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The Rudolf Steiner Archive

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Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern
Pastoral-Medizinischer Kurs
GA 318

10 September 1924, Dornach

Dritter Vortrag

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Man sieht in die ganze Wesenheit des Menschen dann tief hinein, wenn man solche Betrachtungen, wie wir sie gestern angestellt haben, noch ein wenig fortsetzt. Insbesondere sieht man das Bedeutungsvolle des Überganges von Gesundheit zur Krankheit gerade an solchen Erscheinungen. Deshalb möchte ich Ihnen die Erscheinung, die da steht zwischen gewissen pathologischen Wegen, die in der menschlichen Entwickelung eingeschlagen werden, und zwischen einer Art naturgemäßer Einweihung als Entwickelungsströmung, die zwischen pathologischen Strömungen der menschlichen Natur und zwischen der Einweihungsströmung mitten drinnen liegt, und sowohl mit dem einen wie mit dem anderen verwandt ist, solche Entwickelung der menschlichen Wesenheit möchte ich Ihnen noch etwas auseinandersetzen.

[ 2 ] Typisch für solche Entwickelungen sind solche Persönlichkeiten, wie eben gerade die gestern erwähnte heilige Theresia. Man kann noch anderes beobachten, als ich gestern erwähnt habe, wenn man den Entwickelungsweg solcher Persönlichkeiten beobachtet. Bei ihnen findet statt eine Art Hereintreten der geistigen Welt in den Wahrnehmungshorizont des Menschen. Natürlich wäre die Schilderung schwierig, weil man die Worte, die man gebraucht, nicht eigentlich so hat in der gewöhnlichen Sprache, daß sie diese abnormen Zustände ganz genau charakterisieren. Aber es wird ja verständlich sein dasjenige, was ich Ihnen zu sagen habe. Das, was hereintritt in den Gesichtskreis, wird in dem ersten Stadium von solchen Persönlichkeiten genannt: der Eintritt in die erste Wohnung Gottes. In dem ersten Stadium wirkt das wie eine bloße «Anwesenheit». Solche Personen finden, daß sie keine genauen Gesichte etwa haben von demjenigen, was sie als Anwesenheit irgendeiner geistigen Wesenheit erleben, sondern sie haben, namentlich wenn das Erlebnis zu Ende geht, ein deutliches Empfinden davon, daß die betreffende Wesenheit da war, mit ihnen zusammen war. Das Zusammensein ganz im Allgemeinen gehalten, das ist das erste, und solange die betreffenden Persönlichkeiten in diesem Stadium ihrer Entwickelung sind, werden sie sogar unwillig, wenn ihnen ein anderer von Visionen und Gesichten erzählt, weil sie die Meinung haben: ihr Erlebnis ist ein viel innigeres, ein viel intimeres und wahreres. Sie sind in diesem Erlebnis so darinnen, daß sie die Empfindung haben: Das Übersinnliche darf nicht bis zum Gesicht kommen, sondern es muß bloß wie ein allgemeines Erlebnis der Anwesenheit dastehen. Das ist das erste.

[ 3 ] Dann aber treten diese Persönlichkeiten in das zweite Stadium ein. Da erzählen sie nun schon von wirklich bildhaften Wahrnehmungen der anwesenden geistigen Wesenheiten. Namentlich erzählen sie zunächst von Berührungsempfindungen, von geistiger Handauflegung oder selbst Stirnberührung und dergleichen, ohne daß zunächst eine an die Augenwahrnehmung erinnernde Vision da ist. Aber die Zustände steigern sich dann bis zu dieser an Augenwahrnehmung erinnernden Vision. Sie können sich so steigern, daß eine solche Persönlichkeit zum Beispiel Jesus wie in wirklicher Person vor sich sieht. Das ist in der Regel das zweite Stadium. Es ist das Eigentümliche, daß solche Persönlichkeiten, wenn sie aus dem ersten in das zweite Stadium eintreten, keine starke Empfindung davon haben, daß, wenn ihnen ein anderer von diesem zweiten Stadium erzählt hat, sie früher unwillig geworden sind. Diese scharfe erinnerungsgemäße Verbindung der zwei Stadien ist nicht da. Die Persönlichkeiten leben ganz intensiv in den jeweiligen einzelnen Stadien.

