Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern
Pastoral-Medizinischer Kurs
GA 318
8 September 1924, Dornach
Erster Vortrag
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Wir haben in diesem Kurse zum erstenmal vereinigt die Mitglieder zweier geistiger Wirkungskreise, und diese Vereinigung bedeutet etwas ganz Besonderes. Daher wird schon heute notwendig sein, daß wir uns über den Sinn dieser Vereinigung zunächst aus dem, was in diesem Kurs den Inhalt bilden soll, verständigen müssen. Zunächst möchte ich nur darauf aufmerksam machen, daß dieser Kurs vielleicht wie kein anderer ein Beispiel dafür sein wird, wie durch die besondere Gestaltung des Geisteslebens in unserer Zeit alte Überlieferungen, altes Herkommen erneuert werden muß, denn dasjenige, was unter dem Namen Pastoralmedizin gepflegt worden ist, hat eigentlich im Grunde seinen Inhalt verloren. Wir werden das im Laufe der Betrachtungen sehen. Dagegen wird gerade aus den Untergründen unserer Zeit heraus sich ergeben eine ganz besonders bedeutungsvolle Aufgabe, die wiederum, indem sie zusammengefaßt wird, in einer Betrachtung den Namen Pastoralmedizin schon tragen darf. Wir haben strenge darauf gesehen, daß im wesentlichen in diesem Kurs vereinigt seien wirkliche Theologen und solche Persönlichkeiten, welche wirkliche Ärzte sind oder werden, Ärzte in dem Sinn, daß wir bei ihnen diesen Namen nach der Aufgabe der Medizinischen Sektion des Goetheanums verantworten können. Wie dieser Sinn zu gestalten ist, das alles wird gerade in diesem Kurs zur Besprechung kommen. Einzelne Ausnahmen haben wir allerdings zugelassen, aber eben nur wenige, und diese sind gut begründet innerhalb desjenigen, was Überzeugung der medizinischen Sektion des Goetheanums ist. Es wird sich vor allen Dingen darum handeln, daß Sie, liebe Freunde, sowohl von der theologischen wie von der medizinischen Seite her gerade über das in völlig klaren Begriffen leben, was im Sinne einer neuen Pastoralmedizin das Zusammenarbeiten der Theologen mit den Medizinern möglich macht. Es ist ja von einem solchen Zusammenarbeiten öfter gesprochen worden und es ist auch bemerklich gemacht worden, wie gerade die anthroposophische Bewegung auf eine Zusammenarbeit rechnen müsse. Aber dabei sind doch Dinge zutage getreten, die gerade ihre Rektifizierung innerhalb dieses Kurses werden erfahren müssen. Es darf das Zusammenarbeiten, auf das hingewiesen worden ist, durchaus nicht so aufgefaßt werden, meine lieben Freunde, als wenn damit gemeint wäre ein Hineindilettantieren von der einen Seite in die andere Seite. Es kann sich durchaus nicht darum handeln, daß die Theologen Heiler werden, oder daß die Heiler irgendwie Theologen werden. Natürlich beide, insofern sie Heiler oder Theologen sind. Um ein Zusammenarbeiten, um ein In-die-Hand-Arbeiten handelt es sich. Dagegen wird gerade dieser Kurs einen großen Wert darauf legen müssen, daß nun ja nicht etwa alles ins Chaotische dadurch verzerrt werde, daß, ich weiß schon nicht zu was, der Theologe versucht, in alles mögliche Medizinische hinein zu dilettantieren, das doch nicht auf seinem Wege liegen kann. Und umgekehrt soll sich der Arzt in unserem Sinne bewußt werden, welche Stellung er gegenüber den Theologen einzunehmen hat. Daß dies auf beiden Seiten, auf theologischer und medizinischer, völlig durchschaut wird, davon wird außerordentlich viel abhängen. Nun, es ist das zutage getreten, daß zum Beispiel auch gemeint worden ist: Ja, der Theologe muß sich doch medizinische Kenntnisse aneignen. — Kenntnisse auf irgendeinem Gebiet kann man sich immer aneignen, es wird sogar immer gut sein, Kenntnisse sich anzueignen. Aber dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß wirklich klar und deutlich eingesehen wird: zum Arzt, zum Heiler gehört nach Denken, Fühlen und Wollen des Menschen die spezifische ärztliche Vorbildung, und es sollte niemand glauben, mit medizinischen Kenntnissen in die Welt eingreifen zu können, der nicht diese spezifische medizinische Vorbildung hat, auch wenn er Theologe ist. Und umgekehrt muß der Arzt einen ganz besonderen Begriff von seinem Beruf entwickeln und wird begreifen lernen müssen durch die Pastoralmedizin, daß ein Wesentliches damit gesagt ist, wenn gesagt wird: dem Priester gehört die Opferflamme, dem Arzt der Merkurstab. Und durch das Zusammenwirken von Opferflamme und Merkurstab ist allein ein gedeihliches Wirken möglich. Man soll nicht mit der Opferflamme heilen und mit dem Merkurstab Kultus zelebrieren wollen. Aber man soll einsehen, daß beides Gottesdienst ist. Und je mehr man einsieht, daß beides Gottesdienst ist, desto besser wird das Zusammenarbeiten, wenn der Arzt Arzt, der Priester Priester bleibt, in entsprechender Weise heilsam in die Welt eingreifen. Es darf unsere anthroposophische Bewegung nicht der Boden werden, auf dem alles chaotisch durcheinandergeworfen wird, denn dadurch würde der Ernst leiden, der Ernst, den wir gerade so stark innerhalb der anthroposophischen Bewegung pflegen sollten. Man kann durchaus allgemein wissen, wenn ich ein drastisches Beispiel gebrauche, was ungefähr geschieht, wenn eine Fußoperation vollzogen wird; aber man sollte nicht glauben, daß man gleich eine Fußoperation vollziehen kann. So aber sollte man es halten mit allem Medizinischen. Anthroposophie darf vor allen Dingen nicht werden in irgendeiner Weise eine Propaganda für Kurpfuscherei. Sie darf es auch nicht werden, indem etwa 'Theologen Kurpfuscher werden. Es muß schon eben dies ganz deutlich klargelegt werden; und so wird dasjenige, was von der Medizinischen Sektion des Goetheanums ausgehen wird, im allerstrengsten Ernste handhaben dasjenige, was den Menschen im anthroposophischen Sinne als Heiler vor die Welt hinstellen kann, aber das muß auch eine reale Einrichtung werden, und es wird notwendig sein, daß die Stellung desjenigen Arztes, der im Sinne der Medizinischen Sektion am Goetheanum wirken will, in eindeutiger Weise zu dieser Sektion bestimmt wird. Es wird auch nicht anders gehen, als daß diese Einrichtung eine ganz reale wird, so daß es schon dahin kommen kann, daß in einem gewissen Sinne künftig Arzt ein solcher sein kann, der eben Arzt in der Richtung der Medizinischen Sektion am Goetheanum ist. Nun, meine lieben Freunde, damit wird auch gerechtfertigt sein, daß wir vermieden haben, Heiler, die nicht Ärzte sind, zu diesem Kurs zuzulassen. So daß diejenigen, die heute als Ärzte hier sitzen, durchaus auch im Sinne der Welt die Ärzteschaft in Anspruch nehmen können - im wesentlichen, geringe Ausnahmen abgerechnet.
[ 2 ] Damit haben wir uns vielleicht über den einen Punkt, meine lieben Freunde, verständigt. Aber der Punkt wird, indem ich ihn zunächst andeutend, mehr verwaltungsmäßig besprochen habe, seiner Rechtfertigung nach, durchaus Gegenstand der Pastoralmedizin selber sein. Als vor einiger Zeit von theologischer Seite die Anregung ausgegangen ist, für die Theologen etwas Medizinisches zu bieten, da konnte ich nicht anders als diese Anregung beantworten damit, daß ich sagte: Nun, ich werde einen Kurs über pastorale Medizin halten, daran können ja die Theologen teilnehmen. Und so ist denn dieser Kurs über Pastoralmedizin von der Medizinischen Sektion des Goetheanums veranstaltet, und die Theologen nehmen daran teil. Wir müssen über die ganze Struktur dieser Einrichtung hier völlig im klaren sein.
