Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern
Pastoral-Medizinischer Kurs
GA 318
12 September 1924, Dornach
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Es handelt sich jetzt um die Erkenntnisse, die wir gewonnen haben auf der einen Seite durch die Betrachtung von Menschen, welche, ohne direkt eine Intuition zu haben, in Wahrnehmung der geistigen Welt hineinwachsen und dadurch Zustände zeigen in ihrem ganzen menschlichen Habitus, die den Arzt leicht an Pathologisches erinnern können, die aber im Grunde genommen doch etwas ganz anderes sind als pathologische Zustände allein. Schon aus dem Grunde, weil, wie wir gesehen haben, das Pathologische im Status nascendi bleibt und eine fortwährende, vom Geiste ausgehende Heilungsmöglichkeit da ist, wie das bei solchen Persönlichkeiten wie die heilige Theresia, auch Mechthild von Magdeburg, aber auch bei männlichen Visionären durchaus der Fall ist.
[ 2 ] Nun haben wir, wenn wir diese Zustände betrachten, ein Herausfallen der Ich-Organisation aus der menschlichen Gesamtorganisation im ersten Stadium. Die Ich-Organisation zieht dann den astralischen Leib sehr an sich und sondert ihn in einem gewissen Sinne ab von der ätherischen und physischen Organisation im Wachzustande. Was kommt dadurch zustande? Sie können leicht begreifen, meine lieben Freunde, dadurch kommt zustande, daß der Mensch in eine Art Traumzustand verfällt. Wenn wir den menschlichen Habitus geisteswissenschaftlich betrachten, der dadurch entsteht, daß das Ich den astralischen Leib an sich heranzieht, ihn nicht ganz hineinläßt in den physischen und ätherischen Leib, entsteht eine Art von Traumzustand. Aber wieder dadurch, daß durch eine besondere karmische Dichtigkeit, wie ich betont habe, Ich und astralischer Leib dann stark sind, wird in den Traum hineingetragen eine Empfänglichkeit für die Wahrnehmung der geistigen Welt. Der Traum ist umgewandelt in einen Zustand, der die Möglichkeit hat, wirklich in die geistige Welt hineinzuschauen. Das ist der Zustand, wo der Betreffende dann das Anwesenheitsgefühl von Wesenheiten der geistigen Welt hat.
[ 3 ] Nun können wir den entgegengesetzten Zustand aufsuchen, den polarisch entgegengesetzten Zustand. Dieser polarisch entgegengesetzte Zustand, er tritt dann ein, wenn der astralische Leib die Ich-Organisation, die gerade schwach ist, zu stark hereinzieht. Dann tritt im Wachzustande nicht eine Erhellung wie bei Visionären von der Art der heiligen Theresia ein, sondern es tritt im Gegenteil im Wachzustande eine Abdämpfung, eine Verdunkelung des Bewußtseins ein. Eine Abdämpfung bis zum Traum tritt ein.
[ 4 ] Sehen Sie, solche Menschen, die in einem solchen Zustande sind, können wir nicht in der Weise kennenlernen, wie ich das für die anderen angedeutet habe. Menschen, die bis zu solchen Kulminationsstadien kommen wie die heilige Theresia oder Mechthild von Magdeburg, aber auch solche, die zahlreich sind, viel zahlreicher, als man glaubt, und das Anwesenheitsgefühl von Geistigem haben, solche Persönlichkeiten lernt man, wenn man dazu die nötige Anlage oder die entsprechenden Fähigkeiten ausgebildet hat, am besten dadurch kennen, daß man sich ihre Zustände erzählen läßt. Sie sprechen ja — verzeihen Sie, daß ich das so sage - interessanter als die gewöhnlichen Philister des Tages. Ihre Erzählungen sind viel interessanter und sie erzählen vor allen Dingen solches, das man nicht im Alltag haben kann. Also sie sind schon interessant, diese Leute, auch wenn sie im ersten Stadium stehen. Man lernt sie kennen dadurch, daß man sich von ihnen erzählen läßt.
