Kunst im Lichte der Mysterienweisheit
GA 275
2 Januar 1915, Dornach
Sechster Vortrag
[ 1 ] Es wird verhältnismäßig dem Menschen heute leicht - ich sage natürlich verhältnismäßig -, dasjenige, was wir unter der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung oder Anthroposophie verstehen, mehr oder weniger theoretisch aufzunehmen. Aber schwierig wird es, das ganze Wesen des Menschen, das Leben selber zu durchdringen mit den Impulsen, die aus der Geisteswissenschaft selber kommen. Theoretisch aufnehmen die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, so daß man weiß, der Mensch besteht aus dem physischen Leibe, dem ätherischen Leibe, dem astralischen Leibe und so weiter, wie man weiß, der eine oder der andere Ton hat eine so und so hohe Schwingungszahl, oder der Sauerstoff verbindet sich mit dem Wasserstoff zu Wasser, dieses so zu wissen, ist ja der Mensch gewohnt aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die sich nach und nach im Laufe der letzten Jahrhunderte in der Menschheit ausgebildet hat.
[ 2 ] Aber weniger gewohnt ist der Mensch, auf sein Gefühls- und Gemütsleben Einfluß gewinnen zu lassen das, was aus einer solchen Erkenntnis gewonnen werden kann, wie sie die Geisteswissenschaft darbieten will. Im Grunde genommen ist die Art, wie die Geisteswissenschaft auf den Menschen wirken muß, entgegengesetzt der Art, wie die andere Wissenschaft auf den Menschen wirken muß. Es ist eine ganz allgemeine, oft und oft betonte Empfindung, daß die trockene Wissenschaft den Menschen abbringt von dem warmen Erfühlen des Lebens und seiner Tatsachen, daß die trockene Wissenschaft etwas Kaltes und Nüchternes hat, gleichsam die Frische, das gewisse Taumäßige von den Dingen wegnimmt. Und man kann sagen, daß das bis zu einem gewissen Grade bei der äußeren Wissenschaft der Fall sein muß. Denn welch gewaltiger Unterschied ist doch zwischen dem Eindrucke, den auf uns die wunderbare Wolkenbildung eines Abend- oder Morgenhimmels macht, und den bloßen Mitteilungen, die uns darüber etwa der Astronom oder der Meteorologe machen kann. Wie mit einem Wärmegefühl, ergreifend den ganzen Menschen und ihn durchlebend, erscheint uns die reiche Fülle des natürlichen Daseins um uns herum. Trocken und nüchtern, kalt, leblos und liebeleer erscheint uns die Wissenschaft mit ihren Begriffen und Ideen, die sie uns vermittelt, gegenüber demjenigen, was sonst einen warmen, lebensvollen Eindruck auf uns macht. Und in bezug auf das äußere, naturwissenschaftliche Erkennen ist es ganz gewiß berechtigt, wenn man so empfindet und fühlt.
[ 3 ] Daß das äußere, naturwissenschaftliche Erkennen so sein muß, das hat seine guten Gründe, aber ein solches Erkennen soll nicht sein das geisteswissenschaftliche Erkennen. Das soll uns im Gegenteile näher und immer näher bringen der Lebensfülle und Lebenswärme der äußeren Welt und überhaupt der ganzen Welt. Da müssen wir aber allerdings noch lernen, gewisse Impulse in uns zu erregen, die der gegenwärtige Mensch fast gar nicht hat. Der gegenwärtige Mensch erwartet nämlich von dem, was er Wissenschaft nennt, etwas, worin schon liegt, daß uns diese Wissenschaft kalt und nüchtern, in Goethes Sinne gesprochen, Wagner-mäßig berühren muß. Der Mensch erwartet von der Wissenschaft, daß, wenn er diese Wissenschaft in sich aufgenommen hat, ihm die Rätsel der Natur gewissermaßen gelöst seien, daß er jetzt weiß, wie es mit diesen oder jenen Dingen beschaffen ist, und dann ist er zufrieden, wenn er weiß, wie es mit diesen oder jenen Dingen beschaffen ist.
[ 4 ] Man kann sogar Menschen in der Gegenwart kennenlernen, denen vor der Wissenschaft aus einem ganz bestimmten Grunde gruselt. Sie sagen nämlich, das volle, frische Leben der Vergangenheit habe geradezu darinnen bestanden, daß der Mensch nicht alle Rätsel gelöst hat, daß er etwas ahnen durfte, was ihm noch nicht gelöst war. Und nun kommt die Wissenschaft, so sagen die Leute, und löst nach und nach die Naturrätsel. Und nun stelle man sich vor, wie langweilig es ist, in der Zukunft auf der Welt zu sein, wenn die Wissenschaft alle Rätsel gelöst haben wird, und man nichts mehr ahnen und außerwissenschaftlich wird empfinden können. Eine furchtbare Öde muß über die Menschheit kommen, und davor kann man ja mit Recht ein Grauen haben.
