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The Rudolf Steiner Archive

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Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern
Pastoral-Medizinischer Kurs
GA 318

11 September 1924, Dornach

Vierter Vortrag

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Wir werden heute in unserer Betrachtung ein Kapitel Anthroposophie einschieben, das sonst ja vor Laien nicht in einer solchen Ausführlichkeit behandelt zu werden braucht, das wir aber, wenn wir fortsetzen wollen namentlich die Auseinandersetzungen von gesunder Verantwortlichkeit und krankhafter pathologischer Unverantwortlichkeit, wie sie für den Arzt sowohl wie für den Priester wichtig zu erkennen sind, dann brauchen werden.

[ 2 ] Da ist vor allen Dingen von besonderer Bedeutung, daß man hineinschauen kann in die Frage: Was ist am Menschen eigentlich vererbt, was stammt alles aus der Vererbungslinie, und was ist nicht vererbt, sondern muß auf andere Weise in die menschliche Wesenheit hineingebracht werden? — Daß man diese beiden, man könnte sagen, Ingredienzien der menschlichen Wesenheit zu unterscheiden vermag, davon hängt ungeheuer viel ab bei der Beurteilung des gesunden und des kranken Menschen. Wenn der Mensch aus geistig-übersinnlichen Welten in die sinnliche Welt hereintritt, das heißt, wenn die Verbindung desjenigen geschieht, was ihm gegeben wird als aus der Vererbung stammend, wenn er das verbindet mit dem, was er sich mitbringt aus früheren Erdenleben und aus dem Aufenthalt zwischen Tod und neuer Geburt, dann sehen wir ja, wie sich der Mensch, zunächst als Kind, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche entwickelt. Aber solange man nicht hinblickt auf den viergliedrigen Menschen nach physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich-Organisation, so lange ist man nicht imstande, diese Entwickelung zu verstehen, weil man nicht durchschauen kann, inwiefern die einzelnen Glieder der menschlichen Wesenheit, die ja ganz verschiedenen Ursprungs sind, aus verschiedenen Welten herkommen, an dieser Entwickelung beteiligt sind.

[ 3 ] Der Mensch hat zunächst seinen physischen Organismus. Die auffälligste Erscheinung an diesem physischen Organismus ist die, daß er innerhalb desselben zunächst in dem ersten Abschnitt seines Lebens bis zum Zahnwechsel die ersten Zähne hat, die mit dem Zahnwechsel ausgewechselt werden. Nun ist die Auswechselung der Zähne ja nur, ich möchte sagen, das Extremste, was da am Menschen ausgewechselt wird. Denn in Wahrheit trägt der Mensch materiell dasjenige, was er als physischen Leib mit der Kindheit empfängt, mit der Geburt empfangen hat, nur bis zum Zahnwechsel mit sich. Wir streifen fortwährend aus unserer Form heraus die physische Materie ab. Der Vorgang ist allerdings komplizierter, als daß man ihn einfach, wenn man exakt sein will, so vorstellen könnte, daß man sagt: Der Mensch stößt im Laufe von sieben bis acht Jahren seine sämtliche physische Materie ab und erneuert sie. — Es ist etwas daran durchaus stimmend, aber man braucht nur auf den Zahnwechsel selbst hinzuschauen, dann wird man schon finden, daß man sich das etwas modifiziert vorzustellen hat. Denn wäre in dieser Abstraktheit die Sache richtig, müßten wir immer nach sieben Jahren frische Zähne bekommen. Das ist aber nicht der Fall. Wir bekommen sie nur einmal. Nun sind aber die Zähne gerade zu demjenigen gehörig, was nach einmaliger Auswechselung eben nicht eine Erneuerung erfährt. Sie sind im extremsten Sinne dazugehörig. Aber es ist ja der Lauf der Entwickelung des Menschen auf Erden überhaupt so, daß er sozusagen immer mehr und mehr, je älter er wird, von der alten physischen Materie etwas in sich behält. Eine Auswechselung in sieben- bis achtjährigen Zeiträumen der weitaus meisten Teile der physischen Materie findet schon statt, aber wir müssen unterscheiden am Menschen zwischen etwas, was immerhin zurückbleibt; mit dem siebenten Jahre sind es nur die Zähne, die sich dann ansetzen und dann bleiben, aber nach weiteren rhythmischen WiederhÖlungen solcher Übergangszeiten bleiben auch immer in der menschlichen Wesenheit Teile des Materiellen stehen, die nicht ausgewechselt werden, obwohl der größte Teil des Menschen im Verlauf von sieben bis acht Jahren seine Materie durchaus auswechselt. So daß also gesagt werden muß radikal für die sieben ersten Lebensjahre ungefähr, daß der Mensch die gesamte Materie, die er hat, wenn er geboren wird, abstreift, nichts von ihr zurückbehält, sondern nur die in ihnen wirkenden und wesenden Kräfte zurückbehält, die sich die ganz neu akquirierte Materie für die ersten sieben Lebensjahre so aneignen, daß der Mensch die Erneuerung seines physischen Leibes bis zu den Zähnen eben hat mit dem Zahnwechsel. Damit aber, meine lieben Freunde, wird auch verständlich, daß das eigentliche Vererbungsprinzip, so wie es die heutige Naturwissenschaft vorstellt, nur für die ersten sieben Lebensjahre gilt. Nur in diesen ersten sieben Lebensjahren ist die Sache so, daß der Mensch die Eigenschaften, die er in sich trägt, vererbt bekommt von Eltern und Voreltern. Es bildet der physische Leib für diese ersten sieben Lebensjahre gewissermaßen eine Art Modell, nach dem der im Menschen arbeitende Künstler, der da besteht nun in diesen Jahren aus Ätherleib, Astralleib und Ich, einen neuen physischen Leib ausarbeitet. Das sehen wir ja gerade, wie miteinander arbeiten, ich möchte sagen, in künstlerisch arbeitende Wechselwirkung treten dasjenige, was der Mensch sich hereinbringt aus geistigen Welten: seine Individualität, seine Wesenheit und das, was er vererbt bekommt. Ist der Mensch eine starke Natur in bezug auf seine innere Individualität, bringt er sich eine innerlich intensive, starke Astralität und Ich-Wesenheit mit, die wiederum den ätherischen Leib stark machen, dann werden wir einen Menschen aufsprießen sehen, der aus seinem Inneren heraus sich wenig an das Modell hält, sondern nur in den allgemeinen Formen sich an das Modell hält. Für denjenigen, der für wirkliche Gestaltungen einen Sinn hat, für den wird dann schon hervortreten, daß ja natürlich, weil das allgemein menschliche Modell eingehalten werden muß, weil schon eine Affinität zu der Menschenform vorhanden ist, die man vererbt bekommt — Züge davon bleiben über den Zahnwechsel hinaus —, aber für eine feinere Beobachtung ist es durchaus anschaulich, wie bei innerlich starken Individualitäten nach dem Zahnwechsel wesentliche Veränderungen eintreten, die davon herrühren, daß sich die starke Individualität nur wenig an das Modell, das ihr durch die Vererbung überliefert wird, hält.

