World History from an Anthroposophical Perspective
GA 233
28 December 1923, Dornach
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World History from an Anthroposophical Perspective, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Unter den alten Mysterien nimmt dasjenige von Ephesus eine ganz besondere Stellung ein. Ich habe ja mit jenem Entwickelungselemente in der Geschichte des Abendlandes, das sich anknüpft an den Namen des Alexander, auch dieses Mysteriums von Ephesus gedenken müssen. Man begreift den Sinn der neueren und älteren Geschichte nur, wenn man eingeht auf den Umschwung, den das Mysterienwesen, von welchem ja alle älteren Zivilisationen ausgegangen sind, erfahren hat vom Orient herüber nach dem Okzident, nach Griechenland also zunächst. Und dieser Umschwung besteht in dem Folgenden.
[ 1 ] Among the ancient mysteries, the one at Ephesus holds a very special place. Indeed, in discussing that element of development in Western history associated with the name of Alexander, I have also had to consider this mystery of Ephesus. One can only understand the meaning of both recent and ancient history by examining the transformation that the mystery tradition—from which all ancient civilizations originated—underwent as it spread from the East to the West, and thus first to Greece. And this transformation consists of the following.
[ 2 ] Sehen Sie, wenn man in alle älteren Mysterien des Morgenlandes hineinschaut, überall bekommt man den Eindruck: Da sind die Mysterienpriester in der Lage, große, bedeutsame Wahrheiten aus ihren Schauungen an ihre Schüler zu offenbaren. Ja, in je ältere Zeiten man zurückgeht, desto mehr sind diese Priesterweisen imstande, in den Mysterien die unmittelbare Gegenwart der Götter selber, der geistigen Wesenheiten, welche die planetarischen Welten, welche die Erdenerscheinungen lenken, hervorzurufen, so daß die Götter wirklich da waren.
[ 2 ] You see, when one looks into all the ancient mysteries of the East, one gets the impression everywhere that the mystery priests are able to reveal great, significant truths from their visions to their disciples. Indeed, the further back in time one goes, the more these wise priests are able, within the mysteries, to evoke the immediate presence of the gods themselves—the spiritual beings who govern the planetary worlds and the phenomena of the Earth—so that the gods were truly present.
[ 3 ] Der Zusammenhang des Menschen mit dem Makrokosmos, er enthüllte sich ja in verschiedenen Mysterien auf eine ähnlich großartige Weise, wie ich sie Ihnen gestern für die Mysterien von Hybernia dargestellt habe und auch für dasjenige, was noch Aristoteles Alexander dem Großen zu sagen hatte. Vor allen Dingen lag aber das vor in allen altorientalischen Mysterien, daß das Moralische, die moralischen Impulse nicht streng geschieden waren von den natürlichen Impulsen. Indem Aristoteles den Alexander nach Nordwesten wies, wo die Geister des Wasserelementes die herrschenden waren, kam von dort nicht bloß ein physischer Impuls, wie heute vom Nordwesten der Wind oder andere rein physische Dinge kommen, sondern es kamen auch moralische Impulse mit den physischen Impulsen. Das Physische und das Moralische war eines. Das konnte es sein, weil überhaupt durch jene Erkenntnisse, welche in diesen Mysterien gegeben wurden, der Mensch sich mit der ganzen Natur er nahm ja den Geist der Natur wahr — als eine Einheit fühlte. Da ist zum Beispiel eines in dem Verhältnis des Menschen zur Natur, das etwa gerade in der Zeit liegt, die verflossen ist zwischen der Lebenszeit des Gilgamesch und der Lebenszeit jener Individualität, zu der er in seiner nächsten Inkarnation wurde in der Nähe des Mysteriums von Ephesus. Gerade in der Zeit finden wir noch ganz lebendig eine Anschauung über den Zusammenhang des Menschen mit der Geistnatur. Dieser Zusammenhang ist der folgende. Durch alles das, was da der Mensch kennenlernte über die Wirkung der Elementargeister in der Natur, über die Wirkung der intelligenten Wesenheiten in den planetarischen Vorgängen, kam der Mensch zu der Überzeugung: Da draußen sche ich überall ausgebreitet die Pflanzenwelt, die grünende, die sprießende, die sprossende, die fruchtende Pflanzenwelt. Da sehe ich die einjährigen Pflanzen auf der Wiese, auf dem Felde, die im Frühling heranwachsen, die im Herbste wieder vergehen; da sehe ich jahrhundertelang wachsende Bäume, welche Rinde und Holz außen bekommen und mit ihren Wurzeln weit in die Erde hineinreichen. Das alles, was da draußen wurzelt in den einjährigen Kräutern und Blumen, was da wächst mit festen Impulsen hinein in die Erde, das habe ich als Mensch einmal in mir getragen.
[ 3 ] Man’s connection to the macrocosm was revealed in various mysteries in a similarly magnificent way, as I described to you yesterday regarding the mysteries of Hybernia and also regarding what Aristotle had to say to Alexander the Great. Above all, however, what was present in all the ancient Eastern mysteries was that the moral—the moral impulses—were not strictly separated from the natural impulses. When Aristotle directed Alexander toward the northwest, where the spirits of the water element reigned, what came from there was not merely a physical impulse—as the wind or other purely physical phenomena come from the northwest today—but moral impulses came along with the physical ones. The physical and the moral were one. This was possible because, through the insights imparted in these mysteries, human beings perceived the spirit of nature—and thus felt themselves to be one with all of nature. There is, for example, an aspect of humanity’s relationship to nature that lies precisely in the period that elapsed between the lifetime of Gilgamesh and the lifetime of that individuality into which he was reborn in his next incarnation near the Mystery of Ephesus. It is precisely in this period that we still find a vivid conception of the connection between humanity and the spiritual nature of the world. This connection is as follows. Through everything humanity came to know about the influence of the elemental spirits in nature, and about the influence of intelligent beings in planetary processes, humanity arrived at the conviction: Out there, spread out everywhere, is the plant world—the greening, sprouting, budding, and fruiting plant world. There I see the annual plants in the meadow and in the field, which grow in the spring and wither away again in the fall; there I see trees that have been growing for centuries, which develop bark and wood on the outside and reach far into the earth with their roots. All of that—what is rooted out there in the annual herbs and flowers, what grows with strong impulses deep into the earth—I once carried within me as a human being.
[ 4 ] Sehen Sie, heute fühlt der Mensch, wenn irgendwo in einem Raume Kohlensäure ist, die durch die Atmung der Menschen entstanden ist: Diese Kohlensäure habe ich mit ausgeatmet. — Das fühlt der Mensch, daß er in den Raum die Kohlensäure hineingeatmet hat. Der Mensch ist ja heute, ich möchte sagen, nur noch in einem geringen Zusammenhange mit dem Kosmos. In dem luftigen Teile seines Wesens, in der Luft, die der Atmung und den sonstigen Luftprozessen, die im Organismus vor sich gehen, zugrunde liegt, da ist der Mensch ganz im lebendigen Zusammenhange mit der großen Welt, mit dem Makrokosmos. Er kann hinschauen auf die ausgeatmete Atemluft, auf die Kohlensäure, die in ihm war und die jetzt draußen ist. Aber so, wie der Mensch heute — er tut es ja nicht, aber er könnte es — hinschaut auf die ausgeatmete Kohlensäure, so schaute der Mensch, der in den orientalischen Mysterien entweder eingeweiht war oder aufgenommen hatte die Weisheit, die aus den orientalischen Mysterien nach außen geströmt ist, die ganze Pflanzenwelt an. Er sagte sich: Ich schaue zurück in der Weltenentwickelung auf eine alte Sonnenzeit. Da habe ich die Pflanzen noch in mir getragen. Und dann habe ich sie herausströmen lassen in die weiten Kreise des Erdenseins. Aber als ich die Pflanzen noch in mir trug, als ich noch jener Adam Kadmon war, der die ganze Erde umfaßte und die Pflanzenwelt mit, da war diese ganze Pflanzenwelt noch etwas Wässerig-Luftiges.
