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The Rudolf Steiner Archive

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Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern
Pastoral-Medizinischer Kurs
GA 318

9 September 1924, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Wenn man von den gemeinsamen Angelegenheiten des Priesters und des Arztes spricht, so muß der Blick zunächst auf Erscheinungen kommen im menschlichen Leben, die in der Tat leicht ins Pathologische hinübergleiten, daher des Verständnisses des Arztes bedürfen, die aber auf der anderen Seite wiederum in einer außerordentlichen Weise in das Innere, ich möchte sagen, selbst in das Esoterische des religiösen Lebens hineinspielen. Wir müssen uns ja durchaus klar sein darüber, daß eigentlich alle Zweige der menschlichen Erkenntnis über etwas Grobes wiederum hinauskommen müssen, das in der materialistischen Epoche in sie hineingekommen ist. Wir brauchen uns nur zu erinnern, wie doch jetzt in einer gewissen Grobheit der Auffassung behandelt worden sind diejenigen Erscheinungen, die eine Zeitlang zusammengefaßt wurden unter «Genialität und Wahnsinn», grob behandelt worden sind von Lombroso und seiner Schule, aber auch von anderen. Wir können ebensogut aufmerksam machen nicht so sehr auf die Untersuchungen selbst — die haben ja ihre Verdienste —, aber auf die Anschauungsweise, die dadurch zutage trat, wir können ebenso aufmerksam machen auf dasjenige, was aufgetreten ist als Kriminalanthropologie und die Schädel untersuchte der Verbrecher. Die Gesinnungen, die dabei zutage traten, waren durchaus nicht nur grob, sondern trugen einen gewissen Stempel einer außerordentlich starken Philistrosität. Man kann schon sagen — und hier dürfen wir uns durchaus solcher Kategorien bedienen, denn es handelt sich um ein Grenzgebiet in der Pastoralmedizin —, man kann schon sagen, da taten sich im Grunde als Forscher und Denker die Philister zusammen, bildeten sich den Typus eines Normalmenschen heraus, der möglichst ein Philister war. Und was eben abliegt, das war pathologisch. Da das Genie nach der einen Seite, der Wahnsinn nach der anderen Seite abwich, so war eben beides in irgendeiner Weise pathologisch. Und da es für den Einsichtigen ganz selbstverständlich ist, daß jede pathologische Eigentümlichkeit sich auch körperlich ausdrückt, so ist es ganz selbstverständlich, daß in körperlichen Merkmalen nach der einen oder anderen Richtung hin Zeichen gefunden werden können. Es handelt sich ja darum, diese Zeichen in der richtigen Weise zu durchschauen. Gewiß ist ein Ohrläppchen unter Umständen außerordentlich charakteristisch für eine psychologische Eigentümlichkeit, weil solche psychologische Eigentümlichkeiten doch zusammenhängen mit dem Karma, das aber aus früheren Inkarnationen herüberwirkt.

[ 2 ] Das, was die Kräfte des Aufbaues des physischen Organismus sind, namentlich in den ersten sieben Lebensjahren, das sind dieselben Kräfte, die später zutage treten. Wir wachsen ja in den ersten sieben Lebensjahren mit den Kräften, mit denen wir später denken; und so ist es schon wichtig und bedeutsam, daß man gerade, aber nun nicht in der hergebrachten, vor kurzem hergebrachten Weise, sondern in einer wirklich sachgemäßen Art an gewisse Erscheinungen zunächst herangeht. Weniger um sie als pathologisch anzusehen - ins Pathologische werden wir schon geführt werden, gerade von diesen Erscheinungen aus —, als um von diesen Erscheinungen aus das menschliche Leben einsehen zu können.