[ 5 ] Die anderen, bei denen der Astralleib das Ich hereinzieht, bei denen bleibt es auch noch interessant, wenn man sich von ihnen erzählen läßt, nur braucht man, um die ersteren zu verstehen, richtig die Seelenvertiefung mehr des Priesters. Um die zweiten zu verstehen, die oftmals nicht minder interessant sind, oftmals sogar noch interessanter als die gewöhnlichen Visionäre, die nicht so weit kommen, um die zweiten zu verstehen, gehört eigentlich die innere Gefühlssphäre des die Welt mit gutem Verstand, leidlicher Intuition auffassenden Arztes. Denn da handelt es sich darum, zu verstehen, was sie einem nicht erzählen, denn was sie einem erzählen, das hat nicht viel Wert. Es handelt sich darum, dasjenige, was sie sagen und tun, so aufzufassen, daß man es in die richtige Perspektive gegenüber der menschlichen Organisation bringen kann. Solche Persönlichkeiten zeigen, wenn man sie um etwas fragt, schon einen gewissen Grad von Stumpfheit, auch Unwillen, einem zu antworten. Sie fangen dann von etwas anderem zu reden an als von dem, was in der Frage liegt. Aber wenn man abfängt dasjenige, was sie von sich selbst aus sagen — es gibt auch unter ihnen solche, die fortwährend schwätzen möchten -, wenn man abfängt dasjenige, was sie von sich selbst sagen, hat man zuweilen das Gefühl, da ist ein innerer Quell für das Sprechen, der ihnen auch eine besondere Art der Ideenassoziation gibt, wie das bei gewöhnlichen Menschen nicht der Fall ist. Solche Menschen erzählen einem, wenn man sie gehen läßt man muß sie nicht fragen, sondern man muß aufschnappen, was sie wie zufällig erzählen -, solche Menschen erzählen einem: Ja, vor zehn Jahren, da war ich einmal bei einem Bauer. Die Bäuerin hat mir Kaffee gegeben. Die Bäuerin hat mir Kaffee gegeben in einer Tasse, wo außen rote Rosen gemalt waren. Die Bäuerin hat mir nicht gleich den Kaffee geben können, denn sie hat in der Küche den Zucker vergessen gehabt und mußte ihn erst holen. Dann hatte sie die Milch vergessen. Die mußte sie erst vom Keller heraufholen, und dann hat sie so etwas wie ein Achtelliter Milch in den Kaffee hineingegossen und dann hat sie gesagt: Mein Kaffee ist ein sehr guter; und da hab ich gesagt: Ja das glaube ich schon, Bäuerin. - Und so fährt er fort; er erzählt Einzelheiten, die sich auf lang Vergangenes beziehen und in die unglaublichsten Details eingehen. Man kommt dann zu der Idee: Ach hätte ich doch nur auch ein so gutes Gedächtnis wie der. - Man vergißt ganz, daß wenn man ein solches Gedächtnis wie der hätte, dann wäre man so wie der. Ja nun, ich erzähle die Dinge etwas typisch und typisch auch herausgearbeitet. Sie müssen dann die entsprechenden leichteren Varianten, die im Leben einem dann begegnen, insbesondere dem Arzt begegnen, Sie müssen sich danach orientieren. Ich erzähle es als Extrem auffällig, damit Sie sehen, worauf es ankommt.
[ 6 ] Es kommt also dann, wenn der astralische Leib die Ich-Organisation so hereinzieht, eine Art von Kraft zustande, die wie automatisch im Gedächtnis aufgefaßte Details gern wiedergibt, immer bereit ist, sie wiederzugeben, aber absieht davon, irgendeinen logischen Zusammenhang zu suchen, sondern sie hintereinander aufzählt die Dinge, so daß man nicht recht einsieht, weshalb der Betreffende gerade in dem einen Moment auf das eine, in dem anderen Moment auf das andere verfällt. Es kann vorkommen, daß der Betreffende erzählt: Die Bäuerin ist hinausgegangen und hat die Milch geholt; während sie hinausging, da schaute ich in die Ecke des Zimmers, da war ein Madonnenbild, das war dasselbe wie das, das ich vor dreißig Jahren in einem Orte gesehen habe; da habe ich aber nicht einen Kaffee gekriegt, sondern eine sehr gute Suppe. — Es kann sein, daß er von der anderen Erzählung ganz abkommt, es kann sein, daß er wieder darauf zurückkommt. Also man sieht, es ist ein nicht logisch, aber räumlich-zeitlich mit außerordentlicher Treue und automatenhafter Sehnsucht, sich zu offenbaren, wirkendes Gedächtnis. Ein solches Gedächtnis hat er, ein Gedächtnis, bei dem man, wenn man noch näher darauf eingeht, etwas sehr Merkwürdiges erblickt: man erblickt nämlich dasjenige, worauf in noch tieferem Sinne die Sache beruht. Man merkt, er hat eine gewisse Freude an gewissen Wortklängen, die er sich angeeignet hat, als er die Dinge erlebt hat. Und nun merkt man, er hat eine Freude, diese Wortklänge wieder hervorzubringen. Kurz, man merkt, es handelt sich dabei um ein Zurückgehen auf die Sprache, die gedächtnismäßig festgehalten wird mit Ausschaltung der Gedanken — nicht mit völliger Ausschaltung der Gedanken, aber doch mit Ausschaltung der Gedanken.
