he learned to behold it. One sensed that there was the god Dionysus, suffering deeply among humanity because he had to bear witness to all that human beings endure. At first, there was only a single figure on stage: the god Dionysus, the suffering Dionysus, and around him a chorus that recited so that the people could hear what was going on within the god Dionysus. For that was, in fact, the very first form of the play, of tragedy: the only character who truly acted on stage was the god Dionysus, and surrounding him was the chorus, which recited what was taking place in Dionysus’s soul. Gradually, the single character who portrayed the god Dionysus in earlier times gave way to multiple characters, and the single performance evolved into the later drama. Thus, people experienced the god Dionysus in a symbolic form. And later, they experienced in reality—as a historical fact of human development—the suffering and dying god, Christ. This was to unfold before humanity as a historical fact, so that all people could experience what had otherwise been experienced in Greek theater. But as humanity approached this great historical drama, the drama—which had been so sacred in ancient Greece that people perceived in it the Savior, the miracle-working remedy for humanity—was, I might say, increasingly cast down from its pedestal and became mere entertainment, as was already the case with Euripides.
[ 15 ] Die Menschheit lebte entgegen der Zeit, in der sie etwas anderes brauchte, als im Bilde vorgeführt zu bekommen die geistig-seelische Welt, nachdem für das Anschauen die Natur entseelt war. Die Menschheit brauchte das historische Mysterium von Golgatha. Der alte Joga- Schüler der indischen Zeit hatte den Atem aufgenommen, den Atem gewissermaßen in seinem eigenen Leib zurückgehalten, um in diesem Atmen zu empfinden: In dir lebt der göttliche Ich-Impuls. — Der Mensch erlebte als Joga-Schüler den Gott in sich selber durch den Atmungsprozeß. Spätere Zeiten kamen. Der Mensch erlebte nicht mehr in sich den Gottesimpuls im Atmungsprozeß. Aber er hatte denken gelernt, und er sagte: Durch den Atem kam die Seele in den Menschen hinein. — Der alte Joga-Schüler machte das durch. Der spätere Mensch sagte: Und Gott blies dem Menschen den lebendigen Odem ein, und er ward eine Seele. — Der ältere Joga-Schüler erlebte das, der spätere Mensch sagte es. Und indem man das im hebräischen Altertum sagte, erlebte man schon in einem gewissen Sinne abstrakt, was man früher konkret erlebt hatte. Aber man schaute auch nicht im hebräischen Altertum, dafür aber im griechischen Altertum. Es spielt sich immer das eine auf dem einen Erdenfleck, das andere auf einem andern Erdenfleck ab. Man erlebte nicht mehr den Gott in sich wie der alte Joga-Schüler, dafür aber erlebte man im Bilde das Dasein des Gottes im Menschen. Und dieses Erleben im Bilde des Daseins des Gottes im Menschen, das war eben im älteren griechischen Drama durchaus vorhanden. Aber dieses Drama wurde nun weltgeschichtliches Ereignis. Dieses Drama wurde das Mysterium von Golgatha. Dafür aber wurde auch das Bild nunmehr abgesetzt. Das Bild wurde bloßes Bild, wie der Atmungsprozeß bloß in Gedanken noch geschildert wurde. Die ganze menschliche Seelenverfassung wurde eine andere.
