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The Rudolf Steiner Archive

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Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern
Pastoral-Medizinischer Kurs
GA 318

13 September 1924, Dornach

Sechster Vortrag

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Wir haben betrachtet den Menschen im wesentlichen, obwohl wir das andere haben hereinleuchten lassen, insofern er in seinem Erdenleben nach der einen oder anderen Seite hin sich aus dem, was man das Normale nennen kann, herausentwickelt nach dem Pathologischen hin, oder auch nach derjenigen Seite hin, die ihn in ein Verhältnis bringt zur realen geistigen Welt.

[ 2 ] Wir wollen heute versuchen, über das einzelne menschliche Leben hinauszugehen, über das Leben des Menschen, insofern es ein einzelnes Erdenleben darstellt, um zunächst an einem mehr oder weniger überschaubaren Beispiel zu sehen, wie auch in solchen Zuständen, die, ich möchte sagen, in dem polarischen Gegensatz drinnenstehen zwischen dem Hineinreichen in die geistige Welt und dem Hinunterreichen in das Körperliche, in das Naturhafte, um zu sehen, wie zu solchen Vorgängen steht dasjenige, was sich durch die wiederholten Erdenleben zieht. Denn es ist schon so: der Arzt braucht, wenn er seinen Beruf ausüben will, nicht nur in äußerlicher Weise oder in verstandesmäßiger Weise, sondern mit dem vollen Herzen, mit dem ganzen Menschen, er braucht das Darinnenstehen in der geistigen Welt, das Anschauen der Welt vom Aspekt des Geistigen aus. Aber da nun einmal tatsächlich das Menschenwesen durch aufeinanderfolgende Erdenleben reicht, die Ursachen von einem Erdenleben auf geistige Art in das andere Erdenleben hinübergehen, wirksam werden im Menschen, so darf das Karma für uns keine Phrase bleiben, sondern wir müssen auch allmählich einsehen, wie wir uns heilend zum Karma zu stellen haben. Dazu müssen wir vor allen Dingen seine Wirksamkeit mit Bezug auf das Pathologische und mit Bezug auf das Visionäre durchschauen.

[ 3 ] Der Priester braucht, wenn er in der richtigen Weise auf die Erscheinungen des Lebens eingehen will und für die Seelen, die ihm anvertraut sind, sorgen will, ein richtiger Seelsorger sein will, er braucht auch das Hineinschauen in die Bedeutung des Geistigen für dasjenige, was einem im physischen Erdenleben entgegentritt. Nur dann wird er die Menschen auf Erden in richtiger Weise vom Gesichtspunkte des Geistigen behandeln können.

[ 4 ] Da fällt uns ja sogleich etwas auf, meine lieben Freunde, worauf man heute vom überlegenen, aufklärerischen Standpunkte aus, vielleicht mit einer gewissen Verächtlichkeit schauen kann, aber würden wir es tun, unsere Nachkommen in fernen Jahrhunderten würden es uns heimzahlen. Denn sie würden es mit uns ebenso machen wie der Mensch, der heute in der sogenannten wissenschaftlichen Bildung darinnen lebt, es macht mit den Vorfahren. Sie werden gleich einsehen, was ich meine.

[ 5 ] In bezug auf die Anschauung über die Krankheiten hat sich im Laufe der Menschheitsentwickelung ein vollständiger Umschwung vollzogen, und gerade Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts konnte einem dieser Umschwung besonders ins Auge fallen. Gehen Sie zurück ein paar Jahrtausende in der Entwickelung der Menschheit, in ältere Zeiten des Alten Testaments, so finden Sie überall die Überzeugung: die Krankheit kommt von der Sünde, die Krankheit hat ihre geistige Ursache zu allerletzt in der Sünde. Das wurde sehr ernst genommen. Es mußte eine geistige Verirrung oder Verfehlung irgendwo vorliegen als eigentliche Ursache, wenn eine physische Erkrankung auftrat. Und diese Anschauung ging weiter. Diese Anschauung ging dahin, daß man sagte: Da in einem Menschen, bei dem irgendeine geistige Verfehlung oder Verirrung zugrunde liegt, die in ihm die Erscheinung der Krankheit hervorruft, ist irgend etwas geistig Elementarisches enthalten, was nicht in ihn hineingehört, er ist irgendwie besessen. — Jede Krankheit bedeutete ja eine Besessenheit mit Geistigem als Folge einer geistigen Verirrung oder Verfehlung in älteren Zeiten, und demgemäß war auch die Therapie eingerichtet. Sie war darauf eingerichtet, nach Mitteln zu sinnen, wie man dasjenige, was durch die geistige Verfehlung an fremder elementarer Geistigkeit in den Menschen hineinkam, wie man das wieder herausbringt. Radikal war diese Anschauung, daß man eine Krankheit nicht versteht, wenn man nicht ihre krankhafte Ursache weiß,