[ 3 ] Nun, meine lieben Freunde, Pastoralmedizin war zuletzt eigentlich nicht ein Fach innerhalb der medizinischen Fakultät, sondern eigentlich innerhalb der theologischen Fakultät; und diese Pastoralmedizin, die auf den theologischen Fakultäten gepflegt worden ist, enthielt eigentlich nichts spezifisch Medizinisches. Oder ich möchte fragen: Hat einer der akademisch gebildeten Ärzte, die hier sind, innerhalb seines Fachstudiums auf der medizinischen Fakultät selbst Pastoralmedizin lernen können? Ich bitte, die Hand zu heben, wer es hat. Es kommt im Lektionskatalog der medizinischen Fakultät nicht vor, dagegen spielt es schon eine Rolle in katholisch-theologischen Fakultäten. Innerhalb evangelischer Fakultäten spielt es kaum mehr eine Rolle, aber innerhalb der katholisch-theologischen Fakultät spielt die Pastoralmedizin eine Rolle, und das aus gutem Grunde. Nur enthält sie nichts Medizinisches. Sie enthält im wesentlichen Folgendes: Erstens dasjenige, was der Seelsorger innerhalb der Seelsorge braucht, um seelsorgerisch wirken zu können, nicht nur bei denjenigen Menschen, die als Gesunde seiner Seelsorge anvertraut sind, sondern auch bei denjenigen, die als Kranke seiner Seelsorge anvertraut sind. Aber für die Seelsorge hat er zu wirken; und da ist schon eine Nuance verschieden, ob man für die Seelsorge eines Kranken, besonders eines Schwerkranken zu wirken hat, oder ob man für die Seelsorge eines Gesunden zu wirken hat. Da handelt es sich darum, wie man die Seelsorge zu gestalten hat bei Kranken, eventuell Schwerkranken, wie man sich da zu verhalten hat. Dagegen habe ich im Grunde genommen noch kein Buch über Pastoralmedizin kennengelernt, in dem nicht ausdrücklich und wiederholt gesagt wird, daß zu den ersten Pflichten des Seelsorgers dies gehört, daß er zunächst mit Rat und Tat beistehe, daß der richtige Arzt gefunden werde, daß er aber ja sich zu enthalten habe jedes ärztlichen Eingriffes. Ich berichte in diesem Falle.
[ 4 ] Ein zweites wesentliches Kapitel der Pastoralmedizin ist dieses, daß die Fragen beantwortet werden, welche zusammenhängen mit dem Hygienischen von religiös-kultusartigen Maßnahmen. Daß also zum Beispiel für den Laien das Gesundheitliche oder das Gesundheitsschädliche des zeremoniell vorgeschriebenen Fastens besprochen wurde, oder auch, daß dasjenige, was zu sagen war durch die ärztliche Wissenschaft, sagen wir über die Einrichtung der Beschneidung, oder ähnliches. Für den Priester selber - wir haben es eben hauptsächlich mit katholischen Fakultäten zu tun — ist auseinandergesetzt worden dasjenige, was in hygienisch-medizinischer Weise über die Askese zu sagen ist. Da ist gar mancherlei und viel zu sagen.
[ 5 ] Ein weiteres Kapitel sind gewisse Maßnahmen, welche innerhalb, sagen wir, einer Gemeinde, in der Priester und Arzt sind, zu ergreifen sind im Zusammenhang des Heilens und des Sakramentalismus. Wenn eine religiöse Gemeinschaft von der Realität der Sakramentwirkung ausgeht — wir werden gleich weiter darüber zu sprechen haben -, so bedeutet das in der Tat etwas, was sich mit den Eingriffen, die durch die Heilmittel geschehen, begegnet, und wir haben in solchen Einrichtungen, wie es zum Beispiel die heilige Ölung ist, etwas, was der Priester zu bestreiten hat, neben dem Arzt am Krankenbett. Wir haben auf diesem Gebiete die Frage zu beantworten, respektive die bisherige Pastoralmedizin beantwortet sie, welche Bedeutung der Empfang des Sakramentes des Abendmahles hat nach überstandener Krankheit und dergleichen. Wenn Spirituelles in Betracht kommt, dann kommt durchaus das Zusammenwirken des Sakramentes mit dem Heilungsvorgang beim Menschen in Betracht.