[ 15 ] Humanity was living out of step with the times, in an era when it needed more than just to have the spiritual-soul world presented to it in images, now that nature had been stripped of its soul for the sake of observation. Humanity needed the historical mystery of Golgotha. The ancient yoga student of the Indian era had taken in the breath, held it back, as it were, within his own body, in order to feel within that breath: “The divine ‘I’ impulse lives within you.” — As a yoga student, the human being experienced God within himself through the process of breathing. Later times came. Human beings no longer experienced the divine impulse within themselves through the process of breathing. But they had learned to think, and they said: Through the breath, the soul entered into human beings. — The ancient yoga practitioner lived this through. Later generations said: And God breathed the breath of life into human beings, and they became souls. — The ancient yoga student experienced this; later generations merely stated it. And by stating this in ancient Hebrew times, people were already experiencing—in a certain abstract sense—what they had previously experienced concretely. But people did not look inward in ancient Hebrew times; they did so, however, in ancient Greek times. One thing always takes place in one part of the world, another in another part. People no longer experienced God within themselves as the ancient yoga student did; instead, they experienced, in symbolic form, the presence of God within the human being. And this experience—in symbolic form—of God’s presence within the human being was certainly present in ancient Greek drama. But this drama now became a world-historical event. This drama became the Mystery of Golgotha. Consequently, however, the image was now set aside. The image became a mere image, just as the process of breathing was described only in thought. The entire constitution of the human soul changed.
[ 16 ] Der Mensch sah die Außenwelt tot, und das war für ihn das Elementare, das Natürliche, daß er die Außenwelt tot sah. Entgöttert sah er sie. Sich selbst als Außenwelt, als leibliche Außenwelt, sah er entgöttert. Aber er hatte den Trost dafür, daß einmal in diese entgötterte Welt der wirkliche Gott heruntergekommen war, der Christus, und in einem Menschen gelebt hatte, und durch die Auferstehung als Christus-Impuls in die ganze Erdenentwickelung übergegangen war. Und so konnte der Mensch eine gewisse Anschauung nunmehr in der folgenden Art entwickeln. Er konnte sich sagen: Ich sehe die Welt, aber sie ist ein Leichnam. — Er sagte es sich freilich nicht, denn es blieb im Unbewußten, der Mensch weiß nicht, daß er die Welt als Leichnam sieht. Aber allmählich bildete sich in seiner Anschauung der Leichnam am Kreuz, der gestorbene Christus Jesus. Und blickt man hin auf den Kruzifixus, auf den gestorbenen Christus Jesus, dann hat man die Natur. Man hat das Bild der Natur, jener Natur, in welcher der Mensch gekreuzigt ist. Und blickt man hin auf den, der aus dem Grabe auferstand, der dann von den Jüngern und von Paulus erlebt worden ist als der in der Welt lebende Christus, dann hat man das, was in älteren Zeiten in der ganzen Natur gesehen worden ist. Gewiß, in einer Vielheit, in vielen geistigen Wesenheiten, in Gnomen und Nymphen, in Sylphen und Salamandern, in allen möglichen anderen Wesenheiten der Erden-Hierarchien, erblickte man das Göttlich-Geistige; man erblickte die Natur durchgeistigt und beseelt. Nunmehr aber bekam man den Drang, durch den schon aufkeimenden Intellektualismus das, was zerstreut ist in der Natur, zusammenzufassen. Man hat es zusammengefaßt in dem toten Christus Jesus am Kreuze. Aber man schaut in dem Christus Jesus alles das, was man in der äußeren Natur verloren hat. Alle Geistigkeit schaut man, indem man hinschaut zu der Tatsache: Aus diesem Leibe hat sich erhoben der Christus, der Gottesgeist, der überwunden hat den Tod, und an dessen Wesenheit teilnehmen kann nunmehr jede Menschenseele. Man hat die Fähigkeit verloren, im Umkreise der Natur das Göttlich-Geistige zu sehen. Man hat die Fähigkeit gewonnen, im Hinblick auf das Mysterium von Golgatha dieses Göttlich-Geistige im Christus wieder zu finden.
