Geisteswissenschaft und Medizin
GA 312
7 April 1920, Dornach
Achtzehnter Vortrag
[ 1 ] Ich denke, es ist doch notwendig, daß in unser naturwissenschaftlich-medizinisches Studium dasjenige hineindringt, was man das Zurückgehen auf die wahren Ursprünge der pathologischen Erscheinungen nennen könnte. Es ist in der neueren Zeit immer mehr und mehr die Tendenz wirksam geworden, von den eigentlichen Ursprüngen abzusehen und die Dinge ins Auge zu fassen, die sich an der Oberfläche abspielen. Und mit diesen Dingen, mit diesem Hängenbleiben an der Oberfläche hängt es zusammen, daß man eigentlich heute meistenteils in der landläufigen Medizin, in der landläufigen Pathologie, wenn man anfängt, die Beschreibung irgendeines Krankheitstypus zu lesen oder zu hören, dann unterrichtet wird, was für ein Bazillus eigentlich diese Krankheit hervorruft, was da in den menschlichen Organismus eingezogen ist. Nun ist es natürlich furchtbar leicht, Einwände gegen dieses Einziehen der niederen Organismen zurückzuweisen aus dem einfachen Grunde, weil man ja nicht mehr nötig hat, erst darauf hinzuweisen, daß diese niederen Organismen da sind. Da sie sich auch wirklich in einer spezifischen Gestalt für verschiedene Erkrankungen zeigen, so ist es auch wiederum sehr begreiflich, daß auf diese spezifische Gestalt hingewiesen wird und geradezu ein Zusammenhang zwischen einer Krankheitsform und dieser spezifischen Bakteriengestalt aufgezeigt wird.
[ 2 ] Nun tritt schon, rein oberflächlich betrachtet, durch diese ganze Anschauung ein Irrtum ein, der darinnen besteht, daß man eigentlich von dem Primären dabei ganz abgelenkt wird. Denn bedenken Sie nur, wenn im Verlaufe irgendeiner Krankheit in irgendeinem Körperteile Bazillen in größerer Menge auftreten, ist es ja natürlich, daß diese Bazillen Erscheinungen hervorrufen, wie jeder Fremdkörper im Organismus Erscheinungen hervorruft, daß infolge des Vorhandenseins dieser Bazillen allerlei Entzündungen auftreten. Schreibt man nun alles der Wirksamkeit dieser Bazillen zu, so lenkt man die Aufmerksamkeit tatsächlich nur auf dasjenige, was eigentlich die Bazillen machen. Man lenkt dabei aber diese Aufmerksamkeit ab von dem eigentlichen Ursprung der Erkrankung. Denn jedesmal, wenn im Organismus niedere Organismen einen geeigneten Boden für ihre Entwickelung finden, so ist eben dieser geeignete Boden durch die eigentlichen primären Ursachen schon geschaffen. Auf dieses Gebiet der primären Ursachen muß einmal die Aufmerksamkeit gelenkt werden. Dazu muß ich Sie noch einmal zurückführen zu den Betrachtungswegen, die wir ja schon eingeschlagen haben und die noch einmal kurz unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen sollen.
[ 3 ] Betrachten Sie noch einmal die die Erde bedeckende Pflanzenfläche, das heißt die Summe alles dessen, was zur Vegetation der Erde gehört. Wir müssen uns klar sein darüber, daß diese ganze Vegetation der Erde, wie sie von der Erde aus dem Weltenraum entgegenwächst, nicht bloß aus der Erde heraus diesem Weltenraum entgegengeschickt wird, sondern daß sie hinausgezogen wird durch Kräfte, daß also, wie wir ja schon gehört haben, überall hier Kräfte wirken, welche zum Pflanzenwachstum genau ebenso gehören wie die Kräfte, die von der Erde aus in die Pflanze hineinwirken. Es ist eine fortwährende Wechselwirkung zwischen den Kräften, die von der Erde aus in die Pflanze hineinwirken, und zwischen den Kräften, die aus dem außerirdischen Kosmos auf die Pflanze wirken. Nun, worinnen besteht diese Wirkungsweise, die ja eigentlich in unserer Umgebung fortwährend vorhanden ist? Würde es dazu kommen, daß diese Kräfte, die da aus dem Kosmos hereinwirken, voll zum Ausdruck kommen, daß sie also ganz die Pflanze ergreifen könnten, würden nicht die Planeten dafür sorgen, daß sich diese Kräfte auch wiederum zurückziehen können, daß sie also nicht voll die Pflanze umfassen, so würde die Pflanze, wenn sie vom Stengel aus der Blüte und dem Samen entgegenwächst, immer die Tendenz haben, zum Tiere zu werden. Es ist die Tendenz vorhanden der Tierwerdung. Das, was da aus dem Kosmos hereinwirkt, dem wirkt auf der anderen Seite wiederum entgegen aus der Erde herein bei der Pflanze die Tendenz, das Pflanzensein zu unterdrücken und innerhalb des Pflanzenseins sich zu mineralisieren.
[ 4 ] Also ich mache darauf aufmerksam, daß eigentlich das Pflanzensein die Mitte hält zwischen dem Hinneigen zum Versalzen, zum Ablagern von Mineralien in der Pflanzensubstanz, zum Mineralisieren und zum Sichentzünden, zum Tierwerden. Das ist etwas, was fortwährend vorhanden ist in der äußeren Natur.
