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Geisteswissenschaft und Medizin
GA 312

6 April 1920, Dornach

Siebzehnter Vortrag

[ 1 ] Es ist ja so, daß ich, soweit der Stoff bezwungen werden kann, auf Grundlage des Stoffes der letzten Stunde werde einiges zusammenfassen müssen, das erst richtig Licht wirft auf das Ganze und eigentlich das Ganze fruchtbar macht. Und deshalb wird es schon gut sein, trotzdem ja alles nur ein Anfang sein kann, daß wir in der Lage sind, zwei Tage dazuzunehmen. In Anknüpfung an das gestern Gesprochene möchte ich gerade mit Bezug auf die Entwickelung und Rückentwickelung des Zahnwesens heute einiges vorbringen, das aber überhaupt geeignet sein wird, auf den gesunden und kranken Menschen einiges Licht zu werfen. Es ist nicht gut, wenn man solche Auseinandersetzungen, wie die gestern gepflogenen, zu stark in materialistischem Sinne nimmt, denn es handelt sich dabei wirklich darum, daß man in dem, was äußerlich vorgeht, sagen wir, also in der Verderbnis der Zähne, nur eben das äußere Symptom für einen gewissen inneren Prozeß sieht, für einen Prozeß, der sich eigentlich der äußeren Wahrnehmung verbirgt und der dann im Gefolge dasjenige hat, was eigentlich von außen auftritt.

[ 2 ] Sie werden den ganzen zahnbildenden Prozeß verstehen, wenn Sie ihn zusammen schauen mit anderen Vorgängen im menschlichen Organismus, die ja im Grunde scheinbar recht ferne liegen von diesem Zahnbildeprozeß. Wenn Sie ihn zum Beispiel zusammenhalten mit einer Erscheinung, die Ihnen ja gut genug bekannt ist, aber deren richtige Bewertung man erst vollzieht, wenn man sie eben mit dem Zahnbildungsprozeß richtig zusammenzudenken versteht. Es ist eine Erscheinung, die vorkommt, daß Mädchen ganz gesunde Zähne haben: sie überstehen die erste Entbindung und sie haben nachher verdorbene Zähne. Das ist etwas, was außerordentlich gründlich aufklärend wirkt über den Zusammenhang gerade der Zahnschmerzen, der Zahnschäden mit der ganzen Konstitution des Organismus. Ferner muß man doch die außerordentlich interessante Beziehung gerade dessen, was in den Zähnen vorgeht, mit der Neigung des Menschen zu Hämorrhoidalleiden in Erwägung ziehen. Das alles sind Zusammenhänge, die gerade beweisen, wie das, was am meisten mineralisierend im Menschen wirkt — denn die Zahnbildung ist das am meisten Mineralisierende —, wie das auf der anderen Seite doch innig zusammenhängt mit dem Gesamtorganisationsprozeß des Menschen und sich, ich möchte sagen, in seiner Abhängigkeit, in seinem Verhältnis bis zum anderen Ende des Menschen eigentlich offenbart.

[ 3 ] Sehr beeinflußt wird man ja mit Bezug auf die Beurteilung des Zahnbildeprozesses dadurch, daß es ja nicht zu leugnen ist, daß der Zahnbildeprozeß in seinem Abschlusse, wenn es zur äußeren, außer dem Zahnfleisch befindlichen Zahnumhüllung kommt, zunächst etwas ist, wo die menschliche Organisation wirklich als Mineralisches der Außenwelt übergeben ist, wo in einer fast völligen Weise dasjenige, was im Zahnüberzug, im Schmelz, da ist, etwas Abgeschlossenes ist und Ernährungsprozesse da nicht mehr stattfinden, daß gewissermaßen da etwas vorliegt, was ganz und gar unorganischer Natur geworden ist. Ja, ich glaube doch gestern schon angedeutet zu haben, daß es auf diesen gewissermaßen aufsteigenden Prozeß weniger ankommt als auf den beim Zahnbilden fortwährend das ganze Leben hindurch vor sich gehenden Abbauprozeß. Und wenn es auf der einen Seite auch zugegeben werden muß, daß an diesem peripherischen Ende der menschlichen Organisation, wo sich das Äußerste des Zahnes entwickelt, da die innere Organisation im Aufbauenden noch wenig tun kann, so darf aber nicht vergessen werden, daß diese innere Organisation mit dem Abbau zusammenhängt, mit dem Zerstörungsprozeß, und daß in der Tat die Frage viel wichtiger ist als die andere: Wie verzögert man die Anlage im Menschen zum Abbau dieses Prozesses? — Denn das wäre ein vollständiger Irrtum, wenn man glauben würde, daß nun dieser Abbau ganz und gar bloß von äußeren Insulten herrühren würde. Das ist also dasjenige, was berücksichtigt werden muß.

