Difficulties of Living Together
in the Anthroposophical Society
The Dornach Crisis in the Summer of 1915
GA 253
16 September 1915, Dornach
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Community Life, Inner Development, Sexuality and the Spiritual Teacher, tr. Creeger
7. Die psychoanalytische Weltanschauung im Lichte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis
7. The Philosophy of Psychoanalysis as Illuminated by an Anthroposophical Understanding of the Human Being
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Ich will heute zu den gestrigen Betrachtungen nur noch einiges hinzufügen und, wenn möglich, morgen mit einem neuen Thema beginnen.
[ 1 ] Today I am simply going to add to what we talked about yesterday, and if possible, I would like to take up a new topic tomorrow.
[ 2 ] Es ist von mir hervorgehoben worden, daß ein Wesentliches zum Verstehen der Welt im weitesten Sinne, also der Welt im allgemeinen, des einzelnen Menschen, des menschlichen Zusammenlebens und so weiter, sowie zum Verständnis eines Tatsachenzusammenhanges darin besteht, überall den richtigen Gesichtspunkt aufzufinden. Der Grund von vielen, vielen Irrtümern ist ja der, daß man glaubt, durch bloße logische Schlußfolgerungen von jedem beliebigen Ausgangspunkt aus zur Wahrheit kommen zu können. Aber wenn man eine Sache wirklich verstehen will, dann handelt es sich zuerst darum, sich zu dem richtigen Gesichtspunkte durchzuarbeiten. Dieses Sichdurchringen zu dem richtigen Gesichtspunkte sollte eigentlich als das wahre Wesen des Studierens aufgefaßt werden. Viele Fehler werden wirklich dadurch gemacht, daß man behufs einer Erkenntnisgewinnung sich an eine Sache einfach heranmacht und sie, wie gesagt, von jedem beliebigen Ausgangspunkte ins Auge faßt.
[ 2 ] In the fourth lecture in this series, I stressed that finding the right perspective is essential to understanding any subject, whether it is the world in general, an individual human being, social interactions, or any series of interrelated facts. The belief that the truth can be arrived at by proceeding to draw logical conclusions from some arbitrary point of departure is the source of a great many errors. If we really want to understand something, the first thing we have to do is to work out the right point of view from which to approach it. We must realize that finding the right perspective is essential to any studying we do; attempting to understand a subject by approaching it from an arbitrary starting point actually causes a lot of mistakes.
[ 3 ] Wir haben in diesen Tagen eine besonders abscheuliche Weltanschauungsströmung ins Auge gefaßt: die psychoanalytische. Man kann hier schon, ohne in subjektivistische Betrachtungen zu verfallen, diesen Ausdruck gebrauchen. Diese psychoanalytische Weltanschauung - das haben wir ja erkannt - ist aber nicht abscheulich durch ihren Ausgangspunkt - denn dieser ist sogar ein solcher, der, richtig gehandhabt, zu ganz richtigen Ergebnissen führen könnte -, sondern abscheulich wird sie durch die Art und Weise, wie die Menschen, die sich mit ihr beschäftigen, ihre besonderen Gefühle und Empfindungen hineinbringen. Dadurch, daß das Subjektive der Menschen, die sich mit ihr beschäftigen, in die Theorie hineingebracht wird, «plätschert» ja, wie ich mich ausgedrückt habe, diese psychoanalytische Theorie in dem Sexualismus.
[ 3 ] In the past few days we have been looking at the theory of psychoanalysis, a singularly revolting philosophy of life. In this instance, we can use this term freely without being in the least subjective. As we said, it is not its point of departure that makes psychoanalysis revolting—in fact, its starting point could equally well lead to correct conclusions if applied properly. It becomes revolting because of the way the people involved with it intrude their personal feelings and emotions. The fact that it has incorporated personal and subjective aspects is the reason why psychoanalytic theory is positively dripping with sexuality, as I put it before.
[ 4 ] Würde aber ein Mensch, der bekannt ist mit dem Prinzip, überall zuerst den richtigen Gesichtspunkt zu finden, sich mit dem Ausgangspunkt der psychoanalytischen Theorie vertraut machen und dann weitergehen, so würde ein solcher Mensch zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Er würde gerade vielleicht von der psychoanalytischen Theorie aus so fortschreiten, daß er zunächst gewisse materialistische Allüren in die psychoanalytische Theorie hineinbringt. Dann würde er finden, daß man durch die Unterscheidung zwischen Bewußtem und Unbewußtem ganz von selbst dazu gedrängt wird, reinere, edlere Wege der Erkenntnis einzuschlagen, weil er das Hineintragen der Gesichtspunkte, von denen wir ja gesprochen haben, als willkürliche Emotionen der subjektiven Natur und nicht wie etwas Objektives erkennt.
[ 4 ] However, if people who are aware of the principle of first discovering the right perspective became acquainted with the psychoanalytic theory's point of departure and proceeded from there, the results would be quite different. They might incorporate certain materialistic affectations into psychoanalytic theory to begin with, but they would soon be forced to adopt purer and nobler means of understanding simply through having made the distinction between the conscious and the unconscious mind. They would realize that dragging in points of view of the sort we mentioned before is not objective but a sign of arbitrary emotions belonging to subjective human nature.
[ 5 ] Das ist überhaupt das Bedeutsame des wahren Studierens, daß man meistens über den Ausgangspunkt hinausgeführt wird, daß einen die Sache treibt und nicht, daß man seine eigenen subjektiven Impulse in die Sache hineinträgt.
[ 5 ] The most significant aspect of any true study is that it tends to lead us far beyond our original point of departure. Rather than incorporating our own subjective impulses into the subject, we are guided and spurred on by the subject itself.