[ 5 ] Dies aber, was ich Ihnen jetzt beschrieben habe, ist auch fortwährend vorhanden verinnerlicht, zentralisiert in dem menschlichen Organismus selber. Der menschliche Organismus ist dadurch, daß er eine Lunge hat, eine richtige kleine Erde, und alles dasjenige, was von der Lunge aus wirkt, wirkt geradeso im menschlichen Organismus nach unten, wie von der Erde aus in den Pflanzenorganismus nach oben die Kräfte hineinwirken, die eben von der Erde aus in den Pflanzenorganismus hineingehen. Und alles dasjenige, was durch die Atmung und Herztätigkeit dem inneren Lungenstoffwechsel und so weiter entgegenkommt, das wirkt so wie dieses Kosmische draußen (siehe Zeichnung Seite 330).
[ 6 ] Nun besteht eine Notwendigkeit im menschlichen Organismus. Es besteht die Notwendigkeit, daß alles dasjenige, was sich zuletzt konzentriert vom Organismus aus in der Herztätigkeit, ferngehalten wird dem, was sich organisiert, sich zuletzt konzentrierend in dem inneren Stoffwechsel der Lunge. Diese zwei Tätigkeiten, die dürfen nicht anders aufeinander wirken, als daß zwischen ihnen gewissermaßen — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf — ein ätherisches Zwerchfell ist oder ein astralisches Zwerchfell. Diese beiden Tätigkeiten müssen auseinandergehalten werden. Und wir müssen die Frage aufwerfen: Ist dieses Zwerchfell — ich gebrauche das Wort nur, um ein Bild anzudeuten — wirklich vorhanden? Gibt es ein solches Zwerchfell, welches abhält die Kopf-, Hals-, Lungentätigkeit, sich zu vermischen mit der Bauch- und Brusttätigkeit anders als durch den äußeren Atmungsrhythmus? — Dieses Zwerchfell gibt es, und es ist der äußere Atmungsrhythmus selber. Und da kommen Sie auf die Ineinanderstimmung des oberen und des unteren Menschen. Dasjenige, das man rhythmische Tätigkeit im Menschen nennt, dieses rhythmische Erzittern, welches sich äußerlich physisch ausdrückt im Atmungsrhythmus, dieses physische Erzittern setzt sich bis in die Äther- und Astraltätigkeit hinein fort und hält die Erdenkräfte des oberen Menschen, die noch in die Lunge hinein sich konzentrieren, und die Himmelskräfte des unteren Menschen auseinander, die durch die Tätigkeit, die im Herzen dann ihren Ausdruck findet, von unten nach oben wirken, so wie sie im Kosmos von der Peripherie nach dem Zentrum der Erde hin wirken.
[ 7 ] Stellen Sie sich nun vor, daß der Rhythmus, der da in Betracht kommt, nicht ordentlich wirkt, dann ist das Zwerchfell, das ich hier bildlich gebrauche, das ja nicht physisch da ist, das aber eben durch das Aufeinanderschlagen der Rhythmen bewirkt wird, nicht in Ordnung. Dann kann das eintreten, welches analog ist einer zu starken Tätigkeit der Erde für die Pflanzen. Wenn die salzende Tätigkeit der Erde auf die Pflanzen zu stark würde, würden die Pflanzen zu mineralisch werden. Dann tritt das ein, daß gewissermaßen die Ätherpflanze, die eingebaut ist in die Lunge, die herauswächst aus der Lunge, wie die physische Pflanze aus der Erde herauswächst, der Anlaß wird, sagen wir, zur Lungenverhärtung. So daß wir in der Tat finden, daß diese Mineralisierungstendenz der Pflanze zu stark werden kann auch im menschlichen Organismus.
[ 8 ] Aber es kann auch die Tierwerdetendenz zu stark werden. Wenn die Tierwerdetendenz zu stark wird, dann wird da im Organismus, im oberen Teil des Organismus eine Sphäre geschaffen, die nicht da sein sollte. Es wird eine Sphäre geschaffen, in die diese Organe eingebettet sind wie in eine Äthersphäre und die dem günstig ist, was nicht begünstigt werden darf im Organismus, dem Leben von kleinen Pflanzentieren. Da wird eine Sphäre geschaffen, welche günstig ist den kleinen Pflanzentieren. Woher die kommen, braucht uns gar nicht zu interessieren. Das muß uns interessieren, wodurch für sie eine günstige Lebenssphäre geschaffen wird. Diese günstige Lebenssphäre darf nicht da sein. Sie muß so wirken im Organismus, daß ihre Tätigkeit sich über den ganzen Organismus ausdehnt. Sie darf nicht als eine besondere Einschlußsphäre hier entstehen. Wenn sie sich über den ganzen Organismus ausdehnt, so unterhält sie das Leben des ganzen Organismus. Macht sie sich geltend als eine kleine Einschlußsphäre, so wird sie die Atmosphäre für die Lebensbedingungen kleiner Pflanzentiere, die wir dann nachweisen können in allem, wenigstens in vielem, was den oberen Menschen erkranken macht.
[ 9 ] So müssen wir eben in dem Zurückgehen auf die rhythmische Tätigkeit und ihre Störung das Schaffen einer besonderen Sphäre statt der allgemeinen über den Organismus verbreiteten Sphäre suchen und uns das Rätsel des Bazilleneinflusses in dem menschlichen Organismus lösen. Aber ohne daß man auf die geistigen Ursachen zurückgeht, kommt man nicht dazu, dieses Rätsel zu lösen.