[ 4 ] Nun handelt es sich ferner darum, daß ja gerade das, was ich gestern über die Funktion des Fluors mit Bezug auf die Zahnbildung gesagt habe, sich im wesentlichen natürlich bezieht auf jene Kindheitsperiode, in der der Zahnbildungsprozeß von innen nach außen geht, in dem, was sich eben eigentlich erst vorbereitet, denn er bereitet sich tief im Innern des Organismus, im ganzen Organismus vor, bevor die zweiten Zähne außen erscheinen. Dieser Fluorbildungsprozeß, der hat dann seine Kulmination darinnen, daß gewissermaßen in der Substanz an der Zahnoberfläche etwas vorliegt, worinnen das Fluor zu einer Art stabilem Gleichgewichtszustand gekommen ist, wo es gebunden ist an die Substanz und in gewissem Sinne ruht. Aber es wird in seiner Ruhe erschüttert, indem die Zähne sich zurückbilden, indem sie dem Zerstörungsprozeß entgegengehen. Da ist ein feiner Prozeß vorhanden, der vom Zahn ausgeht und zusammenhängt mit einem durch das Fluor bedingten Gestaltungsprozeß, der den ganzen Organismus erfüllt und der doch für das ganze Leben des Menschen erhalten bleibt.

[ 5 ] Nun, gerade das, was ich jetzt gesagt habe, bedingt die ganze prophylaktische Behandlung desjenigen, was dabei in Betracht kommt. Ich könnte zum Beispiel folgendes sagen. Ich könnte sagen: Ein gut Stück von dem, was bei uns in der Waldorfschule in die Pädagogik hineingezogen ist, das ist neben anderem auf die gesunde Entwickelung des Kindes Wirkenden auch darauf berechnet, die frühe Zahnverderbnis der Menschen, die zu uns in die Waldorfschule gehen, zu verhindern. Denn es ist das Merkwürdige, daß gerade mit Bezug auf diese peripherischen Bedingungen außerordentlich viel abhängt von der richtigen Erziehung im kindlichen Alter. Schade, daß man eigentlich heute nur die Möglichkeit hat, durch die Waldorfschule doch erst in einer Zeit zu wirken, wo es für den eigentlichen prophylaktischen Prozeß, den man für die Zahnbildung vornehmen müßte, schon etwas zu spät ist; es müßte schon etwas früher begonnen werden. Aber immerhin, da ja die Zähne nicht auf einmal erscheinen, sondern nach und nach, und der innere Prozeß noch lange nachwirkt, so kann auch einiges noch getan werden, wenn man die Kinder eben erst in dem sechsten oder siebenten Jahre bekommt, aber eigentlich durchaus nicht genügend. Denn dasjenige, um was es sich handelt, das ist, daß in einer gewissen Weise das schon ausgeführt werden kann, was ich gesagt habe: Man muß sorgfältig prüfen, wenn der erste Zahn erscheint, wie der ganze Zahnbildeprozeß eigentlich beschaffen ist. Nun natürlich, es wurde mit Recht eingewendet, daß das ja deshalb Schwierigkeiten bietet, weil dieser Zahnbildeprozeß schon vorbereitet ist, weil sich gewissermaßen die Krone nur vorschiebt und schon fertig ist. Das ist richtig, aber man merkt ja nicht allein an den Zähnen selber, wie der Zahnbildeprozeß ist, sondern es handelt sich darum, daß man finden wird, daß, wenn ein Kind im vierten, fünften, sechsten Jahre an Armen und Händen und Beinen und Füßen ungeschickt ist, also nicht leicht zu einer geschickten Handhabung der Arme und der Beine, namentlich der Hände und der Füße, zu bringen ist, es dann dazu neigt, den Zahnbildungsprozeß nicht ordentlich einzureihen. Gerade an dem Verhalten von Armen und Händen, Beinen und Füßen zeigt sich ganz derselbe Typus, der dann im Zahnbildeprozeß zum Vorschein kommt. Daher wirkt regulierend auf den Zahnbildeprozeß in hohem Grade dies, daß man die Kinder möglichst früh anleitet, kunstvoll zu laufen, so zu laufen, daß sie dabei ihre Füße kunstvoll bewegen müssen, also im Kiebitzschritt laufen läßt oder dergleichen, so daß sie immer den einen Fuß an den anderen anschlagen, indem sie laufen oder ähnliche kunstvolle Laufschritte ihnen aneignet. Dieses verbunden damit, daß die Finger geschickt gemacht werden, fördert in hohem Grade den Zahnbildeprozeß.