[ 4 ] Bemerkenswert ist das dritte Stadium, das dann solche Persönlichkeiten erleben. Dieses dritte Stadium erfährt tatsächlich in der Schilderung solcher Personen etwas nach allen Richtungen hin scharf Koloriertes. Diese Persönlichkeiten erzählen davon, wie sie, wenn das Erlebnis kommt, ungeheuer Schmerzvolles durchmachen. So Schmerzvolles, daß ja in der Tat, wenn diese Persönlichkeiten beobachtet werden können während dieses Erlebnisses, das Schmerzerlebnis sich in derselben Weise auslebt als Stöhnen und so weiter, wie sich Schmerzen, die im physischen Leib und ätherischen Leib ihre Ursachen haben, eben im Leben aussprechen. Aber das Eigentümliche ist, daß diese Persönlichkeiten, sagen wir, dazu kommen, sich diesen Schmerz zu wünschen und ihn als etwas betrachten, das sie haben wollen, weil sie als naturgemäß ansehen, das Erlebnis in der richtigen Weise zu erlangen im Durchgang durch den Schmerz.

[ 5 ] Dann steigern sie sich dazu, daß sie den Schmerz innerlich verwandeln. Das ist das ganz besonders interessante Stadium: es wird der Schmerz, indem er genau in der Tatsache so bleibt, wie er ist, zum Lustgefühl, bis zum Wonnegefühl gesteigert. Das Erlebnis geht also so, daß der Schmerz eintritt, der objektive Bestand derselbe bleibt, aber jetzt geht es im Geistigen weiter. Würde man die Person gleich wieder herausversetzen aus dem Geistigen, würde sie den Schmerz so spüren wie ein Kranker das tut; sie tut das auch, wenn sie wieder zurückkommt aus dem Höchststadium des Erlebnisses. Aber in dem Höchststadium des Erlebnisses, wo sie nicht mehr das Gefühl hat: die geistige Wesenheit kommt zu ihr, sondern sie hat sich erhoben in die geistige Welt, in diesem Stadium verwandelt sich - man würde sagen: subjektiv, aber die Ausdrücke stimmen nicht ganz — der Schmerz bis ins Wonnegefühl hinein. Und dann tritt die Verobjektivierung, die symbolische Verobjektivierung des Schmerzes ein. So daß eine solche Persönlichkeit dann, wenn sie wieder zurückkommt aus dem Erlebnis und die Erinnerung hat — und gerade bei diesem Höchsterlebnis ist zumeist eine deutliche Erinnerung vorhanden; es ist nicht eine Erinnerungslosigkeit, sondern zumeist eine sehr deutliche Erinnerung vorhanden -, so daß eine solche Persönlichkeit schildert: Ein Seraphim oder ein Cherubim stand an der Seite von ihr, hatte ein Schwert, das stieß er ihr in die Eingeweide, das verursachte einen furchtbaren Schmerz; und indem er es herauszog, zog er die Eingeweide mit heraus, und gerade nachdem das eingetreten wäre, dieses Herausziehen der Eingeweide, wäre das höchst wonnevolle Erleben in der Gegenwart des Gottes erfolgt.

[ 6 ] Sehen Sie, so sind in der Regel die aufeinanderfolgenden Stadien. Wir können nun diese aufeinanderfolgenden Stadien recht genau verfolgen mit demjenigen, was anthroposophische Erkenntnis ist. Denn, sehen Sie, das erste Stadium besteht ja darin, daß die Ich-Organisation, nachdem das Vorstadium, das ich gestern beschrieben habe, vorüber ist, in der gestrigen Aufeinanderfolge der Zeichnungen also das zweite Stadium begonnen hat, daß die Ich-Organisation den astralischen Leib an sich zieht und mit ihm zusammen erlebt, ohne daß diese Verbindung von Ich-Organisation und astralischem Leib normal tief eingreift in den physischen Leib und in den Ätherleib. So daß, was im gewöhnlichen Bewußtsein nie vorkommen kann, eigentlich bei solchen Personen in einem halbwachen oder viertelswachen oder dreiviertelswachen Zustande ein Erleben da ist, das für sich besteht, und in der Ich-Organisation und im Astralleib verläuft, während nebenhergeht in einer gewissen Selbständigkeit das Erleben des ätherischen und des physischen Leibes. Es gehen also parallel Erlebnisse: ein geistiges Erlebnis, das in der Ich-Organisation und im astralischen Leibe abläuft, und das nur begleitet wird vom Erleben des ätherischen Leibes und des physischen Leibes. Das ist im normalen Bewußtsein nie der Fall, weil im normalen Bewußtsein sehr intensiv alle vier Glieder der menschlichen Wesenheit verbunden sind, so daß es keine solche parallel ablaufenden Erlebnisse gibt. Da steht alles miteinander in Verbindung. In diesem Erleben ist im eminentesten Sinne die Art der Empfindung, die ganze Art des Erlebens so, daß der Mensch mit dem, was er erlebt, sich eins weiß. Er weiß zunächst als hauptsächlichstes Erlebnis das Einssein, denn der astralische Leib, wenn er an die Ich-Organisation herangezogen wird und geistige Entitäten erlebt, dann erlebt er sie als Anwesenheit, es ist da. Ungefähr so erlebt man es, wie man den eigenen Leib erlebt. Man differenziert nicht in der Wahrnehmung, man erlebt ihn nicht als etwas Außenstehendes, man erlebt sich eins, das ist das erste. Das ist das «Erlebnis der Anwesenheit».