[ 10 ] Genau dasjenige, was hier vorgeht für das Pflanzenleben — ich meine jetzt zunächst in dem Äußeren der Erde —, das geht vor in dem Äußeren der Erde für das äußere Leben der Tiere und des Menschen selber. Auch da wirken auf Menschen und Tiere außen gewisse Kräfte ein, die aus dem außerirdischen Kosmos kommen und die entgegenwirken den Kräften, die von innen kommen (siehe Zeichnung Seite 330, orange). Die Kräfte, die von dem Innern der Erde kommen, die sind für den Menschen lokalisiert in gewissen Organen des oberen Menschen, während die Kräfte, die von außen hereinströmen, lokalisiert sind beim Menschen in Organen, die dem Unterleib angehören. Wiederum muß, wenn ich so sagen darf, eine Scheidewand zwischen diesen beiden Betätigungen, die hier in Betracht kommen, geschaffen werden. Die normale Regelung dieser Scheidung ist bewirkt durch die Milztätigkeit des Menschen. Wir sehen auch da wiederum den Rhythmus in dem menschlichen Organismus tätig. Nur ist dieser Rhythmus jetzt ein anderer als der Atmungsrhythmus. Der Atmungsrhythmus erfolgt in kleinen Schwingungen und läuft durch das ganze Leben des Menschen, muß in Ordnung sein, damit nicht obere Krankheiten entstehen oder solche Krankheiten, die nur mit dem Oberen des Menschen zu tun haben. Denn es können auch im Oberen des Menschen Krankheiten sein, die von unten verursacht werden, weil ja die Verdauung sich nach oben erstreckt und ebenso auch nach unten. Das muß unterschieden werden. Wir können uns nicht schematisch den Menschen gegliedert denken, sondern die einzelnen Glieder einander durchdringend. Aber es muß eine Scheidewand sein zwischen dem, was von oben aus wirkt, wie wenn es von der Erde her käme, und dem, was von unten heraufwirkt, wie wenn es aus dem himmlischen Raum käme. Wir schicken in der Tat den Kräften, die aus unserem oberen Menschen kommen, die Kräfte unseres unteren Menschen entgegen, und ein geregelter Rhythmus für jede einzelne menschliche Individualität muß bestehen zwischen beiden, der sich ausdrückt in dem richtigen Verhältnis zwischen Wachen und Schlafen. Jedesmal, wenn wir wachen, ist in einer gewissen Weise der eine Ausschlag dieses Rhythmus da, wenn wir schlafen, ist der andere Ausschlag dieses Rhythmus da. In diesen Rhythmus Wachen-Schlafen, Wachen-Schlafen ordnen sich, wie kleinere Wellenberge des Rhythmus bewirkend, andere rhythmische Abläufe ein, welche einfach dadurch herbeigeführt werden, daß wir auch im Wachzustande mit unserem Oberen des Menschen wachen und mit unserem unteren Menschen schlafen. Es findet eine fortwährende rhythmische Tätigkeit zwischen dem oberen und dem unteren Menschen statt, die nur, ich möchte sagen, in größeren Rhythmen eingefangen wird durch die Abwechslung von Wachen und Schlafen.
[ 11 ] Denken Sie sich nun, es kommt zu einer Durchbrechung dieser Grenze, die in dem Rhythmus in dieser Art zwischen dem oberen und dem unteren Menschen besteht. Was geschieht dann? Dann geschieht in der Regel das, daß von oben her in den Unterleib die obere Tätigkeit des Menschen einbricht. Dann kommt ein ätherischer Durchbruch zustande. Es dringt dasjenige, was bloß im Oberleibe des Menschen ätherisch tätig sein soll, in den Unterleib ein. Ein Durchbruch feinerer Kräfte findet statt. Dadurch aber, daß ein Durchbruch feinerer Kräfte in den Unterleib stattfindet, wird hier eine solche Sphäre geschaffen, die wiederum nicht da sein soll, welche verbreitet sein soll über den ganzen Menschen, nicht im Unterleibe lokalisiert sein soll. Als die Folge eines solchen Durchbruches tritt sogar eine Art Vergiftung, Intoxierung des Unterleibes ein. Die Tätigkeit des Unterleibes kann nicht mehr in ordentlicher Weise ausgeführt werden, wenn die Tätigkeit des Oberleibes in dieser Weise eintritt. Aber außerdem ist dasjenige, was hier als eine neue Sphäre geschaffen wird, eine Atmosphäre für niedere Organismen tierpflanzlicher Art zumeist. Und Sie können daher folgendes sagen. Sie können sagen: Durch den Durchbruch von oben wird im Menschen hervorgerufen das, was im Menschen wird zum abdominalen Typhus. Dadurch, daß als Begleiterscheinung eine solche Atmosphäre auftritt, die lokalisiert ist im Unterleibe, wird für den Typhusbazillus das geschaffen, was seine Lebensbedingungen sind.
