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Art in the Light of Mystery Wisdom
GA 275

2 January 1915, Dornach

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Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] Es wird verhältnismäßig dem Menschen heute leicht - ich sage natürlich verhältnismäßig -, dasjenige, was wir unter der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung oder Anthroposophie verstehen, mehr oder weniger theoretisch aufzunehmen. Aber schwierig wird es, das ganze Wesen des Menschen, das Leben selber zu durchdringen mit den Impulsen, die aus der Geisteswissenschaft selber kommen. Theoretisch aufnehmen die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, so daß man weiß, der Mensch besteht aus dem physischen Leibe, dem ätherischen Leibe, dem astralischen Leibe und so weiter, wie man weiß, der eine oder der andere Ton hat eine so und so hohe Schwingungszahl, oder der Sauerstoff verbindet sich mit dem Wasserstoff zu Wasser, dieses so zu wissen, ist ja der Mensch gewohnt aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die sich nach und nach im Laufe der letzten Jahrhunderte in der Menschheit ausgebildet hat.

[ 1 ] It is relatively easy for people today—I say, of course, “relatively”—to grasp, more or less theoretically, what we understand by the Spiritual Science worldview or anthroposophy. But it becomes difficult to permeate the entire being of the human being—life itself—with the impulses that come from Spiritual Science itself. To grasp the spiritual scientific worldview theoretically—so that one knows that the human being consists of the physical body, the etheric body, the astral body, and so on; that one knows that one sound or another has a certain frequency, or that oxygen combines with hydrogen to form water—knowing these things is, after all, what people are accustomed to from the scientific worldview that has gradually developed among humanity over the course of the last few centuries.

[ 2 ] Aber weniger gewohnt ist der Mensch, auf sein Gefühls- und Gemütsleben Einfluß gewinnen zu lassen das, was aus einer solchen Erkenntnis gewonnen werden kann, wie sie die Geisteswissenschaft darbieten will. Im Grunde genommen ist die Art, wie die Geisteswissenschaft auf den Menschen wirken muß, entgegengesetzt der Art, wie die andere Wissenschaft auf den Menschen wirken muß. Es ist eine ganz allgemeine, oft und oft betonte Empfindung, daß die trockene Wissenschaft den Menschen abbringt von dem warmen Erfühlen des Lebens und seiner Tatsachen, daß die trockene Wissenschaft etwas Kaltes und Nüchternes hat, gleichsam die Frische, das gewisse Taumäßige von den Dingen wegnimmt. Und man kann sagen, daß das bis zu einem gewissen Grade bei der äußeren Wissenschaft der Fall sein muß. Denn welch gewaltiger Unterschied ist doch zwischen dem Eindrucke, den auf uns die wunderbare Wolkenbildung eines Abend- oder Morgenhimmels macht, und den bloßen Mitteilungen, die uns darüber etwa der Astronom oder der Meteorologe machen kann. Wie mit einem Wärmegefühl, ergreifend den ganzen Menschen und ihn durchlebend, erscheint uns die reiche Fülle des natürlichen Daseins um uns herum. Trocken und nüchtern, kalt, leblos und liebeleer erscheint uns die Wissenschaft mit ihren Begriffen und Ideen, die sie uns vermittelt, gegenüber demjenigen, was sonst einen warmen, lebensvollen Eindruck auf uns macht. Und in bezug auf das äußere, naturwissenschaftliche Erkennen ist es ganz gewiß berechtigt, wenn man so empfindet und fühlt.

[ 2 ] But people are less accustomed to allowing what can be gained from the kind of insight that Spiritual Science seeks to offer to influence their emotional and spiritual lives. Essentially, the way Spiritual Science must affect people is the opposite of the way other sciences must affect them. It is a very common, often-emphasized feeling that dry science detaches people from a warm sense of life and its realities; that dry science has something cold and sober about it, as it were, stripping things of their freshness and a certain dreamlike quality. And one can say that this must be the case to a certain extent with external science. For what a tremendous difference there is between the impression made on us by the wondrous cloud formations of an evening or morning sky and the mere information that an astronomer or meteorologist, for example, can provide us about them. The rich abundance of natural existence around us appears to us as if imbued with a sense of warmth, embracing the whole person and permeating their very being. Science, with the concepts and ideas it conveys to us, seems dry and sober, cold, lifeless, and devoid of charm in comparison to that which otherwise makes a warm, vibrant impression on us. And with regard to external, scientific knowledge, it is certainly justified to feel and perceive things this way.

[ 3 ] Daß das äußere, naturwissenschaftliche Erkennen so sein muß, das hat seine guten Gründe, aber ein solches Erkennen soll nicht sein das geisteswissenschaftliche Erkennen. Das soll uns im Gegenteile näher und immer näher bringen der Lebensfülle und Lebenswärme der äußeren Welt und überhaupt der ganzen Welt. Da müssen wir aber allerdings noch lernen, gewisse Impulse in uns zu erregen, die der gegenwärtige Mensch fast gar nicht hat. Der gegenwärtige Mensch erwartet nämlich von dem, was er Wissenschaft nennt, etwas, worin schon liegt, daß uns diese Wissenschaft kalt und nüchtern, in Goethes Sinne gesprochen, Wagner-mäßig berühren muß. Der Mensch erwartet von der Wissenschaft, daß, wenn er diese Wissenschaft in sich aufgenommen hat, ihm die Rätsel der Natur gewissermaßen gelöst seien, daß er jetzt weiß, wie es mit diesen oder jenen Dingen beschaffen ist, und dann ist er zufrieden, wenn er weiß, wie es mit diesen oder jenen Dingen beschaffen ist.

[ 3 ] There are good reasons why external, scientific knowledge must be as it is, but such knowledge should not be the same as knowledge derived from Spiritual Science. On the contrary, it should bring us closer and ever closer to the fullness and warmth of life in the external world—and indeed, in the entire world. However, we must still learn to awaken certain impulses within ourselves that modern people hardly possess at all. For modern people expect from what they call science something that, by its very nature, must affect us in a cold and sober manner—in Goethe’s sense, in a Wagnerian way. People expect from science that, once they have taken it in, the mysteries of nature will, as it were, be solved for them—that they will now know the nature of this or that thing—and they are satisfied once they know the nature of this or that thing.

[ 4 ] Man kann sogar Menschen in der Gegenwart kennenlernen, denen vor der Wissenschaft aus einem ganz bestimmten Grunde gruselt. Sie sagen nämlich, das volle, frische Leben der Vergangenheit habe geradezu darinnen bestanden, daß der Mensch nicht alle Rätsel gelöst hat, daß er etwas ahnen durfte, was ihm noch nicht gelöst war. Und nun kommt die Wissenschaft, so sagen die Leute, und löst nach und nach die Naturrätsel. Und nun stelle man sich vor, wie langweilig es ist, in der Zukunft auf der Welt zu sein, wenn die Wissenschaft alle Rätsel gelöst haben wird, und man nichts mehr ahnen und außerwissenschaftlich wird empfinden können. Eine furchtbare Öde muß über die Menschheit kommen, und davor kann man ja mit Recht ein Grauen haben.

[ 4 ] Even today, you can meet people who, for a very specific reason, find science unsettling. They say, in fact, that the full, vibrant life of the past lay precisely in the fact that people had not solved all the mysteries—that they were allowed to sense something that had not yet been unraveled. And now science comes along, people say, and gradually solves the mysteries of nature. And now imagine how boring it will be to live in the world of the future, when science will have solved all the mysteries, and one will no longer be able to sense anything or experience anything beyond science. A terrible desolation must descend upon humanity, and one can rightly be horrified by the prospect.