[ 4 ] Wenn wir nachforschen bei einer solchen Individualität wie die hier öfter genannte heilige Theresia, so würde man wegen der schon gestern erwähnten starken Individualität gerade bei solchen Naturen finden, wie sie in den ersten sieben Lebensjahren zwar sehr gleichen ihren Eltern, wie sie aber im neunten und zehnten Lebensjahre Formen annehmen, die einen überraschen, weil da sich erst die eigentliche Individualität herausarbeitet. So daß Vererbung nur gilt für den ersten Lebensabschnitt im strengen Sinne des Wortes, und was später als Vererbung erscheint, ist nicht Vererbung in Wirklichkeit, das muß erkannt werden, das ist Arbeit nach dem Modell, das vererbt ist. Mehr oder weniger wird die Arbeit, die entsteht, dem Modell gleichen. Aber es ist nicht Vererbung, es ist den vererbten Merkmalen nachgebildet. Der bloße Naturwissenschafter, der findet, daß das weitergeht mit dem gewöhnlichen Vererbungsprinzip. Derjenige, der in die Wesenheit des Menschen hineinschaut, weiß, daß ein qualitativ ganz Verschiedenes auftritt für die Ähnlichkeit mit den Eltern nach dem Zahnwechsel als vor dem Zahnwechsel. Vor dem Zahnwechsel sind es wirklich die Kräfte der Vererbung. Nach dem Zahnwechsel sind es die Kräfte, die nach dem Modell arbeiten. Für eine exakte Anschauung darf man ebensowenig sagen, daß der Mensch dasjenige, was er zwischen sieben und vierzehn Jahren, also zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, an sich trägt, vererbt hat, wie man von jemandem, der in der Galerie sitzt und die Sixtinische Madonna porträtiert, wie man von dem sagen darf, seine Porträtmalerei hat durch Vererbung von der in der Galerie hängenden Madonna die Eigenschaft erhalten. So ist es schon, daß es fast geglaubt wird.

[ 5 ] Nun sehen Sie aber, an welcher Art von Arbeit in der Hauptsache der Ätherleib sich beteiligt, welche Arbeit der Ätherleib hat; denn wenig beteiligen sich in diesen Jahren bis zum Zahnwechsel noch der astralische Leib und die Ich-Organisation an der Arbeit. Er bildet einen neuen physischen Menschenleib nach dem Modell. Warum tut er das? Die Frage ist allerdings sonderbar gestellt, weil man solche WarumFragen der Natur gegenüber nicht stellen kann. Es soll auch nur eine rhetorische Frage sein. Warum tut er das? Er tut das aus dem Grunde, weil er, wie der Mensch überhaupt in seiner ganzen Wesenheit in den ersten sieben Lebensjahren, noch nicht dazu veranlagt ist, eine andere Art von Eindrücken von der Außenwelt zu empfangen als eine ganz besondere Art von Eindrücken. Und hier stoßen wir auf ein sehr wichtiges Geheimnis der menschlichen Entwickelung, auf ein Geheimnis, das die Frage beantwortet: Was nimmt denn das Kind eigentlich wahr? — Es liegt weit ab von den Vorstellungen, die man gegenwärtig hat, das, was Antwort auf diese Fragen gibt. Aber Sie werden schon darauf kommen, was gemeint ist, wenn ich die Sache in der folgenden Weise darstelle.