[ 4 ] You see, today people can sense when there is carbon dioxide in a room—carbon dioxide produced by people’s breathing: “I exhaled that carbon dioxide.” — People sense that they have breathed carbon dioxide into the room. Today, I would say, human beings are connected to the cosmos only to a very limited extent. In the airy aspect of their being—in the air that underlies breathing and the other atmospheric processes taking place within the organism—human beings are in a fully living connection with the greater world, with the macrocosm. They can look at the exhaled breath, at the carbon dioxide that was within them and is now outside. But just as a person today—though they do not actually do so, they could—looks at the exhaled carbon dioxide, so too did the person who was either initiated into the Eastern mysteries or had absorbed the wisdom that flowed outward from them, gaze upon the entire plant world. They said to themselves: I look back in the evolution of the worlds to an ancient solar age. Back then, I still carried the plants within me. And then I let them flow out into the vast circles of earthly existence. But when I still carried the plants within me, when I was still that Adam Kadmon who encompassed the entire Earth, including the plant world, the entire plant world was still something watery and airy.
[ 5 ] Der Mensch sonderte von sich ab diese Pflanzenwelt. Wenn Sie sich vorstellen, Sie würden die Größe erlangen der ganzen Erde und dann nach innen absondern Pflanzliches, das nun im wäßrigen Elemente sich metamorphosierend entsteht, vergeht, heranwächst, anders wird, verschiedene Gestalten eben annimmt, dann würden Sie in Ihr Gemüt heraufrufen, wie es einmal war. Und daß es einmal so war, das sagten sich diejenigen, die etwa in der Gilgamesch-Zeit im Oriente drüben ihre Bildung aufgenommen hatten. Und schauten sie dann auf das Pflanzenwachstum auf den Wiesen hin, dann sagten sie sich: Wir haben die Pflanzen abgesondert in einem früheren Stadium unserer Entwickelung, aber die Erde hat die Pflanzen aufgenommen. Das Wurzelhafte ist ihnen erst von der Erde verliechen worden, ebenso alles dasjenige, was das Holzige ist, was die Baumesnatur des Pflanzenhaften ist. — Aber das allgemein Pflanzenhafte, das hat der Mensch von sich abgesondert, und das ist von der Erde aufgenommen worden. Eine innige Verwandtschaft fühlte der Mensch mit allem Pflanzlichen.
[ 5 ] Humanity separated this plant world from itself. If you imagine that you were to attain the size of the entire Earth and then separate from within the plant realm—which now arises, passes away, grows, changes, and takes on various forms as it undergoes metamorphosis within the watery element—then you would recall in your mind how it once was. And that it was once like this—that is what those who had received their education in the Orient during the time of Gilgamesh, for example, told themselves. And when they looked at the growth of plants in the meadows, they said to themselves: We separated the plants at an earlier stage of our development, but the Earth has taken the plants in. The root-like aspect was first bestowed upon them by the earth, as was everything that is woody—that is, the tree-like nature of the plant realm. — But the general plant nature—that is what human beings separated from themselves, and that was taken up by the earth. Human beings felt a deep kinship with all things plant-like.
[ 6 ] Nicht eine gleiche Verwandtschaft fühlte der Mensch mit dem höheren Tierischen, denn er wußte, er konnte sich nur dadurch auf die Erde heraufarbeiten, daß er überwunden hat die tierische Bildung, daß er zurückgelassen hat auf seinem Entwickelungswege die Tiere. Die Pflanzen hat er bis zur Erde mitgenommen, sie dann der Erde übergeben, so daß die Erde sie in ihren Schoß aufnahm. Er wurde für die Pflanzen auf der Erde der Vermittler der Götter, der Vermittler zwischen den Göttern und der Erde.
[ 6 ] Human beings did not feel the same kinship with the higher animal kingdom, for they knew that they could only work their way up to Earth by overcoming their animal nature and leaving the animals behind on their path of evolution. He brought the plants down to Earth with him, then handed them over to the Earth, so that the Earth took them into its bosom. For the plants on Earth, he became the mediator of the gods, the mediator between the gods and the Earth.
[ 7 ] Daher fühlten solche Menschen, die nun wirklich jenes große Erlebnis hatten, das man skizzenhaft ganz einfach darstellen kann (siehe Zeichnung): Der Mensch kommt an die Erde heran aus dem Weltenall (gelb). Die Zahl kommt ja nicht in Betracht, da, wie ich schon gestern sagte, die Menschen ineinanderstaken. Er sondert alles Pflanzliche ab, und die Erde nimmt das Pflanzliche auf und gibt ihm das Wurzelhafte (dunkelgrüne Striche). — So fühlte der Mensch, wie wenn er mit dem Pflanzenwachstum gewissermaßen die Erde umschlungen hätte (rote Umhüllung) und wie wenn die Erde dankbar gewesen wäre für dieses Umschlungenwerden und aufgenommen hat dasjenige, was ihr der Mensch an wäßtig-luftigen Pflanzenelementen zuhauchen konnte. Und diejenigen, die solches fühlten, die fühlten sich in bezug auf dieses Pflanzenbringen zur Erde als innig verwandt mit dem Gotte, mit dem Hauptgotte des Merkur. Durch diese Empfindung, man habe selber die Pflanzen auf die Erde gebracht, kam man in eine besondere Beziehung zu dem Gotte Merkur.
[ 7 ] That is why such people, who truly had that great experience—which can be depicted quite simply in a sketch (see drawing)—felt the following: A human being approaches the Earth from outer space (yellow). The number is irrelevant, since, as I said yesterday, human beings are interwoven with one another. He secretes everything plant-like, and the Earth absorbs the plant-like substance and gives it roots (dark green lines). — Thus the human being felt as if, through plant growth, he had, so to speak, encircled the Earth (red envelope) and as if the Earth had been grateful for this encircling and had absorbed what the human being could breathe into it in the form of watery, airy plant elements. And those who felt this way felt, in regard to bringing these plants to the earth, that they were intimately connected to the god, to the chief god of Mercury. Through this feeling that they themselves had brought the plants to the earth, they entered into a special relationship with the god Mercury.


[ 8 ] Dagegen fühlte man gegenüber den Tieren: man konnte sie nicht mit auf die Erde bringen, man mußte sie absondern, man mußte sich freimachen von ihnen, sonst hätte man die menschliche Gestalt nicht in der richtigen Weise entwickeln können. Man schob gewissermaßen die Tiere von sich ab, so daß die Tiere eben weggeschoben wurden vom Menschen (rote Striche nach außen) und dann für sich eine Entwickelung durchmachen mußten auf einer niedrigeren Stufe, als der Mensch selber steht. So fühlte sich auf der einen Seite der alte Mensch gerade der Gilgamesch-Zeit und der folgenden Zeit hineingestellt zwischen das Tierreich und das Pflanzenreich. Dem Pflanzenreich gegenüber fühlte er sich als der Träger, der die Erde sozusagen besamt in Vertretung der Götter. Dem Tierreich gegenüber fühlte er sich so, als ob er es von sich abgestoßen hätte, um Mensch zu werden ohne die Belastung mit den Tieren, die dadurch verkümmert sind. Der ganze ägyptische Tierdienst hängt übrigens mit dieser Anschauung zusammen. Vieles in Asien drüben von jenem tiefen Mitleid, das man da findet gegenüber den Tieren, hängt damit zusammen. Und es war eben eine großartige Naturanschauung, die so fühlte die Verwandtschaft des Menschen mit der Pflanzenwelt auf der einen Seite, mit der tierischen Welt auf der anderen Seite. Der Tierwelt gegenüber fühlte man die Befreiung, der pflanzlichen Welt gegenüber fühlte man die innige Verwandtschaft mit ihr. Man fühlte als Mensch die Pflanzenwelt als ein Stück von sich selber, und man fühlte die Erde in inniger Liebe, weil die Erde dieses Stück Menschentum, das die Pflanzen sind, in sich aufgenommen hat, in sich einwurzeln ließ, ja sogar aus ihrem Material sie mit Rinde überzog in den Bäumen. Überall war Moralisches in der Beurteilung der physischen Umwelt vorhanden. Man ging an die Pflanzen der Wiese heran und empfand in diesen nicht nur das natürliche Wachstum, sondern eine moralische Beziehung des Menschen zu diesem Wachstum. Man empfand den Tieren gegenüber wieder eine moralische Beziehung: man hat sich über sie hinausgerungen.