[ 6 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, dieser Grundsatz ist einer, der dem wahren Studierenden sich nach und nach als ein notwendiger ergibt und der unerläßlich ist, wenn eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung heute verwirklicht werden soll, der unerläßlich auch ist für das Gefüge einer Gesellschaft, in der geisteswissenschaftliche Weltanschauung gepflegt werden soll. Man muß dahin kommen, die Dinge der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung wirklich ernst und würdig zu nehmen; das heißt, man sollte nicht das, was man schon vorher als seine subjektiven Gewohnheiten hatte, immer wieder und wieder auch in das, was zur geisteswissenschaftlichen Weltanschauung gehört, hineintragen, sondern sich etwas leiten lassen durch die Bedingungen der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Zum Beispiel kann ein Mensch im gewöhnlichen Leben die Gewohnheit haben, überall zu spät zu kommen, nicht rechtzeitig zu erscheinen zu der Stunde, die angesetzt ist. Im äußeren philiströsen Leben wird die Gewohnheit, zu spät zu kommen, nicht gerade immer angenehm, vielleicht auch nicht vorteilhaft sein für den Fortgang desjenigen, was man zu tun hat; in der geisteswissenschaftlichen Bewegung aber sollte aus der ganzen Art, wie man die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten selber nimmt, es der Seele unmöglich sein, so etwas zu pflegen, wenn es nicht einer dringenden Notwendigkeit entspricht.
[ 6 ] Eventually, every true student becomes aware of how truly necessary this principle is. It is indispensable in making any spiritual scientific world view into a reality and equally indispensable to the structure of a society in which such a world view is to be fostered. We must finally realize that we have to take anthroposophy seriously and give it the respect it deserves. That is, we must not incorporate previous subjective habits into things belonging to our spiritual scientific philosophy, but must rather let ourselves be guided by what that philosophy requires. For example, in everyday life someone may be in the habit of always arriving late instead of at the specified time. In ordinary bourgeois life, that habit may be merely unpleasant or less than advantageous for that person's advancement, but in our anthroposophical movement, the whole way we deal with spiritual scientific truths ought to make that kind of behavior an inner impossibility except in cases of dire necessity.
[ 7 ] Nun ist in diesen Tagen so viel über Ernst und Würde nicht bloß des geisteswissenschaftlichen Wesens, sondern auch unseres gesellschaftlichen Lebens gesprochen worden, und man hat gesehen, wie notwendig es ist, daß wir uns als Gesellschaft abschließen. Selbstverständlich ist es ein Äußerliches, daß man doch wenigstens die kleine Sorgfalt haben sollte, zur rechten Zeit zu kommen; trotzdem sind auch in den jetzigen Tagen, obwohl der Vortrag 20 Minuten nach Sechs begonnen hat, wiederum einzelne zu spät gekommen. Und auf diese Weise, meine lieben Freunde, werden wir niemals dahin kommen, den Begriff der Gesellschaft so weit zu verwirklichen, daß wir, mit einem Wort, vernünftig anfangen können. Denn wenn wir nicht wissen können, daß, wenn wir anfangen, niemand mehr von uns kommt, dann können wir uns bei einigermaßen ausgebreiteteren Verhältnissen der Gesellschaft niemals davor schützen, daß nicht Unbefugte da oder dort einmal wieder unter uns sein werden, die nicht hereingehören. Bedenken Sie doch, daß es eine Rücksichtslosigkeit ist, in einer Gesellschaft zu spät zu kommen, wenn diese Gesellschaft auf der anderen Seite darauf schaut, daß wirklich jeder, der eintritt, dazugehört. Dazu müssen aber gewisse Mitglieder sich opfern und den Eintritt der Mitglieder so lange überwachen, bis alle, die zur Gesellschaft gehören, da sind. Wenn nun die Überwachenden eingetreten sind, dann muß die Türe geschlossen sein, und jeder sollte da sein.
[ 7 ] In the past few days, we have talked a lot about dignity—not only the essential dignity of spiritual science itself, but also the dignity of our own interactions within the Society. We saw how important it is for us to spend time together as members among ourselves, with no one else present. Of course, making sure we arrive on time is a superficial thing, but in the past few days people have still been coming late, even though the lectures started at twenty past six. If we carry on like that, my friends, we will never even be able to begin to realize the ideal of our Society. In the somewhat attenuated circumstances that come about when we cannot be sure that members will not continue to arrive once we have begun, we will never be able to rule out the possibility of having uninvited guests in our midst. It is simply inconsiderate to come late to a Society function when the Society needs to make sure that everyone present is actually a member; that is, when some of us have to go to the extra effort of keeping an eye on the people entering until all members are present. When the people standing at the door have come in, we need to be able to shut the doors and know that everyone is here.
[ 8 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, es sollte gewiß nicht notwendig sein, solche Dinge besonders zu besprechen; aber die geisteswissenschaftliche Weltanschauung muß auf dem Begriff der Symptomatik stehen. «Symptomatik» bedeutet hier das, daß, was irgendein Wesen im Kleinen praktiziert, es sehr geneigt sein wird, auch im Großen zu praktizieren. Wer es nicht einmal dazu bringt, pünktlich zu den Versammlungen zu kommen, der wird auch bei größeren Dingen, wo es auf etwas Bedeutsames ankommt, nicht gerade denjenigen ganz pflichtgemäßen Impuls entwickeln, der notwendig ist. Ein großer Teil der Schäden, die in so krasser Weise zutage getreten sind, hängt innig zusammen gerade mit dem Nicht-genau-Nehmen, mit dem Nicht-deutlich-genug-Nehmen der Dinge. Es ist wirklich wichtig, daß wir in demselben Stil, wie das eben besprochen wurde, auch den geisteswissenschaftlichen Betrieb, wenn ich so sagen darf, selber nehmen. Daher ist es auch eine Veranschaulichung desjenigen, was die Geisteswissenschaft von uns fordert, wenn wir uns solche Dinge des allerallergewöhnlichsten Lebens im Zusammensein einer geisteswissenschaftlichen Gesellschaft vor Augen führen.
[ 8 ] It should certainly not be necessary to make a special point of talking about things like this, but in spiritual science we have to be guided by the concept of symptomatology, which simply means that any being tends to act the same way in important instances as it does in less significant ones. People who don't even manage to arrive on time for meetings will also not be able to act out of the requisite sense of responsibility when it comes to something important. A great deal of the damage that has become so blatantly evident lately has come about because people were not particular enough about certain things. It is really important for us to conduct the practical affairs of anthroposophy with the conscientious exactitude I just mentioned. We have seen an example of how we as members of a spiritual scientific society interact on an ordinary everyday basis; this example, although very mundane, is nonetheless indicative of what spiritual science requires of us.