[ 6 ] Der Mensch lebt, sagen wir, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt beziehungsweise einer neuen Konzeption in der geistigen Welt (Tafel 5, oben). In dieser geistigen Welt ist er umgeben von ganz anderen Realitäten, als sie hier in der physischen Welt zu finden sind. Es ist eine ganz andere Welt. Er tritt aus dieser Welt, deren Gesetzmäßigkeit wir andeuten möchten durch diese Linie (weiß), er tritt aus dieser Welt herein in die physische Welt (gelb), setzt sein Leben in der physischen Welt mit einem physischen Körper, den er empfängt, fort; aber in dieser physischen Welt wirken, allerdings verborgen durch das menschliche Sinnesanschauen, weiter dieselben Kräfte, die hier (rot) sind. Wenn Sie einen Baum anschauen, meine lieben Freunde, so wirken darin dieselben geistigen Kräfte, denen Sie gegenüberstehen zwischen Tod und neuer Geburt, nur sind sie verdeckt, verhüllt durch die physische Materie des Baumes. Überall in der physischen Welt, in der wir sind zwischen Geburt und Tod, wirken die geistigen Kräfte auch im Hintergrund der sinnlich-physischen Entitäten. So daß wir die Wirksamkeit der geistigen Welt uns hinein fortgesetzt denken in die Welt, die wir durchleben zwischen Geburt und Tod. Nun ist es in den ersten sieben Lebensjahren so, daß das Kind nichts anderes in Wahrheit mit seiner vollen Wesenheit vereinigen kann als dieses Geistige, in allen Farben, in allen Formen, in aller Wärme, in aller Kälte. Das Kind nimmt eine Fortsetzung der geistigen Wirksamkeiten völlig wahr, wenn es hereintritt in die physische Welt, dann in immer schwächeren Graden bis zum Zahnwechsel. Eine Sinnesempfindung — man beachtet das nicht - ist etwas ganz anderes für ein Kind als für einen Erwachsenen. Eine Sinnesempfindung ist für ein Kind etwas ganz Geistiges. Daher ist es auch, wenn das Kind - wie ich es in der Pädagogik sage - einen jähzornigen Vater neben sich hat, daß es nicht mit Bewußtsein in die jähzornige Geste sieht, sondern das Moralische drinnen in der Geste, das geht in seinen Leib über. So daß das Kind in der Zeit, in der es mit den Kräften arbeitet, um sich seinen physischen Leib, der jetzt sein eigener ist, nach dem Modell zu erarbeiten, daß es in dieser Zeit im Grunde genommen ganz orientiert ist hin auf die geistigen Untergründe, arbeitet aus der Geistigkeit heraus. Was heißt das aber? Was wirkt denn da, wenn die Geistigkeit wirkt, in Wirklichkeit? Scheinbar wirken Farben, Formen, Wärme, Kälte, Rauhigkeit und Glätte in den Sinnesempfindungen. Aber was wirkt denn in Wahrheit? In Wahrheit wirkt nur alles dasjenige, was in irgendeiner Art mit einer Ich-Natur etwas zu tun hat. Auf das Kind machen nur einen Eindruck verborgene geistige Wesenheiten, die mit einer Ich-Natur etwas zu tun haben, also vor allen Dingen geistige Wesenheiten der höheren Hierarchien vom Menschen aufwärts, aber auch die Gruppenseelen der Tiere, die Gruppenseelen der Elementarwesen. Das alles wirkt in Wahrheit auf das Kind, und aus diesen geistigen Kräften, aus dieser großartigen geistigen Dynamik heraus formt es sich aus dem Modell seinen zweiten Leib, der nach und nach heranwächst, und der in dem Ausmaß, als der Zahnwechsel sich vollzieht, als zweiter Leib da ist. Das ist erst der Leib, den sich der Mensch nach der Geburt als seinen eigenen ersten Leib aufbaut, und der herausgebaut ist als physischer Leib aus der geistigen Welt.

[ 7 ] Sehen Sie, in diesem Lebensalter haben wir also eine ganz besondere Art von Gesetzmäßigkeit in alledem, was im Kinde wirkt, in all der Ungeschicklichkeit, in all der Unorientiertheit, mit denen das Kind seelisch tätig ist, mit denen das Kind sich bewegt, die davon herrühren, daß ein fortwährendes Anpassen stattfinden muß an die physische Welt, da noch halb unbewußt traumhaft um das Kind herum diejenige Welt ist, in der das Kind eigentlich noch darinnensteckt, die geistige Welt. Man wird einmal, wenn die Medizin ihre richtige Spiritualität erlangt haben wird, in diesem Einander-Suchen der geistigen und physischen Welt in den ersten sieben Lebensjahren, die wahren tieferen Ursachen der Kinderkrankheiten sehen, und wir werden manche Aufklärung über dasjenige erhalten, was gerade heute eigentlich, wenn man es nachprüft in den medizinischen Werken, nur Verbalerklärungen hat. Es sind nur Verbalerklärungen, formale Erklärungen, die aber in keine Realität eigentlich hineinführen.