[ 5 ] Aber die Geisteswissenschaft wird andere Empfindungen im Menschen auslösen können, Empfindungen, die allerdings für die Gegenwart weniger bequem sind als das Rätsellösen, die uns aber zugleich darauf hinweisen, wie Leben weckend und Leben schaffend diese Geisteswissenschaft sein kann. Wenn wir nämlich im richtigen Sinne das aufnehmen, was uns die Geisteswissenschaft gibt, wenn wir es nicht so aufnehmen, daß wir nur unser Handbüchlein nehmen und aufschreiben dasjenige, was gerade gesagt wird, um es so zu verwenden wie in der Wissenschaft im äußeren Sinne, und uns vielleicht dann noch ein Schema machen, eine hübsche Einteilung, damit wir die Dinge recht überblicken können wie ein Schema der Physik, wenn wir also weniger dieses machen, sondern in unsere Herzen das einfließen lassen, was die geisteswissenschaftliche Anschauung zu sagen hat, uns richtig durchdringen damit, dann werden wir bemerken, daß es in uns Leben gewinnt, wächst, Selbständigkeit und Selbsttätigkeit in uns entwickelt, daß es wie ein neues lebendiges Wesen in uns wird, das uns immer und immer neue und neue Seiten zeigt. Wenn wir dann mit einer durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung also erfüllten Seele an die äußere Natur herantreten, dann gewahren wir in der Natur nicht weniger Rätsel als früher, sondern mehr Rätsel als früher. Alles wird uns noch rätselvoller, und das Gefühlsleben wird nicht verarmen, sondern es wird bereichert, man könnte sagen, die Welt wird geheimnisvoller durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis.

[ 5 ] But Spiritual Science will be able to awaken other feelings in human beings—feelings that, admittedly, are less convenient for the present than solving puzzles, but which at the same time point out to us just how life-awakening and life-creating Spiritual Science can be. For if we truly take in what Spiritual Science offers us—if we do not merely take out our little notebook and write down what is being said at the moment, in order to use it as we would in the external sense of science, and perhaps even create a diagram, a neat classification, so that we can get a clear overview of things, much like a diagram in physics— if, then, we do less of that and instead allow what the Spiritual Science perspective has to say to flow into our hearts, letting it truly permeate us, then we will notice that it comes to life within us, grows, and develops independence and self-activity within us; that it becomes like a new, living being within us, revealing ever-new aspects to us. When we then approach the external natural world with a soul thus filled by the worldview of Spiritual Science, we perceive not fewer mysteries in nature than before, but more mysteries than before. Everything becomes even more mysterious to us, and our emotional life is not impoverished but enriched; one might say that the world becomes more mysterious through knowledge of Spiritual Science.

[ 6 ] Allerdings verödet uns die Welt, wenn der Physiker kommt und sagt: Die Morgenröte, du siehst sie —, und er führt uns dann aber zur Wandtafel und zeigt uns, welche besonderen Brechungen die Lichtstrahlen erfahren, damit das Morgenrot erscheint. Gewiß ist das etwas Greuliches, nicht vor dem menschlichen Verstandeserkennen, sondern etwas Greuliches vor dem menschlichen Gemüte.

[ 6 ] However, the world becomes a barren place for us when the physicist comes along and says, “The dawn—you see it,” and then leads us to the blackboard to show us the specific refractions the light rays undergo that cause the dawn to appear. Certainly, this is something dreadful—not to the human intellect, but to the human heart.

[ 7 ] Anders ist es, wenn die Geisteswissenschaft kommt und uns sagt, um ein Beispiel anzuführen: Wenn du das Morgenrot erblickst, oder diese oder jene Tonmusik hörst, dann muß es dir sein, als ob die Elohim ihren strafenden Zorn durch die Welt senden. Dann gewahren wir hinter der Morgenröte das geheimnisvolle, lebendige Weben der Elohim. Dadurch, daß wir den Namen der Elohim aussprechen und wissen, wohin wir sie zu setzen haben in dem neungliedrigen Schema, das wir uns in unser Notizbuch schrieben, damit haben wir noch nichts erkannt von den Elohim. Aber durch die lebendige Empfindung, die wir haben, indem wir den Blick zur Morgenröte erheben, wird uns eine reiche Fülle lebendigen Webens und Lebens entgegenschauen, wie wir wissen, daß, wenn wir einem Menschen gegenüberstehen, wir sein Wesen nicht ausschöpfen können durch irgendwelche Begriffe, daß wir nicht umfassen können das Universell-Lebendige seines Wesens. So werden wir gewahr, daß in dem, was sich uns als Morgenrot offenbart, nicht umfaßbares Lebendiges des Kosmos uns gegenübersteht.

[ 7 ] It is different when Spiritual Science comes along and tells us—to give an example—that when you see the dawn, or hear this or that piece of music, it must seem to you as if the Elohim were sending their punishing wrath through the world. Then we perceive, behind the dawn, the mysterious, living weaving of the Elohim. By merely uttering the name of the Elohim and knowing where to place them in the nine-part schema we wrote down in our notebook, we have not yet recognized anything about the Elohim. But through the living sensation we experience as we lift our gaze toward the dawn, a rich abundance of living weaving and life will meet our eyes—just as we know that when we stand before a human being, we cannot exhaust their being through any concepts, that we cannot encompass the universal liveliness of their being. Thus we become aware that in what reveals itself to us as the dawn, the unfathomable living essence of the cosmos stands before us.

[ 8 ] Rätselvoller und geheimnisvoller und damit reichere Empfindung in uns wirkend wird die Welt durch das geisteswissenschaftliche Erkennen. Das ist solch eine Grundempfindung, die in unsere Seelen einziehen kann, wenn wir die Geisteswissenschaft in uns lebendig machen und wenn wir versuchen, uns heimisch zu machen in solchen Vorstellungen, wie die eben angeregte. Dann werden wir niemals verfallen können in jene Klage gegenüber der Geisteswissenschaft, daß sie nur zu unserem Kopfe spreche, daß sie unseren ganzen Menschen nicht ergreife. Wir müssen nur wirklich Geduld haben, bis das Wort, das die Geisteswissenschaft uns geben will, in uns zum lebendigen Wesen wird, bis es sich selbständig bildet, so daß es uns nicht nur mit seinem Lichte, sondern auch mit seiner Wärme erfüllt. Dann wird es unser Herz, unseren ganzen Menschen ergreifen und wir werden uns reicher fühlen, während wir natürlich, wenn wir die Geisteswissenschaft gerade so aufnehmen wie die andere Wissenschaft, uns verarmt fühlen müssen.

[ 8 ] Through Spiritual Science knowledge, the world becomes more enigmatic and mysterious—and thus evokes a richer experience within us. This is the kind of fundamental feeling that can take root in our souls when we bring Spiritual Science to life within ourselves and when we try to make ourselves at home in mental images such as the one just suggested. Then we will never be able to fall into the trap of complaining that Spiritual Science speaks only to our heads, that it does not engage our whole being. We need only have true patience until the word that Spiritual Science seeks to give us becomes a living reality within us, until it takes shape of its own accord, so that it fills us not only with its light but also with its warmth. Then it will touch our hearts, our whole being, and we will feel enriched, whereas, of course, if we approach Spiritual Science in exactly the same way as other sciences, we cannot help but feel impoverished.

[ 9 ] Aber auf der andern Seite ist es wieder ganz naturgemäß, daß die Geisteswissenschaft zunächst auf viele einen verarmenden Eindruck macht, weil sie noch nicht finden können das innerlich Lebendige des Wortes der Geisteswissenschaft, welches das Gemüt ergreifen kann, weil die Geisteswissenschaft auf sie noch nicht so wirkt, wie etwa wirkt das warme Wort eines andern Menschen, der zu uns spricht. Aber wir müssen lernen, daß die Geisteswissenschaft so lebendig wird, daß sie unserer Seele Mut und Vertrauen zusprechen kann wie sonst nur die menschliche Persönlichkeit selber.

[ 9 ] On the other hand, however, it is only natural that Spiritual Science initially makes a rather bleak impression on many people, because they are not yet able to find the inner vitality of the words of Spiritual Science that can touch the soul—because Spiritual Science does not yet affect them in the same way that, for example, the warm words of another person speaking to us do. But we must learn that Spiritual Science becomes so alive that it can instill courage and confidence in our souls in a way that otherwise only the human personality itself can.

