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The Rudolf Steiner Archive

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The Mystery of the Sun
and
The Mystery of Death and Resurrection
Exoteric and Esoteric Christianity
GA 211

31 March 1922, Dornach

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The Mystery of the Sun and The Mystery of Death and Resurrection, tr. SOL
  1. Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung

5. Das Wesen des Menschen und Sein Ausdruck in der Griechischen Kunst

5. The Nature of Man and Its Expression in Greek Art

[ 1 ] Vergegenwärtigen wir uns heute einmal die Kräfte, welche die menschliche Wesenheit während des Erdenlebens zusammenhalten, um dadurch in diesen Tagen einen Ausblick in einiges Kosmologische bekommen zu können. Wir wissen ja, daß der Mensch sich gliedert, wenn wir das Nächste betrachten, was ihn im Erdenleben hier ausmacht, in den physischen Leib, in den Bildekräfteleib, den man auch den Ätherleib nennen kann, in den astralischen Leib und in das Ich.

[ 1 ] Let us take a moment today to reflect on the forces that hold the human being together during its earthly life, so that we may gain some insight into cosmology during these days. We know, of course, that when we consider the next aspect that constitutes the human being in earthly life, the human being is divided into the physical body, the body of formative forces—which can also be called the etheric body—the astral body, and the “I.”

[ 2 ] Stellen wir uns einmal vor Augen, wie wir etwa diese vier Glieder der menschlichen Wesenheit charakterisieren können. Der physische Leib ist ja das, was dem Menschen dadurch zukommt, daß gewissermaßen die Erdenkräfte für ihn arbeiten. In der Zeit, die der Mensch durchmacht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, hat er es ja nicht mit diesem physischen Leib zu tun. Aus den Bemerkungen, die ich in den unmittelbar vorangehenden Vorträgen gemacht habe, haben wir gesehen, daß die menschliche Wesenheit, wenn sie heruntersteigt aus geistig-seelischen Gebieten zu einer physischen Verleiblichung, gewissermaßen geistig abgestorben ist und ihreKraft in Innerlichkeit wiederum gewinnen muß durch das Untertauchen in die physische Leiblichkeit. Diese physische Leiblichkeit selber aber wird gewissermaßen aus den Kräften der Erde heraus geboren und verbindet sich mit dem, was aus der geistig-seelischen Welt herunterkommt. Aber kurze Zeit, bevor der Mensch zur physischen Erdenverkörperung gelangt, hat er auch noch nicht den Bildekräfte- oder Ätherleib. Dieser wird ebenso erst mit der menschlichen Wesenheit verbunden für dasErdendasein wie der physische Leib. Nur hat dieser ganzeBildekräfte- oder Ätherleib ein anderes Verhältnis zum Weltenall als der physische Leib.

[ 2 ] Let us consider how we might characterize these four aspects of the human being. The physical body is, after all, what comes to the human being through the fact that, in a sense, the forces of the Earth work for him. During the time the human being spends between death and a new birth, he has nothing to do with this physical body. From the remarks I made in the immediately preceding lectures, we have seen that when the human being descends from the spiritual-soul realms into physical embodiment, it is, so to speak, spiritually dead and must regain its power in inner life through immersion in physical embodiment. This physical embodiment itself, however, is, so to speak, born out of the forces of the Earth and unites with what descends from the spiritual-soul world. However, shortly before a human being attains physical embodiment on Earth, they do not yet possess the form-forming body or etheric body. This, like the physical body, is only connected to the human being for earthly existence at that point. The difference is that this entire form-forming body or etheric body has a different relationship to the universe than the physical body.

[ 3 ] Wenn wir den physischen Leib des Menschen in bezug auf seine Kräfte durchsuchen, so finden wir in ihm eben die Kräfte des Erdenplaneten selber. Wenn wir aber an den Äther- oder Bildekräfteleib des Menschen herangehen, so finden wir in ihm mehr die Kräfte des Kosmos, die Kräfte des gesamten Weltenalls. Dagegen sind im menschlichen astralischen Leib und im menschlichen Ich solche Kräfte enthalten, die eigentlich in dem äußeren Raum des Weltenalls gar nicht angetroffen werden, die, wenn wir uns des Ausdrucks bedienen dürfen, nicht von der Welt sind, der die Erde angehört.

[ 3 ] When we examine the human physical body in terms of its forces, we find within it precisely the forces of the Earth itself. But when we turn our attention to the human etheric or formative body, we find within it more of the forces of the cosmos—the forces of the entire universe. In contrast, the human astral body and the human “I” contain forces that are not actually found in the outer space of the universe—forces that, if we may use the expression, are not of the world to which the Earth belongs.

[ 4 ] Es ist eigentlich so, daß die Erde fortwährend das Bestreben hat, den physischen Leib des Menschen für sich in Anspruch zu nehmen, ihrem eigenen Wesen einzuverleiben. Dagegen hat das Weltenall fortwährend die Tendenz, den Bildekräfte- oder Ätherleib des Menschen in die ganze Welt zu zerstreuen. Wenn der Mensch in dem Zustande ist zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, dann wirken in dem, was im Bette bleibt, in dem physischen und in dem Bildekräfteleib, eigentlich die Kräfte so, daß der physische Leib fortwährend, wenn ich mich so ausdrücken darf, sich mit der Erde verbinden will. Er will der Erde ähnlich werden, er will ganz irdisch werden. Der Bildekräfte- oder Ätherleib will sich in das Weltenall zerstreuen. Und wenn wir des Morgens beim Aufwachen unseren physischen Leib und unseren Ätherleib wiederfinden, so ist es eigentlich so, daß, indem wir da in den physischen Leib hineinkommen, er uns sagt: Mich hat die Erde in Anspruch genommen während der ganzen Nacht, mich wollte die Erde zu Staub formen. Nur dadurch, daß du mich den gestrigen Tag und die vorhergehenden Erdentage zusammengehalten hast durch dein Ich und durch deinen astralischen Leib, bin ich noch ein physischer Leib geblieben; es wirkten in mir die Kräfte des Zusammenhaltens fort. — Ebenso sagt der Bildekräfte- oder Ätherleib: Eben nur, weil ich die Gewohnheit angenommen habe, dir ähnlich zu sein, habe ich die menschliche Form behalten. Eigentlich haben mich die Kräfte des Weltenalls während der Nacht, während du schliefest, während du außer mir warest, in alle Winde zerstreuen wollen.

[ 4 ] The fact is that the Earth constantly strives to claim the human physical body for itself, to incorporate it into its own being. In contrast, the universe constantly tends to disperse the human formative forces—or etheric body—throughout the entire world. When a person is in that state between falling asleep and waking up, the forces at work in what remains in bed—in the physical body and the formative body—actually cause the physical body to constantly, if I may put it that way, seek to connect with the Earth. It wants to become like the Earth; it wants to become entirely earthly. The form-body, or etheric body, wants to disperse into the universe. And when we wake up in the morning and find our physical body and our etheric body again, what is actually happening is that, as we enter the physical body, it tells us: “The earth has claimed me throughout the entire night; the earth wanted to shape me into dust.” It is only because you held me together yesterday and on the preceding days on Earth through your “I” and your astral body that I have remained a physical body; the forces that hold me together continued to work within me. — Likewise, the form-forming body, or etheric body, says: “It is only because I have taken on the habit of resembling you that I have retained the human form. In fact, the forces of the universe wanted to scatter me to the four winds during the night, while you were asleep, while you were outside of me.”