[ 9 ] Wenn wir uns nun bemühen, den Dingen gegenüber, von deren Bereich wir mannigfaltig aphoristisch in diesen Tagen gesprochen haben, den richtigen Gesichtspunkt zu finden, so muß vor allem ins Auge gefaßt werden, daß wir es im gesamten Weltenbau, in der gesamten Welteneinrichtung zu tun haben mit dem Sichoffenbaren, mit dem Sichausleben der wahren Wesenheiten, die hinter der sich offenbarenden Welt für die Erkenntnis verborgen sind.
[ 9 ] In our efforts to find the right perspective on what we have spoken about aphoristically so many times in the past few days, the main thing we have to keep in mind is that the structure and organization of the world as a whole consists of expressions and revelations of real spiritual entities. They are present behind the revealed world, which conceals them from our perception.
[ 10 ] Diese Wesenheiten, meine lieben Freunde - das wird Ihnen aus vielen Betrachtungen, die gepflogen worden sind, hervorgehen -, sind in einer fortwährenden inneren Bewegung, richtig in einer fortwährenden inneren Bewegung. Ich habe in diesem Augenblicke nicht eine Bewegung im Einzelnen im Sinne, sondern die innere Bewegung im Großen. Nur müssen wir uns mit dem Begriff einer gewissen Kompliziertheit der inneren Bewegung bekanntmachen, wenn wir verstehen wollen, wie wir das Verhältnis der hinter den Erscheinungen befindlichen Wesenheiten zu den Erscheinungen selber aufzufassen haben. Nehmen wir ein Beispiel, das wir wählen können, weil es uns ja aus der bisherigen geisteswissenschaftlichen Betrachtung bekannt ist.
[ 10 ] As you know from many previous lectures, these beings are constantly in movement, constantly inwardly active. At the moment, I am not talking about any particular movement, but about their inner activity as a whole. We have to imagine a certain degree of complexity in this movement if we want to understand how the beings that stand behind certain phenomena relate to the phenomena themselves. The following example will be familiar to you from previous anthroposophical lectures.
[ 11 ] Wir wissen, daß der Mensch seine erste physische Entwickelung während der alten Saturnzeit begonnen, dann während der Sonnenzeit fortgesetzt und die ätherische Entwickelung dazu bekommen hat und so weiter. Nun handelt es sich darum, uns zu fragen, wie wir das, was wir innerhalb der Saturnentwickelung als physische Entwickelung des Menschen aufzufassen haben, eigentlich gegenüber der gesamten Weltenkonstitution zu betrachten haben. Es wäre ganz falsch, meine lieben Freunde, wenn jemand die heutige physische Natur des Menschen ins Auge fassen und glauben würde, wenn er sie sich nur primitiv und einfach genug vorstellt, dann habe er ein Bild der alten Saturn-Physis des Menschen. Sie werden mich in bezug auf diese Frage am besten verstehen, wenn ich sage: Wer glaubt, in der heutigen physischen Welt, auf dem heutigen physischen Plan irgend etwas zu finden, was im entferntesten ähnlich wäre der physischen Menschennatur während der Saturnentwickelung, der würde sich sehr irren. Das, was der Mensch als physischer Mensch während der Saturnentwickelung war, das ist heute in keinem Gebilde, in keiner Tatsache der physischen Welt zu finden. Um diejenige physische Natur zu erkennen, die der Mensch während der alten Saturnzeit gehabt hat, müssen wir uns viel mehr anstrengen in unserem Scelisch-Geistigen, das sich freigemacht hat von dem Physisch-Ätherischen.
[ 11 ] We know that our physical evolution began during the ancient Saturn period and that it continued during the Sun period, when etheric development set in, and so on. But what does our physical development on ancient Saturn mean in relation to the structure of the cosmos as a whole? It would be totally inaccurate to take our physical nature as it is now and assume that if we imagine it in a much more primitive and simplified form, that's what the physical human being would have looked like during the Saturn stage. Nothing could be further from the truth. Perhaps it will help you understand this if I tell you that there is absolutely nothing in the present-day physical world, nothing on the physical plane as it exists now, that bears the slightest resemblance to human physical existence during the Saturn stage of evolution. In none of the forms and facts of the physical world as we know it now is there any trace of what human physical development was like during that evolutionary period. So if we want to understand this ancient form of our physical existence, we must make the effort to do so with a soul and spirit freed from the physical and etheric bodies.
[ 12 ] Bezeichnen wir zunächst einmal schematisch diejenige Welt, durch die man erkennt, wie das beschaffen war, was als erste physische Anlage während der alten Saturnzeit da war, als Erkenntniswelt für die physische Menschennatur auf dem Saturn [es wurde an die Tafel geschrieben]:
[ 12 ] I will call the world in which we understand the makeup of our earliest potential for physical existence during the Saturn stage [writes on the chalkboard]
[ 13 ] Erkenntniswelt für die physische Menschennatur auf dem Saturn.
[ 13 ] the world of the perception of physical human nature on Saturn.
[ 14 ] Ich will vorläufig gar nichts anderes sagen, als daß der Mensch herauskommen muß aus seinem physischen Leib und selbst dann, nachdem er schon herausgekommen ist, noch eine höhere Entwickelung durchmachen muß, um zu der Beobachtung, zu der Erkenntnis solcher Gebilde zu kommen, welche der physischen Natur des Menschen während der Saturnzeit entsprechen.
[ 14 ] For the time being, let me just say that we must leave the physical body and undergo a higher form of development in order to achieve an understanding of structures corresponding to physical human nature during the Saturn stage.
[ 15 ] Nehmen wir nun einmal die physische Menschennatur während der Sonnenzeit, die also schon eine Weiterentwickelung der physischen Menschennatur während der Saturnzeit ist. Auch diese physische Menschennatur während der Sonnenzeit kann man nicht mit den Erkenntnisorganen des heutigen physischen Menschen erreichen, sondern auch da muß man sich schon in die geistige Welt hineinbegeben, aber man braucht nicht zu der Entwickelungsstufe aufgestiegen zu sein, die notwendig ist, um die physische Menschennatur während der Saturnzeit zu erkennen. So daß wir also sagen können: Eine etwas niedrigere Stufe in der Erkenntnis des Verhältnisses der Welt zum Menschen läßt uns hineinblicken in die physische Natur des Menschen während der Sonnenzeit. Und wir können dann sagen [es wurde an die Tafel geschrieben]:
[ 15 ] Next, let us consider human physical existence during the Sun period, which represents a progression of physical evolution from the Saturn stage. It is impossible to understand our physical Sun nature with our present-day physical organs of perception. Once again, we must ascend into the spiritual world, but not as high as the level required for comprehending human physical nature during the Saturn period. In other words, we are able to investigate our physical Sun nature at a somewhat lower level. We can call this [writes on the board]
[ 16 ] Erkenntniswelt für die physische Menschennatur auf der Sonne.
