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World History from an Anthroposophical Perspective
GA 233

27 December 1923, Dornach

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Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Es war gestern meine Aufgabe, an einzelnen Persönlichkeiten zu zeigen, wie die weltgeschichtliche Entwickelung sich abspielt. Man kann, wenn man in geisteswissenschaftlicher Richtung vorwärtsschreiten will, auch gar nicht anders darstellen als so, daß man die Folge der Ereignisse in ihrer Spiegelung in dem Menschen zeigt. Denn bedenken Sie, daß nur unser Zeitalter aus Gründen, die wir noch im Verlauf dieser Vorträge besprechen werden, so geartet ist, daß der Mensch sich abgeschlossen von der übrigen Welt als ein einzelnes Wesen fühlt. Alle vorangehenden Zeitalter und auch alle folgenden Zeitalter, das muß ausdrücklich betont werden, sind so, daß die Menschen sich fühlten und fühlen werden als Glied der ganzen Welt, als hineingehörig in die ganze Welt. Wie ich oftmals gesagt habe: So wie ein Finger an einem Menschen kein für sich bestehendes Wesen sein kann, sondern nur am Menschen, während er vom Menschen abgetrennt eben nicht mehr der Finger ist, sondern zugrunde geht, etwas ganz anderes ist, ganz anderen Gesetzen unterliegt als am Organismus, geradeso wie der Finger nur Finger ist in Verbindung mit dem Organismus, so ist der Mensch nur Wesen in irgendeiner Form, sei es in der Form des Erdenlebens, sei es in der Form des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, im Zusammenhange mit der ganzen Welt. — Aber das Bewußtsein davon war eben in früheren Zeiten vorhanden, wird später wieder vorhanden sein, ist nur heute getrübt, verdunkelt, weil, wie wit hören werden, der Mensch diese Vertrübung, Verdunkelung brauchte, um das Erlebnis der Freiheit in vollem Maße in sich ausbilden zu können. Und in je ältere Zeiten wir zurückkommen, um so mehr finden wir, wie die Menschen ein Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit mit dem Kosmos haben.

[ 1 ] Yesterday, my task was to illustrate, using specific individuals as examples, how world-historical development unfolds. If one wishes to proceed in the direction of the spiritual sciences, one cannot present it any other way than by showing the sequence of events as reflected in the human being. For consider that only our age—for reasons we will discuss in the course of these lectures—is such that human beings feel isolated from the rest of the world as individual beings. All preceding ages, and indeed all future ages—this must be expressly emphasized—are such that human beings felt, and will continue to feel, themselves as members of the whole world, as belonging to the whole world. As I have often said: Just as a finger on a human being cannot be a being existing in and of itself, but only in relation to the human being—whereas, when separated from the human being, it is no longer the finger but perishes, becomes something entirely different, and is subject to laws entirely different from those governing the organism—just as the finger is only a finger in connection with the organism, so too is the human being only a being in any form—be it in the form of earthly life, or in the form of life between death and a new birth—in connection with the whole world. — But awareness of this did indeed exist in earlier times, will exist again later, and is merely clouded and obscured today because, as we shall hear, human beings needed this clouding and obscuring in order to be able to fully develop the experience of freedom within themselves. And the further back in time we go, the more we find that people had an awareness of their oneness with the cosmos.

[ 2 ] Nun habe ich Ihnen zwei Persönlichkeiten dargestellt, die eine Gilgamesch genannt in dem bekannten Epos, die andere Eabani in demselben Epos, und ich habe Ihnen gezeigt, wie diese Persönlichkeiten im alten chaldäisch-ägyptischen Zeitraum auf die Art leben, wie man eben damals leben konnte, wie sie dann eine Vertiefung erfahren durch die ephesischen Mysterien. Und ich habe schon gestern darauf aufmerksam gemacht, wie dieselben Menschenwesen dann in die weltgeschichtliche Entwickelung hineingestellt sind in Aristoteles und Alexander. Aber damit wir völlig verstehen können, wie in jenen Zeiten, in denen sich das für diese Persönlichkeiten abspielte, was ich beschrieben habe, der Gang der Erdenentwickelung überhaupt war, müssen wir noch genauer hineinschauen in dasjenige, was solche Seelen in diesen drei aufeinanderfolgenden Zeitpunkten in sich aufnehmen konnten.

[ 2 ] I have now presented two figures to you—one named Gilgamesh in the well-known epic, the other Eabani in the same epic—and I have shown you how these figures lived during the ancient Chaldean-Egyptian period in the manner in which people lived at that time, and how they then underwent a deepening of their experience through the Ephesian Mysteries. And I already pointed out yesterday how these same human beings were then placed within the course of world history in the figures of Aristotle and Alexander. But in order to fully understand what the course of Earth’s evolution was like during those times when the events I have described unfolded for these personalities, we must look even more closely at what such souls were able to take in during these three successive periods.

[ 3 ] Ich habe Sie ja darauf aufmerksam gemacht, wie die hinter dem Namen Gilgamesch sich verbergende Persönlichkeit einen Zug nach dem Westen unternimmt und immerhin eine Art westlicher nachatlantischer Initiation durchmacht. Nun wollen wir uns, um das Spätere zu verstehen, eine Vorstellung davon bilden, wie eine solche späte Initiation war. Wir müssen da allerdings diese Initiation aufsuchen an derjenigen Stätte, wo Nachklänge der alten atlantischen Initiation lange Zeit bestehen blieben. Und das war der Fall bei den Mystetien von Hybernia, von denen ich ja zu den Freunden, die hier in Dornach sind, in der letzten Zeit schon gesprochen habe. Ich muß aber einiges von dem Besprochenen nachholen, damit wir das zum vollen Verständnis bringen, was hier in Betracht kommt.

[ 3 ] I have already drawn your attention to how the personality hidden behind the name Gilgamesh sets out on a journey to the West and, after all, undergoes a kind of Western, post-Atlantean initiation. Now, in order to understand what comes later, let us form a picture of what such a late initiation was like. However, we must seek out this initiation at the very place where echoes of the ancient Atlantean initiation persisted for a long time. And this was the case with the Mystetians of Hybernia, of whom I have already spoken recently to my friends here in Dornach. But I must first recap some of what has been discussed so that we can fully understand what is at stake here.

[ 4 ] Die Mysterien von Hybernia, die irischen Mysterien, haben ja lange Zeit bestanden. Sie haben bestanden noch zur Zeit der Begründung des Christentums, und sie sind diejenigen, welche von einer gewissen Seite her die alten Weisheitslehren der atlantischen Bevölkerung am treuesten bewahrt haben. Nun möchte ich Ihnen ein Bild geben zunächst über die Erlebnisse, die jemand hatte, der in die irischen Mysterien in der nachatlantischen Zeit eingeweiht worden ist. Derjenige, der diese Weihe, diese Initiation empfangen sollte, mußte dazumal in einer strengen Art vorbereitet werden, wie überhaupt die Vorbereitungen in die Mysterien in alten Zeiten von einer außerordentlichen Strenge waren. Der Mensch mußte eigentlich innerlich in seiner Seelenverfassung, in seiner ganzen menschheitlichen Verfassung umgestaltet werden. Dann handelte es sich darum, daß bei den Mysterien von Hybernia der Mensch zunächst so vorbereitet wurde, daß er aufmerksam wurde, in starken inneren Erlebnissen aufmerksam wurde auf dasjenige, was trügerisch ist in dem den Menschen umgebenden Sein, in allen den Dingen, die den Menschen so umgeben, daß er ihnen zunächst der Sinneswahrnehmung nach das Sein zuschreibt. Und der Mensch wurde ferner aufmerksam gemacht auf all die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die sich ihm gegenüberstellen, wenn er nach der Wahrheit, nach der wirklichen Wahrheit strebt. Der Mensch wurde aufmerksam gemacht, daß im Grunde genommen alles, was uns in der Sinneswelt umgibt, eine Illusion ist, daß die Sinne ein Illusionäres geben und daß sich die Wahrheit verbirgt hinter der Illusion, daß also eigentlich das wahre Sein vom Menschen dutch die Sinneswahrnehmung nicht zu erreichen ist.

[ 4 ] The Mysteries of Hybernia—the Irish Mysteries—have indeed existed for a long time. They were still in existence at the time of the establishment of Christianity, and they are the ones that, from a certain perspective, have most faithfully preserved the ancient wisdom teachings of the Atlantean people. Now I would like to give you an initial picture of the experiences of someone who was initiated into the Irish Mysteries in the post-Atlantean era. The person who was to receive this consecration, this initiation, had to undergo rigorous preparation at that time; indeed, the preparations for the Mysteries in ancient times were of extraordinary rigor. The individual actually had to be transformed inwardly—in the state of his soul and in his entire human constitution. Then, in the Mysteries of Hybernia, the individual was first prepared in such a way that he became attentive—through powerful inner experiences—to that which is deceptive in the existence surrounding him, in all the things that surround him to such an extent that he initially attributes existence to them based on sensory perception. Furthermore, human beings were made aware of all the difficulties and obstacles they face when striving for the truth—for the real truth. Human beings were made aware that, fundamentally, everything that surrounds us in the sensory world is an illusion; that the senses present an illusion; and that the truth is hidden behind the illusion—that, in fact, true being cannot be attained by human beings through sensory perception.