[ 16 ] Man saw the external world as dead, and for him this was the fundamental, the natural thing—that he saw the external world as dead. He saw it as devoid of divinity. He saw himself as the external world, as the physical external world, as devoid of divinity. But he had the consolation that once, into this deified world, the true God had descended—Christ—and had lived as a human being, and through the Resurrection had passed into the entire development of the Earth as the Christ impulse. And so human beings could now develop a certain perspective in the following way. They could say to themselves: I see the world, but it is a corpse. — Of course, he did not say this to himself, for it remained in the unconscious; human beings do not know that they see the world as a corpse. But gradually, the image of the corpse on the cross—the dead Christ Jesus—took shape in their perception. And when one looks upon the crucifix, upon the dead Christ Jesus, one sees nature. One has the image of nature—that nature in which humanity is crucified. And if one looks upon the One who rose from the grave, who was then experienced by the disciples and by Paul as the Christ living in the world, then one has what was seen in all of nature in earlier times. Certainly, in a multitude of spiritual beings—in gnomes and nymphs, in sylphs and salamanders, and in all manner of other beings of the earthly hierarchies—people beheld the divine-spiritual; they beheld nature as spiritualized and animated. But now, driven by the already burgeoning intellectualism, people felt the urge to synthesize what is scattered throughout nature. They synthesized it in the dead Christ Jesus on the cross. Yet in Christ Jesus, people see everything they have lost in external nature. They perceive all spirituality by looking to the fact that: From this body arose the Christ, the Spirit of God, who overcame death, and in whose essence every human soul can now participate. People have lost the ability to see the divine-spiritual within the realm of nature. They have gained the ability, in light of the Mystery of Golgotha, to rediscover this divine-spiritual in the Christ.
[ 17 ] So ist die Entwickelung. Was die Menschheit verloren hat, es wurde ihr in Christus wiedergegeben. In dem, was sie verloren hat, hat sie den Egoismus gewonnen, die Möglichkeit des Selbstgefühles. Wäre die Natur nicht tot geworden für die menschliche Anschauung, so wäre der Mensch niemals zu dem Erlebnis «Ich bin» gekommen. Er ist zu dem Erlebnis «Ich bin» gekommen, er konnte sich erfühlen, innerlich sich erleben, aber er brauchte eine geistige Außenwelt. Die wurde der Christus. Aber das «Ich bin», die Egoität, die ist errichtet auf dem Leichnam der Natur.
[ 17 ] Such is the course of development. What humanity had lost was restored to it in Christ. In what it had lost, it gained selfishness—the capacity for a sense of self. Had nature not become dead to human perception, human beings would never have arrived at the experience of “I am.” They arrived at the experience of “I am”; they were able to sense themselves, to experience themselves inwardly, but they needed a spiritual external world. Christ became that world. But the “I am,” the sense of self, is built upon the corpse of nature.
[ 18 ] Das empfand Paulus. Konstruieren wir uns einmal diese Empfindung des Paulus. Ringsherum der Leichnam dessen, was einstmals die Menschen geschaut hatten in alten Zeiten. Die Menschen haben die Natur geschaut als den Leib des Göttlichen, Seelisch-Geistigen. Wie wir heute unsere Finger sehen, so sahen diese Menschen Berge. Es fiel ihnen gar nicht ein, die Berge als leblose Natur zu denken, so wenig, wie wir den Finger als lebloses Glied denken; sondern sie sagten: Da ist ein Geistig-Seelisches, das ist die Erde; die hat Glieder, und ein solches Glied ist der Berg. — Aber die Natur wurde tot. Der Mensch erlebte das «Ich bin» im Innern. Aber er würde nur dastehen als der Eremit auf der entgeistigten, entseelten Erde, wenn er nicht hinblicken könnte zu dem Christus. Diesen Christus aber, er darf ihn nicht bloß von außen anschauen, so daß er äußerlich bleibt, er muß ihn nun in das Ich aufnehmen. Er muß sagen können, indem er sich hinweghebt aus dem alltäglichen «Ich bin»: Nicht ich, sondern der Christus in mir.—Wenn wir schematisch darstellen, was da war, so könnten wir sagen: Der Mensch empfand dereinst um sich herum die Natur (grün), aber diese Natur überall durchseelt und durchgeistigt (rot). Das war in einer älteren Periode der Menschheit.