[ 7 ] Auf der anderen Seite merkt man auch eine Veränderung der Willenssphäre. Die muß man ebenso beachten, denn dadurch wandert man allmählich ab in richtige pathologische Zustände, die dann auch auftreten können und von denen wir dann zu sprechen haben. Man merkt das Folgende. Man muß wieder achtgeben; denn irgendwie heranzutreten an solche Menschen, sie zu veranlassen, daß sie einem folgen sollen, daß sie das oder jenes tun sollen, damit man an ihnen etwas sieht, das hilft nicht viel, denn sie werden sehr stark bockig, wollen sich nicht irgendwie fügen, nicht Antwort geben auf Fragen, die man an sie stellt, wollen auch nicht irgend etwas ausführen. Aber wenn man mit Hilfe irgendeiner Art von außen herangeholter Anamnese herangeht, so daß man die Dinge zusammenträgt, die man aus der Umgebung oder sonstwie erfahren kann, dann merkt man, wie solche Menschen zum Beispiel zu einer bestimmten Zeit des Jahres Willensanregungen in sich empfangen, daß sie wandern müssen, daß sie eine Gegend durchstreifen müssen. Oftmals ist es dieselbe Gegend im Jahr, die sie durchstreifen wollen, und der innere Willensimpuls wirkt da so stark, daß man, wenn man nun negative Instanzen anwendet, um dahinter zu kommen, wie es mit ihnen ist, zum Beispiel das Folgende merken kann. Man nehme einen Gourmand; es gibt auch solche unter den Leuten, die große Freude am Essen haben. Man fasse ihn ab während seiner Wanderung und setze ihm ganz außerordentlich gute Mahlzeiten, an denen er seine Riesenfreude hat, vor. Man kann es aber höchstens dahin bringen, daß er am ersten, zweiten Tag dableibt, wenn das abliegt von dem, was er gewollt hat, auf seiner Wanderung zu erreichen. Er wird unruhig. Man kann sehen, er möchte die gute Kost haben, da er weiß, wenn er weitergeht, wenn er den nächsten besucht auf seiner Wanderung, der gibt ihm etwas Schauderhaftes, das weiß er ganz gut. Sein Erinnerungsvermögen ist großartig ausgebildet. Er wird unruhig, er will weg, denn er paßt sich nicht an mit seinen Willensentschlüssen an unmittelbar äußerliche Veranlassungen. So wie er sich auf der einen Seite nicht anpaßt den unmittelbaren Sinneseindrücken, sondern aus dem Sprachschatz heraus alles mögliche reproduziert, so paßt er sich auf der anderen Seite nicht an der Eingliederung seines Willens-Gliedmaßensystems in das äußere Verhältnis des Lebens hinein. Er will nur dem eigenen Willensimpetus folgen, der ihn in einer ganz bestimmten Weise von innen leitet. Man sieht, er hat alles das verloren, und es ist nur in geringem Maße vorhanden das, was von der Ich-Organisation abhängt, um den Menschen mit der Außenwelt zu verbinden. Seine Sinne werden stumpf, sein Willensimpuls läßt ihn nicht sich recht hineinstellen in die Welt. Er will ihm folgen, was eben die Folge davon ist, daß das Ich in den astralischen Leib hinuntergezogen wird.