[ 12 ] Da haben Sie reinlich auseinandergehalten dasjenige, was primär ist, und dasjenige, was sekundär ist, und Sie werden, wenn Sie so reinlich auseinanderhalten, sagen wir, das, was primär ist, und das, was sekundär ist, dann auch sich sagen: Man muß unterscheiden zwischen dem, was die ursprünglichen Gründe für eine solche Erkrankung sind, und zwischen dem, was etwa als entzündliche Erscheinungen einfach dadurch entsteht, daß dieses ganze Heer einer Darmfauna oder -flora auftritt, besonders im Dünndarm. Alles dasjenige, was physisch im Dünndarm auftritt einschließlich der Bazillen — wir brauchen uns wiederum nicht über ihre Herkunft zu unterhalten, denn sie können nicht da vegetieren und animalisieren, wenn ihnen nicht die Atmosphäre geschaffen ist dazu —, alles dasjenige, was da als eine Tätigkeit dieser vegetabilisch-animalischen oder animalisch-vegetabilischen Wesenheiten eintritt, alles das ist die Reaktion auf den Vorgang des Durchbruches der oberen Tätigkeit in die untere Tätigkeit des menschlichen Organismus. Alles das ist schon Folgeerscheinung. So daß es sich darum handeln wird, den Heilungsprozeß zu suchen nicht dadurch, daß man auf das Sekundäre geht, sondern dadurch, daß man auf das Primäre geht. Darüber wollen wir dann noch sprechen, denn über diese Dinge läßt sich eigentlich nur sprechen, wenn man in der Lage ist, auf ihre wahren Ursachen zurückzugehen. Das ist der heutigen landläufigen Medizin, der offiziellen landläufigen Medizin, fast gar nicht gut möglich, weil sie ja eine Betrachtung ausschließt, die von dem materiellen Prozeß zu dem geistigen Prozeß übergeht. Allem Materiellen liegt aber das Geistige zugrunde. Sie werden mit Leichtigkeit sich das Krankheitsbild, sagen wir, gerade von Typhus abdominalis bilden können, wenn Sie das ins Auge fassen, was hier eben auseinandergesetzt worden ist. Denken Sie doch nur, daß diese Erkrankung sehr häufig verknüpft ist mit katarrhalischen Erscheinungen der Lunge, auch mit Bewußtseinsstörungen. Die katarrhalischen Erscheinungen in der Lunge kommen davon her, daß dem oberen Menschen entzogen wird, was im unteren Menschen auftritt. Das ist ja gar nicht mehr darinnen enthalten, was im unteren Menschen auftritt, wenn der Durchbruch geschehen ist. Ebenso können die Organe, welche das Bewußtsein vermitteln im oberen Menschen, nicht mehr ordentlich wirken, wenn der Durchbruch dessen, was ihre Tätigkeit vermitteln sollte, in den unteren Menschen hinein erfolgt ist. Das ganze Bild des Typhus abdominalis tritt Ihnen vor die Seele, wenn Sie diese primäre Ursächlichkeit wirklich ins Auge fassen.
[ 13 ] Ich möchte sagen, dasjenige, was man sonst immer nur von außen anschaut, das Zusammenhalten der äußerlichen, nicht zusammengehörigen Symptome, das tritt einem so entgegen, daß man, ich möchte sagen, es aus seinen Daseinsbeziehungen malen könnte. Das kann natürlich auch unter Umständen im Unterbewußtsein des Menschen so stark wirken, daß wirklich ein Drang entsteht im Menschen, es zunächst, ich möchte sagen, prophetisch zu objektivieren, bevor es sich in den Organismus selber hineinmalt. Dann wird der Mensch den Drang verspüren, das, was in seinem Oberleibe sich ihm entzieht, durch irgendwelche blauen Farbflecke auf die Wand zu malen, und das, was in seinem Unterleibe sich ihm entzieht, durch rote Farbflecke an die Wand zu malen. Wenn irgendwo ein Individuum herumgeht, das sich berufen fühlt, Künstler zu sein und nicht Schneider oder Schuster, das aber wenig gelernt hat in bezug auf die Technik der Malerei, dann können Sie es erleben, daß, wenn dieses Individuum stark genug, robust genug ist zu gleicher Zeit — wozu man nicht äußerlich robust sein muß —, fortwährend entstehen wollende Unterleibserkrankungen zu unterdrücken, es diese Unterleibserkrankungen an die Wand objektiviert, statt sie in den Leib hineinzunehmen. Sie können in der expressionistischen Malerei die Produkte dieser merkwürdigen Tätigkeit finden. Suchen Sie sich in vielem, was Ihnen in expressionistischen Malereien zutage tritt, in alledem, was in den roten und gelben Farben hervortritt, das Befinden des Betreffenden in bezug auf seinen Unterleib. Und suchen Sie sich aus all dem, was blauviolett dadrinnen ist, einen Vers zu bilden auf sein Befinden in dem Oberleibe, in der Lunge oder in all dem, was mit der Lungentätigkeit nach dem Haupte hinauf rhythmisch sich betätigt. Dann, wenn Sie auf solche Dinge eingehen, dann werden Sie auch einen merkwürdigen Einklang finden zwischen dem, was ein Mensch überhaupt tut, und dem, wie er innerlich organisiert ist. Sie werden sich eine gewisse Intuition schaffen aus der Art, wie ein Mensch sich darlebt, ein Bild zu machen von dem Funktionieren seines Leibes. Denn in der Tat ist es so, daß es ganz falsch ist, zu glauben, daß die seelische Tätigkeit, die der Mensch in der äußeren Welt betätigt, durch sein ganzes Auftreten, durch sein ganzes Tun nur etwa abhinge von seinem Nervensystem. Es hängt vom ganzen Menschen ab. Es ist ein Bild des ganzen Menschen. Man kann es zu einer intuitiven Anschauung bringen, schon beim Kinde beobachten zu können, wie eigentlich dieser intellektuelle Mensch beschaffen ist, wie er dem späteren Alter entgegenstrebt, wenn man sich vergegenwärtigt, wie jemand zum Beispiel, der dazu verurteilt ist, all die Schädigungen zu übernehmen im späteren Alter eines zurückgebliebenen Wachstums, in der Kindheit einfach zeigt, daß dasjenige, was ihn nicht nach oben kommen läßt, ihn veranlaßt dazu, plump, stark aufzutreten. Aus der Art und Weise, ob ein Kind verhältnismäßig leicht auftritt oder ob es stark auftritt, können Sie sich eine intuitive Vorstellung machen von dem, wie es wachsen wird. Zahlreiche ähnliche Erscheinungen, die weisen uns darauf hin, wie die ganze Geste, die ganze Gebärde des menschlichen Auftretens eben nichts anderes ist als eine in Bewegung gekommene Wechselwirkung der inneren Glieder des menschlichen Organismus.