[ 18 ] That is what Paul felt. Let us try to imagine this feeling of Paul’s. All around him lay the corpse of what people had once beheld in ancient times. People viewed nature as the body of the divine, the soul-spiritual. Just as we see our fingers today, so did those people see mountains. It never occurred to them to think of the mountains as lifeless nature, any more than we think of a finger as a lifeless limb; rather, they said: There is a spiritual-soul aspect—that is the earth; it has limbs, and a mountain is one such limb. — But nature became dead. Human beings experienced the “I Am” within. But he would simply stand there like a hermit on an earth stripped of spirit and soul if he could not look toward Christ. Yet he must not merely gaze at this Christ from the outside, so that Christ remains external; he must now take him into his “I.” He must be able to say, as he rises above the everyday “I am”: Not I, but Christ within me.—If we were to schematically represent what was there, we could say: Human beings once perceived nature (green) all around them, but this nature was permeated everywhere by soul and spirit (red). That was in an earlier period of humanity.


[ 19 ] In späteren Zeiten empfand der Mensch auch die Natur, aber er empfand die Möglichkeit, gegenüber der nun entseelten Natur das eigene «Ich bin» wahrzunehmen (gelb). Da aber brauchte er dafür das Bild des im Menschen vorhandenen Gottes, und er empfand das in dem Gotte Dionysos, der ihm vorgeführt wurde im griechischen Drama.
[ 19 ] In later times, human beings also perceived nature, but they perceived the possibility of recognizing their own “I am” in contrast to nature, which had now been stripped of its soul (yellow). To do so, however, they needed the image of God present within the human being, and they perceived this in the god Dionysus, who was presented to them in Greek drama.


[ 20 ] In noch späterer Zeit empfand der Mensch wiederum die entseelte Natur (grün), in sich das «Ich bin» (gelb). Das Drama aber wird zur Tatsache. Auf Golgatha erhebt sich das Kreuz. Aber zu gleicher Zeit geht das, was der Mensch ursprünglich verloren hatte, ihm in seinem eigenen Innern auf und strahlt (rot) aus dem eigenen Innern aus: Nicht ich, sondern der Christus in mir.
[ 20 ] In even later times, human beings once again sensed the disembodied nature (green) and, within themselves, the “I Am” (yellow). But the drama becomes reality. The cross rises on Golgotha. Yet at the same time, what humanity had originally lost dawns within them and radiates (red) from their very core: Not I, but Christ within me.


[ 21 ] Wie hat der Mensch der alten Zeiten gesagt? Er hat es nicht sagen können, aber er erlebte es: Nicht ich, sondern das Göttlich-Geistige um mich, in mir, überall. — Der Mensch hat dieses «Göttlich-Geistiges überall, um mich, in mir» verloren; er hat es in sich wiedergefunden und im bewußten Sinne sagt er jetzt dasselbe, was er ursprünglich unbewußt erlebt hat: Nicht ich, sondern der Christus in mir.— Die Urtatsache, die unbewußt erlebt worden ist in der Zeit, bevor der Mensch sein Ich erlebte, die wird zur bewußten Tatsache, zum Erlebnis des Christus im menschlichen Inneren, im menschlichen Herzen, im menschlichen Seelenhaften.
[ 21 ] How did people in ancient times put it? They could not put it into words, but they experienced it: Not I, but the divine-spiritual around me, within me, everywhere. — Humanity has lost this “divine-spiritual everywhere, around me, within me”; they have rediscovered it within themselves, and now, in a conscious sense, they say the same thing they originally experienced unconsciously: Not I, but the Christ within me.— The primordial fact that was experienced unconsciously in the time before human beings experienced their “I” becomes a conscious fact, the experience of the Christ within the human being, in the human heart, in the human soul.