[ 5 ] Nun werden Sie sagen, das ist eine Überzeugung, die Sie in Ihrer langen anthroposophischen Zeit ja schon immer hatten. Das wissen Sie ganz gut, werden Sie sagen. Aber jenes Wissen, das überhaupt in dem gegenwärtigen Bewußtsein ein Mensch haben kann von dem illusionären Charakter der sinnlichen Außenwelt, das ist eben gar nichts gegen die inneren Erschütterungen, gegen die innere Tragik, die durchgemacht wurde von den Menschen, die damals vorbereitet wurden für die hybernische Einweihung. Denn wenn man so theoretisch sich sagt: Alles ist Maja, alles ist Illusion —, so nimmt man das eigentlich sehr leicht. Aber die Vorbereitung der hybernischen Schüler wurde so weit getrieben, daß sie sich sagten: Es gibt keine Menschenmöglichkeit, durch die Illusion dutchzudringen und zu dem wirklichen, wahrhaftigen Sein zu kommen.

[ 5 ] Now you will say that this is a conviction you have always held throughout your long journey in anthroposophy. You know that very well, you will say. But the knowledge that a person can have in their present consciousness—even if only a little—of the illusory nature of the external sensory world is nothing at all compared to the inner upheavals, the inner tragedy, endured by the people who were being prepared at that time for the Hyberian initiation. For when one says to oneself theoretically, “Everything is Maya, everything is illusion,” one actually takes it very lightly. But the preparation of the Hybernian disciples was taken so far that they said to themselves: There is no human possibility of penetrating through the illusion and arriving at true, authentic being.

[ 6 ] Die Schüler wurden dadurch vorbereitet, daß sie sich, gewissermaßen zunächst aus Verzweiflung, innerlich seelisch zufriedenstellten mit der Illusion. Sie kamen in die verzweiflungsvolle Stimmung hinein, daß der illusionäre Charakter ein so aufdringlicher, ein so gewaltiger ist, daß man über die Illusion überhaupt nicht hinauskommen kann. Und es gab im Leben dieser Schüler immer wieder die Stimmung: Nun, dann muß man eben in der Illusion bleiben —, das heißt aber: Dann muß man den Boden unter den Füßen verlieren, denn auf der Illusion ist nicht festzustehen. — Ja, von der Strenge der Vorbereitung in den alten Mysterien, von der macht man sich heute im Grunde kaum eine Vorstellung. Die Menschen schrecken eben zurück vor demjenigen, was innere Entwickelung wirklich fordert.

[ 6 ] The students were prepared by the fact that, out of desperation, so to speak, they initially found inner, psychological satisfaction in the illusion. They fell into a state of despair, believing that the illusory nature of things was so overwhelming, so powerful, that it was impossible to transcend the illusion at all. And in the lives of these students, there was a recurring sentiment: “Well, then one simply has to remain in the illusion”—but that means: “Then one must lose the ground beneath one’s feet, for one cannot stand firm on an illusion.”—Yes, people today can hardly imagine the rigor of the preparation in the ancient mysteries. People simply shy away from what inner development truly demands.

[ 7 ] Und ebenso, wie es mit dem Sein und seinem illusionären Charakter war, so war es für diese Schüler mit dem Streben nach Wahrheit. Und alles lernten sie kennen, was den Menschen verhindert in seinen Emotionen, in seinen dunklen, ihn überwältigenden Empfindungen und Gefühlen, zur Wahrheit zu kommen, was trübt das klare Licht der Erkenntnis. So daß sie auch da wiederum in einen Zeitpunkt hineinkamen, in dem sie sich sagten: Wenn wir also nicht in der Wahrheit leben können, dann müssen wir eben im Irrtum, in der Unwahrheit leben! — Es heißt ja geradezu, seine Menschheit aus sich selber herausreißen, wenn man eine Zeit seines Lebens dazu kommt, zu verzweifeln an Sein und Wahrheit.

[ 7 ] And just as it was with Being and its illusory nature, so it was for these students with the quest for truth. And they came to understand everything that prevents human beings—through their emotions, through their dark, overwhelming sensations and feelings—from reaching the truth, everything that clouds the clear light of insight. So that they, too, reached a point where they said to themselves: If we cannot live in the truth, then we must simply live in error, in untruth! — It is, after all, tantamount to tearing one’s humanity out of oneself when one reaches a point in life where one despairs of Being and truth.

[ 8 ] Das alles war dazu da, damit der Mensch durch das Erleben des Gegenteiles von dem, was er zuletzt als das Ziel erreichen soll, diesem Ziele die richtig tiefe menschliche Empfindung entgegenbringt. Denn wer nicht kennengelernt hat, was es heißt, mit Irrtum und Illusion zu leben, der weiß eben das Sein und die Wahrheit nicht zu schätzen. Und schätzen lernen sollten die Schüler von Hybernia die Wahrheit und das Sein.

[ 8 ] All of this was intended to ensure that, by experiencing the opposite of what one is ultimately meant to achieve as a goal, one would approach that goal with a truly profound human sensibility. For whoever has not come to know what it means to live with error and illusion simply does not know how to appreciate being and truth. And the students of Hybernia should learn to appreciate truth and being.

[ 9 ] Und dann, wenn die Schüler solches durchgemacht hatten, wenn sie gewissermaßen den Gegenpol absolviert hatten von dem, wozu sie zuletzt kommen mußten, dann wurden sie — und ich muß das, was nun geschah, in solcher Bildlichkeit darstellen, wie sie dazumal in der Tat in den hybernischen Mysterien real war — in eine Art Heiligtum geführt, in dem zwei Bildsäulen waren, Bildsäulen von einer ungeheuer starken suggestiven Gewalt. Und die eine dieser Bildsäulen von gigantischer Größe, sie war so, daß sie innerlich hohl war; die Außenfläche, die den Hohlraum umgab, also die Gesamtsubstanz, aus der die Bildsäule bestand, war ein durchaus elastischer Stoff, so daß überall, wo man drückte, man hineindrücken konnte in die Bildsäule. Aber in dem Augenblicke, wo man mit dem Drücken nachließ, da stellte sich die Form wieder her. Die ganze Bildsäule war so gemacht, daß vorzugsweise das Haupt ausgebildet war und daß man, indem man ihr entgegentrat, das Gefühl hatte: vom Haupte aus strahlen die Kräfte in den übrigen kolossalen Körper, denn den hohlen Innenraum sah man natürlich nicht, nahm ihn nicht wahr, merkte ihn nur, wenn man drückte. Und man wurde angehalten zu drücken. Man hatte das Gefühl, daß der ganze übrige Körper außer dem Kopfe von den Kräften des Kopfes ausgestrahlt wird, daß der Kopf alles tut an dieser Bildsäule.

[ 9 ] And then, once the students had gone through all this—once they had, so to speak, completed the polar opposite of what they were ultimately destined to achieve—they were led—and I must describe what happened next in the same figurative terms as were actually used in the Hybernian Mysteries at that time—into a kind of sanctuary containing two statues, statues of immense suggestive power. One of these statues, of gigantic size, was hollow inside; the outer surface surrounding the cavity—that is, the entire substance of which the statue was composed—was a thoroughly elastic material, so that wherever one pressed, one could push inward into the statue. But the moment one stopped pressing, the form would restore itself. The entire statue was crafted in such a way that the head was the most prominent feature, and when one stood facing it, one had the feeling that forces radiated from the head into the rest of the colossal body—for, of course, one could not see the hollow interior, did not perceive it, but only sensed it when one pressed. And one was compelled to press. One had the feeling that the entire body, apart from the head, was radiated by the forces of the head, that the head does everything in this statue.

[ 10 ] Ich gebe Ihnen gern zu, daß wenn ein heutiger Mensch in der gegenwärtigen Prosa des Lebens vor die Bildsäule hingeführt würde, er ja auch kaum etwas anderes als Abstraktes empfinden würde. Gewiß, aber es ist eben etwas anderes, mit seinem ganzen Inneren, mit seinem Geist, mit seiner Seele, mit seinem Blute, mit seinen Nerven erlebt zu haben die Macht der Illusion und die Macht des Irrtums und dann die suggestive Gewalt einer solchen gigantischen Gestalt zu erleben.

[ 10 ] I readily admit that if a person today, in the midst of the mundane realities of life, were led before the statue, he would indeed perceive little more than an abstract concept. Certainly, but it is quite another thing to have experienced—with one’s whole being, with one’s mind, with one’s soul, with one’s blood, with one’s nerves—the power of illusion and the power of error, and then to experience the evocative force of such a gigantic figure.

[ 11 ] Diese Bildsäule hatte einen männlichen Charakter. Neben ihr stand eine andere, die einen weiblichen Charakter hatte. Sie war nicht hohl. Sie war aus einem nicht elastischen, aber plastischen Stoff. Wenn man an ihr drückte — und man wurde wieder angehalten, an ihr zu drücken —, zerstörte man die Form. Man grub ein Loch ein in den Körper.

[ 11 ] This statue had a masculine character. Next to it stood another one, which had a feminine character. It was not hollow. It was made of a material that was not elastic but malleable. If you pressed on it—and you were again urged to press on it—you destroyed the shape. A hole was dug into the body.