[ 7 ] Nun gehen wir zum zweiten Stadium. Das wird dadurch interessant, daß die betreffende Persönlichkeit zuerst allerlei Berührungsvorstellungen hat, die sehr leicht natürlich von der gewöhnlichen Pathologie verwechselt werden können mit dem, was man da auch in der Psychiatrie kennt, aber doch nicht dasselbe sind. Dann steigern sie sich zu wirklichen Visionen. Es ist das dasjenige Stadium, wo nun IchOrganisation und astralische Organisation auch noch den Ätherleib nehmen, so daß ein Parallelerlebnis so ist, daß Ich-Organiisation, astralische Organisation und Ätherleib etwas herausgehoben aus dem physischen Leib miteinander erleben, und parallel gehend der physische Leib seine Prozesse abspielen hat. Dadurch tritt etwas Besonderes ein. Wenn wir mit den Augen schauen im gewöhnlichen Leben, ist der Vorgang so, daß wir von außen, vom Licht gereizt werden, daß wir den Reiz weiter aufnehmen nach innen. Er geht dann bis zum ätherischen Leib, der Reiz, und vom ätherischen Leib aus schafft er das Bewußtseinserlebnis. So ist es zum Beispiel beim Auge auch. Wenn Sie sehen, wird der erste Reiz ausgeübt, der äußere Reiz, der zunächst im Ich erregt wird, in den astralischen Leib eindringt, bis zum Ätherleib dringt, und der Ätherleib ist es dann, der das ganze Bewußtseinserlebnis dem Menschen mitteilt, indem er gewissermaßen nach allen Seiten stößt an die physische Organisation. In diesem Stoßen liegt das Bewußtseinserlebnis. Das ist der genaue Vorgang. Der Vorgang beim Auge, schematisch dargestellt, würde etwa dieser sein (siehe Zeichnung): der Reiz wird ausgeübt, wirkt zunächst im Ich, geht über in den astralischen Leib, in den Ätherleib, das, was im Ätherleib wirkt, stößt nach allen Seiten in das Physische hinein, das Physische stößt zurück, und der Rückstoß vom Physischen ist das eigentliche Augenerlebnis. Es ist ein fortwährendes Spiel zwischen dem Ätherleib und der Aderhaut, der Netzhaut. Dasjenige, was der Ätherleib in der Aderhaut und in der Netzhaut tut, ist dasjenige, was im gewöhnlichen Bewußtsein als Augenerlebnis eben erscheint. Ähnlich ist es bei jedem Sinneswahrnehmen. Für den, der die Dinge durchschaut, ist jede Schilderung, die in den heutigen Psychologien steht oder gar in den Erkenntnistheorien, eine furchtbare Kinderei.

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[ 8 ] Nun sehen Sie, bei solchen Persönlichkeiten, wie ich sie Ihnen geschildert habe, wird ja der Ätherleib unmittelbar ergriffen von dem Erlebnis. Das Erlebnis sitzt im Ich, im astralischen Leib, im Ätherleib, stößt jetzt nicht an die Sinne, sondern stößt von innen an dasjenige, was Nerven-Sinnessystem ist, stößt eigentlich zuerst an das Drüsensystem, dann an das Nervensystem und von da aus strahlt es erst in die Sinne ein, so daß die Sinne ganz in polarisch entgegengesetzter Weise ergriffen werden wie sonst im gewöhnlichen Leben. Statt daß durch die Sinne das Bewußtseinserlebnis erregt wird, wird das Bewußtseinserlebnis koloriert, intensiviert, bildhaft gemacht, indem es von innen gegen die Sinne hin zustrahlt. Dadurch entstehen, indem gestrahlt wird, in den Empfindungsnerven Berührungsvorstellungen. Das steigert sich bis zur Vision. Sie sehen jetzt den ganzen inneren Vorgang.