[ 22 ] Sehen Sie da nicht, wenn man ein solches triviales Schema aufzeichnet, förmlich das, was man dann darstellen muß in Ideen? Sehen Sie nicht die ganze Welt erfüllt von dem Christus-Geist, der im Innern des Menschen aufgeht, daß der aus dem Kosmos erst hereinzieht in den Menschen? Und machen Sie sich klar, was für eine Bedeutung das Sonnenlicht für den Menschen hat, wie der Mensch physisch ohne das Sonnenlicht nicht leben kann, wie das Licht überall uns umgibt, dann werden Sie auch verstehen können, wenn ich Ihnen sage, daß in jenen älteren Zeiten, von denen ich heute gesprochen habe, der Mensch sich durchaus als Licht im Lichte fühlte. Er fühlte sich zum Licht hinzugehörig. Er sagte nicht «Ich bin», er nahm die Sonnenstrahlen wahr, die auf die Erde fielen, und er unterschied sich nicht von den Sonnenstrahlen. Wo er das Licht wahrnahm, nahm er auch sich wahr, denn da drinnen fühlte er sich. Wenn das Licht ankam, fühlte er sich auf den Wogen des Lichtes, auf den Wogen des Sonnenhaften, der Sonne.
[ 22 ] Don’t you see, when you sketch out such a trivial diagram, exactly what you then have to represent in ideas? Don’t you see the whole world filled with the Spirit of Christ, which rises up within the human being—that which first draws in from the cosmos into the human being? And if you realize what significance sunlight has for human beings—how human beings cannot physically live without sunlight, how light surrounds us everywhere—then you will also be able to understand when I tell you that in those earlier times I have spoken of today, human beings truly felt themselves to be light within the light. They felt they belonged to the light. They did not say, “I am”; they perceived the sun’s rays falling upon the earth, and they did not distinguish themselves from those rays. Wherever they perceived the light, they also perceived themselves, for that is where they felt themselves to be. When the light arrived, they felt themselves riding the waves of light, the waves of the solar essence, the sun.
[ 23 ] Mit dem Christus wurde das in seinem eigenen Inneren wirksam. Es ist die Sonne, die in das eigene Innere einzieht und in dem eigenen Inneren wirksam wird. Es steht das natürlich vielfach in der Bibel, dieser Vergleich des Christus mit dem Lichte, aber wenn heute die Anthroposophie wiederum aufmerksam machen will, daß man es da mit einer Wirklichkeit zu tun hat, dann lehnen sich heute am meisten diejenigen Menschen auf, für deren Fakultät in den Verzeichnissen der Universitäten steht: «Gottesgelahrtheit». Sie lehnen das Wissen über diese Dinge eigentlich ab. Und es ist schon eine tief bedeutsame Tatsache, daß es gerade in Basel einmal einen solchen Gottesgelahrten gegeben hat, der auch ein Freund Nietzsches war: Overbeck, der das Buch geschrieben hat über die Christlichkeit der heutigen Theologie. Mit diesem Buche wollte er eigentlich als Theologe konstatieren, daß man noch das Christliche hat, daß es damals, in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, noch dieses Christliche gab, daß aber auch schon vieles unchristlich geworden sei, daß jedenfalls aber die Theologie nicht mehr christlich sei. Das wollte der an der theologischen Fakultät in Basel wirksame Theologieprofessor Overbeck durch sein Buch über die Christlichkeit der heutigen Theologie zum Beweise erheben. Es ist ihm auch in hohem Grade gelungen. Und wer das Buch ernst nimmt, der kommt eben zu der Überzeugung: Es mag heute noch manches Christliche geben, aber die moderne Theologie ist jedenfalls unchristlich geworden. Und es mag heute noch manches Christliche geben, aber wenn die Theologen anfangen, über Christus zu reden, so sind ihre Worte jedenfalls nicht mehr christlich. Diese Dinge werden nur gewöhnlich nicht ernst genug genommen. Aber sie sollten ernst genommen werden, denn würden sie ernst genommen, dann würde man nicht nur die Notwendigkeit des heutigen anthroposophischen Wirkens einsehen, sondern man würde auch die ganze Bedeutung der Anthroposophie einsehen. Und man würde sich vor allen Dingen der Verantwortung bewußt sein, die man heute der gegenwärtigen Menschheit gegenüber hat in bezug auf so etwas wie anthroposophisches Wissen. Denn dieses anthroposophische Wissen müßte eigentlich heute allem