[ 6 ] Gehen Sie bei uns in der Waldorfschule in unseren Handarbeitsunterricht, so finden Sie da drinnen, daß die Knaben ebenso stricken und häkeln wie die Mädchen, daß alles gleich gemacht wird von Knaben und Mädchen. Sogar die älteren Knaben machen das noch mit Begeisterung, daß sie stricken. Das geschieht alles nicht aus irgendeiner Schrulle heraus, sondern das geschieht darum, weil die Finger geschickt, gelenkig gemacht werden sollen, weil Seele hineingetrieben werden soll in die Finger. Und treibt man in die Finger Seele hinein, so fördert man vor allen Dingen dasjenige wiederum, was mit dem Zahnbildeprozeß zusammenhängt. Es ist nicht einerlei, ob man ein Kind fortwährend sitzen läßt, wenn es faul ist, oder es anleitet, herumzulaufen, ob man ein Kind ungeschickt sein läßt mit seinen Händen oder ob man es fördert in dem Geschicktwerden der Hände. Das ist deshalb nicht einerlei, weil später alles das, was man da unterlassen hat, in dem frühen Zerstören der Zähne zum Vorschein kommt, natürlich bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Diese Dinge sind individuell, aber sie kommen eben zum Vorschein. So daß man sagen kann: Gerade je früher man mit einer solchen Disziplinierung des Menschen anfängt, desto mehr beeinflußt man von dieser Seite her das Verlangsamen des Zerstörungsprozesses der Zähne. Es ist so schwer, in alles das, was mit dem Zahnprozeß zusammenhängt, irgendwie einzugreifen, daß man schon auf diese Notwendigkeit, scheinbar recht Entferntes zu berücksichtigen, hinschauen muß.

[ 7 ] Nun liegt mir hier die Frage vor: Wodurch wird Fluor aufgenommen in den Organismus, durch den Schmelz von außen, durch den Speichel oder durch das Zahnmark oder durch die Blutbahn oder dergleichen?

[ 8 ] Nun sehen Sie, das Fluor als solches ist ein menschengestaltender Prozeß, und darüber viel zu grübeln, auf welchem Wege es aufgenommen wird, das ist eigentlich gar nicht das Wichtige. In der Regel braucht man nur den Prozeß zu berücksichtigen, der durch die ganz ‚gewöhnliche Ernährung leitet; in dem werden diejenigen Substanzen, die die Fluorverbindungen enthalten, aufgenommen. Man braucht nur zu verfolgen den ganz gewöhnlichen Ernährungsprozeß, der schon peripherisch die Fluorsubstanz an diejenigen Stellen bringt, wo sie abgelagert werden soll. Das Wichtige ist, daß eigentlich das Fluor als solches viel verbreiteter ist, als man denkt. Viel davon ist vorhanden — natürlich verhältnismäßig viel, denn es wird ja vom Menschen ungeheuer wenig gebraucht — in den verschiedensten Pflanzen. Namentlich aber ist in den Pflanzen der fluorbildende Prozeß vorhanden, so daß es gerade beim Fluor so ist, daß wenn chemisch das Fluor gar nicht nachweisbar ist, so ist der fluorbildende Prozeß — wir werden gleich davon genauer sprechen — in den Pflanzen doch vorhanden. Denn es ist sogar Fluor immer im Wasser vorhanden, in jedem Wasser, das wir trinken, so daß also gar keine Not ist, das Fluor heranzubekommen. Es handelt sich nur darum, daß der Organismus so organisiert ist, daß er wiederum den außerordentlich komplizierten Prozeß bewältigt, der gerade in der Aufnahme des Fluors gelegen ist. Also wenn Sie in der gebräuchlichen Terminologie sprechen wollen, so müssen Sie schon sagen: Das Fluor wird eigentlich durch die Blutbahn an seinen Ort befördert.

[ 9 ] Dann liegt die Frage vor, ob der Schmelz der durchgebrochenen Zähne noch ernährt wird. Das wird er eben nicht. Das geht schon hervor aus demjenigen, was ich hier auseinandergesetzt habe. Aber etwas anderes ist vorhanden, und auf das muß das Augenmerk gerichtet werden. Man könnte sagen: Geisteswissenschaftlich untersucht ist in der Gegend der Zahnbildung und auch in der Umgebung eine außerordentlich rege Tätigkeit des menschlichen Ätherleibes vorhanden, die frei ist, die sich gewissermaßen nur locker an die physische Organisation anschließt. Diese Tätigkeit, die da vorhanden ist, die man da ganz besonders beobachten kann, die sozusagen ein fortwährendes bewegtes Organisieren um die Kiefer bildet, diese ätherisch bewegte Organisation, die ist als solche freie Organisation gar nicht vorhanden im menschlichen Unterleibe. Da bindet sie sich im engsten Sinne zusammen mit der physischen, organischen Tätigkeit, und damit hängen die Erscheinungen zusammen, die ich früher angeführt habe. Damit hängt zusammen, daß, wenn nun die Ätherleibstätigkeit, wie bei der Schwangerschaft, losgelöst wird von dem physischen Organismus, das gleich auf dem anderen Pol bedeutsame Veränderungen in der Zahnorganisation hervorruft. Ebenso ist ja das Hämorrhoidalleiden damit zusammenhängend, daß der physische Leib und der Ätherleib in ihren Wirkungen eigene Wege gehen. Aber dasjenige, was an diesem Ende der menschlichen Organisation auftritt, das Selbständigwerden des ätherischen Leibes, das zieht gleich wiederum den Ätherleib auf der anderen Seite in die Organisation hinein, und da ist auf der anderen Seite dann auch die entgegengesetzte Wirkung damit verbunden, die zerstörende Wirkung. Dasjenige, was die organische Tätigkeit erhöht, wie es im gesunden Sinn der Fall ist bei der Schwangerschaft, wie es im kranken Sinn — was aber auch nur eine Erhöhung der organischen Tätigkeit ist — beim Kranken der Fall ist, was da die gesunde Tätigkeit erhöht, die normale Tätigkeit intensiver macht, das wirkt auf der anderen Seite als intensivere organische Tätigkeit, also vorzugsweise bei den Zähnen rückbildend, zerstörend. Das ist dasjenige, was besonders beachtsam ist.