[ 12 ] Aber nachdem der Schüler an der einen Bildsäule erfahren hatte, daß dutch Elastizität sich alles wieder herstellte in der Form, nachdem er an der anderen Bildsäule erfahren hatte, daß er sie deformiert hatte mit seinem Drücken, verließ er nach einigem anderen, von dem ich gleich sprechen werde, den Raum, und er wurde erst wiederum in diesen Raum geführt, wenn alle die Fehler, die Deformationen, die er vollbracht hatte an der plastischen, nicht elastischen Bildsäule, die einen weiblichen Charakter hatte, wieder ausgeglichen waren. Er wurde erst wiederum hineingeführt, wenn die Bildsäule intakt war. Und durch alle diese Vorbereitungen — ich kann die Sache nur skizzenhaft schildern —, die der Schüler durchgemach hatte, bekam er bei der Bildsäule, die einen weiblichen Charakter hatte, in seinem ganzen Menschenwesen nach Geist, Seele und Leib ein inneres Erlebnis. Dieses innere Erlebnis war ja auch schon früher bei ihm vorbereitet, aber es stellte sich in vollstem Maße ein durch die suggestive Wirkung der Bildsäule selber. Er bekam in sich ein Gefühl einer inneren Erstarrung, einer inneren frostigen Erstartung. Und diese frostige Erstarrung wirkte so in ihm, daß er seine Seele mit Imaginationen aufgefüllt sah, und diese Imaginationen waren Bilder des Erdenwinters, Bilder, die darstellten den Erdenwinter. Also der Schüler wurde dazu geführt, von innen heraus das Winterliche zu schauen im Geiste.

[ 12 ] But after the student had learned from one statue that, thanks to its elasticity, everything returned to its original shape, and after he had learned from the other statue that he had deformed it by pressing on it, he left the room—after doing something else, which I will discuss shortly— and he was not led back into that room until all the errors and deformations he had caused to the plastic, non-elastic statue—which had a feminine character—had been corrected. He was not led back in until the statue was intact. And through all these preparations—I can only describe the matter in broad strokes—that the student had undergone, he experienced an inner transformation in his entire being—in spirit, soul, and body—in the presence of the statue, which had a feminine character. This inner transformation had, of course, already been prepared within him earlier, but it manifested itself to the fullest extent through the suggestive effect of the statue itself. He felt within himself a sense of inner numbness, an inner, frosty numbness. And this frosty numbness affected him in such a way that he saw his soul filled with imaginings, and these imaginings were images of the earthly winter—images that depicted the earthly winter. Thus, the student was led to perceive the wintery quality from within, in his spirit.

[ 13 ] Bei der anderen Bildsäule, der männlichen, war es so, daß der Schüler etwas empfand, wie wenn all sein Leben, das er sonst in seinem ganzen Leibe hatte, in sein Blut ginge, wie wenn das Blut durchdrungen würde von Kräften und an die Haut drückte. Während er also vor der einen Bildsäule glauben mußte, zum frostigen Skelett zu werden, mußte er vor der anderen Bildsäule glauben, daß sein ganzes inneres Leben in Hitze zugrunde gehe und er lebe in seiner ausgespannten Haut. Und dieses Erleben des ganzen Menschen, an dessen Oberfläche gedrückt, das führte den Schüler dazu, die Einsicht zu bekommen, sich zu sagen: Du verspürst dich, du empfindest dich, du erlebst dich so, wie du wärest, wenn von allem im Kosmos allein die Sonne auf dich wirkte. — Und der Schüler lernte auf diese Weise die kosmische Sonnenwirkung in ihrer Verteilung erkennen. Er lernte erkennen die Beziehung des Menschen zur Sonne. Und er lernte erkennen, daß der Mensch nur deshalb in Wirklichkeit nicht so ist, wie er sich jetzt unter der suggestiven Wirkung der Sonnenstatue vorkam, weil andere Kräfte von anderen Weltenecken aus diese Wirkung modifizieren. In solcher Art lernte sich der Schüler einleben in den Kosmos. Und wenn der Schüler die suggestive Wirkung der Mondenstatue empfand, wenn er also innerlich das Frostige hatte der Erstarrung, die winterliche Landschaft erlebte — bei der Sonnenstatue erlebte er sommerliche Landschaft im Geiste, wie aus sich selbst erzeugt —, dann fühlte der Mensch, wie er wäre, wenn nur die Mondenwitrkungen da wären.

[ 13 ] With the other statue, the male one, the student felt as if all the life he normally possessed throughout his entire body were flowing into his blood, as if his blood were being permeated by forces and pressing against his skin. So while standing before one statue he felt as if he were turning into a frosty skeleton, and before the other he felt as if his entire inner life were being consumed by heat and he were living within his stretched-out skin. And this experience of the whole human being, pressed against its surface, led the student to gain the insight to say to himself: You sense yourself, you feel yourself, you experience yourself as you would be if, of all things in the cosmos, only the sun were acting upon you. — And in this way, the student learned to recognize the cosmic influence of the sun in its distribution. He learned to recognize the relationship between the human being and the sun. And he learned to recognize that the only reason the human being is not, in reality, as he now felt himself to be under the suggestive influence of the sun statue is because other forces from other corners of the world modify this influence. In this way, the student learned to attune himself to the cosmos. And when the student felt the suggestive effect of the moon statue—that is, when he inwardly experienced the frosty stillness of winter and the wintry landscape—whereas with the sun statue he had experienced a summer landscape in his mind, as if generated from within himself—then he sensed what he would be like if only the moon’s influences were present.

[ 14 ] Sehen Sie, in der Gegenwart, was weiß man denn eigentlich da von der Welt? Man weiß von der Welt, daß die Zichorie blau ist, daß die Rose rot ist, der Himmel blau ist und so weiter. Aber das sind ja keine erschütternden Eindrücke. Die berichten nur von dem Allernächsten, das in der menschlichen Umgebung ist. Der Mensch muß in einem intensiveren Maße mit seiner ganzen Wesenheit zum Sinnesorgan werden, wenn er die Geheimnisse des Weltenalls kennenlernen will. Und es wurde eben durch die suggestive Wirkung der Sonnenstatue sein Wesen in seinem ganzen Blutumlauf konzentriert. Der Mensch lernte sich als Sonnenwesen kennen, indem er diese suggestive Wirkung in sich erlebte. Und der Mensch lernte sich als Mondenwesen kennen, indem er die suggestive Wirkung der weiblichen Statue erlebte. Und dann konnte er aus diesen seinen inneren Erlebnissen heraus sagen, wie Sonne und Mond auf den Menschen wirken, so wie heute der Mensch nach dem Erlebnis seines Auges sagen kann, wie die Rose wirkt, nach dem Erlebnis seines Ohres, wie der Ton cis wirkt und so weiter. Und so erlebten die Schüler dieser Mysterien noch in den nachatlantischen Zeiten das Eingegliedertsein des Menschen in den Kosmos. Das wurde für sie eine unmittelbare Erfahrung.

[ 14 ] Look, in the present, what do we actually know about the world? We know that chicory is blue, that the rose is red, that the sky is blue, and so on. But these are not earth-shattering impressions. They merely describe the immediate surroundings of human life. Human beings must become sensory organs to a much greater degree—with their entire being—if they wish to come to know the mysteries of the universe. And it was precisely through the suggestive effect of the sun statue that their being was concentrated throughout their entire bloodstream. Human beings came to know themselves as solar beings by experiencing this suggestive effect within themselves. And human beings came to know themselves as lunar beings by experiencing the suggestive effect of the female statue. And then, based on these inner experiences, they could describe how the sun and moon affect human beings—just as today, based on what they perceive with their eyes, people can describe the effect of a rose, and based on what they hear with their ears, the effect of the note C-sharp, and so on. And so, even in the post-Atlantean era, the students of these mysteries experienced the human being’s integration into the cosmos. This became a direct experience for them.

[ 15 ] Nun, dasjenige, was ich Ihnen erzählt habe, ist eine kurze Skizze dessen, was in ganz grandioser Weise bis in die ersten Jahrhunderte der christlichen Entwickelung herein an den Mysterien in Hybernia von den Schülern erlebt worden ist als kosmisches Erlebnis, indem man an das Sonnen- und an das Mondenerlebnis herangeführt wurde.

[ 15 ] Well, what I have told you is a brief outline of what the disciples experienced in a truly magnificent way—right up into the first centuries of Christian development—as a cosmic experience within the Mysteries of Hybernia, as they were introduced to the experiences of the Sun and the Moon.

[ 16 ] In ganz anderer Weise waren die Erlebnisse, welche die Schüler durchzumachen hatten in den ephesischen, den kleinasiatischen ephesischen Mysterien. In diesen ephesischen Mysterien erlebte man in ganz besonders intensiver Weise mit seinem ganzen Menschen dasjenige, was dann später einen paradigmatischen Ausdruck gefunden hat in den Anfangsworten des Johannes-Evangeliums: «Im Urbeginne war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und ein Gott war das Wort.»

[ 16 ] The experiences the initiates had to undergo in the Ephesian Mysteries—the Ephesian Mysteries of Asia Minor—were of a completely different nature. In these Ephesian Mysteries, one experienced—with one’s whole being and in a particularly intense way—that which later found paradigmatic expression in the opening words of the Gospel of John: “In the beginning was the Word. And the Word was with God. And the Word was God.”