[ 6 ] Ein weiteres Kapitel ist dasjenige — und das ist ein sehr ausführliches Kapitel innerhalb der Pastoralmedizin —, welches sich damit beschäftigt, wie sich der Seelsorger zu verhalten hat im Einklang mit dem Arzt beim Psychopathen, bei seelisch minderwertigen oder bei seelisch abnormen Persönlichkeiten. Die Seelsorge wird modifiziert für solche psychopathische Menschen. Das war im wesentlichen die Aufgabe, welche sich die bisherige Pastoralmedizin gestellt hat, und welche in ziemlich ausführlicher Weise unter fortwährender Berufung auf die kirchenväterlichen Stellen darüber durch die Jahrhunderte hindurch abgehandelt wurden.
[ 7 ] Das ist ein Gebiet, das ja uns, die wir innerhalb einer Erneuerung des Geisteslebens stehen, nicht in demselben Lichte erscheinen kann. Dafür ergeben sich gerade aus den anthroposophischen Grundanschauungen heraus wichtige, sehr wichtige Aufgaben für eine neue Pastoralmedizin. Und inwiefern sich solche Aufgaben ergeben, wir können es, meine lieben Freunde, studieren, wenn wir die Sache von zwei Seiten her betrachten. Betrachten wir sie zunächst von der medizinischen Seite aus.
[ 8 ] Womit haben wir es bei der Therapie zu tun? Wir haben, wenn wir das Heilmittel oder den Heilprozeß auf den kranken Menschen einwirken lassen, es immer damit zu tun, daß wir in der zu erzeugenden Wirkung einer Substanz oder eines Prozesses, eines physischen oder geistigen oder seelischen, da überall über dasjenige hinausgehen, was der sogenannte normale Wechselverkehr des Menschen mit der Umwelt ist. Gleichgültig, welche Therapie wir anwenden, überall gehen wir hinaus über dasjenige, was der Mensch im alltäglichen Leben, sei es bei der Nahrungsaufnahme, sei es beim Exponieren gegenüber Licht und Luft oder beim Exponieren seelischen Einflüssen gegenüber tut, überall gehen wir über das hinaus in der Therapie. Selbst schon einen kleinen Schritt gehen wir hinaus, wenn wir die Diät feststellen, über das, was der Mensch in dem alltäglichen Wechselverkehr mit der Umwelt einhält. Wir lassen die Heilmittel einwirken auf den Menschen. Ist das Heilmittel eine physische Substanz, so geht in der Folge der Einwirkung des Heilmittels ein anderer Vorgang vor sich als bei der bloßen Nahrungsaufnahme. So ist es aber auch bei den anderen therapeutischen Einwirkungen. Stets aber greifen wir mit einer therapeutischen Maßnahme in anderer Art auf den Menschen ein, als im Leben zunächst auf ihn eingegriffen wird. Denn wie wird im Leben auf den Menschen eingegriffen oder wie greift er selber ein? Meine lieben Freunde, wir haben mit Bezug auf dasjenige, was im Menschen Prozesse eingeht im Leben, oder eingehen kann, dreierlei zu unterscheiden: Erstens dasjenige, was im Menschen so wirkt, wie in der äußeren Natur das Physikalisch-Chemische; zweitens dasjenige, was wirkt im Menschen nicht auf physikalisch-chemische, sondern auf vitalistische Art. Wir haben zu sehen auf dasjenige, was im Leben wirkt, aber wir haben drittens zu sehen auf dasjenige, was unmittelbar eingreift in die Region des Bewußitseins.