[ 8 ] In contrast, people felt a certain way about the animals: they could not bring them along to Earth; they had to set them apart; they had to free themselves from them, otherwise they would not have been able to develop the human form in the proper way. In a sense, the animals were pushed away, so that they were separated from humanity (red lines pointing outward) and then had to undergo their own evolution at a lower level than that of humanity itself. Thus, on the one hand, the ancient human—particularly during the Gilgamesh era and the period that followed—felt placed between the animal kingdom and the plant kingdom. In relation to the plant kingdom, he saw himself as the agent who, so to speak, sowed the earth on behalf of the gods. In relation to the animal kingdom, he felt as though he had cast it aside in order to become human without the burden of the animals, which had consequently atrophied. The entire Egyptian cult of animals, incidentally, is connected to this view. Much of the deep compassion found toward animals in Asia is connected to this. And it was indeed a magnificent view of nature that perceived the kinship of human beings with the plant world on the one hand, and with the animal world on the other. Toward the animal world, one felt a sense of liberation; toward the plant world, one felt an intimate kinship. As human beings, one perceived the plant world as a part of oneself, and one felt deep love for the earth, because the earth has taken in this part of humanity—which the plants represent—allowed it to take root within itself, and even covered it with bark in the trees using its own material. Everywhere, a moral dimension was present in the assessment of the physical environment. One approached the plants of the meadow and perceived in them not only natural growth, but also a moral relationship between humanity and that growth. One felt a moral relationship toward the animals as well: one had risen above them.
[ 9 ] Also eine großartige Geistnatur-Anschauung strömte aus von diesen Mysterien drüben im Oriente. Mysterien waren dann auch, aber mit einer weit weniger realen Geistnatur- Anschauung, in Griechenland. Die griechischen Mysterien sind grandios, gewiß, aber sie unterscheiden sich ganz wesentlich von den orientalischen Mysterien. Es ist eben alles so in den orientalischen Mysterien, daß der Mensch sich eigentlich nicht auf der Erde fühlt durch sie, sondern sich angegliedert fühlt an den Kosmos, an das Weltenall. In Griechenland war auch das Mysterienwesen zuerst auf der Stufe angekommen, wo der Mensch sich mit der Erde in Verbindung fühlte. Daher war dasjenige, was im Oriente entweder erschien oder empfunden wurde in den Mysterien, die wesenhaft geistige Welt selber. Man schildert eben die absolute Wahrheit, wenn man sagt: In den altorientalischen Mysterien erschienen die Götter selber unter den Priestern, die da opferten und die Gebete verrichteten. — Die Mysterientempel waren zu gleicher Zeit die irdischen Gaststätten der Götter, wo die Götter eben das den Menschen schenkten dutch die Priesterweisen, was sie ihnen an Himmelsgütern zu schenken hatten. In den griechischen Mysterien erschienen nur mehr die Bilder der Götter, die Abbilder, etwas wie die Schattenbilder; wahrhafte, echte Bilder, aber wie Schattenbilder, nicht mehr die göttlichen Wesenheiten, nicht mehr die Realitäten, sondern die Schattenbilder. So daß der Grieche eine ganz andere Empfindung hatte als derjenige, welcher der alten orientalischen Kultur angehörte. Der Grieche hatte die Empfindung: Es gibt Götter, aber den Menschen ist nur möglich, Bilder von diesen Göttern zu haben, so wie man in der Erinnerung die Bilder der Erlebnisse hat, nicht mehr die Erlebnisse selber.
[ 9 ] Thus, a magnificent vision of the spiritual nature emanated from these mysteries over in the Orient. There were also mysteries in Greece, but they were characterized by a far less concrete vision of the spiritual nature. The Greek mysteries are magnificent, to be sure, but they differ quite significantly from the Eastern mysteries. In the Eastern mysteries, everything is such that through them, a person does not actually feel connected to the earth, but rather feels connected to the cosmos, to the universe. In Greece, too, the mystery tradition had initially reached the stage where people felt connected to the Earth. Therefore, what appeared or was experienced in the mysteries in the East was the essential spiritual world itself. One is indeed describing the absolute truth when one says: In the ancient Eastern mysteries, the gods themselves appeared among the priests who offered sacrifices and performed the prayers. — The mystery temples were at the same time the earthly abodes of the gods, where the gods bestowed upon humanity, through the priestly rites, the heavenly gifts they had to offer. In the Greek mysteries, only the images of the gods appeared—the likenesses, something like shadows; true, genuine images, but like shadows—no longer the divine beings, no longer the realities, but the shadows. Thus, the Greek had a completely different perception than those who belonged to the ancient Eastern culture. The Greeks had the sense that there are gods, but that human beings can only have images of these gods, just as one has images of experiences in one’s memory, and no longer the experiences themselves.
[ 10 ] Das war die tiefe Grundempfindung, die aus den griechischen Mysterien herauskam, daß die Menschen die Empfindung hatten, sie haben etwas wie Erinnerungen an den Kosmos, nicht die Erscheinung des Kosmos selber, Bilder vom Kosmos, Bilder der Götter, nicht die Götter selber, Bilder von den Vorgängen auf Saturn, Sonne, Mond, nicht mehr die lebendige Verbindung mit dem, was real war auf Saturn, Sonne, Mond, wie der Mensch etwa die reale Verbindung mit seiner Kindheit hat. Und diese reale Verbindung mit Sonne, Mond, Saturn hatten eben die Menschen der orientalischen Zivilisation aus ihren Mysterien heraus. So hatte das Mysterienwesen der Griechen etwas Bildhaftes. Es erschienen eben die Schattengeister der göttlich-geistigen Wirklichkeit. Aber das hatte etwas bedeutsames anderes gebracht. Denn sehen Sie, es gab noch einen Unterschied zwischen den orientalischen Mysterien und den griechischen.
[ 10 ] That was the deep, fundamental feeling that emerged from the Greek mysteries: that people had the sense they possessed something like memories of the cosmos—not the appearance of the cosmos itself, but images of the cosmos; images of the gods, not the gods themselves; images of the processes on Saturn, the Sun, the Moon—no longer the living connection with what was real on Saturn, the Sun, and the Moon, just as a person has, for example, a real connection with their childhood. And it was precisely this real connection with the Sun, the Moon, and Saturn that the people of Eastern civilization derived from their mysteries. Thus, the Greek mystery tradition had a symbolic quality. It was the shadow spirits of the divine-spiritual reality that appeared. But this had brought about something else of great significance. For you see, there was still a difference between the Eastern mysteries and the Greek ones.
[ 11 ] Bei den orientalischen Mysterien war es doch immer so, daß wenn man irgend etwas von dem Großartigen, Gigantischen, das man da erfahren konnte, wissen wollte, daß man erst die rechte Zeit abzuwarten hatte. Da war es so, daß man irgend etwas nur erfahren konnte, wenn man den Opferdienst, der dazugehörte, also gewissermaßen die übersinnlichen Experimente, im Herbste machte, andere im Frühling, andere zur Hochsommetzeit, andere im tiefen Winter. Und wiederum, es war möglich, daß zu irgendeiner Zeit, die man dadurch als die richtige erkannte, daß die Mondkonstellation eine bestimmte war, irgendwelchen Göttern geopfert wurde. Dann erschienen sie in den Mysterien. Man kam zu ihren Öffenbarungen. Dann mußte man wiederum, sagen wir, dreißig Jahre warten, bis wiederum dieselbe Gelegenheit war, daß irgendeine Götterwesenheit sich in den Mysterien zeigte. Zum Beispiel alles dasjenige, was sich auf Saturn bezog, konnte nur alle dreißig Jahre irgendwie in den Bereich der Mysterien treten, alles was sich auf den Mond bezog, ungefähr immer in achtzehn Jahren und so weiter. So daß die Priesterweisen der orientalischen Mysterien die grandiosen, gigantischen Erkenntnisse und Anschauungen, die sie gewannen, eben nur in Abhängigkeit von Zeit und Raum und allem möglichen bekamen. Man bekam zum Beispiel ganz andere Offenbarungen tief in Berghöhlen drinnen, andere Offenbarungen auf den Gipfeln der Berge. Man bekam andere Offenbarungen, wenn man irgendwie tiefer in Asien drüben war oder an der Küste war und dergleichen. Also eine gewisse Abhängigkeit von Raum und Zeit auf der Erde, das war das Charakteristische gerade der Mysterien des Orients.