[ 3 ] Stellen wir uns einmal ganz ernstlich, meine lieben Freunde, auf den Standpunkt, den uns Anthroposophie über den Menschen gibt. Der Mensch tritt uns entgegen in seinem physischen Leib, der eine lange Entwickelung hinter sich hat, der als physischer Leib durch drei vorbereitende Stadien, wie ich es beschrieben habe in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» gegangen ist, bevor er der Erdenleib wurde, der zu seinem Verständnis wahrhaftig mehr braucht als dasjenige, was heute in Anatomie und Physiologie ihm entgegengebracht wird. Denn ich möchte auch hier darauf aufmerksam machen, daß ja dieser physische Leib des Menschen, so wie er heute ist, ein getreues Abbild ist des ätherischen Leibes, der in seiner dritten Epoche ist, des astralischen Leibes, der in seiner zweiten Epoche ist, und auch bis zu einem gewissen Grade der Ich-Organisation, die der Mensch erst auf der Erde aufgenommen hat, die also in ihrer ersten Epoche ist. Das alles prägt sich wie Siegelabdrücke in dem physischen Leib des Menschen aus. Das macht den physischen Leib dann außerordentlich kompliziert, so wie er uns heute entgegentritt. Er ist nur seiner rein mineralisch-physischen Beschaffenheit nach mit den Erkenntniskräften durchschaubar, mit denen man heute an ihn herantritt. Dasjenige, was der Ätherleib in ihn einprägt, das ist gar nicht mit diesen Erkenntniskräften durchschaubar. Es muß mit den Augen des plastischen Künstlers gesehen werden. Das muß gesehen werden so, daß man sich erwirbt Anschauungen, Bildgestaltungen, die aus den Kräften des Weltenalls heraus erfaßt werden und die man wiedererkennt in den Formen des ganzen Menschen, wiedererkennt in den Formen der einzelnen Organe.

[ 4 ] Fernerhin ist dieser physische Mensch ein Abbild desjenigen, was in der Atmungs-Blutzirkulation ist. Die ganze Dynamik, die in der Blutzirkulation und Atmungszirkulation wirkend webt, die ist aber musikalisch orientiert, die kann man nur verstehen, wenn man sie in musikalischen Formen denkt. Man kann sie nur verstehen, wenn man zum Beispiel so denkt, daß man, sagen wir im Knochensystem sieht dasjenige, in das hineingeflossen sind die Bildekräfte, die dann im feineren in der Atmung und in der Zirkulation tätig sind, aber nach musikalischen Gestaltungskräften. Wir können geradezu wahrnehmen, wie die Oktave ausgeht rückwärts von den Schulterblättern und den Knochen entlang geht, und daß die Arme in ihrer Knochenformation nicht verstanden werden können aus einer mechanischen Dynamik heraus, sondern wenn man ihnen ein musikalisches Verständnis entgegenbringt. Da finden wir die Prim von den Schulterblättern bis zum Ansatz der Oberarmknochen, wir finden die Sekund im Oberarmknochen, die Terz vom Ellenbogen bis zum Handgelenk. Wir finden da zwei Knochen, weil es zwei Terzen gibt, eine große und eine kleine und so weiter. Kurz, wenn wir dasjenige, was in der Atmung und Blutzirkulation beherrscht ist vom astralischen Leib, im Abdruck im physischen Leibe wieder suchen, müssen wir musikalisches Verständnis entgegenbringen.

[ 5 ] Noch komplizierter ist das Verständnis von der Ich-Organisation. Da ist es nötig zu begreifen, was angedeutet ist im ersten Vers des Johannes-Evangeliums: «Im Urbeginne war das Wort...» Was da als Verständnis des Wortes gemeint ist im Konkreten, nicht im Abstrakten, wie es die Evangelien-Interpreten gewöhnlich geben, das, wieder angewandt im Konkreten auf den wirklichen Menschen, gibt dann ein Verständnis von dem, wie die Ich-Organisation eingreift in den physisch-menschlichen Leib.

[ 6 ] Sie sehen, wir müßten noch mancherlei in unsere Studien aufnehmen, wenn diese Studien wirklich zum Verständnis des Menschen führen sollten. Aber da es meine Überzeugung ist, daß sowohl vom Medizin- wie vom Theologiestudium außerordentlich viel ausgelassen werden könnte, so glaube ich, daß wenn man alles Wertvolle herausnehmen würde, die Zahl der Jahre, die heute zum Beispiel ein Medizinstudent braucht, nicht verlängert, sondern gekürzt werden könnte. Aber natürlich denkt man heute, wo man materialistisch denkt: wenn man etwas Neues aufnimmt, stückelt man ein halbes Jahr an die Kurse, die ohnehin schon vorhanden sind.