1. Physikalisch-Chemisches
2. Leben
3. Bewußtsein
[ 9 ] Hier müssen wir einen wichtigen Begriff feststellen. Im gewöhnlichen Leben haben wir die drei Bewußtseinszustände des Wachens, Träumens und Schlafens. In dem Augenblick, wo wir mit einer wirklich therapeutischen Maßnahme herankommen, greifen wir ein in das Bewußtsein. Wir greifen mehr oder weniger ein, je nachdem die therapeutische Maßnahme ist. Aber dieses Eingreifen geschieht niemals in einer so unmittelbaren Weise im sogenannten normalen Verlaufe des Lebens. Ißt der Mensch bloß, gibt er sich bloß der gewöhnlichen Nahrungsmittelaufnahme hin, dann laufen fort, wenn es sich eben um eine gewöhnliche Nahrungsmittelaufnahme handelt, sein Wachen, Träumen, Schlafen in normaler Weise, höchstens daß man irgendwie mit der Diät eingreift — da ist aber schon die Grenze verschiebbar — auf den Organismus, um einen gesünderen Schlaf herbeizuführen, als er vorhanden ist. Aber es beginnt da schon das Therapeutische.
[ 10 ] Ganz etwas anderes ist es, wenn der Mensch zum Beispiel im Fieber ist, durch irgendwelche Umstände, und Sie therapeutisch eingreifen. Würden Sie mit demselben Mittel, mit welchem Sie im Fieber therapeutisch eingreifen, beim gesunden Menschen eingreifen, so würden Sie seinen Bewußtseinszustand ändern. Sie müssen also arbeiten als Arzt mit demjenigen, was im Grunde genommen zu tun hat mit den Bewußtseinszuständen. Während man sonst beim gewöhnlichen Wechselverkehr des Menschen mit der Umwelt es zu tun hat mit dem Leben, hat man es zu tun in der Medizin mit dem Eingreifen in die Bewußtseinszustände. Sie können das überall bei jeder therapeutischen Maßnahme finden, und es ist das Spezifische einer therapeutischen Maßnahme, daß sie in dasjenige eingreift, was irgendwie mit der Variabilität der Bewußtseinszustände zu tun hat. Es gibt auch kein anderes wirksames Heilmittel als dasjenige, das so tief in die menschliche Wesenheit eingreift, daß es die menschliche Wesenheit ergreift bis in diejenigen Quellen hinein, aus denen die Bewußtseinszustände resultieren. Damit aber stellen Sie sich als Arzt, als Therapeut unmittelbar hinein in die geistige Weltordnung. Denn Veränderung der Bewußtseinszustände bedeutet, daß Sie sich hineinstellen in die geistige Weltordnung. Und Sie ziehen immer, wenn Sie eine real wirksame Heilung haben, Sie ziehen immer gerade durch dieses Herandringen an die Bewußtseinszustände, wenn auch im Unterbewußtsein, das Seelische im therapeutischen Prozeß heran. Sie bleiben nicht im Physischen. Die gewöhnliche Nahrungsmittelaufnahme, das gewöhnliche Atmen, die sonstigen Vorgänge bleiben im Physischen, und mittelbar wirken durch das Physische die höheren Glieder des Menschen. Sie wirken auch und sie wirken durch das Physische; dagegen ziehen Sie das Seelische unmittelbar herein, wenn Sie ärztlich wirken, wenn Sie therapeutisch wirken. So können wir sagen: der Arzt tritt heran, wenn er seinen Beruf richtig versteht, unmittelbar ans Spirituelle. Es ist nur scheinbar, daß uns die therapeutischen Maßnahmen als bloß physische oder biologische Prozesse erscheinen. Sind sie wirklich therapeutische Maßnahmen - sonst sind sie das niemals -, so ziehen sie immer das Seelische heran, wenn das auch zunächst für das gewöhnliche Bewußtsein unbewußt bleibt. Aber man sollte nur einmal, meine lieben Freunde, verfolgen, wenn wirklich durch einen therapeutischen Prozeß, sagen wir, unmittelbar das Fieber herabgesetzt ist, was da im Menschen vorgeht in Wirklichkeit. Da wird bis in das Innerste seines Wesens hineingewirkt, wie umgekehrt der Krankheitsprozeß bis ins Innerste des Wesens hineinwirkt, die Prozesse im Menschen über das bloß Physische und Biologische hinausbringt. Das ist von der einen Seite. Wir sehen, wie ganz im wesentlichen das Arztsein, das Heilen aus dem Physischen ins Spirituelle durch seine eigene Wesenheit hineinführt.