[ 5 ] Wir haben jedesmal, wenn wir aufwachen, im Grunde genommen die Anstrengung zu machen, unseren physischen Leib wiederum richtig in unseren Besitz zu nehmen. Er will eigentlich uns abhanden kommen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Das tun wir durch das Ich. Das Ich kann, wenn es dazu geschult ist, sich wirklich so empfinden, als ob es jeden Morgen neuerdings von dem physischen Leib Besitz ergreifen möchte. Der astralische Leib, der kann spüren beim Aufwachen, daß er den Ätherleib sich ähnlich machen muß. Der wollte schon eine unmenschliche Form annehmen. Der astralische Leib muß ihn wiederum in die menschliche Form zurückdrängen. Man möchte sagen: Der physische Leib verliert während des Schlafens die Neigung, sich von dem Ich besitzen zu lassen, und der Ätherleib verliert die Neigung, menschenähnliche Gestalt zu haben. Er flattert aus. So daß tatsächlich die Gestalt, die unser physischer Leib hat, nur ein Ergebnis der Ich-Wirkung in unserer menschlichen Wesenheit ist. In der gegenwärtigen Seelenverfassung haben die Menschen ja nicht viel Empfindung für so etwas, das sich in den Worten ausdrücken läßt: Wenn ich im Aufwachezustand in meinen physischen Leib zurückkehre, dann muß ich ihn erst wiederum in Besitz nehmen. Er wollte mir abhanden kommen, und der Ätherleib wollte zerflattern.

[ 5 ] Every time we wake up, we essentially have to make the effort to regain proper possession of our physical body. It actually tends to slip away from us between falling asleep and waking up. We do this through the “I.” The “I,” when trained to do so, can truly feel as if it were taking possession of the physical body anew every morning. The astral body can sense upon waking that it must make itself resemble the etheric body. The etheric body would already be taking on an inhuman form. The astral body must, in turn, push it back into human form. One might say: During sleep, the physical body loses the inclination to allow the “I” to take possession of it, and the etheric body loses the inclination to have a human-like form. It flares out. So that, in fact, the form of our physical body is merely a result of the “I’s” influence within our human being. In their present state of mind, people do not have much sense of something that can be expressed in these words: When I return to my physical body while awake, I must first take possession of it again. It was about to slip away from me, and the etheric body was about to flutter away.

[ 6 ] Nehmen wir aber an, es hätte einmal eine Zeit gegeben, in welcher die Menschen noch eine deutliche Empfindung gehabt hätten von diesem Kampf, der sich abspielt bei jedem Aufwachen zwischen dem Ich und dem astralischen Leib einerseits, und dem physischen Leib und dem Ätherleib andererseits. Dann hätten sie ja auch, eben weil sie diese deutliche Empfindung hatten, eine Empfindung davon gehabt, daß es etwas ganz Besonderes sein müßte, wenn der Mensch etwa dazu käme, durch irgend etwas ganz plötzlich seinen physischen Leib und seinen Ätherleib verlassen zu müssen.

[ 6 ] But let us suppose there was once a time when people still had a clear sense of this struggle that takes place every time they wake up—between the “I” and the astral body on the one hand, and the physical body and the etheric body on the other. Then, precisely because they had this clear sense of it, they would also have sensed that it must be something quite extraordinary if a person were, for example, suddenly compelled by some force to leave his physical body and his etheric body.

[ 7 ] Wenn unter normalen Erdenverhältnissen der Mensch seinen physischen Leib und seinen Ätherleib verläßt, so geschieht ja das dadurch, daß der physische Leib, sei es durch Krankheit, sei es durch Alter, in einem hohen Grade erdenähnlich geworden ist, so daß er sich mit der Erde vereinigen will, oder aber der Mensch hat durch irgendwelche Verletzungen seinen physischen Leib dahin gebracht, daß das Ich ihn nicht mehr besitzen kann und so weiter. Aber nehmen wir an, es käme ganz plötzlich dazu, daß das Ich und der astralische Leib aus dem vollgesunden unverletzten physischen Leib und Ätherleib heraus müßten, so daß also diese im höchsten Sinne noch die Tendenz hätten, vom Ich besessen zu werden und dem astralischen Leib ähnlich zu sein, was müßte dann geschehen?

[ 7 ] When, under normal earthly conditions, a human being leaves his physical body and his etheric body, this occurs because the physical body—whether through illness or old age—has become highly earth-like, so that it seeks to unite with the earth; or else the human being has, through some injury, brought his physical body to a state where the “I” can no longer possess it, and so on. But let us suppose that it were to happen quite suddenly that the “I” and the astral body had to leave a completely healthy, uninjured physical body and etheric body—so that these bodies would, in the highest sense, still have the tendency to be possessed by the “I” and to resemble the astral body—what would have to happen then?

[ 8 ] Der Gedanke könnte in dem alten Menschen aufgedämmert sein: Ja, dann könnte dieser physische Leib nicht ohne weiteres zerfallen.Er kann nur zerfallen, wenn er schon in sich die Tendenzen zum Zerfall hat, wie durch Krankheit oder Altern oder dergleichen. Aber wenn aus dem vollgesunden menschlichen Organismus, in dem der Bildekräfteleib darinnen ist, plötzlich der astralische Leib und das Ich heraus müßten, dann müßte die menschenähnliche Form bleiben, denn es ist noch voll die Tendenz vorhanden, von dem Ich und dem astralischen Leib besessen zu werden. Es müßte voll die menschliche Form dableiben. Der Mensch müßte so werden wie eine Bildsäule. Der physische Leib könnte nicht zerfallen, der Ätherleib könnte nicht unähnlich werden, weil die Trennung zu rasch gewesen wäre. Es müßte der Mensch eine Bildsäule werden.

[ 8 ] The thought might have dawned on the old man: Yes, then this physical body could not simply disintegrate. It can only disintegrate if it already contains within itself the tendencies toward disintegration, such as through illness, aging, or the like. But if the astral body and the “I” were suddenly to leave a perfectly healthy human organism—one in which the form-body is present—then the human-like form would have to remain, for the tendency to be inhabited by the “I” and the astral body is still fully present. The human form would have to remain intact. The human being would become like a statue. The physical body could not decay, and the etheric body could not become dissimilar, because the separation would have been too rapid. The human being would have to become a statue.