[ 8 ] Nun sehen Sie, solchen Menschen, ihnen könnte man, wenn unsere medizinische Auffassung und die hingebungsvolle Liebe der Theologen zusammenwirken würden, solchen Menschen könnte man außerordentlich viel helfen, nur nicht gerade durch eine augenblickliche Therapie, sondern auf folgende Weise. Bei solchen Menschen liegt nämlich eine ganz. bestimmte Tatsache vor. Wir betrachten, um auf diese Tatsache zu kommen, das Leben solcher Menschen zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Da wird man in der Regel, wenn man mit grobem Sinn diesen Menschen betrachtet, gar nichts Abnormes bemerken. Man wird sogar vielleicht seine Freude daran haben, wie altklug diese Menschen sind, wie gescheit, wie furchtbar gescheit, was sie für kluge Antworten geben. Aber man sollte gerade aufmerksam sein auf dieses kluge Antwortgeben zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr. Denn solche Menschen, die überklug in diesem Lebensalter sind, solche Menschen nehmen von dem, was sie in ihrer Entwickelung nach der Geschlechtsreife durchmachen sollen, etwas herein in die zweite Lebensepoche zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife. Dadurch eben kommt das zustande, was ich eben beschrieben habe. Der astralische Leib, der erst nach der Geschlechtsreife das Ich hereinziehen soll, damit das Ich dann im Beginne der Zwanzigerjahre in seiner vollen Entfaltung erscheinen kann, er zieht schon vom Zahnwechsel ab oder vom neunten, zehnten, elften Jahr ab die Ich-Organisation herein, und wir bemerken diese abnorme Klugheit und freuen uns zunächst daran. Aber nun, wenn die späteren Jahre kommen, achtzehntes, neunzehntes, zwanzigstes Jahr, da steckt dann die Ich-Organisation zu tief drinnen in dem astralischen Leib. Da ist der Zustand da, den ich beschrieben habe und dann treten die Erscheinungen auf, die ich angeführt habe. Und so handelt es sich darum, daß nun so ein Mensch, der in dem charakterisierten Alter uns besorgt macht durch seine Überklugheit, daß der eben in einer gewissen Weise behandelt werden muß. Vor allem treten dann diejenigen Lagen ein wir werden, nachdem wir das Charakteristikum gegeben haben, auch einige Andeutungen hören, was im einzelnen zu tun ist —, wo Arzt und Priester den Pädagogen zu beraten haben, damit der verstehen kann, was er nun seinerseits für das angedeutete Lebensalter zu tun hat. Zuerst aber möchte ich die Charakteristik weiter fortsetzen. Es handelt sich jetzt darum, die Betrachtungen der letzten Tage miteinander zu verbinden.
[ 9 ] Nun kann aber auch das eintreten, daß der Ätherleib seinerseits zu stark anzieht die Verbindung von astralischem Leib und Ich, daß furchtbar stark einschnappt in den physischen und Ätherleib der astralische Leib und das Ich im Wachzustande. Dann entstehen die Zustände, die innerlich angeschaut sich so darstellen, daß das Astralische zuviel in den Organen drinnen ist, sich nicht richtig verbinden kann mit den Organen. Es ist der Zustand, der ebenso ein pathologisches Spiegelbild ist eines visionären Zustandes, etwa wie bei der heiligen Theresia, wie der erste Zustand, den ich beschrieben habe, ein pathologisches Spiegelbild ist des Zustandes, wo das Anwesenheitsgefühl von geistigen Wesenheiten vorhanden ist. Wir haben auf der einen Seite ein Hineintragen des Wachschlafes in das helle Bewußtsein. Wir haben bei solchen Persönlichkeiten, wie ich es geschildert habe, das Gegenteil: das Hinübertragen des Traumlebens in das Wachleben, mit diesen Begleiterscheinungen, von denen ich gesprochen habe. Weil es eigentlich ein Wachen ist, treten nicht Träume auf, sondern es tritt ein aktives Traumleben auf, das sich äußert in jenem Sprechen, von dem wir gesprochen haben, und in jenem intimen übertriebenen NachInnen-Kehren der Impulse des Willens. Das ist das pathologische Spiegelbild des Traumes; Aktivität ist darinnen, statt Passivität, die im Traume lebt.