[ 17 ] In Ephesus wurde der Schüler nicht vor zwei Statuen geführt, sondern vor eine, vor die eine Statue, die ja bekannt ist als die Artemis von Ephesus. Und indem der Schüler sich identifizierte mit dieser Statue, die voller Leben war, die überall von Leben strotzte, lebte sich der Schüler in den Weltenäther ein. Er hob sich hinaus mit seinem ganzen inneren Erleben und Empfinden vom bloßen Erdenleben, er hob sich in das Erleben des Weltenäthers hinein. Und ihm wurde das Folgende klar. Ihm wurde zunächst vermittelt, was eigentlich die menschliche Sprache ist. Und an der menschlichen Sprache, also dem menschlichen Abbild, dem menschlichen abbildlichen Logos gegenüber dem Welten-, dem kosmischen Logos, an dem wurde ihm klargemacht, wie das Weltenwort schöpferisch durch den Kosmos webt und wallt.

[ 17 ] In Ephesus, the student was not led before two statues, but before one—the statue known as the Artemis of Ephesus. And as the disciple identified with this statue, which was full of life and brimming with vitality everywhere, the disciple became one with the world-ether. With his entire inner experience and feeling, he rose above mere earthly life and entered into the experience of the world-ether. And the following became clear to him. First, he was taught what human language actually is. And through human language—that is, the human image, the human, image-like Logos in contrast to the world Logos, the cosmic Logos—it was made clear to him how the world Word weaves and surges creatively through the cosmos.

[ 18 ] Ich kann wiederum die Sache nur skizzieren. Sie ging so vor sich. Der Schüler wurde besonders aufmerksam darauf gemacht, wirklich zu erleben, was da geschieht, wenn der Mensch spricht, wenn er dem Atmungsaushauch das Wort einprägt. Der Schüler wurde zum Erleben dessen geführt, wie dasjenige, was er da dutch seine eigene innere Tat in Leben überführt, in dem luftigen Elemente geschieht, daß aber mit dem, was im luftigen Elemente geschieht, zwei andere Vorgänge verbunden sind.

[ 18 ] Once again, I can only sketch out the matter. This is how it unfolded. The student was specifically encouraged to truly experience what happens when a person speaks, when they imprint the word upon the exhaled breath. The student was guided to experience how that which they bring to life through their own inner act takes place in the airy element, but that two other processes are connected to what happens in the airy element.

[ 19 ] Stellen wir uns vor, dies sei der Aushauch (siehe Zeichnung, rechter Teil, hellblau mit roter Linie), dem eingeprägt würden gewisse Wortgebilde, die der Mensch spricht. Während dieser Aushauch, zu Worten geformt, aus unserer Brust nach außen strömt, geht nach unten die rhythmische Schwingung über in das ganze wäßtrige, in das flüssige Element, das den menschlichen Organismus durchzieht (hell; Wasser). So daß der Mensch beim Sprechen in der Höhe seines Kehlkopfes, seiner Sprachorgane, die Luftrhythmen hat; parallel aber geht mit diesem Sprechen ein Durchwellen und Durchwogen des Flüssigkeitsleibes in ihm. Die Flüssigkeit, die unterhalb der Sprachregion ist, kommt in Schwingungen, schwingt mit im Menschen. Und das ist es ja im wesentlichen, daß wir das, was wir sprechen, begleiten vom Fühlen. Und würde nicht mitschwingen das wäßrige Element im Menschen, die Sprache ginge neutral nach außen, gleichgültig nach außen; der Mensch würde nicht mitfühlen mit dem Gesprochenen. Nach oben aber, nach dem Kopf, geht das Wärmeelement (rot), und es begleiten die Worte, die wir dem Aushauche einprägen, die nach oben strömenden Wärmewellen, die unser Haupt durchdringen und die da bewirken, daß wir die Worte mit Gedanken begleiten. So daß, wenn wit sprechen, wir es zu tun haben mit dreierlei: mit Luft, Wärme, Wasser oder Flüssigkeit.

[ 19 ] Let us imagine that this is the exhalation (see drawing, right side, light blue with a red line), into which certain word formations spoken by human beings are imprinted. As this exhalation, formed into words, flows outward from our chest, the rhythmic vibration spreads downward into the entire aqueous, liquid element that permeates the human organism (light; water). So that when a person speaks, they experience these air rhythms at the level of their larynx and speech organs; but parallel to this speech, a rippling and undulating movement occurs throughout their fluid body. The fluid located below the speech region begins to vibrate, resonating within the human being. And this is essentially what it means to accompany what we speak with feeling. And if the watery element within the human being did not resonate along with it, speech would flow outward neutrally, indifferently; the human being would not empathize with what is spoken. Toward the top, however, toward the head, the element of warmth (red) rises, and it accompanies the words we imbue with our exhalation—the upward-flowing waves of warmth that penetrate our head and cause us to accompany the words with thoughts. So that when we speak, we are dealing with three elements: air, warmth, and water or fluid.

[ 20 ] Dieser Vorgang, der erst ein Gesamtbild dessen gibt, was im menschlichen Sprechen webt und lebt, dieser Vorgang wurde zum Ausgangspunkt genommen bei dem Schüler von Ephesus. Und dann wurde ihm klargemacht, wie dieses, was da im Menschen sich abspielt, ein vermenschlichter Weltenvorgang ist, daß in einer gewissen älteren Zeit die Erde selber so gewirkt hat, daß in ihr nun nicht das luftförmige, aber das wäßrige, das flüssige Element (linker Teil der Zeichnung, blau), jenes flüssige Element, von dem ich gestern gesprochen habe als flüchtig-flüssiges Eiweiß, in einer solchen Wellenbewegung war. So wie dann im Menschen im Kleinen die Luft beim Aushauche ist, wenn er spricht, so war dereinst das die Erde als Atmosphäre umgebende flüchtig-flüssige Eiweiß. Und das ging dann über, so wie hier das Luftförmige in das Wärmeelement, in eine Art Luftelement (links, hellblau), und unten in eine Art erdigen Elementes (hell). So daß, wie bei uns in unserem Körper durch das flüssige Element die Gefühle entstehen, so entstanden in der Erde die Erdenbildungen, die Erdenkräfte, alles dasjenige, was in der Erde wirkt und wellt an Kräften. Und es entstand darüber im luftigen Element dasjenige, was webende kosmische Gedanken sind, die da schaffend wirken im Irdischen.

[ 20 ] This process—which alone provides an overall picture of what weaves and lives within human speech—was taken as the starting point by the student from Ephesus. And then it was made clear to him how this process taking place within the human being is a humanized cosmic process—that in a certain earlier epoch, the Earth itself functioned in such a way that within it, not the airy element but the watery, the liquid element (left side of the drawing, blue), that liquid element—which I spoke of yesterday as a volatile, liquid protein—was in such a wave-like motion. Just as the air is within the human being on a small scale when exhaling while speaking, so too was the volatile, liquid protein that once surrounded the Earth as an atmosphere. And this then transformed—just as the airy element here transforms into the heat element, into a kind of airy element (left, light blue), and below into a kind of earthy element (light)—so that, just as feelings arise in our bodies through the liquid element, so too did the earth formations, the earth forces, and all that which acts and undulates as forces within the earth come into being. And above this, within the airy element, arose what are the weaving cosmic thoughts that work creatively within the earthly realm.

[ 21 ] Das war ein majestätischer, gewaltiger Eindruck, den der Mensch in Ephesus bekam, wenn er aufmerksam darauf gemacht wurde, daß in seiner Sprache der mikrokosmische Nachklang dessen lebt, was einmal makrokosmisch war. Und der Schüler von Ephesus fühlte, indem er sprach, in dem Erlebnis des Sprechens eine Einsicht in das Wirken des Weltenwortes, wie es einstmals sinnvoll das flüssigflüchtige Element bewegte, wie es oben grenzte an die schaffenden Weltengedanken, unten an die entstehenden Erdenkräfte.

[ 21 ] This was a majestic, overwhelming impression that a person in Ephesus would experience when it was pointed out to them that their language contains the microcosmic echo of what was once macrocosmic. And the student in Ephesus, as he spoke, felt—in the very experience of speaking—an insight into the workings of the World Word, how it once meaningfully moved the fluid, fleeting element, how it bordered above on the creative thoughts of the world and below on the emerging forces of the earth.

[ 22 ] So lebte sich der Schüler ein in das Kosmische, indem er in richtiger Weise sein eigenes Sprechen verstehen lernte: In dir ist der menschliche Logos. Der menschliche Logos wirkt aus dir während deiner Erdenzeit, und du bist als Mensch der menschliche Logos. Denn in der Tat, durch dasjenige, was nach unten strömt im flüssigen Elemente, werden wir als Mensch geformt aus der Sprache heraus; durch dasjenige, was nach oben strömt, haben wir unsere menschlichen Gedanken während unserer Erdenzeit. — Aber ebenso, wie in dir das Menschlichste der mikrokosmische Logos ist, so war einstmals der Logos im Urbeginn und war bei Gott und war selber ein Gott.

[ 22 ] Thus, the disciple immersed himself in the cosmic by learning to understand his own speech correctly: Within you is the human Logos. The human Logos acts through you during your time on Earth, and as a human being, you are the human Logos. For indeed, through that which flows downward in the fluid element, we are formed as human beings out of language; through that which flows upward, we have our human thoughts during our time on Earth. — But just as the most human aspect within you is the microcosmic Logos, so too was the Logos in the very beginning, and was with God, and was himself a God.