[ 11 ] Nehmen wir ebenso ernst den Priesterberuf. Wenn der Priesterberuf nicht bloß ein Lehrberuf ist, sondern wenn er lebt im priesterlichen Wirken, dann ist er verbunden mit dem Kultus, und der Kultus schließt in sich den Sakramentalismus. Aber der Sakramentalismus ist kein Symbolismus. Der Sakramentalismus— was ist er? Er besteht darin, daß äußere Vorgänge geschehen. Diese äußeren Vorgänge, die da geschehen, tragen etwas in sich, was nicht aufgeht in dem Chemischen oder Biologischen, was da geschieht, sondern was in sich schließt Orientierungen, Richtungen, die dem Physischen, Biologischen einverleibt werden, und die im Spirituellen, im Geistigen ihren Urstand haben. Man vollzieht sinnliche Prozesse, in die Spirituelles hineinströmt im SichVollziehen. Das geistig Wesenhafte geschieht im Kultus auf sinnenfällige Art. Und dasjenige, was sich da vor den Gläubigen vollzieht, vollzieht sich ja zunächst vor dem Bewußtsein und es darf sich nichts anderes vollziehen als dasjenige, was vor dem Bewußtsein sich vollzieht. Sonst ist es kein Kultus, kein Sakrament, sondern Suggestion. Der Sakramentalismus, der Kultus im rechten Sinne darf niemals etwas von Suggestion an sich haben, aber er hat um so mehr das Spirituelle. Er spielt sich vor dem Bewußtsein ab, wirkt aber hinein in das Leben.
[ 12 ] Der Mensch ißt nicht bloß beim Abendmahl die Substanz, die ihm gereicht wird; dann hätte man es nicht mit einem Sakrament zu tun. Es handelt sich auch nicht um ein Symbol, sondern es handelt sich um etwas, was in sein Leben eingreift, weil das Sakrament aus der Orientierung der geistigen Welt heraus vollzogen wird, zelebriert wird, so daß man sagen kann: Therapie führt das Leben hinein ins Bewußtsein. Der Kultus mit dem Sakramentalismus führt das Bewußtsein hinein in das Leben.
Therapie: Leben —— Bewußtsein
Kultus (Sakrament): Bewußtsein — Leben
[ 13 ] Damit haben Sie die beiden polarischen Tätigkeiten: das therapeutische Wirken und das Zelebrieren; beide verhalten sich in der Tat polarisch. Im therapeutischen Wirken wird aus dem Leben heraus in das Bewußtsein hineingearbeitet und das Bewußtsein wird zum Mithelfer, allerdings zu einem im gewöhnlichen Bewußtsein unbewußten Mithelfer beim therapeutischen Prozeß. Beim Zelebrieren wird das Leben zum Mithelfer gemacht desjenigen, was vor dem Bewußtsein sich vollzieht. Beides, meine lieben Freunde, nicht bloß so schematisch, wie es jetzt vor Sie hingestellt ist, sondern tief innerlich geistig erfaßt, bedarf in der Regel des ganzen Menschen, wenn es Beruf wird. Und nur, weil wir innerhalb unserer Zivilisation in der Therapie hinausgekommen sind aus dem Geistigen und in der Theologie hinausgekommen sind aus dem Konkreten, weil wir innerhalb unserer Zivilisation uns in der Therapie verirrt haben in den Materialismus und in der Theologie in die Abstraktion, ist heute das wahre Verhältnis ganz und gar zugedeckt. Aber dieses wahre Verhältnis muß wieder ergründet werden, muß wieder zur Wirksamkeit kommen. Es muß wiederum ersichtlich werden, wie der Arzt schon für die Diagnose braucht den geschulten Blick, der ihm einen biologischen oder sogar physischen Vorgang im menschlichen Organismus im Lichte spiritueller Prozesse — denn alle Prozesse im menschlichen Organismus sind spirituell - erscheinen läßt, so daß der Arzt den geschulten Blick schon bei der Diagnose braucht und noch mehr bei der Therapie für das Aufleuchten des Geistigen im Physischen.