[ 8 ] Der Ätherleib hat damit vollauf zu tun in den ersten sieben Lebensjahren; er entwickelt daher ruhig jene Fähigkeiten, die er in den zweiten sieben Lebensjahren enthält, selbständige Fähigkeiten des Ätherleibes, die mehr nach dem Intellekt hingehenden Gedächtnisfähigkeiten. Wer dafür ein Auge hat, sieht die größte Verwandlung im Seelenleben, wenn der erste Lebensabschnitt von sieben Jahren in den zweiten übergeht. Der Ätherleib wird entlastet von seiner Arbeit, die er leisten mußte im vollen Sinn des Wortes in der Ausarbeitung des zweiten Leibes. Er wird entlastet; und wie er entlastet wird, man sieht es genau erst ein, wenn man eben weiß, daß der Mensch nicht mit vierzehn Jahren wieder Zähne bekommt, sondern daß die bleiben, die er hat, daß aber auch noch anderes bleibt in der physisch-materiellen Natur. Das, was da bleibt, was aber in den ersten Lebensjahren auch ersetzt werden muß, das entlastet den Ätherleib, wird frei im Ätherleib. Es ist quantitativ ein Kleines, qualitativ aber etwas ungeheuer Wichtiges. Das ist das, was dann als seelische Eigenschaften ungeheuer wirksam wird. Was der Mensch erspart dadurch, daß er sich keine dritten Zähne anzuschaffen hat, dadurch, daß er manches andere, was in derselben Weise von der Evolution behandelt wird wie die Zähne, nicht neu zu bilden hat, dadurch bleibt etwas übrig vom Ätherleib. Was da übrig bleibt - in den ersten sieben Lebensjahren hineingeflossen ist in die physische Entwickelung -, bleibt jetzt übrig von der physischen Entwickelung, wirkt rein seelisch, wie es ist seiner Wesenheit nach. Mit den Fähigkeiten, an die Sie in der Schule als Lehrer appellieren, die Sie ausbilden, hat das Kind die große Wandlung der Milchzähne in die zweiten Zähne vollzogen und manches andere. Mit den Kräften, die das Kind erspart, weil es keine dritten Zähne zu bilden hat, mit denen fängt es an, die Fähigkeiten der Seele zu entwickeln. Das geschieht in den Tiefen der menschlichen Natur, so daß das Seelische für die ersten sieben Lebensjahre ganz drinnensteckt in der physischen Entwickelung, die wir ebenso als geistig-seelisch wie als physisch-leiblich aufzufassen haben. Wir sehen ein Geistiges wirksam in dem Leibe in den ersten sieben Lebensjahren des Menschen, im vollsten Sinne des Wortes.

[ 9 ] Nun, wie nimmt sich das aber gegenüber der allgemeinen Weltevolution aus? Sehen Sie, innerhalb des Kosmos sind diejenigen Kräfte, mit denen da die Seele in den ersten sieben Lebensjahren arbeitet, die Sonnenkräfte. Von der Sonne scheinen nicht nur die physisch-ätherischen Sonnenstrahlen herab, sondern es scheinen von der Sonne in den physisch-ätherischen Sonnenstrahlen Kräfte herab, die identisch sind mit denjenigen, mit denen unser Ätherleib in den ersten sieben Jahren seinen Leib erneuert: Sonnenentität ist es, die da wirkt. Sehen Sie sich das Kind an, wie es sich nach dem Modell seinen physischen zweiten Leib arbeitet! Das sind lauter Kräfte, die aus dem Sonnenschein absorbiert sind. Verstehen muß man das, wie sich der Mensch in den Kosmos hineinstellt. Und wenn der Mensch in der Art, wie ich das geschildert habe, gewisse ätherische Kräfte freibekommt mit dem Zahnwechsel, die dann wieder zurückwirken auf die astralische Organisation und Ich-Organisation, wird der Mensch zugänglich in der zweiten Epoche des Lebens für das, was er gar nicht war in der ersten Epoche, er wird zugänglich für die Mondenkräfte.