[ 9 ] Wenn die Entwickelung weitergeht, dann nimmt sie eben ihre Richtung weiter, dann will von einer ganz anderen Seite, als es sonst der Fall ist, Ich-Organisation, astralischer Leib und Ätherleib den physischen Leib ergreifen, der nicht gewohnt ist, von innen heraus ergriffen zu werden, sondern der gewohnt ist, von außen her ergriffen zu werden. Er soll jetzt von innen ergriffen werden. Es soll derselbe Vorgang sich vollziehen mitten im Leben, der sich eigentlich nur vollzieht, wenn die geistig-seelische Organisation des Menschen aus der geistig-seelischen Welt heruntersteigt in den physischen Leib drei Wochen nach der Empfängnis. Dieser Vorgang, der kann sich ja sonst nicht vollziehen im gewöhnlichen Leben, weil der Ätherleib verbunden ist mit dem physischen Leib. Jetzt ist der Ätherleib herausgehoben von dem Ich-Organismus und vom astralischen Leib ergriffen. Man ist wie bei der Geburt, wo man von dem physischen Leib Besitz ergreift, und nun geht es weiter und man will diesen physischen Leib von einer ganz anderen Seite anfassen. Das tut weh. Denn eigentlich besteht auch in Krankheitsfällen jeder Schmerz darin, daß in einer anderen Richtung angefaßt wird der Körper als in der gewohnten Weise. Das aber geschieht in dem Augenblick, wo das dritte Stadium erreicht wird. Nun braucht es Sie nicht zu überraschen, daß dieses dritte Stadium sich verobjektiviert, daß es in den physischen Leib eindringt, der ihm Widerstand leistet, der ohne die regelrechte Initiation nicht so ergriffen werden kann, der durchaus, wenn nicht eine regelrechte Initiation da ist, eben Widerstand leistet und daher Schmerz verursacht. Er stößt im Schmerz zurück dasjenige, was er erlebt. Das ist das erste Stadium des Erlebens, das da ist wiederum für dieses dritte Stadium. Der physische Leib leistet Widerstand, der Widerstand lebt sich aus im Schmerz. Was dringt durch den Schmerz ein? Durch den Schmerz dringt die wirkliche geistige Welt ein. Die kommt durch den Schmerz. Die geistige Welt kommt eben von der anderen Seite. Auf der Seite der gewöhnlichen Sinneswahrnehmung, des gewöhnlichen Denkens liegt das Ergreifen der physischen Welt. Die geistige Welt wird in der entgegengesetzten Weise ergriffen. Der Weg zu ihr führt durch den Schmerz. Aber in dem Augenblick, wo der physische Leib Widerstand leistet, ist allerdings der intensive Schmerz da, aber in dem Augenblick, wo der Schmerz ergriffen wird von der geistigen Welt, wo die geistige Welt eindringt, da verwandelt sich der Schmerz bis zu dem Wonnegefühl. Es ist schon so. Zunächst ist im Organismus der Schmerz da, aber in den Schmerz dringt die geistige Welt ein, durchströmt den Schmerz: ein Cherubim oder Seraphim erscheint — so ergibt sich die Imagination -, stößt sein Schwert hinein, zieht es heraus — das bedeutet, daß man unabhängig wird vom physischen Leibe, so wie man ihn gewöhnlich hat -, indem er die Gedärme mitzieht. Man erlebt nicht in den Gedärmen, sondern ist übergegangen zum Erleben des Geistigen. Der physische Schmerz verwandelt sich in Wonne. Die Leute sprechen von der Gegenwart Gottes, oder wenn sie differenzieren, von der Gegenwart der geistigen Welt.