[ 16 ] the world of the perception of physical human nature on the Sun.
[ 17 ] Wollen wir nun die physische Menschennatur, wie sie entwickelt war während der Mondenzeit, ins Auge fassen, dann, meine lieben Freunde, brauchen wir eine noch weniger hohe Stufe der Erkenntnis einzunehmen. In dem Augenblicke, wo wir überhaupt nur in die Lage kommen, leibfrei zu erkennen, erkennen wir auch schon dasjenige, was der physischen Menschennatur während der Mondenzeit entspricht. So daß wir sagen können: Eine dritte Stufe des Verhältnisses des Menschen zur Objektivität ist die [es wurde an die Tafel geschrieben]:
[ 17 ] For investigating physical human nature as it evolved during the Moon period, a still less elevated level of perception is required. As soon as we become capable of body-free perception, we are able to comprehend everything that corresponds to our physical Moon nature. Let us call this third stage in the relationship of the human being to objective fact [writes on the board]
[ 18 ] Erkenntniswelt für die physische Menschennatur auf dem Monde.
[ 18 ] the world of the perception of physical human nature on the Moon.
[ 19 ] Gehen wir weiter. Wir kommen nun zu der physischen Natur des Menschen während der Erdenstufe. Da brauchen wir gar nicht aus unserem Leib herauszugehen. Die erkennen wir mit den physischen Erkenntnisorganen, die wir auf dem physischen Plan, auf der Erde haben. Das ist also die Erkenntnisstufe, die dem Menschen während seines Erdendaseins natürlich ist, so daß wir sagen können [es wurde an die Tafel geschrieben]:
[ 19 ] Continuing in the same vein, we come to our physical nature during the Earth stage of evolution. In order to understand this, we do not even need to leave the physical body; we can grasp it with our physical organs of perception. This level of cognition is the natural one for human beings during life on Earth, and we can call it [writes on the board]
[ 20 ] Erkenntniswelt für die physische Menschennatur auf der Erde.
[ 20 ] the world of the perception of physical human nature on Earth.
[ 21 ] Und jetzt haben wir zugleich ins Auge gefaßt, meine lieben Freunde, vier Stufen der Erkenntniswelten, die man auch so bezeichnet, daß man sagt [es wurde an die Tafel geschrieben]: «physischer Plan»; «Seelenwelt» oder «Astralplan»; «Geisterland» oder, wie man gewohnt worden ist zu sagen, «Devachanplan»; «höheres Geisterland» oder «höherer Devachanplan».
[ 21 ] So, my friends, we have looked at four different levels of the worlds of perception, levels that can also be called [writes on the board] physical plane, soul world or astral plane, spirit world or Devachan plane, and higher spirit world or higher Devachan plane.


[ 22 ] Wenn Sie diese Auseinandersetzung, die wir eben gepflogen haben, verfolgen, so werden Sie sich sagen können: Nun ja, dann müssen wir den physischen Menschen der Saturnzeit hier hinauf, den der Sonnenzeit hierher, den der Mondenzeit hierher und den der Erdenzeit hierher versetzen. Es wurden die kleinen Kreise gezeichnet. Es ist das kein Widerspruch zu den gewohnten Begriffen, sondern schon ganz klar und deutlich in meiner «Geheimwissenschaft» angedeutet. Da habe ich ausführlich dargestellt, daß dasjenige, was man auf dem Monde physische Menschennatur nennt, nicht etwa auf dem physischen Plan, sondern eben weiter oben zu beobachten ist, und so weiter. Das finden Sie da alles sogar sehr deutlich auseinandergesetzt.
[ 22 ] If you follow what I have been describing, you will know that we have to place the physical human being of the Saturn stage here, the physical Sun-human here, the Moon-human here, and the earthly physical human being here [small circles]. This in no way contradicts our usual concepts, but is indicated quite clearly in my book An Outline Of Occult Science, where I described at length how what we recognize as human physical nature at the Moon stage is not to be observed on the physical plane, but at a higher level, and so forth.1Rudolf Steiner, An Outline Of Occult Science, GA 13, repr., (Hudson, NY: Anthroposophic Press, 1989). It's all explained there very clearly.
[ 23 ] Heute aber können wir sagen: Der Mensch ist also heruntergestiegen. [Es wurde die Linie, die die kleinen Kreise verbindet, gezeichnet.] Er ist während seiner Entwickelung als physischer Mensch richtig herabgestiegen. Das ist auch ein uralter Grundsatz aller Geisteswissenschaft, daß der Mensch, soweit wir von der heutigen physischen Menschennatur sprechen, ein herabsteigendes geistiges Wesen ist. Das heißt aber nichts anderes, als daß, wenn wir unseren physischen Leib betrachten, wir uns sagen müssen: So, wie wir ihn heute, während der Erdenzeit, sehen, so ist alles dasjenige, was von ihm heute zu sehen ist, dasjenige, was am meisten herabgestiegen ist.
[ 23 ] Today we know that human beings have descended during the course of their physical evolution [line connecting the small circles]. The human being, to the extent that we are speaking of our present-day physical nature, is a descending spiritual being. This is one of the basic ancient principles of any spiritual science. Thus, when considering our physical body, we must realize that everything we can see of it at this Earth stage in evolution is that aspect of ourselves that has descended the furthest.
[ 24 ] Aber im physischen Leib ist auch ein Verborgenes. Es ist da ein Verborgenes, das eigentlich mondenartiger Natur ist; ein noch weiter Verborgenes, das sonnenartiger Natur ist; und ein noch weiter Verborgenes, das saturnartiger Natur ist. In dem offenbaren physischen Leibe ist also innerer Charakter, inneres Wesenhaftes verborgen. Der physische Leib ist sozusagen nur zu einem Viertel zu erkennen, denn die anderen drei Viertel stecken dahinter. Sie sind edlerer, sie sind geistigerer Natur als dasjenige, was auf dem physischen Plan vom Menschen uns entgegentritt.