[ 9 ] Solch eine Empfindung scheint tatsächlich einmal dagewesen zu sein. Sie kennen ja alle die griechische Sage von Niobe, welche sieben gesunde Söhne und sieben gesunde Töchter hatte und die einmal aus einer Fülle von Gesundheit heraus die Mutter des Apollo und der Artemis verhöhnte, weil diese, trotzdem sie eine Göttin ist, nur zwei Kinder habe: Apollo und Artemis. Sie weigerte sich zu opfern, und die Rache des Gottes oder der Götter kam über sie. Sie mußte es erleben, daß von den Pfeilen des Apollo und der Artemis getroffen ihre sieben Töchter und ihre sieben Söhne ganz plötzlich dahinstarben, getötet wurden. Sie sah das ganze Leichenfeld ihrer vierzehn Sprößlinge vor sich, und ihr Ich und ihr astralischer Leib verbanden sich im Schmerze mit dem, was sie um sich herum sah. Sie kennen die Giebelfiguren der Niobe, die zur Bildsäule wird, um sie herum die sieben Söhne, die sieben Töchter, wie sie an den Tod kommen. Sie selbst wird zur Bildsäule. Der physische Leib, der Ätherleib müssen sich trennen von dem Ich und dem astralischen Leib. Aber dieser physische Leib und der Ätherleib, weil sie so voll von strotzendem Leben waren, daß Niobe selbst die Göttin mit ihren zwei Sprößlingen verhöhnen konnte, konnten nicht den Hang zum Ich verlieren, und der Ätherleib konnte nicht unähnlich werden dem astralischen Leibe. Niobe wurde zur Bildsäule.

[ 9 ] Such a feeling does indeed seem to have existed at one time. You are all familiar with the Greek myth of Niobe, who had seven healthy sons and seven healthy daughters and who, in the midst of her abundance of health, once mocked the mother of Apollo and Artemis because, despite being a goddess, she had only two children: Apollo and Artemis. She refused to make a sacrifice, and the vengeance of the god or gods came upon her. She had to witness her seven daughters and seven sons suddenly perish, struck down by the arrows of Apollo and Artemis. She saw the entire field of corpses of her fourteen offspring before her, and her ego and her astral body merged in pain with what she saw around her. You are familiar with the pediment figures of Niobe, who is turned into a statue, surrounded by her seven sons and seven daughters as they meet their deaths. She herself is turned into a statue. The physical body and the etheric body must separate from the ego and the astral body. But this physical body and the etheric body—because they were so full of bursting life that Niobe herself could mock the goddess with her two offspring—could not lose their attachment to the ego, and the etheric body could not become dissimilar to the astral body. Niobe became a statue.

[ 10 ] Solch ein Kunstwerk ist durchaus hervorgegangen aus einer tiefen Weltanschauungsempfindung, aus etwas, das man aus der damaligen Weltanschauung heraus wie eine Wahrheit empfunden hat. Man hat eben empfunden: Wäre Niobe nicht von so strotzendem Leben gewesen, daß sie zur Verhöhnung der Göttin Latona kommen konnte, dann hätte sie so sterben können, daß ihr physischer Leib zerfallen wäre. Aber sie ist eben von so strotzendem Leben gewesen, daß sie sich selbst gegen die Götter auflehnte, daß sie also voll in diesem physischen Leib drinnen lebte. Und so sehen wir, daß der griechische Genius empfindet: Wegen des schnellen Herausgehens des Ich und des astralischen Leibes aus dem physischen und dem Ätherleib wird die Niobe zur Bildsäule.

[ 10 ] Such a work of art certainly arose from a profound sense of worldview, from something that was perceived as a truth within the worldview of that time. People simply felt: If Niobe had not been so brimming with life that she could come to mock the goddess Latona, then she could have died in such a way that her physical body would have decayed. But she was, in fact, so full of life that she rebelled even against the gods—that is, she lived fully within this physical body. And so we see that the Greek genius perceives: because of the rapid departure of the “I” and the astral body from the physical and etheric bodies, Niobe becomes a statue.

[ 11 ] Wenn man nämlich zurücksieht in der Menschheitsentwickelung, dann schließt sich immer die Kunst durchaus an das Empfinden an, welches mit der Weltanschauung einer betreffenden Zeit zusammenhängt. Wir können das aber auch noch an vielem anderen sehen. Lenken wir noch einmal unseren Blick darauf, wie der Mensch beim Aufwachen wiederum Besitz ergreifen muß von seinem physischen Leibe, weil dieser physische Leib der Erde ähnlich werden will. Hätte Niobe auch nur eine Nacht schlafen können, nachdem sie ihren Schmerz erfahren hatte, dann hätte sie nicht mehr zur Bildsäule werden können, denn der physische Leib würde dann schon die Kräfte in sich aufgenommen haben, der Erde ähnlich zu werden, das heißt zu zerfallen. Die menschliche Wesenheit muß also an jedem Morgen wiederum von dem physischen Leib Besitz ergreifen, und der astralische Leib muß jeden Morgen den Ätherleib sich ähnlich formen, ihn wiederum plastisch gestalten, so daß er menschenähnliche Form annimmt.

[ 11 ] For when we look back at the development of humanity, we see that art is always closely linked to the sensibility associated with the worldview of a given era. But we can also see this in many other things. Let us once again turn our attention to how, upon waking, a human being must once more take possession of their physical body, because this physical body seeks to become like the earth. Had Niobe been able to sleep even for a single night after experiencing her grief, she would not have been able to turn into a statue, for the physical body would then already have absorbed the forces necessary to become like the earth—that is, to decay. The human being must therefore reclaim possession of the physical body every morning, and the astral body must shape itself to resemble the etheric body every morning, molding it anew so that it takes on a human-like form.

[ 12 ] Es gab innerhalb der griechischen Entwickelung eine Zeit, wo man das recht lebendig empfunden hat, daß der Mensch jeden Morgen Kräfte entwickeln muß, um starken Besitz von seinem physischen Leib zu nehmen. Der Grieche hat eine gewisse Befriedigung gehabt an dem Besitz seines physischen Leibes, und da er gewußt hat: jeden Morgen muß neu Besitz ergriffen werden vom physischen Leib, so hat er das Bedürfnis empfunden, die Kräfte, welche Besitz ergreifen können vom physischen Leib, und auch diejenigen, welche den astralischen Leib stark machen, zu verstärken, um sich den Ätherleib jeden Morgen wiederum ähnlich zu machen.

[ 12 ] There was a time in Greek history when people felt very keenly that every morning a person must summon the strength to take firm possession of his physical body. The Greeks derived a certain satisfaction from having possession of their physical bodies, and since they knew that every morning they had to reclaim possession of their physical bodies, they felt the need to strengthen both the forces capable of taking possession of the physical body and those that fortify the astral body, in order to make themselves similar to the etheric body again each morning.