[ 14 ] Es wäre schon zu wünschen, daß in das medizinische Studium solche Dinge aufgenommen würden. Denn denken Sie, daß die günstigsten Vorbedingungen für diese Sachen da sind. Ist man ein junger Mensch im Beginne der Zwanzigerjahre, so hat man die größtmögliche Gelegenheit, in solche Dinge sich hineinzuvertiefen. Sobald die Dreißigerjahre erlangt sind, hat man dieses Talent verloren. Da kann man sich nicht mehr so leicht in diese Dinge hineinfinden. Man kann sich erziehen, sehr stark selbst trainieren, um sich in solche Intuitionen hineinzuversetzen. Man kann auch durch gewisse Anlagen, die einem geblieben sind trotz der verheerenden Dressur unseres mittleren und namentlich unseres höheren Studiums, man kann sich durch Zurückversetzen in dasjenige, was einem aus der Kindheit noch an aktiven Kräften geblieben ist, trainieren zu einem solchen Anschauen des Menschen. Aber würde auf die intimere plastische Anatomie und Physiologie im medizinischen Studium der richtige Wert gelegt, dann würde das ungeheuer helfen im ganzen Behandeln der Menschheit.
[ 15 ] So müssen nach ihren primären Ursachen diejenigen Erkrankungen auch angesehen werden, die durchaus, trotzdem sie im Menschen so wie geschildert geartete primäre Ursachen haben, epidemisch auftreten können. Denn bei all denjenigen Menschen, die zum Beispiel leicht zu einer Schädigung ihres Kopf-Brust-Rhythmus, der das Gröbste im Atmungsrhythmus hat, neigen, ist eine Disposition vorhanden, gewisse atmosphärische Erscheinungen, auch gewisse außertellurische Erscheinungen, stark auf sich wirken zu lassen. Andere, die von vornherein in gesunder Weise in bezug auf ihr Atmungssystem eingerichtet sind, bei denen wird Widerstand geleistet gegen solche Einflüsse. Denken Sie sich zum Beispiel — ich will etwas herausgreifen: es ist immer natürlich wieder so, daß andere Ursachen wiederum störend eingreifen können, aber verstehen, worauf es ankommt, kann man doch, wenn man in dieser Weise die Sache schildert —, denken Sie sich, man hätte es einmal zu tun in einem Winter mit einer starken Beeinflussung der Sonnentätigkeit — ich sage jetzt nicht der Lichtwirkung, sondern der Sonnentätigkeit — durch die äußeren Planeten Mars, Jupiter, Saturn. Eine solche Winterkonstellation wirkt anders, als wenn die Sonnentätigkeit durch das Fernabstehen von Mars, Jupiter und Saturn für sich allein zur Geltung kommt. Wenn ein solcher Winter da ist — man kann es schon bemerken an den atmosphärischen Erscheinungen, sie sind anders, als sie sonst sind —, dann wird ein starker Einfluß bei dazu disponierten Personen geübt auf die rhythmische Tätigkeit, die zwischen Brust und Kopf verläuft und die ihren gröbsten Ausdruck in der Atmungstätigkeit findet. Man kann sagen: Die Neigung, diesen Rhythmus regelmäßig zu machen, die wird durch eine solche kosmische Konstellation wesentlich verstärkt bei den Menschen, die zum Beispiel herausgeboren sind aus gesunden Verhältnissen, die robust sind in bezug auf ihr Inneres. Sie können dabei äußerlich sehr schmächtig sein. Bei denen ist ein sehr stark geregelter Atmungsrhythmus da, und entsprechend ist der Kopf-Brust-Rhythmus überhaupt dann stark geregelt. Ein solcher innerlich gefestigter Rhythmus, der läßt sich nicht leicht bestimmen von dem, was außen wirkt. Da müssen schon starke Insulte kommen, wenn Sie ihn bestimmen wollen. Bei wem aber schon dieser Rhythmus in einer gewissen Weise unregelmäßig verläuft, auf den wirkt ein solcher Einfluß, wie ich ihn geschildert habe, außerordentlich stark, denn der schon geschädigte Rhythmus hat die Tendenz, sich noch weiter schädigen zu lassen, und alle diejenigen Menschen, die dann auftreten mit solchen Dispositionen an denjenigen Orten der Erde, auf die diese Konstellation des Himmels besonders wirkt, sind zum Beispiel die Kandidaten für die sogenannte Influenza und für die Grippe. Diese Dinge müssen durchaus da sein, wenn der besondere Grund und Boden für so etwas wie für Influenza und Grippe geschaffen werden soll.