[ 10 ] Daß dies so schwierig ist für die Herzen der Gegenwart, beruht darauf, daß die Herzen der Gegenwart sich abgewöhnt haben, mit den Dingen selber zu leben, daß das Gefühl des Sich-Einlebens in die Dinge so selten geworden ist. Es wird schon unendlich schwierig, wenn man, ich möchte sagen, in kleinen Dosen versucht, das Mitleben mit den Dingen wiederum lebendig zu machen. Das ist versucht worden in unseren vier Mysterien. Sie müssen nur den Blick auf so etwas lenken wie auf die Szene im Geisterland, im fünften Bild von «Der Seelen Erwachen», wo auf der linken Seite der Bühne — vom Zuschauerraum aus gesehen - der in das Devachan entrückte Felix Balde sitzt, und wie eine geistige Wesenheit auf der andern Seite der Bühne zu diesem spricht von ihrem «Lasten». Da soll man fühlen das Gewicht, das in der Ferne von oben nach unten schwebt. Der Mensch ist heute gewohnt, wenn etwas von oben nach unten schwebt, nur das Schweben zu sehen, nur zu sehen, wie das Ding zuerst einen oberen Ort einnahm, dann einen Ort weiter unten und so weiter. Aber er ist ganz ungewohnt, hineinzukriechen in die Dinge und das Lasten zu empfinden, zu empfinden, daß es an jedem Orte drückt, das Ding. Man möchte mit einem solchen Wort mitten im Drama darinnen die Menschenseele herausholen aus dem egoistischen Leibe und sie hineinversetzen in das Lebendige der Dinge draußen.

[ 10 ] The reason this is so difficult for the hearts of our time is that the hearts of our time have lost the habit of living with things themselves; the feeling of immersing oneself in things has become so rare. It becomes infinitely difficult when one tries—I would say—in small doses to revive this living in harmony with things. This has been attempted in our four Mysteries. You need only turn your gaze to something like the scene in the Spirit Realm, in the fifth tableau of *The Awakening of the Soul*, where, on the left side of the stage—as seen from the audience—Felix Balde, who has been transported into Devachan, sits, and a spiritual being on the other side of the stage speaks to him of her “burdens.” There one is meant to feel the weight that hovers from above down into the distance. People today are accustomed, when something hovers from above down below, to seeing only the hovering, to seeing only how the thing first occupied an upper position, then a lower one, and so on. But they are completely unaccustomed to delving into things and sensing the burden, to sensing that the thing exerts pressure at every point. With such a word, right in the midst of the drama, one would like to draw the human soul out of its egoistic body and place it within the living essence of the things outside.

[ 11 ] Wenn das nicht eintreten kann, so wird ein richtiges künstlerisches Fühlen nicht wieder auferstehen können. Damit zum Beispiel ein Architekturfühlen in richtiger Weise wieder auferstehen kann, muß lebendig werden das, was wir an Begriffen aufnehmen in der Geisteswissenschaft. Zunächst hat es etwas Gleichgültiges an sich, was wir an Begriffen, die wir uns aus der Geisteswissenschaft aneignen, mit der Seele herumtragen in der Welt. Aber wir werden sehen, wenn wir so etwas wirklich tun, wie wir unser ganzes Seelenleben dadurch bereichern. Eine Bereicherung findet zum Beispiel statt, wenn wir versuchen, dieses hier (siehe Zeichnung Seite 118) nicht bloß zu sehen, sondern unterzutauchen in dasselbe und empfinden zu lernen mit dem, was da ist: nämlich hier das Lasten und hier das Stützen.

[ 11 ] If this cannot come to pass, then a true artistic sensibility will not be able to be revived. For example, in order for an architectural sensibility to be revived in the proper way, what we take up in terms of concepts from Spiritual Science must come to life. At first, there is something rather indifferent about the concepts we acquire from Spiritual Science and carry around with us in the world. But we will see, if we truly do this, how it enriches our entire inner life. Enrichment takes place, for example, when we try not merely to see this (see drawing on page 118), but to immerse ourselves in it and learn to feel what is there: namely, the load here and the support here.

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[ 12 ] Wir wollen noch weitergehen und das nicht nur anschauen, sondern fühlen, der Balken muß eine gewisse Stärke haben, sonst wird er von der Last zerdrückt, die Stützen, die Säulen müssen eine gewisse Stärke haben, sonst werden sie zerquetscht. Wir müssen mit der Kugel oben ihr Lasten erleben, mit den Säulen ihr Stützen erleben, mit dem Balken sein Gleichgewicht erleben. Erst dann empfinden wir architektonisch, wenn wir also hineinkriechen in das Lastende, in das Stützende und in das Gleichgewicht zwischen dem Lastenden und dem Stützenden.

[ 12 ] Let’s take this a step further and not just look at it, but feel it: the beam must have a certain strength, otherwise it will be crushed by the load; the supports and columns must have a certain strength, otherwise they will be crushed. We must experience the load through the sphere at the top, the support through the columns, and the balance through the beam. Only then do we perceive architecture—that is, when we delve into the bearing of the load, the act of supporting, and the balance between bearing the load and providing support.

[ 13 ] Wir werden aber erfühlen, wenn wir nicht bloß mit dem Auge folgen solch einem Gebilde, sondern wenn wir gleichsam hineinkriechen in dasselbe und das Lastende und das Stützende und das Gleichgewicht erfühlen, daß unser ganzer Organismus mit in Anspruch genommen wird, daß wir gleichsam appellieren müssen von unserem Kopfgehirn an ein unsichtbares Gehirn, dem der ganze Mensch angehört. Dann kann in uns lebendig werden das Bewußtsein: Ah, jetzt beginnen wir zu fühlen! - Nehmen wir den geschilderten einfachen Fall: Da fühlen wir ein stützendes, ein hinaufstrebend stützendes Luziferisches; ein lastend hinunterdrückendes Ahrimanisches; ein Gleichgewicht zwischen Luziferischem und Ahrimanischem: ein Göttliches. So belebt sich uns selbst die leblose Natur mit Luzifer und Ahriman und ihrem höheren Herrscher, der das Gleichgewicht ewig bewirkt zwischen Luzifer und Ahriman.

[ 13 ] But we will sense—not merely by following such a structure with our eyes, but by, as it were, crawling into it and sensing the weight-bearing, the supporting, and the balance—that our entire organism is engaged, that we must, as it were, appeal from our cerebral brain to an invisible brain to which the whole human being belongs. Then the awareness can come alive within us: Ah, now we are beginning to feel!—Let us take the simple case described: There we feel a supporting, an upward-striving, Luciferic force; a weighing down, downward-pressing Ahrimanic force; a balance between the Luciferic and the Ahrimanic: a Divine force. In this way, even lifeless nature comes alive within us through Lucifer and Ahriman and their higher ruler, who eternally maintains the balance between Lucifer and Ahriman.

[ 14 ] Aber wir werden darauf kommen, wenn wir also erfühlen lernen in dem Architektonischen das Luziferische, Ahrimanische, Göttliche, daß wir innerlich ergriffen werden von dem Architektonischen, daß wir gewahr werden, wie uns ein reicheres Empfinden der Welt die Seele in die Dinge hinaus, man möchte fast sagen, entreißt, in die Welt hinausführt, wie wir allmählich gerade dadurch gewahr werden, daß wir mit unserer Seele nicht nur innerhalb der Haut unseres Leibes sind, sondern dem Kosmos angehören. Das werden wir auf diese Weise gewahr. Damit werden wir aber gewahr, daß, während das Architektonische draußen stützt und lastet und Gleichgewicht schafft, wir selber an dem Architektonischen eine musikalische Stimmung entwickeln. Unser Inneres stimmt sich an dem Architektonischen musikalisch, und wir sehen, während das Architektonische und das Musikalische draußen in der Welt einander scheinbar so fremd gegenüberstehen, daß unser Erleben des Architektonischen, indem uns das Architektonische musikalisch stimmt, die Versöhnung selber, das Gleichgewicht bewirkt.

[ 14 ] But we will come to this when we learn to sense within architecture the Luciferic, the Ahrimanic, and the Divine—when we are inwardly moved by architecture, when we become aware of how a richer perception of the world draws our soul out into the world, one might almost say, snatches us out into the world—and how, precisely through this, we gradually become aware that our soul is not merely confined within the skin of our body, but belongs to the cosmos. This is how we become aware of it. Through this, however, we also become aware that, while the architectural supports and bears weight and creates balance on the outside, we ourselves develop a musical sensibility in response to the architectural. Our inner being attunes itself musically to the architectural, and we see that, while the architectural and the musical seem to stand in such opposition to one another out there in the world, our experience of the architectural—in that it attunes us musically—brings about reconciliation itself, balance.