[ 7 ] Wenn man sich ernsthaft auf den Standpunkt stellt, den wir in der Anthroposophie einnehmen müssen, so stellt der Mensch sich uns gegenüber in seinem physischen, ätherischen und astralischen Leibe und in seiner Ich-Organisation. Während des Wachens sind diese vier Glieder der menschlichen Organisation in inniger Verbindung. Während des Schlafens stellt sich auf die eine Seite der physische Leib und der Ätherleib, und entgegen auf die andere Seite die Ich-Organisation und der Astralleib. Wenn wir uns ernsthaft auf diesen Standpunkt stellen, dann werden wir uns ja sagen können, daß in der mannigfaltigsten Weise Unregelmäßigkeiten auftreten können in der Verbindung der Ich-Organisation, des astralischen Leibes mit dem ätherischen Leibe und dem physischen Leibe und so weiter. Sehen Sie, es kann zum Beispiel dieses eintreten, sagen wir, ich würde — schematisch selbstverständlich — hier den physischen Leib zeichnen, den Ätherleib, den Astralleib, die Ich-Organisation (Tafel 2, links): so kann im wachen Zustande immer die sogenannte normale Beziehung herrschen zwischen diesen vier Gliedern der menschlichen Organisation.

[ 8 ] Es kann aber auch so sein, daß zunächst der physische Leib und der Ätherleib in einer Art normalem Zusammenhang sind, daß auch noch der astralische Leib verhältnismäßig drinnensitzt, daß aber die IchOrganisation in einer gewissen Weise nicht ordentlich im astralischen Leibe drinnensitzt (Tafel 2, Mitte). Wir haben dann eine Unregelmäßigkeit, die uns zunächst in der wachen Organisation entgegentreten kann. Der Mensch kommt mit seiner Ich-Organisation nicht gut in seinen astralischen Leib hinein. Dadurch ist sein Empfindungsleben durchaus gestört. Er kann sogar sehr lebhaft Gedanken bilden, denn die Gedanken überhaupt hängen von dem normalen Zusammenhang des astralischen Leibes mit den anderen Leibern ab. Aber ob mit diesen Gedanken auch die Sinnesempfindungen in der entsprechenden Weise erfaßt werden, das hängt davon ab, daß die Ich-Organisation normal mit den anderen Gliedern der menschlichen Wesenheit verbunden ist. Ist das nicht der Fall, hängt sozusagen die Ich-Organisation nicht ordentlich mit den anderen Gliedern der menschlichen Wesenheit zusammen, dann werden die Sinnesempfindungen verblassen. In demselben Maße, in dem die Sinnesempfindungen verblassen, in demselben Maße werden die Gedanken intensiver. Fast gespenstisch treten sie auf, nicht so rein, wie wir sie sonst haben. Das Seelenleben eines solchen Menschen verfließt so, daß seine Sinnesempfindungen etwas Verschwindendes, Nebelhaftes haben, dafür aber die Gedanken etwas Lebendiges, Intensiviertes, Koloriertes haben, das fast den Eindruck schwacher Sinnesempfindungen hervorruft.

[ 9 ] Schläft dann ein solcher Mensch, dann ist auch während des Schlafes die Sache so, daß die Ich-Organisation nicht ordentlich im astralischen Leib drinnen ist. Die Folge davon ist, daß jetzt außerordentlich starke Erlebnisse mit den Feinheiten der äußerlichen Welt auftreten. Solch ein Mensch erlebt in demjenigen Teile der Welt, wo er eben ist, mit seinem Ich und seinem astralischen Leib, wenn er außer dem physischen und ätherischen Leib ist, die Feinheiten der Pflanzen, die Feinheiten des Obstgartens um sein Haus herum. Nicht das, was man bei Tage sieht, sondern die Feinheiten des Geschmacks der Apfel und dergleichen. Das ist schon so, daß das erlebt wird. Und dazu verblaßte Gedanken, die im astralischen Leibe nachwirkende Kräfte darstellen, aus dem wachen Leben nachwirkende Kräfte darstellen.