[ 10 ] Dieses letzte Stadium wird erlebt von solchen Persönlichkeiten, welche in ihrem Ätherleib stark genug sind, um den ganzen Vorgang ertragen zu können. Es kommt bei diesen Persönlichkeiten die Sache eben deshalb, weil sie in ihrem Karma begründet ist. Nehmen Sie zum Beispiel eine solche Persönlichkeit wie die heilige Theresia. Sie kommt aus einer früheren Inkarnation, in der ihre Seele ganz besonders stark geworden ist, sehr stark geworden ist. Sie verkörpert sich als heilige Theresia. Sie ergreift, bevor sie den physischen Leib ergreift bei der Inkarnation, in intensiver Weise den ätherischen Leib. Der wird stärker, innerlich qualitativ intensiver als bei gewöhnlichen Menschen. Diesen innerlich verstärkten, innerlich qualitativ verstärkten ätherischen Leib trägt sie an sich. Dieser qualitativ verstärkte ätherische Leib, der tritt entsprechend aus dem physischen Leib heraus, er bindet sich stark an den astralischen Leib und an das Ich, weil die an sich auch wieder stark sind aus einer früheren Inkarnation her. Und das ist ja der Grund, warum Krankheiten, wenigstens eine gewisse Sorte von Krankheiten entstehen, daß der ätherische Leib sich nicht hält an den Organen, wenn da die vitalisierenden Ernährungskräfte drinnen sind in dem ätherischen Leib, Es geschieht aber solchen Leuten in dem Augenblick, wo sie solche Erlebnisse haben vom Aspekt der physischen Menschenbeobachtung aus, wenn das Erleben in das dritte Stadium eintritt, daß sie richtig krank werden, Aber der ätherische Leib ist zur gleichen Zeit stark und bringt es noch zuwege, im Stadium nascendi des Krankwerdens die Krankheit wieder zu überwinden, so daß der Prozeß, der sich da abspielt, ein Prozeß ist, wo im Status nascendi die Krankheit auftritt, aber zu gleicher Zeit die selbstwirkende Therapie innerlich von dem starken ätherischen Leibe ausgeht. Der ganze Prozeß ist ein latentes Krankwerden und Heilen. Das ist etwas, was zum Interessantesten im Bereiche der Menschheitsentwickelung gehört.

[ 11 ] Gerade bei einer solchen Persönlichkeit wie der heiligen Theresia sehen Sie im Endstadium ihrer Entwickelung ein fortwährendes im Status nascendi eintretendes Kranksein und ein fortwährendes Ausheilen. Diese Wechselwirkung, dieser Pendelschlag, dieser wunderbare Pendelschlag zwischen Krankwerden und Ausheilen, der spielt sich natürlich nicht in der physischen Welt ab, denn für die ist er nicht geschaffen, sondern er spielt sich in der geistigen Welt ab. Nicht wahr, wenn der Ätherleib geformt wird vor der Erdeninkarnation, dann bekommt er seine Gestalt. In diesen Moment zurückversetzt wird eine solche Persönlichkeit wie die heilige Theresia. Aber indem sie hervorruft im Status nascendi den pathologischen Zustand, schwingt sie hinauf in die Welt, in der sie vor der Geburt war, also in die geistige Welt hinein. Der Pendelschlag ist das Untertauchen in den physischen Leib, das Hinaufschlagen in die geistige Welt. Geistige Welt — physische Welt, geistige Welt - physische Welt, aber die physische Welt im polarischen Gegensatz erlebend, wie man sie sonst erlebt, so wie man sie sonst nur erlebt beim Eintreten in die Inkarnation. Dieser innerliche Gesundungsprozeß, dieser vom Weltenall heraus sich vollziehende therapeutische Prozeß, der ist so etwas Intensives, daß er in der Tat ansteckend wirken kann auf Kranke in der Nähe von solchen Persönlichkeiten, wenn ihre Krankheit einigermaßen in der Richtung liegt, in der sich die ganze Sache abspielt, so daß in der Tat die wunderbarsten Heilungen in der Nähe solcher Persönlichkeiten geschehen können.

[ 12 ] Ja, die Sache kann viel weitergehen, und in den älteren, besseren Zeiten der Kirche wurden diese Dinge, die später ausgeartet sind in einen abergläubischen Reliquiendienst, Zauberdienst, in einer feinsinnigen esoterischen Weise benützt. Denn es ist schon so, daß in den besseren Zeiten der religiösen Entwickelung anschauliche, bis in das imaginative Schildern hinein anschauliche Biographien von solchen Persönlichkeiten gegeben worden sind, an die Gläubigen herangebracht worden sind, so daß sie sich erfüllen konnten mit dem ganzen Bildhaften solcher Persönlichkeiten. Und da konnte es schon geschehen, ich will nicht sagen, daß es immer geschehen ist, aber es konnte geschehen, daß, wenn ein verständiger Führer in einer solchen Angelegenheit da war, er einfach einer Persönlichkeit des gewöhnlichen Lebens, deren Krankheit sich nach einer gewissen Richtung hin entwikkelte, diese intensiv imaginativ geschriebene Biographie in die Hand gab, vielleicht verstärkt durch sein eigenes Wort. Und dadurch konnten auch Heilungsprozesse sich vollziehen, so daß schon die Hinlenkung von der Mentalität solcher Persönlichkeiten zum Leben eines solchen Heiligen therapeutische Bedeutung hat.