[ 10 ] Die Sonnenkräfte sind ätherische Kräfte in den ersten sieben Lebensjahren, die Mondenkräfte, denen er zugänglich wird mit dem Zahnwechsel, die sind identisch mit den Kräften seines astralischen Leibes. So daß der Mensch eintritt mit dem Zahnwechsel von der Sonnensphäre - in der er weiter auch drinnen bleibt, denn die bleibt wirksam - in die Mondensphäre, und nun arbeitet er an sich zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife mit den Mondenkräften. Mit den Mondenkräften bildet er sich jetzt seinen zweiten eigenen, seinen dritten weltlichen Leib aus, in dem nicht so viel ausgewechselt wird wie in der ersten Lebensepoche, aber immerhin viel ausgewechselt wird. Wiederum aber bleiben Kräfte zurück, jetzt astralischer Natur. Die verändern das Seelische so, wie sich das Seelische verändert um die Zeit der Geschlechtsreife. Die werden frei von der Arbeit am Leibe, so daß der Mensch jetzt, wenn er in die Geschlechtsreife eintritt, in eine Lebensepoche, wo er im Seelischen dasjenige frei zeigt, womit er noch zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife innerhalb seines physischen Leibes zu arbeiten hat.

[ 11 ] So arbeiten wir in der ersten Lebensepoche ausschließlich mit demjenigen, was uns von der Sonne zukommt, und wenn wir das Kind in der Schule haben zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, so sind es die Sonnenkräfte, die für das Seelische frei geworden sind. Das ist ja das Große, das Gewaltige im Einsehen der menschlichen Entwickelung, daß man es beim Kinde zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, wenn man so seine Seele bildet, mit lauter Sonnenkräften zu tun hat. Die kindliche Seele ist ja so verwandt mit demjenigen, was im Sonnenschein lebt, daß einem das Herz aufgehen kann bei einer solchen Erkenntnis, eine solche Erkenntnis, die doch wirklich Licht verbreitet über dasjenige, was zwischen Mensch und Kosmos vorgeht.

[ 12 ] Die Mondenkräfte, die werden in dieser zweiten Epoche des Lebens noch zu dem Leiblichen verwendet, sind noch nicht frei geworden für das Seelische. Sie werden frei mit der Geschlechtsreife, dann wirken sie an der Seele mit, und der Umschwung, der jetzt im Seelischen mit der Geschlechtsreife auftritt, rührt davon her, daß sich in das Seelische die Mondenkräfte hineinimprägnieren, so daß das, was der Mensch nach der Geschlechtsreife im Handeln ringsherum tut, ein Zusammenwirken ist zwischen Sonnen- und Mondenkräften.

[ 13 ] Damit sehen wir nach den Tiefen der menschlichen Entwickelung, und gewöhnen uns ab, von der Vererbung in dem Sinne zu sprechen, wie es die grobe Naturwissenschaft tut, sehen aber auch nach der anderen Seite, was in dem kindlichen Menschentun lebt. Im kindlichen Menschentun und im kindlichen Menschendenken lebt die Sonne. Die Sonne ist es ja, die uns vom Stein entgegenstrahlt, denn der hat keine Lichtkräfte, der reflektiert uns nur das Sonnenlicht. Das gibt der Naturforscher zu, aber das ist das allergeringste, abstrakteste, meine lieben Freunde. Das Kind strahlt uns auch die Sonnenkräfte zurück zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr. So wie wir vom Stein ansprechen können das Licht als das zurückgestrahlte Licht der Sonne, dürfen wir das, was das Kind tut in seiner zweiten Lebensepoche, als Sonne bezeichnen. Sonne ist nicht bloß da, wo sie konzentriert erscheint. Diese physikalische Ansicht, daß die Sonne bloß da ist (Tafel 5, links), gleicht der von einem Menschen, der in einem Topf eine Suppe sieht und in der Mitte ein Fettauge und meint, bloß das Fettauge sei die Suppe. Ja, unsere physikalischen Anschauungen sind oft sehr kindisch, und wenn man sie enthüllt, wie sie sind, dann lachen die Leute. Man möchte nur wünschen, daß der Wirklichkeit gegenüber mehr gelacht wird. Denn es ist wirklich sehr lächerbar, das, was man heute als Wissenschaft ansieht. Wenn man das Fettauge für die Suppe hält, ist das dasselbe, wie wenn man die Sonne da oben für das Fettauge des Sonnenscheins anschaut, während sie als die Suppe die ganze Welt erfüllt.

[ 14 ] Damit eröffnen sich dann die Blicke hinein in den Zusammenhang wiederum zwischen den Mondenkräften und den Fortpflanzungskräften. Denn die Fortpflanzungskräfte bilden auch nach und nach jetzt diesen zweiten eigenen Leib, der zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre ausgebildet wird und fertig ist, wenn die Geschlechtsreife eintritt. So daß dasjenige, was sich der Mensch an Fortpflanzungskräften in dieser Zeit einverleibt, eben Mondenwirkung ist. Die Fortpflanzungskräfte hängen durchaus mit den Mondenwirkungen zusammen, sind Ergebnisse der Mondenwirkungen.

