Difficulties of Living Together
in the Anthroposophical Society
The Dornach Crisis in the Summer of 1915
GA 253
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Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft
8. Dokumentation zur Dornacher Krise
8. Dokumentation zur Dornacher Krise
[ 1 ] Im Jahre 1913 war auf dem Dornacher Hügel unweit von Basel in der Schweiz mit der Errichtung des damals Johannesbau, später Goetheanum genannten Zentralbaues für die anthroposophische Sache begonnen worden. Als Mitarbeiter waren Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft aus aller Welt berufen worden, denen sich mehr und mehr andere zugesellten, die auf eigene Initiative für kürzer oder länger oder für immer nach Dornach kamen. So entstand in Dornach ein Zentrum anthroposophischen Lebens ganz besonderer Art, verständlicherweise auch belastet mit Unzulänglichkeiten und Problemen, die in jedem solchen Kreis unvermeidlich auftreten müssen. In Dornach wurden sie noch besonders verstärkt durch den im Sommer 1914 ausgebrochenen Ersten Weltkrieg insofern, als nun Angehörige der verschiedensten, zum Teil miteinander kriegführenden Nationen weiter zusammenarbeiten und sich vertragen mußten. Hinzu kamen die Isolierung von der Welt und nicht zuletzt die Anfeindungen aus der näheren und weiteren Umgebung gegen den Bau und das darum sich scharende Völkchen. Unbeschadet davon wuchs der Bau unter der künstlerischen Leitung Rudolf Steiners, des von allen gleich geliebten Lehrers und von allen als immer gleichbleibend empfundenen ruhenden Pols. Dies änderte sich im Sommer 1915, als eine Krise zur Zerreißprobe für den Dornacher Kreis und damit für die ganze Anthroposophische Gesellschaft wurde.
[ 1 ] Im Jahre 1913 war auf dem Dornacher Hügel unweit von Basel in der Schweiz mit der Errichtung des damals Johannesbau, später Goetheanum genannten Zentralbaues für die anthroposophische Sache begonnen worden. Als Mitarbeiter waren Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft aus aller Welt berufen worden, denen sich mehr und mehr andere zugesellten, die auf eigene Initiative für kürzer oder länger oder für immer nach Dornach kamen. So entstand in Dornach ein Zentrum anthroposophischen Lebens ganz besonderer Art, verständlicherweise auch belastet mit Unzulänglichkeiten und Problemen, die in jedem solchen Kreis unvermeidlich auftreten müssen. In Dornach wurden sie noch besonders verstärkt durch den im Sommer 1914 ausgebrochenen Ersten Weltkrieg insofern, als nun Angehörige der verschiedensten, zum Teil miteinander kriegführenden Nationen weiter zusammenarbeiten und sich vertragen mußten. Hinzu kamen die Isolierung von der Welt und nicht zuletzt die Anfeindungen aus der näheren und weiteren Umgebung gegen den Bau und das darum sich scharende Völkchen. Unbeschadet davon wuchs der Bau unter der künstlerischen Leitung Rudolf Steiners, des von allen gleich geliebten Lehrers und von allen als immer gleichbleibend empfundenen ruhenden Pols. Dies änderte sich im Sommer 1915, als eine Krise zur Zerreißprobe für den Dornacher Kreis und damit für die ganze Anthroposophische Gesellschaft wurde.
[ 2 ] Rudolf Steiners Verheiratung mit Marie von Sivers an Weihnachten 1914 harte nicht nur allgemeinen Klatsch, sondern insbesondere bei einem Mitglied, Alice Sprengel, merkwürdige mystische Verschrobenheiten ausgelöst, die von einem Ehepaar, Heinrich und Gertrud Goesch, aufgegriffen und benützt wurden, um Rudolf Steiner persönlich anzugreifen. Da sie dies gesellschaftsöffentlich machten, verlangte Rudolf Steiner, daß die Sache auch durch die Gesellschaft selbst bereinigt werde. Daraufhin kam es zu sich wochenlang hinziehenden Verhandlungen, die mit dem Ausschluß der drei endeten. Rudolf Steiner und Marie Steiner hatten sich weder an den Verhandlungen noch an dem Ausschlußbeschluß beteiligt.
[ 2 ] Rudolf Steiners Verheiratung mit Marie von Sivers an Weihnachten 1914 harte nicht nur allgemeinen Klatsch, sondern insbesondere bei einem Mitglied, Alice Sprengel, merkwürdige mystische Verschrobenheiten ausgelöst, die von einem Ehepaar, Heinrich und Gertrud Goesch, aufgegriffen und benützt wurden, um Rudolf Steiner persönlich anzugreifen. Da sie dies gesellschaftsöffentlich machten, verlangte Rudolf Steiner, daß die Sache auch durch die Gesellschaft selbst bereinigt werde. Daraufhin kam es zu sich wochenlang hinziehenden Verhandlungen, die mit dem Ausschluß der drei endeten. Rudolf Steiner und Marie Steiner hatten sich weder an den Verhandlungen noch an dem Ausschlußbeschluß beteiligt.
[ 3 ] Im folgenden wird der Fall nach den vorliegenden Dokumenten chronologisch rekonstruiert.
[ 3 ] Im folgenden wird der Fall nach den vorliegenden Dokumenten chronologisch rekonstruiert.
[ 4 ] Alice Sprengel (Lebensdaten unbekannt) war im Sommer 1902 in München in die Theosophische Gesellschaft eingetreten, also zu einer Zeit, als Rudolf Steiner noch nicht als deutscher Generalsekretär tätig war. Einige Jahre später schloß sie sich der deutschen Sektion an. Über sie als Persönlichkeit heißt es in dem Schriftstück, durch das der Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft im Herbst 1915 die Mitglieder über den Fall orientierte, daß sie eine ungewöhnlich leidvolle Jugend durchlebt und noch zu der Zeit, als sie an die Gesellschaft herankam, einen seelisch sehr gedrückten Eindruck gemacht habe. Außerdem sei sie stellungslos gewesen, so daß auch ihre äußeren Lebensumstände alles andere als günstig gewesen seien. Darum habe man ihr helfen wollen. Marie Steiner (damals Marie von Sivers) zog sie 1907 zur Mitwirkung bei den Münchner Festspielen heran und veranlaßte, daß sie von Münchner Mitgliedern finanziell unterstützt wurde. Um ihr zu einem ihren kunstgewerblichen Fähigkeiten entsprechenden Erwerb zu verhelfen, erhielt sie außerdem von Rudolf Steiner Ratschläge zur Anfertigung von symbolischem Schmuck u.ä. für Mitglieder der Gesellschaft. 1914 wurde ihr auch ermöglicht, nach Dornach überzusiedeln. Die ihr so großzügig gewährten Hilfen deutete sie jedoch dahingehend, daß ihr in der Gesellschaft eine bedeutsame Mission zukommen müsse. Aufgrund der ihr zuerteilten Rolle der «Theodora» in den Mysteriendramen Rudolf Steiners, sowie der Tatsache, daß Rudolf Steiner Ende 1911 im Zusammenhang mit dem Projekt, für die Mysterienspiele einen eigenen Bau zu errichten, den Versuch gemacht hatte, eine «Gesellschaft für theosophische Art und Kunst» zu stiften, in der sie ihrer kunstgewerblichen Tätigkeit wegen als «Siegelbewahrer» nominiert worden war, lebte sie sich immer stärker in ihre Missionsvorstellungen hinein. Sie bildete sich ein, große Inkarnationen hinter sich zu haben und hielt sich sogar für die Inspiratorin von Rudolf Steiners geistigem Lehrgut. Die ihr zugewiesene Rolle der «Theodora» hatte in ihr außerdem den Wahn erzeugt, dadurch von Rudolf Steiner symbolisch ein Eheversprechen erhalten zu haben. Als dann Rudolf Steiner und Marie von Sivers sich Weihnachten 1914 verheirateten, löste dies bei ihr eine seelische Katastrophe aus. Die folgenden Briefe, die sie an Rudolf Steiner und Marie Steiner schrieb, weisen sie eindeutig als Psychopathin aus:
[ 4 ] Alice Sprengel (Lebensdaten unbekannt) war im Sommer 1902 in München in die Theosophische Gesellschaft eingetreten, also zu einer Zeit, als Rudolf Steiner noch nicht als deutscher Generalsekretär tätig war. Einige Jahre später schloß sie sich der deutschen Sektion an. Über sie als Persönlichkeit heißt es in dem Schriftstück, durch das der Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft im Herbst 1915 die Mitglieder über den Fall orientierte, daß sie eine ungewöhnlich leidvolle Jugend durchlebt und noch zu der Zeit, als sie an die Gesellschaft herankam, einen seelisch sehr gedrückten Eindruck gemacht habe. Außerdem sei sie stellungslos gewesen, so daß auch ihre äußeren Lebensumstände alles andere als günstig gewesen seien. Darum habe man ihr helfen wollen. Marie Steiner (damals Marie von Sivers) zog sie 1907 zur Mitwirkung bei den Münchner Festspielen heran und veranlaßte, daß sie von Münchner Mitgliedern finanziell unterstützt wurde. Um ihr zu einem ihren kunstgewerblichen Fähigkeiten entsprechenden Erwerb zu verhelfen, erhielt sie außerdem von Rudolf Steiner Ratschläge zur Anfertigung von symbolischem Schmuck u.ä. für Mitglieder der Gesellschaft. 1914 wurde ihr auch ermöglicht, nach Dornach überzusiedeln. Die ihr so großzügig gewährten Hilfen deutete sie jedoch dahingehend, daß ihr in der Gesellschaft eine bedeutsame Mission zukommen müsse. Aufgrund der ihr zuerteilten Rolle der «Theodora» in den Mysteriendramen Rudolf Steiners, sowie der Tatsache, daß Rudolf Steiner Ende 1911 im Zusammenhang mit dem Projekt, für die Mysterienspiele einen eigenen Bau zu errichten, den Versuch gemacht hatte, eine «Gesellschaft für theosophische Art und Kunst» zu stiften, in der sie ihrer kunstgewerblichen Tätigkeit wegen als «Siegelbewahrer» nominiert worden war, lebte sie sich immer stärker in ihre Missionsvorstellungen hinein. Sie bildete sich ein, große Inkarnationen hinter sich zu haben und hielt sich sogar für die Inspiratorin von Rudolf Steiners geistigem Lehrgut. Die ihr zugewiesene Rolle der «Theodora» hatte in ihr außerdem den Wahn erzeugt, dadurch von Rudolf Steiner symbolisch ein Eheversprechen erhalten zu haben. Als dann Rudolf Steiner und Marie von Sivers sich Weihnachten 1914 verheirateten, löste dies bei ihr eine seelische Katastrophe aus. Die folgenden Briefe, die sie an Rudolf Steiner und Marie Steiner schrieb, weisen sie eindeutig als Psychopathin aus:
Alice Sprengel an Rudolf Steiner
(Undatierter Brief, bei ihm eingegangen am 25. Dezember 1914, vgl. Seite 172)
Alice Sprengel an Rudolf Steiner
(Undatierter Brief, bei ihm eingegangen am 25. Dezember 1914, vgl. Seite 172)
[ 5 ] «In diesen Tagen sind es sieben Jahr» daß Sie, Herr Doktor, vor meinem inneren Auge erschienen und zu mir sagten: «Ich bin es, auf den du gewartet hast dein Leben lang; ich bin der, dem dich die Schicksalsmächte bestimmt haben.»
[ 5 ] «In diesen Tagen sind es sieben Jahr» daß Sie, Herr Doktor, vor meinem inneren Auge erschienen und zu mir sagten: «Ich bin es, auf den du gewartet hast dein Leben lang; ich bin der, dem dich die Schicksalsmächte bestimmt haben.»
[ 6 ] Sie sahen die Kämpfe und Zweifel, die dieses Erlebnis mir brachte, und Sie wußten, daß unverrückbar schließlich das Eine für mich stehen blieb: Ja, es ist so. Und Sie warteten, daß meine Seele sich öffnen und ich von dieser Sache sprechen würde. Aber ich schwieg, denn meine Seele war zerbrochen. Schon lange ehe ich zur Theosophie kam, aber auch bis in die letzten Jahre hinein, erlebte ich manches, dem gegenüber ich mir sagen mußte: Wohl nehme ich willig auf mich, was mir das Leben an Leid bringt, wie schwer es auch sein möge. Ist mir doch auch vom Geiste gezeigt worden, daß es nicht anders sein kann. Hier aber ist etwas, das scheint über den ursprünglichen Schicksalsplan noch hinauszugehen; es fehlen mir die Kräfte, es zu ertragen, und so tötet es etwas in mir; es zerstört eine Kraft, die ich einmal haben sollte. Es waren dies meistens solche Fälle, daß Menschen angeblich in Liebe planmäßig mein Vertrauen mißbrauchten. Ich hatte aber das Gefühl, daß dies nicht nur durch meine eigene Schuld bewirkt würde; es war mir, als ob Schicksalswille mir mehr auferlegte als ich tragen konnte.
[ 6 ] Sie sahen die Kämpfe und Zweifel, die dieses Erlebnis mir brachte, und Sie wußten, daß unverrückbar schließlich das Eine für mich stehen blieb: Ja, es ist so. Und Sie warteten, daß meine Seele sich öffnen und ich von dieser Sache sprechen würde. Aber ich schwieg, denn meine Seele war zerbrochen. Schon lange ehe ich zur Theosophie kam, aber auch bis in die letzten Jahre hinein, erlebte ich manches, dem gegenüber ich mir sagen mußte: Wohl nehme ich willig auf mich, was mir das Leben an Leid bringt, wie schwer es auch sein möge. Ist mir doch auch vom Geiste gezeigt worden, daß es nicht anders sein kann. Hier aber ist etwas, das scheint über den ursprünglichen Schicksalsplan noch hinauszugehen; es fehlen mir die Kräfte, es zu ertragen, und so tötet es etwas in mir; es zerstört eine Kraft, die ich einmal haben sollte. Es waren dies meistens solche Fälle, daß Menschen angeblich in Liebe planmäßig mein Vertrauen mißbrauchten. Ich hatte aber das Gefühl, daß dies nicht nur durch meine eigene Schuld bewirkt würde; es war mir, als ob Schicksalswille mir mehr auferlegte als ich tragen konnte.