[ 5 ] Aber die Geisteswissenschaft wird andere Empfindungen im Menschen auslösen können, Empfindungen, die allerdings für die Gegenwart weniger bequem sind als das Rätsellösen, die uns aber zugleich darauf hinweisen, wie Leben weckend und Leben schaffend diese Geisteswissenschaft sein kann. Wenn wir nämlich im richtigen Sinne das aufnehmen, was uns die Geisteswissenschaft gibt, wenn wir es nicht so aufnehmen, daß wir nur unser Handbüchlein nehmen und aufschreiben dasjenige, was gerade gesagt wird, um es so zu verwenden wie in der Wissenschaft im äußeren Sinne, und uns vielleicht dann noch ein Schema machen, eine hübsche Einteilung, damit wir die Dinge recht überblicken können wie ein Schema der Physik, wenn wir also weniger dieses machen, sondern in unsere Herzen das einfließen lassen, was die geisteswissenschaftliche Anschauung zu sagen hat, uns richtig durchdringen damit, dann werden wir bemerken, daß es in uns Leben gewinnt, wächst, Selbständigkeit und Selbsttätigkeit in uns entwickelt, daß es wie ein neues lebendiges Wesen in uns wird, das uns immer und immer neue und neue Seiten zeigt. Wenn wir dann mit einer durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung also erfüllten Seele an die äußere Natur herantreten, dann gewahren wir in der Natur nicht weniger Rätsel als früher, sondern mehr Rätsel als früher. Alles wird uns noch rätselvoller, und das Gefühlsleben wird nicht verarmen, sondern es wird bereichert, man könnte sagen, die Welt wird geheimnisvoller durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis.
[ 6 ] Allerdings verödet uns die Welt, wenn der Physiker kommt und sagt: Die Morgenröte, du siehst sie —, und er führt uns dann aber zur Wandtafel und zeigt uns, welche besonderen Brechungen die Lichtstrahlen erfahren, damit das Morgenrot erscheint. Gewiß ist das etwas Greuliches, nicht vor dem menschlichen Verstandeserkennen, sondern etwas Greuliches vor dem menschlichen Gemüte.
[ 7 ] Anders ist es, wenn die Geisteswissenschaft kommt und uns sagt, um ein Beispiel anzuführen: Wenn du das Morgenrot erblickst, oder diese oder jene Tonmusik hörst, dann muß es dir sein, als ob die Elohim ihren strafenden Zorn durch die Welt senden. Dann gewahren wir hinter der Morgenröte das geheimnisvolle, lebendige Weben der Elohim. Dadurch, daß wir den Namen der Elohim aussprechen und wissen, wohin wir sie zu setzen haben in dem neungliedrigen Schema, das wir uns in unser Notizbuch schrieben, damit haben wir noch nichts erkannt von den Elohim. Aber durch die lebendige Empfindung, die wir haben, indem wir den Blick zur Morgenröte erheben, wird uns eine reiche Fülle lebendigen Webens und Lebens entgegenschauen, wie wir wissen, daß, wenn wir einem Menschen gegenüberstehen, wir sein Wesen nicht ausschöpfen können durch irgendwelche Begriffe, daß wir nicht umfassen können das Universell-Lebendige seines Wesens. So werden wir gewahr, daß in dem, was sich uns als Morgenrot offenbart, nicht umfaßbares Lebendiges des Kosmos uns gegenübersteht.
[ 8 ] Rätselvoller und geheimnisvoller und damit reichere Empfindung in uns wirkend wird die Welt durch das geisteswissenschaftliche Erkennen. Das ist solch eine Grundempfindung, die in unsere Seelen einziehen kann, wenn wir die Geisteswissenschaft in uns lebendig machen und wenn wir versuchen, uns heimisch zu machen in solchen Vorstellungen, wie die eben angeregte. Dann werden wir niemals verfallen können in jene Klage gegenüber der Geisteswissenschaft, daß sie nur zu unserem Kopfe spreche, daß sie unseren ganzen Menschen nicht ergreife. Wir müssen nur wirklich Geduld haben, bis das Wort, das die Geisteswissenschaft uns geben will, in uns zum lebendigen Wesen wird, bis es sich selbständig bildet, so daß es uns nicht nur mit seinem Lichte, sondern auch mit seiner Wärme erfüllt. Dann wird es unser Herz, unseren ganzen Menschen ergreifen und wir werden uns reicher fühlen, während wir natürlich, wenn wir die Geisteswissenschaft gerade so aufnehmen wie die andere Wissenschaft, uns verarmt fühlen müssen.
[ 9 ] Aber auf der andern Seite ist es wieder ganz naturgemäß, daß die Geisteswissenschaft zunächst auf viele einen verarmenden Eindruck macht, weil sie noch nicht finden können das innerlich Lebendige des Wortes der Geisteswissenschaft, welches das Gemüt ergreifen kann, weil die Geisteswissenschaft auf sie noch nicht so wirkt, wie etwa wirkt das warme Wort eines andern Menschen, der zu uns spricht. Aber wir müssen lernen, daß die Geisteswissenschaft so lebendig wird, daß sie unserer Seele Mut und Vertrauen zusprechen kann wie sonst nur die menschliche Persönlichkeit selber.