[ 15 ] Nun kommt der Mensch dazu, sich den dritten eigenen Leib — den vierten nach der Äußerlichkeit betrachteten — zu bilden, nach der Geschlechtsreife bis zum Anfang der Zwanzigerjahre. Die Zeitabschnitte werden in den späteren Jahren nicht mehr so streng wie für die Abschnitte des Zahnwechsels und der Geschlechtsreife. Immer mehr bleibt von der Substanz zurück, verfestigt sich im Menschen, wird Bleibegerüst. Es wird wirklich vieles Bleibegerüst im Menschen nach und nach. Von den Knochen wird, je älter der Mensch wird, immer weniger Materie ausgesondert und erneuert. Auch im übrigen Organismus brauchen gewisse Teile länger zur Aussonderung als andere, und es ist ersichtlich, daß von den Zähnen es einfach gilt: Hat man sie einmal ein zweites Mal bekommen, so ist man, ob man sie später noch hat, davon abhängig, wie lange das nun hält, wenn es fertig ist, so wie man von einem Messer, das man hat, abhängig ist davon, wie lange es hält. Das Messer kann seine Materie nicht erneuern. Zähne können sich auch nicht im wesentlichen erneuern. Gewiß, es ist alles im Fluß, es ist schon Erneuerung da, aber es geht eben in das Stadium des Nichterneuerns hinein, und so haben wir sie als dasjenige, was im wesentlichen viel langsamer den Lebensprozeß vollzieht als der übrige Mensch, viel langsamer in bezug auf die Intensität, daher im umgekehrten Verhältnis schnell in bezug auf die Qualität der Dauer, eben schadhaft werden, bevor die anderen Glieder der menschlichen Natur, die sich immer erneuern können, schadhaft werden können. Aber wenn die Zähne denselben Gesetzen ausgesetzt wären wie manche andere Teile der Menschennatur, dann könnte es keine Zahnärzte geben. Aber wenn die anderen Teile der Menschennatur denselben Gesetzen ausgesetzt wären wie die Zähne, würden wir alle recht jung sterben in unserer modernen Zivilisation. Und wahrscheinlich würde dieser Teil der Schweiz, von dem man sagt, daß die Zahnärzte sehr beschäftigt sind, weil die Zähne so leicht schadhaft werden, gar nicht so sehr bevölkert sein von Menschen, denn man würde ihn für eine Stätte früher Sterblichkeit halten. So hängen die Dinge zusammen.

[ 16 ] Nun sehen Sie, der Mensch ist also tätig in seinem Inneren in den ersten sieben Lebensjahren mit den Kräften der Sonne, in den zweiten sieben Lebensjahren mit den Kräften des Mondes. Die Sonnenkraft bleibt dabei, aber die Mondenkräfte mischen sich dazu. In den dritten sieben Lebensjahren, von der Geschlechtsreife bis hinein in die Zwanzigerjahre, werden die viel feineren Kräfte der übrigen Planeten des Planetensystems in die menschliche Wesenheit hinein aufgenommen. Da treten in der menschlichen Wesenheit auf die anderen planetarischen Kräfte in dem Wachstumsprozeß, und weil diese schwächer, viel schwächer wirken als Sonne und Mond auf den Menschen, deshalb sind auch die Dinge, die der Mensch dann in sich aufnimmt, viel weniger nach außen hin anschaulich. Wir merken nicht mehr so stark, wie im Anfang der Zwanzigerjahre — währenddem die planetarischen Kräfte zwischen dem vierzehnten und einundzwanzigsten Lebensjahr ungefähr noch im menschlichen Leibe zu tun haben -, wie im Beginn der Zwanzigerjahre diese Kräfte anfangen nun im Seelisch-Geistigen zu wirken. Es sind die Planetenkräfte, die anfangen zu wirken im Seelisch-Geistigen, und derjenige, der Einsicht hat, der sieht dann den Menschen so an, daß er in dieser merkwürdigen Umwandlung, die der Mensch erfährt im Anfang der Zwanzigerjahre, merkt: bis daher haben eben nur Sonne und Mond aus dem menschlichen Tun gesprochen, jetzt modifizieren diese Sonnen- und Mondenwirksamkeit die planetarischen Kräfte. Das grobe Verfahren der Menschen, das grobe Beobachten hat sogar recht wenig Sinn dafür, diese Umwandlung ins Auge zu fassen, aber sie ist da.

[ 17 ] Nun sehen Sie, es ist schon wahr, daß für den, der den Menschen betrachtet in bezug auf Gesundheit und Krankheit, die Erkenntnis dieser Zusammenhänge notwendig ist. Denn, was wissen wir denn eigentlich vom Menschen, sagen wir in seinem elften oder zwölften Lebensjahr, wenn wir da nicht wissen, daß die Mondenkräfte in ihm arbeiten?