[ 13 ] Wenn der Mensch wachend, bewußt den ganzen Vorgang verfolgen würde, der beim Aufwachen sich abspielt, so würde er im Aufwachen sich jeden Morgen sagen: Daß mir nur ja mein physischer Leib nicht abhanden kommt, daß ich nur ja wiederum in diesen physischen Leib richtig hineinkomme! — Furcht hätte der Mensch davor, nicht richtig in den physischen Leib hineinkommen zu können. Der Grieche in der älteren Zeit wußte viel von dieser Furcht, und er wußte ebensogut: Der Ätherleib bekommt jede Nacht eine eigentümliche Neigung, in vier verschiedene Gestalten auseinander zu flattern, zu etwas zu werden, was engelartig ist, was löwenartig ist, was adlerartig ist und was ochsenartig ist. Man muß jeden Morgen vom astralischen Leib aus sich wieder bemühen, diese vier Glieder des Ätherleibes, wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf, so durcheinander zu synthetisieren, daß wiederum ein richtiger Mensch daraus wird. Aber die Griechen hatten das Leben im physischen und im Ätherleib gern. Ich habe Ihnen ja öfter jenen Ausspruch angeführt, der uns aus Griechenland herauftönt: «Lieber ein Bettler auf der Erde als ein König im Reiche der Schatten», in der Unterwelt. — Der Grieche liebte dieses physische Dasein. Er wollte also auch gestärkt werden in dem Besitzergreifen seines physischen Leibes, in dem Ähnlichwerden des Ätherleibes dem Menschen. Und sehen Sie, mit aus dieser Tendenz heraus entstand die Tragödie. Und Aristoteles noch gibt eine Definition von der Tragödie, von dem Trauerspiel, die deutlich darauf hinweist, daß im Grunde genommen die Griechen nicht die Tragödie sich so gedacht haben, wie der moderne Mensch sie sich denkt. Ich weiß nicht, ob jemand andere Erfahrungen hat, aber ich habe zumeist die Erfahrung gemacht, daß die Leute heute glauben, Trauerspiele gibt es aus dem Grunde, weil, wenn man den ganzen Tag über sich abgegeben hat mit dem, was eben der Tag bringt, man sich abends gern ein paar Stunden hinsetzt, um in einer mehr oder weniger aufregenden Art etwas zu erleben, was kein wirkliches Erlebnis, sondern nur ein Bild ist.

[ 13 ] If a person were to consciously follow the entire process that takes place upon waking while still awake, he would say to himself every morning as he woke up: “Please, let me not lose my physical body; please, let me enter this physical body correctly once again!” — A person would fear not being able to re-enter their physical body properly. The ancient Greeks knew a great deal about this fear, and they knew just as well that every night the etheric body develops a peculiar tendency to flutter apart into four different forms, becoming something angelic, something lion-like, something eagle-like, and something ox-like. Every morning, one must strive anew from within the astral body to, if I may use the expression, synthesize these four parts of the etheric body in such a way that a proper human being is formed once more. But the Greeks loved life in the physical and etheric bodies. I have often quoted to you that saying that echoes to us from Greece: “Better to be a beggar on earth than a king in the realm of shadows,” in the underworld. — The Greeks loved this physical existence. They therefore also sought to be strengthened in their appropriation of their physical body, in making the etheric body more like that of a human being. And you see, it was partly out of this tendency that tragedy arose. And Aristotle himself offers a definition of tragedy that clearly indicates that, fundamentally speaking, the Greeks did not conceive of tragedy in the same way that modern people do. I don’t know if anyone else has had different experiences, but I have mostly found that people today believe tragedies exist for the reason that, after spending the whole day dealing with whatever the day brings, they like to sit down for a few hours in the evening to experience, in a more or less exciting way, something that is not a real experience but merely an image.

[ 14 ] So hat der Grieche in der Zeit, als die griechische Kultur eigentlich nach und nach entstanden ist, durchaus nicht gedacht. Dem Griechen war das Leben Eines, und alles, was er in das Leben hineingesetzt hat, das war ihm etwas, das eben wirklich der Gesamtheit dieses Lebens auch lebendig angehören sollte. Und die Tragödie war ihm das Mittel, damit der Mensch richtig seinen physischen Leib besitzen und seinen Ätherleib formen könne. Und die Tragödie wurde so ausgebildet, daß, indem der Mensch sie ansah, er Furcht und Mitleid empfinden sollte. Warum sollte der Mensch da in der Tragödie Furcht erleben? Er sollte Furcht erleben, weil durch das Erleben dieser Furcht gestärkt wird seine Kraft, den physischen Leib in der richtigen Weise an jedem Morgen in Besitz zu nehmen. Und Mitleid sollte er empfinden, weil dadurch sein astralischer Leib an jedem Morgen stärker gemacht wird, um den Ätherleib in der richtigen Weise zu formen. Setzt mir Tragödien vor, sagte der Grieche, dann bin ich imstande, meinen physischen Leib richtig in Besitz zu nehmen, meinen Ätherleib richtig aufzubauen, dann bin ich im vollsten Sinne des Wortes imstande, ein rechter Mensch zu sein. Der Grieche wollte ein rechter Mensch im Erdendasein sein. Dazu sollte ihm neben dem anderen, daß er in seine Kultur sich hineinstellte, auch das Trauerspiel, die Tragödie dienen. Natürlich setzt das voraus, daß man in jenen älteren Zeiten gewußt hat, wie das Geistig-Seelische, das Ich und der astralische Leib des Menschen, zusammenhängt mit dem Physischen und dem Ätherischen des Menschen.

[ 14 ] This was by no means how the Greeks thought during the period when Greek culture was actually gradually emerging. For the Greeks, life was one whole, and everything they incorporated into that life was, for them, something that was truly meant to be a living part of the totality of that life. And tragedy was, for them, the means by which a person could truly take possession of their physical body and shape their etheric body. And tragedy was structured in such a way that, as a person watched it, they would feel fear and compassion. Why should a person experience fear in a tragedy? They should experience fear because experiencing this fear strengthens their power to take possession of their physical body in the right way every morning. And they should feel compassion because this makes their astral body stronger every morning, enabling them to shape their etheric body in the right way. “Present me with tragedies,” said the Greek, “and I will be able to properly take possession of my physical body, properly build up my etheric body; then I will be able, in the fullest sense of the word, to be a true human being.” The Greek wanted to be a true human being in his earthly existence. To this end, in addition to immersing himself in his culture, the tragedy was also meant to serve him. Of course, this presupposes that in those earlier times, people knew how the spiritual-soul aspects—the “I” and the astral body—are connected to the physical and etheric aspects of the human being.

[ 15 ] Aristoteles gibt eine Definition des Trauerspieles. Er sagt: Das Trauerspiel, die Tragödie ist die Nachahmung einer Handlung, durch die Furcht und Mitleid erregt werden, damit der Mensch durch die Erregung von Furcht und Mitleid die Katharsis, die Krisis von Furcht und Mitleid erlebt. — Krisis, Katharsis, das ist ein Ausdruck, welcher der älteren griechischen Medizin, der Heilkunst entlehnt ist, und es wird eben die Tragödie selbst da noch, als Aristoteles schon das Griechentum in die Pedanterie hinaus entwickelte, so von ihm empfunden, daß sie etwas Heilendes, etwas Stärkendes für den Menschen haben soll.

[ 15 ] Aristotle provides a definition of tragedy. He says: Tragedy is the imitation of an action that arouses fear and pity, so that the audience, through the arousal of fear and pity, experiences catharsis—the resolution of fear and pity. — Crisis, catharsis—these are terms borrowed from ancient Greek medicine, the art of healing—and even then, when Aristotle was already leading Greek culture into pedantry, he still perceived tragedy itself as having a healing and strengthening effect on people.