[ 24 ] However, there is also something concealed in the physical body. It conceals something that is actually Moon-like in nature, something more hidden that is Sun-like in nature, and something still more deeply hidden that is Saturn-like in nature. Thus, within the revealed physical body, inner character and inner essentiality are concealed. In a sense, we can actually perceive only a quarter of our physical body. The other three quarters are concealed behind the perceptible body and are nobler and more spiritual in nature than the aspect visible on the physical plane.
[ 25 ] Wenn wir also irgend etwas, was am Menschen ist, insofern uns der Mensch heute auf dem physischen Plan als physisches Wesen entgegentritt, betrachten, dann müssen wir uns sagen: Diese physischen Organe sind in einer inneren Bewegung, in einer Bewegung des Herabsteigens, in einer Bewegung des vom Geistigen zum Materiellen hin sich Entwickelns. Irgendein Organ, das wir am Menschen betrachten, sind wir daher verpflichtet so zu betrachten, daß wir sagen: Indem es wächst und gedeiht, indem es gerade die Ausgestaltung bekommt, die ihm auf dem physischen Plane zukommt, ist es auf dem herabsteigenden Wege der Entwickelung. Es steigt von geistigerer zu physischerer, zu materiellerer Artung herab.
[ 25 ] Looking at any part of our physical body as it exists now on the physical plane, we have to realize that all our physical organs are in constant inner movement; they are constantly descending and evolving from the spiritual toward the physical. We must understand that as they are growing and developing into their proper form on the physical plane, all our organs are involved in a descending course of evolution. They are in the process of evolving downward from a more spiritual form of existence to a more material one.
[ 26 ] Wenn wir daher an dem Menschen etwas finden, das beurteilt werden soll in bezug auf seine Artung, so müssen wir uns auch die Regel vorsetzen, den richtigen Gesichtspunkt finden. Und zu dem richtigen Gesichtspunkt werden wir geführt, wenn wir uns bewußt werden, daß die physische Menschennatur in einer gewissen Hinsicht - nämlich in der, die ich heute erörtert habe — herabsteigend ist. Dadurch werden wir aber dazu verpflichtet, zum Beispiel die Entwickelung des Kindes zum reifen Menschenalter so aufzufassen, daß die kindliche Entwickelung noch geistiger ist, die reife Menschenentwickelung dagegen materieller ist, daß ein Herabsteigen vom Geistigen zum Materiellen stattgefunden hat. Von einem anderen Gesichtspunkte aus versteht man die physische Entwickelung des Menschen gar nicht. Man versteht sie nur, wenn man sich dessen bewußt wird, daß ein Herabsteigen des physischen Menschen während des Wachsens und Gedeihens stattfindet, daß der Mensch, insoferne er wächst, ein Geistiges tiefer in das Materielle herabsteigen, herabsinken läßt.
[ 26 ] In assessing the nature and character of anything belonging to a human being, we must be guided by the rule of always finding the right point of view. We are led to the right perspective when we realize that from a certain point of view—the one I have been discussing today—physical human nature is in a process of descent. Therefore, when we look at human development from childhood to maturity, the childhood stage of evolution must be regarded as more spiritual and the mature stage as more material, since a descent from the spiritual to the material has taken place in between. We will not understand human physical development if we look at it from any other point of view. It is only possible to understand it if we are aware that a descent of the physical human being takes place during growth and development, that a growing human being allows something spiritual to descend deeper into matter.
[ 27 ] So wie beim Menschen ist das auch draußen in der Welt. Wir können uns das anschaulich machen, wenn wir bedenken, daß wir ja auch draußen in der Welt von einer Evolution reden. Wir sagen zum Beispiel: Es hat eine alte indische Kulturstufe gegeben, die hat sich zur urpersischen, zur ägyptisch-chaldäisch-babylonischen, zur griechisch-lateinischen und zu unserer Kulturstufe entwickelt. Aber wir wissen zugleich, daß die älteren Kulturstufen neben den neueren fortleben. Wir haben das ja sogar an der Sprache gezeigt. Eine ältere Kulturstufe lebt neben der neueren fort. Auf den Menschen übertragen, kann uns das deutlich machen, daß am Menschen - insofern er physisch ist - die Organe auch so betrachtet werden können, daß auf dem Wege des Herabsteigens die einen die fortgeschrittensten sind, andere, weniger fortgeschritten, noch frühere Stufen zeigen.
[ 27 ] The same principle applies to the world as a whole. Thus, we also speak of cultural evolution. For instance, once upon a time there was an ancient Indian cultural epoch that evolved into the ancient Persian epoch, then into the Egypto-Chaldean-Babylonian epoch, then into the Greco-Latin epoch, and finally into our own cultural epoch. However, we also know that former cultural epochs continue to exist alongside more recent ones. I have showed you how this manifests in language. Applied to the human being, this can show us how physical organs that have proceeded further along the course of descent can exist side-by-side with others that are still at earlier stages.
[ 28 ] Wir werden allmählich sehen - ich will das heute nur zunächst aphoristisch andeuten -, daß wir nach diesem Grundsatz, den ich eben angedeutet habe, in der Menschennatur zwei Organsysteme betrachten können.
[ 28 ] We will gradually come to see that according to this principle, we can distinguish two systems of organs within the human being, although for today, I will only point this out aphoristically.
[ 29 ] Nehmen wir zunächst die Sinne des Menschen, alles dasjenige, was der Mensch an Organen hat, um sinnliche Wahrnehmungen zu machen, so können wir sagen: Die Sinnesorgane, weil wir es ja mit Physischem dabei zu tun haben, stehen auf einer gewissen Stufe. Das heißt aber jetzt für uns: das Geistige ist bis zu einer gewissen Stufe herabgestiegen, herabgeströmt. Skizzieren wir das schematisch [es wurde an die Tafel gezeichnet]:
[ 29 ] Let us first consider our senses and all the organs that allow us to have sensory perceptions. In terms of their physical structure, these sense organs are all at a certain level; the spiritual has streamed downward to a certain level in these organs. I'll make you a diagram of that [sketches on the board].