[ 10 ] Sehen Sie, es ist jetzt schwer, wenn man einen solchen Menschen vor sich hat, und man kann ihn in irgendeiner Variante in den mannigfaltigsten Lagen des Lebens vor sich haben, man kann ihn als Arzt vor sich haben, man kann ihn als Priester vor sich haben, sogar als ganze Kirche ihn vor sich haben. Er tritt einem in irgendeiner Form, meinetwegen in einem Dorfe entgegen. Der Arzt sagt heute, namentlich wenn er ihn in irgendeinem Frühstadium des Lebens findet: Psychopathologische Minderwertigkeit. - Der Priester, namentlich wenn er ein gutgeschulter, sagen wir ein gutgeschulter Benediktiner ist — die Weltpriester in der katholischen Kirche sind zuweilen nicht so gut geschult —, aber wenn er ein gutgeschulter Benediktiner, Jesuit oder Barnabit oder dergleichen ist, dann weiß er auf esoterische Art, daß man aus den Dingen, die da erzählt werden von einem solchen Menschen — für den modernen Arzt ist es eine psychopathologische Minderwertigkeit -—, daß man aus diesen Dingen, die da erzählt werden, wenn man sie richtig interpretiert - trotzdem man einen Menschen vor sich hat, der hart an der Grenze steht zwischen Gesundheit und Krankheit, dessen Nervensystem zum Beispiel durchaus in pathologischem Sinne aufgefaßt werden kann -, wenn man einen solchen Menschen mit durchaus labilem Gleichgewicht in den zutage tretenden Seelenkräften vor sich hat, die ganz anders wirken als beim sogenannt normalen Menschen, dann weiß man, daß einem doch aus diesen Dingen, wenn man sie richtig interpretiert, echte Offenbarungen aus der geistigen Welt entgegenkommen können, wie schließlich von dem Wahnsinnigen selber - nur ist der Wahnsinnige nicht berufen dazu, sie zu interpretieren, sondern nur derjenige, der die ganze Sache durchschaut. Man kann ihn also als Arzt vor sich haben, und wir werden sehen, wie wir ihn in einem anthroposophischen Sinne ärztlich anzuschauen haben. Man kann ihn als Priester vor sich haben, man kann ihn auch als Kirche vor sich haben.

[ 11 ] Nun kann es aber sein, daß er sich sogar weiterentwickelt und dann kommt etwas ganz Besonderes heraus. Nehmen wir an, er entwickelt sich weiter, dieser Mensch. In einem gewissen Lebensalter ist er so, wie ich ihn gezeichnet habe. Nehmen wir an, er entwickelt sich weiter, es entsteht eine stärkere Anziehung des nicht ganz im normalen Verhältnis zu den anderen Gliedern stehenden Ichs, so daß später dieses zustande kommt (Tafel 2, rechts). Wieder ist der physische und ätherische Leib sozusagen normal in Verbindung, aber die Ich-Organisation zieht den astralischen Leib an sich, und der will jetzt auch nicht ganz drinnen sein. Jetzt ist die Ich-Organisation und der astralische Leib mehr aneinandergebunden und alle beide zusammen kommen nicht ordentlich in den physischen und den Ätherleib hinein. Bei einem solchen Menschen kann das Folgende eintreten. Wir gewahren an ihm, daß er nicht imstande ist, seinen physischen Leib und Ätherleib ordentlich zu beherrschen vom astralischen Leib und Ich aus. Er kann den Astralleib und die Ich-Organisation nicht richtig vorschieben in die äußeren Sinne. So daß alle Augenblicke ihn die Sinne verlassen, überhaupt die Sinnesempfindungen verblassen und er in eine Art Taumel-Traumzustand kommt. Aber es können dann in der mannigfaltigsten Weise gerade die moralischen Impulse mit einer besonderen Stärke auftreten. Sie können konfus auftreten, aber sie können auch in einer außerordentlich kasuistisch großartigen Weise auftreten, wenn die Organisation so ist.