[ 10 ] Nun kann man natürlich die Frage aufwerfen: Wenn aber allein nicht dasjenige wirkt, was ich erzählt habe von den, ich möchte sagen, äußeren Fluorwirkungen, wenn das nicht genügend wirkt, da handelt es sich darum, ob man nun ausfindig machen kann — der menschliche Organismus ist so kompliziert, daß natürlich an Stelle der bloßen Erziehung die Heilung eingreifen muß -, ob, wenn man mit der bloßen Erziehung nicht auskommt, man mit der Heilung schon anfangen soll. Denn alles das, was wir an Zusammenspiel von Hände- und Fußwirkungen haben, das sind nämlich makroskopisch angesehen die Fluorwirkungen, die Konstitution, die da entsteht, wenn gelenkig, beweglich die Finger werden, wenn gelenkig die Beine werden, das ist Fluorwirkung, nicht das, was man atomistisch dahinein phantasiert, sondern was im menschlichen Organismus an seiner Oberfläche erscheint, und das da nach innen fortgesetzt wird; dieses innere Fortsetzen desjenigen, was da geschieht an der äußeren Tätigkeit, das ist die Fluorwirkung. Denn wir merken nicht bloß an den Zähnen, daß die Erziehung eine schlechte war, sondern wir merken das auch daran, daß das Kind nichts anfangen, nicht geschickt werden kann. Da handelt es sich dann darum, daß wir gewissermaßen prophylaktisch in den Organismus eingreifen. Da ist es sehr interessant, daß, wenn man den Versuch macht mit einem wässerigen Auszug des Saftes der Roßkastanienrinde, also mit einem Äskulinauszug, und sehr verdünntes Äskulin innerlich nehmen läßt, man dann auch regulierend auf die Zahnkonservation, auf das Zahnkonservieren einwirken kann, wenn man nur nicht zu spät kommt damit.

[ 11 ] Das ist wieder ein interessanter Zusammenhang. In dem Saft der Roßkastanienrinde liegt in der Tat etwas von dem, was unsere Zähne aufbaut. Immer ist irgend etwas draußen im Makrokosmos zu finden, was innerlich irgendwie eine organisierende Bedeutung hat. Und das hängt damit zusammen, daß in diesem Äskulin etwas liegt, was aus der Substanz, in der das Äskulin tätig ist, den Chemismus herauswirft. Es wird der Chemismus unwirksam gemacht. Es ist ja merkwürdig, daß, wenn man den Spektrumkegel durch eine Äskulinlösung gehen läßt, dann die chemischen Wirkungen aus dem Spektrum ausgetilgt werden. Dieses Austilgen der chemischen Wirkungen, das ist etwas, was man wiederum sieht, wenn man nun — aber es muß ein Wasserauszug sein — die wässerige Auszuglösung in den Organismus sehr verdünnt einführt. Dann sieht man darinnen, daß dieses Überwinden des Chemismus, dieses Hinarbeiten auf das bloße Mineralisieren eigentlich dasselbe ist wie der Zahnbildungsprozeß im Organismus. Nur ist dasjenige, was sonst beim Auslöschen des Chemismus bloß äußerlich geschieht, noch durchzogen von den organisierenden Kräften, die eben im menschlichen Organismus sind.

[ 12 ] Dann in einer ähnlichen Weise, aber bei anderer Behandlung, wirkt sogar das gewöhnliche Chlorophyll. Die Kraft, die gerade bei der Roßkastanie und einigen anderen Gewächsen in der Rinde liegt, liegt etwas anders formiert im ganzen Blattgrün eigentlich. Nur müssen wir dann versuchen, das Blattgrün gewissermaßen in Äther auszuziehen, und dann haben wir nötig nun nicht eine innerliche Anwendung, sondern eine äußerliche Anwendung durch Einreiben des Unterleibes. So daß, wenn wir den Unterleib mit ätherisiertem Blattgrün einreiben, wir dann in einer ähnlichen Weise auf den Organismus wirken nach dem Konservieren der Zähne hin, wie wir wirken, wenn wir die Äskulinwirkung innerlich anwenden. Das sind Dinge, die ausprobiert werden müßten, die ganz gewiß, wenn sie der Außenwelt vorgeführt werden in ihren statistischen Ergebnissen, bedeutsamen Eindruck machen würden. Ist einmal das ganze Zahnmark abgerötet, dann muß versucht werden, eben den ganzen Organismus zur Fluoraufnahme geeignet zu machen. Das ist dann keine Sache der allgemeinen Zahnbehandlung.