[ 10 ] Daß dies so schwierig ist für die Herzen der Gegenwart, beruht darauf, daß die Herzen der Gegenwart sich abgewöhnt haben, mit den Dingen selber zu leben, daß das Gefühl des Sich-Einlebens in die Dinge so selten geworden ist. Es wird schon unendlich schwierig, wenn man, ich möchte sagen, in kleinen Dosen versucht, das Mitleben mit den Dingen wiederum lebendig zu machen. Das ist versucht worden in unseren vier Mysterien. Sie müssen nur den Blick auf so etwas lenken wie auf die Szene im Geisterland, im fünften Bild von «Der Seelen Erwachen», wo auf der linken Seite der Bühne — vom Zuschauerraum aus gesehen - der in das Devachan entrückte Felix Balde sitzt, und wie eine geistige Wesenheit auf der andern Seite der Bühne zu diesem spricht von ihrem «Lasten». Da soll man fühlen das Gewicht, das in der Ferne von oben nach unten schwebt. Der Mensch ist heute gewohnt, wenn etwas von oben nach unten schwebt, nur das Schweben zu sehen, nur zu sehen, wie das Ding zuerst einen oberen Ort einnahm, dann einen Ort weiter unten und so weiter. Aber er ist ganz ungewohnt, hineinzukriechen in die Dinge und das Lasten zu empfinden, zu empfinden, daß es an jedem Orte drückt, das Ding. Man möchte mit einem solchen Wort mitten im Drama darinnen die Menschenseele herausholen aus dem egoistischen Leibe und sie hineinversetzen in das Lebendige der Dinge draußen.
[ 11 ] Wenn das nicht eintreten kann, so wird ein richtiges künstlerisches Fühlen nicht wieder auferstehen können. Damit zum Beispiel ein Architekturfühlen in richtiger Weise wieder auferstehen kann, muß lebendig werden das, was wir an Begriffen aufnehmen in der Geisteswissenschaft. Zunächst hat es etwas Gleichgültiges an sich, was wir an Begriffen, die wir uns aus der Geisteswissenschaft aneignen, mit der Seele herumtragen in der Welt. Aber wir werden sehen, wenn wir so etwas wirklich tun, wie wir unser ganzes Seelenleben dadurch bereichern. Eine Bereicherung findet zum Beispiel statt, wenn wir versuchen, dieses hier (siehe Zeichnung Seite 118) nicht bloß zu sehen, sondern unterzutauchen in dasselbe und empfinden zu lernen mit dem, was da ist: nämlich hier das Lasten und hier das Stützen.
[ 12 ] Wir wollen noch weitergehen und das nicht nur anschauen, sondern fühlen, der Balken muß eine gewisse Stärke haben, sonst wird er von der Last zerdrückt, die Stützen, die Säulen müssen eine gewisse Stärke haben, sonst werden sie zerquetscht. Wir müssen mit der Kugel oben ihr Lasten erleben, mit den Säulen ihr Stützen erleben, mit dem Balken sein Gleichgewicht erleben. Erst dann empfinden wir architektonisch, wenn wir also hineinkriechen in das Lastende, in das Stützende und in das Gleichgewicht zwischen dem Lastenden und dem Stützenden.
[ 13 ] Wir werden aber erfühlen, wenn wir nicht bloß mit dem Auge folgen solch einem Gebilde, sondern wenn wir gleichsam hineinkriechen in dasselbe und das Lastende und das Stützende und das Gleichgewicht erfühlen, daß unser ganzer Organismus mit in Anspruch genommen wird, daß wir gleichsam appellieren müssen von unserem Kopfgehirn an ein unsichtbares Gehirn, dem der ganze Mensch angehört. Dann kann in uns lebendig werden das Bewußtsein: Ah, jetzt beginnen wir zu fühlen! - Nehmen wir den geschilderten einfachen Fall: Da fühlen wir ein stützendes, ein hinaufstrebend stützendes Luziferisches; ein lastend hinunterdrückendes Ahrimanisches; ein Gleichgewicht zwischen Luziferischem und Ahrimanischem: ein Göttliches. So belebt sich uns selbst die leblose Natur mit Luzifer und Ahriman und ihrem höheren Herrscher, der das Gleichgewicht ewig bewirkt zwischen Luzifer und Ahriman.
[ 14 ] Aber wir werden darauf kommen, wenn wir also erfühlen lernen in dem Architektonischen das Luziferische, Ahrimanische, Göttliche, daß wir innerlich ergriffen werden von dem Architektonischen, daß wir gewahr werden, wie uns ein reicheres Empfinden der Welt die Seele in die Dinge hinaus, man möchte fast sagen, entreißt, in die Welt hinausführt, wie wir allmählich gerade dadurch gewahr werden, daß wir mit unserer Seele nicht nur innerhalb der Haut unseres Leibes sind, sondern dem Kosmos angehören. Das werden wir auf diese Weise gewahr. Damit werden wir aber gewahr, daß, während das Architektonische draußen stützt und lastet und Gleichgewicht schafft, wir selber an dem Architektonischen eine musikalische Stimmung entwickeln. Unser Inneres stimmt sich an dem Architektonischen musikalisch, und wir sehen, während das Architektonische und das Musikalische draußen in der Welt einander scheinbar so fremd gegenüberstehen, daß unser Erleben des Architektonischen, indem uns das Architektonische musikalisch stimmt, die Versöhnung selber, das Gleichgewicht bewirkt.