[ 12 ] Und wiederum findet der Arzt da in diesem Falle, daß eigentlich wesentliche organische Veränderungen schon da sind in der Konsistenz der Sinnesorgane und der Nervensubstanz. Die beachtet er weniger; aber namentlich wird er finden, daß starke Abnormitäten in den feineren Drüsen und in der Hormonbildung da sind, in denjenigen Drüsen, die wir als Nebennieren bezeichnen, und in den Drüsen, die hier am Halse als kleine Drüsen in der Schilddrüse versteckt sind. Namentlich sind in einem solchen Fall Veränderungen der Hypophysis cerebri und Epiphysis cerebri da. Das wird schon mehr beachtet als die Veränderungen, die im Nervensystem und im ganzen Sinnessystem vorhanden sind.

[ 13 ] Der Priester kommt an einen solchen Menschen heran; dieser Mensch erzählt ihm von dem, was er unter einer solchen Konstitution erlebt. Er erlebt unter einer solchen Konstitution etwa ein besonders starkes Sündengefühl, ein verstärktes Sündengefühl, als sonst Menschen haben. Der Priester kann Mannigfaltiges lernen, und katholische Priester tun das. Sie lernen gerade von solchen Menschen die extreme Ausbildung dieses bei den anderen schwach entwickelten Sündengefühls. Die Nächstenliebe kann bei einem solchen Menschen bis zu ungeheurer Intensität anwachsen, so daß ein solcher Mensch gerade durch seine Nächstenliebe in mannigfaltige Nöte kommt, die er dem Priester dann beichtet.

[ 14 ] Aber es kann noch weitergehen. Es kann jetzt dazu kommen, daß der physische Leib verhältnismäßig vereinsamt bleibt, daß der Ätherleib dauernd oder zeitweise nicht ganz hineingeht in den physischen Leib, daß dann der astralische Leib, der Ätherleib und die Ich-Organisation nahe miteinander verbunden sind und die physische Organisation draußen ist (Tafel 3). Man wird, wenn man sich heutiger materialistischer Ausdrücke bedient — aber wir werden aus diesen herauswachsen im Laufe der Stunde -, einen solchen Menschen in den häufigsten Fällen empfinden als einen hochgradig schwachsinnigen Menschen, der nach keiner Richtung hin, auch nicht nach der Willensrichtung vom Geistig-Seelischen aus, seine physischen Glieder beherrschen kann. Solch ein Mensch zieht gewissermaßen die physische Organisation nach. Ist von vornherein der Mensch so organisiert, dann empfindet man ihn auch wirklich als schwachsinnig, weil der Mensch im gegenwärtigen Stadium der Erdentwickelung, wenn das alles, die Ich-Organisation, die astralische Organisation und der Ätherleib, so isoliert ist, und einsam der physische Leib nachgeschleppt wird, dann nicht wahrnehmen kann, nicht tätig sein kann, sich nicht erleuchten kann an IchOrganisation, astralischem Leib und Ätherleib; so bleibt das dunkel, was er erlebt, und er geht wie betäubt in seinem physischen Leib herum. Es ist in hohem Grade Schwachsinn vorhanden, und man muß nachdenken, in diesem Stadium, wie man in die physische Organisation die anderen Leiber hineinbringen kann. Da kann es sich um pädagogische Maßregeln, aber auch durchaus um äußerlich therapeutische Maßnahmen handeln. Der Priester aber kann in den Fall kommen, daß er ganz überrascht sein kann von dem, was ihm gerade ein solcher Mensch beichtet. Der Priester kann sich sehr gescheit fühlen, aber durchgebildete Priester — es gibt solche wirklich im Katholizismus; man muß den Katholizismus nicht kleinlich beurteilen -, die passen schon auf, wenn ein solcher sogenannter Kranker zu ihnen kommt und zu ihnen sagt: Was du von der Kanzel verkündest, es will doch nicht viel besagen. Das alles macht nichts aus, das reicht eigentlich nicht bis zur Wohnung Gottes, das hat alles nur äußerlichen Wert. In Gott muß man wirklich mit seinem ganzen Menschen ruhen. — Das sagen solche Leute. In allem übrigen Leben benehmen sie sich so, daß man sie für hochgradig schwachsinnig halten kann, in der Unterredung mit den Priestern kommen sie zuweilen mit solchen Dingen. Sie prätendieren, das innere religiöse Leben intimer zu kennen als die, die berufsmäßig davon reden. Sie haben eine Verachtung für den, der berufsmäßig davon redet und sie nennen das, was sie erleben, die «Ruhe in Gott». Und sehen Sie, wieder muß es sich für den Priester darum handeln, Mittel und Wege zu finden, anzuknüpfen an dasjenige, was eigentlich ein solcher, man kann sagen Patient, man kann aber auch anders sagen, was ein solcher Mensch innerlich erlebt.