[ 7 ] Ich ahnte ein wenig, warum das so sein mochte. Vor mehreren Jahren sprach es einmal in mir: Es gibt Wesenheiten in der geistigen Welt, für deren Wirken es nötig ist, daß Menschen Hoffnungen tragen; aber sie haben kein Interesse daran, daß diese Hoffnungen sich auch erfüllen - im Gegenteil. Was wir später hörten vom Geheimnis des vorzeitigen Todes, des nicht erreichten Zieles usw. kam mir damals noch nicht klar zum Bewußtsein.
[ 7 ] Ich ahnte ein wenig, warum das so sein mochte. Vor mehreren Jahren sprach es einmal in mir: Es gibt Wesenheiten in der geistigen Welt, für deren Wirken es nötig ist, daß Menschen Hoffnungen tragen; aber sie haben kein Interesse daran, daß diese Hoffnungen sich auch erfüllen - im Gegenteil. Was wir später hörten vom Geheimnis des vorzeitigen Todes, des nicht erreichten Zieles usw. kam mir damals noch nicht klar zum Bewußtsein.
[ 8 ] Nun aber trug ich in mir einen Wunsch, eine Hoffnung, die mir als Kundgebung aus der geistigen Welt erschienen, die mich Unerträgliches hatten ertragen lassen; die wirkten nun in mir mit so ungeheurer Stoßkraft, daß sie mich mit sich rissen. Meine Seele aber war in einem Zustand, daß sie weder verzichten konnte noch die Erfüllung ertragen; oder besser gesagt, sie konnte das nicht erfüllen, was die Erfüllung von ihr gefordert hätte. So konnte ich nicht darüber ins Klare kommen, was das erwähnte Erlebnis für meinen Erdenmenschen bedeutete. Denn nicht die Lehre, nicht der Lehrer allein konnten meine Seele wieder beleben; das konnte nur der Mensch, der größerer Liebe fähig war als andere, so daß er auch größere Lieblosigkeit gut machen konnte.
[ 8 ] Nun aber trug ich in mir einen Wunsch, eine Hoffnung, die mir als Kundgebung aus der geistigen Welt erschienen, die mich Unerträgliches hatten ertragen lassen; die wirkten nun in mir mit so ungeheurer Stoßkraft, daß sie mich mit sich rissen. Meine Seele aber war in einem Zustand, daß sie weder verzichten konnte noch die Erfüllung ertragen; oder besser gesagt, sie konnte das nicht erfüllen, was die Erfüllung von ihr gefordert hätte. So konnte ich nicht darüber ins Klare kommen, was das erwähnte Erlebnis für meinen Erdenmenschen bedeutete. Denn nicht die Lehre, nicht der Lehrer allein konnten meine Seele wieder beleben; das konnte nur der Mensch, der größerer Liebe fähig war als andere, so daß er auch größere Lieblosigkeit gut machen konnte.
[ 9 ] Schweigen kann ich nun nicht mehr. Es spricht aus mir. Vor Jahren erflehte ich Ihren Rat, ich bat um Aufklärung. Damals sprachen Sie mir Trost und Hoffnung zu. Dafür danke ich Ihnen, aber ich würde es heute nicht mehr ertragen. Warum sagten Sie neulich zu mir, es schiene mir ja gut zu gehen? Ich sollte durchhalten? Glaubten Sie, ich hätte schon Kenntnis von dem Schritt, den Sie zu tun im Begriff sind und ich hätte «überwunden»? Ich war so weit davon entfernt wie je.
[ 9 ] Schweigen kann ich nun nicht mehr. Es spricht aus mir. Vor Jahren erflehte ich Ihren Rat, ich bat um Aufklärung. Damals sprachen Sie mir Trost und Hoffnung zu. Dafür danke ich Ihnen, aber ich würde es heute nicht mehr ertragen. Warum sagten Sie neulich zu mir, es schiene mir ja gut zu gehen? Ich sollte durchhalten? Glaubten Sie, ich hätte schon Kenntnis von dem Schritt, den Sie zu tun im Begriff sind und ich hätte «überwunden»? Ich war so weit davon entfernt wie je.
[ 10 ] Zum Schluß frage ich Sie: wollen Sie Fräulein von Sivers diesen Brief lesen lassen?
[ 10 ] Zum Schluß frage ich Sie: wollen Sie Fräulein von Sivers diesen Brief lesen lassen?
Alice Sprengel
Alice Sprengel
Alice Sprengel an Rudolf Steiner
Alice Sprengel an Rudolf Steiner
Arlesheim, den 3. Februar 1915
Arlesheim, den 3. Februar 1915
Herr Doktor!
Herr Doktor!
[ 11 ] Dies ist wohl mein letzter Brief an Sie, weder schriftlich noch mündlich werde ich mich in Zukunft wieder an Sie wenden. Sagen möchte ich Ihnen nur, daß ich keinen Weg mehr vor mir sehe, daß ich mich am Ende fühle. Die verflossenen Wochen haben mir gezeigt, daß nicht daran zu denken ist, es könnte die Zeit etwas mildern oder verwischen. Sie kann nur offenbar machen, was verborgen ist. Bisher gelang es mir ja ziemlich zu verbergen, wie es um mich steht. Das wird nicht auf die Dauer möglich sein. Melancholie legt sich über mich, das Zusammensein mit anderen, ihre Aufmerksamkeit wird mir zur Qual, auch die Einsamkeit ertrage ich nicht auf die Dauer. Wie verschüttet fühle ich, was sich in mir entfalten wollte, was durch mich in unsere Bewegung einfließen sollte. Ein Leben liegt vor mir, dem die Luft zum Leben fehlt. Dennoch fühlte ich mich zum Leben verurteilt in der dunkelsten Stunde meines Daseins. Meine Seele aber wird tot sein. Verödung und Stumpfheit wird mit Schmerzanfällen abwechseln. Wie die Tragödie verlaufen wird, kann ich mir nicht vorstellen. Doch wird sich vielleicht schon in den nächsten Wochen manches Traurige an mir zeigen, und es ist mir, als würde ich vielleicht manches sagen oder tun, was sowohl mich als andere überraschen wird. Ich habe nicht das Gefühl, daß meine Worte an Sie etwas wie ein Echo finden werden. Mir ist, als spräche ich zu einem Bilde. Unwirklich sind Sie mir geworden, seitdem Sie im ersten Teil der verflossenen 7 Jahre, wenn ich Ihnen physisch gegenüberstand, mir erschienen wie die verdichtete Gestalt, die sich meinem inneren Auge gezeigt hatte. Süß und tröstend klang Ihre Stimme wie meine eignen Hoffnungen. Sie labten mich mit geheimnisvollen Andeutungen und Verheißungen, denen so oft im Verlauf des Geschehens das Gegenteil folgte. Und wenn meine Seele sich entfalten wollte unter Ihrem strahlenden Blick, in dem ich das Wissen las von dem, was mir geschehen war, dann schaute mich etwas an aus Ihren Augen, das mir zurief: « Dies ist eine Versuchung.» -—
[ 11 ] Dies ist wohl mein letzter Brief an Sie, weder schriftlich noch mündlich werde ich mich in Zukunft wieder an Sie wenden. Sagen möchte ich Ihnen nur, daß ich keinen Weg mehr vor mir sehe, daß ich mich am Ende fühle. Die verflossenen Wochen haben mir gezeigt, daß nicht daran zu denken ist, es könnte die Zeit etwas mildern oder verwischen. Sie kann nur offenbar machen, was verborgen ist. Bisher gelang es mir ja ziemlich zu verbergen, wie es um mich steht. Das wird nicht auf die Dauer möglich sein. Melancholie legt sich über mich, das Zusammensein mit anderen, ihre Aufmerksamkeit wird mir zur Qual, auch die Einsamkeit ertrage ich nicht auf die Dauer. Wie verschüttet fühle ich, was sich in mir entfalten wollte, was durch mich in unsere Bewegung einfließen sollte. Ein Leben liegt vor mir, dem die Luft zum Leben fehlt. Dennoch fühlte ich mich zum Leben verurteilt in der dunkelsten Stunde meines Daseins. Meine Seele aber wird tot sein. Verödung und Stumpfheit wird mit Schmerzanfällen abwechseln. Wie die Tragödie verlaufen wird, kann ich mir nicht vorstellen. Doch wird sich vielleicht schon in den nächsten Wochen manches Traurige an mir zeigen, und es ist mir, als würde ich vielleicht manches sagen oder tun, was sowohl mich als andere überraschen wird. Ich habe nicht das Gefühl, daß meine Worte an Sie etwas wie ein Echo finden werden. Mir ist, als spräche ich zu einem Bilde. Unwirklich sind Sie mir geworden, seitdem Sie im ersten Teil der verflossenen 7 Jahre, wenn ich Ihnen physisch gegenüberstand, mir erschienen wie die verdichtete Gestalt, die sich meinem inneren Auge gezeigt hatte. Süß und tröstend klang Ihre Stimme wie meine eignen Hoffnungen. Sie labten mich mit geheimnisvollen Andeutungen und Verheißungen, denen so oft im Verlauf des Geschehens das Gegenteil folgte. Und wenn meine Seele sich entfalten wollte unter Ihrem strahlenden Blick, in dem ich das Wissen las von dem, was mir geschehen war, dann schaute mich etwas an aus Ihren Augen, das mir zurief: « Dies ist eine Versuchung.» -—
[ 12 ] Das eben ist das Furchtbare, daß unwirklich für mich wurde, was sichtbar als Mensch vor mir stand. Und dennoch hatte ich das Gefühl, daß hinter der ganzen Sache etwas Reales stand. Ich kenne nicht die Kraft, die mir Ihr Wesen zur Realität macht. Daß ich um meinen Glauben gekämpft habe, wissen Sie, auch daß ich es bis zum letzten Schimmer tun werde. Sie wissen auch, daß ich angefleht habe jenes Wesen, dessen Licht und Lehre Sie zu bringen haben denen, denen das furchtbare Los zu Teil ward, Mensch zu sein. Es möge, was durch mich an Schuld in diese Sache hineinkommt, so werden, daß Sie in Ihrer Sendung nicht gestört werden. Ich habe das Gefühl, daß ich erhört, worden bin. Dennoch wird auf Ihren Weg fallen der Schatten von dem, was mir geschehen ist, wie es meine künftigen Erdenleben verdunkeln wird. Auch auf den Fortgang der Bewegung, auf das Schicksal unseres Baues wird dieser Schatten fallen. Wenn jemals die Mysterienspiele wieder aufgeführt werden, dann müssen Sie doch eine andere Theodora haben; und da ich mich mit dem, was geschehen ist, niemals abfinden werde, so sind mir ja auch in Zukunft des Tempels Pforten verschlossen. Ja, ich muß mich fragen: kann denn unter diesen Umständen jemals wieder ----- ich brauche den Satz nicht zu vollenden.
[ 12 ] Das eben ist das Furchtbare, daß unwirklich für mich wurde, was sichtbar als Mensch vor mir stand. Und dennoch hatte ich das Gefühl, daß hinter der ganzen Sache etwas Reales stand. Ich kenne nicht die Kraft, die mir Ihr Wesen zur Realität macht. Daß ich um meinen Glauben gekämpft habe, wissen Sie, auch daß ich es bis zum letzten Schimmer tun werde. Sie wissen auch, daß ich angefleht habe jenes Wesen, dessen Licht und Lehre Sie zu bringen haben denen, denen das furchtbare Los zu Teil ward, Mensch zu sein. Es möge, was durch mich an Schuld in diese Sache hineinkommt, so werden, daß Sie in Ihrer Sendung nicht gestört werden. Ich habe das Gefühl, daß ich erhört, worden bin. Dennoch wird auf Ihren Weg fallen der Schatten von dem, was mir geschehen ist, wie es meine künftigen Erdenleben verdunkeln wird. Auch auf den Fortgang der Bewegung, auf das Schicksal unseres Baues wird dieser Schatten fallen. Wenn jemals die Mysterienspiele wieder aufgeführt werden, dann müssen Sie doch eine andere Theodora haben; und da ich mich mit dem, was geschehen ist, niemals abfinden werde, so sind mir ja auch in Zukunft des Tempels Pforten verschlossen. Ja, ich muß mich fragen: kann denn unter diesen Umständen jemals wieder ----- ich brauche den Satz nicht zu vollenden.
[ 13 ] Ich ahne, daß dies alles in okkulter Beziehung eine ganz furchtbare Sache ist. Ja, gibt es denn gar keinen Ausweg?
[ 13 ] Ich ahne, daß dies alles in okkulter Beziehung eine ganz furchtbare Sache ist. Ja, gibt es denn gar keinen Ausweg?
[ 14 ] Nur ein Wunder kann hier helfen.
[ 14 ] Nur ein Wunder kann hier helfen.
[ 15 ] Ich weiß wohl, daß Rettung möglich wäre, und daß es nicht nur für mich furchtbar wäre, wenn sie nicht käme.
[ 15 ] Ich weiß wohl, daß Rettung möglich wäre, und daß es nicht nur für mich furchtbar wäre, wenn sie nicht käme.