[ 15 ] In diesem aber liegt zugleich die lebendige Fortentwickelung der Kunst von unserer Erdenepoche an: daß man erleben lernt die Versöhnung der Künste. Darinnen liegt, was dunkel geahnt und empfunden worden ist im Wagnertum, was aber wirklich erst erstehen kann, wenn sich die Welt mit der Geisteswissenschaft durchlebt.
[ 16 ] Versöhnung der Künste: das haben wir versucht - zum ersten Male, wie in einem kleinen elementaren Anfang - zu geben mit unserem Bau, in dem nicht nur kalt und nüchtern von einer solchen Versöhnung gefabelt werden sollte, sondern wo in der Architektur des Baues selber ein Abdruck, gleichsam eine Siegelprägung vorhanden sein sollte von dieser Versöhnung der musikalischen Stimmung mit der architektonischen Form. Wenn Sie studieren, was sich in unserer Säulenordnung und in dem, was mit ihr zusammenhängt, darstellt, so werden Sie die Entdeckung machen, daß versucht worden ist, das Stützende und Lastende und das Gleichgewichtsmäßige in lebendige Bewegung zu bringen. Unsere Säulen sind nicht bloß Stützen, unsere Kapitäle sind nicht mehr bloß 'Trägervorrichtungen, und dasjenige, was sich über den Säulen als Architrave ausdehnt, trägt nicht mehr den Charakter des bloß auf den Säulen Ruhenden und nach oben Abschließenden, sondern des lebendig Wachsenden, des lebendig Webenden.
[ 17 ] In musikalischen Fluß wurde versucht, die architektonischen Formen zu bringen, und die Empfindung, die man haben kann in dem Zusammenwirken unserer Säulen und desjenigen, was mit den Säulen Zusammenhang bringt, kann selber eine musikalische Stimmung in der Seele erregen. Eine unsichtbare Musik kann empfunden werden als die Seele unserer Kolonnen und unserer Architektur- und Skulpturformen, die zu den Kolonnen gehören. Das Seelische ist gewissermaßen darinnen. Und das Durchdringen der bildenden Künste und ihrer Formen mit den musikalischen Stimmungen muß überhaupt das Kunstideal der Zukunft werden. Die Musik der Zukunft wird plastischer sein als die Musik der Vergangenheit. Die Architektur und Skulptur der Zukunft werden musikalischer sein als die Architektur und Skulptur der Vergangenheit. Das wird das Wesentliche sein. Die Musik wird deshalb nicht aufhören, eine selbständige Kunst zu sein, im Gegenteil, sie wird nur reicher und reicher werden dadurch, daß die Musik eindringen wird in das Geheimnis der Töne, wie das gestern angedeutet worden ist, und daß sie dadurch musikalische Formen schaffen wird aus den spirituellen Grundlagen des Kosmos heraus.
[ 18 ] Da aber in der Kunst alles, was innen ist, auch außen sein muß, da dasjenige, was da lebt, auch gleichsam in einem Organismus sich verkörpern muß, so muß sich auch die innerhalb der Säulenordnung und innerhalb dem, was dazugehört, schwebende Seelenwelt verkörpern. Das geschieht, soll wenigstens geschehen, in der Ausmalung der Kuppel. So wie gleichsam die Säulen und alles, was dazugehört, der Leib sind unseres Baues, so ist dasjenige, was in den Kuppeln zutage treten wird, wenn man im Bau darinnen ist, das Seelische des Baues, und wie uns der Geist als dasjenige erscheint, was alle Welt erfüllt, wenn die Organe nach außen gerichtet sind, so sollen unsere Fenster mit ihrer neuen Glasradierkunst das Geistige in unserem Bau darstellen. Leib, Seele und Geist sollen ausgedrückt sein in unserem Bau. Der Leib in dem Kolonnenbau, die Seele in alledem, was die Kuppeln betrifft, und der Geist in dem, was in den Fenstern geschaffen wird.
[ 19 ] Bei diesen Dingen hat hier das Karma so manches bewirkt, was wir dankbar begrüßen dürfen, denn bei gar manchem hat uns das Karma gerade bei diesem Bau geholfen. Das Seelische eines Menschen ist von außen so, daß wir es in seiner Physiognomie empfinden, daß wir aber durch Mittel, durch die wir in die Seele eines Menschen dringen, durch Liebe und Freundschaft in das Innere dringen müssen, wenn wir die Seele eines Menschen gleichsam von innen kennenlernen wollen.