[ 11 ] In the Eastern mysteries, it was always the case that if one wanted to know anything about the magnificent, gigantic things one could experience there, one first had to wait for the right time. It was the case that one could only experience certain things if one performed the associated sacrificial rites—that is, the supersensory experiments, so to speak—in the fall; others in the spring; others at the height of summer; and others in the depths of winter. And again, it was possible that at any given time—recognized as the right one by a specific lunar constellation—sacrifices would be offered to certain gods. Then they would appear in the Mysteries. One would gain access to their revelations. Then one would have to wait, say, thirty years until the same opportunity arose again for a divine being to manifest itself in the Mysteries. For example, everything related to Saturn could only enter the realm of the Mysteries in some way every thirty years; everything related to the Moon, roughly every eighteen years, and so on. Thus, the priest-sages of the Eastern Mysteries received the magnificent, gigantic insights and visions they gained only in dependence on time, space, and all manner of factors. For example, one received entirely different revelations deep inside mountain caves, and different revelations on the mountain peaks. One received different revelations when one was somewhere deeper in Asia or on the coast, and so on. Thus, a certain dependence on space and time on Earth—that was precisely the characteristic feature of the mysteries of the East.
[ 12 ] In Griechenland waren die großen gigantischen Realitäten dahingeschwunden. Bilder waren noch da. Aber die Bilder konnte man jetzt haben nicht in Abhängigkeit von Jahreszeit oder Jahrhundertlauf oder dem Orte, sondern die Bilder konnte man haben, wenn man sich als Mensch in der richtigen Weise vorbereitete, wenn man diese oder jene Exerzitien machte, diese oder jene persönlichen Opfer brachte. Wenn man dann auf einer gewissen Stufe der Opfer und der persönlichen Reife angekommen war, dann konnte man deshalb, weil man das als Mensch erreicht hatte, die Wahrnehmungen der Schatten der großen Weltereignisse und Weltwesenheiten haben.
[ 12 ] In Greece, the great, gigantic realities had faded away. Images were still there. But one could now experience these images not depending on the season, the passage of the centuries, or the location; rather, one could experience them if, as a human being, one prepared oneself in the right way—by undertaking this or that spiritual exercise or making this or that personal sacrifice. Once one had reached a certain level of sacrifice and personal maturity, one could—precisely because one had achieved this as a human being—perceive the shadows of the great world events and world entities.
[ 13 ] Das ist der große Umschwung im Mysterienwesen vom alten Orient nach Griechenland herüber, daß die alten orientalischen Mysterien unterworfen waren den Bedingungen von Erdenort und Erdenraum, daß die griechischen Mysterien diejenigen waren, wo der Mensch in Betracht kam mit dem, was er den Göttern entgegenbrachte. Der Gott kam sozusagen in seinem Schattenbilde, in seinem Spektrum, wenn der Mensch gewürdigt werden konnte durch die Vorbereitungen, die er dazu gemacht hatte, daß der Gott im Spektrum zu ihm kam. Dadurch sind die griechischen Mysterien wirklich die Vorbereitung der neueren Menschheit geworden.
[ 13 ] This is the great shift in the nature of the mysteries from the ancient Orient to Greece: the ancient Oriental mysteries were subject to the conditions of earthly location and space, whereas the Greek mysteries were those in which the human being was considered in relation to what he offered to the gods. The god came, so to speak, in his shadow image, in his spectrum, when the human being had been deemed worthy through the preparations he had made, so that the god came to him in this spectrum. In this way, the Greek mysteries truly became the preparation for the new humanity.
[ 14 ] Nun, mitten drinnen zwischen den alten orientalischen und den griechischen Mysterien stand das von Ephesus. Es hatte eben seine besondere Stellung. Denn in Ephesus konnten jene, die dort die Einweihung gewannen, durchaus noch etwas von den gigantischen, majestätischen Wahrheiten des alten Orients erfahren. Sie wurden noch berührt von dem inneren Empfinden und Fühlen des Zusammenhanges des Menschen mit dem Makrokosmos und dem göttlich-geistigen Wesen des Makrokosmos. Oh, in Ephesus war noch viel von dem wahrzunehmen, was überirdisch war. Und die Identifizierung mit der Artemis, mit der Göttin des Mysteriums von Ephesus, die brachte eben noch jenen lebendigen Zusammenhang: Die Pflanzenwelt ist die deine, die Erde hat sie nur aufgenommen. Die Tierwelt hast du überwunden, du hast sie zurücklassen müssen. Du mußt möglichst mit Mitleid schauen auf die Tiere, die auf dem Wege zurückbleiben mußten, damit du Mensch werden konntest. — Dieses Sich-eins-Fühlen mit dem Makrokosmos, das wurde noch aus den unmittelbaren Erlebnissen, noch aus den Realitäten dem Eingeweihten von Ephesus überliefert.
[ 14 ] Now, right in the middle between the ancient Oriental and Greek mysteries stood that of Ephesus. It simply held a special place. For in Ephesus, those who received initiation there could still experience something of the gigantic, majestic truths of the ancient Orient. They were still touched by the inner sense and feeling of the connection between the human being and the macrocosm, and the divine-spiritual essence of the macrocosm. Oh, in Ephesus there was still much to perceive of what was supernatural. And the identification with Artemis, with the goddess of the Mystery of Ephesus, still brought that living connection: The plant world is yours; the earth has merely taken it in. You have overcome the animal world; you had to leave it behind. You must look upon the animals that had to be left behind on the path—so that you could become human—with as much compassion as possible. —This sense of oneness with the macrocosm was still passed down to the initiates of Ephesus through direct experiences, through the realities themselves.
[ 15 ] Aber es war in Ephesus schon als dem ersten Mysterium, das gegen das Abendland zugekehrt war, die Unabhängigkeit von den Jahreszeiten oder von dem Jahrhundertlauf, kurz, von Ort und Zeit auf Erden. In Ephesus kam es schon an auf die Exerzitien, die der Mensch machte, auf die Art und Weise, wie er sich durch Opferung und Hingabe an die Götter reif gemacht hatte. So daß in der Tat das Mysterium von Ephesus auf der einen Seite durch den Inhalt der Mysterienwahrheiten noch hinweist nach dem alten Oriente, und dadurch, daß es schon herangerückt war an die menschliche Entwickelung, an das Menschentum, war das Mysterium von Ephesus wiederum dem Griechentum schon zugeneigt. Es war sozusagen das letzte Mysterium da drüben im Osten, wo noch die alten gigantischen Wahrheiten an die Menschen herantraten, herantreten konnten. Denn im Osten waren sonst die Mysterien schon in die Dekadenz gekommen.
[ 15 ] But in Ephesus, even as the first mystery to turn toward the West, there was independence from the seasons or the cycle of the centuries—in short, from place and time on earth. In Ephesus, what mattered was the spiritual exercises that a person undertook, the way in which they had prepared themselves through sacrifice and devotion to the gods. So that, in fact, the Mystery of Ephesus, on the one hand, still points back to the ancient East through the content of the mystery truths; and because it had already drawn closer to human development, to humanity itself, the Mystery of Ephesus was, in turn, already oriented toward Hellenism. It was, so to speak, the last mystery over there in the East where the ancient, gigantic truths still approached—and were still able to approach—humanity. For elsewhere in the East, the mysteries had already fallen into decadence.