[ 18 ] Nun aber wird im Inneren die Frage entstehen: Wie geht es weiter? Der Mensch muß später auch, wenn auch die zu erneuernden Teile immer geringer werden, er muß jetzt später auch die Dinge erneuern. Nun sehen Sie, bis zum einundzwanzigsten, zweiundzwanzigsten Jahr wirkt ja aufeinanderfolgend Sonne, Mond, das Planetensystem in das menschliche Wachstum hinein. Dann wirken bis zum achtundzwanzigsten Lebensjahr noch die Konstellationen der Fixsterne; das entzieht sich also schon sehr der Beobachtung. Erst mit der Mysterienweisheit schaut man das Hereinspielen des ganzen Fixsternhimmels in den Menschen zwischen dem Anfang seiner Zwanzigerjahre und dem Ende seiner Zwanzigerjahre. Dann wird die Welt hart. Sie will nicht mehr hereinarbeiten in den Menschen; die Welt wird hart. Von diesem eigentümlichen Verhältnis des Menschen zur Welt in seinem achtundzwanzigsten, neunundzwanzigsten Lebensjahre, daß die Welt hart wird, weiß die heutige Wissenschaft kaum mehr etwas. Aristoteles lehrte es noch dem Alexander, indem er ihm sagte: Dann stößt man als Mensch an den Kristallhimmel; der ist hart. - Damit gewinnt der Kristalllimmel, der außerhalb der Fixsternsphäre ist, für die menschliche Anschauung seine Bedeutung, seine Realität. Damit fängt man an einzusehen, daß der Mensch im Weltenall keine Kräfte mehr findet, wenn er Ende der Zwanzigerjahre ist, um zu erneuern. Warum sterben wir denn nicht mit achtundzwanzig Jahren? Diese Welt, die uns umgibt, die läßt uns eigentlich mit achtundzwanzig Jahren sterben. Es ist wahr, wer den Zusammenhang des Menschen mit der Welt sieht, der schaut jetzt mit dem Bewußtsein in die Welt hinaus: O Welt, du erhältst mich eigentlich nur bis zum Ende der Zwanzigerjahre! — Aber gerade indem man das einsieht, fängt man erst an, den Menschen recht zu verstehen in seiner Wesenheit.

[ 19 ] Denn was geschieht jetzt mit ihm, wenn ihn die Welt verläßt mit Bezug auf die Formkräfte, die er sich bildet? Was geschieht jetzt? Es geschieht folgendes in dem eigentümlichen Augenblick, wo mit dem achtundzwanzigsten Jahr der Mensch anfängt deutlich zu zeigen, die alten Wachstumskräfte sind nun gänzlich verfallen. Manche Menschen fangen schon da an einzugehen; manche erhalten sich noch weiter die fortschwimmenden Wachstumskräfte. Aber selbst Goethe wurde schon kleiner, wenn er sich maß im genaueren, als er begann, den zweiten Teil seines «Faust» wieder fortzusetzen. Damals wurde er aber gemessen. Aber er wurde schon früher zusammenfallend. Sehen Sie, von diesem Momente ab, wo uns die Welt verläßt, müssen wir aus den Kräften, die wir bis dahin aufgenommen haben, unsere eigene Erneuerung besorgen. Da können wir allerdings, weil die zu erneuernden Teile immer weniger und weniger werden, nicht in demselben grandiosen Maßstabe arbeiten an unserer neuen Verleiblichung, wie das Kind arbeitet bis auf die Zähne hin, wenn es nach dem Modell seinen ersten eigenen Leib sich bildet. Aber wir haben sehr viele Kräfte in uns angesammelt von Sonne und Mond und Sternen, die wir brauchen, die wir in uns tragen, da wir vom achtundzwanzigsten Jahre an beginnen, die Erneuerung unseres physischen materiellen Leibes zu besorgen. Da werden wir in bezug auf die Menschenwesenheit in ihrer Form der auf der Erde auf sich gestellte Mensch. Damit aber hat der Mensch, der auf der Erde ganz auf sich gestellte Mensch, indem er zueilt diesem Zeitpunkt und wiederum über ihn hinausschreitet, damit hat der Mensch in der Zeit einen Punkt, den er anstrebt, über den er hinauswächst, auf den ich Sie schon gestern von einem ganz anderen Aspekt aus aufmerksam machte (Tafel 5, Mitte). Der Mensch strebt, wenn ich das so zeichnen darf, von seiner Kindheit an, wo er aufnimmt viele Weltenkräfte, immer mehr und mehr einem solchen Punkte zu, der am Ende der Zwanzigerjahre liegt, wo er aufhört, aus Weltenkräften sein Wachstum zu besorgen. Was er weiter tut von da ab, das besorgt er aus den Kräften seines eigenen Leibes. Hier ist in der Mitte ein Punkt, wo der Mensch aufhört, kosmische Kräfte in sich zu verarbeiten, wo er anfängt, aus seinem eigenen Leibe heraus sich die Kräfte zu erarbeiten. Nur scheidet sich das im wirklichen Leben nicht so stark wie hier in der schematischen Darstellung.