[ 13 ] Nun, aus alledem ersehen Sie, wie stark die Zahnbehandlung, soweit man überhaupt noch die Zähne behandeln kann, zusammenhängt mit allen Wachstumskräften des menschlichen Organismus. Denn das, was ich angeführt habe von Äskulin und Chlorophyll1, das führt uns auf Kräfte, die im wesentlichen zusammenhängen mit ganz feinen Wachstumsprozessen, mit Wachstumsprozessen die nach der Mineralisierung hin liegen. Es ist nun schon so, daß der Mensch seine höhere Entwickelung nach dem Geiste hin erkaufen muß mit einer Rückbildung des zahnbildenden Prozesses überhaupt. Auch phylogenetisch ist das so. Es ist gegenüber dem tierischen Zahnbildungsprozeß der menschliche Zahnbildungsprozeß ein Rückbildungsprozeß. Aber diesen Charakter des Rückbildungsprozesses teilt er mit Rückbildungsprozessen, die überhaupt in der menschlichen Hauptesorganisation überall vorhanden sind.

[ 14 ] Da habe ich Sie geführt auf Formen des Anschauens, die schon bedeutsam werden können für die Beurteilung des ganzen zahnbildenden Prozesses. Einiges wird sich uns noch ergeben, wenn wir nun noch anderes einfügen, das wiederum eine Basis abgeben kann. Da werde ich jetzt einfügen ein Kapitel, das scheinbar nicht zu der Sache gehört. Das ist nämlich das, was man Diätfragen nennen könnte, die gerade auch mit solchen Dingen zusammenhängen, wie wir sie jetzt eben behandelt haben. Diese Diätfragen, sie sind deshalb so wichtig, weil sie nicht bloß eine medizinische, sondern auch eine soziale Bedeutung haben. Man kann ja viel diskutieren darüber, ob Mazdaznan-Diät oder ähnliche sonderbare Diätformen eine Bedeutung und Berechtigung haben. Man kann das; aber bei all dem kommt doch in Betracht, daß der Mensch in all dem, was ihm so angeraten wird, zum unsozialen Wesen gemacht wird. Da stößt wirklich das Soziale zusammen mit dem Medizinischen. Je mehr wir darauf angewiesen sind, für uns etwas extra haben zu sollen in bezug auf unsere Ernährung, überhaupt in bezug auf die Einwirkung der äußeren Welt, je mehr werden wir unsoziale Wesen. Die Bedeutung des Abendmahles beruht ja nicht darauf, daß der Christus jedem Jünger extra etwas gegeben hat, sondern daß er allen das gleiche gegeben hat. Das Herbeiführen der Möglichkeit, daß man zusammen sein kann als Menschen im Essen oder im Trinken, das hat eine große soziale Bedeutung. Und alles, was darauf hinausläuft, diese gesunde soziale Natur des Menschen zu unterbinden, das muß, möchte ich sagen, doch mit einiger Vorsicht behandelt werden. Denn wenn der Mensch sich selbst überlassen ist, ich meine jetzt nicht bloß in bezug auf das, was ihm bewußt ist, sondern in bezug auf alles das, was organisch in ihm wirkt, so bekommt er eigentlich alle möglichen Appetite und Antiappetite. Es ist gar nicht so sehr wichtig für den Menschen, in dem Sinne auf diese Appetite und Antiappetite hinzuschauen, wie man das gewöhnlich tut. Denn wenn — ich meine jetzt nicht nur dem subjektiven Appetit gegenüber, sondern der ganzen Konstitution nach — der Mensch es dahin gebracht hat, etwas, was er eigentlich nicht verträgt, ertragen zu lernen, wenn er also überwindet einen Antiappetit im weitesten Sinne — ich meine das ganz auf das Organsystem ausgedehnt —, dann hat er mehr für seine Organisation gewonnen, als wenn Sie noch so lange dasjenige, was seinem Antiappetit entspricht, von ihm abhalten. In der Überwindung von etwas, das man nicht erträgt, und in dem Überwundenhaben liegt geradezu — nicht einmal bloß vergleichsweise gesprochen, sondern ganz richtig gesprochen — die Aufrichtung eines entweder zerstörten, oder, wenn wir auf das Ätherische hinschauen, sogar neuen Organes. Die organbildende Kraft liegt nämlich in nichts anderem als in der Überwindung der Antiappetite. Durch das Den-Appetiten-Frönen von einem gewissen Punkte an dient man nicht den Organen, sondern hypertrophiert sie, man bringt sie zur Entartung, so daß, wenn man zu weit geht im Nachgeben gegenüber dem, was der Organismus durch seine Schädigungen von sich fernhalten will, man die Organisation schädigt. Wenn man aber versucht, den Menschen nach und nach an das zu gewöhnen, was ihm nicht geeignet erscheint, stärkt man immer die Organisation.