[ 23 ] Das wurde in Ephesus gründlich, weil durch den Menschen und am Menschen selber, verstanden.

[ 23 ] This was thoroughly understood in Ephesus, because it was through man and in man himself.

[ 24 ] Sehen Sie, wenn Sie sich nun solch eine Persönlichkeit anschauen wie diejenige, die sich hinter dem Namen Gilgamesch verbirgt, dann müssen Sie das Gefühl bekommen, daß diese ja lebte in dem ganzen Milieu, in der ganzen Umgebung, die ausstrahlte von den Mysterien. Denn alle Kultur, alle Zivilisation war in früheren Zeiten Ausstrahlung der Mysterien. Und wenn ich Ihnen Gilgamesch nenne, so war er, als er noch in seiner Heimat Erek war, zwar nicht in die Mysterien von Erek selber eingeweiht, wohl aber in einer Zivilisation drinnen, die substantiell durchsetzt war von dem, was man empfinden konnte durch diese Beziehung zum Kosmos. Und dann wurde von ihm etwas erlebt bei dem Zug nach dem Westen, was ihn direkt bekannt machte allerdings nicht mit den hybernischen Mystetien, soweit kam er nicht, aber gewissermaßen mit dem, was gepflegt wurde in einer Kolonie der hybernischen Mysterien, ich sagte Ihnen, im heutigen Burgenlande war diese Kolonie. Das lebte in der Seele dieses Gilgamesch. Das bildete sich weiter aus in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt, das nun folgte und für das dann beim nächsten Erdenleben in Ephesus selber die Vertiefung der Seele stattfand.

[ 24 ] You see, when you consider a figure such as the one behind the name Gilgamesh, you cannot help but feel that he lived within the entire milieu, the entire environment that radiated from the Mysteries. For in earlier times, all culture, all civilization, was a radiance of the Mysteries. And when I mention Gilgamesh to you, although he was not initiated into the Mysteries of Erek itself while he was still in his homeland of Erek, he was nonetheless immersed in a civilization that was substantially permeated by what one could perceive through this connection to the cosmos. And then, during his journey westward, he experienced something that brought him into direct contact—not, however, with the Hybernian Mysteries themselves; he did not go that far—but, in a sense, with what was cultivated in a colony of the Hybernian Mysteries; as I told you, this colony was located in what is now Burgenland. This lived on in the soul of this Gilgamesh. It continued to develop during the life between death and rebirth that now followed, and it was during his next earthly life in Ephesus itself that the deepening of the soul took place.

[ 25 ] Nun, für beide Persönlichkeiten, von denen ich gesprochen habe, fand eine solche Vertiefung der Seele statt. Da brandete gewissermaßen aus der allgemeinen Zivilisation an die Menschenseelen dieser Persönlichkeiten etwas in Realität heran, in starker, intensiver Realität noch, was seit der homerischen Zeit in Griechenland im wesentlichen schon nur noch schöner Schein war.

[ 25 ] Well, for both of the personalities I have spoken of, such a deepening of the soul took place. In a sense, something—in reality, and indeed in a strong, intense reality—surged from general civilization toward the human souls of these personalities; something that, since Homeric times in Greece, had essentially been nothing more than a beautiful illusion.

[ 26 ] Gerade in Ephesus drüben, an jener Stätte, an der ja auch Heraklit lebte und an der noch so viel von alter Realität empfunden wurde bis in die spätere griechische Zeit herein, bis ins 6., 5. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit, gerade in Ephesus konnte man noch nachempfinden die ganze Realität, in der einstmals die Menschheit gelebt hat, als sie noch in unmittelbarer Beziehung zu dem Göttlich-Geistigen stand, als noch Asia nur der unterste der Himmel war, in dem man noch in Verbindung stand mit den oberen Himmeln, die daran grenzten, weil in Asia die Naturgeister erlebt wurden, darüber die Angeloi, Archangeloi und so weiter, darüber die Exusiai und so weiter. Und so kann man sagen: Während schon in Griechenland selbst die Nachklänge nur sich herausbildeten an dasjenige, was einstmals Realität war, während dasjenige, was Wirklichkeit war, sich umwandelte in die Bilder der Heroensagen, an denen noch deutlich zu merken ist, daß sie hinweisen auf ursprüngliche Realitäten, während in Griechenland das dramatische Element ursprünglicher Realitäten in Äschylos Leben gewann, war es eigentlich in Ephesus noch immer so, daß man, in das tiefe Dunkel der Mysterien getaucht, Nachklänge jener alten Realitäten empfand, in denen der Mensch in unmittelbarem Zusammenhange mit der göttlich-geistigen Welt lebte. Und das ist ja das Wesentliche des Griechentums, daß der Grieche in die dem Menschen näherliegenden Mythen und in die dem Menschen näherliegende Schönheit und Kunst getaucht hat, also ins Abbild getaucht hat dasjenige, was einstmals im Zusammenhange mit dem Kosmos eben vom Menschen erlebt werden konnte.

[ 26 ] Especially over in Ephesus, at that very site where Heraclitus also lived and where so much of that ancient reality could still be sensed well into the later Greek period, right up into the 6th, 5th centuries of the pre-Christian era—it was precisely in Ephesus that one could still sense the full reality in which humanity once lived, when it was still in direct relationship with the divine-spiritual, when Asia was still only the lowest of the heavens, in which one was still connected to the higher heavens bordering it, because in Asia the nature spirits were experienced, above which were the Angeloi, Archangeloi, and so on, and above them the Exusiai and so on. And so one can say: While even in Greece itself the echoes of what had once been reality were only just beginning to take shape, and while that which had been reality was transforming into the images of heroic legends—in which one can still clearly discern that they point to primordial realities— while in Greece the dramatic element of primordial realities came to life in Aeschylus, in Ephesus it was actually still the case that, immersed in the deep darkness of the Mysteries, one sensed echoes of those ancient realities in which human beings lived in direct connection with the divine-spiritual world. And that is, after all, the essence of Greek culture: that the Greeks immersed themselves in myths closer to human experience, and in beauty and art closer to human experience—that is, they immersed themselves in the reflection of that which could once be experienced by human beings in connection with the cosmos.

[ 27 ] Und nun müssen wir uns vorstellen, wie, als nun schon auf der einen Seite diese griechische Zivilisation auf ihrem Höhepunkte angelangt war, als sie stolz zurückgewiesen hatte sogar dasjenige, was, wie in den Perserkriegen, noch nachstofen wollte von alter asiatischer Realität, als sie auf der einen Seite auf ihrem Höhepunkte angelangt war, aber auf der anderen Seite schon im Sturze war, wie das Persönlichkeiten erlebten, die in ihren Seelen deutlich die Nachklänge desjenigen trugen, was einstmals göttlich-geistige irdische Realität in Geist, Seele und Leib des Menschen war.

[ 27 ] And now we must imagine how, just as this Greek civilization had reached its zenith on the one hand—having proudly rejected even that which, as in the Persian Wars, still sought to resurface from the old Asian reality—just as it had reached its zenith on the one hand, but on the other hand was already in decline—how this was experienced by individuals who clearly carried within their souls the echoes of what was once a divine-spiritual earthly reality in the spirit, soul, and body of human beings.

[ 28 ] Und so müssen wir uns vorstellen, daß eigentlich Alexander der Große und Aristoteles in einer Welt lebten, die ihnen doch nicht ganz konform war, die eigentlich tragisch für sie war. Das Eigentümliche ist, daß in Alexander und in Aristoteles Menschen lebten, die eine andere Beziehung zum Geistigen hatten als ihre Umgebung, die, trotzdem sie sich nicht viel kümmerten um die samothrakischen Mysterien, dennoch in ihrer Seele eine große Verwandtschaft hatten mit dem, was in den samothrakischen Mysterien mit den Kabiren vorging. Das hat man lange Zeit gefühlt, im Mittelalter noch nachgefühlt. Und man muß schon sagen — darüber machen sich die Menschen heute ganz falsche Vorstellungen —, wie noch im Mittelalter, bis herein ins 13., 14. Jahrhundert, bei einzelnen Menschen aller Stände ein deutliches geistiges Anschauen wenigstens auf dem Gebiete war, das man einstmals im alten ÖOriente drüben Asia genannt hat. Und das im Mittelalter von einem Priester gedichtete «Alexanderlied» ist immerhin ein sehr bedeutsames Dokument des späteren Mittelalters. Gegenüber dem, was heute in der Geschichte entstellt lebt von demjenigen, was sich abgespielt hat durch Alexander und Aristoteles, erscheint das, was der Priester Lamprecht als Alexanderlied etwa im 12. Jahrhundert gedichtet hat, noch als eine großartige, mit der alten verwandte Auffassung dessen, was durch Alexander den Großen geschehen ist.