[ 20 ] Als ich bei meinem letzten Vortragszyklus in Norwegen von Kristiania nach Bergen fuhr, konnte ich jene Schieferbrüche sehen, die mir dazumal den Gedanken gaben, zu erstreben, den Schiefer von dorther zu bekommen. Das ist uns gelungen, es ist tatsächlich, man kann sagen, eine karmische Fügung. Aber wenn wir den Blick werfen werden auf das von jenem Schiefer jetzt bedeckte Dach der Kuppeln, mit dem Eigentümlichen, das gerade dieser Schiefer hat, der wie kein anderer Schiefer wirkt, dann müssen wir sagen: das hat etwas von dem Aufschließenden und zugleich Verbergenden des Seelenlebens. Und wir werden, wenn wir die Kuppel wirklich zum Seelenleben machen wollen, Liebe zur Geisteswissenschaft entwickeln müssen. Denn es soll das, was im Inneren der Kuppel gemalt werden wird, uns wirklich entgegentreten wie eine Art Spiegelbild in Farben und Formen, eine Art Spiegelbild dessen, was uns die Geisteswissenschaft sein kann. Dazu müssen wir in das Innere gehen. Aber in das Innere des Baues, wenn er wirklich einmal fertigwerden sollte, wird kein Mensch verständnisvoll gehen können, wenn er nicht die Liebe zur Geisteswissenschaft entwickelt haben wird, sonst wird ihm wahrscheinlich das, was er im Inneren sieht, etwas bleiben, was ein bißchen Sensation hervorrufen kann, aber doch nicht etwas, was zu seinem Herzen ganz besonders spricht. Er wird so etwas haben, dem er leicht geneigt sein wird, als Architektonischem den Gemütsinhalt, den Gemüts- und Empfindungsinhalt abzusprechen.
[ 21 ] Haben wir da sehen können, wie wir das, was sich aus der Geisteswissenschaft heraus belebt, in der Welt wiederfinden können, so können wir jetzt sagen: Wir können auch das Leben befruchten von seiten der Geisteswissenschaft aus auf Gebieten, wo wir leichter einsehen, daß wir eine Befruchtung des Gemütes, eine Durchwärmung des Gemütes brauchen. Denn nicht nur diejenigen Dinge, die künstlerisch sind, die wissenschaftlich sind, sollen von der Geisteswissenschaft befruchtet werden, sondern das ganze Leben muß von der Geisteswissenschaft befruchtet werden.
[ 22 ] Als Beispiel sei noch ein Gebiet erwähnt, an dem wir ganz besonders sehen können, wie die geisteswissenschaftlichen Begriffe lebendig werden können im äußeren Leben. Ich will als Beispiel das Gebiet der Pädagogik, das Gebiet jeglicher Erziehungskunst wählen. Gehen wir aus von der Erziehung des Kindes durch den erwachsenen Menschen, Was macht sich eigentlich eine materialistische Zeitepoche für eine Vorstellung, wenn sie von der Erziehung des Kindes durch den erwachsenen Menschen spricht? Diese materialistische Zeitepoche sieht im Grunde genommen in beiden, in dem Erwachsenen und in dem Kinde, nur dasjenige, was die materialistische Anschauung gibt: ein Alter erzieht einen Jungen. Aber so ist es ja nicht. Der Alte ist äußerlich nur die Maja und der Junge ist auch äußerlich nur die Maja. In dem Alten haben wir etwas, was nicht in der Maja unmittelbar enthalten ist, den unsichtbaren Menschen, der von Inkarnation zu Inkarnation geht, und im Kinde haben wir auch den unsichtbaren Menschen, der von Inkarnation zu Inkarnation geht.
[ 23 ] Wir werden über solche Dinge noch sprechen. Aber ich will heute doch noch einiges anführen, was Ihnen im Verlaufe der Zeit - durch meditative Versenkung — das klarmacht, was es sonst in der Geisteswissenschaft gibt, und will davon ausgehen, daß der Mensch, der uns sonst in der Außenwelt entgegentritt, überhaupt nicht erziehen kann, und daß der Mensch, der uns als Kind in der Außenwelt entgegentritt, überhaupt nicht erzogen werden kann. In der Tat erzieht etwas Unsichtbares in dem Erzieher etwas Unsichtbares in dem zu Erziehenden. Richtig verstehen kann man die Sache nur, wenn man an dem Kinde, das aufwächst und das wir zu erziehen haben, das Augenmerk richtet auf das nach und nach sich entfaltende Ergebnis der vorhergehenden Inkarnationen. Aber wenn alles das, was aus den vorhergehenden Inkarnationen stammt, herausgewachsen ist, da ist es mit der Kindererziehung auch schon aus, da entzieht sich uns das Kind schon, besonders in der Gegenwart. Das, was wir eigentlich erziehen, ist das unsichtbare Ergebnis der früheren Inkarnationen. Das sichtbare Kind können wir nicht erziehen, auf das können wir nicht wirken. Wir wirken in der Tat auf das unsichtbare Ergebnis der früheren Inkarnationen. Das sichtbare Kind können wir nicht erziehen. So ist die Sache, wenn wir den Blick auf das Kind wenden.