[ 15 ] Man muß da ein feines Verständnis dafür haben, wie das Pathologische herüberspielt in allerlei Regionen, die den Menschen zunächst unfähig machen, in der physisch-sinnlichen Welt die rechten Wege zu finden, die ihn unfähig machen in einer Weise, wie es das äußere Leben von uns allen fordert, zu sein; und wir sind in einem gewissen Grade - es muß so sein — alle für das äußere Leben Philister. Aber solche Menschen sind nicht veranlagt dazu, auf Philisterwegen zu gedeihen, sie gehen immer andere Wege. Man muß als Priester anknüpfen können mit demjenigen, was man selber zu geben hat, an das, was der andere da erlebt; sehr häufig sind es «die da». Das ist schon dasjenige, was erfordert ein Verständnis für den feinen Übergang vom Kranken ins Geistige.

[ 16 ] Aber die Sache kann viel weitergehen. Denken wir uns nun einmal folgendes: ein Mensch macht diesen ganzen Entwickelungsgang in verschiedenen Lebensaltern durch. In einem bestimmten Lebensalter ist er in diesem Zustand (Tafel 2, Mitte),wo die Ich-Organisation sich nur losgelöst hat von den anderen. In einem weiteren Lebensalter rückt er zu diesem Zustand vor (Tafel 2, rechts), in einem weiteren zu diesem (Tafel 3). Er macht so etwas nur durch, wenn schon der erste Zustand, der noch der normale ist, vielleicht während der Kindheit schon Anlagen zeigt, in ein labiles statt in ein stabiles Gleichgewicht der Glieder hineinzukommen. Wenn der Arzt nun über einen solchen Menschen kommt, der dazu berufen ist, diese ganzen vier Stadien durchzumachen - das erste hier etwas abnorm, die anderen aber in dem Sinne, wie ich sie schematisch aufgezeichnet habe -, wenn der Arzt über einen solchen Menschen kommt, wird er finden: da ist ein außerordentlich labiles Gleichgewicht vorhanden, da muß man etwas befestigen. Es läßt sich in der Regel nichts befestigen. Manchmal ist der Weg in einer außerordentlich intensiven Weise vorgezeichnet; es läßt sich nichts befestigen. Vielleicht, wenn der Arzt dann später wieder an denselben Menschen herankommt, findet er, daß sich der erste labile Zustand verwandelt hat in den anderen, wie ich ihn beschrieben habe mit dem Nebuloswerden der Sinnesempfindungen, den stark kolorierten Gedanken. Später findet er ein außerordentlich starkes Sündenbewußtsein wieder, wovon der Arzt natürlich, weil jetzt die Sache beginnt, stark ins Seelische hinüberzuspielen, nicht gerne Notiz nimmt. Jetzt geht dann in der Regel das Leben einer solchen Persönlichkeit erst recht an den Priester über, und namentlich, wenn es zum vierten Stadium kommt.

[ 17 ] Nun haben solche Menschen, die diese Stadien durchmachen — was mit ihrem Karma, mit ihren wiederholten Erdenleben zusammenhängt -, rein innerlich intuitiv ausgebildet eine wunderbare Terminologie. Sie können reden — namentlich wenn sie die Stadien hintereinander durchmachen, so daß das erste Stadium nahezu normal war -, sie können reden in einer wunderbaren Weise über das, was sie erleben. Sie sagen zum Beispiel als ganz junger Mensch, wenn das labile Stadium mit siebzehn oder neunzehn Jahren auftritt: Der Mensch muß sich selbst erkennen. — Und mit Intensität fordern sie nach allen Richtungen von sich selbst die Selbsterkenntnis. Hier, wo die Ich-Organisation heraustritt, kommen sie von selbst auf das aktive meditative Leben. Sie nennen es sehr häufig «das tätige Gebet», was ein aktives Meditieren ist, und sind sehr dankbar, wenn ihnen irgendein geschulter Priester Vorschriften gibt über das Gebet. Sie gehen dann ganz auf in dem Gebet, erleben aber zu gleicher Zeit in diesem Gebet dasjenige, was sie jetzt anfangen, mit einer wunderbaren Terminologie zu belegen. Sie blicken zurück auf ihr erstes Stadium und nennen das, was sie wahrnehmen: die erste Wohnung Gottes, weil sie dadurch, daß sie mit ihrem Ich nicht ganz untertauchen in die übrigen Glieder, sich gewissermaßen auch von innen beschauen, nicht bloß von außen. Das vergrößert sich, wenn man von innen beschaut, das wird wie ein weiter Raum: die erste Wohnung Gottes.