[ 10 ] Jetzt haben wir das Zweite. Wir haben das Hereinziehen von Ich und astralischer Organisation durch den Ätherleib. Der Mensch schnappt ganz stark mit Ich und astralischem Leib und Ätherleib in die physische Organisation ein, aber diese physische Organisation kann in den einzelnen Organen die Dinge nicht aufnehmen. Es bleibt unversorgte Astralität in allen möglichen Organen zurück, die sich nicht recht mit den Organen verbindet. Es tritt das pathologische Spiegelbild ein von dem, was wir kennengelernt haben als das zweite Stadium bei den anderen, jenes zweite Stadium, wo gewissermaßen die Sinnesempfindungen von innen angeregt werden, die Strömung von innen nach den Sinnen hingeht. Jetzt geht sie nach innen, nach den Organen beim Spiegelbild, jetzt ergreift sie die Organisation, es treten ein diejenigen Zustände, die immer eintreten, wenn ein physisches Organ oder ein Ätherorgan da ist und durchflutet wird vom astralischen Leib, von der Ich-Organisation, und diese sich nicht so verbinden können, daß man etwa von einer gesättigten Verbindung des physischen Leibes mit dem Äther- und Astralleib sprechen kann. Es ist etwas übrig in den Organen von den höheren Organgliedern. Das, was sich sonst hineinergießt in die sinnesähnliche, in die sinnesmäßig kolorierte Vision, die Offenbarung sein kann der geistigen Welt, das ergießt sich jetzt nach innen, will auffangen das Organ. Statt daß es sonst, mehr äußerlich, das Geistige gegenüber dem Sinnlichen auffaßt, ergießt es sich nach innen, fängt auf das Organ, äußert sich in Krampfzuständen, in all den Formen, die bei der eigentlichen oder maskierten Epilepsie auftreten, äußert sich eben darin, daß Ich-Organisation und astralische Organisation zu stark hinunterschnappen in die physische Organisation, die dann den Ätherleib mit sich zur Verbindung hinreißt. Wir sehen jetzt durchaus die Möglichkeit, daß der erste Zustand, den ich beschrieben habe, sich hineinentwickelt in diesen zweiten, und oftmals tritt gerade das im Leben ein, was verhindert werden sollte durch die Verbreitung einer echten Pastoralmedizin. Man bemerkt den ersten Zustand nicht, findet ihn interessant. Man bemerkt erst den zweiten Zustand, wenn er eintritt, wo Krämpfe, epileptische Erscheinungen eintreten, wo dann aber nicht die Hypertrophie der Erinnerung in die Details, auch nicht die Hypertrophie des inneren Willensimpetus eintritt, sondern dadurch, daß die astralische Organisation und die IchOrganisation nach innen gestoßen werden, durch das Nichtzusammenstimmen der astralischen Organisation mit gewissen Organformen, jetzt Erinnerungs-Auslöschung eintritt. Statt daß die Erinnerung wie im vorhergehenden Zustand an die Details anhaftet und die Details nur nicht beherrscht waren von Logik, sondern eine fortlaufende, in willkürlichen Assoziationen sich abspielende Erinnerungsströmung da ist, eine logiklose Erinnerungsströmung, sehen wir jetzt unterbrochene Erinnerung; es bleiben Erinnerungsstellen aus. Es kann so weit gehen, daß uns ein solcher Patient zeigt etwas wie zwei Arten von Bewußtsein. Die Erinnerung heftet sich zum Beispiel an die oberen Organe — denn an der Erinnerung, an dem Gedächtnis ist der ganze Mensch beteiligt -, haftet an die oberen Organe, bleibt aus für die unteren Organe und umgekehrt. In dem anderen Teil der rhythmischen Abfolge — denn rhythmisch können solche Dinge abfolgen - ist es umgekehrt, die oberen Organe werden untätig bei der Erinnerung, die unteren Organe werden tätig, und so laufen zwei Bewußtseinsströmungen bei einem solchen Menschen nebeneinander her. In dem einen Bewußtseinszustand erinnert er sich immer an alles dasjenige, was in diesem Bewußtseinszustand abgelaufen ist, im anderen erinnert er sich an das andere; aber er weiß nie in dem einen Bewußtseinszustand, was Inhalt des anderen Bewußtseinszustandes war. In diese Region geht es dann hinunter.
[ 11 ] Sehen Sie, da haben wir das Spiegelbild, das pathologische Spiegelbild desjenigen, was, nun gebrauchen wir den Ausdruck, beim Heiligen, damit wir einen Terminus haben — die heutige Medizin hat keinen Terminus für diesen Zustand -, was beim Heiligen im zweiten Zustand eintrat. Der bekommt eine Welt um sich, die visionär ist, aber einen geistigen Inhalt hat, er lebt sich in die geistige Welt hinaus, bekommt innerliche Eindrücke von der geistigen Welt. Der andere, der Pathologische, ist, weil in seinem Karma eine schwache Individualität liegt, so, daß er vom Körperlichen angezogen wird, er bekommt anstelle der geisttragenden Visionen Krampfzustände, durchbrochene Bewußtseinsvorstellungen, Inkohärenz des fortlaufenden Lebens und so weiter.
[ 12 ] Nun kann aber noch ein dritter Zustand eintreten. Das ist der, wo infolge der karmischen Verhältnisse der physische Leib nun auch schwächer geworden ist, wie die ganze andere Organisation schwach geworden ist, so daß die früheren karmischen Kräfte in den physischen Leib nicht genügend hineinwirken. Sehen Sie, bei einem solchen Menschen wird nun nicht Ich-Organisation, astralische Organisation und Ätherleib durch den physischen Leib herangezogen, sondern es tritt etwas ganz anderes ein. Bei einem solchen Menschen tritt das ein, was ich in der folgenden Weise zu beschreiben habe.