[ 16 ] Lassen Sie mich Ihnen zum Schluß etwas erzählen, die Geschichte von der «Soeur gardienne».
[ 16 ] Lassen Sie mich Ihnen zum Schluß etwas erzählen, die Geschichte von der «Soeur gardienne».
[ 17 ] Wohl merkte ich im Sommer 1913 während der Vorbereitung zu den Spielen, daß Sie unzufrieden mit mir waren; und als alles vorbei war, fühlte ich mich wie ein Kranker, der sich von seinem Arzt aufgegeben weiß. Dies Gefühl hat mich nie wieder verlassen, und ich könnte manches erzählen, wie gerade in den letzten Monaten, als Ihre Worte eigentlich aufmunternd klangen, Todeskälte mich umschauerte; was sich auch besonders steigerte, so oft mir jemand begegnete von denen, die wußten, was bevorstand. Warum ist mir, als hätte man mich ins Gesicht geschlagen? Und sehen sie nicht alle aus, als wären sie an einem Komplott beteiligt? So schoß es mir bei mancher Begegnung durch den Sinn. Doch war ich damals verhältnismäßig heiter, und verscheuchte den Eindruck. Aber dies ist nur eine Abschweifung. - Kurz ehe im vorletzten Sommer die Proben begannen, las ich die «Sceur gardienne». Ich hatte immer angenommen, daß Fräulein von Sivers die Titelrolle spielen würde. Im Lesen aber kamen mir Zweifel, ob ihr die Rolle liegen würde, ja es war mir, als ob sie sie nicht einmal gern spielen möchte. Und da merkte ich, daß die Gestalt anfing in mir zu leben, sie sprach, sie bewegte sich in mir! Es war meine Rolle. Wenn ich sie spielen dürfte! Ich sah, was es für mich bedeuten würde - es war zu schön, um wahr zu sein. Da blickten mich unsichtbare Augen an und es sprach: Man wird dir die Rolle nicht geben, mache dich darauf gefaßt! Nach meinen Erfahrungen hatte diese Stimme immer recht. Angesichts der Situation, die ich in der Tat vorfand, sagte ich mir: daß ich dieses Erlebnis gehabt habe, weiß Herr Doktor so gut wie ich; wenn er trotzdem dieses Arrangement trifft, so muß er wohl Gründe haben; - was Fräulein von Sivers betrifft, so habe ich mich wohl geirrt - das Ganze ist wohl wieder eine von den unbegreiflichen Enttäuschungen, die das Leitmotiv meines Lebens bilden. Und meine Seele schrumpfte zusammen und ich verhielt mich so ruhig ich konnte. Damit schien man aber nicht zufrieden zu sein. Völlig unverständlich war mir sowohl Fräulein von Sivers’ als Ihr Verhalten. Man suchte sozusagen mit der Laterne eine Darstellerin der Titelrolle, (jede andere), an mich schien man überhaupt nicht zu denken; jede andere schien erwünschter. Doch gab es Bemerkungen, wie es eigentlich sonderbar sei, daß ich in dem Stück nichts zu tun hätte. Ich war zurückhaltend, denn einmal fürchtete ich wirklich, eine andere Rolle in dem Stück spielen zu müssen. Nun waren die Aufführungen ziemlich die einzige Gelegenheit in meinem Leben, wo ich sozusagen frei atmen, mich selbst geben durfte. Und das nur in Rollen, die in mir lebten, wie die Theodora und Persephone. Wenn ich aber mit einer Rolle nicht gut stand, so vermehrte das auf lange Zeit den Druck, unter dem ich lebte. So hatte ich allerdings nicht die Gelassenheit dieser Sache gegenüber, wie andere sie haben mochten; es war Lebensfrage für mich. - Und in all dieser Spannung widerfuhr mir etwas, was ich unzähligemale erlebt habe, in den verschiedensten Situationen, und dem gegenüber ich immer wehrlos gewesen bin. Meine Seele knickte immer zusammen, so bald mir dieses begegnete. Wieder blickte «Es» mich an und sprach: dies ist eine Lektion! (Manchmal hieß es auch: eine Prüfung oder ähnlich).
[ 17 ] Wohl merkte ich im Sommer 1913 während der Vorbereitung zu den Spielen, daß Sie unzufrieden mit mir waren; und als alles vorbei war, fühlte ich mich wie ein Kranker, der sich von seinem Arzt aufgegeben weiß. Dies Gefühl hat mich nie wieder verlassen, und ich könnte manches erzählen, wie gerade in den letzten Monaten, als Ihre Worte eigentlich aufmunternd klangen, Todeskälte mich umschauerte; was sich auch besonders steigerte, so oft mir jemand begegnete von denen, die wußten, was bevorstand. Warum ist mir, als hätte man mich ins Gesicht geschlagen? Und sehen sie nicht alle aus, als wären sie an einem Komplott beteiligt? So schoß es mir bei mancher Begegnung durch den Sinn. Doch war ich damals verhältnismäßig heiter, und verscheuchte den Eindruck. Aber dies ist nur eine Abschweifung. - Kurz ehe im vorletzten Sommer die Proben begannen, las ich die «Sceur gardienne». Ich hatte immer angenommen, daß Fräulein von Sivers die Titelrolle spielen würde. Im Lesen aber kamen mir Zweifel, ob ihr die Rolle liegen würde, ja es war mir, als ob sie sie nicht einmal gern spielen möchte. Und da merkte ich, daß die Gestalt anfing in mir zu leben, sie sprach, sie bewegte sich in mir! Es war meine Rolle. Wenn ich sie spielen dürfte! Ich sah, was es für mich bedeuten würde - es war zu schön, um wahr zu sein. Da blickten mich unsichtbare Augen an und es sprach: Man wird dir die Rolle nicht geben, mache dich darauf gefaßt! Nach meinen Erfahrungen hatte diese Stimme immer recht. Angesichts der Situation, die ich in der Tat vorfand, sagte ich mir: daß ich dieses Erlebnis gehabt habe, weiß Herr Doktor so gut wie ich; wenn er trotzdem dieses Arrangement trifft, so muß er wohl Gründe haben; - was Fräulein von Sivers betrifft, so habe ich mich wohl geirrt - das Ganze ist wohl wieder eine von den unbegreiflichen Enttäuschungen, die das Leitmotiv meines Lebens bilden. Und meine Seele schrumpfte zusammen und ich verhielt mich so ruhig ich konnte. Damit schien man aber nicht zufrieden zu sein. Völlig unverständlich war mir sowohl Fräulein von Sivers’ als Ihr Verhalten. Man suchte sozusagen mit der Laterne eine Darstellerin der Titelrolle, (jede andere), an mich schien man überhaupt nicht zu denken; jede andere schien erwünschter. Doch gab es Bemerkungen, wie es eigentlich sonderbar sei, daß ich in dem Stück nichts zu tun hätte. Ich war zurückhaltend, denn einmal fürchtete ich wirklich, eine andere Rolle in dem Stück spielen zu müssen. Nun waren die Aufführungen ziemlich die einzige Gelegenheit in meinem Leben, wo ich sozusagen frei atmen, mich selbst geben durfte. Und das nur in Rollen, die in mir lebten, wie die Theodora und Persephone. Wenn ich aber mit einer Rolle nicht gut stand, so vermehrte das auf lange Zeit den Druck, unter dem ich lebte. So hatte ich allerdings nicht die Gelassenheit dieser Sache gegenüber, wie andere sie haben mochten; es war Lebensfrage für mich. - Und in all dieser Spannung widerfuhr mir etwas, was ich unzähligemale erlebt habe, in den verschiedensten Situationen, und dem gegenüber ich immer wehrlos gewesen bin. Meine Seele knickte immer zusammen, so bald mir dieses begegnete. Wieder blickte «Es» mich an und sprach: dies ist eine Lektion! (Manchmal hieß es auch: eine Prüfung oder ähnlich).
[ 18 ] Und ich spürte in meiner Seele die Wirkungen zahlloser, täglich, stündlich sich wiederholender Erlebnisse, die bis in die ersten Kinderjahre zurückreichten. Ich weiß nicht, warum es so ist, daß von jeher meine Umgebung sich versucht gefühlt hat, in einer unrechtmäßigen Weise an meinem Seelenleben teilzunehmen. Erst in den allerletzten Zeiten, erst hier, kann ich mir das ferne halten, doch führte das mich zu völliger Vereinsamung. Was haben doch Pflegeeltern, Erzieher, Gespielen, Freunde, Fremde u.a. alles angestellt, um zu sehen, was ich für ein Gesicht machen würde, oder um sich auszumalen, was ich über dieses oder jenes wohl empfinden würde. Und vieles andere noch. Wie gesagt, diese Erlebnisse waren so sehr an der Tagesordnung, daß ich sie nicht verarbeiten konnte. Ich erstickte daran. Ich nahm die Sache meistens ruhig hin, man wußte es eben nicht besser. Jetzt aber, in der geschilderten Lage, spielten mir diese halbbewußten Erinnerungen einen Streich und Zorn faßte mich. - Diesen Sommer nun, also ein Jahr später, stellte sich die ganze Sache nochmals vor mich hin, ich mußte alles nochmals durchleben. Und der Gedanke kam mir, daß ich Ihnen das vorangegangene Erlebnis hätte erzählen sollen.
[ 18 ] Und ich spürte in meiner Seele die Wirkungen zahlloser, täglich, stündlich sich wiederholender Erlebnisse, die bis in die ersten Kinderjahre zurückreichten. Ich weiß nicht, warum es so ist, daß von jeher meine Umgebung sich versucht gefühlt hat, in einer unrechtmäßigen Weise an meinem Seelenleben teilzunehmen. Erst in den allerletzten Zeiten, erst hier, kann ich mir das ferne halten, doch führte das mich zu völliger Vereinsamung. Was haben doch Pflegeeltern, Erzieher, Gespielen, Freunde, Fremde u.a. alles angestellt, um zu sehen, was ich für ein Gesicht machen würde, oder um sich auszumalen, was ich über dieses oder jenes wohl empfinden würde. Und vieles andere noch. Wie gesagt, diese Erlebnisse waren so sehr an der Tagesordnung, daß ich sie nicht verarbeiten konnte. Ich erstickte daran. Ich nahm die Sache meistens ruhig hin, man wußte es eben nicht besser. Jetzt aber, in der geschilderten Lage, spielten mir diese halbbewußten Erinnerungen einen Streich und Zorn faßte mich. - Diesen Sommer nun, also ein Jahr später, stellte sich die ganze Sache nochmals vor mich hin, ich mußte alles nochmals durchleben. Und der Gedanke kam mir, daß ich Ihnen das vorangegangene Erlebnis hätte erzählen sollen.
[ 19 ] Wie gesagt, die Worte «dies ist eine Lektion» übten stets eine erstarrende, vereisende Wirkung auf mich aus. Wenn ich mein Leben überblicke, dann ist es mir, wie wenn eine teuflische Weisheit vorausgesehen hätte, was an Lebensmöglichkeiten in diesen letzten Jahren an mir vorüberziehen würde, und wie wenn diese Intelligenz alles Erdenkliche aufgeboten hätte, um mich dafür unbrauchbar zu machen. Ich konnte sie dabei beobachten und war doch machtlos. Viel ließe sich darüber sagen, warum das geschah. Aber niemals könnte das, was in mir oder überhaupt in einer Seele für sich allein lebt, an dieser Klippe vorüberführen. Nur das, was wie ein Funke von Seele zu Seele fliegt, was jetzt noch so schwach, ach so schwach ist, kann hier das Wunder wirken ---
[ 19 ] Wie gesagt, die Worte «dies ist eine Lektion» übten stets eine erstarrende, vereisende Wirkung auf mich aus. Wenn ich mein Leben überblicke, dann ist es mir, wie wenn eine teuflische Weisheit vorausgesehen hätte, was an Lebensmöglichkeiten in diesen letzten Jahren an mir vorüberziehen würde, und wie wenn diese Intelligenz alles Erdenkliche aufgeboten hätte, um mich dafür unbrauchbar zu machen. Ich konnte sie dabei beobachten und war doch machtlos. Viel ließe sich darüber sagen, warum das geschah. Aber niemals könnte das, was in mir oder überhaupt in einer Seele für sich allein lebt, an dieser Klippe vorüberführen. Nur das, was wie ein Funke von Seele zu Seele fliegt, was jetzt noch so schwach, ach so schwach ist, kann hier das Wunder wirken ---
d.5.2
d.5.2
Ich überlese nochmals das Geschriebene.
Und nun frage ich:
Ich überlese nochmals das Geschriebene.
Und nun frage ich:
[ 20 ] Darf denn wirklich das alles so geschehen, wie ich es schilderte? Und es müßte so geschehen, wenn alles so bliebe, wie es jetzt ist. Aber - fühlen wir Drei etwa nicht, wie das Schicksal zwischen uns steht? Kann wirklich Einer unter uns sein, der nicht weiß, was jetzt zu geschehen hat? Dieses wird vieles ans Licht bringen; von dem, was das Geheimnis eines Einzelnen war, wird der Verlauf der Ereignisse abhängen. Dies ist wahrlich eine Prüfung, aber nicht nur für mich. Offenbar wird werden, was verborgen ist.
[ 20 ] Darf denn wirklich das alles so geschehen, wie ich es schilderte? Und es müßte so geschehen, wenn alles so bliebe, wie es jetzt ist. Aber - fühlen wir Drei etwa nicht, wie das Schicksal zwischen uns steht? Kann wirklich Einer unter uns sein, der nicht weiß, was jetzt zu geschehen hat? Dieses wird vieles ans Licht bringen; von dem, was das Geheimnis eines Einzelnen war, wird der Verlauf der Ereignisse abhängen. Dies ist wahrlich eine Prüfung, aber nicht nur für mich. Offenbar wird werden, was verborgen ist.