[ 16 ] Versuchen wir einmal diesen Ausdruck «Katharsis», der ja auch aus den Mysterien kommt — und was er in den Mysterien bedeutet, haben wir ja öfter erklärt —, uns im gewöhnlichen Leben klar zu machen.

[ 16 ] Let’s try to understand the meaning of the term “catharsis”—which, after all, also comes from the Mysteries, and we have often explained what it means in the Mysteries—in our everyday lives.

[ 17 ] Wenn der Mensch innerlich krank wird, was geht da eigentlich vor? Es treten im Menschen Leiden, Schmerzen auf, die sonst nicht vorhanden sind. Er beginnt seinen Organismus zu spüren, in irgendeiner Weise zu empfinden, so zu empfinden, wie er ihn im normalen, im sogenannten gesunden Leben eben nicht empfindet. Im gesunden Leben tut einem nichts weh zunächst, glaubt man. Wenn man krank wird, beginnt etwas weh zu tun, Schmerzen zu machen. Das bedeutet aber nichts anderes, als daß das Ich und der astralische Leib nicht in der richtigen Weise — verzeihen Sie den etwas groben Ausdruck — eingehängt sind in den physischen Leib und in den Ätherleib. Wird nun der Mensch zur Heilung, zur Gesundung wieder geführt, so bekommt das Ich und der astralische Leib die Kraft, sich wiederum in der richtigen Weise einzuhängen. Das Ich und der astralische Leib bekommen eine größere Kraft über den physischen Leib in der Heilung, als sie vor der Heilung gehabt haben.

[ 17 ] When a person becomes ill internally, what is actually happening? Suffering and pain arise within the person that are not normally present. He begins to feel his organism, to perceive it in some way—in a way that he does not perceive it in normal, so-called healthy life. In a healthy life, one believes at first that nothing hurts. When one becomes ill, something begins to hurt, to cause pain. But this means nothing other than that the ego and the astral body are not properly—forgive the somewhat crude expression—connected to the physical body and the etheric body. When a person is then guided back to healing and recovery, the ego and the astral body regain the strength to reattach themselves in the proper way. During the healing process, the ego and the astral body gain greater control over the physical body than they had before the healing began.

[ 18 ] Nehmen wir an, der Mensch verfällt einer Lungenkrankheit. Sein Ich und sein astralischer Leib sind nicht richtig in den Ätherteil der Lunge und in den physischen Teil der Lunge eingeschaltet. Was bei der Heilung vorgeht, ist wiederum die richtige Einschaltung. Und die Krisis besteht eben darin, daß außerhalb der richtigen Einschaltung das Ich und der astralische Leib die Kraft bekommen, sich nachher wieder richtig einzuschalten. Das, was da in der Krankheit in einer äußerlichen Weise vor sich geht, das sah der Grieche fortwährend in einer innerlichen Weise in dem Menschen vor sich gehen.

[ 18 ] Let us suppose that a person contracts a lung disease. Their ego and astral body are not properly integrated into the etheric and physical aspects of the lungs. What takes place during healing is, once again, this proper integration. And the crisis consists precisely in the fact that, outside of this proper integration, the ego and the astral body gain the strength to reintegrate themselves properly afterward. What takes place externally during the illness was what the Greeks constantly observed taking place internally within the human being.

[ 19 ] Der Grieche empfand so: Wenn der Mensch gar nichts für sich tut, dann werden sein Ich und sein astralischer Leib immer fremder dem physischen und dem Ätherleib. Die können immer weniger vom physischen Leib Besitz ergreifen und immer weniger den Ätherleib nach sich formen. Man muß sie herausbringen, damit sie sich dann wiederum in der richtigen Weise hineinstellen. Man muß den astralischen Leib durchströmen von angeschauten Leiden, von Mitleiden. Und man muß das Ich durchströmen von Furcht. Wenn das Ich die Furcht erlebt, dann stärkt es sich. Und das Ich übersteht diese Furcht, weil sie eben nur durch das Bild vorgeführt wird. Das Ich also geht nicht zugrunde unter der Furcht, es übersteht die Furcht, es macht die Krisis, die Katharsis durch, und hat dadurch eine verstärkte Kraft, um den physischen Leib wiederum jeden Morgen in Besitz zu nehmen. Ebenso wird durch das Mitleid, durch das Anschauen des Leides, der astralische Leib verstärkt, sich den Ätherleib immer ähnlicher und ähnlicher zu machen.

[ 19 ] The Greeks believed that if a person does nothing for themselves, their ego and astral body will become increasingly estranged from the physical and etheric bodies. These bodies will be less and less able to take possession of the physical body and less and less able to shape the etheric body according to their will. One must bring them out so that they can then re-enter in the proper way. One must allow the astral body to be permeated by observed suffering and by compassion. And one must allow the “I” to be permeated by fear. When the “I” experiences fear, it strengthens itself. And the “I” overcomes this fear because it is presented only as an image. Thus, the “I” does not perish under the fear; it overcomes the fear, undergoes the crisis, the catharsis, and thereby gains increased strength to take possession of the physical body again each morning. Likewise, through compassion—through the contemplation of suffering—the astral body is strengthened, becoming more and more like the etheric body.

[ 20 ] Das also kann Ihnen zeigen, wie man in Griechenland in der Kunst etwas gesehen hat, was auf der einen Seite voll zusammenhängt mit dem menschlichen Wesen, wie die Niobe-Gestalt zeigt, oder was im Menschenwerden und im Menschenerziehungs-Prozesse wirken soll. Des Griechen Blick war eben immer auf den konkreten Menschen hin gerichtet und man kann sagen: Seit der Griechenzeit wurde eigentlich das Wesen des Menschen vom Menschen selber verloren.

[ 20 ] This, then, can show you how art in Greece was seen as something that, on the one hand, is fully connected to the human being—as the figure of Niobe demonstrates—or as something intended to influence the process of becoming human and the process of human education. The Greeks’ gaze was always directed toward the concrete human being, and one could say: Since the time of the Greeks, the essence of the human being has actually been lost by human beings themselves.