[ 18 ] Das, was dann auftritt, was ich von einem gewissen Gesichtspunkte beschrieben habe, das wird reicher, es wird innerlich gegliedert; der Mensch sieht viel mehr von seinem Inneren: die zweite Wohnung Gottes. Wenn das dritte Stadium eintritt, ist die innere Schau von einer außerordentlichen Schönheit, und solche Menschen sagen sich: Ich sehe die dritte Wohnung Gottes mit ungeheuren Herrlichkeiten, mit den darin wandelnden geistigen Wesenheiten. — Es ist Innenschau, aber es ist eine mächtige, grandiose Anschauung einer geistwebenden Welt. Die dritte Wohnung Gottes oder das Haus Gottes. Das ist in der Sprache verschieden. Kommen sie bei dem vierten Stadium an, dann wollen sie nicht mehr aufnehmen irgendwelche Ratschläge in bezug auf aktive Meditation, sondern sie bekommen gewöhnlich die Ansicht, alles muß ihnen durch Gnade selber gegeben werden. Sie müssen warten. Sie sprechen vom passiven Gebet, von der passiven Meditation, die man nicht unternehmen darf, die eintreten muß, wenn sie einem Gott geben will. Da muß der Priester einen feinen Spürsinn dafür haben, wenn das eine Stadium in das andere übergeht. Dann reden diese Menschen von dem «Ruhegebet», wobei der Mensch gar nichts mehr tut, wobei er Gott in sich walten läßt. So erlebt er es in der vierten Wohnung Gottes.

[ 19 ] Der Priester kann unter Umständen aus den Beschreibungen, die nun gegeben werden, aus dem, was nun, wenn wir ärztlich reden, so ein «Patient» spricht, tatsächlich außerordentlich viel Esoterisch-Theologisches lernen. Und ist er ein guter Interpret, so wird ihm das Theologische ungeheuer konkret, wenn er hinhorcht auf dasjenige, was ihm solche «Patienten» sagen — ich sage das unter Gänsefüßchen -, zu sagen wissen. Vieles von dem, was namentlich in der katholischen Theologie gelehrt wird, in der pastoralen Theologie, es rührt her von dem Verkehr von aufgeklärten, geschulten Beichtvätern mit Beichtkindern, die sich in dieser Richtung entwickeln.