[ 13 ] Nehmen Sie an, man wird nach der anderen Seite, nach der Seite der Sinne hin, also nach der Seite der Ich-Organisation hin versensitiviert; da ist man furchtbar empfindlich gegen all das, was durch die Sinne einfließt, gegen lebhafte Farben, lebhafte Töne. Aber gerade das Entgegengesetzte tritt bei solchen Menschen ein, deren physischer Leib infolge karmischer Verhältnisse schwach ist. Die werden von innen heraus nun nicht hyperempfindlich, sondern für ihren physischen Leib unempfindlich, dafür aber nehmen sie mit Riesenstärke auf alles dasjenige von der anderen Seite, von der Willensseite her, was in der physischen Welt außerhalb ist. Sie verfallen der Schwere, der Wärme und Kälte. Das alles wirkt so, wie gar nicht auf organische Wesen, sondern wie auf unorganische Wesen, das unterdrückt dann die Äußerungen von astralischem Leib und Ich-Organisation. Sie sind von der Welt hingenommen, sie stellen sich durch den schwachen physischen Leib nicht mit entsprechender Intensität der Außenwelt gegenüber, sie sind wie ein Glied der Außenwelt, aber innerhalb des Physischen. Es ist das deutliche Gegenbild dessen, was wir als das dritte Stadium beim Heiligen beschrieben haben. Der Heilige geht durch den Schmerz, der sich in ihm in Lust verwandelt, über dazu, daß er die geistige Welt in ihrer reinen Geistigkeit erlebt. Er nennt das «die Ruhe in Gott» oder «die Ruhe im Geist». Derjenige, der sich so entwickelt, wie ich das beschrieben habe, der ruht in den verborgenen okkulten Kräften der physischen Welt, die ihm aber nicht zum Bewußtsein kommen, er kommt nicht zu der Ruhe in Gott, nicht zur Ruhe im Geist, er kommt zur Ruhe in den okkulten Kräften der Welt, denen er sich gerade als Mensch in Selbständigkeit gegenüberstellen soll. Er entwickelt das Spiegelbild des dritten Zustandes des Heiligen, das pathologische Spiegelbild, und das ist der Zustand des Blödsinns, in dem das Menschliche ausgelöscht ist, in dem der Mensch ruht in der äußeren Natur, das heißt in den verborgenen Kräften, aber nicht mehr sich menschlich äußern kann, sondern nur in dem, was im Menschen naturgemäß vollzogen wird, was im Menschen die Fortsetzung darstellt der äußeren Naturprozesse, der vegetabilischen Prozesse: Sich-Ernähren, die Nahrungsmittel verarbeiten, und das Sich-Bewegen in der Richtung, wie die Nahrungsmittel in ihrer inneren Verarbeitung Impulse geben, das vollständig wachende Schlafen, hingegeben an die Funktion der Körpergestalt, die aber nicht überwunden werden vom schwachen physischen Leib, sondern ähnlich bleiben den Vorgängen der Außenwelt, die, weil sie im Menschen wirken, menschenähnliche Impulse geben dem Menschen, der herausgestellt ist aus der Welt, weil er zu stark in die physische Welt hineingestellt ist.
[ 14 ] Wir haben es zu tun mit all dem, was das pathologische Spiegelbild der Ruhe in Gott ist. Wir haben es mit dem «Ruhen in der Natur» zu tun. Wir haben es mit den verschiedenen paranoischen Zuständen zu tun, mit demjenigen, was man im gewöhnlichen Leben die Zustände des Blödsinns nennt, während die vorhergehenden Zustände mehr diejenigen des Schwachsinns sind.
[ 15 ] So sehen wir in die Stufenreihe beim Heiligen von den Anwesenheitsgefühlen gegenüber Wesenheiten der geistigen Welt bis hinein zu dem sich selber Hineinversetzen in die geistige Welt im dritten Stadium. So sehen wir das pathologische Gegenbild von der psychopathologischen Minderwertigkeit, die wir im ersten Stadium verfolgen können. Ganz besonders dann können wir darauf aufmerksam werden auf die psychopathologische Minderwertigkeit, wenn sie sich so ausdrückt, wie ich das vorhin beschrieben habe: in abnormer Wanderlust, verbunden mit dem logikfremden Gedächtnis. Wir sehen das dann übergehen in die Zustände des Wahnsinns, die aber durchaus den Menschen zu gewissen Verrichtungen des äußeren Lebens geeignet machen können in dem Frühstadium. Wir sehen das dann übergehen oftmals in den dritten Zustand, der auch schon von Anfang an vorhanden sein kann.
[ 16 ] Wir sehen, wie der zweite Zustand im wesentlichen darauf beruhen kann, daß wir gar nicht imstande sind, gewissen Zuständen zwischen Geburt und Zahnwechsel entgegenzutreten. Wenn Kinder in dieser ersten Lebensepoche nicht gerade eine übergroße Klugheit zeigen aber eine starke Lernbegierde, die sich erst zeigen sollten nach dem Zahnwechsel, kurz, wenn diejenigen Eigenschaften, die, wie ich in den pädagogischen Vorträgen geschildert habe, eintreten im normalen Leben zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, schon deutlich da sind in der ersten Epoche, sollten wir besonders besorgt werden, sollten wir sinnen auf Mittel, die dasjenige, was jetzt pathologisch ist, beheben können, psychische, spirituelle, physische Mittel. Wir werden davon noch sprechen. Aber das ist das, was im Zusammenhang mit diesen Erscheinungen studiert werden muß, nämlich, daß nicht hereinleuchten sollte in die erste Lebensepoche zwischen Geburt und Zahnwechsel dasjenige, was in der zweiten Lebensepoche, wie ich es Ihnen gestern geschildert habe, herauskommen soll.