[ 21 ] Noch Eines sage ich Ihnen, mein Führer: mochte Ihnen auch der Versucher aus den Augen blicken, - gar manchesmal habe ich doch erschauernd mitfühlen dürfen, wie das, was mir sich offenbart hatte, auch für Sie etwas bedeutete, dem hier nicht sein Recht wurde. Daß dies aber geschehen muß und wird, das wissen Sie wohl; das weiß auch
[ 21 ] Noch Eines sage ich Ihnen, mein Führer: mochte Ihnen auch der Versucher aus den Augen blicken, - gar manchesmal habe ich doch erschauernd mitfühlen dürfen, wie das, was mir sich offenbart hatte, auch für Sie etwas bedeutete, dem hier nicht sein Recht wurde. Daß dies aber geschehen muß und wird, das wissen Sie wohl; das weiß auch
[ 22 ] der Siegelbewahrer.
[ 22 ] der Siegelbewahrer.
Alice Sprengel an Marie Steiner (Auszug) (Brief ohne Datum, eingegangen am 21. August 1915, vgl. Seite 150)
Alice Sprengel an Marie Steiner (Auszug) (Brief ohne Datum, eingegangen am 21. August 1915, vgl. Seite 150)
[ 23 ] ... Ich weiß, daß für die Verantwortlichen in unserer Bewegung die Leute mit «okkulten Erlebnissen» eine große Kalamität bilden. Zu verstehen ist das ja, immerhin ist unsere Bewegung doch nun einmal dazu da, um mit so etwas fertig zu werden.
[ 23 ] ... Ich weiß, daß für die Verantwortlichen in unserer Bewegung die Leute mit «okkulten Erlebnissen» eine große Kalamität bilden. Zu verstehen ist das ja, immerhin ist unsere Bewegung doch nun einmal dazu da, um mit so etwas fertig zu werden.
[ 24 ] Also nicht die Beziehungen zwischen Ihnen und Herrn Doktor kommen hier in Betracht. Eher schon diejenigen zwischen Ihnen und mir. Aber jene Eintragung auf dem Standesamt löste für mich die Katastrophe aus, die ich mit Schrecken seit Jahren hatte kommen sehen, - wohlgemerkt, nicht in ihrem Verlauf, aber ihrem Charakter und ihrem Schwergewicht nach. Das heißt also, daß ich seit Jahren zwischen meinem Lehrer und mir etwas aufsteigen sah, auf welches durchaus das anzuwenden ist, was uns, nicht zum ersten Mal, in diesen Tagen auseinandergesetzt wird. Es hat seinen eigenen Willen und seine eigenen Gesetze und ist mit den klügsten Sprüchlein nicht zu beschwören. Wie gesagt, soviel Selbsterkenntnis hatte ich, um vorauszusehen, was kommen mußte, wenn nichts dagegen geschah. Und wie der Kranke den Arzt, bat ich, vor 3 Jahren, Herrn Doktor um eine Unterredung. Hier mußte ich, und in der Folge immer häufiger, ein trauriges Wort sagen: Ob ich wohl der Lehre folgen konnte, nichts konnte ich begreifen von dem, was mich selbst betraf und was mir geschah. Was mich zu diesem Ausspruch brachte, muß ich hier übergehen, ich weiß nicht, wieviel Ihnen von meinem Entwicklungs- und Lebensgang bekannt ist. Ich kam nicht dazu, von meiner Not zu sprechen, Herr Doktor ließ deutlich merken, daß er nichts davon hören wollte. Im Sommer darauf aber ward uns der Hüter der Schwelle beschert. Darin das Gespräch zwischen Strader und Theodora, in dem sich in der zartesten Weise spiegelte, was mich bedrängte. Vielleicht hat Herr Doktor nichts derartiges «gemeint». Tatsache ist es dennoch. Sollte es vielleicht ein Heilversuch sein. Ich verstehe nicht—.
[ 24 ] Also nicht die Beziehungen zwischen Ihnen und Herrn Doktor kommen hier in Betracht. Eher schon diejenigen zwischen Ihnen und mir. Aber jene Eintragung auf dem Standesamt löste für mich die Katastrophe aus, die ich mit Schrecken seit Jahren hatte kommen sehen, - wohlgemerkt, nicht in ihrem Verlauf, aber ihrem Charakter und ihrem Schwergewicht nach. Das heißt also, daß ich seit Jahren zwischen meinem Lehrer und mir etwas aufsteigen sah, auf welches durchaus das anzuwenden ist, was uns, nicht zum ersten Mal, in diesen Tagen auseinandergesetzt wird. Es hat seinen eigenen Willen und seine eigenen Gesetze und ist mit den klügsten Sprüchlein nicht zu beschwören. Wie gesagt, soviel Selbsterkenntnis hatte ich, um vorauszusehen, was kommen mußte, wenn nichts dagegen geschah. Und wie der Kranke den Arzt, bat ich, vor 3 Jahren, Herrn Doktor um eine Unterredung. Hier mußte ich, und in der Folge immer häufiger, ein trauriges Wort sagen: Ob ich wohl der Lehre folgen konnte, nichts konnte ich begreifen von dem, was mich selbst betraf und was mir geschah. Was mich zu diesem Ausspruch brachte, muß ich hier übergehen, ich weiß nicht, wieviel Ihnen von meinem Entwicklungs- und Lebensgang bekannt ist. Ich kam nicht dazu, von meiner Not zu sprechen, Herr Doktor ließ deutlich merken, daß er nichts davon hören wollte. Im Sommer darauf aber ward uns der Hüter der Schwelle beschert. Darin das Gespräch zwischen Strader und Theodora, in dem sich in der zartesten Weise spiegelte, was mich bedrängte. Vielleicht hat Herr Doktor nichts derartiges «gemeint». Tatsache ist es dennoch. Sollte es vielleicht ein Heilversuch sein. Ich verstehe nicht—.
[ 25 ] Eine außerordentlich treffende und gesunde Charakteristik von Alice Sprengel gibt der folgende Brief von der damals ebenfalls am Goetheanum lebenden Engländerin
[ 25 ] Eine außerordentlich treffende und gesunde Charakteristik von Alice Sprengel gibt der folgende Brief von der damals ebenfalls am Goetheanum lebenden Engländerin
Mary Peet an Alice Sprengel (Übersetzung):
Mary Peet an Alice Sprengel (Übersetzung):
Arlesheim, Oktober 1915
Arlesheim, Oktober 1915
Liebes Fräulein Sprengel
Liebes Fräulein Sprengel
[ 26 ] Ich möchte nicht länger warten, um Ihnen meine Empörung auszudrücken über Ihr schmähliches Verhalten gegenüber Dr. Steiner und auch Frau Steiner gegenüber.
[ 26 ] Ich möchte nicht länger warten, um Ihnen meine Empörung auszudrücken über Ihr schmähliches Verhalten gegenüber Dr. Steiner und auch Frau Steiner gegenüber.
[ 27 ] Ich habe Sie stets für eine ziemlich empfindlich und hysterisch wirkende Person gehalten, aber ich hätte nicht für möglich gehalten, wie weit Ihr offensichtlich hysterisches Wesen Sie führen könnte.
[ 27 ] Ich habe Sie stets für eine ziemlich empfindlich und hysterisch wirkende Person gehalten, aber ich hätte nicht für möglich gehalten, wie weit Ihr offensichtlich hysterisches Wesen Sie führen könnte.
[ 28 ] Daß Ihre Hoffnungen, eine prominente Persönlichkeit in unserer Gesellschaft zu werden, sich als Illusionen erwiesen, war eine Enttäuschung, die Sie nicht verkraften konnten. Das ist ja ein sehr alltäglicher Vorgang, daß enttäuschte junge Frauen in alle möglichen hysterischen Zustände verfallen, die dann phantastische Träume bewirken. In diesem Falle wurden wahrhaft heilige Dinge gemischt mit Illusionen, entstanden aus Eitelkeit, Stolz und Geltungssucht.
[ 28 ] Daß Ihre Hoffnungen, eine prominente Persönlichkeit in unserer Gesellschaft zu werden, sich als Illusionen erwiesen, war eine Enttäuschung, die Sie nicht verkraften konnten. Das ist ja ein sehr alltäglicher Vorgang, daß enttäuschte junge Frauen in alle möglichen hysterischen Zustände verfallen, die dann phantastische Träume bewirken. In diesem Falle wurden wahrhaft heilige Dinge gemischt mit Illusionen, entstanden aus Eitelkeit, Stolz und Geltungssucht.
[ 29 ] Wenn sich jemand für die Wiederverkörperung von David und der Jungfrau Maria hält, so ist nicht mehr viel zu sagen, denn wer sich derartigen Vorstellungen hingibt, stellt sich außerhalb des Bereichs von Logik und Vernunft.
[ 29 ] Wenn sich jemand für die Wiederverkörperung von David und der Jungfrau Maria hält, so ist nicht mehr viel zu sagen, denn wer sich derartigen Vorstellungen hingibt, stellt sich außerhalb des Bereichs von Logik und Vernunft.
[ 30 ] Ein Hund pflegt nicht die Hand zu beißen, die ihm jahrelang zu fressen gegeben hat, - Sie haben nicht einmal die Treue eines Hundes bewiesen, indem Sie Ihren ganzen Groll und Haß gegen denjenigen gerichtet haben, der Leben in Ihre Existenz gebracht hat, geistig sowohl wie physisch, denn Sie verdankten ja ihm und seinen Freunden Ihre Existenzgrundlage.
[ 30 ] Ein Hund pflegt nicht die Hand zu beißen, die ihm jahrelang zu fressen gegeben hat, - Sie haben nicht einmal die Treue eines Hundes bewiesen, indem Sie Ihren ganzen Groll und Haß gegen denjenigen gerichtet haben, der Leben in Ihre Existenz gebracht hat, geistig sowohl wie physisch, denn Sie verdankten ja ihm und seinen Freunden Ihre Existenzgrundlage.
[ 31 ] Und jetzt, weil Sie enttäuscht sind, tun Sie alles, um ihn mit Unwahrheiten und Insinuationen zu beleidigen, die aus den Gedanken entstehen, welche sich Ihres Gehirns bemächtigt haben.
[ 31 ] Und jetzt, weil Sie enttäuscht sind, tun Sie alles, um ihn mit Unwahrheiten und Insinuationen zu beleidigen, die aus den Gedanken entstehen, welche sich Ihres Gehirns bemächtigt haben.
[ 32 ] Dr. Steiner ist geliebt, verehrt und respektiert, sein Leben beispielhaft für alle. Durch die Kraft seines logischen und klaren Verstandes hat er vermocht, uns mit dem Brot der Weisheit und des Lebens zu nähren, und hat sich als ein wahrer Lichtträger für uns alle erwiesen.
[ 32 ] Dr. Steiner ist geliebt, verehrt und respektiert, sein Leben beispielhaft für alle. Durch die Kraft seines logischen und klaren Verstandes hat er vermocht, uns mit dem Brot der Weisheit und des Lebens zu nähren, und hat sich als ein wahrer Lichtträger für uns alle erwiesen.
[ 33 ] Ich bitte Sie dringend, Vernunft anzunehmen, bevor es zu spät ist! Versuchen Sie, nur eine Stunde lang Selbstbesinnung zu üben und den Grund der fürchterlichen Selbsträuschung zu erkennen, an der Sie leiden. Hüten Sie sich vor der schrecklichen Gestalt des HASSES, die Sie durch Ihre Eifersucht und dauernde Enttäuschtheit herbeirufen!
[ 33 ] Ich bitte Sie dringend, Vernunft anzunehmen, bevor es zu spät ist! Versuchen Sie, nur eine Stunde lang Selbstbesinnung zu üben und den Grund der fürchterlichen Selbsträuschung zu erkennen, an der Sie leiden. Hüten Sie sich vor der schrecklichen Gestalt des HASSES, die Sie durch Ihre Eifersucht und dauernde Enttäuschtheit herbeirufen!
[ 34 ] Sie können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber Sie können versuchen, die verpaßten Gelegenheiten wiederzufinden, indem Sie aufhören, ein Bild zu bieten, das viele zu sehen vermögen, das Ihnen aber offenbar unsichtbar ist: das einer Eifersüchtigen, Undankbaren, Enttäuschten, hysterischen Illusionistin!
[ 34 ] Sie können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber Sie können versuchen, die verpaßten Gelegenheiten wiederzufinden, indem Sie aufhören, ein Bild zu bieten, das viele zu sehen vermögen, das Ihnen aber offenbar unsichtbar ist: das einer Eifersüchtigen, Undankbaren, Enttäuschten, hysterischen Illusionistin!
[ 35 ] O Mensch, erkenne dich selbst!
[ 35 ] O Mensch, erkenne dich selbst!
Herzlichst
Mary Peet
Herzlichst
Mary Peet
[ 36 ] Heinrich Goesch (Rostock 1880-1930 Konstanz) war vielseitig begabt und interessiert und hatte bereits mit 20 Jahren seinen Dr. phil. und Dr. jur. gemacht. Im Dezember 1900 taucht sein Name auch einmal in den Anwesenheitslisten der Berliner literarischen Gesellschaft «Die Kommenden» auf. Von Eltern und Verwandten finanziell unterstützt, konnte er ein Leben führen, das ihm erlaubte, zahlreichen Interessen nachzugehen. Ausgenommen in seinen letzten Lebensjahren, in denen er an der Dresdner Akademie für Kunstgewerbe über Kunst vortrug, hatte er nie einen richtigen Beruf ausgeübt, wohl aus gesundheitlichen Gründen. Laut Gutachten des Psychiaters Friedrich Husemann dürfte Goesch schon sehr früh an Epilepsie oder epileptischen Äquivalenten (Absencen) gelitten haben. Ein sachverständiger Augenzeuge berichtete, wie er einen schwersten epileptischen Anfall Goeschs miterlebt habe. (Siehe Karl Heyer, «Wie man gegen Rudolf Steiner kämpft», Stuttgart 1932.)