[ 13 ] Sehen Sie, es führen eben die Betrachtungen, die so tief in die menschliche Wesenheit hineingehen, immer aus dem gesunden Zustand in den kranken Zustand hinüber, aber in den Zustand des übersinnlichen Erlebens. Deshalb ist es ja so, daß wenn Sie irgendwie jemandem raten, Übungen zu machen, um irgendwie in die übersinnliche Welt hineinzukommen, so müssen diese Übungen in der Richtung orientiert sein, daß sie die Ich-Organisation, den astralischen Leib und den ätherischen Leib verstärken, erkräftigen, damit in der Tat solch ein Prozeß, wie ich ihn geschildert habe als einen einfach durch das Karma der betreffenden Persönlichkeit gegebenen, damit ein solcher Prozeß in der richtigen Weise sich vollziehen kann. Dasjenige, was eigentlich in der Initiation sich vollzieht, man kann es schon studieren, indem man solche hart an das Pathologische heranstreifende Prozesse studiert. Daher ist es für den Arzt nicht von geringer Bedeutung, wenn er sich dazu herbeiläßt, das Leben solcher Persönlichkeiten zu studieren, denn er findet gerade in dem Leben solcher Persönlichkeiten dasjenige, was man eigentlich nur durch ein Paradoxon ausdrücken kann. Er findet in dem Leben solcher Persönlichkeiten das gesunde Gegenbild eines da oder dort auftretenden pathologischen Symptomkomplexes, und das ist für den Arzt das Allerfruchtbarste, zu schauen das gesunde Gegenbild eines pathologischen Prozesses. Das ist dasjenige, was innerlich esoterisch am allermeisten hineinführt in die Handhabung des Therapeutischen. Kommt dann noch dazu die Erkenntnis etwa des MateriellSubstantiellen, das als Heilmittel auftreten kann in seiner Verwandtschaft, in seiner Affinität mit irgendwelchen Kräften des Ätherleibes, die bei solchen abnormen Persönlichkeiten in Selbstregulation tätig werden, lernt man also kennen, in welcher Weise der Ätherleib der heiligen Theresia Kräfte entwickelte, wenn im Status nascendi die Krankheit auftritt, und lernt man die gesundenden Kräfte mit den spießigen im Antimon wirkenden Kräften kennen, dann hat man von der Natur selber abgelesen den therapeutischen Prozeß.

[ 14 ] Man möchte sagen, in der Betrachtung solcher Erlebnisse liegt das Merkwürdige, das Paradoxe, daß man lernt die Krankheit anschauen von der anderen Seite, von der Seite, von der aus die Krankheiten die geistigen Wesenheiten handhaben, nicht der Mensch. Denn eine Handhabung ist diejenige, welche die Menschen der Krankheit gegenüber entwickeln; das ist die eine Handhabung. Das ist die von dem Aspekt der Erde aus. Sie besteht darin, daß wir wieder jenes Verhältnis herbeiführen durch die Therapie, welche die Krankheit aufhebt. Die geistigen Wesenheiten, die es mit dem Menschen zu tun haben, handhaben die Krankheiten anders. Sie arbeiten die Krankheit in das Netz des Karma hinein. Das ist ihr Geschäft. Allerdings ein Geschäft, welches nicht so nahe die Dinge aneinander fügt, wie sie durch Pathologie hier auf Erden verbunden sind. Hier kann man nicht einen Menschen, der mit siebzehn Jahren krank wird, mit fünfundvierzig Jahren heilen. Aber mit Bezug auf die Karmagestaltung ist es allerdings so, daß das, was in irgendeiner Inkarnation als Krankheitsprozeß verläuft — ob er geheilt wird oder nicht -, ins Karma verwoben wird, aber vielleicht in dreitausend Jahren, denn die Zeit hat ganz andere Maßstäbe innerhalb der geistigen Welt. Aber man lernt sehr viel an denjenigen Prozessen, wo das eintritt, was vom geistigen Gesichtspunkt aus gesehen in der geistigen Welt schon eintreten kann, dann aber auch herunterstrahlen kann in die physische Welt.