[ 24 ] Jetzt wenden wir den Blick auf den Erzieher. Der kann während der ersten sieben Jahre nur durch das erziehen, was sich an ihm nachahmen läßt, und durch das, wodurch er als Autorität Einfluß gewinnt während der zweiten sieben Jahre; er kann endlich in den nächsten sieben Jahren einen Einfluß gewinnen durch das, was durch freie Urteilskraft erzieherisch wirkt. Alles was da wirkt in dem Erzieher, ist ganz und gar nicht in dem äußeren physischen Menschen. Was wir da in uns haben als Erzieher, das bekommt seine physische Gestalt erst in unserer nächsten Inkarnation. Denn alles das, was in uns solche Eigenschaften sind, die nachgeahmt werden dürfen, oder was in uns solche Eigenschaften sind, die unsere Autorität begründen, ist keimhaft in uns vorhanden und wird unsere nächste Inkarnation gestalten. Unsere eigene nächste Inkarnation als Erzieher redet mit den früheren Inkarnationen des Zöglings. Das ist Maja, daß wir als jetzige Menschen zum jetzigen Kinde reden. Wir fühlen nur richtig, wenn wir uns sagen: Dein Bestes in dir, was dein Geist denken, deine Seele fühlen kann, was sich vorbereitet in dir, um aus dir etwas zu machen in der nächsten Inkarnation, kann wirken auf das in dem Kinde, was aus uralten Zeiten in dem Kinde sich plastisch bilden will. Musikalisch ist erst in uns das, was erzieherisch wirken kann. Plastisch in dem Kinde sich ausgestaltend ist dasjenige, worauf wir wirken sollen.
[ 25 ] Nehmen Sie das zusammen, was ich in diesen Tagen gesagt habe über das Musikalische, wie es entspricht in seiner höchsten Ausgestaltung dem, was in der Initiation an den Menschen herantritt. Das Musikalische bezieht sich auf alles Entwickelungsmäßige, auf das Zukünftige, das Plastisch-Architektonische auf das Vergangene. Das wunderbatste plastische Kunstwerk, das uns entgegentritt, ist das Kind. Das, was wir als Erzieher haben sollen, ist die musikalische Stimmung, die als Zukunftsstimmung in uns sein kann. Das aber zu fühlen, zu fühlen so, wie es jetzt angedeutet worden ist, auf dem pädagogischen Felde, das gibt eine gewisse besondere Nuance dem Sich-Gegenüberstellen als Erzieher dem Kinde, denn das ist geeignet, die höchste Pflichtanforderung an sich selber als Erzieher zu stellen, und das größtmöglichste Maß von Verständnis selbst bei den größten Ungezogenheiten hervorzurufen, die uns von dem Zöglinge entgegengebracht werden können. In dieser Stimmung liegt wirklich eine Kraft der Erziehung.
[ 26 ] Wenn die Welt einmal sehen wird, wie dieses musikalische Gestimmtsein des Erziehers, verbunden mit der Anschauung der Plastik des Zöglings, die pädagogische Stimmung zu geben hat, wenn das durchdringen wird, wenn es sein wird das, was man von der erzieherischen Liebe, von der pädagogischen Liebe verlangen wird, dann wird die Pädagogik von der richtigen Luft durchtränkt sein, denn dann werden die Dinge so gesprochen, so gedacht, so gefühlt werden, daß lernen wird das Zukünftige selber das Vergangene lieben im Unterrichte, den der Erzieher erteilt. Dann werden wir finden, daß ein wunderbarer karmischer Ausgleich stattfindet zwischen dem Erzieher und seinem Zöglinge. Ein wunderbarer karmischer Ausgleich.
[ 27 ] Wenn der Erzieher egoistisch ist und nur anstrebt, aus dem Zögling dasjenige zu machen, was er selber ist, so ist die Erziehung eine rein luziferische. Luziferisch wird die Erziehung, wenn wir so viel als möglich den Zögling zum Abklatsch unserer eigenen Ansichten und Empfindungen machen wollen, uns nur freuen können, wenn wir heute etwas zum Zögling gesagt haben und er es morgen gleich nachplappert oder nachmacht. Das ist eine rein luziferische Erziehung. Allerdings, eine ahrimanische Erziehung entsteht, wenn der Zögling unter unserer Erziehung so ungezogen als möglich wird und so wenig als möglich von uns annimmt. Aber zwischen diesen zwei Extremen gibt es, ebenso wie zwischen Lasten und Stützen, eine Gleichgewichtslage. Diese wird bewirkt durch das MusikalischPlastische, das ich auseinandergesetzt habe. Da müssen wir unterscheiden lernen die Intentionen des Erziehers von dem, was aus dem Zögling wird. Wenn wir nur richtig gestimmt sind, werden wir die größten Freuden erleben, wenn wir uns bemühen, etwas ganz Bestimmtes an den Zögling heranzubringen, und wir uns sagen können: Nun, das, was du gewollt hast, ist er nicht geworden, aber er ist etwas geworden, zwar nicht das, was wir ihm beigebracht haben, aber er ist etwas geworden. Das ist das Eigentümliche, daß der Erzieher nur dadurch seinen Erzieheregoismus abstreifen kann, wenn er den Wunsch überwindet, daß das, was er als gut und recht ansieht, und namentlich, was er selber gerne denkt, in dem Zögling ein Abklatsch werde. Wenn wir als Erzieher die Gelassenheit erreichen, daß der Zögling uns so unähnlich als möglich werden kann, dann haben wir das Schönste erreicht.