[ 21 ] Das tritt einem ja besonders stark entgegen, wenn man den Blick wendet auf den jungen Goethe. Goethe lernt wirklich schon in seinen jungen Jahren viel von der Welt kennen, von der Welt seiner Umgebung, von der Art und Weise, wie die Menschen denken, wie sie empfinden. Und er lernt sogar sehr viel von dem kennen, wie außerordentlich bedeutende, genialische Menschen versuchen, sich die Welt vorzustellen. Aber es ist für Goethe — ich habe das hier schon einmal auseinandergesetzt — ein Kampf, hineinzuwachsen in seine Kulturumgebung. Denn wir wissen ja, seit den letzten vier bis fünf Jahrhunderten ist die Kulturwelt intellektualistisch geworden, und Goethe empfand diesen Intellektualismus, der über alles sich ergossen hat. Er drückte das im «Faust» aus: Philosophie ist intellektualistisch geworden, Juristerei ist intellektualistisch geworden, Medizin ist intellektualistisch geworden, "Theologie sogar ist intellektualistisch geworden. Faust hat alles das studiert. Aber der bloße Gedanke, der in dem allem lebt, der ist ihm etwas Wirklichkeitsfremdes. Er will die geistigen Grundlagen des Daseins zu sich in Beziehung bringen. — Das ist im Grunde genommen Goethes Empfindung. Dieses IntellektualistischWerden des modernen Menschen, das mußte natürlich Goethe zugeben, denn es war so die Zeitentwickelung. Die Menschheitsentwickelung war eben an diesem Punkte angelangt. Aber für ihn war es ein Kampf, weil der Gedanke doch nicht das volle Menschliche intensiv umfaßt. Er fühlte sich der Welt fremd, indem er die Welt ringsherum als eine gedankliche sich entwickeln sah.

[ 21 ] This becomes particularly evident when one turns one’s attention to the young Goethe. Even in his early years, Goethe truly learned a great deal about the world—about the world around him, about the way people think and feel. And he even learned a great deal about how extraordinarily significant, genius-level individuals attempt to conceive of the world. But for Goethe—as I have already discussed here—it was a struggle to grow into his cultural environment. For we know, after all, that over the last four to five centuries, the cultural world has become intellectualistic, and Goethe sensed this intellectualism that had spread over everything. He expressed this in Faust: philosophy has become intellectualistic, jurisprudence has become intellectualistic, medicine has become intellectualistic—“even theology has become intellectualistic.” Faust studied all of these. But the mere thought that lives within all of this is, to him, something alien to reality. He wants to relate the spiritual foundations of existence to himself. — That, in essence, is Goethe’s feeling. This intellectualization of modern humanity—Goethe naturally had to acknowledge it, for such was the course of historical development. Human development had simply reached this point. But for him it was a struggle, because thought does not, after all, fully and intensely encompass the whole of humanity. He felt alienated from the world as he saw the world around him developing as a world of thought.

[ 22 ] Einer derjenigen Menschen, die damals, als Goethe jung war, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und in energischer Weise hineinstrebten in das Intellektualistische, war Lessing. Goethe hätte Lessing begegnen können in Leipzig. Er hat es vermieden, weil ihm Lessing zu intellektualistisch war. Herder, später in Straßburg, war es nicht. Herder war trotz des Intellektualismus voll Empfindung und voll Gefühl zu einer umfassenden Weltanschauung gekommen. Da konnte Goethe heran. Lessing war ihm etwas unheimlich Verständiges. Den vermied er.

[ 22 ] One of the people who, back when Goethe was young, strove toward intellectualism with a certain naturalness and vigor was Lessing. Goethe could have met Lessing in Leipzig. He avoided doing so because Lessing was too intellectual for him. Herder, whom he met later in Strasbourg, was not. Despite his intellectualism, Herder had arrived at a comprehensive worldview full of sensitivity and emotion. Goethe could relate to that. Lessing, on the other hand, struck him as unnervingly rational. He avoided him.

[ 23 ] Aus dieser Stimmung heraus kann man auch begreifen, wie Goethe in einem bestimmten Alter nicht mehr anders konnte als herauszukommen aus dieser Welt, in der man über alles denken will. Goethe wäre zu einer bestimmten Zeit in Weimar am liebsten aus seiner ganzen Haut herausgefahren, trotzdem es ihm außerordentlich gut ging; trotzdem er vergöttert wurde am Weimarischen Hofe, konnte er es nicht aushalten. Er konnte die ganzen Verhältnisse nicht aushalten. Er konnte auch das nicht aushalten: Dieser Herder, der studierte ja den Spinoza. Spinoza aber ist im Grunde genommen eine ganze Gedankenmaschinerie, eine wunderbare, aber man kommt ja weg von der Welt, wenn man sich in diese Gedankenmaschinerie hineinverspinnt.

[ 23 ] Given this atmosphere, one can also understand how, at a certain age, Goethe could do nothing else but break free from this world in which people want to think about everything. At a certain point in Weimar, Goethe would have loved nothing more than to escape from it all, even though he was doing exceptionally well; even though he was idolized at the Weimar court, he couldn’t stand it. He couldn’t stand the whole situation. He also couldn’t stand this: Herder, who studied Spinoza. But Spinoza is, at the core, an entire machinery of thought—a marvelous one, but one drifts away from the world when one gets entangled in this machinery of thought.

[ 24 ] Und so mußte er nach Italien, denn er wollte den Menschen entdecken. Er wollte in dem Empfinden der griechischen Kunst, der antiken Kunst, den Menschen entdecken, der dem modernen Menschen fremd geworden war. Goethe lechzte nach der Entdeckung, nach dem Erleben des Menschen. Und im Grunde genommen ist ja die ganze Anthroposophie nichts anderes als eine Weltanschauung, die der Sehnsucht entspringt, den Menschen in seinem ganzen Wesen zu finden, sich die Frage zu beantworten: Was ist eigentlich dieser Mensch? Wie steht er drinnen im Leben?

[ 24 ] And so he had to go to Italy, for he wanted to discover the human being. He wanted to discover, through the sensibility of Greek art—of ancient art—the human being who had become alien to modern man. Goethe yearned for this discovery, for the experience of the human being. And, when all is said and done, the whole of anthroposophy is nothing other than a worldview that springs from the longing to find the human being in his or her entirety, to answer the question: What, in fact, is this human being? How does he or she stand within life?

[ 25 ] Dadurch aber werden allmählich auch immer mehr und mehr anschaulich die Dinge, die aus vollem Erfühlen der menschlichen Wesenheit sich in die Zivilisationsentwickelung hineingestellt haben, wie die Tragödie, oder solch ein Kunstwerk wie die Niobe-Gruppe. Nehmen Sie diese Niobe-Gruppe. Niobe, in ihrer Seele, das heißt in ihrem Ich, in ihrem astralischen Leib, lebt ganz draußen; die strahlen ganz aus, hinaus in die Sphäre, woher ihr Schmerz kommt. Die Seele wird durch den Schmerz herausgerissen. Der Körper ist noch durchsetzt von den Kräften des Ich und des Astralischen. Die Form bleibt, die Form hält fest zusammen. Bildsäule wird sie, die Niobe.

[ 25 ] But through this, the things that have found their way into the development of civilization out of a deep sense of human nature—such as tragedy, or a work of art like the Niobe Group—gradually become more and more vivid. Take this Niobe Group, for example. Niobe, in her soul—that is, in her “I,” in her astral body—lives entirely outside herself; she radiates completely outward into the sphere from which her pain originates. Her soul is torn away by the pain. Her body is still permeated by the forces of the “I” and the astral. The form remains; the form holds everything together. She becomes a statue, this Niobe.