[ 16 ] Wo die alten Wahrheiten sich am längsten erhalten haben, das ist in den Mysterien des Westens. Von Hybernia kann man noch erzählen Jahrhunderte nach der Entstehung des Christentums. Aber ich möchte sagen: Die Geheimnisse von Hybernia, sie sind im Grunde genommen doppelt geheimnisvoll. — Denn sehen Sie, das, was ich Ihnen gestern erzählt habe von diesen zwei Statuen, wovon die eine eine Sonnen-, die andere eine Mondesstatue ist, eine männliche und eine weibliche Statue ist, diese Geheimnisse von den Statuen sind heute so, daß sie selbst aus der sogenannten Akasha-Chronik noch schwer zu erforschen sind. Es ist verhältnismäßig gar nicht schwierig für denjenigen, der in diesen Dingen geschult ist, heranzukommen an die Bilder der orientalischen Mysterien und aus dem Astrallichte heraus diese Bilder zu holen. Aber kommt man oder will man an die Mysterien von Hybernia herankommen, will man sich ihnen nähern im Astrallichte, so bekommt man zunächst etwas wie eine Betäubung. Es schlägt einen zurück. Sie wollen selbst in den Akasha-Nachbildungen sich heute nicht mehr sehen lassen, trotzdem sie am längsten bestanden haben in ursprünglicher Echtheit, diese irischen, diese hybernischen Mysterien.
[ 16 ] It is in the mysteries of the West that the ancient truths have endured the longest. One can still speak of Hybernia centuries after the emergence of Christianity. But I would like to say: The mysteries of Hybernia are, in essence, doubly mysterious. — For you see, what I told you yesterday about these two statues—one a sun statue, the other a moon statue, one male and one female—the mysteries surrounding these statues are such today that they are difficult to fathom even from the so-called Akashic Records. It is actually not at all difficult for someone trained in these matters to access the images of the Eastern mysteries and to draw these images from the astral light. But if one attempts to approach the mysteries of Hybernia—if one wishes to draw near to them in the astral light—one is initially struck by a kind of numbness. It repels one. Even in the Akashic records, these Irish, these Hybernian mysteries no longer allow themselves to be seen today, even though they have endured the longest in their original authenticity.
[ 17 ] Nun bedenken Sie: Berührt von den hybernischen Mysterien war ja die Individualität, die in Alexander dem Großen steckte, während der Gilgamesch-Zeit, während des Zuges nach dem Westen bis in die Gegend des heutigen Burgenlandes. Es lebte in dieser Menschenindividualität und lebte auf eine sehr alte Art in der Zeit, in der eben durchaus noch starke Anklänge in diesem Westen waren an die atlantische Zeit. Das war nun durch den seelischen Zustand, der zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfließt, hindurchgetragen. Dann waren die beiden Freunde, Eabani und Gilgamesch, wiederum eben gerade in Ephesus, um dort mit einer großen Bewußtheit dasjenige zu erleben, was mehr oder weniger noch unbewußt, unterbewußt im Zusammenhange mit der göttlich-geistigen Welt vorher während der Gilgamesch-Zeit erlebt worden war. Aber es war während der ephesischen Zeit ein verhältnismäßig ruhiges Leben, ein Verdauen, Verarbeiten desjenigen, was in früheren, bewegteren Zeiten in die Seelen hineingezogen war.
[ 17 ] Now consider this: It was the individuality inherent in Alexander the Great that was touched by the Hybernian Mysteries during the Gilgamesh era, during the westward migration as far as the region of present-day Burgenland. This human individuality lived on in a very ancient way during a time when there were still very strong echoes of the Atlantean era in the West. This was carried through by the soul state that flows between death and a new birth. Then the two friends, Eabani and Gilgamesh, found themselves once again in Ephesus, precisely to experience there, with great awareness, what had previously been experienced—more or less unconsciously or subconsciously—in connection with the divine-spiritual world during the Gilgamesh era. But during the Ephesian period, life was relatively calm—a time of digesting and processing what had been absorbed into their souls during earlier, more turbulent times.
[ 18 ] Nun muß man bedenken: Bevor diese Individualitäten wiederum erschienen in der Dekadenz der Griechenzeit, in dem Aufblühen der makedonischen Zeit, was war da über Griechenland hinweggegangen! Dieses Griechenland der alten Zeit, das im Grunde genommen sich über das Meer hinüber ausdehnte und auch Ephesus umfaßte, bis tief nach Kleinasien hineinging, dieses Griechenland, das hatte eben in den Schattenbildern durchaus noch den Nachklang der alten Götterzeit. Im Schatten wurde der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt wohl erlebt. Aber aus dem Schatten arbeitete sich das Griechentum allmählich heraus, und wir sehen ja stufenweise, wie sich die griechische Zivilisation aus einer sozusagen göttlichen Zivilisation in eine rein irdische hineinarbeitet.
[ 18 ] Now one must consider: Before these individualities reappeared during the decadence of the Greek era and the flourishing of the Macedonian era, what had befallen Greece! This Greece of ancient times, which essentially extended across the sea and also encompassed Ephesus, reaching deep into Asia Minor—this Greece still retained, in its shadows, the echoes of the ancient age of the gods. In the shadows, humanity’s connection to the spiritual world was indeed experienced. But Greek civilization gradually emerged from the shadows, and we see, step by step, how it evolved from what might be called a divine civilization into a purely earthly one.
[ 19 ] Oh, die wichtigsten Dinge des geschichtlichen Werdens werden ja gar nicht berührt in dem, was heute ganz materialistisch äußere Geschichte ist! Wichtig für die ganze Auffassung des Griechentums ist das allerdings, weil nur mehr ein Schattenbild da war in der griechischen Zivilisation von der alten Göttlichkeit, in der der Mensch zusammenhing mit den übersinnlichen Welten, daß der Mensch allmählich herauskam aus der Götterwelt und zu dem Gebrauche seiner eigenen, ganz individuell persönlichen geistigen Fähigkeiten kam. Das ging stufenweise vor sich. Wir können es den Dramen des Äschylos noch ansehen, wie da dasjenige, was noch gefühlt wird von der alten Götterzeit, wie das nun noch auftritt in künstlerischem Bilde. Aber kaum kommt Sophokles, so reißt schon sozusagen der Mensch sich ab von diesem Sich-zusammen-Fühlen mit dem göttlich-geistigen Dasein. Und dann, dann tritt etwas ein, was an einen Namen geknüpft ist, der ganz gewiß nicht hoch genug zu schätzen ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus; aber es gibt ja verschiedene Gesichtspunkte in der Welt.
[ 19 ] Oh, the most important aspects of historical development are not even touched upon in what is today considered purely materialistic, external history! This is, however, crucial to our overall understanding of Greek civilization, because by that time only a shadow remained in Greek civilization of the ancient divinity—in which human beings were connected to the supersensible worlds—as humanity gradually emerged from the world of the gods and came to make use of its own, entirely individual and personal spiritual faculties. This took place in stages. We can still see this in the dramas of Aeschylus, where what is still felt from the ancient age of the gods is now expressed in artistic form. But no sooner does Sophocles appear than humanity, so to speak, breaks away from this sense of oneness with the divine-spiritual existence. And then, something emerges that is linked to a name which, from a certain point of view, certainly cannot be highly enough esteemed; but there are, after all, different points of view in the world.
[ 20 ] Sehen Sie, in älteren griechischen Zeiten hatte man wahrhaftig nicht notwendig, Geschichte aufzuzeichnen. Wozu denn? Es war ja die lebendige Abschattung da des wichtigen Vergangenen. Die Geschichte las man ab in demjenigen, was sich in den Mysterien zeigte. Da waren die Schattenbilder, die lebendigen Schattenbilder. Was sollte man denn aufschreiben als Geschichte? Da kam die Zeit, wo diese Schattenbilder hinuntergingen in die untere Welt, wo das menschliche Bewußtsein sie nicht mehr aufnehmen konnte. Da entstand zuerst der Drang, nun Geschichte aufzuschreiben. Da kam der erste Prosaiker der Geschichte, Herodot, herauf. Und man könnte von da an viele Namen nennen, immer zielt das daraufhin, sozusagen herauszureißen die Menschheit aus dem Göttlich-Geistigen, sie hinzustellen in das rein Irdische. Aber immerhin war über diesem ganzen Irdischwerden während des Griechentums ein Glanz, ein Glanz, von dem wir morgen hören werden, daß er eben nicht auf das Römertum und nicht auf das Mittelalter übergegangen ist. Ein Glanz war da. Den Schattenbildern, auch den in der Abenddämmerung der griechischen Zivilisation verglimmenden Schattenbildern spürte man es noch an, empfand man es an, daß sie göttlichen Ursprungs waren.