[ 36 ] Heinrich Goesch (Rostock 1880-1930 Konstanz) war vielseitig begabt und interessiert und hatte bereits mit 20 Jahren seinen Dr. phil. und Dr. jur. gemacht. Im Dezember 1900 taucht sein Name auch einmal in den Anwesenheitslisten der Berliner literarischen Gesellschaft «Die Kommenden» auf. Von Eltern und Verwandten finanziell unterstützt, konnte er ein Leben führen, das ihm erlaubte, zahlreichen Interessen nachzugehen. Ausgenommen in seinen letzten Lebensjahren, in denen er an der Dresdner Akademie für Kunstgewerbe über Kunst vortrug, hatte er nie einen richtigen Beruf ausgeübt, wohl aus gesundheitlichen Gründen. Laut Gutachten des Psychiaters Friedrich Husemann dürfte Goesch schon sehr früh an Epilepsie oder epileptischen Äquivalenten (Absencen) gelitten haben. Ein sachverständiger Augenzeuge berichtete, wie er einen schwersten epileptischen Anfall Goeschs miterlebt habe. (Siehe Karl Heyer, «Wie man gegen Rudolf Steiner kämpft», Stuttgart 1932.)
[ 37 ] Mit der Psychoanalyse war Goesch um 1908/09 in Berührung gekommen, als er mit seiner Frau, einer Kusine von Käthe Kollwitz, und seinem Bruder Paul, der Maler war, in Niederpoyritz bei Dresden lebte, wo sie sich mit Architektur, Ästhetik und Philosophie beschäftigten. Der Journalist Paul Fechter, der damals mit Goeschs befreundet war, berichtet darüber in seinen Erinnerungen «Menschen und Zeiten. Begegnungen aus 5 Jahrzehnten», Gütersloh 1948, folgendes:
[ 37 ] Mit der Psychoanalyse war Goesch um 1908/09 in Berührung gekommen, als er mit seiner Frau, einer Kusine von Käthe Kollwitz, und seinem Bruder Paul, der Maler war, in Niederpoyritz bei Dresden lebte, wo sie sich mit Architektur, Ästhetik und Philosophie beschäftigten. Der Journalist Paul Fechter, der damals mit Goeschs befreundet war, berichtet darüber in seinen Erinnerungen «Menschen und Zeiten. Begegnungen aus 5 Jahrzehnten», Gütersloh 1948, folgendes:
[ 38 ] «In diese Welt brach nun die Psychoanalyse ein. Heinrich Goesch begegnete eines Tages einem ihrer frühesten Adepten, dem Sohn eines Grazer Hochschullehrers, der die damals noch nicht überall popularisierte Lehre Sigmund Freuds zur Grundlage seines Lebens gemacht hatte. Er nahm ihn mit nach Niederpoyritz, der junge Arzt weihte in endlosen nächtlichen Sitzungen die beiden Brüder in die Geheimnisse der neuen Lehre ein - mit dem Erfolg, daß Heinrich und Paul Goesch, konsequent und folgerichtig in allem, was sie geistig aufnahmen, sich nicht mit der Theorie begnügten, sondern sich daranmachten, die Lehre in die Tat umzusetzen. Sie hörten nicht nur zu, was der Gast zu melden hatte, sie erprobten es sofort an sich und an allem, was irgend erreichbar in der Nähe war. Sie analysierten sich und die anderen; sie inszenierten nächtliche Komplexlösungen mit einer Gründlichkeit, daß Niederpoyritz aufsässig wurde und sie in einen Ruf kamen, der dem der jungen Schlegels in Jena wenig nachgab.
[ 38 ] «In diese Welt brach nun die Psychoanalyse ein. Heinrich Goesch begegnete eines Tages einem ihrer frühesten Adepten, dem Sohn eines Grazer Hochschullehrers, der die damals noch nicht überall popularisierte Lehre Sigmund Freuds zur Grundlage seines Lebens gemacht hatte. Er nahm ihn mit nach Niederpoyritz, der junge Arzt weihte in endlosen nächtlichen Sitzungen die beiden Brüder in die Geheimnisse der neuen Lehre ein - mit dem Erfolg, daß Heinrich und Paul Goesch, konsequent und folgerichtig in allem, was sie geistig aufnahmen, sich nicht mit der Theorie begnügten, sondern sich daranmachten, die Lehre in die Tat umzusetzen. Sie hörten nicht nur zu, was der Gast zu melden hatte, sie erprobten es sofort an sich und an allem, was irgend erreichbar in der Nähe war. Sie analysierten sich und die anderen; sie inszenierten nächtliche Komplexlösungen mit einer Gründlichkeit, daß Niederpoyritz aufsässig wurde und sie in einen Ruf kamen, der dem der jungen Schlegels in Jena wenig nachgab.
[ 39 ] Das wäre nicht wesentlich gewesen: Gerede steigt auf und verebbt wieder. Verhängnisvoller war, daß Paul Goeschs dünnwandige Seele bei diesen Experimenten einen Sprung bekommen hatte. Die Analyse hatte bei ihm offenbar Hemmungen ausgeschaltet, die für den Halt seines Lebens notwendig gewesen waren: er ging bald nach dem Besuch des Doktors zum ersten Mal in eine Anstalt...
[ 39 ] Das wäre nicht wesentlich gewesen: Gerede steigt auf und verebbt wieder. Verhängnisvoller war, daß Paul Goeschs dünnwandige Seele bei diesen Experimenten einen Sprung bekommen hatte. Die Analyse hatte bei ihm offenbar Hemmungen ausgeschaltet, die für den Halt seines Lebens notwendig gewesen waren: er ging bald nach dem Besuch des Doktors zum ersten Mal in eine Anstalt...
[ 40 ] Der von Fechter hier nicht mit Namen genannte «Doktor» war Otto Groß, Privatdozent für Psychopathologie in Graz und einer der ersten Schüler Freuds. Er strebte danach, die Psychoanalyse nicht nur wie Freud als ärztliche Behandlungsmethode anzuwenden, sondern sie auch in sozialer und politischer Hinsicht zu verwirklichen, sie zur allgemeinen Grundlage des Lebens zu machen. Dadurch kam er schließlich mit allen gesellschaftlichen Strukturen in Konflikt. Als Drogenabhängiger wurde er u.a. auch Patient von C. G. Jung im Burghölzli Zürich und spielte als Patient eine gewisse Rolle in den fachlichen Auseinandersetzungen zwischen Freud und C. G. Jung. Später wurde er auf Betreiben seines Vaters Hans Groß, Professor für Kriminalistik in Graz, entmündigt und verbrachte die meiste Zeit seines weiteren Lebens in Heilanstalten. (Siehe Emanuel Hurwitz, «Otto Groß. Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung», Zürich 1979.)
[ 40 ] Der von Fechter hier nicht mit Namen genannte «Doktor» war Otto Groß, Privatdozent für Psychopathologie in Graz und einer der ersten Schüler Freuds. Er strebte danach, die Psychoanalyse nicht nur wie Freud als ärztliche Behandlungsmethode anzuwenden, sondern sie auch in sozialer und politischer Hinsicht zu verwirklichen, sie zur allgemeinen Grundlage des Lebens zu machen. Dadurch kam er schließlich mit allen gesellschaftlichen Strukturen in Konflikt. Als Drogenabhängiger wurde er u.a. auch Patient von C. G. Jung im Burghölzli Zürich und spielte als Patient eine gewisse Rolle in den fachlichen Auseinandersetzungen zwischen Freud und C. G. Jung. Später wurde er auf Betreiben seines Vaters Hans Groß, Professor für Kriminalistik in Graz, entmündigt und verbrachte die meiste Zeit seines weiteren Lebens in Heilanstalten. (Siehe Emanuel Hurwitz, «Otto Groß. Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung», Zürich 1979.)
[ 41 ] Über die Beziehung Goeschs zur Psychoanalyse heißt es in Paul Fechters «Worte des Gedenkens» zum Tode Heinrich Goeschs (in «Deutsche Rundschau», Mai 1930):
[ 41 ] Über die Beziehung Goeschs zur Psychoanalyse heißt es in Paul Fechters «Worte des Gedenkens» zum Tode Heinrich Goeschs (in «Deutsche Rundschau», Mai 1930):
[ 42 ] «Als Otto Groß zu ihm stieß und ihn zuerst mit der damals noch kaum beachteten Psychoanalyse Sigmund Freuds bekannt machte, begriff Heinrich Goesch sofort, daß ihm hier eine Methode gebracht wurde, mit deren Hilfe er seinen persönlichen Bereich in der Richtung auf die Tiefe in bisher ungeahnte Bezirke ausdehnen konnte. Er griff mit Leidenschaft dies Neue auf, wieder nicht theoretisch begrifflich, abstrakt, als Objekt für sein Wissen und seine Erfahrung, sondern er stürzte sich mit all seinen Kräften und seinem ganzen Sein in diesen vor ihm sich auftuenden, in neue Tiefen führenden Strom des Lebens. Er studierte die Psychoanalyse nicht, er durchlebte sie, nahm sich selbst als sein Objekt der Analyse und stieg mit allen Erschütterungen und Ekstasen ohne irgendeine Rücksicht auf die Konsequenzen für das äußere Dasein in das Dunkel, das sich hier vor ihm auftat. Er entzog die Theorie den Bereichen der Wissenschaft und nahm sie sofort, wie alles, was ihm begegnete, in sein unmittelbares Leben hinein. Es war ein sehr gefährliches Experiment ...»
[ 42 ] «Als Otto Groß zu ihm stieß und ihn zuerst mit der damals noch kaum beachteten Psychoanalyse Sigmund Freuds bekannt machte, begriff Heinrich Goesch sofort, daß ihm hier eine Methode gebracht wurde, mit deren Hilfe er seinen persönlichen Bereich in der Richtung auf die Tiefe in bisher ungeahnte Bezirke ausdehnen konnte. Er griff mit Leidenschaft dies Neue auf, wieder nicht theoretisch begrifflich, abstrakt, als Objekt für sein Wissen und seine Erfahrung, sondern er stürzte sich mit all seinen Kräften und seinem ganzen Sein in diesen vor ihm sich auftuenden, in neue Tiefen führenden Strom des Lebens. Er studierte die Psychoanalyse nicht, er durchlebte sie, nahm sich selbst als sein Objekt der Analyse und stieg mit allen Erschütterungen und Ekstasen ohne irgendeine Rücksicht auf die Konsequenzen für das äußere Dasein in das Dunkel, das sich hier vor ihm auftat. Er entzog die Theorie den Bereichen der Wissenschaft und nahm sie sofort, wie alles, was ihm begegnete, in sein unmittelbares Leben hinein. Es war ein sehr gefährliches Experiment ...»
[ 43 ] Die Anthroposophie Rudolf Steiners lernte Goesch um 1910 kennen. Bald darauf wurde er Mitglied der damals von Rudolf Steiner als Generalsekretär geleiteten Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, empfohlen von dem Arzt Dr. Max Asch, der am 27. April 1910 an Rudolf Steiner geschrieben hatte: «Ich stehe seit etwa 2 Wochen in einem regen persönlichen Gedankenaustausch mit einem Herrn Dr. phil. Heinrich Goesch, der, wie mir scheint, für eine okkulte Schulung prädestiniert ist. Er gehört zu den hochbegabtesten Menschen, die mir bisher begegnet sind und hat vor etwa einem Jahre so merkwürdige innere Erlebnisse, die innerhalb eines achttägigen ekstatischen Zustandes zu Tage traten, gehabt, daß ich zu der Vermutung neige, daß dieser Fall auch für Sie ein spezielles Interesse haben dürfte. Er hat sich in der letzten Zeit ganz in das Studium Ihrer Schriften - Theosophie, Geheimwissenschaft etc. - versenkt und die unglaubliche Schnelligkeit, mit der er diese Dinge erfaßt hat, läßt mich annehmen, daß er in einer früheren Inkarnation schon eine Geheimschulung irgendwelcher Art durchgemacht hat - mir scheint die spezifisch christliche nach den Frlebnissen in der erwähnten Ekstase. Herr Dr. Goesch wird morgen Abend im Vortrag sein; wenn Sie es wünschen, stelle ich ihn Ihnen vor. Er will auch sofort Mitglied der theosoph. Gesellschaft werden.» Der erwähnte Vortrag fand am 28. April 1910 im Berliner Architektenhaus statt und hatte als Thema «Irrtum und Irresein» (in «Metamorphosen des Seelenlebens. Pfade der Seelenerlebnisse», zweiter Teil, GA 59). Am 30. April 1910 schrieb Asch nochmals an Rudolf Steiner: «Herr Dr. phil. Heinrich Goesch, von dem ich Ihnen schrieb, würde Ihnen sehr zu Dank verpflichtet sein, wenn Sie ihm bald Gelegenheit zu einer Aussprache geben würden, da er gern die Vorträge in Hamburg, die mit seinen Spezialforschungen des letzten Jahres einen gewissen Zusammenhang haben, hören und daher sobald als möglich Mitglied der theosoph. Gesellschaft werden möchte. Herr Dr. Goesch wohnt in Charlottenburg ...»