[ 14 ] Der Priester braucht den geschulten Blick für das Aufleuchten des physischen Bildes für einen geistigen Vorgang. Wiederum das Polarische. Aber Polaritäten müssen immer in der Welt zusammenwirken; auch diese beiden Polaritäten müssen zusammenwirken. Und wie sie zusammenwirken müssen, das wird gerade die Aufgabe sein, die innerhalb der Anthroposophie zu ergründen ist, die aber auch innerhalb der Anthroposophie zur wirklichen Ausführung kommt; so daß denkbar ist, meine lieben Freunde, daß aus diesem Zusammensein innerhalb des Kursus über Pastoralmedizin tatsächlich für die Zukunft geschaffen werden kann der anthroposophische Arzt, der aus seinem Verhältnis zur geistigen Welt in das rechte Verhältnis zum Priester treten kann, der wiederum aus der Bewegung für christliche Erneuerung herauswächst. Es wird sich etwas ganz Spezielles ergeben für den Arzt und für den Priester, und daraus kann dann das rechte Zusammenarbeiten entstehen.
[ 15 ] Denn was kann in diesem Falle nur Zusammenarbeiten heißen, meine lieben Freunde? Zusammenarbeiten kann nicht heißen, daß der Priester arztet dilettantisch und der Arzt priestert dilettantisch. Das kann es nicht heißen. Denn wenn das Zusammenarbeiten darin bestünde, daß der Priester ein bißchen etwas von Medizin weiß, der Arzt etwas mitmacht vom Kultus der Priesterschaft, dann möchte ich wissen, warum sie zusammenarbeiten sollen. Denn wozu sollte sich denn der Arzt interessieren, der geschult ist, für den priesterlich-ärztlichen Dilettantismus? Es ist gar keine Veranlassung dazu. Und warum sollte denn für irgend etwas Priesterliches in der Ärzteschaft sich der Priester anders interessieren, als wenn der Arzt einen Seelsorger braucht? Dagegen ist der Arzt ein tüchtiger Arzt, steht er drinnen im Medizinischen, ist der Priester der richtige Priester, dann können sie zusammenarbeiten. Zusammenarbeiten heißt doch, daß man sich gegenseitig das gibt, in dem man tüchtig ist, nicht daß der eine in die Sphäre des anderen eingreift.
[ 16 ] Gerade dadurch aber, daß ein solches Zusammenarbeiten stattfindet, gerade dadurch wird sich für die Kultur ein Allerwichtigstes ergeben, das ergeben, daß durch diesen herbeigeführten wechselseitigen Verkehr erst das wahre Verständnis des Arztes für den Priester, des Priesters für den Arzt entsteht, so daß der Priester so viel weiß vom Arzten, als ihm nötig ist, der Arzt so viel weiß vom Beruf und der Mission des Priesters, als ihm wieder nötig ist. Es wird sich dann später ergeben, inwieweit wiederum beide, Arzt und Priester, im Zusammenwirken mit dem Pädagogen etwas Heilsames für die Menschheit wirken können. Aber das wird wieder eine besondere Aufgabe sein. Auch da wird es ein Zusammenwirken geben, gerade da in der mannigfaltigsten Weise, weil ja in der Tat Pädagogik wieder etwas ist, was von einem anderen Gesichtspunkte aus zu betrachten ist. Der Priester kann nicht Arzt, der Arzt nicht Priester werden, insoferne sie Arzt oder Priester sind. Beide aber können in einem gewissen Sinne Pädagogen sein, aber man muß alle Arten dieses Zusammenwirkens in ganz konkreter Weise auffassen. Deshalb möchte ich Sie unter den Wahrheiten, die die Pastoralmedizin überliefern soll, zunächst für heute bitten, auch diese zu zählen, die in der Warnung vor dem chaotischen Ineinanderwerfen liegt, in dem Daraufbestehen, daß alles aus wirklichen sachlichen und fachlichen Grundlagen herausgearbeitet werde. Der Priester wird dem wirklichen Arzt dann ein wirklicher Helfer sein, wenn er dahin wirkt, daß der ärztliche Dilettantismus zurückgewiesen werde. Das wird mit zu seinen Aufgaben gehören. Und der Arzt wird manches tun können, gerade am Krankenbett, um die Priesterwirkung da zur rechten Geltung zu bringen, wo sie oftmals in der allerrealsten Weise in das Leben einzugreifen hat: am Krankenbert.
[ 17 ] Wir werden morgen diese Betrachtungen fortsetzen.