[ 17 ] Das dritte Stadium kann allerdings in zweifacher Weise sich einstellen. In den weitaus meisten Fällen bringt es sich der Mensch, wie Sie aus meinen Darstellungen ersehen haben, als sein Karma mit. Er tritt schon durch dasjenige, was er durchgemacht hat beim Aufsuchen der Zusammensetzung des Ätherleibes, bevor er in den physischen Leib hereintritt, schon in einen abnormen Zustand ein. Er gestaltet sich einen Ätherleib, der überall nicht hinein will, der nicht hinein will in Herz und Magen in der richtigen Weise, sondern sie überfluten will, der zu stark astralischen Leib und Ich-Organisation in die Organe hineinträgt, und wir sehen auftreten schon bei der Geburt oder sich wenigstens bald nach der Geburt herausbilden die physiognomischen Deformationen, die uns besorgt machen können. Man nennt das angeborenen Blödsinn. Den gibt es aber nicht. Es gibt nur einen karmischen Blödsinn, der mit der ganzen Schicksalslage des Menschen zusammenhängt. Auch das werden wir genauer besprechen, damit man doch auch einsieht, wie eine Inkarnation, die in einer solchen geistigen Umnachtung zugebracht werden kann, unter Umständen sogar günstig in das Karma des Menschen sich hineinstellen kann, wenn es auch ein Elend darstellt in der einen Inkarnation. Da beginnt die Notwendigkeit, die Dinge nicht bloß unter dem Gesichtspunkte des endlichen Lebens, sondern sub specie aeterni oder unter dem Gesichtspunkt des ewigen Lebens des Menschen anzusehen. Da tritt ein dasjenige, was eine gemütvolle und zu gleicher Zeit weise gewordene Caritas durchdringen soll.
[ 18 ] Auf der anderen Seite aber kann das zweite Stadium, das ich Ihnen geschildert habe, durchaus in das dritte übergehen, und das zeigt sich dann, wenn schon in der ersten Lebensepoche des Menschen zwischen Geburt und Zahnwechsel nicht bloß die zweite Epoche hereinleuchtet, sondern schon die dritte, diejenige, in der der Mensch seine Ich-Organisation hereinnehmen soll. Wenn uns ein Kind entgegentritt mit Eigenschaften im vierten, fünften Lebensjahr, die oftmals das Entzücken der Umgebung hervorrufen, weil man sagt: der redet oder tut wie ein Zwanzigjähriger — schlimm genug, wenn es so ist. Denn dann tritt eben dasjenige ein, daß die Ich-Organisation zu früh sich entwickelt, den physischen Leib überwältigt und schwach macht. Dann tritt nicht der karmisch vermittelte, sondern im Leben akquirierte Blödsinn ein, der sich karmisch erst später ausgleichen kann; der Blödsinn aber, er tritt im späteren Leben ein. Wenn wir mit verständigem Sinn, mit einer guten Pastoralmedizin hinblicken auf das Leben, werden wir ihn dadurch beherrschen lernen können, indem wir einfach die Erziehung in der richtigen Weise gestalten im Frühstadium des Betreffenden.
[ 19 ] Aber derjenige, der durch seinen inneren Beruf hingewiesen ist darauf, solche Dinge zu beobachten, er sollte sie nicht nur beobachten, insofern sie individuelle Einzelerscheinungen sind — da soll er natürlich mit besonderer Liebe eingehen können -, er soll auch ein Verständnis entwickeln, wenn sie generelle Erscheinungen werden. Er soll ein Verständnis entwickeln, wie manchmal diese Dinge herangezogen werden.