Wissen zugrunde liegen. Es müßte alles Wissen, insbesondere das soziale Wissen, aus diesem anthroposophischen Wissen herausgeholt werden. Denn indem die Menschen lernen, daß das Licht des Christus in ihnen lebt — Christus in mir —, indem sie das voll erleben, lernen sie, sich als etwas anderes anzusehen als das, was man bekommt, wenn man nur den Menschen als dem Leichnam der Natur angehörig ansieht. Aus dieser Anschauung aber, daß der Mensch der zum Leichnam gewordenen Natur angehört, ist unsere antisoziale, unsoziale Gegenwart entstanden. Und zu einer wirklichen Anschauung, die wiederum die Menschen zu Brüdern machen kann, die wiederum wirkliche Moralimpulse in die Menschheit bringen kann, kann es doch nur kommen, wenn der Mensch zum Verständnis des Wortes vordringt: Nicht ich, sondern der Christus in mir —, wenn der Christus, gerade im Umgange von Mensch zu Mensch, gefunden wird als eine wirksame Kraft. Ohne diese Erkenntnis kommen wir nicht vorwärts. Wir brauchen diese Erkenntnis, und diese Erkenntnis muß gefunden werden. Kommen wir vorwärts bis zu ihr, dann kommen wir auch über diese hinaus vorwärts, dann kommen wir zu der Durchchristung unseres sozialen Lebens.
[ 23 ] With Christ, this became active within us. It is the sun that enters into our inner being and becomes active there. Of course, this comparison of Christ with light appears many times in the Bible, but when anthroposophy today seeks once again to draw attention to the fact that we are dealing with a reality here, it is precisely those people whose academic discipline is listed in university catalogs as “theology” who are most resistant. They actually reject knowledge of these things. And it is indeed a profoundly significant fact that there was once such a theologian in Basel who was also a friend of Nietzsche’s: Overbeck, who wrote the book on the Christian character of contemporary theology. With this book, he actually sought, as a theologian, to establish that what is Christian still exists, that back then—in the 1870s—this Christian element still existed, but that much had already become unchristian, and that, in any case, theology was no longer Christian. Overbeck, a professor of theology at the Faculty of Theology in Basel, sought to demonstrate this through his book on the Christian character of contemporary theology. He succeeded to a great extent. And anyone who takes the book seriously will come to the conclusion that while there may still be some Christian elements today, modern theology has, in any case, become unchristian. And while there may still be many Christian elements today, when theologians begin to speak about Christ, their words are certainly no longer Christian. These matters are simply not usually taken seriously enough. But they should be taken seriously, for if they were, people would not only recognize the necessity of today’s anthroposophical work but would also grasp the full significance of anthroposophy. And above all, one would become aware of the responsibility we have today toward present-day humanity with regard to something like anthroposophical knowledge. For this anthroposophical knowledge should actually underlie all knowledge today. All knowledge—especially social knowledge—should be derived from this anthroposophical knowledge. For as people learn that the light of Christ lives within them—“Christ within me”—and as they fully experience this, they learn to see themselves as something other than what one gets when one regards the human being merely as belonging to nature’s corpse. But it is from this view—that the human being belongs to nature that has become a corpse—that our antisocial, unsocial present has arisen. And a true perspective—one that can once again make people brothers and sisters, and that can once again bring genuine moral impulses to humanity—can only come about when human beings penetrate to the understanding of the words: “Not I, but the Christ within me”—when Christ is found, precisely in human interaction, as an active force. Without this insight, we cannot move forward. We need this insight, and this insight must be found. If we make progress toward it, then we will also move beyond it; then we will arrive at the Christianization of our social life.