[ 26 ] Nehmen Sie den entgegengesetzten Fall: Es sei gar keine Veranlassung da, daß das Ich und der astralische Leib aus dem physischen und aus dem Ätherleib heraus sollen, und dennoch, sie werden herausgetrieben, weil der physische und der Ätherleib von außen zerstört werden, weil sie genommen werden dem Ich und dem astralischen Leibe. Da müssen also dieses Ich und der astralische Leib heraus. Aber indem von außen zerstört werden physischer Leib und Ätherleib, bekommen sie eine Form, welche auf der einen Seite der Zerstörungskraft folgt, auf der anderen Seite förmlich sichtbar macht, wie das Ich und der astralische Leib herausgedrängt werden. Bei Niobe braucht das nicht zu sein; da ist es plötzlich. Aber nehmen Sie an, Niobe würde nicht dadurch, daß sie das Leichenfeld ihrer Sprößlinge ansieht, herauseilen aus ihrem physischen und dem Ätherleib, sondern es würde irgend etwas geschehen mit ihrem physischen und mit ihrem Ätherleib, daß die Seele herausgedrängt würde. Da würde man sehen an dem physischen und an dem Ätherleib nicht, wie sie zur Bildsäule werden, nicht, wie sie erstarren gewissermaßen in der Materie, in der geformten Materie, sondern man würde sehen, wie das Ich da drinnen noch wirkt, wie der astralische Leib sich noch bemüht, den ätherischen Leib zu formen. Das haben Sie ja auch in Griechenland gebildet: Das ist der Laokoon. Den Laokoon können Sie verstehen, wenn Sie sich durchdringen mit der Erkenntnis, daß es da entgegengesetzt ist wie bei der Niobe, daß da von außen der physische Leib und der Ätherleib zerstört werden und wie das Ganze kämpft mit dem Ich und mit dem astralischen Leib, die da herausgedrängt werden. So daß Sie in jeder Formung, in der Formung des Mundes, in der Formung des Gesichtes, in dem Halten der Arme, in den Formen, die die Finger annehmen, es dem Laokoon ansehen, daß die Situation wiedergegeben ist, von der ich eben jetzt spreche.

[ 26 ] Consider the opposite case: Suppose there were no reason at all for the I and the astral body to leave the physical and etheric bodies, and yet they are driven out because the physical and etheric bodies are destroyed from the outside, because they are taken away from the I and the astral body. So the I and the astral body must leave. But as the physical and etheric bodies are destroyed from the outside, they take on a form that, on the one hand, follows the destructive force and, on the other hand, literally makes visible how the I and the astral body are forced out. In the case of Niobe, this need not be the case; there it happens suddenly. But suppose Niobe were not to rush out of her physical and etheric bodies simply by looking upon the field of her children’s corpses, but rather something were to happen to her physical and etheric bodies that would force the soul out. In that case, one would not see in the physical and etheric bodies how they turn into statues, nor how they, so to speak, freeze within the matter—within the formed matter—but one would see how the “I” is still active within, how the astral body is still striving to shape the etheric body. You have, after all, depicted this in Greece: that is the Laocoön. You can understand the Laocoön if you imbue yourself with the realization that here the situation is the opposite of that in the case of Niobe—that here the physical body and the etheric body are being destroyed from the outside, and how the whole being struggles with the “I” and the astral body, which are being forced out. So that in every feature—in the shaping of the mouth, in the shaping of the face, in the positioning of the arms, in the shapes the fingers take—you can see in the Laocoön that the situation I am speaking of right now is depicted.

[ 27 ] Wir müssen wiederum zu solchen Erkenntnissen kommen, denn sonst wird eben der ja für die neuere Zeit tief berechtigte Intellektualismus den Menschen von einer wahren Anschauung, von einer wahren Erkenntnis der Natur, von der Wirklichkeit entfernen.

[ 27 ] We must once again arrive at such insights, for otherwise the intellectualism that has been so deeply justified in modern times will distance people from a true perception, from a true understanding of nature, and from reality.

[ 28 ] Denken Sie sich nur, wie Lessing sich bemüht hat, die Laokoon-Gruppe zu erklären. Er hat sie eben im Grunde genommen ganz äußerlich erklärt. Selbstverständlich sage ich das mit allem schuldigen Respekt vor dem großen Lessing. Aber wenn man seine Erklärung nimmt, so besagt sie: Wenn ein Dichter vom Laokoon redet, da darf der Laokoon schreien, denn das sieht man nicht, wie er beim Schreien das Maul aufreißt. Aber wenn der Bildhauer ihn bildet, da sieht man, wie er das Maul aufreißt. Das darf man nicht, das Maul aufreißen. — Das ist ganz äußerlich: Der Dichter soll es so machen, der Bildhauer soll es anders machen! Selbstverständlich ist das, was Lessing geleistet hat, etwas außerordentlich Bedeutendes. Man kann schon sagen: Mit allem schuldigen Respekt muß man diese Dinge behandeln, aber man muß sich klar darüber sein, daß eben in der Lessingschen Behandlung der Laokoon-Gruppe nichts von dem vorliegt, was nun die ganze Gestalt des Laokoon aus der Situation heraus erklärt. Dazu ist eben notwendig, daß man die Kräfte, die den Menschen in seinen vier Gliedern zusammenhalten, wie ich in der Einleitung zu diesen Betrachtungen sagte, in der entsprechenden Weise überschaut.

[ 28 ] Just imagine how hard Lessing tried to explain the Laocoön group. He basically explained it in a purely superficial way. Of course, I say this with all due respect for the great Lessing. But if one takes his explanation, it amounts to this: When a poet speaks of Laocoön, Laocoön is allowed to scream, because you cannot see how he opens his mouth wide as he screams. But when the sculptor creates him, you can see how he opens his mouth wide. You must not do that—open his mouth wide. — That is entirely superficial: The poet should do it one way, the sculptor another! Of course, what Lessing accomplished is something extraordinarily significant. One can certainly say: With all due respect, one must treat these matters, but one must be clear that in Lessing’s treatment of the Laocoön group, there is nothing that explains the entire figure of Laocoön in the context of the situation. To do so, it is necessary to grasp, in the appropriate manner, the forces that hold the human being together in his four limbs, as I stated in the introduction to these reflections.

[ 29 ] Dieses Überschauen ist dem Zeitalter des Intellektualismus vollständig verlorengegangen. Dieses Zeitalter des Intellektualismus wußte im Grunde mit dem, was der Mensch ist, gar nichts Rechtes mehr anzufangen. Und so verlor man gerade im Zeitalter des Intellektualismus die Abschätzung aller Dinge. Das ist dasjenige, was Goethe so entschieden gefühlt hat und was ihn dazu gebracht hat, daß er es eigentlich nicht hat ausstehen können, wenn das Intellektualistische selbst in die Kunst hineinragte. Der junge Goethe konnte die ganze Art der Corneille-Racine-Kunst nicht leiden, weil da der Intellektualismus das Dramatische intellektualistisch formt.

[ 29 ] This sense of perspective has been completely lost in the age of intellectualism. This age of intellectualism, at heart, no longer knew what to make of what it means to be human. And so, precisely in the age of intellectualism, people lost their ability to assess all things. This is precisely what Goethe felt so strongly and what led him to the point where he could not stand it when intellectualism encroached even upon art. The young Goethe could not stand the entire style of Corneille and Racine’s art, because there intellectualism shapes the dramatic in an intellectualistic way.