[ 15 ] Sehen Sie, nehmen Sie einen solchen Prozeß, wie ich ihn Ihnen eben angedeutet habe, der sich vielleicht in dem gewöhnlichen Verlauf der Evolution in dreitausend Jahren vollzieht. Ich will durch diesen Strich andeuten, daß irgend etwas, was heute mit dem Menschen geschieht, von den geistigen Wesen so ausgestaltet wird, daß das andere, was als Ausgleichendes dazugehört, in dreitausend Jahren eintritt. Das ist der normale Prozeß. Aber sehen Sie, im gewöhnlichen Leben kennt man ja die Zeit nur sehr ungenau. Wie stellt man sich im gewöhnlichen Leben die Zeit vor? Wie eine von der vergangenen Unendlichkeit durch die Gegenwart in die Zukunft hineinlaufende Linie. So ungefähr stellt man sich die Zeit vor, allerdings eine dicke Linie, nicht eine Linie, sondern ein dickes Seil, denn sie enthält alles, was man überhaupt wahrnimmt in der Welt, zugleich in jedem einzelnen Augenblick der Gegenwart. Man stellt sie sich so vor, wenn man überhaupt sich etwas vorstellt. Die meisten Menschen stellen sich das überhaupt gar. nicht vor. Geistig angesehen, ist die Sache nicht so. Und man lernt schwer Verständnis finden für geistige Verläufe, die ja in allen physischen Verläufen drinnen sind, wenn man sich die Zeit nur so vorstellen kann.

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[ 16 ] Aber die Zeit ist in der Realität nicht so, sondern der ganze Faden, den ich da an die Tafel gezeichnet habe, der kann verwickelt zu einem Knäuel werden. In diesem Knäuel ist die ganze Zeitlinie drinnen, die dreitausend Jahre sind in einem Knäuel. Die Zeit kann sich verknäueln, und wenn sie sich für irgendeine Evolution verknäuelt, diese Zeit, dann kann der Knäuel eben in einem Menschen leben. Bei der heiligen Theresia lebte eine verknäuelte Zeit in dem irdischen Leben. Das ist eigentlich das Mysterium, daß Dinge, die sonst in dem Karma weit auseinanderrücken, zusammengeschoben werden. (Siehe Zeichnung.)

[ 17 ] Hier also sehen Sie, wenn man an eine solche Erscheinung herantritt, wie die innere geistige karmische Betrachtung an die äußere pathologisch-therapeutische Betrachtung sich anschließt. Da aber sehen Sie, wie nun die priesterliche Behandlung des Menschen, der ja seinen Ausblick halten muß nach den karmischen Zusammenhängen, nach dem Geistigen, wie die sich berühren kann mit demjenigen, was nur vom medizinischen Standpunkt aus über-diese Dinge allein durchschaut werden kann. Denn es gehört ja zum Durchschauen von solchen Dingen nicht nur theoretisches Wissen, sondern Darinnenleben in den Dingen. Darinnenleben von der Seite, die sich eröffnet von dem Pathologisch-Physiologischen aus, soll der Arzt. Darinnenleben in den Dingen von der Seite, die sich vom theologisch-karmischen Standpunkt aus ergibt, soll der Priester. Und im Zusammenwirken wird sich dann Harmonie ergeben — das muß immer wieder beachtet werden -, nicht im dilettantischen Ineinandermischen.