[ 15 ] In diesem aber liegt zugleich die lebendige Fortentwickelung der Kunst von unserer Erdenepoche an: daß man erleben lernt die Versöhnung der Künste. Darinnen liegt, was dunkel geahnt und empfunden worden ist im Wagnertum, was aber wirklich erst erstehen kann, wenn sich die Welt mit der Geisteswissenschaft durchlebt.

[ 15 ] Yet it is precisely here that the living evolution of art since the beginning of our earthly epoch lies: in learning to experience the reconciliation of the arts. Herein lies what was dimly sensed and felt in the Wagnerian movement, but which can truly come into being only when the world lives through Spiritual Science.

[ 16 ] Versöhnung der Künste: das haben wir versucht - zum ersten Male, wie in einem kleinen elementaren Anfang - zu geben mit unserem Bau, in dem nicht nur kalt und nüchtern von einer solchen Versöhnung gefabelt werden sollte, sondern wo in der Architektur des Baues selber ein Abdruck, gleichsam eine Siegelprägung vorhanden sein sollte von dieser Versöhnung der musikalischen Stimmung mit der architektonischen Form. Wenn Sie studieren, was sich in unserer Säulenordnung und in dem, was mit ihr zusammenhängt, darstellt, so werden Sie die Entdeckung machen, daß versucht worden ist, das Stützende und Lastende und das Gleichgewichtsmäßige in lebendige Bewegung zu bringen. Unsere Säulen sind nicht bloß Stützen, unsere Kapitäle sind nicht mehr bloß 'Trägervorrichtungen, und dasjenige, was sich über den Säulen als Architrave ausdehnt, trägt nicht mehr den Charakter des bloß auf den Säulen Ruhenden und nach oben Abschließenden, sondern des lebendig Wachsenden, des lebendig Webenden.

[ 16 ] Reconciliation of the arts: this is what we have attempted—for the first time, as a small, elementary beginning—to achieve with our building, in which such a reconciliation should not merely be spoken of in a cold and sober manner, but where the architecture of the building itself should bear an imprint, as it were a seal, of this reconciliation between musical mood and architectural form. If you study what is represented in our column arrangement and in what is connected to it, you will discover that an attempt has been made to bring the supporting, load-bearing, and balancing elements into lively motion. Our columns are not merely supports; our capitals are no longer merely “supporting devices”; and that which extends above the columns as an architrave no longer bears the character of something merely resting on the columns and closing them off at the top, but rather that of something living and growing, something living and weaving.

[ 17 ] In musikalischen Fluß wurde versucht, die architektonischen Formen zu bringen, und die Empfindung, die man haben kann in dem Zusammenwirken unserer Säulen und desjenigen, was mit den Säulen Zusammenhang bringt, kann selber eine musikalische Stimmung in der Seele erregen. Eine unsichtbare Musik kann empfunden werden als die Seele unserer Kolonnen und unserer Architektur- und Skulpturformen, die zu den Kolonnen gehören. Das Seelische ist gewissermaßen darinnen. Und das Durchdringen der bildenden Künste und ihrer Formen mit den musikalischen Stimmungen muß überhaupt das Kunstideal der Zukunft werden. Die Musik der Zukunft wird plastischer sein als die Musik der Vergangenheit. Die Architektur und Skulptur der Zukunft werden musikalischer sein als die Architektur und Skulptur der Vergangenheit. Das wird das Wesentliche sein. Die Musik wird deshalb nicht aufhören, eine selbständige Kunst zu sein, im Gegenteil, sie wird nur reicher und reicher werden dadurch, daß die Musik eindringen wird in das Geheimnis der Töne, wie das gestern angedeutet worden ist, und daß sie dadurch musikalische Formen schaffen wird aus den spirituellen Grundlagen des Kosmos heraus.

[ 17 ] An attempt was made to infuse architectural forms with musical flow, and the sensation one might experience from the interplay of our columns and everything associated with them can itself evoke a musical mood in the soul. An invisible music can be sensed as the soul of our columns and of our architectural and sculptural forms that belong to the columns. The spiritual is, so to speak, contained within them. And the interpenetration of the visual arts and their forms with musical moods must, in general, become the artistic ideal of the future. The music of the future will be more plastic than the music of the past. The architecture and sculpture of the future will be more musical than the architecture and sculpture of the past. That will be the essential point. Music will therefore not cease to be an independent art; on the contrary, it will only become richer and richer as it penetrates the mystery of tones—as was hinted at yesterday—and thereby creates musical forms drawn from the spiritual foundations of the cosmos.

[ 18 ] Da aber in der Kunst alles, was innen ist, auch außen sein muß, da dasjenige, was da lebt, auch gleichsam in einem Organismus sich verkörpern muß, so muß sich auch die innerhalb der Säulenordnung und innerhalb dem, was dazugehört, schwebende Seelenwelt verkörpern. Das geschieht, soll wenigstens geschehen, in der Ausmalung der Kuppel. So wie gleichsam die Säulen und alles, was dazugehört, der Leib sind unseres Baues, so ist dasjenige, was in den Kuppeln zutage treten wird, wenn man im Bau darinnen ist, das Seelische des Baues, und wie uns der Geist als dasjenige erscheint, was alle Welt erfüllt, wenn die Organe nach außen gerichtet sind, so sollen unsere Fenster mit ihrer neuen Glasradierkunst das Geistige in unserem Bau darstellen. Leib, Seele und Geist sollen ausgedrückt sein in unserem Bau. Der Leib in dem Kolonnenbau, die Seele in alledem, was die Kuppeln betrifft, und der Geist in dem, was in den Fenstern geschaffen wird.

[ 18 ] But since, in art, everything that is within must also be without—since that which lives there must also, as it were, be embodied in an organism—the world of the soul, which hovers within the order of the columns and within all that pertains to it, must also be embodied. This happens—or at least should happen—in the painting of the dome. Just as the columns and all that belongs to them are, as it were, the body of our building, so what will come to light in the domes when one is inside the building is the soul of the building; and just as the spirit appears to us as that which fills the entire world when the senses are directed outward, so our windows, with their new art of stained glass, are to represent the spiritual in our building. Body, soul, and spirit are to be expressed in our building: the body in the colonnade, the soul in all that pertains to the domes, and the spirit in what is created in the windows.

[ 19 ] Bei diesen Dingen hat hier das Karma so manches bewirkt, was wir dankbar begrüßen dürfen, denn bei gar manchem hat uns das Karma gerade bei diesem Bau geholfen. Das Seelische eines Menschen ist von außen so, daß wir es in seiner Physiognomie empfinden, daß wir aber durch Mittel, durch die wir in die Seele eines Menschen dringen, durch Liebe und Freundschaft in das Innere dringen müssen, wenn wir die Seele eines Menschen gleichsam von innen kennenlernen wollen.

[ 19 ] In these matters, karma has brought about many things here that we can gratefully welcome, for in quite a few instances, karma has actually helped us with this very building. A person’s soul is such that we perceive it externally in their physiognomy; however, if we wish to get to know a person’s soul from within, so to speak, we must penetrate into their inner being through means that allow us to enter their soul—through love and friendship.