[ 16 ] Dagegen ist ein etwas Komplizierteres vorhanden in einem anderen Falle. Natürlich, alle rhythmische Tätigkeit des Menschen ist so, daß, trotzdem jeder einzelne Rhythmus für sich eine Einheit bildet, der fortdauernd kontinuierliche Rhythmus in der Atmung seinen gröbsten Ausdruck bekommt und auch derjenige Rhythmus, der dann beeinflußt wird von dem Schlafen-Wachen-Rhythmus, sie alle zusammen wieder eine Einheit in dem ganzen rhythmischen System des Menschen bilden. Und es kann der Fall eintreten, daß dadurch, daß der obere Rhythmus, der Kopf-Brust-Rhythmus, schwach wird, sich der untere Rhythmus relativ zu stark geltend macht. Dann, wenn der obere Rhythmus zu schwach wird, also schon aus seiner richtigen Lage draußen ist, dann hat er eine Neigung, sich durch den unteren Rhythmus noch unregelmäßiger machen zu lassen, und dann wirkt der untere Rhythmus, der ausgeht von der Milztätigkeit und noch anderen Tätigkeiten, auf die wir noch zu sprechen kommen werden, zu stark nach oben, und dadurch wird die Disposition dazu geschaffen, daß gewissermaßen ° eine Hypertrophie des oberen Verdauungsprozesses hervorgerufen wird mit all ihren Folgeerscheinungen. Und wiederum wird eine besonders günstige Sphäre geschaffen für die Lebensbedingungen gewisser niederer Organismen. Das ganze Bild, das dann auftritt, ist das, daß sich in die obere Organisation entzündliche und auch Lähmungserscheinungen einschleichen, daß sich aber in dieser oberen Organisation sogar die Anfänge von organischen Mißbildungen, organischen Neubildungen zeigen — kurz, wir haben das Krankheitsbild der Diphtherie. Es ist, ich möchte sagen, eine Art Durchbruch von unten nach oben, entgegengesetzt dem Typhusdurchbruch, der von oben nach unten erfolgt, und es ist im wesentlichen hervorgerufen durch das, was ich geschildert habe.
[ 17 ] Alle diese Dinge sind natürlich auch so, daß man dabei das Lebensalter des Menschen berücksichtigen muß. Denken Sie doch nur, daß während der Kindheitsepoche des Menschen das ganze Zusammenwirken des oberen und des unteren Menschen, also auch die vermittelnde rhythmische Tätigkeit eine ganz andere sein muß als im späteren Leben. Im Kindheitsalter muß zum Beispiel eine viel stärkere Wirkung des oberen Menschen auf den unteren Menschen ausgeübt werden als im späteren Leben. In Wirklichkeit «denkt» das Kind mehr als der erwachsene Mensch. So sonderbar es klingt, aber wahr ist es doch, nur daß die Gedanken des Kindes nicht bewußt werden, sondern in den Organismus hineingehen und in seinem Wachsen, in seinen Formen auftreten. Besonders in den ersten Lebensjahren ist das sehr stark, daß die Denktätigkeit verwendet wird auf die Bildungskräfte des Leibes. Braucht der Leib nicht mehr so viel für sich zu verwenden von den Bildekräften, dann staut er sie gewissermaßen zurück, und sie werden die Grundkräfte für das Gedächtnis. Das Gedächtnis tritt daher immer erst dann hervor, wenn der Organismus weniger die Bildekräfte in Anspruch nimmt. Denn die Kräfte, die organisch dem zugrunde liegen, sind die umgewandelten Wachstums- und Bildekräfte, die besonders stark in Anspruch genommen werden für die Plastik des Organismus in den ersten Lebensjahren. Alles beruht im Grunde auf der Metamorphose. Dasjenige, was uns als Geistiges entgegentritt, ist nur das Zurückvergeistigte desjenigen, was früher mehr leiblich gewirkt hat, wo der Geist in die Materie eingezogen ist. Daher muß es begreiflich erscheinen, daß starke Abwehrkräfte vorhanden sein müssen gerade in dem Kinde gegen manches, was im Unterleibe auftritt. Im Unterleibe tritt ja besonders dasjenige auf, was himmlisch ist, was also außerirdisch ist. Denken Sie wiederum, es ist eine besondere Konstellation da im Außerirdischen, durch die Stellung der Sonne zu anderen Planeten bewirkt, die so wirkt, daß eine starke Spiegelung dieser Sternkonstellationen in den menschlichen Unterleibern entsteht. Was wird die Folge sein? Bei Erwachsenen, wo sich, ich möchte sagen, die rhythmische Tätigkeit zwischen dem oberen und dem unteren Menschen schon zu einer gewissen Beruhigung gebracht hat, wird das wenig ausmachen. Bei dem Kinde wird ein starkes Abwehren stattfinden müssen desjenigen, was da aus dem Kosmos im Unterleibe sich spiegeln will. Wenn also durch eine besonders kosmische Konstellation der Unterleib des Kindes sehr stark affiziert wird, so muß sich der obere Mensch des Kindes außerordentlich stark wehren. Dieses krampfhafte Anwenden der Kräfte, die eigentlich nicht so stark angewendet werden sollten in dem kindlichen oberen Menschen, das gibt Meningitis cerebrospinalis epidemica. So daß Sie hier durchaus hineinsehen können in die Art und Weise, wie aus der außermenschlichen Natur in den Menschen diese Dinge hineingeschickt werden. Ich möchte sagen, wenn Sie wiederum das hinter Ihren Anschauungen haben, können Sie das ganze Bild der Meningitis malen bis in die Versteifung der Nackenmuskeln hinein. Denn dadurch, daß eine solche Anstrengung des oberen Menschen beim Kinde stattfindet, müssen einfach entzündliche Erscheinungen eintreten in den oberen Organen, in den Häuten des Rückenmarkes oder des Gehirnes, die dann so wirken, daß sie die anderen Erscheinungen eben im Gefolge haben.