[ 30 ] Wir sagten, die ganze Menschennatur ist ein Herabströmen [rot]; nun bezeichnen wir die Stufe des Herabströmens, auf der die Sinne stehen, einmal mit diesem Blau. Innerhalb der herabfließenden Strömung, die also so fließt [Pfeil], bezeichnen wir die Sinne mit diesem Blau. Alles also, was Organe der sinnlichen Wahrnehmungswelt sind, wollen wir im Hinabgleiten auf der Stufe a stehend auffassen.
[ 30 ] Now, we said that human nature in its entirety consists of a downward flow; it is moving in this direction [arrow]. The upper horizontal mark indicates the position of the senses within this downward flow, so we must think of all the organs of sensory perception as being at level A.
[ 31 ] Wenn wir ein anderes Organsystem ins Auge fassen, haben wir zum Beispiel das Atmungssystem, das gesamte Atmungssystem. Auch dieses werden wir nur unter dem richtigen Gesichtspunkt betrachten, wenn wir es auf der Stufe aufsuchen, auf der der Mensch im Hinabgleiten angekommen ist. Und indem wir diese Betrachtungen allmählich erweitern, werden wir finden, daß nunmehr das Organsystem des Atmens bis zu b hinuntergeglitten ist. Also das Sinnessystem ist bis zu a, das Atmungssystem bis zu b hinuntergeglitten.
[ 31 ] Next, let's look at a different system of organs, for instance the respiratory system. In order to consider this, too, from the right point of view, we must find the level to which it has descended. Eventually, we will find that the respiratory system stopped at level B. While our sensory system descended to level A, our respiratory system continued to descend until it reached level B.
[ 32 ] Nun können Sie sich vorstellen, daß das Hinuntergleiten weiter gehen kann. Es könnte also ein Organsystem geben, das noch weiter hinuntergeglitten ist: ein Organsystem c. Und dieses Organsystem würde das sein, das der Sexualität dient:
[ 32 ] As you might imagine, this process of descent can go on still further, so there could even be a system of organs that has descended still further, to level C. And in fact, our sexual organs have done just that.


[ 33 ] Wenn wir nun den physischen Menschen betrachten, meine lieben Freunde, dann finden wir, daß in der Zeit, in der das Hinuntersinken einen gewissen Kulminationspunkt erreichte und wieder ein Aufsteigen - über das wir heute nicht sprechen können - begann, das mit dem Hinuntersinken zusammenhängt, in der Zeit war das Hinuntersinken bis zu diesem Punkte gediehen [siehe Zeichnung, den Bogen unten]. Weiter ging das Hinuntersinken auf der Erde nicht mehr. Daraus aber können Sie ohne weiteres ersehen, daß die Sinnesorgane des Menschen im Verhältnis zu den Atmungsorganen und so weiter vergeistigtere Organe sind. Und da uns eine klare, deutliche Erkenntnis, wie wir immer mehr sehen werden, lehrt, daß das Sexualsystem gewissermaßen die unterste Lage darstellt, so können wir daraus den Schluß ziehen, daß alles, was der Mensch sonst an sich hat in bezug auf die physische Menschennatur, geistiger ist als dieses System.
[ 33 ] Eventually, our physical evolution reached its lowest point and a gradual re-ascent began. However, we will not be able to talk about that today. I will indicate the lowest point of descent with this curved shape at the bottom of the diagram. This is where the earthly process of descent stopped. You can tell from all this that our sensory organs are much more spiritualized than our respiratory organs and everything else. And, as we will come to understand ever more clearly, our sexual organs represent the lowest level of descent. Therefore, all other components of our physical human nature are more spiritual than that particular system of organs.
[ 34 ] Nun können Sie sagen: Das wäre ja leicht begreiflich. - Mag sein; aber das Bedeutsame für uns ist nunmehr, einzusehen, daß die abscheuliche Weltanschauung der Psychoanalyse sich dieser Tatsache, die ich eben ausgesprochen habe, nicht hat bewußt werden können. Denn was tut die Psychoanalyse? Sie sagt: Alles, was der Mensch tut, selbst die Erlebnisse des Mystikers, sind umgewandelte sexuelle Kräfte. - Das heißt, der Psychoanalytiker oder der Materialist überhaupt, können wir in diesem Falle sagen, geht von der Sexualität aus und erklärt alles, was sonst am Menschen ist, als umgewandelte, umgeformte Sexualität. Ich habe Ihnen ja angedeutet, wie in der Freudschen Theorie alles, was im Menschenleben auftritt, als umgewandelte Sexualität erklärt wird. Zum Beispiel, daß die Kinder einen Schnuller lutschen, wird erklärt dadurch, da darin eine etwas infantile Sexualität zum Ausdruck kommt und so weiter.
[ 34 ] That was easy enough to understand, wasn't it? However, the point I want to make is that psychoanalytic theory, that disgusting philosophy, has been incapable of becoming aware of this simple fact. Psychoanalysts claim that all of people's actions, including mystical experiences, are nothing more than transformed sexual energies. Psychoanalysts, or we might even say materialists in general, take sexuality as their starting point and explain all other human phenomena as metamorphoses of sexuality. I have already pointed out how in Freud's theory everything that happens in a person's life is explained in terms of transformed sexuality. For example, that babies suck on pacifiers is explained as an expression of infantile sexuality, and so forth.
[ 35 ] Was ist aber die Wahrheit? Die Wahrheit, meine lieben Freunde, ist, daß alle Verrichtungen, die sich am Menschen finden, geistiger sind als das Sexualleben und daß, um zu richtigen Gesichtspunkten zu kommen, der umgekehrte Weg eingeschlagen werden muß. So daß man also sagen muß: Jedes Heranbringen der Sexualität, der Erotik, an irgendwelche Betätigungen des Menschen, um sie zu erklären, ist der ganz verkehrte Weg. Der richtige ist allein der, die Sexualität aus der Umwandlung der höheren Verrichtungen des Menschen in das Niedrigste auf Erden zu erklären.