[ 20 ] You see, in ancient Greek times, there was truly no need to record history. Why would there be? After all, the living reflection of the significant past was right there. History was read in what was revealed in the Mysteries. There were the shadow figures, the living shadow figures. What, then, was there to write down as history? Then came the time when these shadow figures descended into the underworld, where human consciousness could no longer perceive them. That is when the urge to write down history first arose. That is when the first prose writer of history, Herodotus, emerged. And from that point on, one could name many others; the aim is always, so to speak, to tear humanity away from the divine-spiritual and place it in the purely earthly realm. Yet even so, during the Greek era, a radiance shone over this entire process of becoming earthly—a radiance that, as we shall hear tomorrow, did not pass on to the Roman era or to the Middle Ages. There was a radiance there. One could still sense it in the shadows—even in those fading in the twilight of Greek civilization—and feel that they were of divine origin.
[ 21 ] Und inmitten von all dem, wie die Zufluchtsstätte, wo man Aufklärung fand über all das, was da in Griechenland, ich möchte sagen, in Fragmenten der Kultur vorhanden war, inmitten von all dem stand Ephesus. Heraklit, viele der größten Philosophen, auch Platon, Pythagoras, sie alle haben noch von Ephesus gelernt. Ephesus war wirklich dasjenige, was bis zu einem gewissen Punkte bewahrt hatte die alten orientalischen Weistümer. Und auch diejenigen Individualitäten, die in Aristoteles und Alexander dem Großen waren, in Ephesus konnten sie erfahren, etwas später als Heraklit, was dann noch an altem Wissen in den orientalischen Mysterien war, das als Erbstück geblieben ist dem Mysterium von Ephesus. Innig verbunden insbesondere mit der Alexanderseele war dasjenige, was in Ephesus an Mysterienwesen lebte. Und nun geschah eines jener historischen Ereignisse, von denen die Triviallinge annehmen, daß sie ein äußerer Zufall sind, die aber gerade tief, tief begründet sind in den inneren Zusammenhängen der Menschheitsentwickelung.
[ 21 ] And in the midst of all that—like a refuge where one could find enlightenment about everything that existed in Greece, I would say, in fragments of culture—in the midst of all that stood Ephesus. Heraclitus, many of the greatest philosophers—including Plato and Pythagoras—all learned from Ephesus. Ephesus was truly the place that, to a certain extent, had preserved the ancient Eastern wisdom traditions. And even those individualities embodied in Aristotle and Alexander the Great were able to experience in Ephesus—somewhat later than Heraclitus—what remained of the ancient knowledge within the Eastern mysteries, which had been preserved as a legacy of the mystery of Ephesus. What lived in Ephesus as a mystery entity was intimately connected, in particular, with the soul of Alexander. And now one of those historical events took place which the trivial-minded assume to be an external coincidence, but which are in fact deeply, deeply rooted in the inner connections of human development.
[ 22 ] Um die Bedeutung dieses historischen Ereignisses einsehen zu können, rufen wir uns das Folgende einmal vor die Seele. Denken Sie daran, daß ja in den beiden Seelen, in der Seele desjenigen, der dann Aristoteles wurde, und desjenigen, der Alexander der Große wurde, zunächst das lebte, was innerlich verarbeitet war aus uralter Zeit heraus, dann das lebte, was in Ephesus ihnen ungeheuer wertvoll geworden war. Ich möchte sagen, ganz Asien, aber in der Form, in der es griechisch geworden war in Ephesus, lebte in den beiden, insbesondere in der Seele desjenigen, der später Alexander der Große geworden ist. Nun stelle man sich auch den Charakter vor — ich habe ihn geschildert aus der Gilgamesch-Zeit —, und man denke sich, daß sich ja nun im lebendigen Verkehr zwischen Alexander und Aristoteles das Wissen, das an den alten Orient und an Ephesus gebunden war, wiederholte, aber in der neuen Form des Wissens wiederholte. Man stelle sich das nur vor. Man stelle sich vor, was hätte werden müssen, wenn das gigantische Dokument, das eigentlich in diesen Seelen mit einer ungeheuren Intensität gelebt hat, wenn dieses gigantische Dokument, das Mysterium von Ephesus, dagewesen wäre, wenn also auch in der Alexander-Inkarnation Alexander das Mysterium von Ephesus noch angetroffen hätte! Man stelle sich das vor, und man würdige dann die Tatsache, daß an dem Tage, an dem Alexander geboten wurde, Herostrat die Brandfackel in das Heiligtum von Ephesus geworfen hat, so daß der Dianentempel von Ephesus an dem Tage, an dem Alexander geboren wurde, durch Frevlerhand abgebrannt ist. Es ward nicht mehr gefunden dasjenige, was gerade geknüpft war an seine Denkmal-Dokumente. Das war nun nicht da; das war im Grunde genommen allein jetzt als historische Mission in der Seele des Alexander und in seinem Lehrer Aristoteles.
[ 22 ] To grasp the significance of this historical event, let us reflect on the following. Remember that within the two souls—the soul of the one who would later become Aristotle and the soul of the one who would become Alexander the Great—there lived, first of all, what had been inwardly assimilated from time immemorial, and then what had become immensely valuable to them in Ephesus. I would say, all of Asia—but in the form in which it had become Greek in Ephesus—lived within both of them, especially in the soul of the one who later became Alexander the Great. Now imagine also the character—I have described him from the Gilgamesh era—and consider that in the living interaction between Alexander and Aristotle, the knowledge bound to the ancient Orient and to Ephesus was repeated, but repeated in the new form of knowledge. Just imagine that. Imagine what might have come to pass if that gigantic document—which actually lived within these souls with tremendous intensity—if that gigantic document, the Mystery of Ephesus, had been present; if, in other words, Alexander in his incarnation as Alexander had still encountered the Mystery of Ephesus! Just imagine that, and then appreciate the fact that on the very day Alexander was commanded to act, Herostratus threw the burning torch into the sanctuary of Ephesus, so that the Temple of Diana in Ephesus was burned down by the hand of a sacrilegious man on the very day Alexander was born. What was directly linked to his memorial documents was no longer to be found. It was no longer there; in essence, it now existed solely as a historical mission in the soul of Alexander and in that of his teacher Aristotle.
[ 23 ] Und nun verbinden Sie dasjenige, was da in ihnen als Seelisches lebte, mit dem, was ich gestern, als wie aus der Konfiguration der Erde heraus folgend, in der Mission Alexanders des Großen zeigte. Und nun werden Sie verstehen können, daß ja mit Ephesus wie ausgelöscht war dasjenige, was im Orient real, reale Offenbarung des Göttlich-Geistigen war. Die anderen Mysterien waren im Grunde genommen nur noch Dekadenzmysterien, in denen Traditionen aufbewahrt wurden, wenn auch manchmal sehr lebhafte Traditionen, und Traditionen, die in besonders veranlagten Naturen allerdings hellseherische Kräfte hervorriefen. Aber die Großartigkeit, das Gigantische der alten Zeit war nicht da. Mit Ephesus war ausgelöscht dasjenige, was aus Asien herübergekommen war. Nun würdigen Sie den Entschluß in der Seele Alexanders des Großen: Diesem Orient, der verloren hat dasjenige, was er einst hatte, muß es wenigstens gebracht werden in der Form, in der es in Griechenland im Schattenbilde sich bewahrt hat! — Damit entstand der Gedanke Alexanders des Großen, hinüberzuziehen nach Asien, so weit als nur gezogen werden konnte, um das, was der Orient verloren hatte, ihm im Schattenbilde in der griechischen Kultur wiederum zu bringen.
[ 23 ] And now connect what lived within them as a spiritual reality with what I showed yesterday—as arising, as it were, from the configuration of the Earth—in the mission of Alexander the Great. And now you will be able to understand that, with Ephesus, what was a real, genuine revelation of the divine-spiritual in the East was, as it were, wiped out. The other mysteries were, in essence, merely mysteries of decadence, in which traditions were preserved—albeit sometimes very vibrant traditions—and traditions that, in particularly gifted individuals, did indeed evoke clairvoyant powers. But the grandeur, the magnificence of ancient times was no longer there. With Ephesus, what had come over from Asia had been extinguished. Now appreciate the resolve in the soul of Alexander the Great: To this Orient, which has lost what it once had, it must at least be brought in the form in which it has been preserved as a shadow image in Greece! — Thus arose Alexander the Great’s idea to march into Asia, as far as it was possible to go, in order to restore to the East, in the form of a reflection within Greek culture, what it had lost.