[ 18 ] Es ist sehr notwendig, daß vor allen Dingen der Blick geschärft werde für dieses Zusammenschauen des Menschen, erstens in bezug auf die Wechselwirkung seiner eigenen Glieder und in bezug auf die Wechselwirkung desjenigen, was in ihm ist, mit der außermenschlichen und sogar mit der außerirdischen Natur. Ich möchte natürlich durchaus nicht, daß durch solche Dinge gerade Horoskopstellerei und dergleichen, die ich in vieler Beziehung, wie sie heute auftritt, für den größten Unfug halte, überhandnimmt, aber es genügt schon, wenn man das Bewußtsein hat, wovon solche Dinge herkommen. Wir werden namentlich sehen, wie für den Heilungsprozeß dieses Bewußtsein notwendig ist. Denn es kommt ja dabei wirklich weniger an darauf, ob wir sagen können: Durch die Quadratur dieses Sternes mit jenem Stern wird das oder jenes hervorgerufen. — Das kann uns unter Umständen für eine kosmische Diagnose nützen, aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, daß man heilen kann. Da werden wir eben von unserer heutigen Betrachtung dann morgen übergehen zu der Betrachtung derjenigen Substanzen in der außermenschlichen Natur, die Abwehrsubstanzen sind, Abwehrkräfte enthalten für dasjenige, was in dieser Weise hereingeschickt wird in den menschlichen Organismus. Es wäre überhaupt notwendig, daß in dieser Beziehung dieses Erkennen des oberen Menschen und des unteren Menschen mehr Platz griffe in der ärztlichen Wissenschaft, denn ich meine, aus der Kraft dieses Erkennens würde ein Zusammenwirken der Ärzte im Interesse der menschlichen Gesundheit hervorgehen. Wenn sich der Arzt spezialisiert, so verliert er das Interesse für den Gesamtmenschen. Nun will ich gar nicht sagen, daß sich der Arzt nicht spezialisieren soll, weil einfach die Techniken, die auftreten im Laufe der Zeit, diese Spezialisierungen bis zu einem gewissen Grade hervorrufen. Aber wenn die Spezialisierung eintritt, so soll ja wiederum, ich möchte sagen, die Zusammenwirkung, die Sozialisierung der sich spezialisierenden Ärzte immer größer und größer werden.
[ 19 ] Das wird ja auch ersichtlich, wenn man so etwas betrachtet wie dasjenige, um das auch gefragt worden ist, ich meine die Pyorrhoea alveolaris, die Eiterung des Alveolarrandes. Wenn das auftritt, so hat man es eigentlich immer zu tun nicht bloß mit etwas Lokalem, was manche glauben, sondern man hat es zu tun mindestens mit einer Disposition des ganzen Organismus, die sich nur lokalisiert eben in der Zahngegend. Würde zum Beispiel zur Gewohnheit werden, daß Zahnärzte, die das Auftreten dieser Krankheit bemerken, irgendwie dafür sorgten, daß andere Ärzte den Gedanken bei sich aufkommen lassen: Der betreffende Mensch, bei dem diese Eiterung aufgetreten ist, ist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Kandidat des Diabetes, dann würde sehr viel Wohltätiges geleistet werden können. Denn dasjenige, was wir ja bis zu einem gewissen Grade schon charakterisiert haben, was in dem Diabetes zum Ausdruck kommt, das ist eigentlich, solange es im oberen Menschen bleibt, leicht zu behandeln, der Keim der Pyorrhocea alveolaris. Das ist dasjenige, was eben viel zuwenig berücksichtigt wird, daß der untere Mensch auf den oberen Menschen übergreifen kann, daß dann eine Verarmung oder eine Bereicherung, die ungehörig sind, entweder des unteren oder des oberen Menschen eintritt. Tritt einfach die Neigung zum entzündlichen Zustand zunächst im oberen Menschen ein, so gibt es die eine Form der Erkrankung, tritt sie im unteren Menschen ein, so gibt es die entgegengesetzte, die polarische Form der Erkrankung. Darauf kommt so furchtbar viel an.