[ 20 ] Als ich bei meinem letzten Vortragszyklus in Norwegen von Kristiania nach Bergen fuhr, konnte ich jene Schieferbrüche sehen, die mir dazumal den Gedanken gaben, zu erstreben, den Schiefer von dorther zu bekommen. Das ist uns gelungen, es ist tatsächlich, man kann sagen, eine karmische Fügung. Aber wenn wir den Blick werfen werden auf das von jenem Schiefer jetzt bedeckte Dach der Kuppeln, mit dem Eigentümlichen, das gerade dieser Schiefer hat, der wie kein anderer Schiefer wirkt, dann müssen wir sagen: das hat etwas von dem Aufschließenden und zugleich Verbergenden des Seelenlebens. Und wir werden, wenn wir die Kuppel wirklich zum Seelenleben machen wollen, Liebe zur Geisteswissenschaft entwickeln müssen. Denn es soll das, was im Inneren der Kuppel gemalt werden wird, uns wirklich entgegentreten wie eine Art Spiegelbild in Farben und Formen, eine Art Spiegelbild dessen, was uns die Geisteswissenschaft sein kann. Dazu müssen wir in das Innere gehen. Aber in das Innere des Baues, wenn er wirklich einmal fertigwerden sollte, wird kein Mensch verständnisvoll gehen können, wenn er nicht die Liebe zur Geisteswissenschaft entwickelt haben wird, sonst wird ihm wahrscheinlich das, was er im Inneren sieht, etwas bleiben, was ein bißchen Sensation hervorrufen kann, aber doch nicht etwas, was zu seinem Herzen ganz besonders spricht. Er wird so etwas haben, dem er leicht geneigt sein wird, als Architektonischem den Gemütsinhalt, den Gemüts- und Empfindungsinhalt abzusprechen.

[ 20 ] When I traveled from Kristiania to Bergen during my last lecture series in Norway, I could see those slate quarries that had inspired me back then to strive to obtain slate from there. We succeeded in doing so; it is, in fact, what one might call a karmic coincidence. But when we look at the dome’s roof, now covered with that slate—with the distinctive quality that this particular slate possesses, which is unlike any other—we must say: it has something of the revealing and, at the same time, concealing nature of the soul life. And if we truly wish to make the dome a reflection of the life of the soul, we will have to develop a love for Spiritual Science. For what is to be painted inside the dome should truly confront us like a kind of mirror image in colors and forms—a kind of mirror image of what Spiritual Science can be for us. To achieve this, we must enter the interior. But no one will be able to enter the interior of the building—should it ever actually be completed—with true understanding unless they have developed a love for Spiritual Science; otherwise, what they see inside will likely remain something that may arouse a bit of sensation, but not something that speaks particularly to their heart. They will encounter something they will be easily inclined to deny, as an architectural creation, any emotional content—any content of feeling or sensation.

[ 21 ] Haben wir da sehen können, wie wir das, was sich aus der Geisteswissenschaft heraus belebt, in der Welt wiederfinden können, so können wir jetzt sagen: Wir können auch das Leben befruchten von seiten der Geisteswissenschaft aus auf Gebieten, wo wir leichter einsehen, daß wir eine Befruchtung des Gemütes, eine Durchwärmung des Gemütes brauchen. Denn nicht nur diejenigen Dinge, die künstlerisch sind, die wissenschaftlich sind, sollen von der Geisteswissenschaft befruchtet werden, sondern das ganze Leben muß von der Geisteswissenschaft befruchtet werden.

[ 21 ] If we have been able to see how we can find in the world that which is brought to life through Spiritual Science, we can now say: We can also enrich life through Spiritual Science in areas where it is easier for us to recognize that we need a revitalization of the soul, a warming of the soul. For it is not only those things that are artistic or scientific that should be enriched by Spiritual Science; rather, life as a whole must be enriched by Spiritual Science.

[ 22 ] Als Beispiel sei noch ein Gebiet erwähnt, an dem wir ganz besonders sehen können, wie die geisteswissenschaftlichen Begriffe lebendig werden können im äußeren Leben. Ich will als Beispiel das Gebiet der Pädagogik, das Gebiet jeglicher Erziehungskunst wählen. Gehen wir aus von der Erziehung des Kindes durch den erwachsenen Menschen, Was macht sich eigentlich eine materialistische Zeitepoche für eine Vorstellung, wenn sie von der Erziehung des Kindes durch den erwachsenen Menschen spricht? Diese materialistische Zeitepoche sieht im Grunde genommen in beiden, in dem Erwachsenen und in dem Kinde, nur dasjenige, was die materialistische Anschauung gibt: ein Alter erzieht einen Jungen. Aber so ist es ja nicht. Der Alte ist äußerlich nur die Maja und der Junge ist auch äußerlich nur die Maja. In dem Alten haben wir etwas, was nicht in der Maja unmittelbar enthalten ist, den unsichtbaren Menschen, der von Inkarnation zu Inkarnation geht, und im Kinde haben wir auch den unsichtbaren Menschen, der von Inkarnation zu Inkarnation geht.

[ 22 ] Let me mention one more area as an example where we can see particularly clearly how concepts from the Spiritual Science can come to life in the outer world. I will choose as an example the field of pedagogy—the art of education in all its forms. Let us take as our starting point the education of the child by the adult. What kind of mental image does a materialistic era actually have when it speaks of the education of the child by the adult? This materialistic era essentially sees in both—the adult and the child—only what the materialistic worldview provides: an adult educates a child. But that is not how it is. Outwardly, the adult is merely maya, and outwardly, the child is also merely maya. In the adult, we have something that is not immediately contained within maya—the invisible human being who passes from incarnation to incarnation—and in the child, we also have the invisible human being who passes from incarnation to incarnation.

[ 23 ] Wir werden über solche Dinge noch sprechen. Aber ich will heute doch noch einiges anführen, was Ihnen im Verlaufe der Zeit - durch meditative Versenkung — das klarmacht, was es sonst in der Geisteswissenschaft gibt, und will davon ausgehen, daß der Mensch, der uns sonst in der Außenwelt entgegentritt, überhaupt nicht erziehen kann, und daß der Mensch, der uns als Kind in der Außenwelt entgegentritt, überhaupt nicht erzogen werden kann. In der Tat erzieht etwas Unsichtbares in dem Erzieher etwas Unsichtbares in dem zu Erziehenden. Richtig verstehen kann man die Sache nur, wenn man an dem Kinde, das aufwächst und das wir zu erziehen haben, das Augenmerk richtet auf das nach und nach sich entfaltende Ergebnis der vorhergehenden Inkarnationen. Aber wenn alles das, was aus den vorhergehenden Inkarnationen stammt, herausgewachsen ist, da ist es mit der Kindererziehung auch schon aus, da entzieht sich uns das Kind schon, besonders in der Gegenwart. Das, was wir eigentlich erziehen, ist das unsichtbare Ergebnis der früheren Inkarnationen. Das sichtbare Kind können wir nicht erziehen, auf das können wir nicht wirken. Wir wirken in der Tat auf das unsichtbare Ergebnis der früheren Inkarnationen. Das sichtbare Kind können wir nicht erziehen. So ist die Sache, wenn wir den Blick auf das Kind wenden.

[ 23 ] We will talk more about such things later. But today I would still like to mention a few things that, over time—through meditative contemplation—will make clear to you what else exists in Spiritual Science, and I want to start from the premise that the human being we otherwise encounter in the outer world cannot educate at all, and that the human being we encounter as a child in the outer world cannot be educated at all. In fact, something invisible within the educator shapes something invisible within the child being educated. One can only truly understand this matter by focusing, in the child who is growing up and whom we are to educate, on the result of previous incarnations as it gradually unfolds. But once everything that stems from previous incarnations has run its course, the task of raising the child is already over; the child has already slipped beyond our reach, especially in the present. What we are actually educating is the invisible result of earlier incarnations. We cannot educate the visible child; we cannot influence it. In fact, we influence the invisible result of earlier incarnations. We cannot raise the visible child. That is how it is when we turn our gaze toward the child.

[ 24 ] Jetzt wenden wir den Blick auf den Erzieher. Der kann während der ersten sieben Jahre nur durch das erziehen, was sich an ihm nachahmen läßt, und durch das, wodurch er als Autorität Einfluß gewinnt während der zweiten sieben Jahre; er kann endlich in den nächsten sieben Jahren einen Einfluß gewinnen durch das, was durch freie Urteilskraft erzieherisch wirkt. Alles was da wirkt in dem Erzieher, ist ganz und gar nicht in dem äußeren physischen Menschen. Was wir da in uns haben als Erzieher, das bekommt seine physische Gestalt erst in unserer nächsten Inkarnation. Denn alles das, was in uns solche Eigenschaften sind, die nachgeahmt werden dürfen, oder was in uns solche Eigenschaften sind, die unsere Autorität begründen, ist keimhaft in uns vorhanden und wird unsere nächste Inkarnation gestalten. Unsere eigene nächste Inkarnation als Erzieher redet mit den früheren Inkarnationen des Zöglings. Das ist Maja, daß wir als jetzige Menschen zum jetzigen Kinde reden. Wir fühlen nur richtig, wenn wir uns sagen: Dein Bestes in dir, was dein Geist denken, deine Seele fühlen kann, was sich vorbereitet in dir, um aus dir etwas zu machen in der nächsten Inkarnation, kann wirken auf das in dem Kinde, was aus uralten Zeiten in dem Kinde sich plastisch bilden will. Musikalisch ist erst in uns das, was erzieherisch wirken kann. Plastisch in dem Kinde sich ausgestaltend ist dasjenige, worauf wir wirken sollen.