[ 28 ] And so we must imagine that Alexander the Great and Aristotle actually lived in a world that was not entirely in harmony with them—a world that was, in fact, tragic for them. What is peculiar is that in Alexander and Aristotle there lived individuals who had a different relationship to the spiritual realm than those around them—individuals who, although they did not care much for the Samothracian Mysteries, nevertheless felt in their souls a deep kinship with what took place in the Samothracian Mysteries involving the Cabiri. This was sensed for a long time and was still felt in the Middle Ages. And it must be said—though people today have entirely false notions about this—that even in the Middle Ages, well into the 13th and 14th centuries, certain individuals from all walks of life possessed a clear spiritual insight, at least regarding the region that was once called Asia in the ancient Near East. And the “Song of Alexander,” composed by a priest in the Middle Ages, is, after all, a remarkably significant document of the late Middle Ages. Compared to the distorted version of history that persists today regarding the events surrounding Alexander and Aristotle, what the priest Lamprecht composed as the “Song of Alexander” around the 12th century still appears as a magnificent conception—akin to the ancient one—of what took place under Alexander the Great.

[ 29 ] Sie brauchen nur das Folgende sich vor die Seele zu stellen. Wir haben im Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht ja eine wunderbare Schilderung, eine wunderbare Schilderung etwa der folgenden Art: Jedes Jahr, wenn der Frühling kommt und man geht nach einem Wald hinaus und kommt an den Waldestand, da wo an diesem Waldesrand Blumen wachsen und wo zu gleicher Zeit die Sonne so steht, daß von den Waldesbäumen der Schatten fällt auf die am Waldesrande wachsenden Blumen, da sieht man, wie im Schatten der Waldesbäume im Frühling aus den Blumenkelchen hervorkommen die geistigen Blumenkinder, die an den Waldesrändern Tänze und Reigen vollführen. — Und man erkennt ganz deutlich, daß in dieser Schilderung des Pfaffen Lamprecht durchschimmert etwas von einer wirklichen Erfahrung, von einer Erfahrung, die Menschen der damaligen Zeit noch machen konnten; daß sie nicht in die Wälder hinausgingen, um in prosaischer Weise zu sagen: Da ist Gras, da sind Blumen, da fangen die Bäume an —, sondern wenn sie sch dem Walde näherten, dann trat ihnen, wenn die Sonne hinter dem Walde stand und der Schatten über die Blumen her fiel, im Schatten der Waldesbäume von den Blumen aus entgegen die ganze Welt von Blumengeschöpfen, die da waren für sie, bevor sie den Wald betraten, wo sie ja dann im Walde die anderen Elementargeister wahrnahmen. Aber dieser Blumenreigen, der erschien dem Pfaffen Lamprecht als das, was er besonders gern schildern wollte. Und es ist immerhin bedeutsam, daß, als der Pfaffe Lamptecht die Alexanderzüge schildern wollte, er diese Schilderung durchsetzte und durchströmte — noch im 12. Jahrhundert, Anfang des 12. Jahrhunderts —, dutchsetzte und durchströmte mit Schilderungen der Natur, die überall das Sich-Offenbaren der Elementarreiche in sich schließen. Das Ganze ist getragen von dem Bewußtsein: Wenn man schildern will, was da vorging einstmals in Makedonien, als die Alexanderzüge nach Asien begannen und als Alexander von Aristoteles unterrichtet wurde, wenn man das schildern will, so kann man es nicht schildern, indem man die prosaische Erde ringsherum beschreibt, sondern man kann es allein schildern, wenn man hinzunimmt zu der prosaischen Erde die Reiche der elementarischen Wesenheiten.

[ 29 ] You need only keep the following in mind. In “The Song of Alexander” by Pastor Lamprecht, we have a wonderful description—a wonderful description of something like this: Every year, when spring comes and you go out into the forest and reach the edge of the woods, where flowers grow at the edge of the forest and where, at the same time, the sun is positioned so that the shadows of the forest trees fall upon the flowers growing at the forest’s edge—there you can see, in the shade of the forest trees in spring, the ethereal flower children emerging from the calyxes of the flowers, performing dances and round dances at the forest’s edge. — And one recognizes quite clearly that in this description by Pastor Lamprecht something of a real experience shines through—an experience that people of that time were still able to have; that they did not go out into the woods, to put it prosaically: “There is grass, there are flowers, there the trees begin—” but rather, as they approached the forest, when the sun stood behind the trees and the shadow fell over the flowers, the entire world of flower beings emerged from the flowers in the shade of the forest trees to meet them—beings that were there for them even before they entered the forest, where they would then perceive the other elemental spirits. But this dance of the flowers was what Father Lamprecht felt he particularly wanted to describe. And it is significant, after all, that when Father Lamprecht set out to describe Alexander’s campaigns, he interwove and infused this account—even in the 12th century, at the beginning of the 12th century—with descriptions of nature that encompassed the manifestation of the elemental realms throughout. The whole is underpinned by the awareness: If one wishes to describe what once took place in Macedonia, when Alexander’s campaigns into Asia began and when Alexander was taught by Aristotle—if one wishes to describe that—one cannot do so by describing the prosaic earth all around; rather, one can describe it only by adding to the prosaic earth the realms of the elemental beings.

[ 30 ] Aber sehen Sie, wenn Sie heute ein Geschichtswerk lesen — es ist ja ganz berechtigt für die gegenwärtige Zeit —, nun ja, dann lesen Sie eben: Alexander hat gegen den Rat seines Lehrers Aristoteles, dem er ungehorsam war, die Mission sich eingebildet, er müsse die Barbaren mit den zivilisierten Menschen versöhnen und müsse eine Durchschnittskultur etwa hervorrufen, die bestehen sollte aus den zivilisierten Griechen, aus den Hellenen, aus den Makedoniern und den Barbaren. Das ist zwar für die heutige Zeit richtig, aber dennoch, gegenüber der Wahrheit, der wirklichen Wahrheit ist es eben läppisch. Und man empfängt den Eindruck des Großartigen, wenn man sieht, wie der Pfaffe Lamprecht, indem er die Alexanderzüge schildert, diesen Alexanderzügen ein ganz anderes Ziel setzt. Und es kommt einem vor, als ob dasjenige, was ich eben geschildert habe als das Hereinragen der Natur-Elementarreiche, des Geistigen der Natur in das Physische der Natur, als ob dies eben bloß die Introduktion sein sollte. Denn was ist das Ziel der Alexanderzüge im Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht?

[ 30 ] But you see, when you read a history book today—which is entirely appropriate for the present day—well, then you simply read: Alexander, against the advice of his teacher Aristotle—whom he disobeyed—imagined it was his mission to reconcile the barbarians with civilized people and to bring about, so to speak, a “middle-of-the-road” culture consisting of the civilized Greeks, the Hellenes, the Macedonians, and the barbarians. While this is true for our time, it is nonetheless trivial in the face of the truth—the real truth. And one gets the impression of something truly magnificent when one sees how the priest Lamprecht, in describing Alexander’s campaigns, assigns them an entirely different goal. And it seems as though what I have just described—the intrusion of the elemental realms of nature, of the spiritual aspect of nature into the physical aspect of nature—as though this were merely the introduction. For what is the goal of Alexander’s campaigns in Father Lamprecht’s “Song of Alexander”?

[ 31 ] Alexander kommt bis an die Pforte des Paradieses! Das ist zwar ins Christliche der damaligen Zeit umgesetzt, aber es entspricht eigentlich in einem hohen Maße, wie ich weiter ausführen werde, der Wahrheit. Denn die Alexanderzüge waren nicht bloß gemacht, um Eroberungen zu vollziehen oder, gar gegen den Rat des Aristoteles, um die Barbaren mit den Hellenen zu versöhnen, sondern die Alexanderzüge waren durchsetzt von einem wirklichen hohen geistigen Ziel, und sie waren impulsiert aus dem Geiste heraus. Und wit lesen dann beim Pfaffen Lamprecht, der also, man kann sagen, fünfzehn Jahrhunderte, nachdem Alexander gelebt hat, in seiner Art mit großer Hingebung diese Alexanderzüge schildert, wir lesen, daß Alexander bis an die Pforte des Paradieses kommt, aber in das Paradies selber nicht hineinkommt, weil, wie der Pfaffe Lamprecht meint, nur derjenige in das Paradies hineinkommt, der die rechte Demut hat. Aber Alexander konnte in der vorchristlichen Zeit noch nicht die rechte Demut haben, denn die rechte Demut konnte erst das Christentum in die Menschheit hineinbringen. Immerhin, wenn man nicht in engherzigem, sondern in weitherzigem Sinn so etwas auffaßt, so sehen wir, wie der christliche Pfaffe Lamprecht etwas von dem Tragischen der Alexanderzüge empfindet.

[ 31 ] Alexander reaches the gates of Paradise! Although this is expressed in the Christian terms of that time, it actually corresponds to a great extent—as I will explain further—to the truth. For Alexander’s campaigns were not undertaken merely to carry out conquests or—contrary to Aristotle’s advice—to reconcile the barbarians with the Hellenes; rather, they were imbued with a truly lofty spiritual goal and were driven by the spirit. And we then read in the writings of Father Lamprecht—who, one might say, some fifteen centuries after Alexander’s time, describes these campaigns with great devotion in his own way— we read that Alexander reaches the gates of Paradise but does not enter Paradise itself because, as Father Lamprecht believes, only those who possess true humility may enter Paradise. But Alexander, living in the pre-Christian era, could not yet possess true humility, for true humility could only be brought into humanity by Christianity. Nevertheless, if one interprets such things not in a narrow-minded but in a broad-minded sense, we see how the Christian priest Lamprecht senses something of the tragedy of the *Alexander-Züge*.