[ 20 ] Die gewöhnlichen Begriffe, die man hat über Gesundsein und Kranksein, hören auf, ihre Geltung, ihre Bedeutung zu haben. Steckt man eine Persönlichkeit wie diese in ein Büro, oder macht man sie zur gewöhnlichen Ehefrau, wo sie das Kochen beaufsichtigen muß oder sonst etwas im bürgerlichen Leben, so wird sie richtig wahnsinnig, und führt sich eben so auf, äußerlich, daß sie gar nicht anders aufgefaßt werden kann als wahnsinnig. Bemerkt der Priester im rechten Moment, wohin der Weg geht, dirigiert er sie ins Nonnenhafte hinein; läßt er sie im entsprechenden Milieu leben, entwickeln sich die vier Stadien hintereinander, so daß in der Tat der geschulte Beichtvater durch eine solche Patientin in einer ähnlichen Weise im modernen Stil hineinschauen kann in die geistigen Welten wie der griechische Priester durch die Pythien, die ihm durch den Rauch, den Dunst der Erde allerlei über die geistige Welt kundgegeben haben, sich über die geistige Welt unterrichten ließen. Was hilft es viel, wenn heute einer eine Dissertation schreibt über das Pathologische der griechischen Pythien! Das kann man ganz gut, das wird richtig sein, auch exakt sein, aber es ist nichts damit getan in einem höheren Sinne. Denn im Grunde genommen ist doch ungeheuer vieles von dem, was aus der griechischen Theologie im eminenten Sinne hineingeflossen ist in das ganze griechische Kulturleben, entstanden unter den Offenbarungen der Pythien. Die Pythien waren in der Regel Persönlichkeiten, die entweder bis zu diesem dritten Stadium oder gar bis zum vierten Stadium gekommen sind. Aber denken wir uns in einer späteren Zeit, eine Persönlichkeit mache gerade unter der klugen Führung von Beichtvätern diese Stadien so durch, daß sie sich ungehindert hingeben kann ihren inneren Anschauungen, dann wird etwas außerordentlich Wunderbares aus ihr, das deshalb doch in einem gewissen Grade pathologisch bleibt. Dann hat es nicht nur der Arzt, nicht nur der Priester, dann hat es die ganze Kirche damit zu tun und beschäftigt sich damit, daß sie diese Persönlichkeit nach dem Tode heilig spricht; und das ist die heilige Theresia, die hat ungefähr diesen Weg durchgemacht.

[ 21 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, an diesen Dingen muß man sich heranschulen, wenn man dasjenige, was in der Verständigung von Medizin und Theologie zur Einsicht in die menschliche Wesenheit führen muß, wenn man in dem wirken will. Dann muß man dazu kommen, über die gewöhnlichen Begriffskategorien hinauszukommen, die da ihren Sinn verlieren, denn sonst kann man nicht mehr einen Heiligen von einem Narren, einen Wahnsinnigen von einem Genie unterscheiden, und gar nichts mehr unterscheiden, als wenn einer ein normaler Durchschnittsbürger ist, von all den anderen.

[ 22 ] Das ist die Anschauung der menschlichen Wesenheit, die nun zunächst mit Verständnis verfolgt werden muß, die wirklich ins gründlich Esoterische hineinführen kann, die aber ungeheuer aufklärend ist nicht nur über psychologische Abnormitäten, sondern die aufklärend wirken kann auch über physische Abnormitäten, über physisches Kranksein. Denn damit solche Stadien eintreten, meine lieben Freunde, sind ja gewisse Voraussetzungen nötig, Voraussetzungen, die in einer gewissen Konsistenz eines solchen Ichs, das nicht ganz hineingeht, und eines solchen Astralleibs liegen. Ist aber die Konsistenz nicht fein wie bei der heiligen Theresia, sondern grob, dann bildet sich folgendes. Bei der heiligen Theresia bildeten sich durch die Feinheit ihrer Ich-Organisation und die Feinheit ihres Astralleibes plastisch gewisse physische Organe, namentlich Unterleibsorgane, sehr an die Ich-Organisation und an den astralischen Leib.

[ 23 ] Aber es kann so eintreten, daß die Ich-Organisation und der astralische Leib recht grob sind und dennoch diese Eigentümlichkeit haben. Dann tritt noch immer die Möglichkeit auf, weil die Ich-Organisation und der Astralleib grob sind, daß eine solche Persönlichkeit ziemlich normal sein kann. Aber dann können die physischen Korrelate auftreten, und es ist nur eine physische Erkrankung da. Man möchte sagen: man kann die Konstitution haben der heiligen Theresia mit all dem Poetischen ihrer Offenbarungen auf der einen Seite und das physische Gegenbild in kranken Unterleibsorganen, die sich dann nicht zeigen in ihrem Ausleben in der Ich-Organisation und astralischen Organisation.

[ 24 ] Von all diesen Dingen muß gesprochen werden. Alle diese Dinge müssen durchschaut werden, denn sie treten demjenigen, der Arztaufgaben hat, und auch demjenigen, der Priesteraufgaben hat, durchaus entgegen, und er muß ihnen gewachsen sein. Erst dann beginnt Theologisch-Religiöses wirksam zu sein, wenn der Theologe solchen Erscheinungen gewachsen ist. Erst dann wird der Arzt zum Heiler der Menschen, wenn er auch solchen Erscheinungen gewachsen ist.