[ 24 ] Now let us turn our attention to the educator. During the first seven years, the educator can influence children only by setting an example that they can imitate and by establishing authority; during the second seven years, he gains influence through his authority; and finally, during the next seven years, he can exert an influence through what has an educational effect through free judgment. Everything that is at work in the educator is not at all present in the outer, physical human being. What we possess within ourselves as educators will not take on its physical form until our next incarnation. For all the qualities within us that are worthy of imitation, or those that establish our authority, exist within us in embryonic form and will shape our next incarnation. Our own next incarnation as an educator speaks to the pupil’s previous incarnations. This is maya—that we, as our present selves, speak to the child as he or she is now. We feel correctly only when we say to ourselves: The best within you—what your spirit can think, what your soul can feel, what is preparing within you to shape you into something in your next incarnation—can influence that which, from time immemorial, seeks to take shape within the child. Musically, it is only within us that what can have an educational effect exists. What is taking shape within the child is precisely what we are meant to influence.

[ 25 ] Nehmen Sie das zusammen, was ich in diesen Tagen gesagt habe über das Musikalische, wie es entspricht in seiner höchsten Ausgestaltung dem, was in der Initiation an den Menschen herantritt. Das Musikalische bezieht sich auf alles Entwickelungsmäßige, auf das Zukünftige, das Plastisch-Architektonische auf das Vergangene. Das wunderbatste plastische Kunstwerk, das uns entgegentritt, ist das Kind. Das, was wir als Erzieher haben sollen, ist die musikalische Stimmung, die als Zukunftsstimmung in uns sein kann. Das aber zu fühlen, zu fühlen so, wie es jetzt angedeutet worden ist, auf dem pädagogischen Felde, das gibt eine gewisse besondere Nuance dem Sich-Gegenüberstellen als Erzieher dem Kinde, denn das ist geeignet, die höchste Pflichtanforderung an sich selber als Erzieher zu stellen, und das größtmöglichste Maß von Verständnis selbst bei den größten Ungezogenheiten hervorzurufen, die uns von dem Zöglinge entgegengebracht werden können. In dieser Stimmung liegt wirklich eine Kraft der Erziehung.

[ 25 ] Consider what I have said in recent days about the musical, as it corresponds in its highest form to what approaches the human being in initiation. The musical relates to everything developmental, to the future; the plastic-architectural relates to the past. The most wonderful work of plastic art that we encounter is the child. What we as educators should possess is the musical mood, which can exist within us as a mood of the future. But to feel this—to feel it in the way that has just been suggested—in the field of education lends a certain special nuance to the educator’s encounter with the child, for it enables us to set the highest standards of duty for ourselves as educators and to evoke the greatest possible measure of understanding even in the face of the most serious misbehavior that pupils may direct toward us. In this state of mind truly lies the power of education.

[ 26 ] Wenn die Welt einmal sehen wird, wie dieses musikalische Gestimmtsein des Erziehers, verbunden mit der Anschauung der Plastik des Zöglings, die pädagogische Stimmung zu geben hat, wenn das durchdringen wird, wenn es sein wird das, was man von der erzieherischen Liebe, von der pädagogischen Liebe verlangen wird, dann wird die Pädagogik von der richtigen Luft durchtränkt sein, denn dann werden die Dinge so gesprochen, so gedacht, so gefühlt werden, daß lernen wird das Zukünftige selber das Vergangene lieben im Unterrichte, den der Erzieher erteilt. Dann werden wir finden, daß ein wunderbarer karmischer Ausgleich stattfindet zwischen dem Erzieher und seinem Zöglinge. Ein wunderbarer karmischer Ausgleich.

[ 26 ] Once the world comes to see how this musical sensibility of the educator, combined with an appreciation of the student’s physical form, must set the pedagogical tone—once this sinks in, once it becomes what is expected of educational love, of pedagogical love—then pedagogy will be imbued with the right spirit, for then things will be spoken, thought, and felt in such a way that the future itself will come to love the past in the lessons the educator imparts. Then we will find that a wonderful karmic balance takes place between the educator and his pupil. A wonderful karmic balance.

[ 27 ] Wenn der Erzieher egoistisch ist und nur anstrebt, aus dem Zögling dasjenige zu machen, was er selber ist, so ist die Erziehung eine rein luziferische. Luziferisch wird die Erziehung, wenn wir so viel als möglich den Zögling zum Abklatsch unserer eigenen Ansichten und Empfindungen machen wollen, uns nur freuen können, wenn wir heute etwas zum Zögling gesagt haben und er es morgen gleich nachplappert oder nachmacht. Das ist eine rein luziferische Erziehung. Allerdings, eine ahrimanische Erziehung entsteht, wenn der Zögling unter unserer Erziehung so ungezogen als möglich wird und so wenig als möglich von uns annimmt. Aber zwischen diesen zwei Extremen gibt es, ebenso wie zwischen Lasten und Stützen, eine Gleichgewichtslage. Diese wird bewirkt durch das MusikalischPlastische, das ich auseinandergesetzt habe. Da müssen wir unterscheiden lernen die Intentionen des Erziehers von dem, was aus dem Zögling wird. Wenn wir nur richtig gestimmt sind, werden wir die größten Freuden erleben, wenn wir uns bemühen, etwas ganz Bestimmtes an den Zögling heranzubringen, und wir uns sagen können: Nun, das, was du gewollt hast, ist er nicht geworden, aber er ist etwas geworden, zwar nicht das, was wir ihm beigebracht haben, aber er ist etwas geworden. Das ist das Eigentümliche, daß der Erzieher nur dadurch seinen Erzieheregoismus abstreifen kann, wenn er den Wunsch überwindet, daß das, was er als gut und recht ansieht, und namentlich, was er selber gerne denkt, in dem Zögling ein Abklatsch werde. Wenn wir als Erzieher die Gelassenheit erreichen, daß der Zögling uns so unähnlich als möglich werden kann, dann haben wir das Schönste erreicht.

[ 27 ] If the educator is selfish and seeks only to turn the pupil into a copy of himself, then the education is purely Luciferic. Education becomes Luciferic when we want to turn the pupil, as much as possible, into a carbon copy of our own views and feelings, and can only be pleased when we have said something to the pupil today and he parrots or imitates it tomorrow. That is a purely Luciferic education. Admittedly, an Ahrimanic education arises when, under our guidance, the student becomes as ill-mannered as possible and accepts as little as possible from us. But between these two extremes, just as between burdens and supports, there is a state of balance. This is brought about by the musical-plastic quality that I have discussed. Here we must learn to distinguish the educator’s intentions from what the pupil actually becomes. If we are in the right frame of mind, we will experience the greatest joys when we strive to instill something very specific in the pupil and can say to ourselves: Well, he did not become what you intended, but he has become something—admittedly not what we taught him—but he has become something. This is the peculiar thing: the educator can only shed his educational egotism by overcoming the desire that what he regards as good and right—and especially what he himself likes to think—should become a mere imitation in the student. When we, as educators, attain the serenity to accept that the student can become as unlike us as possible, then we have achieved the most beautiful thing.