[ 15 ] In dieser Beziehung hat ja unsere moderne Naturwissenschaft fast alles, was uns nötig wäre zu wissen, zugedeckt. Denn dieses äußere Prinzip des Kampfes ums Dasein und der Auslese ist ja wirklich zunächst etwas ganz Äußerliches. Roux hat es noch übertragen auf den Kampf der Organe im Menschen. Das ist aber wirklich etwas sehr Äußerliches. Das gewinnt erst eine Bedeutung, wenn man das, was eigentlich innerlich vorgeht, wirklich betrachten kann. Und da muß man sagen, daß eigentlich die Verstärkung eines menschlichen Organs, überhaupt eines Organs in der phylogenetischen Reihe, immer herrührt von der Überwindung einer Antipathie. Die Gestaltung, die Organgestaltung wird der Überwindung von Antipathien verdankt, während das Wachsen eines schon vorhandenen Organs dem Den-Sympathien-Frönen verdankt wird — es darf aber eben einen gewissen Punkt nicht überschreiten. Sympathie und Antipathie sind nicht nur auf der Zunge oder im Auge, sondern von Sympathie und Antipathie ist der ganze Organismus durchtönt. Jedes Organ hat seine Sympathien und Antipathien. Ein Organ bekommt eine Antipathie gegen dasjenige, was es aufgebaut hat in einem gewissen Zustande. Es verdankt nämlich dem, wogegen es, wenn es fertig ist, eine Antipathie bekommt, gerade seinen Aufbau. Das ist etwas, was viel mehr hinunterführen würde in die Phylogenie, wenn man das berücksichtigen würde, wie die Außenwelt zunächst so wirkt, daß sich das Innere dagegen wehrt, in Antipathie entlädt und daß gerade dadurch die immer weitergehende Vervollkommnung der Organisation zustande kommt. Der besteht im Organismenreiche den Kampf ums Dasein am besten, der am meisten imstande ist, innere Antipathien zu überwinden und Organe an ihre Stelle zu setzen. Das gehört zu dem organfortbildenden Prozesse.

[ 16 ] So bietet sich gerade, wenn man dieses betrachtet, ein Anhaltspunkt dafür, auch wiederum hinzuschauen auf die Dosierung der Heilmittel. Sie sehen ja im organbildenden Prozesse selber ein fortwährendes Hinundherpendeln zwischen Sympathie und Antipathie. Die Genesis der Organisation hängt im wesentlichen mit dem Bilden von Sympathie und Antipathie zusammen und von dem Wechselspiel zwischen Sympathie und Antipathie ab. So wie sich Sympathie und Antipathie im Organismus verhalten, so verhalten sich niedrigere Dosierungen, also substantiell als Substanz Verwendetes, zu dem, was in hoher Potenz verwendet wird. Die hohe Potenz hat die gegenteilige Wirkung der niedrigen Potenz. Das hängt zusammen mit der ganzen organisierenden Kraft. Und in einem gewissen Sinne ist auch das richtig, worauf ich übrigens schon gestern von anderem Gesichtspunkte aus hingedeutet habe, daß dasjenige, was in der ersten Lebensepoche in einer bestimmten Weise im Organismus wirkt, seine Wirkung umkehrt in späteren Lebensepochen, daß aber das, was da wirkt im Organismus, verschoben werden kann. Darauf beruht, wie ich Ihnen gestern gesagt habe, auf der einen Seite die Dementia praecox, auf der anderen Seite das Auffinden der isolierten Seelenbezirke, die dann im späteren Alter die Organisation ergreifen, da sie sie nicht ergreifen sollten.

[ 17 ] Über diese Dinge wird man erst zurecht kommen, wenn unsere Wissenschaft selber wiederum ein wenig spiritualisiert sein wird, wenn wir dahin kommen werden, nicht mehr sogenannte Geisteskrankheiten auf einem geistig-seelischen Wege heilen zu wollen, sondern wenn wir die Frage werden aufwerfen wollen: Wo ist etwas in den Organen nicht in Ordnung, wenn diese oder jene sogenannte Geistes- oder Seelenkrankheit vorliegt? — Umgekehrt, so sonderbar das klingt, hat man sogar viel mehr Veranlassung, bei sogenannten physischen Krankheiten auf das Seelische zu schauen als just bei Seelenkrankheiten. Bei Seelenkrankheiten ist der seelische Befund kaum viel mehr als diagnostisch helfend. Man muß ihn studieren, um durch das Anschauen seiner herauszubekommen, wo der Fehler liegen kann in dem Organismus. Die Alten haben in dieser Beziehung in der Terminologie schon vorgesorgt. Wahrhaftig, die Alten haben das Seelenkrankheitsbild der Hypochondrie nicht umsonst mit einem rein materialistisch klingenden Namen, mit «Unterleibsknochigkeit» oder «Unterleibsknorpeligkeit», «Hypochondrie» zusammengebracht. Sie hätten niemals den Tatbestand, der im Psychischen vorliegt, primär in etwas anderem gesucht — wenn selbst die Hypochondrie sich bis zum Wahnsinn steigerte — als in einer Erkrankung des Unterleibes. Man muß natürlich so weit kommen, daß man zuerst alles sogenannte Materielle als Geistiges anzusehen in die Lage kommt.