[ 28 ] Man kann nun aber nicht sagen: Bitte, gib mir ein Rezept, wie man es macht, schreib mir ein paar Regeln auf, wie man erzieht in solcher Weise. — Das ist eben das Eigentümliche der geistigen Weltanschauung, daß man es nicht so machen kann mit einzelnen Regeln, sondern daß man wirklich auf die Geisteswissenschaft sich einlassen und sie aufnehmen muß, daß man sich durchdringen lassen muß von ihr, daß man die Gefühls- und Willensimpulse in sich bereichern lassen muß. Dann geschieht schon im einzelnen Falle, wo man hingestellt wird zu dieser oder jener Aufgabe im Leben, das Richtige. Die Hauptsache ist, daß wir es lebendig erfassen.
[ 29 ] Man könnte nun fragen: Welches ist im Sinne der Geisteswissenschaft die richtige Erziehungsmethode? Die richtige Antwort wäre: Die beste geisteswissenschaftliche Erziehungsmethode bestünde darinnen, daß möglichst viele Erzieher in die Geisteswissenschaft sich lebendig vertiefen und die Gefühle sich aneignen, die aus der Geisteswissenschaft kommen. Das ist allerdings das, was unbequemer ist, als so ein Handbüchlein der geisteswissenschaftlichen Erziehungskunst durchzulesen. Immer und immer wieder wird aber an die Geisteswissenschaft die Frage gestellt: Welches ist, in bezug auf dieses oder jenes, der geisteswissenschaftliche Standpunkt? Ja, die Geisteswissenschaft hat keinen Standpunkt oder, wenn Sie wollen, so viele Standpunkte als das Leben. Aber die Geisteswissenschaft muß selber Leben werden. Die Geisteswissenschaft selber muß man aufnehmen und in sich beleben, dann wird sie auf den verschiedenen Gebieten des Lebens ihre Früchte entfalten können. Dann werden die Menschen hinauskommen über das, was das Leben so austrocknet, was für das Leben so ertötend ist, über das Verlangen nach Einförmigkeit, könnte man sagen. Die äußere Wissenschaft verlangt die Einförmigkeit, die Geisteswissenschaft gibt Mannigfaltigkeit, jene Mannigfaltigkeit, die auch die Mannigfaltigkeit des Lebens selber ist. So wird die Geisteswissenschaft auch in bezug auf das Leben in dessen weitestem Bereich umgestaltend wirken müssen.
[ 30 ] Denn nehmen wir einmal das Leben, wie es auf mancherlei Gebieten heute ist. Man lernt bis zu einem gewissen Alter; man lernt bis zu einem gewissen Alter dieses, bis zu einem andern Alter jenes. Dann aber kommt die Zeit, wo man, wie man sagt, ins Leben eintritt und nicht mehr lernen will; selbst wenn man irgendeinen wissenschaftlichen Beruf hat, so will man nicht mehr gern lernen. Diejenigen, die dann noch lernen, mit ihrer Wissenschaft mitgehen, werden in unserer Zeit schon als seltene Tiere angesehen. Aber im ganzen verläuft das Leben doch zumeist so, daß man bis zu einem gewissen Lebensalter lernt und dann seine freie Zeit zubringt mit Kartenspiel oder andern unnützen Dingen, oder daß man solch eine Gesinnung entwickelt, wie sie mir einmal entgegengetreten ist. Ich wurde nämlich einmal aufgefordert von einem Kreise, in dem einige bildungsbedürftige Damen waren, zu einer Serie von literarisch-historischen Vorträgen. Nun kann man sagen, daß das noch weichere, man kann meinetwegen sagen, zurückgebliebenere Gehirn der Damen in unserer Zeit noch etwas mehr behalten hat von jenen alten Zeiten, in denen man bildsam das Gehirn erhalten wollte und das ganze Leben hindurch gelernt hat. In der Frauenwelt findet man das wirklich häufiger als in der Männerwelt. Aber diese Frauen hatten das Gefühl, daß sie zu diesem Vortragszyklus auch die Männer mitbringen müßten. Die Männer waren also dabei. Nicht alle schliefen ein, einzelne hörten wirklich zu. Aber dann wurde gesprochen, Tee getrunken und Kuchen gegessen, also das getan, was in manchen Kreisen als eine ganz notwendige Beigabe angesehen wird, wenn die Vorträge nicht allzu trocken sein sollen. Also es wurde auch gesprochen. Da hörte ich von manchen der Männer, nachdem ich über Goethes «Faust» vorgetragen hatte, das Urteil: Ja, den «Faust» auf der Bühne zu sehen, ist eigentlich kein künstlerischer Genuß, das ist auch kein Vergnügen, das ist eine Wissenschaft. - Und damit wollten sie darauf aufmerksam machen, daß, wenn ein Mensch den ganzen Tag im Büro gearbeitet hat, oder seine Kundschaft bedient hat, oder vor dem Gerichtstische gestanden, Zeugen verhört, Angeklagte verurteilt hat, er dann des Abends nicht mehr Goethes «Faust» anhören kann, sondern etwas braucht, was ein Vergnügen und keine Wissenschaft ist.