AltName

[ 20 ] Im Leben sind oftmals schon in der frühen Kindheit, ich möchte sagen, vorausgenommene Wirkungen aus dem eigenen Leibe vorhanden. Dann merken wir das an pathologischen Erscheinungen des Kindes, am Brüchigwerden der Knochen, namentlich aber an frühen Fettbildungen der Kinder; aber dieser Zusammenhang steckt dahinter. In jedem Augenblicke seines Lebens strebt ja der Mensch entweder nach diesem Punkte hin, oder er strebt von diesem Punkte weg. Sie sehen leicht ein, das ist eine Art Nullpunkt, eine Art Hypomochlion, eine Art Nullpunkt, wo wir in der Zeit zwischen uns und der Welt stehen. Wir haben immer in unserer inneren Dynamik ein Hinstreben oder ein Wegstreben. Das, was da im Menschen stattfindet, indem er nach diesem Nullpunkt hinstrebt oder von ihm wegstrebt, ist ja ein Streben nach einer Null oder von einer Null. Es ist etwas, was wir tun nach einem Nichts hin. Wir streben nach dem, worin die Welt nicht mehr wirkt, worin der Mensch noch nicht wirkt. Zwischen beiden ist eine Art von Null. Wir haben da etwas in uns, was nach einem Nichts hin orientiert ist. Das macht, daß wir freie Wesen sind, Verantwortlichkeit haben. Das ist so in der menschlichen Konstitution begründet, daß wir verantwortliche freie Wesen sind, weil wir beim Übergang von der Welt zu uns durch einen Nullpunkt durchgehen, wie der Waagebalken von rechts nach links, von links nach rechts durch einen Nullpunkt durchgeht, der nicht den Gesetzen folgt, denen die übrige Waage ausgesetzt ist. Sie können sich denken, wenn Sie eine Waage haben (Tafel 5, rechts), daß bier die mechanischen Gesetze gelten, die Sie lernen, hier die mechanischen Gesetze gelten und der Waage eine bestimmte Konfiguration geben, entweder so, daß das oben ist, das unten oder umgekehrt. Das sind die Gesetze der Waage, des Hebels. Aber wenn Sie diesen Punkt nehmen - Sie können die Waage herumtragen, ihre übrige Konfiguration durch die mechanischen Kräfte ist überall dieselbe, wo Sie die Waage herumtragen -, der Punkt ist frei; den können Sie herumtragen, wie wenn er gar nicht mit einer Waage verbunden wäre, die Waage bleibt ganz unberührt davon. So, wenn der Mensch sich ergreift mit seinem seelischen Erleben in dem Punkt, dem er zustrebt vorher, aber nachher mehr davon wegstrebt, so ist wirksam vorher die Welt, nachher er selber, der Mensch. Hier ist nichts wirksam. Aber in der Tendenz hin oder weg kann sich ausleben dasjenige im Menschen, was nicht von der Natur und was nicht von der Welt bestimmt ist, wo ein Hypomochlion sitzt, da ist der Ursprungspunkt seiner Freiheit. Da begreift man die Verantwortlichkeit.

[ 21 ] Man muß also, will man zum Beispiel bei einem fünfunddreißigjährigen Menschen sachlich, nicht bloß in einer Laienhaftigkeit und aus Dilettantismus heraus, den Grad seiner Verantwortlichkeit feststellen können, sich fragen: Wirkt etwa zuviel herüber von demjenigen, was sich abnorm ausgebildet hat bis zu dem Punkt Ende der ZwanzigerJahre, ist dieser Punkt mehr oder weniger nach der Jugend oder mehr nach dem Alter gerichtet? — Der Mensch ist voller Verantwortlichkeit, wenn dieser Punkt normal ist, wenn man das ganze menschliche Leben so beurteilen kann nach der Lebensäußerung des Menschen, daß dieser Punkt normal ist. Liegt dieser Punkt zu stark nach der Jugend zurück, das heißt, hört die Welt zu früh auf, auf den Menschen zu wirken, dann muß dieser Mensch geprüft werden daraufhin, ob er nicht leicht, wenn auch im leisen Grade, unter Zwangsideen leidet, ob er nicht leicht seelisch determiniert sein kann, so daß man ihm nicht die volle Verantwortlichkeit zuschreiben kann für seine Taten.

[ 22 ] Liegt dieser Punkt zu spät, wird man sich fragen müssen, ob der Mensch nicht durch seine innere Natur gehindert ist daran, die volle Freiheit der Seele zu entwickeln, ob er nicht physisch zu stark determiniert ist, und man ihm deshalb wieder nicht die volle Verantwortlichkeit zuschreiben kann.

[ 23 ] Aber real berufen, zu beurteilen im feineren Sinn, ist der Arzt und der Priester, die wissen müssen, daß man des Menschen Entwickelung so beurteilen kann, daß man ungefähr —- wir werden weiter darauf eingehen, weil zur Pastoralmedizin auch eine tiefe Physiognomik gehört — aus seiner Statur sagen kann, ob er sich im Gleichgewicht darlebt, ob man sagen kann, bei ihm liegt das Lebenshypomochlion am rechten Fleck, das heißt am rechten Zeitpunkt, oder es ist früher oder später.

[ 24 ] Das sind Dinge, die man in der alten Mysterienweisheit als sehr wichtig bei der Beurteilung des Lebens angesehen hat, das sind Dinge, die vergessen worden sind, die aber wieder hinein müssen in die Menschenkunde, wenn die Menschenkunde im umfassenden Sinne beeinflussen soll und im richtigen Sinne medizinisch und pastoral wirken will.

[ 25 ] Morgen davon weiter.