[ 20 ] Es wird daher durchaus auch begreiflich erscheinen, daß der ganze Ätherleib, der ja die Wachstumskräfte des Menschen enthält, in der Kindheit anders wirken muß als im späteren Alter. In der Kindheit muß der Ätherleib viel mehr eingreifen in die physische Funktion. Er muß Organe haben, in denen er gewissermaßen unmittelbar Angriffspunkte hat. Das ist besonders im Fötalleben notwendig, daß der Ätherleib unmittelbar Angriffspunkte hat, um auf den physischen Leib zu wirken. Das ist aber auch noch in der ersten Kindheit der Fall, wo ja nicht nur Formen gebildet werden, sondern gewachsen wird und im Wachsen und Immergrößerwerden zugleich die plastische Kraft ausgeübt werden muß. Daher sind Organe notwendig, wie zum Beispiel die Thymusdrüse, bis zu einem gewissen Grade sogar die Schilddrüse, die ihre größten Aufgaben im kindlichen Alter haben, die dann zurückgebildet werden und in der Rückbildung, wenn sie von den physischen Kräften zu stark ergriffen werden, entarten.
[ 21 ] Es ist einfach notwendig, daß im kindlichen Lebensalter ein starker Chemismus stattfindet in der Organisation, der später mehr durch Wärmewirkungen ersetzt wird. Ich möchte sagen, es ist so, daß der Mensch etwas in seinem Leben durchläuft, was durch das Spektrum selber symbolisiert ist, mehr nicht als symbolisiert werden kann, indem wir hinschauen auf den mehr chemischen Teil des Spektrums (Blau, Violett), dann hinschauen auf den Lichtteil des Spektrums (Grün, Gelb) und hinschauen auf den Wärmeteil des Spektrums (Rot). Der Mensch macht eine Organisation durch, die eigentlich diese Richtung hat (siehe Zeichnung Seite 344). Er ist in der Kindheit mehr angewiesen auf die chemisch wirkenden Tätigkeiten, geht dann über auf die lichtwirkenden und dann später auf die wärmewirkenden Tätigkeiten. Die Organe, die dem Ätherleib es möglich machen, den Chemismus im physischen Leibe zu fördern, das sind solche Drüsen wie die Schilddrüse, die Thymusdrüse und die Nebennieren. Deshalb hängt auch, weil an diese Organe in einem gewissen Sinne der Chemismus gebunden ist, das Inkarnat des Menschen mit der Tätigkeit dieser Organe, das heißt der dahinterliegenden ätherischen Tätigkeit in hohem Maße zusammen. Unter den Funktionen der Nebennieren ist zum Beispiel diese eine: ob sie den Menschen blaß oder rotbackig machen und so weiter. Entarten die Nebennieren, so muß das in der Farbengebung der Haut zum Ausdruck kommen. Sie brauchen sich nur zu erinnern an die sogenannte Addisonsche Krankheit, die auf einer Entartung der Nebennieren beruht, wo der Mensch braun wird, und Sie werden tief in diese Zusammenhänge hineinschauen können. Das alles weist uns auf einen gewissen Chemismus des Organismus hin. Er ist dasjenige, was namentlich im Fötalleben geltend ist, während die Lichtwirkungen mehr in Betracht kommen für das Leben, sagen wir, vom vierzehnten Jahre hin aufwärts. Dann treten mehr ein diejenigen Tätigkeiten, die für das Wärmeleben in Betracht kommen.
[ 22 ] Darinnen liegt ein wichtiger, ein außerordentlich wichtiger Fingerzeig auf den menschlichen Lebenslauf überhaupt. Es ist schon so, daß das kindliche Leben, ganz besonders das Fötalleben eine Art von überwiegendem Salzprozeß darstellt, das mittlere Leben, aber mehr nach der Kindheit zu gelegen, eine Art Merkurialprozeß und das ältere Leben in dieser Beziehung, die ich jetzt charakterisiert habe, eine Art von Sulphurprozeß darstellt, respektive es ist so, daß man zu achten hat im kindlichen Alter am meisten auf den Salzprozeß, im mittleren Alter am meisten auf den Merkurialprozeß und im späteren Alter am meisten auf die sulphurigen oder phosphorigen Prozesse und diese geregelt werden müssen. Wenn Sie ins Auge fassen, daß im menschlichen Organismus auch diese Dreiheit vorhanden ist von organisiertem Chemismus, organisiertem Lichtprozeß, organisiertem Wärmeprozeß, organisiertem Salzprozeß, Merkur-, Sulphurprozeß, so werden Sie auch eine Vorstellung davon bekommen, wie das ganze Leben auf den Menschen eigentlich organisierend wirkt. Die Lebensweise — ich meine jetzt nicht etwa bloß die Ernährung, sondern das ganze Tun des Menschen — wirkt beim Kinde chemisierend, stark intim in den Organismus eingreifend. Der, ich möchte sagen, stärkere Lichtprozeß wirkt beim ganz jungen Menschen auf den ganzen Organismus so eingreifend, daß da der Keim gelegt wird zu all dem, was auch seelische Störungen hervorrufen kann. Man ist, möchte ich sagen, in dem jugendlichen Alter am empfänglichsten für Eindrücke der Außenwelt. Ob uns in diesem Lebensalter stark entgegentritt ein äußeres Leben, das unlogisch aufgebaut ist, oder ein äußeres Leben, das logisch aufgebaut ist, das hat für die ganze Seelenkonstitution des späteren Lebenslaufes eine große Bedeutung. Von diesen Dingen werden wir dann morgen weitersprechen, namentlich von dem Pathologischen, das wir heute besprochen haben, dann auf das Therapeutische übergehen.