[ 43 ] Die Anthroposophie Rudolf Steiners lernte Goesch um 1910 kennen. Bald darauf wurde er Mitglied der damals von Rudolf Steiner als Generalsekretär geleiteten Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, empfohlen von dem Arzt Dr. Max Asch, der am 27. April 1910 an Rudolf Steiner geschrieben hatte: «Ich stehe seit etwa 2 Wochen in einem regen persönlichen Gedankenaustausch mit einem Herrn Dr. phil. Heinrich Goesch, der, wie mir scheint, für eine okkulte Schulung prädestiniert ist. Er gehört zu den hochbegabtesten Menschen, die mir bisher begegnet sind und hat vor etwa einem Jahre so merkwürdige innere Erlebnisse, die innerhalb eines achttägigen ekstatischen Zustandes zu Tage traten, gehabt, daß ich zu der Vermutung neige, daß dieser Fall auch für Sie ein spezielles Interesse haben dürfte. Er hat sich in der letzten Zeit ganz in das Studium Ihrer Schriften - Theosophie, Geheimwissenschaft etc. - versenkt und die unglaubliche Schnelligkeit, mit der er diese Dinge erfaßt hat, läßt mich annehmen, daß er in einer früheren Inkarnation schon eine Geheimschulung irgendwelcher Art durchgemacht hat - mir scheint die spezifisch christliche nach den Frlebnissen in der erwähnten Ekstase. Herr Dr. Goesch wird morgen Abend im Vortrag sein; wenn Sie es wünschen, stelle ich ihn Ihnen vor. Er will auch sofort Mitglied der theosoph. Gesellschaft werden.» Der erwähnte Vortrag fand am 28. April 1910 im Berliner Architektenhaus statt und hatte als Thema «Irrtum und Irresein» (in «Metamorphosen des Seelenlebens. Pfade der Seelenerlebnisse», zweiter Teil, GA 59). Am 30. April 1910 schrieb Asch nochmals an Rudolf Steiner: «Herr Dr. phil. Heinrich Goesch, von dem ich Ihnen schrieb, würde Ihnen sehr zu Dank verpflichtet sein, wenn Sie ihm bald Gelegenheit zu einer Aussprache geben würden, da er gern die Vorträge in Hamburg, die mit seinen Spezialforschungen des letzten Jahres einen gewissen Zusammenhang haben, hören und daher sobald als möglich Mitglied der theosoph. Gesellschaft werden möchte. Herr Dr. Goesch wohnt in Charlottenburg ...»
[ 44 ] Bald nachdem Heinrich Goesch und seine Frau Gertrud Mitglieder geworden waren, stand im Leben der Gesellschaft das Projekt eines Zentralbaues im Vordergrund. Da Goesch großes Interesse für Architektur hatte, machte er 1912 Vorschläge für die Ausführung des Zentralbaues und kam offensichtlich auch aus diesem Interesse heraus im Frühjahr 1914 nach Dornach, wo seit dem Herbst 1913 an der Errichtung des Johannesbaues (erster Goetheanumbau) gearbeitet wurde.
[ 44 ] Bald nachdem Heinrich Goesch und seine Frau Gertrud Mitglieder geworden waren, stand im Leben der Gesellschaft das Projekt eines Zentralbaues im Vordergrund. Da Goesch großes Interesse für Architektur hatte, machte er 1912 Vorschläge für die Ausführung des Zentralbaues und kam offensichtlich auch aus diesem Interesse heraus im Frühjahr 1914 nach Dornach, wo seit dem Herbst 1913 an der Errichtung des Johannesbaues (erster Goetheanumbau) gearbeitet wurde.
[ 45 ] Die angeführten Fakten aus dem Entwicklungsgang von Goesch, in dem nach Paul Fechter «eine sehr eigene Verbindung von Logik und Mystik» war, machen in etwa verständlich, warum er sich mit der ihm eigenen Leidenschaft auf den Fall Sprengel stürzte. Da nach dem Psychiater Friedrich Husemann ein hervortretendes Merkmal der Epileptiker ihre Egozentrizität ist, womit eine unverhältnismäßig starke Empfindlichkeit für persönliche Kränkungen und die Neigung zum Querulieren zusammenhänge und sich auf der Grundlage eines in dieser Weise veränderten Affektlebens leicht Wahnideen ausbildeten, muß eine Affinität zwischen seinen eigenen Wahnideen und denen von Alice Sprengel entstanden sein. Er verarbeitete sie in einem langen Brief an Rudolf Steiner, von dem das vom 19. August 1915 datierte Elaborat anstelle seines gewohnten Abendvortrages am Samstag, den 21. August 1915, vorgelesen wurde:
[ 45 ] Die angeführten Fakten aus dem Entwicklungsgang von Goesch, in dem nach Paul Fechter «eine sehr eigene Verbindung von Logik und Mystik» war, machen in etwa verständlich, warum er sich mit der ihm eigenen Leidenschaft auf den Fall Sprengel stürzte. Da nach dem Psychiater Friedrich Husemann ein hervortretendes Merkmal der Epileptiker ihre Egozentrizität ist, womit eine unverhältnismäßig starke Empfindlichkeit für persönliche Kränkungen und die Neigung zum Querulieren zusammenhänge und sich auf der Grundlage eines in dieser Weise veränderten Affektlebens leicht Wahnideen ausbildeten, muß eine Affinität zwischen seinen eigenen Wahnideen und denen von Alice Sprengel entstanden sein. Er verarbeitete sie in einem langen Brief an Rudolf Steiner, von dem das vom 19. August 1915 datierte Elaborat anstelle seines gewohnten Abendvortrages am Samstag, den 21. August 1915, vorgelesen wurde:
In Vorstands- und Mitgliederversammlungen am 25. und 26. August 1915, an denen jedoch Rudolf und Marie Steiner nicht teilnahmen, wurde der Beschluß gefaßt, Heinrich und Gertrud Goesch und Alice Sprengel nicht mehr als Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen. Aus diesen Versammlungen heraus entstand die folgende Kundgebung an Marie Steiner:
In Vorstands- und Mitgliederversammlungen am 25. und 26. August 1915, an denen jedoch Rudolf und Marie Steiner nicht teilnahmen, wurde der Beschluß gefaßt, Heinrich und Gertrud Goesch und Alice Sprengel nicht mehr als Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen. Aus diesen Versammlungen heraus entstand die folgende Kundgebung an Marie Steiner:
Dornach, 27. August 1915
Hochverehrte Frau Doktor!
Unser Zentralvorstand hat Ihnen, hochverehrte Frau Doktor, unsere in der Mitgliederversammlung einmütig gefaßte Bitte um die gütige Beibehaltung des in der Anthroposophischen Gesellschaft von Ihnen bekleideten Amtes unterbreitet.
Wir Mitglieder hegen das herzliche Bedürfnis, das Ihnen bereits mündlich Ausgesprochene durch unsere Namensunterschriften zu bekräftigen.
Mit dem Ausdruck der tiefsten Verehrung und Dankbarkeit für Ihre segensvolle Tätigkeit, deren die Gesellschaft teilhaftig werden durfte Ihre ergebensten
(rd. 300 Unterschriften)
Dornach, 27. August 1915
Hochverehrte Frau Doktor!
Unser Zentralvorstand hat Ihnen, hochverehrte Frau Doktor, unsere in der Mitgliederversammlung einmütig gefaßte Bitte um die gütige Beibehaltung des in der Anthroposophischen Gesellschaft von Ihnen bekleideten Amtes unterbreitet.
Wir Mitglieder hegen das herzliche Bedürfnis, das Ihnen bereits mündlich Ausgesprochene durch unsere Namensunterschriften zu bekräftigen.
Mit dem Ausdruck der tiefsten Verehrung und Dankbarkeit für Ihre segensvolle Tätigkeit, deren die Gesellschaft teilhaftig werden durfte Ihre ergebensten
(rd. 300 Unterschriften)
Am 10. September begannen die 7 Vorträge des vorliegenden Bandes über die Lebensbedingungen einer anthroposophischen Gesellschaft. Am 11. September fand aufgrund der dazwischen laufend stattgefundenen Mitgliederbesprechungen, an denen Rudolf und Marie Steiner jedoch nicht teilnahmen und von denen keine Aufzeichnungen vorliegen, eine Sitzung des Zentralvorstandes statt. Es wurde beschlossen, eine ausführliche Darstellung des Falles Goesch-Sprengel für die Mitgliedschaft zu erstellen und den Vollzug des Ausschlusses zu verschieben, bis dieses Schriftstück vorliege. Anderntags (12. September) fand eine Mitgliederversammlung statt, die als Ersatz-Generalversammlung bezeichnet wurde, da infolge des Krieges Mitglieder aus anderen Ländern nicht teilnehmen konnten. Von dieser Versammlung, die die Beschlüsse des Vorstandes bestätigen sollte, gibt es kein Protokoll, nur ganz wenige Stichwortnotizen, aus denen hervorgeht, daß an dieser Versammlung auch Rudolf Steiner teilgenommen hat.
Am 10. September begannen die 7 Vorträge des vorliegenden Bandes über die Lebensbedingungen einer anthroposophischen Gesellschaft. Am 11. September fand aufgrund der dazwischen laufend stattgefundenen Mitgliederbesprechungen, an denen Rudolf und Marie Steiner jedoch nicht teilnahmen und von denen keine Aufzeichnungen vorliegen, eine Sitzung des Zentralvorstandes statt. Es wurde beschlossen, eine ausführliche Darstellung des Falles Goesch-Sprengel für die Mitgliedschaft zu erstellen und den Vollzug des Ausschlusses zu verschieben, bis dieses Schriftstück vorliege. Anderntags (12. September) fand eine Mitgliederversammlung statt, die als Ersatz-Generalversammlung bezeichnet wurde, da infolge des Krieges Mitglieder aus anderen Ländern nicht teilnehmen konnten. Von dieser Versammlung, die die Beschlüsse des Vorstandes bestätigen sollte, gibt es kein Protokoll, nur ganz wenige Stichwortnotizen, aus denen hervorgeht, daß an dieser Versammlung auch Rudolf Steiner teilgenommen hat.
In den folgenden Tagen wurde das beschlossene Schriftstück erstellt. Es umfaßt 20 Maschinenseiten und enthält eine ausführliche Inhaltsangabe des Briefes von Heinrich und Gertrud Goesch, eine Charakterisierung der drei Persönlichkeiten sowie die Feststellung, daß Rudolf und Marie Steiner an dem Beschluß des Ausschlusses nicht beteiligt waren. Alles Wesentliche aus diesem Schriftstück ist in der vorliegenden Dokumentation berücksichtigt worden und teils sogar vollständiger wiedergegeben. Es ist anzunehmen, aber nicht zu belegen, daß dieses Schriftstück dem am 23. September an Heinrich und Gertrud Goesch sowie an Alice Sprengel gegangenen Schreiben des Zentralvorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft beigefügt wurde:
In den folgenden Tagen wurde das beschlossene Schriftstück erstellt. Es umfaßt 20 Maschinenseiten und enthält eine ausführliche Inhaltsangabe des Briefes von Heinrich und Gertrud Goesch, eine Charakterisierung der drei Persönlichkeiten sowie die Feststellung, daß Rudolf und Marie Steiner an dem Beschluß des Ausschlusses nicht beteiligt waren. Alles Wesentliche aus diesem Schriftstück ist in der vorliegenden Dokumentation berücksichtigt worden und teils sogar vollständiger wiedergegeben. Es ist anzunehmen, aber nicht zu belegen, daß dieses Schriftstück dem am 23. September an Heinrich und Gertrud Goesch sowie an Alice Sprengel gegangenen Schreiben des Zentralvorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft beigefügt wurde:
Der Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft muß Ihnen die Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft aberkennen, da Sie sich selbst außerhalb der Ziele und Grundlagen der Gesellschaft gestellt haben.
Der Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft
i.V.: Michael Bauer.
Dornach, den 23. September 1915.
Der Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft muß Ihnen die Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft aberkennen, da Sie sich selbst außerhalb der Ziele und Grundlagen der Gesellschaft gestellt haben.
Der Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft
i.V.: Michael Bauer.
Dornach, den 23. September 1915.
Am nächsten Tag, den 24. September 1915, fand die am 17. September beantragte Frauenversammlung statt. Man wollte aufgrund der Ausführungen Rudolf Steiners im Vortrag vom 15. September über die Stellung der Frau im Verhältnis zu den okkulten Bewegungen in alten Zeiten und heute sprechen. Marie Steiner war gebeten worden, den Vorsitz zu übernehmen. Nach den von ihr vorliegenden handschriftlichen Notizen führte sie folgendes aus:
Am nächsten Tag, den 24. September 1915, fand die am 17. September beantragte Frauenversammlung statt. Man wollte aufgrund der Ausführungen Rudolf Steiners im Vortrag vom 15. September über die Stellung der Frau im Verhältnis zu den okkulten Bewegungen in alten Zeiten und heute sprechen. Marie Steiner war gebeten worden, den Vorsitz zu übernehmen. Nach den von ihr vorliegenden handschriftlichen Notizen führte sie folgendes aus:
Ansprache bei der Frauenversammlung
Ansprache bei der Frauenversammlung
Dornach, 24. September 1915
Dornach, 24. September 1915
Eine Anzahl weiblicher Mitglieder, die die Anregung gaben zu der heutigen Versammlung, haben mich gebeten, den Vorsitz zu übernehmen. Trotzdem ich in den vergangenen Wochen kaum die Zeit gehabt habe, mich auf mich selbst zu besinnen, will ich der Aufforderung gern entsprechen, falls dies dem Wunsch auch der übrigen Anwesenden entspricht.
Eine Anzahl weiblicher Mitglieder, die die Anregung gaben zu der heutigen Versammlung, haben mich gebeten, den Vorsitz zu übernehmen. Trotzdem ich in den vergangenen Wochen kaum die Zeit gehabt habe, mich auf mich selbst zu besinnen, will ich der Aufforderung gern entsprechen, falls dies dem Wunsch auch der übrigen Anwesenden entspricht.