[ 20 ] Wir haben, meine lieben Freunde, gesehen, daß manches in die Pädagogik der früheren Jahrzehnte eingezogen ist, was wir vom Standpunkte einer gesunden Pädagogik, wie sie die Waldorfschul-Pädagogik sein will, gerade bekämpfen, Dinge, die den Menschen außerordentlich lieb geworden sind. Auf das muß manchmal mit grausamer Härte in unserer Waldorfschul-Pädagogik hingewiesen werden, zum Beispiel wie diese, ich habe darauf hingewiesen, nicht dem Leben, sondern dem Intellekt entnommenen Fröbel-Arbeiten, die in den Kindergärten vor dem Zahnwechsel getrieben werden, die nicht Nachahmung des Lebens, sondern ausgedachte Dinge sind, wie diese getrieben werden. Da ist es dann, daß in das kindliche Lebensalter zwischen Geburt und Zahnwechsel hineingenommen wird dasjenige, was erst da sein sollte im zweiten Lebensalter zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife. Es wird geradezu herangezogen dasjenige, was sich in den ersten Stadien des Pathologischen, wie ich es heute geschildert habe, dargestellt hat. Dann wird herangezogen ein Krankheitszustand schwacher Art, den man oftmals noch nicht als pathologisch anspricht, der auch besser nicht als pathologisch bezeichnet wird, damit man nicht alles pathologisch findet, der aber als Kulturerscheinung durchdrungen werden und verstanden werden muß. Nicht einfach kritisiert werden soll, aber verstanden werden soll, damit man in der rechten Weise sich zu ihm verhält.
[ 21 ] Was liegt vor? Da liegt vor falsche Erziehung in den ersten Kindesjahren. Das zweite Lebensstadium wird hineingenommen in das erste, das Unterstützen alles desjenigen, was automatisches Sprechen und was von innen heraus ohne Anpassung an die Umwelt angeregten Willen erzeugt. Nehmen Sie an, es ist ein bißchen von dem da, was ich für das erste pathologische Stadium geschildert habe, ein Anflug, der dadurch erzeugt wird, daß die Erziehung in der Richtung, wie ich es Ihnen geschildert habe, falsch war. Was kommt dann? Wandervogelgelüste, eine nicht ganz als pathologisch zu bezeichnende, aber ein gewisses Charakteristikum tragende Sucht, nur sich selber zu folgen in einem gewissen Lebensalter, nicht mit der Welt zu rechnen: heraus aus der Außenwelt, wandern, Wandervogellust! Es hängt schon mit Zeiterscheinungen zusammen, die in einer, wenn ich so sagen darf, pathologischen Erziehung, oder wenigstens in einer Erziehung mit pathologischem Anflug urständen. Das beobachten Sie jetzt. Beobachten Sie viele Angehörige der Jugend - ich will das nicht kritisieren, die Dinge sind voll berechtigt -, sie sind deshalb da, weil sie sich verbinden mit dem, was mit dem Kali Yuga geschehen ist, weil eine Affinität besteht zwischen dem in dieser Art leicht Pathologischen und dem, was das Kali Yuga erzeugt. Die Dinge gehören alle zusammen, aber man muß sie von diesen zwei Aspekten betrachten. Betrachten Sie das, so werden Sie leicht Anflüge dessen sehen, was ich beschrieben habe. In der Wanderlust drückt sich das deutlich aus, aber in einem extremen Stadium. Hören Sie einmal zu den Gesprächen, man ist verzweifelt darüber, wie wenig sie zugänglich sind für das, was man ihnen sagt, und wie sie ewig Details wiederholen, die sie bezeichnen als ihr «Erlebnis», sie kommen immer wieder und wieder auf dasselbe zurück. Mißverstehen Sie mich nicht, ich will nicht im geringsten das als etwas hinstellen, was nun im philiströsen Sinne beurteilt werden kann, aber ich will andeuten, wie solche Erscheinungen nur recht durchschaut werden können, wenn man jenes Verhältnis, das ich Ihnen in diesen Tagen geschildert habe, recht ins Auge faßt, das da besteht darinnen, daß immer da ist eine Stufe hinein ins geistige Leben und dessen polares Gegenbild in den eigenen Leib hinein. Eine weitere Stufe in die geistige Welt hinein beim Heiligen, eine weitere Stufe in den Leib hinein bis zu den Krämpfen und der Epilepsie bei demjenigen, der pathologisch wird und so weiter. So ist die Verwandtschaft. Und wenn Sie bedenken, wie schon in der äußeren Elektrizität und im äußeren Magnetismus der eine Pol immer von dem anderen abhängig ist, so werden Sie den labilen Zustand begreifen, der im Leben sein kann zwischen dem einen und dem anderen, der aber nicht mit so groben Tatzen erfaßt werden darf, wie es heute so vielfach von der materialistischen Weltanschauung geschieht, der aber mit der Feinheit erfaßt werden muß, daß polare Gegensätze da sind und wieder die Anziehung des einen Poles und des anderen Poles, dann kommt man darauf, was vorliegen kann in dem einen Fall und was im anderen Fall. Man lernt erst dadurch in die menschliche Wesenheit hineinschauen. Da wollen wir morgen fortsetzen.
