Rudolf Steiner in der Waldorfschule
GA 298
3 Mai 1923, Stuttgart
17. Ansprache bei einer Monatsfeier
[ 1 ] Meine lieben Kinder, Schüler und Schülerinnen! Wenn ich zu euch zu gehen habe in die Schule, ist es mir immer eine Freude. Als ich heute herkam, da fiel mir so etwas Seltsames ein:
[ 2 ] Es waren einmal zwei Kinder, die machten am Sonntag einen Spaziergang. Als sie heimgingen, da hatte jedes Kind einen Blumenstrauß. Das eine Kind sagte: Mein Blumenstrauß ist aber schön! Das andere sagte: Mein Blumenstrauß ist schön! — Jedem gefiel nur sein Blumenstrauß. Besonders aber gefiel der Blumenstrauß des einen Kindes dem anderen gar nicht. Das eine Kind hatte nämlich in seinem Blumenstrauß darin schöne Blumen, die voller süßer Säfte sind, aber auch gewöhnliches Gras, sogar etwas Ackerähren und sogar Disteln hatte dieses Kind in seinem Strauß. Das andere Kind hatte nur süße Blumen darinnen, lauter süße Blumen, und so sagte das Kind mit seinen süßen Blumen zu dem anderen: Weißt du, dein Blumenstrauß, wo du alles mögliche darinnen hast, der gefällt mir nicht! Aber ebenso mochte das andere Kind den Strauß mit nur süßen Blumen darinnen nicht leiden.
[ 3 ] Was glaubt ihr wohl, liebe Kinder, wie die Geschichte weitergeht? Nun seht einmal, meine lieben Kinder, das Kind mit dem Strauß mit Ähren und Disteln, das hat dem anderen Kinde etwas erzählt. Hört zu, was es ihm erzählt hat: Einmal bin ich auch am Sonntag spazieren gegangen und draußen im Freien bin ich eingeschlafen und habe geträumt. Aber was habe ich geträumt? Höre: ich lag auf einer Wiese so erzählte das Kind -, und da kamen große Tiere und kleine Tiere und die unterhielten sich miteinander. Da war ein ganz seltsames, sehr, sehr kleines, ganz winziges Tierchen und ein großes Tier. Das winzig kleine war eine Biene, das große ein Kalb. Und Kalb und Biene sprachen miteinander. Die Biene sagte nämlich: O du Kalb, du verstehst ja gar nichts von den Pflanzen, aber ich, ich verstehe alles, ich weiß, welche Pflanzen süß sind und aus denen sauge ich den Honig heraus. Den Honig bringe ich dann den Menschen, und die Menschen lieben den Honig so sehr, und wenn ich nicht zu all den schönen Blumen mit dem lieblichen Duft fliegen würde, so gäbe es keinen Honig für die Menschen. - Darauf sagte das Kalb: Weißt du, ich könnte nicht allein von den Blumen mit dem süßen Duft, die dir so gut schmecken, leben. Alle die Blumen, an denen du ganz unbekümmert vorüberfliegst, die muß ich fressen, und wenn ich sie nicht fressen würde, so gäbe es keine Milch auf der Welt. Ohne Milch könnten sich aber die Menschen nicht ernähren, und dann wäre auch kein Honig notwendig, denn dann wären ja keine Menschen da, die ihn genießen könnten!
[ 4 ] Auf diese Weise unterhielten sich die zwei Kinder miteinander. Und da verstand das Kind, das den Strauß mit den süßen Blumen hatte, daß es etwas lernen mußte. Das andere Kind hatte ja das Richtige schon durch seinen Traum gelernt. Das Kind mit den süßen Blumen verstand nämlich, daß es nicht nur süße Blumen geben kann; es verstand, daß es lauter verschiedene Arten von Blumen geben muß, die zusammenwirken, und jetzt lernte das Kind den Strauß lieben, der alle möglichen Pflanzen enthielt. Und das Kind, welches geschlafen und geträumt hatte, konnte sagen: Ja, das Kalb hat es gesagt: Es gibt solche Blumen und solche Blumen, aber alle Blumen werden gebraucht, und darum ist ein Strauß, der alle Arten von Pflanzen umfaßt, viel wertvoller und köstlicher als einer, der nur süße Blumen enthält!
[ 5 ] Nun, meine lieben Kinder, wenn ihr in die Schule geht, das ist für euch so, wie wenn ihr an einem schönen Sonntag einen Spaziergang macht, und aus der Schule sollt ihr das Allerbeste mit ins Leben hinausnehmen. Und wenn ihr einen Blumenstrauß ins Leben mitnehmen könnt von all dem, was eure lieben Lehrer euch gelehrt haben, so werdet ihr an einem solchen Blumenstrauß die größte Freude haben. Aber alle Blumen müssen drinnen sein, nicht bloß die süßen! Das müßt ihr lernen, daß ihr auch manchmal etwas in euch hineinnehmt, was nicht gerade süß ist. Wenn ihr ernsthaft und fleißig lernt, da werdet ihr merken, daß ihr in euer späteres Leben nicht nur einen Strauß mit süßen Blumen bringen könnt, sondern einen Strauß mit all dem Lebensvollen, von dem euer Leben abhängt. Denkt darüber nach, meine lieben Kinder, daß jedesmal, wenn eure Lehrer etwas Schweres von euch verlangen, ihr ihnen liebevoll gehorcht. Von der Schule bekommt ihr den schönsten Blumenstrauß für das Leben mit, und er wird euch am besten gefallen, wenn er alle verschiedenen Pflanzen des Lebens enthält. Jede Erinnerung an die Schulzeit wird euch eine Kraft fürs Leben geben. Denn die Menschenwesen, wenn sie erwachsen sind, gewinnen die schönsten Kräfte für ihr Leben, wenn sie einen solchen Blumenstrauß aus der Schule mitnehmen können. Das sind Lebenskräfte, die dauern bis zum Tode und noch über den Tod hinaus.
[ 6 ] Und nun wende ich mich an die Eltern. Ihnen möchte ich versichern, wie ich es bei jeder solchen Gelegenheit zu tun versuche, daß ich mir Ihres völligen Vertrauens wohl bewußt bin. Wir wollen wirklich versuchen, den Blumenstrauß für Ihre Kinder mit all den Pflanzen auszustatten, die für ein gesundes und fleißiges, aber auch befriedigendes Leben auf Erden geeignet und notwendig sind.
[ 7 ] Euch aber, meinen lieben Lehrern, bin ich herzlich dankbar dafür, daß Ihr Euch so viel Mühe gebt, den Strauß für unsere Kinder in der rechten Weise für ihre spätere und späteste Lebenszeit zusammenzusetzen.
[ 8 ] Darum erwarte ich von euch, meine lieben Kinder, daß ihr euren Lehrern all das entgegenbringt, was ihnen gebührt dafür, daß sie sich so viel Mühe für euch geben und mit solchem Eifer für euch arbeiten, ich meine: Dankbarkeit und Liebe!
[ 9 ] Und noch ein Wort möchte ich zu euch sprechen: man hat mir berichtet, daß ihr, außer daß ihr fleißig seid, auch noch Lärm machen könnt. Ich erinnere mich selbst, daß ich euch manchmal habe Lärm machen hören.
[ 10 ] Und jetzt wünsche ich es sogar, daß ihr Lärm macht und so schreit, daß dieser Saal von euren Worten widerhallt: «Wir haben unsere Lehrer lieb.»
[ 11 ] [Alle Kinder riefen begeistert, so laut sie konnten: Ja, wir haben unsere Lehrer lieb!]