[ 28 ] Man kann nun aber nicht sagen: Bitte, gib mir ein Rezept, wie man es macht, schreib mir ein paar Regeln auf, wie man erzieht in solcher Weise. — Das ist eben das Eigentümliche der geistigen Weltanschauung, daß man es nicht so machen kann mit einzelnen Regeln, sondern daß man wirklich auf die Geisteswissenschaft sich einlassen und sie aufnehmen muß, daß man sich durchdringen lassen muß von ihr, daß man die Gefühls- und Willensimpulse in sich bereichern lassen muß. Dann geschieht schon im einzelnen Falle, wo man hingestellt wird zu dieser oder jener Aufgabe im Leben, das Richtige. Die Hauptsache ist, daß wir es lebendig erfassen.

[ 28 ] But one cannot simply say: “Please, give me a recipe for how to do it; write down a few rules for how to educate in this way.” — That is precisely what is unique about a spiritual worldview: you cannot approach it with individual rules, but must truly engage with and take in Spiritual Science, allow yourself to be permeated by it, and let it enrich the impulses of your feelings and will. Then, in each individual case—when you are faced with this or that task in life—the right thing will happen. The main thing is that we grasp it in a living way.

[ 29 ] Man könnte nun fragen: Welches ist im Sinne der Geisteswissenschaft die richtige Erziehungsmethode? Die richtige Antwort wäre: Die beste geisteswissenschaftliche Erziehungsmethode bestünde darinnen, daß möglichst viele Erzieher in die Geisteswissenschaft sich lebendig vertiefen und die Gefühle sich aneignen, die aus der Geisteswissenschaft kommen. Das ist allerdings das, was unbequemer ist, als so ein Handbüchlein der geisteswissenschaftlichen Erziehungskunst durchzulesen. Immer und immer wieder wird aber an die Geisteswissenschaft die Frage gestellt: Welches ist, in bezug auf dieses oder jenes, der geisteswissenschaftliche Standpunkt? Ja, die Geisteswissenschaft hat keinen Standpunkt oder, wenn Sie wollen, so viele Standpunkte als das Leben. Aber die Geisteswissenschaft muß selber Leben werden. Die Geisteswissenschaft selber muß man aufnehmen und in sich beleben, dann wird sie auf den verschiedenen Gebieten des Lebens ihre Früchte entfalten können. Dann werden die Menschen hinauskommen über das, was das Leben so austrocknet, was für das Leben so ertötend ist, über das Verlangen nach Einförmigkeit, könnte man sagen. Die äußere Wissenschaft verlangt die Einförmigkeit, die Geisteswissenschaft gibt Mannigfaltigkeit, jene Mannigfaltigkeit, die auch die Mannigfaltigkeit des Lebens selber ist. So wird die Geisteswissenschaft auch in bezug auf das Leben in dessen weitestem Bereich umgestaltend wirken müssen.

[ 29 ] One might now ask: What is the correct method of education from the perspective of Spiritual Science? The correct answer would be: The best method of education from Spiritual Science would consist in as many educators as possible immersing themselves actively in Spiritual Science and internalizing the feelings that arise from it. That, however, is more difficult than simply reading through a little handbook on the art of education based on Spiritual Science. Yet time and again, the question is posed to Spiritual Science: What is the spiritual-scientific standpoint regarding this or that? Yes, Spiritual Science has no single standpoint—or, if you will, as many standpoints as there are in life. But Spiritual Science must itself become life. One must take Spiritual Science into oneself and bring it to life within oneself; then it will be able to bear fruit in the various spheres of life. Then people will rise above what so drains life, what is so deadly to life—above the desire for uniformity, one might say. External science demands uniformity; Spiritual Science offers diversity—that very diversity which is also the diversity of life itself. Thus, Spiritual Science must also have a transformative effect on life in its broadest sense.

[ 30 ] Denn nehmen wir einmal das Leben, wie es auf mancherlei Gebieten heute ist. Man lernt bis zu einem gewissen Alter; man lernt bis zu einem gewissen Alter dieses, bis zu einem andern Alter jenes. Dann aber kommt die Zeit, wo man, wie man sagt, ins Leben eintritt und nicht mehr lernen will; selbst wenn man irgendeinen wissenschaftlichen Beruf hat, so will man nicht mehr gern lernen. Diejenigen, die dann noch lernen, mit ihrer Wissenschaft mitgehen, werden in unserer Zeit schon als seltene Tiere angesehen. Aber im ganzen verläuft das Leben doch zumeist so, daß man bis zu einem gewissen Lebensalter lernt und dann seine freie Zeit zubringt mit Kartenspiel oder andern unnützen Dingen, oder daß man solch eine Gesinnung entwickelt, wie sie mir einmal entgegengetreten ist. Ich wurde nämlich einmal aufgefordert von einem Kreise, in dem einige bildungsbedürftige Damen waren, zu einer Serie von literarisch-historischen Vorträgen. Nun kann man sagen, daß das noch weichere, man kann meinetwegen sagen, zurückgebliebenere Gehirn der Damen in unserer Zeit noch etwas mehr behalten hat von jenen alten Zeiten, in denen man bildsam das Gehirn erhalten wollte und das ganze Leben hindurch gelernt hat. In der Frauenwelt findet man das wirklich häufiger als in der Männerwelt. Aber diese Frauen hatten das Gefühl, daß sie zu diesem Vortragszyklus auch die Männer mitbringen müßten. Die Männer waren also dabei. Nicht alle schliefen ein, einzelne hörten wirklich zu. Aber dann wurde gesprochen, Tee getrunken und Kuchen gegessen, also das getan, was in manchen Kreisen als eine ganz notwendige Beigabe angesehen wird, wenn die Vorträge nicht allzu trocken sein sollen. Also es wurde auch gesprochen. Da hörte ich von manchen der Männer, nachdem ich über Goethes «Faust» vorgetragen hatte, das Urteil: Ja, den «Faust» auf der Bühne zu sehen, ist eigentlich kein künstlerischer Genuß, das ist auch kein Vergnügen, das ist eine Wissenschaft. - Und damit wollten sie darauf aufmerksam machen, daß, wenn ein Mensch den ganzen Tag im Büro gearbeitet hat, oder seine Kundschaft bedient hat, oder vor dem Gerichtstische gestanden, Zeugen verhört, Angeklagte verurteilt hat, er dann des Abends nicht mehr Goethes «Faust» anhören kann, sondern etwas braucht, was ein Vergnügen und keine Wissenschaft ist.

[ 30 ] For let’s take a look at life as it is today in various areas. One studies up to a certain age; one studies this subject up to one age and that subject up to another. But then comes the time when, as they say, one enters life and no longer wants to study; even if one has some kind of scientific profession, one is no longer eager to learn. Those who continue to learn and keep up with their field of study are already regarded as rare creatures in our time. But on the whole, life usually unfolds in such a way that one studies until a certain age and then spends one’s free time playing cards or engaging in other useless pursuits, or that one develops a mindset such as the one I once encountered. I was once invited by a circle—which included several ladies in need of education—to give a series of literary-historical lectures. Now, one might say that the ladies’ somewhat softer—or, if you will, more backward—minds have retained a bit more of those old times, when people sought to keep their minds malleable and continued learning throughout their lives. This is indeed more common among women than among men. But these women felt that they also had to bring the men along to this lecture series. So the men were there. Not all of them fell asleep; a few actually listened. But then there was conversation, tea was drunk, and cake was eaten—in other words, they did what is regarded in some circles as an absolutely necessary accompaniment if the lectures are not to be too dry. So there was conversation as well. After I had given a lecture on Goethe’s *Faust*, I heard some of the men express the following opinion: “Yes, seeing *Faust* on stage is not really an artistic pleasure; nor is it entertainment—it is a science.” - And by this they wanted to point out that when a person has worked all day in an office, or served customers, or stood before a court, cross-examined witnesses, and sentenced defendants, he can no longer listen to Goethe’s *Faust* in the evening, but needs something that is a pleasure and not a science.