[ 31 ] Ich will mit diesem nur beispielsweise eine allgemeine Gesinnung in unserer Zeit andeuten, die Ihnen zweifellos bekannt ist. Man braucht sie nur anzuschlagen, so weiß jeder, daß sie sehr, sehr verbreitet ist und daß es viele Menschen gibt, die es ganz gewiß sonderbar finden werden, daß wir uns hier so schulmäßig zusammensetzen und, trotzdem manche von uns schon ein reichliches Alter erreicht haben, immer noch etwas in uns aufnehmen wollen in der Zeit, die man nach ihrer Meinung viel nützlicher verwenden könnte. Aber gerade darinnen wird ein völliger Umschwung sich vollziehen müssen, daß der Mensch nicht bloß den lernmäßigen Zusammenhang mit der Geisteswissenschaft wird haben wollen, sondern den lebendigen, fortdauernden Zusammenhang. Das ist es, was kommen wird. Die Geisteswissenschaft kann man nicht so in sich aufnehmen, wie man kompendienmäßig andere Wissenschaften aufnehmen kann, sondern die Geisteswissenschaft muß lebendig bleiben. Sie wird tot, wenn man ihren Inhalt nur aufgenommen hat und nicht im lebendigen Betriebe vereinigt mit ihr bleibt. Sie wird tot, sie stirbt ab, sie muß aber immer lebendig erhalten bleiben. In diesem Sinne muß die Geisteswissenschaft belebend wirken, sie muß das Menschenherz offen erhalten für alles das, was einfließen kann von der geistigen Welt in das Menschenherz, damit wir einer fortwährenden Evolution unterliegen.
[ 32 ] Zweifellos hat unsere Menschheit in unserer Epoche im ganzen etwas, was man nennen kann: sie ist alt geworden, sie hat nicht mehr im ganzen jene Jugendlichkeit, die sie in den mythischen Zeiten hatte. Die Geisteswissenschaft muß wieder ein Verjüngungstrank werden für die Menschen, so daß sie sich fühlen können ihr ganzes Leben hindurch als Schüler des Daseins. Auch da können wir merkwürdige Dinge in der Gegenwart erleben. Ich kenne einen geistig regsamen Mann, einen Mann, der sich sein ganzes Leben lang mit allen möglichen Ingredienzien unserer gegenwärtigen Geisteskultur beschäftigt hat. Er hat vor kurzem seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Da hatte er eigentümliche Ansichten in einer Art von Feuilleton geäußert. Er hat zum Beispiel gesagt: Ja, man hat — ich möchte die Sache ein wenig künstlerisch umgestalten, damit man nicht errät, wer es ist - mir angeboten einen künstlerischen Posten, nach dem ich mich viele Jahre gesehnt habe. Aber ich kann ihn jetzt eigentlich nicht mehr so recht wollen, nachdem ich das fünfzigste Jahr, die Greisenjahre, erreicht habe, denn, um einen solchen Posten auszufüllen, um auf die Menschen so zu wirken, die um einen herum sind und die man anregen muß, dazu muß man jung sein, dazu muß man eine phantastische Illusion entwickeln können. Und diese Illusion muß darin: bestehen, daß das, was man da zu tun hat, und daß die Menschen, mit denen man zu tun hat, die ganze Welt sind und daß alles andere wertlos ist. Das eigentlich Wertvolle ist das, was ich da um mich herum habe. Das Alter, in dem ich das hätte machen können, hatte ich vor fünfzehn Jahren. Jetzt ist es vorüber. Man sollte nicht warten, bis die Menschen Greise geworden sind, um sie in einflußreiche Stellungen zu bringen, sondern sie zum Beispiel zu Hofräten machen schon zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Jahre. - So ungefähr sagte dieser «alte» Mann.
[ 33 ] Es ist eine Stimmung, die durchaus, ich möchte sagen, im Tone oder im Timbre des Tones unserer Zeitkultur liegt. Es ist eine Stimmung, zu der der Mensch sehr leicht kommen kann, wenn er sich auseinandersetzt mit dem, was die materialistische Zeitkultur aus dem Menschen machen kann, denn sie hat nicht die Kraft, den ganzen Menschen zu erfüllen, sie hat nicht die Kraft, den ganzen Menschen durch das, was er an Inhalt aufnimmt, so recht in seinem Gemütsleben zu gestalten, daß das vorhält bis in sein höheres Alter. Die Geisteswissenschaft will aber den Beweis liefern, daß der Mensch, wenn er auch äußerlich alt wird, innerlich seelisch jung bleiben kann, und daß er sehr wohl, wenn er es bis zum fünfzigsten Jahre zu nichts Besonderem gebracht hat, auch noch im fünfzigsten Jahre zwar sich nicht der Illusion hinzugeben vermag, daß das, was er tut, das Wichtigste sei und alles andere dem Weltuntergange verfallen kann. Aber er kann so jung sein, daß er dem, was er zu tun hat, alle seine Kräfte weihen kann. Er kann es so jugendlich, und ich möchte sagen, kindlich erfassen, so daß er alle seine Kräfte konzentriert auf dasjenige, was ihm obliegt, wie das Kind alle seine Kräfte konzentriert auf sein Spiel. Ein verjüngender Zaubertrank, nicht bloß eine Theorie, muß die Geisteswissenschaft werden. Das ist auch ein umgestaltender Impuls. Von andern umgestaltenden Impulsen werde ich morgen sprechen.