[ 18 ] Sehen Sie, nun hängt mit diesen Dingen noch etwas anderes zusammen, namentlich für unsere Zeit. Sie wissen ja, meine lieben Freunde, wie sauer es wird einem Menschen, eine Idee zu begreifen, die eigentlich für den unbefangenen Menschen selbstverständlich ist und welche geleugnet wird, weil der Inteliekt von den Philosophen nicht heran kann: die Idee des freien Willens. Ich sagte über die Sinnesempfindungen: die Dinge, die in den Physiologien und in den Psychologien stehen, nehmen sich dem gegenüber, der die Dinge durchschaut, kindisch aus. Aber was über die Idee des freien Willens geschwätzt wird, erst recht. Denn Sie müssen bedenken, daß der freie Willensentschluß in jedem Augenblick ein Effekt der ganzen menschlichen Wesenheit ist; derganzen menschlichen Wesenheit, wie sie sich gesund oder krank oder halbkrank oder übergesund darlebt, in dem freien Willensimpetus. Im freien Willensimpetus liegt der ganze Mensch darinnen, aber mit alledem, was man am ganzen Menschen durchschauen kann, mit allen Komplikationen liegt er darinnen. Die menschliche Natur lernt man erst kennen, wenn man sie in dieser Komplikation erkennen lernt. Und sehen Sie, das, was bei abnormen Persönlichkeiten nach der einen oder anderen Seite hin eine abnorme Schattierung annimmt, ist aufgehoben, zur Harmonie vereinigt in jedem Menschen. Es ist ein trivialer Ausspruch, aber er ist wahr: so wie der Mensch zugänglich ist für den Cherubim, so ist er auch zugänglich für den Teufel. Und auch diese Prozesse, wo der Mensch zugänglich ist für den Teufel - wir werden sie noch studieren. Aber das alles ist auch im gewöhnlichen Menschen, nur daß die entgegengesetzten Tätigkeiten sich aufheben, weil sie sich nach den verschiedensten Richtungen gleich stark entwickeln. Wenn in jedem ein Engel ist, so ist auch in jedem ein Teufel. Aber wenn der Engel und Teufel gleich stark sind für irgend etwas, dann heben sie sich auf.

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[ 19 ] Nun betrachten Sie diese Waage (siehe Zeichnung). Es gibt einen Punkt, es ist dieser. Sie können hier Gewichte auflegen, das kann alles in Bewegung geraten. Das bleibt immer in Ruhe, das Hypomochlion, es wird nicht berührt von dem, was Sie links, von dem, was Sie rechts auflegen. Aber es muß die Einrichtung getroffen werden, daß es nicht berührt zu werden braucht. Ein ähnliches geistiges Hypomochlion wird im Menschen bewirkt von den entgegengesetzten Kräften. Sie können daher studieren des Menschen Natur. Sie werden nirgends eine Veranlassung haben, den Menschen als freies Wesen zu statuieren, denn in der Natur des Menschen ist alles kausal bedingt. Studieren Sie mit materialistischer Gesinnung die Natur des Menschen: Sie kommen nicht zur Freiheitsidee, Sie kommen zur kausalen Bedingung. Sie können aber auch den Menschen geistig studieren. Sie kommen zur Determination des Willens durch die Gottheit oder die geistigen Wesenheiten, aber Sie kommen nicht zur Freiheit des Willens. Sie können ein grobklotziger Materialist sein und die Freiheit leugnen und die Naturkausalität des Willens studieren, Sie können ein feinsinniger Kopf sein wie Leibniz und auf das Geistige sehen: Sie kommen zum Determinismus. Natürlich, solange Sie die Waagschale mit dem Waagbalken hier studieren, kommen Sie nur zur Bewegung; solange Sie die Waagschale mit dem Waagbalken hier studieren, kommen Sie auch nur zur Bewegung. So ist es, wenn Sie den Menschen studieren nach der Natur, so ist es, wenn Sie den Menschen studieren nach dem Geist. Sie kommen nicht zur Freiheit. Sie liegt mitten drinnen im Gleichgewichtspunkt zwischen beiden.

[ 20 ] Das ist die Theorie. Aber die Praxis ist so, daß Sie zu entscheiden haben bei einem Menschen, der vor Ihnen steht in einer schwierigen Lebenslage, ob Sie ihn verantwortlich machen können für seine Tat. Da wird die Frage praktisch, ob er seinen freien Willen handhaben kann oder nicht. Woran können Sie das entscheiden? Dadurch, daß Sie zu beurteilen vermögen, ob seine geistige und physische Konstitution sich das Gleichgewicht halten. In beide Fälle kann sowohl der Arzt wie der Priester kommen. Daher muß zur Schulung des Arztes wie des Priesters gehören ein Durchschauen jenes Zustandes, in dem der Mensch entweder im Gleichgewicht zwischen Geist und Natur ist, oder in dem dieses Gleichgewicht verschoben ist.

[ 21 ] Niemals kann über das Verantwortungsgefühl einer menschlichen Persönlichkeit anders entschieden werden als nach einer tiefen Erkenntnis der menschlichen Wesenheit. Die Freiheitsfrage in Verbindung mit der Verantwortungsfrage ist eben eine denkbar tiefste.

[ 22 ] Daran wollen wir morgen anknüpfen und weiter fortsetzen. Wir werden sehen, was von der einen Seite ins Gesunde und von der anderen Seite ins Pathologische hineinführt.