[ 30 ] Dagegen wendet sich Goethe zu Shakespeare hin, der aus allen Widersprüchen der Natur heraus gestaltet. Daher findet Goethe, daß Shakespeare so etwas ist wie der Interpret des Weltengeistes selber. Das empfindet Goethe ganz tief deshalb, weil er dieses Hereinbrechen des Intellektualismus fühlt. Nicht wahr, ich habe schon öfter aufmerksam gemacht darauf, daß man Hamlet wie einen Schüler des Faust ansehen kann. Daß Hamlet — natürlich der Shakespearsche Hamlet, nicht der des Saxo Grammatikus — da die zehn Jahre, wo Faust seine Schüler kreuz und quer an der Nase herumgeführt hat, als Schüler zu Füßen des Faust in Wittenberg gesessen haben könne, das war Goethe unmittelbar anschaulich. Er sprach natürlich die Dinge im einzelnen nicht aus; aber derjenige, der nun sagen würde: Habe nun, Gott sei Dank, Philosophie, Juristerei, Medizin und zu meinem Heil auch Theologie studiert — der würde natürlich nicht ein inniges Behagen empfinden können, wenn er, sagen wir, den DänenPrinzen vor sich künstlerisch gestaltet findet, der den Monolog spricht: Sein oder Nichtsein — und der von jenem Land spricht, aus dem noch kein Wanderer zurückgekehrt ist, trotzdem er kurz vorher den Geist vom alten Hamlet selber gesprochen hat, der also von furchtbar kurzem Gedächtnis sein muß, wenn er sich in dem Momente, wo er den Monolog spricht, nicht erinnern kann, daß er ja just mit seinem Vater geredet hat, der aus jenem unbekannten Lande zurückgekommen ist!

[ 30 ] In contrast, Goethe turns to Shakespeare, who creates from all of nature’s contradictions. That is why Goethe finds that Shakespeare is something like the interpreter of the world spirit itself. Goethe feels this very deeply because he senses this onslaught of intellectualism. Isn’t it true that I have often pointed out that Hamlet can be viewed as a student of Faust? That Hamlet—Shakespeare’s Hamlet, of course, not that of Saxo Grammaticus—might have sat as a student at Faust’s feet in Wittenberg during those ten years when Faust led his students up and down by the nose—this was immediately clear to Goethe. Of course, he did not spell out these things in detail; but anyone who were now to say, “Thank God, I have studied philosophy, law, medicine, and—for my own salvation—theology as well,” would naturally not be able to feel a deep sense of satisfaction if he were to find, say, the Danish prince artistically portrayed before him, delivering the monologue: To be or not to be—and who speaks of that land from which no traveler has ever returned, even though he had just moments before spoken the ghost of old Hamlet himself, who must therefore have a terribly short memory if, at the very moment he is delivering the monologue, he cannot recall that he had just spoken with his father, who had returned from that unknown land!

[ 31 ] Ein Intellektualist würde natürlich das nicht machen. Und ich habe solche Intellektualisten schon kennen gelernt. Die haben dann gesagt: Ja, der «Hamlet» ist eben auch nicht von einem einzigen Dichter geschrieben, den Monolog hat ein anderer geschrieben, und dann ist das durcheinander geworfen worden. So hat man es ja beim Homer auch gemacht!

[ 31 ] An intellectualist, of course, wouldn't do that. And I’ve met intellectualists like that before. They’d say: “Well, Hamlet wasn’t written by a single poet either—someone else wrote the monologue, and then it all got mixed up. That’s what they did with Homer, too!”

[ 32 ] Man kann sehr leicht beweisen, daß am «Hamlet» eine ganze Reihe von Personen geschrieben haben könnten, weil überall solche Widersprüche sind, denn solche Widersprüche sind eben in Wirklichkeit vorhanden. Und Goethe empfand das Reichere der Wirklichkeit gegenüber dem Armeren des Intellektualismus. Und so ist er eben auch durchaus zu verstehen.

[ 32 ] It is very easy to prove that a whole series of people could have written Hamlet, because there are contradictions throughout—and such contradictions do, in fact, exist in reality. And Goethe sensed the richness of reality as opposed to the poverty of intellectualism. And that is precisely how he should be understood.

[ 33 ] Wenn Sie sich einmal amüsieren wollen über all das, was im «Hamlet» entsetzlich ist, und was eben bezeugt, daß da Shakespeare alle Augenblicke auf einem Widerspruch ertappt werden kann, dann brauchen Sie nur den Professor Rümelin, den berühmten Heidelberger Rümelin, zu lesen, der in seinem Aufsatz über Shakespeare auf alle diese Dinge in allen Einzelheiten hingewiesen hat. Aber es ist eben doch ein Unterschied zwischen dem, was Goethe als Kunst so empfand, daß er den sprechenden Künstler den Interpreten des Weltgeistes nannte, und dem, was — sei es selbst in Heidelberg — als Wissenschaft tradiert wird.

[ 33 ] If you ever want to have a laugh at all the things in “Hamlet” that are appalling—and that prove that Shakespeare can be caught in a contradiction at any moment—then all you need to do is read Professor Rümelin, the famous Rümelin from Heidelberg, who pointed out all these things in great detail in his essay on Shakespeare. But there is, after all, a difference between what Goethe perceived as art—so much so that he called the speaking artist the interpreter of the world spirit—and what is handed down as scholarship, even in Heidelberg.

[ 34 ] Und wenn Sie vergleichen, was Lessing über den Laokoon gesagt hat, und die schönen Bemerkungen Goethes darüber, so werden Sie in den Goetheschen Bemerkungen natürlich noch nicht das finden, was zu einem wirklichen Verständnis führt, denn Goethe hatte ja noch nicht Anthroposophie, aber Sie werden einen bedeutenden Fortschritt finden gegenüber den Lessingschen Auseinandersetzungen.

[ 34 ] And if you compare what Lessing said about the Laocoön with Goethe’s beautiful remarks on the subject, you will of course not yet find in Goethe’s remarks what leads to a true understanding—for Goethe did not yet have anthroposophy—but you will find significant progress compared to Lessing’s discussions.

[ 35 ] Sie werden überall bei Goethe schon Hinweise entdecken auf das, was ich jetzt ausgeführt habe. So daß Sie zum Beispiel sagen können: Aus dem, was Goethe an der Laokoon-Gruppe bemerkt hat, springt schon all das heraus, was ich darüber gesagt habe. Und deshalb darf man schon sagen: Bis in die Einzelheiten hinein ist es so, daß Goetheanismus in richtiger Fortsetzung unbedingt zur Anthroposophie führt.

[ 35 ] You will find references throughout Goethe’s work to what I have just explained. So, for example, you can say: From what Goethe observed in the Laocoön Group, everything I have said about it already becomes clear. And that is why one can certainly say: Right down to the finest details, Goetheanism, when properly continued, inevitably leads to anthroposophy.