[ 32 ] Nun, ich wollte Sie mit dieser Schilderung des Alexanderliedes nur aufmerksam darauf machen, daß es nicht überraschend zu sein braucht, wenn man gerade an diesem Beispiel der Alexanderzüge einsetzt, um das Vorhergehende und Nachherige der Menschheitsgeschichte des Abendlandes in seiner Angliederung an das Morgenland zu schildern. Denn dasjenige, was dabei als Empfindung zugrunde liegt, war noch, wie Sie sehen, bis zu einer verhältnismäßig späten Zeit des Mittelalters nicht nur als eine allgemeine Empfindung vorhanden, sondern in so konkreter Weise vorhanden, daß dieses Alexanderlied entstehen konnte, das nun eigentlich wirklich in einer großartig dramatischen Weise schildert, was nun durch die beiden Seelen, die ich Ihnen charakterisiert habe, sich abgespielt hat. Durchaus weist dieser Punkt der makedonischen Geschichte auf der einen Seite weit in die Vergangenheit zurück, auf der anderen Seite weit in die Zukunft hinein. Und man muß vor allen Dingen dabei berücksichtigen, daß über all dem, was bei Aristoteles und Alexander vorhanden ist, weltgeschichtliche Tragik schwebt. Schon äußerlich verrät sich diese weltgeschichtliche Tragik. Sie verrät sich dadurch, daß ja durch die besonderen Verhältnisse, durch die besonderen weltgeschichtlichen Schicksalsverhältnisse von Aristoteles nur der kleinste Teil der Schriften in das europäische Abendland gekommen sind und dann von der Kirche weiter gepflegt worden sind. Es sind eigentlich im wesentlichen nur die logischen und die ins Logische gekleideten Schriften. Wer aber heute noch sich vertieft in das Wenige, was von den naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles erhalten ist, der wird bei Aristoteles sehen, wie gewaltig seine Einsicht noch war in den Zusammenhang des Kosmos mit dem Menschen. Ich möchte Sie da nur auf eines aufmerksam machen.

[ 32 ] Well, my intention in presenting this description of the Alexander Song was simply to draw your attention to the fact that it need not come as a surprise when one uses precisely this example of the Alexander campaigns to describe the preceding and subsequent periods of Western history in relation to the East. For the sentiment underlying this was, as you can see, not only present as a general sentiment until a relatively late period of the Middle Ages, but existed in such a concrete form that this Song of Alexander could come into being—a song that truly depicts, in a magnificently dramatic way, what actually unfolded through the two souls I have characterized for you. This particular aspect of Macedonian history points, on the one hand, far back into the past, and on the other, far into the future. And above all, one must bear in mind that a tragedy of world history hovers over everything found in Aristotle and Alexander. This tragedy of world history reveals itself even on the surface. It reveals itself in the fact that, due to the particular circumstances—the particular fateful circumstances of world history surrounding Aristotle—only the smallest portion of his writings made their way into the European West and were subsequently preserved by the Church. Essentially, these are only the logical works and those clothed in logic. But anyone who today delves into the few of Aristotle’s scientific writings that have survived will see in Aristotle just how profound his insight still was into the connection between the cosmos and humankind. I would like to draw your attention to just one thing here.

[ 33 ] Wir sprechen heute ja auch vom irdischen Elemente, vom wäßrigen Elemente, vom luftigen Elemente, vom feurigen oder Wärmeelemente und dann von dem anderen, dem Äther. Wie stellt Aristoteles die Sache dar? Er stellt die Erde dar, die feste Erde (siehe Zeichnung, heller Kern), die flüssige Erde, Wasser (hellrot), die Luft (blau), das Ganze mit dem Feuer durchdrungen und vom Feuer umgeben (tiefrot). Aber so reicht für Aristoteles die Erde bis zum Monde hinauf. Und vom Kosmos herein, von den Sternen herein bis zum Monde — also nicht mehr in den irdischen Bereich, aber bis zum Monde, bis hierher —, vom Tierkreis, von den Sternen herein reicht räumlich-kosmisch der übrige Äther (hell außen). Der Äther reicht bis zum Monde herunter.

[ 33 ] Today, we also speak of the earth element, the water element, the air element, the fire or heat element, and then of the other one, the ether. How does Aristotle describe this? He describes the earth—the solid earth (see diagram, light-colored core)—the liquid earth, water (light red), the air (blue)—the whole permeated by fire and surrounded by fire (deep red). But for Aristotle, the earth extends all the way up to the moon. And from the cosmos, from the stars down to the moon—that is, no longer within the earthly realm, but up to the moon, as far as this point—from the zodiac, from the stars, the rest of the ether (light on the outside) extends spatially and cosmically. The ether extends down to the moon.

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[ 34 ] Das lesen ja auch heute noch die Gelehrten in den Büchern, die über Aristoteles geschrieben werden. Aristoteles selber aber sagte seinem Schüler Alexander immer wieder und wiederum: Jener Äther, der da außerhalb des Irdisch-Wärmehaften ist, also der Lichtäther, chemische Äther, Lebensäther, war auch einstmals mit der Erde verbunden. Das alles ging bis zur Erde herein. Als aber der Mond sich zurückzog in der alten Entwickelung, da zog sich der Äther von der Erde zurück. Und — so meinte Aristoteles zu seinem Schüler Alexander — so ist dasjenige, was äußerlich räumlich tote Welt ist, auf der Erde zunächst nicht vom Äther durchzogen. Aber wenn zum Beispiel der Frühling naht, dann bringen die Elementargeister von dem Monde für diejenigen Wesen, die entstehen — die Pflanzen, die Tiere, die Menschen —, den Äther aus dem Mondenbereiche gerade wiederum in diese Wesen hinein, so daß der Mond das Gestaltende ist.

[ 34 ] Scholars still read this today in books written about Aristotle. Aristotle himself, however, told his student Alexander time and again: That ether which lies outside the earthly and warm realm—that is, the light ether, the chemical ether, the life ether—was once connected to the Earth. All of this extended down to the Earth. But when the Moon withdrew during the ancient evolution, the ether withdrew from the Earth. And—as Aristotle explained to his student Alexander—thus, what is outwardly a spatially lifeless world is, at first, not permeated by ether on Earth. But when, for example, spring approaches, the elemental spirits bring the ether from the lunar realm back into these beings—the plants, the animals, and human beings—for those beings that are coming into being, so that the Moon is the formative principle.

[ 35 ] Stand man vor der einen, der weiblichen Gestalt in Hybernia, so empfand man das ganz lebhaft, wie der Äther eigentlich nicht der Erde angehört, sondern von den Elementargeistern alljährlich, soweit er notwendig ist zur Entstehung der Wesen, auf die Erde heruntergebracht wird.

[ 35 ] When one stood before that one, the female figure in Hybernia, one felt very vividly how the ether does not actually belong to the Earth, but is brought down to Earth each year by the elemental spirits, in the amount necessary for the creation of beings.

[ 36 ] Es gab auch für Aristoteles tiefe Einsichten in den Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos. Die Schriften, die davon handelten, hat der Schüler Theophrast nicht nach dem Westen kommen lassen. Nach dem Orient ging einiges von diesen Schriften zurück, wo noch Verständnis für solche Dinge war. Und da kam es dann durch Nordafrika und Spanien, durch Juden und Araber kam es nach dem Westen von Europa und stieß in der Weise, wie ich das noch schildern will, mit den Ausstrahlungen, mit den Zivilisationsausstrahlungen der Mysterien von Hybernia zusammen.

[ 36 ] Aristotle, too, had profound insights into the relationship between humankind and the cosmos. His student Theophrastus did not allow the writings that dealt with this subject to reach the West. Some of these writings made their way back to the East, where there was still an appreciation for such matters. From there, they traveled through North Africa and Spain; via Jews and Arabs, they reached Western Europe and, as I will describe later, converged with the radiations—the civilizational radiations—of the Mysteries of Hybernia.

[ 37 ] Aber das, was ich Ihnen bis jetzt charakterisiert habe, war ja nur der Ausgangspunkt für die Lehren, die Aristoteles dem Alexander gab. Die bezogen sich durchaus auf inneres Erleben. Und wenn ich, ich möchte sagen, in etwas kohlezeichnender Darstellung die Sache gebe, so muß ich folgendes sagen: Alexander lernte durch Aristoteles gut kennen, daß dasjenige, was draußen in der Welt lebt als das irdische, das wäßtige, das luftige, das feurige Element, auch im Menschen drinnen lebt, daß der Mensch in dieser Beziehung ein wirklicher Mikrokosmos ist, daß in ihm, in seinen Knochen, das irdische Element lebt, daß in seiner Blutzirkulation und in alle dem, was Säfte in ihm sind, Lebenssäfte sind, das wäßrige Element lebt; daß in ihm das luftige Element in der Atmung und Atmungserregung wirkt, in der Sprache wirkt, daß das feurige Element in den Gedanken lebt. Alexander wußte sich noch in den Elementen der Welt lebend. Aber indem man sich in den Elementen der Welt lebend fühlte, fühlte man auch noch seine innige Verwandtschaft mit der Erde. Heute reist der Mensch nach Ost, nach West, nach Nord, nach Süd: er empfindet nicht, was da eigentlich alles auf ihn einstürmt, denn er sieht ja nur dasjenige, was seine äußeren Sinne wahrnehmen, und er sieht ja nur, was die irdischen Substanzen in ihm wahrnehmen, nicht was die Elemente in ihm wahrnehmen. Aber Aristoteles konnte den Alexander lehren: Wenn du auf der Erde nach dem Östen ziehst, ziehst du immer mehr und mehr hinein in ein dich austrocknendes Element. Du ziehst in das Trockene hinein (siehe Zeichnung).