[ 18 ] Wir leiden ja heute ungeheuer dadurch, daß der Materialismus die Fortsetzung der katholischen Askese in der Denkweise ist. Diese Askese, die hat die Natur verachtet und durch Naturverachtung den Geist erringen wollen. Die heutige Weltanschauung, die hat sich das herausgenommen aus dieser asketischen Richtung, was ihr gerade gefällt, und meint, dasjenige, was im Unterleibe vorgeht, ist grob materiell, das braucht man nicht zu berücksichtigen. Das ist es eben nicht so in Wirklichkeit, sondern in allen diesen Dingen wirkt der Geist drinnen, und man muß wissen, wie der Geist da drinnen wirkt. Wenn ich den Geist, der im Organismus wirkt, zusammenbringe mit dem Geist, der in irgend etwas draußen wirkt, dann wirkt Geistiges und Geistiges zusammen. Wir müssen abkommen von der Naturverachtung. Wir müssen gerade dazu kommen, die ganze Natur wieder vergeistigt uns vorzustellen. Denn finden Sie es nicht auffallend und gerade für die ganze Reform des medizinischen Denkens ungeheuer bedeutsam, daß gerade just in der Hochflut des Materialismus die Sucht aufgetreten ist, auf den Menschen mit sogenannten abnormen Zuständen mit allerlei Hypnose und Suggestion zu wirken? Dinge, die vom Materiellen scheinbar abliegen, die sind ja aufgetreten gerade in der Zeit des Materialismus, und man hat die Möglichkeit verloren, sich über das Geistige von Merkur, von Antimon, von Gold, von Silber zu unterrichten. Das ist das Wesentliche: man hat die Möglichkeit verloren, sich über das Geistige des Materiellen zu unterrichten, und deshalb will man das Geistige als solches behandeln, gerade so auch, wie in der Psychoanalyse, wo man das Geistige als solches dirigieren will. Gesunde Anschauungen müssen wieder Platz greifen über die geistigen Eigenschaften der Materie.

[ 19 ] Es gehört wirklich nicht zu den geringsten Verdiensten, die gerade in der homöopathischen Tradition durch das neunzehnte Jahrhundert heraufgekommen sind, daß rege erhalten worden ist dieses Bekenntnis zu der Geistigkeit der äußeren materiellen Substanzen. Das gehört sogar zu dem Allerwichtigsten, denn die äußere allopathische Medizin hat leider sich immer mehr und mehr dem Glauben zugewandt, daß man es nur zu tun habe mit dem Materiellen, eben äußerlich materiellen Wirkungen in den außermenschlichen Substanzen. Das aber führt dazu, auf der einen Seite beim Diagnostizieren von sogenannten physischen Krankheiten gerade seine Aufmerksamkeit zu wenden auf den seelischen Tatbestand, und umgekehrt, wenn ein abnormer seelischer Tatbestand stark hervortritt, die physischen Schädigungen aufzusuchen. Physische Erkrankungen, sie sollten eigentlich immer die Frage hervorrufen: Welchen Temperamentes ist der Mensch, bei dem sie auftreten? — Finden wir, daß der Mensch, bei dem sie auftreten, hypochondrischer Natur ist, dann wird uns allein seine gewöhnliche hypochondrische Natur darauf hinleiten, daß wir ihn zu behandeln haben so, daß wir auf seinen unteren Menschen stark wirken, daß wir ihn also zu behandeln haben im materiell Wirksamen, also mit niederen Potenzen. Finden wir, daß ein Mensch sonst außerhalb der Krankheit aufgeweckten Geistes oder sanguinisch ist, dann wird von vornherein notwendig sein, zu höheren Potenzen seine Zuflucht zu nehmen. Kurz, der seelische Tatbestand ist etwas, was nunmehr gerade der physischen Erkrankung gegenüber herausgearbeitet werden muß. Dieser gesamte seelische Tatbestand, der tritt uns ja in einer gewissen Weise schon entgegen beim Kinde, und es wird nicht leicht eine Dementia praecox auftreten, wenn nicht das Kind schon die Neigung, die Disposition zum Phlegma zeigt, wenn wir nicht beim Kinde schon deutlich wahrnehmen können diejenige Temperamentsanlage, die eigentlich erst im späteren menschlichen Lebensalter auftreten sollte, wenn auch da in eingeschränktem Maße. Aber von besonderer Wichtigkeit ist die Unterscheidung mit Bezug auf die innere Aktivität oder innere Passivität. Das kommt sehr in Betracht. Denken Sie nur, wenn wir bei unseren sogenannten psychischen Heilweisen mit Suggestion wirken, so stellen wir da den Menschen ganz in die Einflußsphäre eines anderen Menschen, wir unterbinden seine Aktivität. Und das Unterbinden der Aktivität, das Unterbinden der inneren Initiative des Menschen zeitigt aber schon im äußeren Leben etwas, was für den Lebenslauf wichtig ist und was, wenn wir es entsprechend — wir wollen dann morgen weiter darüber reden — beim Kinde beobachten, nun gerade wiederum in die Zahngeschichte hineinspielt, auch wiederum für das spätere Leben.