Es sind nicht viele schriftliche Beiträge eingelaufen. Wir werden sie nacheinander durchnehmen. Ich beginne mit der Verlesung des Antrages, der die Veranlassung zu unserem heutigen Beisammensein gegeben hat, und werde daran einige Worte knüpfen.
Es sind nicht viele schriftliche Beiträge eingelaufen. Wir werden sie nacheinander durchnehmen. Ich beginne mit der Verlesung des Antrages, der die Veranlassung zu unserem heutigen Beisammensein gegeben hat, und werde daran einige Worte knüpfen.
[Es wurde der Antrag auf Einberufung einer solchen Frauenversammlung verlesen.]
[Es wurde der Antrag auf Einberufung einer solchen Frauenversammlung verlesen.]
Was als Grundgedanke in diesem Antrag zum Ausdruck kommt, ist auch dasjenige, was mich am meisten beschäftigt: Hier sind wir, eine Anzahl Frauen, denen dasjenige gegeben worden ist, was bisher dem weiblichen Geschlecht vorenthalten wurde, was die Menschheit regenerieren soll - höchstes geistiges Gut. Wie können wir uns dessen würdig erweisen? — Es ist gut, einmal in Gemeinsamkeit den Ernst unserer Lage und unsere Aufgabe ins Auge zu fassen, unsere Stellung innerhalb der allgemeinen Frauenbewegung zu prüfen.
Was als Grundgedanke in diesem Antrag zum Ausdruck kommt, ist auch dasjenige, was mich am meisten beschäftigt: Hier sind wir, eine Anzahl Frauen, denen dasjenige gegeben worden ist, was bisher dem weiblichen Geschlecht vorenthalten wurde, was die Menschheit regenerieren soll - höchstes geistiges Gut. Wie können wir uns dessen würdig erweisen? — Es ist gut, einmal in Gemeinsamkeit den Ernst unserer Lage und unsere Aufgabe ins Auge zu fassen, unsere Stellung innerhalb der allgemeinen Frauenbewegung zu prüfen.
Draußen kämpfen die Frauen für Gleichberechtigung mit den Männern, für die Möglichkeit ihrer freien Entwickelung. Mit unsäglichen Schwierigkeiten ist dieser Kampf geführt worden. Viele von uns haben einst ihre besten Kräfte darin aufgerieben, die einen im Kampf mit den sich entgegentürmenden materiellen Schwierigkeiten, die andern zusammenbrechend, noch bevor sie sich befreien konnten, unter der Last der Konventionen, der Vorurteile, der Despotie traditioneller Gesinnungen.
Draußen kämpfen die Frauen für Gleichberechtigung mit den Männern, für die Möglichkeit ihrer freien Entwickelung. Mit unsäglichen Schwierigkeiten ist dieser Kampf geführt worden. Viele von uns haben einst ihre besten Kräfte darin aufgerieben, die einen im Kampf mit den sich entgegentürmenden materiellen Schwierigkeiten, die andern zusammenbrechend, noch bevor sie sich befreien konnten, unter der Last der Konventionen, der Vorurteile, der Despotie traditioneller Gesinnungen.
Mit einem Male, mitten in diesem Kampfe, bei welchem es schien, daß nur Einzelne oder künftige Geschlechter die Frucht gegenwärtiger Anstrengungen pflücken könnten, ist uns ein Lichttor geöffnet worden, eine Wirkungsstätte geschaffen, die alle Erwartungen übertrafen, die uns hinweisen auf unsere wahren Wege und Ziele, hinaushoben über die unausbleiblichen Verirrungen einer überreifen und deshalb verwesenden oder verholzenden Kultur. Nun konnten wir der Gefahr entgehen, im bloßen Nachahmungstriebe zu ersticken, gleichsam die Affen zu werden innerhalb der Männerkultur, indem wir preisgaben unser Ewig-Weibliches, unser GeistigSeelisches, in der Jagd nach den äußeren Kulturformen, die durch die Männer geprägt worden waren.
Mit einem Male, mitten in diesem Kampfe, bei welchem es schien, daß nur Einzelne oder künftige Geschlechter die Frucht gegenwärtiger Anstrengungen pflücken könnten, ist uns ein Lichttor geöffnet worden, eine Wirkungsstätte geschaffen, die alle Erwartungen übertrafen, die uns hinweisen auf unsere wahren Wege und Ziele, hinaushoben über die unausbleiblichen Verirrungen einer überreifen und deshalb verwesenden oder verholzenden Kultur. Nun konnten wir der Gefahr entgehen, im bloßen Nachahmungstriebe zu ersticken, gleichsam die Affen zu werden innerhalb der Männerkultur, indem wir preisgaben unser Ewig-Weibliches, unser GeistigSeelisches, in der Jagd nach den äußeren Kulturformen, die durch die Männer geprägt worden waren.
Diese Kultur hatten wir mitbefruchten, mitinspirieren können, gerade dadurch, daß wir nicht ihre Diener, ihre ausübenden Glieder waren. In uns selbst gekehrt, auf uns selbst gewiesen, konnten wir jene Eigenschaften entwickeln, die der notwendige Gegenpol waren zu dem, was der Mann zu leisten hatte: Innerlichkeit, Vertiefung, Seelenwärme, Weichheit, Zurückhaltung. Wir konnten bezähmen, anfeuern, trösten, stützen, heilen, tragen, zusammenhalten, Leben spenden nach innen und außen - fürwahr, kein kleines Gebiet. Und der Mann eroberte unterdessen die äußere Welt.
Diese Kultur hatten wir mitbefruchten, mitinspirieren können, gerade dadurch, daß wir nicht ihre Diener, ihre ausübenden Glieder waren. In uns selbst gekehrt, auf uns selbst gewiesen, konnten wir jene Eigenschaften entwickeln, die der notwendige Gegenpol waren zu dem, was der Mann zu leisten hatte: Innerlichkeit, Vertiefung, Seelenwärme, Weichheit, Zurückhaltung. Wir konnten bezähmen, anfeuern, trösten, stützen, heilen, tragen, zusammenhalten, Leben spenden nach innen und außen - fürwahr, kein kleines Gebiet. Und der Mann eroberte unterdessen die äußere Welt.
Nun hatte er sie erobert. Nun war sie sein. Er durchmaß ihre Weiten, er zerlegte ihre Teile, er wurde ihr Herr. Da überschlug sich seine Intelligenz. Hohnlachend schob er die Quellen seiner Kraft, die alten Götter beiseite.
Nun hatte er sie erobert. Nun war sie sein. Er durchmaß ihre Weiten, er zerlegte ihre Teile, er wurde ihr Herr. Da überschlug sich seine Intelligenz. Hohnlachend schob er die Quellen seiner Kraft, die alten Götter beiseite.
Nun merkten auch wir auf, denn der Boden, auf dem wir bis jetzt gefußt hatten, wankte. Tot die alten Götter? Das äußere Leben allein maßgebend? Ein Wahn, was in unsern Seelen quellend regsam lebte und uns instinktiv das bloß Symbolische des vergänglichen Lebens hatte fühlen lassen? Dann hinaus mit uns! Dann mußten auch wir die Riegel sprengen dürfen, erkennen, wirken dürfen, aus eigenem Antrieb, aus eigener Überzeugung. Dann wollten wir auch uns messen an dem Maßstab dieser äußern Welt. Das Leben in uns forderte sein Recht. Wir stürmten auf den Kampfplatz.
Nun merkten auch wir auf, denn der Boden, auf dem wir bis jetzt gefußt hatten, wankte. Tot die alten Götter? Das äußere Leben allein maßgebend? Ein Wahn, was in unsern Seelen quellend regsam lebte und uns instinktiv das bloß Symbolische des vergänglichen Lebens hatte fühlen lassen? Dann hinaus mit uns! Dann mußten auch wir die Riegel sprengen dürfen, erkennen, wirken dürfen, aus eigenem Antrieb, aus eigener Überzeugung. Dann wollten wir auch uns messen an dem Maßstab dieser äußern Welt. Das Leben in uns forderte sein Recht. Wir stürmten auf den Kampfplatz.
Wir fanden zweierlei. Einerseits die harten, starren Formen, die vom Mann geprägten. Um die zu erobern, mußten wir uns einer eisernen Disziplin unterwerfen. Einigen gelang es. Nicht alle waren dadurch befriedigt.
Wir fanden zweierlei. Einerseits die harten, starren Formen, die vom Mann geprägten. Um die zu erobern, mußten wir uns einer eisernen Disziplin unterwerfen. Einigen gelang es. Nicht alle waren dadurch befriedigt.
Das zweite, was wir fanden, war die äußere Freiheit; wir standen plötzlich da, jung und aufatmend, inmitten brandenden Lebens, weit hinter uns die alten drückenden Ketten. Da mußten wir unsern Maßstab in uns selbst finden, unsere unverrückbare Richtschnur.
Das zweite, was wir fanden, war die äußere Freiheit; wir standen plötzlich da, jung und aufatmend, inmitten brandenden Lebens, weit hinter uns die alten drückenden Ketten. Da mußten wir unsern Maßstab in uns selbst finden, unsere unverrückbare Richtschnur.
Nicht alle konnten das. Viele Frauen wurden wie von einem Wirbel erfaßt. Das ungezügelte ihrer Wesensart brach durch. Das Studium, die harte Arbeit, die trockene Routine des Berufslebens genügten nicht mehr, wurden gar manchen in den nachfolgenden Scharen zur Last. Freies Ausleben wurde gefordert. Gleiche Rechte mit den Männern auch auf dem Felde des Genusses.
Nicht alle konnten das. Viele Frauen wurden wie von einem Wirbel erfaßt. Das ungezügelte ihrer Wesensart brach durch. Das Studium, die harte Arbeit, die trockene Routine des Berufslebens genügten nicht mehr, wurden gar manchen in den nachfolgenden Scharen zur Last. Freies Ausleben wurde gefordert. Gleiche Rechte mit den Männern auch auf dem Felde des Genusses.
Die Woge des Materialismus schlug hinein und erfaßte die Frauen, riß sie mit sich. Als ihr sicheres Gefühl für die Realität einer geistigen Welt starb, brach ihr Triebleben mit elementarer Gewalt durch, verzerrt durch die Verirrungen ihrer Intelligenz.
Die Woge des Materialismus schlug hinein und erfaßte die Frauen, riß sie mit sich. Als ihr sicheres Gefühl für die Realität einer geistigen Welt starb, brach ihr Triebleben mit elementarer Gewalt durch, verzerrt durch die Verirrungen ihrer Intelligenz.
Den Theorien einer Laura Marholm folgten die Exzesse einer Dichterinnenschar, als deren Repräsentanten ich nur zu nennen brauche Namen wie Marie Madeleine, Dolorosa, Margarete Beutler usw. Wohl in jedem Lande unseres europäischen Kontinents gab es die entsprechende Erscheinung.
Den Theorien einer Laura Marholm folgten die Exzesse einer Dichterinnenschar, als deren Repräsentanten ich nur zu nennen brauche Namen wie Marie Madeleine, Dolorosa, Margarete Beutler usw. Wohl in jedem Lande unseres europäischen Kontinents gab es die entsprechende Erscheinung.
Die Literatur gab den Beweis, daß die wildeste erotische Phantastik der Männer nicht solche Exzesse zutage förderte wie das, was wir als Produkt der überhitzten Phantasie von Frauen vor uns hatten.
Die Literatur gab den Beweis, daß die wildeste erotische Phantastik der Männer nicht solche Exzesse zutage förderte wie das, was wir als Produkt der überhitzten Phantasie von Frauen vor uns hatten.
Das mußten wir schaudernd erleben: Getrieben von Eitelkeit und Ruhmsucht, aber arm an Geist und Wissen, preßten solche Frauen in die längst geprägten fertigen Formen unserer Sprache das hinein, was ihr aufgestacheltes Sinnenleben ihnen eingab. In literarischen Vereinen rezitierten sie selbst diese Produkte, wenn ihnen von den dazu aufgeforderten Männern die Antwort gegeben war, daß diese sich schämten, es zu tun.
Das mußten wir schaudernd erleben: Getrieben von Eitelkeit und Ruhmsucht, aber arm an Geist und Wissen, preßten solche Frauen in die längst geprägten fertigen Formen unserer Sprache das hinein, was ihr aufgestacheltes Sinnenleben ihnen eingab. In literarischen Vereinen rezitierten sie selbst diese Produkte, wenn ihnen von den dazu aufgeforderten Männern die Antwort gegeben war, daß diese sich schämten, es zu tun.
So war die Aussicht trüb; von der einen Seite drohte Vertrocknung und Verödung, von der andern Verrohung und Sittenlosigkeit. Wo war der Heiler, der das Wort des Lebens bringen konnte, das der Menschheit weiterhalf?
So war die Aussicht trüb; von der einen Seite drohte Vertrocknung und Verödung, von der andern Verrohung und Sittenlosigkeit. Wo war der Heiler, der das Wort des Lebens bringen konnte, das der Menschheit weiterhalf?
Da geschah etwas Wunderbares: In dieser Zeit der Überkultur, des sittlichen Verfalls, des stumpf gewordenen Denkens, des krassesten Egoismus, traten aus dem Verborgenen an die Menschen heran Lehren, die früher nur wenigen gegeben worden waren, die jetzt Gemeingut werden durften; Lehren, an denen sich die Menschheit wieder emporranken konnte aus der geistigen Verödung zum GeistErleben. Und an dieser Arbeit durfte sich die Frau beteiligen; hier lag, wenn sie wollte, wenn sie sich dazu würdig machte, ihr neues Wirkungsfeld.