[ 24 ] Und nun sehen wir, wie mit diesem Zug Alexanders des Großen tatsächlich in einer ganz wunderbaren Weise nicht eine Kultureroberung gemacht wird, wie man nicht versucht, irgendwie Hellenentum in einer äußeren Weise dem Orientalen zu bringen, sondern Alexander der Große nimmt überall nicht nur die Sitten des Landes an, sondern er ist überall imstande, aus den Herzen, aus den Gemütern der Menschen heraus zu denken. Als er nach Ägypten, nach Memphis kommt, wird er als ein Befreier von all dem geistigen Sklavenzeug angesehen, das bis dahin geherrscht hat. Das Perserreich durchdringt er mit einer Kultur, mit einer Zivilisation, zu der die Perser niemals imstande gewesen sind. Bis nach Indien dringt er vor. Den Plan faßt er, den Ausgleich, die Harmonisierung zu bewirken zwischen hellenischer und orientalischer Zivilisation. Überall gründet er Akademien. Die bedeutsamsten für die Nachwelt sind ja dann die Akademien, die er in Alexandria, in Nordägypten, gründete. Aber das allerwichtigste ist, daß er überall in Asien drüben große und kleine Akademien gründet, in denen dann in der folgenden Zeit die Werke des Aristoteles, auch die Traditionen des Aristoteles gepflegt werden. Und das hat durch Jahrhunderte in Vorderasien weitergewirkt, so weitergewirkt, daß, ich möchte sagen, immerfort noch wie im schwachen Nachbilde sich das wiederholt hat, was Alexander inaugurierte. Alexander hat zunächst in einem mächtigen Stoß das Naturwissen drüben in Asien gepflanzt bis nach Indien hinein durch seinen frühen Tod war er nur nicht imstande, bis nach Arabien zu kommen: Das war sein Hauptziel. Bis nach Indien hinein, bis nach Ägypten hinein, überallhin verpflanzte er das, was er als Naturgeist-Wissen von Aristoteles aufgenommen hatte. Und er hat es überall so hingestellt, daß es fruchtbar werden konnte dadurch, daß die Menschen, die es aufnehmen sollten, es als ihr Eigenes empfanden, nicht als ein fremdes Hellenisches, das ihnen aufgedrängt werden sollte. Es konnte tatsächlich nur eine so feuersprühende Natur wie Alexander der Große dies bewirken, was da bewirkt worden ist. Denn immerdar kamen Nachschübe. Viele Gelehrte der späteren Zeit gingen wiederum von Griechenland hinüber, und insbesondere war es eine der Akademien — außer Edessa war es die Akademie von Gondishapur —, welche durch Jahrhunderte hindurch immer wieder und wiederum Nachzüge aus Griechenland erfahren hat.
[ 24 ] And now we see how, with this campaign of Alexander the Great, there is in fact—in a truly marvelous way—no cultural conquest; how there is no attempt to impose Hellenism on the Orientals in any external way; but rather, Alexander the Great not only adopts the customs of each land wherever he goes, but is also able everywhere to think from the hearts and minds of the people. When he arrives in Egypt, in Memphis, he is regarded as a liberator from all the spiritual bondage that had prevailed until then. He imbued the Persian Empire with a culture and a civilization that the Persians themselves had never been capable of achieving. He advanced as far as India. He conceived a plan to bring about a balance and harmonization between Hellenic and Eastern civilizations. He founded academies everywhere. The most significant ones for posterity are, of course, the academies he founded in Alexandria, in northern Egypt. But what is most important is that he founded academies, both large and small, throughout Asia, where the works of Aristotle—and the traditions of Aristotle—were subsequently cultivated. And this continued to have an impact in the Near East for centuries—so much so that, I would say, what Alexander inaugurated has been repeated ever since, albeit as a faint echo. Alexander first planted the knowledge of nature in Asia with a mighty thrust, all the way to India; it was only because of his early death that he was unable to reach Arabia—that was his main goal. All the way to India, all the way to Egypt—everywhere he transplanted what he had absorbed from Aristotle as knowledge of the spirit of nature. And he presented it everywhere in such a way that it could bear fruit, so that the people who were to receive it would feel it as their own, not as a foreign Hellenic concept being imposed upon them. Indeed, only a nature as fiery as that of Alexander the Great could have brought about what was accomplished there. For reinforcements kept coming. Many scholars of later times, in turn, traveled from Greece, and in particular it was one of the academies—besides Edessa, it was the Academy of Gondishapur—that, over the course of centuries, repeatedly received new waves of scholars from Greece.
[ 25 ] Da wurde das Ungeheure vollzogen, daß dasjenige, was vom Oriente herübergekommen war (es wurde gezeichnet, wobei sich die beiden Zeichnungen überschnitten; siehe Originaltafel 8. Rot von rechts nach links, heller Fleck), was in Ephesus gestoppt worden ist dutch die Brandfackel des Herostrat, daß das von seinem Schattenbilde, das in Griechenland war, zurück beleuchtet wurde (hellgrün von links nach rechts) bis zum letzten Akt, als durch oströmische Tyrannei die griechischen Philosophenschulen geschlossen wurden im 6. nachchristlichen Jahrhunderte und die letzten der griechischen Philosophen sich hinüberflüchteten nach der Akademie von Gondishapur.
[ 25 ] Then the monstrous act was carried out: that which had come from the East (it was depicted, with the two drawings overlapping; see original plate 8. Red from right to left, light spot)—which had been halted in Ephesus by Herostratus’s torch—was illuminated from behind by its shadow, which was in Greece, was backlit (light green from left to right) until the final act, when, under Eastern Roman tyranny, the Greek philosophical schools were closed in the 6th century A.D. and the last of the Greek philosophers fled to the Academy of Gondishapur.


[ 26 ] Es war dieses ein Ineinanderarbeiten desjenigen, was vorangegangen war, und desjenigen, was zurückgeblieben war. Dadurch war in der Tat in dieser Mission, wenn auch mehr oder weniger unbewußt, aber es war darinnen, daß ja in einer gewissen Weise in Griechenland die Welle des Zivilisationslebens angekommen war auf eine luziferische Art, in Asien drüben sie zurückgeblieben war auf eine ahrimanische Art; in Ephesus war der Ausgleich. Und Alexander wollte, da Ephesus physisch an seinem Geburtstage zugrunde gegangen war, ein geistiges Ephesus, das seine Sonnenstrahlen über Orient und Okzident ausstrahlen sollte, begründen. In tieferem Sinne lag dem Wollen Alexanders zugrunde, ein geistiges Ephesus zu begründen über Vorderasien bis nach Indien hinein, über das ägyptische Afrika, über den Osten von Europa.
[ 26 ] It was this interplay between what had gone before and what remained behind. Thus, in this mission—albeit more or less unconsciously, but it was there nonetheless—the wave of civilizational life had, in a certain sense, arrived in Greece in a Luciferic manner, while in Asia it had remained behind in an Ahrimanic manner; in Ephesus, the balance was achieved. And since Ephesus had physically perished on his birthday, Alexander wanted to establish a spiritual Ephesus that would radiate its rays of sunlight across the Orient and the Occident. In a deeper sense, Alexander’s desire was rooted in the intention to establish a spiritual Ephesus extending across the Near East all the way to India, across Egyptian Africa, and across Eastern Europe.