[ 31 ] Ich will mit diesem nur beispielsweise eine allgemeine Gesinnung in unserer Zeit andeuten, die Ihnen zweifellos bekannt ist. Man braucht sie nur anzuschlagen, so weiß jeder, daß sie sehr, sehr verbreitet ist und daß es viele Menschen gibt, die es ganz gewiß sonderbar finden werden, daß wir uns hier so schulmäßig zusammensetzen und, trotzdem manche von uns schon ein reichliches Alter erreicht haben, immer noch etwas in uns aufnehmen wollen in der Zeit, die man nach ihrer Meinung viel nützlicher verwenden könnte. Aber gerade darinnen wird ein völliger Umschwung sich vollziehen müssen, daß der Mensch nicht bloß den lernmäßigen Zusammenhang mit der Geisteswissenschaft wird haben wollen, sondern den lebendigen, fortdauernden Zusammenhang. Das ist es, was kommen wird. Die Geisteswissenschaft kann man nicht so in sich aufnehmen, wie man kompendienmäßig andere Wissenschaften aufnehmen kann, sondern die Geisteswissenschaft muß lebendig bleiben. Sie wird tot, wenn man ihren Inhalt nur aufgenommen hat und nicht im lebendigen Betriebe vereinigt mit ihr bleibt. Sie wird tot, sie stirbt ab, sie muß aber immer lebendig erhalten bleiben. In diesem Sinne muß die Geisteswissenschaft belebend wirken, sie muß das Menschenherz offen erhalten für alles das, was einfließen kann von der geistigen Welt in das Menschenherz, damit wir einer fortwährenden Evolution unterliegen.

[ 31 ] I am using this merely as an example to illustrate a general mindset of our time, one with which you are undoubtedly familiar. One need only bring it up, and everyone knows that it is very, very widespread—and that there are many people who will certainly find it strange that we gather here in such a scholarly manner and, even though some of us have already reached a ripe old age, still wish to absorb new knowledge during time that, in their opinion, could be put to much better use. But it is precisely in this regard that a complete turnaround will have to take place, so that people will not merely want to have an academic connection to Spiritual Science, but a living, ongoing connection. That is what is to come. Spiritual Science cannot be absorbed in the same way that other sciences can be absorbed from a compendium; rather, Spiritual Science must remain alive. It becomes dead if one has merely absorbed its content and does not remain united with it in living practice. It becomes dead; it withers away; yet it must always be kept alive. In this sense, Spiritual Science must have a life-giving effect; it must keep the human heart open to everything that can flow from the spiritual world into the human heart, so that we may be subject to a continuous evolution.

[ 32 ] Zweifellos hat unsere Menschheit in unserer Epoche im ganzen etwas, was man nennen kann: sie ist alt geworden, sie hat nicht mehr im ganzen jene Jugendlichkeit, die sie in den mythischen Zeiten hatte. Die Geisteswissenschaft muß wieder ein Verjüngungstrank werden für die Menschen, so daß sie sich fühlen können ihr ganzes Leben hindurch als Schüler des Daseins. Auch da können wir merkwürdige Dinge in der Gegenwart erleben. Ich kenne einen geistig regsamen Mann, einen Mann, der sich sein ganzes Leben lang mit allen möglichen Ingredienzien unserer gegenwärtigen Geisteskultur beschäftigt hat. Er hat vor kurzem seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Da hatte er eigentümliche Ansichten in einer Art von Feuilleton geäußert. Er hat zum Beispiel gesagt: Ja, man hat — ich möchte die Sache ein wenig künstlerisch umgestalten, damit man nicht errät, wer es ist - mir angeboten einen künstlerischen Posten, nach dem ich mich viele Jahre gesehnt habe. Aber ich kann ihn jetzt eigentlich nicht mehr so recht wollen, nachdem ich das fünfzigste Jahr, die Greisenjahre, erreicht habe, denn, um einen solchen Posten auszufüllen, um auf die Menschen so zu wirken, die um einen herum sind und die man anregen muß, dazu muß man jung sein, dazu muß man eine phantastische Illusion entwickeln können. Und diese Illusion muß darin: bestehen, daß das, was man da zu tun hat, und daß die Menschen, mit denen man zu tun hat, die ganze Welt sind und daß alles andere wertlos ist. Das eigentlich Wertvolle ist das, was ich da um mich herum habe. Das Alter, in dem ich das hätte machen können, hatte ich vor fünfzehn Jahren. Jetzt ist es vorüber. Man sollte nicht warten, bis die Menschen Greise geworden sind, um sie in einflußreiche Stellungen zu bringen, sondern sie zum Beispiel zu Hofräten machen schon zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Jahre. - So ungefähr sagte dieser «alte» Mann.

[ 32 ] Undoubtedly, humanity in our era has, on the whole, something that can be described as follows: it has grown old; it no longer possesses, on the whole, the youthfulness it had in mythical times. Spiritual Science must once again become a rejuvenating elixir for people, so that they can feel, throughout their entire lives, like students of existence. Here, too, we can experience remarkable things in the present. I know a man of lively intellect, a man who has spent his entire life engaging with all manner of elements of our contemporary spiritual culture. He recently celebrated his fiftieth birthday. On that occasion, he had expressed some peculiar views in a kind of feature column. For example, he said: “Yes, I was—I’d like to rephrase this a bit artistically so that no one guesses who it is—offered an artistic position that I had longed for many years.” But now that I’ve reached my fiftieth year—the years of old age—I can’t really want it anymore, because to fill such a position, to have that kind of effect on the people around you whom you must inspire, you have to be young; you have to be able to develop a fantastic illusion. And this illusion must consist in the belief that what one has to do there, and the people with whom one deals, are the whole world—and that everything else is worthless. What is truly valuable is what I have right here around me. I was at the age when I could have done that fifteen years ago. Now it’s over. One shouldn’t wait until people have grown old to place them in positions of influence, but rather appoint them, for example, as court counselors between the ages of thirty and forty. — That’s more or less what this “old” man said.

[ 33 ] Es ist eine Stimmung, die durchaus, ich möchte sagen, im Tone oder im Timbre des Tones unserer Zeitkultur liegt. Es ist eine Stimmung, zu der der Mensch sehr leicht kommen kann, wenn er sich auseinandersetzt mit dem, was die materialistische Zeitkultur aus dem Menschen machen kann, denn sie hat nicht die Kraft, den ganzen Menschen zu erfüllen, sie hat nicht die Kraft, den ganzen Menschen durch das, was er an Inhalt aufnimmt, so recht in seinem Gemütsleben zu gestalten, daß das vorhält bis in sein höheres Alter. Die Geisteswissenschaft will aber den Beweis liefern, daß der Mensch, wenn er auch äußerlich alt wird, innerlich seelisch jung bleiben kann, und daß er sehr wohl, wenn er es bis zum fünfzigsten Jahre zu nichts Besonderem gebracht hat, auch noch im fünfzigsten Jahre zwar sich nicht der Illusion hinzugeben vermag, daß das, was er tut, das Wichtigste sei und alles andere dem Weltuntergange verfallen kann. Aber er kann so jung sein, daß er dem, was er zu tun hat, alle seine Kräfte weihen kann. Er kann es so jugendlich, und ich möchte sagen, kindlich erfassen, so daß er alle seine Kräfte konzentriert auf dasjenige, was ihm obliegt, wie das Kind alle seine Kräfte konzentriert auf sein Spiel. Ein verjüngender Zaubertrank, nicht bloß eine Theorie, muß die Geisteswissenschaft werden. Das ist auch ein umgestaltender Impuls. Von andern umgestaltenden Impulsen werde ich morgen sprechen.

[ 33 ] It is a mood that, I would say, is very much in keeping with the tone—or the timbre—of our contemporary culture. It is a state of mind that a person can very easily arrive at when he or she grapples with what our materialistic contemporary culture can do to a person, for it lacks the power to fulfill the whole person; it lacks the power to shape the whole person’s inner life through the content he or she absorbs in such a way that it endures into old age. Spiritual Science, however, seeks to prove that even as a person grows old outwardly, they can remain young inwardly and spiritually, and that even if they have not achieved anything remarkable by the age of fifty, they can still—at fifty—avoid succumbing to the illusion that what they do is the most important thing and that everything else is doomed to oblivion. But he can be so young that he can devote all his energies to what he has to do. He can approach it with such youthful—and I would say childlike—enthusiasm that he concentrates all his energies on what is required of him, just as a child concentrates all his energies on his play. Spiritual Science must become a rejuvenating elixir, not merely a theory. This, too, is a transformative impulse. Tomorrow I will speak of other transformative impulses.