[ 37 ] But what I have described to you so far was, after all, only the starting point for the teachings Aristotle imparted to Alexander. These teachings were entirely concerned with inner experience. And if I were to present the matter, so to speak, in a somewhat sketchy manner, I would have to say the following: Through Aristotle, Alexander came to understand well that what exists out there in the world—the earth, water, air, and fire elements—also lives within the human being; that in this respect, the human being is a true microcosm; that within him, in his bones, the earth element lives; that in his blood circulation and in all that constitutes his vital fluids, are life-sap, the watery element lives; that within him the airy element is at work in breathing and the stimulation of breathing, and in speech; and that the fiery element lives in thought. Alexander still knew himself to be living within the elements of the world. But by feeling oneself to be living within the elements of the world, one also still felt one’s intimate kinship with the earth. Today, people travel east, west, north, and south: they do not sense everything that is actually rushing toward them, for they see only what their outer senses perceive, and they see only what the earthly substances within them perceive, not what the elements within them perceive. But Aristotle was able to teach Alexander: When you travel eastward on Earth, you move further and further into an element that dries you out. You move into the dry (see drawing).

[ 38 ] Sie müssen sich das nicht so vorstellen, daß, wenn man nach Aisen hinüberzieht, man ganz austrocknet. Es ist natürlich das so, daß es feine Wirkungen sind, aber Wirkungen, die durchaus nach den Anleitungen des Aristoteles Alexander in sich empfand. Et konnte sich in Makedonien sagen: Ich habe einen gewissen Grad von Feuchtigkeit in mir; der vermindert seine Feuchtigkeit, indem ich nach Osten hinüberziehe. — So fühlte er mit der Wanderung auf der Erde die Konfiguration der Erde, wie man fühlt, sagen wir, wenn man einen Menschen berührt, über irgendeinen Teil seines Körpers streichelnd fährt, wie der Unterschied ist zwischen Nase und Augen und Mund. So nahm eine solche Persönlichkeit, wie die geschilderte, noch wahr, wie der Unterschied ist, wenn man sich erlebt, indem man immer mehr und mehr in das Trockene hineinkommt, und wie man sich erlebt, wenn man nach der anderen Seite, nach dem Westen, in das Feuchte hineinkommt.

[ 38 ] You shouldn’t imagine that when one travels toward Aisen, one dries up completely. Of course, these are subtle effects, but they are effects that Alexander certainly felt within himself, in accordance with Aristotle’s teachings. And in Macedonia he could say to himself: I have a certain degree of moisture within me; this moisture diminishes as I move eastward. — Thus, as he journeyed across the earth, he sensed the earth’s configuration, just as one senses—let’s say—when touching a person, running one’s hand over some part of their body, the difference between the nose, the eyes, and the mouth. Thus, a personality such as the one described was still able to perceive the difference between experiencing oneself as one moves deeper and deeper into the dry, and experiencing oneself as one moves toward the other side—toward the west—into the moist.

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[ 39 ] Die anderen Differenzierungen, die erleben die Menschen, wenn auch grob, noch heute. Gegen Norden erleben sie ja das Kalte, gegen Süden das Warme, das Feurige. Aber jenes Zusammenspiel von feucht-kalt, wenn man nach dem Nordwesten hinüberkam, das fühlen die Menschen nicht mehr. Aristoteles machte rege in Alexander, was Gilgamesch erlebt hat, als er den Zug nach dem Westen hinüber unternommen hatte. Und die Folge davon war, daß im unmittelbaren inneren Erleben der Schüler das wahrnehmen konnte, was nun eben erlebt wird in der Zwischenzone zwischen feucht und kalt nach Nordwesten hin: Wasser. Und es war durchaus nicht nur eine mögliche, sondern eine sehr wirkliche Redensart für einen solchen Menschen wie Alexander, daß er nicht sagte: Dahin geht der Zug, nach Nordwesten —, sondern: Dahin geht der Zug, wo das Element des Wassers die Oberhertschaft führt. — In der Zwischenzone zwischen feucht und warm liegt das Element, wo die Luft die Oberhertschaft führt. So war es in den alten griechisch-chthonischen Mysterien gelehrt, so war es in den alten samothrakischen Mysterien gelehrt, so war es von Aristoteles seinem unmittelbaren Schüler gelehrt. Und in der Zwischenzone zwischen kalt und trocken, also gegen Sibirien zu von Makedonien aus, wurde die Region der Erde erlebt, wo die Erde selbst, das Irdische die Oberherrschaft führte, das Element Erde, das Feste. In der Zwischenzone zwischen warm und trocken, also gegen Indien hin, wurde jene Region der Erde erlebt, wo vorherrschte das Feuerelement. Und so war es, daß der Schüler des Aristoteles nach Nordwesten zeigte und sagte: Da empfinde ich herwirkend auf der Erde die Wassergeister. — Daß er nach Südwesten zeigte und sagte: Da her empfinde ich die Luftgeister. Daß er nach Nordosten zeigte, und da die Geister der Erde vorzugsweise heranschweben sah. Daß er nach Südosten zeigte, gegen Indien zu, und die Geister des Feuers heranschweben oder in ihrem Elemente sah.

[ 39 ] People still experience these other distinctions today, albeit in a more general way. To the north, they experience the cold; to the south, the warmth and the fiery heat. But that interplay of damp cold—which one used to feel when traveling toward the northwest—people no longer sense. Aristotle vividly brought to life in Alexander what Gilgamesh had experienced when he undertook his journey westward. And the result was that, in the students’ immediate inner experience, they could perceive what is now experienced in the transitional zone between damp and cold toward the northwest: water. And it was by no means merely a possible, but a very real way of speaking for a man like Alexander, that he did not say: “The expedition is heading there, to the northwest”—but rather: “The expedition is heading there, where the element of water reigns supreme.” — In the intermediate zone between damp and warm lies the element where air reigns supreme. This is how it was taught in the ancient Greek-Chthonic mysteries, this is how it was taught in the ancient Samothracian mysteries, and this is how Aristotle taught it to his immediate disciple. And in the intermediate zone between cold and dry—that is, toward Siberia from Macedonia—the region of the Earth was experienced where the Earth itself, the earthly, held sway: the element of Earth, the solid. In the intermediate zone between warm and dry—that is, toward India—people experienced that region of the Earth where the element of fire prevailed. And so it was that Aristotle’s student pointed to the northwest and said: “There I sense the water spirits working upon the Earth.” — That he pointed to the southwest and said: “From there I sense the spirits of water.” That he pointed to the northeast and saw the spirits of the earth floating toward that direction in particular. That he pointed to the southeast, toward India, and saw the spirits of fire floating toward that direction or within their element.

[ 40 ] Und Sie empfinden jene tiefe Verwandtschaft gegenüber dem Natürlichen und gegenüber dem Moralischen, wenn ich jetzt am Schlusse sage, es entstand in Alexander die Redensart: Ich muß aus dem kaltfeuchten Elemente heraus mich ins Feuer stürzen, den Zug nach Indien unternehmen! — Das war eine Redensart, die ebenso an Natürliches anknüpfte, wie sie anknüpfte an Moralisches, wovon wir dann morgen sprechen wollen. Aber ich wollte Sie hineinführen anschaulich in dasjenige, was da lebte. Denn in dem, was da verhandelt wurde zwischen Alexander und Aristoteles, sehen Sie zu gleicher Zeit sich spiegeln den ganzen Umschwung in der weltgeschichtlichen Entwickelung. Man konnte noch im intimen Unterricht in der damaligen Zeit sprechen von den großen Mysterien der vergangenen Zeit. Dann nahm die Menschheit nur mehr das Logische, das Abstrakte, die Kategorien auf, während sie das andere zutückstieß. Daher deuten wir damit zugleich auf einen ungeheuren Umschwung in der weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit, auf einen allerwichtigsten Punkt in dem ganzen Hergang der europäischen Zivilisation in ihrem Zusammenhange mit dem Orient. Davon dann morgen weiter.

[ 40 ] And you will sense that deep kinship with the natural and the moral when I now say, in conclusion, that the saying arose in Alexander: “I must throw myself out of the cold, damp element and into the fire, and set out on the march to India!” — That was a saying that was just as much rooted in the natural as it was in the moral, which is what we will discuss tomorrow. But I wanted to give you a vivid introduction to what was alive there. For in what was discussed between Alexander and Aristotle, you see reflected at the same time the entire turning point in the development of world history. Even in private instruction at that time, one could still speak of the great mysteries of the past. Then humanity began to embrace only the logical, the abstract, and the categories, while casting aside the rest. Thus, we are simultaneously pointing to a tremendous turning point in the development of world history, to a most crucial point in the entire course of European civilization in its connection with the East. More on that tomorrow.