[ 35 ] But what is the truth of the matter? In reality, my friends, any other human daily activity is more spiritual than sexual activity, and to arrive at the right perspective on this subject, we have to look at things the other way around. Any attempt to explain what people do by dragging in sexuality and eroticism is completely wrong. The right way of looking at things is to explain sexuality as the transformation of higher human activities into their lowest earthly form.
[ 36 ] Nehmen wir, weil wir uns schon einmal mit diesen Dingen beschäftigen müssen, eine der grauenhaftesten Behauptungen des Psychoanalytikers, nämlich die Behauptung - man muß eben schon solche grauenhafte Dinge erwähnen, meine lieben Freunde, man muß es, weil sie eben in unserer heutigen Zeit auftreten -, also die Behauptung, daß das Verhältnis des Sohnes zur Mutter, der Tochter zum Vater, wie es in der Kindheit als Liebe zur Mutter, als Liebe zum Vater auftritt, ein sexuelles Verhältnis sei. Denn der Psychoanalytiker sagt, das, was das Töchterchen für den Vater, das Söhnlein für die Mutter empfindet, ist ein sexuelles Verhältnis, denn der Vater wird vom Sohn immer eigentlich als der Konkurrent betrachtet; er sei auf ihn unbewußt eifersüchtig; ebenso ist die Tochter auf die Mutter eifersüchtig. - Das ist sozusagen einer der grauenhaftesten Auswüchse der Psychoanalyse. Sie wissen, daß solche Dichtungen wie die Ödipus-Dichtung in den Schriften der Psychoanalytiker auf Grundlage dieser psychoanalytischen Voraussetzungen so erklärt werden.
[ 36 ] Since I have been forced to mention the ghastly claims of the psychoanalysts because they are an unavoidable phenomenon of our times, let us take a look at one of the worst of them, namely their contention that the loving childhood relationship of a boy to his mother or a girl to her father is actually a sexual relationship. Psychoanalysts claim that a girl's feelings for her father and a boy's for his mother are sexual feelings, and that boys always view their father as a rival and are unconsciously jealous of him; girls, so they say, are similarly jealous of their mother. This is one of the most terrible of the distortions psychoanalysts have perpetrated. In their writings, as you know, they have even used this assumption as the basis for explaining certain literary works such as the story of Oedipus.2See note 10 to Lecture 4 above.
[ 37 ] Nun, der richtige Gesichtspunkt ist der, daß gefragt wird: Wodurch entsteht denn die Sexualität des späteren Lebens? Sie entsteht dadurch, daß ein Geistigeres herabsinkt. Das spätere Sexuelle ist also ein herabgesunkenes Kindlich-Geistiges. Und der richtige Gesichtspunkt ist der, daß man vor allen Dingen dasjenige, was nicht Sexuelles ist, in keiner Weise - nicht bewußt und nicht unbewußt — mit diesem Gebiet vermischt, daß man sich klar ist, daß beim Kinde noch nicht Sexualität vorhanden sein kann. Und erst dann, wenn man sich dessen in vollem Umfange klar ist, wird man den richtigen Gesichtspunkt der Betrachtung finden. Es ist dies auch ein außerordentlich wichtiges Moment in der Pädagogik, denn es kommen die größten Verkehrtheiten heraus, wenn man manche kindliche Ungezogenheiten ohne weiteres umdeutet in irgendeine verfrühte Sexualität; die können von etwas ganz anderem kommen als davon, daß die Kindesnatur prinzipiell irgend etwas Sexuelles schon hätte. Behaupten, daß die Kindesnatur schon etwas Sexuelles habe, würde der etwaigen Behauptung gleichkommen, daß der heutige Tag schon das ganze Regenwetter eines folgenden Tages in sich enthalten könne.
[ 37 ] In looking for the right perspective on this subject, we need to ask how adult sexuality develops. As we have seen, it comes about through something spiritual sinking down into matter. Our adult sexuality comes about through the descent of something that was spiritual when we were children. The correct approach is to avoid getting anything not specifically sexual mixed up with sexuality, either consciously or unconsciously, and to realize that sexuality is not yet present in children. Only when we are fully aware of all the ramifications of this can we find the right perspective on the matter. This is an extremely important point with regard to the education of children, because all kinds of things can go wrong if childish mischief is automatically interpreted as premature sexuality. All kinds of things other than sexuality can be the reason for children misbehaving. Claiming that there is already a sexual side to a child's character is just about the same as insisting that tomorrow's rainy weather is already inherent in today.
[ 38 ] Daraus ersehen Sie aber am besten, was hier vorliegt, nämlich ein Geltendmachen eines vollständig verkehrten Gesichtspunktes. Wenn man aber zu einem solchen verkehrten Gesichtspunkte kommt, kann das nicht auf eine selbstverständlich gegebene Weise geschehen, sondern es muß willkürlich herbeigezerrt werden durch die Instinkte der Menschen. Die ganze psychoanalytische Betrachtung ist durch die niedersten Instinkte der Menschen gefärbt, nuanciert; die Welt ist in ihr zu einer umgekehrten gemacht. Die Ausdeutung des Verhältnisses vom Töchterchen zum Vater, vom Söhnlein zur Mutter im psychoanalytischen Sinn kann nur entstehen, wenn man eben das subjektive Instinktleben des Forschers in den objektiven Gang der Untersuchung hineinmischt. Daraus folgt, daß man, wenn man streng exakt vorgeht, hier auch solche Ausdrücke verwenden darf, die man auf das Subjektive menschlicher Betätigungen anwendet, ohne dabei den Standpunkt der Objektivität zu verlassen. Subjektive Bezeichnungen und Ausdrücke in der ganz objektiven Wissenschaft anzuwenden würde eine Torheit sein. Nehmen Sie einmal an, jemand hätte die Anschauung, daß die Zeiger der Uhr durch kleine Dämonen, die da drinnen sitzen, vorwärtsgetrieben werden, so könnten wir sagen: Das ist eine Torheit. Die Uhr ist ein Mechanismus, denn Dämonen sitzen nicht darinnen. Aber wir bewegen uns auf dem Gebiet des Objektiven und würden niemals sagen dürfen: Derjenige, der der Uhr kleine Dämonen zuschreibt, beschimpft die Uhr. Wenn aber der Psychoanalytiker die Menschennatur so deutet, daß der kindlichen Natur eine solche Sexualität zugeschrieben wird, wie das der Psychoanalytiker tut, dann drängt sich wirklich das Subjektive der Instinkte in die Theorie hinein. Daher ist es hier berechtigt, subjektive Ausdrücke zu gebrauchen und zu sagen: Die psychoanalytische Weltanschauung ist eine solche, die die Menschennatur beschimpft. Und man wird sich bestreben müssen, Wahrheit zu üben und die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Und erst, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen sich klar darüber ist, daß in der Welt des Materialismus heute eine Anzahl von Menschen leben, welche es sich zur Aufgabe gesetzt haben, nicht nur über die einzelnen Menschen, sondern über die ganze Menschennatur als solche eine Theorie zu pflegen, die auf die Menschennatur schimpft - so schimpft auf der wissenschaftlichen Seite, daß diese Wissenschaftstheorie selber nur eine Summe von Beschimpfungen ist -, wenn das die Menschen einsehen werden, dann werden sie die psychoanalytische Theorie in der richtigen Weise würdigen. Dann wird man nicht mehr in Worte kramen, sondern auf diesem Gebiet in der Sache stehen. Und das wird ein Weg sein, um gerade auf diesem Gebiete zur Klarheit zu kommen.