[ 27 ] Man kann nicht die geschichtliche Entwickelung der abendländischen Menschheit verstehen, wenn man diesen Hintergrund nicht hat. Denn bald nachdem dies geschehen war, nachdem hier versucht worden war, das uralt ehrwürdige Ephesus auf breitem Raum auszubreiten, wurde im Grunde genommen in Alexandrien in Ägypten, wenn auch in matten Schriftzeichen, dasjenige bewahrt, was in leuchtenden weiten Lettern einmal vorhanden war in Ephesus. Und nachdem geblüht hat diese Nachblüte von Ephesus, machte sich ja geltend weiter im Westen drüben das Römertum, das nun eine ganz andere Welt ist, das nichts mehr zu tun hat mit den griechischen Schattenbildern, sondern das im menschlichen Wesen eben nur die Erinnerungen an diese alten Zeiten zurückbehält. Daher ist der wichtigste Einschnitt, der in der Geschichte studiert werden kann, der, als nach dem Brande von Ephesus begründet werden soll durch Alexander ein geistiges Ephesus, das dann zurückgeschoben wird von demjenigen, was sich weiter im Westen geltend macht, zuerst als Römertum, dann als Christentum und so weiter. Und man versteht die Entwickelung der Menschheit nur, wenn man sich sagt: So wie wir sind, mit unserer Art, mit dem Verstand aufzufassen, mit unserer Art, aus dem Willen heraus zu wirken, mit unserer Gemütsstimmung, so können wir zurückschauen in das alte Rom. Da versteht man alles. Aber man kann nicht zurückschauen nach Griechenland, nicht nach dem Oriente. Da muß man in Imaginationen schauen, dazu ist geistiges Schauen notwendig.
[ 27 ] One cannot understand the historical development of Western civilization without this background. For soon after this happened—after an attempt had been made here to spread the ancient and venerable Ephesus over a wide area—what had once existed in Ephesus in bright, sweeping letters was, in essence, preserved in Alexandria, Egypt, albeit in faint characters. And after this revival of Ephesus had flourished, Roman culture—which is now an entirely different world, having nothing more to do with the Greek shadows, but retaining in human nature only the memories of those ancient times—began to assert itself further west. Therefore, the most significant turning point that can be studied in history is when, after the burning of Ephesus, Alexander is said to have founded a spiritual Ephesus, which is then pushed aside by what asserts itself further to the west—first as Roman civilization, then as Christianity, and so on. And one can only understand the development of humanity by telling oneself: Just as we are—with our way of comprehending through the intellect, with our way of acting out of the will, with our state of mind—so can we look back into ancient Rome. Then one understands everything. But one cannot look back to Greece, nor to the Orient. There one must look through the power of imagination; for this, spiritual vision is necessary.
[ 28 ] Ja, nach Süden dürfen wir schauen auch im geschichtlichen Werden mit dem gewöhnlichen, nüchtern prosaischen Verstande, nicht aber nach dem Osten. Denn wenn wir nach dem Osten schauen, müssen wir in Imaginationen schauen: hinten auf dem Hintergrunde die mächtigen Mysterientempel des uralten Asien der nachatlantischen Zeit, wo die Priesterweisen jedem ihrer Schüler seinen Zusammenhang mit dem Göttlich-Geistigen des Kosmos klarlegten, wo eine Zivilisation war, wie sie, wie ich Ihnen geschildert habe, in der Gilgamesch-Zeit aufgenommen werden konnte. Dann müssen wir sehen, indem wir über Asien zerstreut diese wunderbaren Tempel schauen, wie im Vordergrunde Ephesus steht, bewahrend noch vieles von dem, was schon abgeblaßt war in den über Asien zerstreuten Tempeln, vieles von dem noch bewahrend, aber schon ins Griechentum übergegangen. Schon braucht der Mensch nicht mehr auf die Sternkonstellationen und Jahreszeiten zu warten und auf seine eigenen Lebensalter, um die Offenbarungen der Götter zu empfangen in Ephesus, sondern schon kann er durch dasjenige, was er, wenn er reif ist, opfert, wenn er Exerzitien macht, sich den Göttern nahen, so daß sie gnadevoll zu ihm kommen. Und nun sehen wir in einer Welt, die durch dieses Bild wiedergegeben wird, in der Heraklit-Zeit, vorbereitet die Persönlichkeiten, von denen ich Ihnen gesprochen habe, nun sehen wir 356, am Geburtstage Alexanders des Großen, die Feuerflammen auflodern aus dem Tempel von Ephesus. Alexander der Große wird geboren, findet seinen Lehrer Aristoteles. Und es ist, wie wenn aus diesen zum Himmel aufsteigenden Feuerflammen von Ephesus heraus ertönen würde für diejenigen, die verstehen konnten: Begründet ein geistiges Ephesus, wo in den Weiten das alte physische Ephesus wie sein Mittelpunkt, wie sein Zentrum in der Erinnerung dastehen kann.
[ 28 ] Yes, we may look southward even in the unfolding of history with our ordinary, sober, prosaic understanding, but not toward the East. For when we look toward the East, we must look into the realm of the imagination: in the distant background, the mighty mystery temples of ancient Asia from the post-Atlantean era, where the priest-sages explained to each of their disciples their connection to the divine-spiritual realm of the cosmos, where there was a civilization such as, as I have described to you, could have been conceived in the Gilgamesh era. Then, as we gaze upon these marvelous temples scattered across Asia, we must see how Ephesus stands in the foreground, still preserving much of what had already faded in the temples scattered across Asia—preserving much of it, yet having already passed into Hellenism. Already, in Ephesus, people no longer need to wait for the constellations and seasons—or for their own stages of life—to receive the revelations of the gods; rather, through what they offer in sacrifice when they are ready, and through their spiritual exercises, they can draw near to the gods, so that the gods may graciously come to them. And now, in a world reflected by this image—in the time of Heraclitus—we see the personalities of whom I have spoken to you being prepared; now, in 356, on the birthday of Alexander the Great, we see the flames blazing from the temple of Ephesus. Alexander the Great is born and finds his teacher, Aristotle. And it is as if, from these flames of fire rising to the heavens from Ephesus, a call were resounding for those who could understand: “Establish a spiritual Ephesus, where, in the vast expanses, the ancient physical Ephesus may stand as its focal point, as its center, in memory.”
[ 29 ] Und so sehen wir dieses Bild des alten Asien mit seinen Mysterienstätten, im Vordergrunde Ephesus, brennend, seine Schüler, und gleichzeitig fast, in etwas späterer Zeit, die Alexanderzüge, die das, was Griechenland im Fortschritte der Menschheit geben konnte, hinübertrugen, so daß im Bilde nach Asien kam, was Asien an Realität verloren hatte.
[ 29 ] And so we see this image of ancient Asia with its mystery temples—Ephesus in the foreground, ablaze, along with its disciples—and, almost simultaneously, at a slightly later time, Alexander’s campaigns, which carried across to Asia what Greece could offer in the progress of humanity, so that what Asia had lost in reality came to Asia in this image.
[ 30 ] Und indem wir da hinüberschauen, unsere Imagination beflügelt sein lassen von dem, was sich da als Ungeheutes ergibt, sehen wir zurück auf den wahrhaften alten Abschnitt der Geschichte, den man imaginativ fassen muß. Und dann sehen wir erst im Vordergrunde sich erheben die römische Welt, die Welt des Mittelalters, die Welt, die bis zu uns herein geht. Und alle anderen Einteilungen — Altertum, Mittelalter und Neuzeit, oder wie sonst die Gliederungen heißen —, die rufen im Grunde genommen nur falsche Vorstellungen hervor. Dieses Bild allein, das ich jetzt vor Sie hingestellt habe, kann Ihnen, wenn Sie es tiefer und immer tiefer verfolgen, einen wirklichen Einblick geben auch in die Geheimnisse, die sich bis zum heutigen Tage in dem Werden der europäischen Geschichte ergeben haben. Davon dann morgen weiter.
[ 30 ] And as we look out over that vast expanse, letting our imagination be inspired by the immense scale of what unfolds before us, we look back on the true ancient period of history, which must be grasped imaginatively. And only then do we see rising in the foreground the Roman world, the world of the Middle Ages, the world that extends right up to our own time. And all other divisions—Antiquity, the Middle Ages, and the Modern Era, or whatever else these classifications may be called—essentially give rise only to false notions. This image alone, which I have now presented to you, can—if you explore it more deeply and ever more deeply—give you genuine insight into the mysteries that have emerged in the course of European history right up to the present day. More on that tomorrow.