Da geschah etwas Wunderbares: In dieser Zeit der Überkultur, des sittlichen Verfalls, des stumpf gewordenen Denkens, des krassesten Egoismus, traten aus dem Verborgenen an die Menschen heran Lehren, die früher nur wenigen gegeben worden waren, die jetzt Gemeingut werden durften; Lehren, an denen sich die Menschheit wieder emporranken konnte aus der geistigen Verödung zum GeistErleben. Und an dieser Arbeit durfte sich die Frau beteiligen; hier lag, wenn sie wollte, wenn sie sich dazu würdig machte, ihr neues Wirkungsfeld.
Sie brachte dazu mit eine natürliche Hingabe zum Ideellen, eine größere Beweglichkeit des Denkens und dadurch - Aufnahmefähigkeit. Was ihr fehlte, war die Disziplin des Denkens, die Exaktheit und Genauigkeit, das positive Wissen, der Respekt vor dem positiven Wissen, der Tatsachensinn, den die Männer gezwungen sind, in ihrem Geschäftsleben einzuhalten. Grob gesprochen, waren ihre Fehler: Das Schwätzen, das Verwuseln, Verwaschen, alles ins Sentimentale, ins Persönliche ziehen, die Eitelkeit. Ihre Vorzüge: der Enthusiasmus, die Opferfreudigkeit. - Mit diesen zwei Eigenschaften konnte sie, wenn sie als Gattungswesen über sich selbst hinauswuchs, einer erstarrenden Kultur Leben einhauchen helfen; sie konnte, wenn sie ihr Persönliches vergaß, sachlich wurde, an der Zukunft mitbauen, innerhalb der werdenden Kultur ein dem Manne gleichbedeutender, gleichberechtigter, gleichbelasteter Faktor sein.
Sie brachte dazu mit eine natürliche Hingabe zum Ideellen, eine größere Beweglichkeit des Denkens und dadurch - Aufnahmefähigkeit. Was ihr fehlte, war die Disziplin des Denkens, die Exaktheit und Genauigkeit, das positive Wissen, der Respekt vor dem positiven Wissen, der Tatsachensinn, den die Männer gezwungen sind, in ihrem Geschäftsleben einzuhalten. Grob gesprochen, waren ihre Fehler: Das Schwätzen, das Verwuseln, Verwaschen, alles ins Sentimentale, ins Persönliche ziehen, die Eitelkeit. Ihre Vorzüge: der Enthusiasmus, die Opferfreudigkeit. - Mit diesen zwei Eigenschaften konnte sie, wenn sie als Gattungswesen über sich selbst hinauswuchs, einer erstarrenden Kultur Leben einhauchen helfen; sie konnte, wenn sie ihr Persönliches vergaß, sachlich wurde, an der Zukunft mitbauen, innerhalb der werdenden Kultur ein dem Manne gleichbedeutender, gleichberechtigter, gleichbelasteter Faktor sein.
Hat sie die erwähnten zwei Bedingungen erfüllt?
Hat sie die erwähnten zwei Bedingungen erfüllt?
Ihr Persönliches, ihr Gattungswesen an zweite Stelle gerückt? Ist sie sachlich geworden? Ich fürchte, wir haben als Gesamtheit versagt.
Ihr Persönliches, ihr Gattungswesen an zweite Stelle gerückt? Ist sie sachlich geworden? Ich fürchte, wir haben als Gesamtheit versagt.
Nur wenn wir unsere Fehler in die Sphäre des Bewußtseins rücken, wenn wir den Willen haben zu erkennen, dann können wir sie auch überwinden und können zerstörende Kräfte in produktive umwandeln.
Nur wenn wir unsere Fehler in die Sphäre des Bewußtseins rücken, wenn wir den Willen haben zu erkennen, dann können wir sie auch überwinden und können zerstörende Kräfte in produktive umwandeln.
Eine Aufgabe liegt vor uns, ein Arbeitsgebiet, größer als es sich den weitgehendsten Wünschen früher zeigte. Aber wir dürfen nicht den festen Boden unter den Füßen verlieren. Nicht schwärmen, sondern erkennen und arbeiten müssen wir. Zum ersten Mal, seitdem esoterisches Wissen den Menschen gegeben wird, dürfen wir in Gemeinschaft mit dem Manne dieses Wissen empfangen; dürfen durch diese gemeinschaftliche Arbeit eine neue Aera inaugurieren.
Eine Aufgabe liegt vor uns, ein Arbeitsgebiet, größer als es sich den weitgehendsten Wünschen früher zeigte. Aber wir dürfen nicht den festen Boden unter den Füßen verlieren. Nicht schwärmen, sondern erkennen und arbeiten müssen wir. Zum ersten Mal, seitdem esoterisches Wissen den Menschen gegeben wird, dürfen wir in Gemeinschaft mit dem Manne dieses Wissen empfangen; dürfen durch diese gemeinschaftliche Arbeit eine neue Aera inaugurieren.
Damit diese neue Aera der Menschheit sich erfüllen könne, muß die Frau — es sei mir gestattet, dies zu wiederholen - innerhalb der geisteswissenschaftlichen Arbeit über ihr eng Persönliches und ihr Gattungswesen hinauskommen; sie muß das Geistesgut rein erhalten, unberührt von ihrer Wunschnatur, ihren Trieben, von unsauberen Gedanken.
Damit diese neue Aera der Menschheit sich erfüllen könne, muß die Frau — es sei mir gestattet, dies zu wiederholen - innerhalb der geisteswissenschaftlichen Arbeit über ihr eng Persönliches und ihr Gattungswesen hinauskommen; sie muß das Geistesgut rein erhalten, unberührt von ihrer Wunschnatur, ihren Trieben, von unsauberen Gedanken.
In erschreckender Weise zeigte sich, daß sie das nicht ohne weiteres konnte. Immer wieder warf sie das Niedere mit dem Hohen durcheinander, immer wieder mußte sie das Sinnliche mit dem Geistigen bemänteln, um als das zu erscheinen, was es nicht war. Immer wieder erschienen, eng miteinander verknüpft, diese drei bösen Kräfte: Eitelkeit, Erotik, Lüge.
In erschreckender Weise zeigte sich, daß sie das nicht ohne weiteres konnte. Immer wieder warf sie das Niedere mit dem Hohen durcheinander, immer wieder mußte sie das Sinnliche mit dem Geistigen bemänteln, um als das zu erscheinen, was es nicht war. Immer wieder erschienen, eng miteinander verknüpft, diese drei bösen Kräfte: Eitelkeit, Erotik, Lüge.
Weil das unter uns geschehen ist, sind wir hier miteinander versammelt und versuchen, unsern Fehlern ins Antlitz zu sehen.
Weil das unter uns geschehen ist, sind wir hier miteinander versammelt und versuchen, unsern Fehlern ins Antlitz zu sehen.
Die Frage tritt an uns heran: Werden wir als unreif befunden werden? Wird durch uns verscherzt worden sein, was die Menschheit zu ihrer Wiederbelebung braucht?
Die Frage tritt an uns heran: Werden wir als unreif befunden werden? Wird durch uns verscherzt worden sein, was die Menschheit zu ihrer Wiederbelebung braucht?
Was sollen wir tun, wenn uns noch eine Frist gewährt wird, die Zeit uns zu besinnen? Was sollen wir tun, damit ungestört Männer und Frauen zusammenarbeiten können?
Was sollen wir tun, wenn uns noch eine Frist gewährt wird, die Zeit uns zu besinnen? Was sollen wir tun, damit ungestört Männer und Frauen zusammenarbeiten können?
Dieses sind die Fragen, die wir uns zu stellen haben, zu deren Beantwortung wir alle beitragen sollten.
Dieses sind die Fragen, die wir uns zu stellen haben, zu deren Beantwortung wir alle beitragen sollten.
Als Reaktion auf die Orientierung des Zentralvorstandes treffen in der Folgezeit aus vielen Teilen der Gesellschaft Vertrauenszeugnisse für Rudolf Steiner und Marie Steiner ein. Sogar die beiden Brüder Paul und Fritz Goesch und des letzteren Frau, alle drei ebenfalls Mitglieder der Gesellschaft, distanzierten sich von dem Vorgehen ihres Bruders Heinrich. Paul Goesch unterschrieb im September 1915 eine «Erklärung der Mitglieder des Berliner Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft», in der diese «ihre tiefste Mißbilligung und schmerzliche Entrüstung über die unerhörte Art des Auftretens von Herrn und Frau Dr. Goesch» aussprechen.
Als Reaktion auf die Orientierung des Zentralvorstandes treffen in der Folgezeit aus vielen Teilen der Gesellschaft Vertrauenszeugnisse für Rudolf Steiner und Marie Steiner ein. Sogar die beiden Brüder Paul und Fritz Goesch und des letzteren Frau, alle drei ebenfalls Mitglieder der Gesellschaft, distanzierten sich von dem Vorgehen ihres Bruders Heinrich. Paul Goesch unterschrieb im September 1915 eine «Erklärung der Mitglieder des Berliner Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft», in der diese «ihre tiefste Mißbilligung und schmerzliche Entrüstung über die unerhörte Art des Auftretens von Herrn und Frau Dr. Goesch» aussprechen.
Wie souverän Rudolf Steiner und Marie Steiner über dem Fall standen, beweist die Tatsache, daß Marie Steiner Alice Sprengel nach deren Ausschluß und Weggang von Dornach nochmals eine Unterstützung zukommen ließ, wie aus folgendem Brief an ein Fräulein Wernicke, welche mit Alice Sprengel noch in Verbindung stand, hervorgeht:
Wie souverän Rudolf Steiner und Marie Steiner über dem Fall standen, beweist die Tatsache, daß Marie Steiner Alice Sprengel nach deren Ausschluß und Weggang von Dornach nochmals eine Unterstützung zukommen ließ, wie aus folgendem Brief an ein Fräulein Wernicke, welche mit Alice Sprengel noch in Verbindung stand, hervorgeht:
Dornach, den 29. Sept. 1916
Sehr geehrtes Fräulein Wernicke,
Fräulein Waller zeigte mir einen Brief, den sie von Ihnen erhalten hat und in welchem Sie sie bitten, sich für Frl. Sprengel zu verwenden, um das Geld einzutreiben, das ihr einige Mitglieder noch schulden sollen. Da Sie selbst annehmen, daß sich nicht viele für die Situation interessieren werden, in die sich Frl. Sprengel selbst durch ihre maßlosen Verirrungen gestürzt hat, und Frl. Waller auch erklärt, daß sie nichts damit zu tun haben will, wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ich aus allgemein menschlichem Mitgefühl für die geschilderte Notlage die Deckung jener Schuld übernehme. Freilich müßte ich Sie dabei bitten, meinen Namen gar nicht zu erwähnen, denn 1. würde dies Frl. Sprengel selbst nicht angenehm sein, 2. möchte ich nicht in den Geruch kommen, Frl. Sprengel irgendwie entgegenkommen zu wollen.
Ich erlaube mir also auf Grundlage des Briefes von Frau von Strauß die von ihr angeführten Schuldposten zu begleichen und bitte Sie, bei Überweisung des Geldes Frl. Sprengel zu informieren, daß es die Deckung jener Schuld bedeute, daß Sie aber nicht in der Lage wären, Namen zu nennen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Marie Steiner
Dornach, den 29. Sept. 1916
Sehr geehrtes Fräulein Wernicke,
Fräulein Waller zeigte mir einen Brief, den sie von Ihnen erhalten hat und in welchem Sie sie bitten, sich für Frl. Sprengel zu verwenden, um das Geld einzutreiben, das ihr einige Mitglieder noch schulden sollen. Da Sie selbst annehmen, daß sich nicht viele für die Situation interessieren werden, in die sich Frl. Sprengel selbst durch ihre maßlosen Verirrungen gestürzt hat, und Frl. Waller auch erklärt, daß sie nichts damit zu tun haben will, wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ich aus allgemein menschlichem Mitgefühl für die geschilderte Notlage die Deckung jener Schuld übernehme. Freilich müßte ich Sie dabei bitten, meinen Namen gar nicht zu erwähnen, denn 1. würde dies Frl. Sprengel selbst nicht angenehm sein, 2. möchte ich nicht in den Geruch kommen, Frl. Sprengel irgendwie entgegenkommen zu wollen.
Ich erlaube mir also auf Grundlage des Briefes von Frau von Strauß die von ihr angeführten Schuldposten zu begleichen und bitte Sie, bei Überweisung des Geldes Frl. Sprengel zu informieren, daß es die Deckung jener Schuld bedeute, daß Sie aber nicht in der Lage wären, Namen zu nennen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Marie Steiner
Damit war der Fall vom Sommer 1915 vorläufig erledigt.
Damit war der Fall vom Sommer 1915 vorläufig erledigt.
Goesch blieb, obwohl die Verbindung mit Alice Sprengel bald darauf beendet wurde, ein unfairer Gegner. Er verbreitete, wo er konnte, gehässige Unwahrheiten. Im Jahre 1923 trat er in Berlin als «nichtanthroposophischer Kenner der Anthroposophie» öffentlich wieder gegen Rudolf Steiner auf. Dieser Zusammenhang wird in dem Band zur Gesellschaftsgeschichte, der das Jahr 1923 betrifft, behandelt werden.
Goesch blieb, obwohl die Verbindung mit Alice Sprengel bald darauf beendet wurde, ein unfairer Gegner. Er verbreitete, wo er konnte, gehässige Unwahrheiten. Im Jahre 1923 trat er in Berlin als «nichtanthroposophischer Kenner der Anthroposophie» öffentlich wieder gegen Rudolf Steiner auf. Dieser Zusammenhang wird in dem Band zur Gesellschaftsgeschichte, der das Jahr 1923 betrifft, behandelt werden.