[ 20 ] Ich kann zum Beispiel notwendig erachten für mich — nach dem, was ich vorhin gesagt habe, ist es ja wichtig, so etwas zu berücksichtigen — gewisse Nahrungsmittel zu vermeiden, anderen mich mehr zuzuwenden. Ich kann notwendig erachten für mich eine gewisse Diät. Die kann sehr gut sein für mich. Aber es ist ein ganz beträchtlicher Unterschied, ob ich durch eigenes Ausprobieren zu dieser Diät komme dadurch, daß ich selber auf das oder jenes komme, oder indem ich sie mir einfach vom Arzte vorschreiben lasse. Bitte, nehmen Sie mir nicht übel, daß ich das so ganz trocken sage. Nicht wahr, es schaut vor der materialistischen Gesinnung so aus, als ob es denselben Dienst tut, wenn die für mich gute Diät von mir selber instinktiv gefunden ist, ich sie mir erarbeitet habe, vielleicht unter der Anleitung des Arztes erarbeitet habe, selber dabei Initiative entwickelt habe, oder ob ich sie mir einfach vom Arzte verschreiben lasse. Das letzte Ende, möchte ich sagen, dieser Wirkungen zeigt sich darinnen, daß mir ja die vom Arzte vorgeschriebene, befolgte Diät zunächst nützen wird, aber sie hat leider das Schädliche, daß sie mich im Alter leichter zur Vertrottelung führt, als ich sonst käme, daß sie zum Altersschwachsinn führt, während das aktive Mitarbeiten bei der Diät mich bis ins Alter hinein — natürlich kommen andere Faktoren, durch die das bedingt ist, hinzu — leichter geistig beweglich erhält. Und dieses Spielen von Aktivität und Inaktivität, das wird ganz besonders beeinträchtigt bei allen Suggestionskuren, wo ich mich ganz in die Abhängigkeit nicht nur dahin ergebe, daß ich mich meines Urteils begebe, das tue, was der andere vorschreibt, sondern sogar die Anleitung meines Willens in die Beurteilung des anderen gebe. Daher sollten Kuren, die sich auf Hypnose und Suggestion stützen, womöglich eingeschränkt werden. Nur wenn man sich sagen kann: die Beeinträchtigung des Willens, die bei jedem Menschen, den man so behandelt, vorliegt, schadet bei dem betreffenden Menschen aus anderen Gründen nicht und man erweist ihm doch einen größeren Gefallen, wenn man ihm eine Zeitlang hilft auf suggestivem Wege, dann kann man solche Dinge anwenden. Aber im allgemeinen handelt es sich darum, daß gerade Geisteswissenschaft auf das Heilende desjenigen hinweisen muß, was in den Substanzwirkungen, in den atmosphärischen Wirkungen, in den Bewegungswirkungen des menschlichen Organismus, kurz in alledem liegt, was nicht eben unmittelbar geistige Beeinflussung ist, sondern was entweder aus dem Bewußtsein oder aus dem Unterbewußten aktiv mit Initiative aus dem Menschen selbst hervorgehen muß.

[ 21 ] Diese Dinge sind deshalb von so großer Wichtigkeit, weil gerade im materialistischen Zeitalter gegen diese Dinge am allermeisten gesündigt wird und weil, angesteckt von den Ansichten, die da herrschen, man heute sogar schon das Schreckliche erleben kann, daß allerlei Hypnotisiertendenzen und Suggeriertendenzen in die Pädagogik hineingetragen werden. Dieses Hineintragen dieser Tendenzen in die Pädagogik, das ist etwas Furchtbares, und man wird vielleicht erst klar in dieser Richtung sehen, wenn man sich die Frage beantworten wird: Wie wirken demgegenüber solche Betätigungen des menschlichen Organismus, die ihn zum Aufwecken bringen statt zum Einschlafen? Geradeso wie der Mensch, wenn er einschläft, in der Vorstellung Bewegungen ausführt, die von den Aktionen seines Willens nicht gefolgt werden, wie da der Mensch gewissermaßen der äußeren Welt gegenüber in Ruhe kommt, während er in seinen Bewußtseinserlebnissen in Bewegung ist, so ist das Umgekehrte bei der Eurythmie der Fall. Bei der Eurythmie wird gerade das Umgekehrte vom Einschlafen bewirkt: es wird ein stärkeres Aufwachen gegenüber den gewöhnlichen Bewußtseinserscheinungen bewirkt. Es werden die Hypertrophien des Vorstellens, wie sie im Traume vorliegen, weggenommen und dafür eine gesunde Ausbildung des Willens in die Glieder getrieben. Der Wille in seiner Organisation wird in die Glieder eingetrieben. Und wenn man dann anfängt zu studieren, wie anders zum Beispiel das eurythmische Vokalisieren wirkt auf den unteren Menschen und auf den oberen Menschen und wiederum das konsonantenbildende Eurythmisieren auf den unteren Menschen und auf den oberen Menschen, dann sieht man, daß man auch ein bedeutsames therapeutisches Element schon in der Eurythmie suchen kann.