[ 38 ] By now you will have realized what we are dealing with here—the perspective that has been applied is totally upside down and backward. Coming to such a distorted perspective does not happen naturally, but only by forcing the issue and arbitrarily dragging in our instincts. The whole psychoanalytic approach is tinged with the lowest human instincts; it turns the world upside down. Such an interpretation of the mother-daughter or father-son relationship can only come about if the researcher's subjective instincts get mixed up with the objective course of the investigation. Consequently, in this instance (providing we go about it with all due exactitude), it is perfectly all right to apply expressions usually reserved for subjective human actions. While it would be foolish to apply subjective expressions to a legitimate and objective science, it is possible to do so in this case without relinquishing the objectivity of our point of view. Just imagine someone believes that the hands of a clock are turned by little demons sitting inside—we would call that foolish, of course. Clocks are mechanical devices; there are no little devils inside. Reacting to it objectively, however, we would never say that the person who attributes the clock's functioning to demons is insulting the clock. But when psychoanalysts attribute this sort of sexuality to children, instinctual subjectivity invades their theory. Then it is justified to use subjective expressions and say that the psychoanalytic theory insults human nature. We must make an effort to be truthful and call a spade a spade. In our materialistic world, a number of people have made it their task to cultivate a theory that demeans not only individuals, but human nature in general, to the extent that their whole scientific theory is nothing more than a compilation of insults. When a sufficient number of people realize that this is happening, we will start to see psychoanalytic theory for exactly what it's worth. Then we won't be merely peddling with words any more, but will be able to see things as they are. That's how we can come to clarity on this issue.
[ 39 ] Erst dann, wenn man alles das, was heute auseinandergesetzt worden ist, erkannt hat, darf sich das Erkannte zusammendrängen in den Impuls des Schimpfens. Denn wenn man die psychoanalytische Theorie eine Ferkelei-Theorie nennt, so ist das eine Beschimpfung, aber diese Beschimpfung muß eine solche sein, zu der man durch die Objektivität der Sache selber, zu der man aus der Erkenntnis heraus gedrängt ist. Die Kritik darf nicht wiederum aus subjektiven Instinkten heraus kommen.
[ 39 ] Only after we have completely understood everything we have discussed today can our understanding be allowed to lead to name-calling. When we call psychoanalysis a smutty theory, that obviously really is name-calling; however, our insight into the objective fact of the matter is what compels us to call it by this name. After all, it would not be right for the criticism to come from the same kind of subjective instincts as the theory itself.
[ 40 ] Aber das ist ja das Eigentümliche der Geisteswissenschaft, daß sich dasjenige, was scheinbar nur abstrakte Theorie ist, sich in Gefühle und Empfindungen umwandelt, die dann berechtigt sind. Wer sich abmüht, zu erkennen, was eigentlich Psychoanalyse ist, der darf diese, ohne daß er die Objektivität verrät, eine Ferkelei-Theorie nennen. Geradeso, wie man mit Objektivität die Leinwand weiß und die Kohle schwarz nennen darf, so darf man die Psychoanalyse eine Ferkelei-Theorie nennen. Das ist nur ein terminus technicus, der aus der ganzen Menschennatur heraus genommen ist, der sich aus der Erkenntnis dessen, was die Menschennatur eigentlich ist, gestaltet hat.
[ 40 ] The unique thing about spiritual science, however, is that an apparently abstract theory is transformed into justified feelings and reactions. Those who have gone through a real struggle to understand what psychoanalysis actually is can freely call it a smutty theory without losing their objectivity. It is as objective to call psychoanalysis a smutty theory as it is to say that canvas is white and charcoal black. It is objective terminology derived from true insight into human nature in its totality.
[ 41 ] Die Begriffe zu vertiefen, und nicht nur unsere Begriffe, sondern unsere ganze Natur zu vertiefen, das, meine lieben Freunde, ist die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Und nun bedenken Sie, wenn man davon spricht, daß eine Gesellschaft, die das Instrument der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung sein soll, ein Organismus zu sein hat, dann muß eben etwas in ihr zu erkennen sein davon, daß die Gefühle, die da sprechen, wirklich herausentwickelt sind aus der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, so daß selbst ein so radikaler Ausspruch wie der Ausdruck «Ferkelei-Theorie» nur ausgesprochen werden kann, wenn er begründet ist in geisteswissenschaftlicher Weltanschauung, wenn man in diese nicht die eigenen Instinkte hineinträgt.
[ 41 ] The purpose of our spiritual scientific philosophy is to deepen our concepts, and not only our concepts but our whole character, my friends. If we say that a Society intended as the vehicle for this philosophy must be a living organism, then we must also be able to see how the emotions expressed within the context of the Society also develop out of this spiritual scientific philosophy, so that even a radical expression such as “smutty theory” can only be applied when it is firmly rooted in spiritual science and when no personal instincts play a part in its use.
[ 42 ] Nun, es wird sich mancherlei, was gerade im Anschluß an diese Dinge zu sagen ist, ja in der nächsten Zeit einmal sagen lassen.
[ 42 ] I am sure we will soon find an opportunity for further discussion of related matters.