[ 6 ] Nun, nehmen Sie dasjenige, was in ganz folgerichtiger Entwickelung heraufgekommen ist und mehr oder weniger in der letzten Zeit, bevor dilettantisch die Psychoanalyse, die analytische Psychologie in so furchtbarer Weise eingegriffen hat, indem sie das genau Entgegengesetzte von dem, was da als Ansicht geherrscht hat, sagte: Jede Sünde hat in der Krankheit ihre Ursache. - Man war überzeugt davon; wenn man irgendwo einen Verbrecher, einen Sünder hatte, wobei man den Begriff der Sünde ziemlich äußerlich nach dem Staatskodex definierte, wenn man irgendwo einen Verbrecher oder Sünder hatte, sah man, daß man nur in irgendeiner Weise seines Gehirns habhaft werden konnte nach dem Tode, seines Schädels irgendwie habhaft werden konnte, seine physische Organisation untersuchen konnte. Man würde schon die Defekte, die Merkmale finden. Man hat sie auch in vieler Beziehung gefunden, und man ist ja in dieser Beziehung nicht gerade wenig weit gekommen. Tüchtige naturwissenschaftlich gebildete Leute sind zu der Ansicht gekommen, wenn der Mensch vollkommen organisch ausgebildet ist, sündigt er nicht. Er sündigt dadurch, daß ein körperlicher Defekt irgendwo da ist: die Sünde kommt von der Krankheit. So geht die Entwickelung. Sie geht nicht in gerader Linie weiter, sie geht durch polarische Gegensätze; und gerade die Menschen, die nun zur letzteren Ansicht gekommen sind - es gesteht sich heute nicht jeder, aber es liegt vielfach zugrunde selbst bei denjenigen, die äußerlich nicht ganz auf dem Boden stehen -, diese Menschen sehen mit aller Verachtung zurück nach denjenigen Zeiten, in denen man gesagt hat: Die Krankheit kommt von der Sünde. - Denn sie wissen, nach ihrer Meinung ist das richtig: die Sünde kommt von der Krankheit. Ebenso wissen sie, daß man irgendeinen stofflichen Prozeß im Kranken hat, den man bekämpfen muß, aufheben muß, herausbringen muß, wie man früher eine geistige Elementarwelt herausbringen wollte. Für den, der die Sache im großen anschaut, unterscheidet sich das nicht im wesentlichen, wie schließlich, innerlich angeschaut, zwischen mancher Heilquelle, die die materialistische Medizin für richtig anschaut, und Lourdes auch nicht ein sehr beträchtlicher Unterschied ist. Das eine ist geheiligt durch den kirchlichen, das andere durch den materialistischen Glauben. Diese Dinge müssen eben einfach unbefangen angeschaut werden.

[ 7 ] Nun aber, wenn man in so, ich möchte sagen, kurzsinnigen Vorstellungen sich bewegt, kann man doch nicht auf die realen Zusammenhänge kommen. Deshalb möchte ich Ihnen heute — und man sollte eigentlich immer von konkreten Dingen sprechen, wenn man von solchen Dingen spricht - einen konkreten Fall erzählen, der Ihnen höhere Zusammenhänge im Gesundheitsieben des Menschen klarlegen kann. Sehen Sie, es gibt einen Menschen im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Wir werden ihn so, wie er im 19. Jahrhundert da war, später kennenlernen. Ich möchte Sie zuerst zu einer seiner früheren Inkarnationen — ich möchte nicht sagen zu der unmittelbar vorhergehenden - führen, die für seine Inkarnation im 19. Jahrhundert maßgebend war, wovon die Inkarnation im 19. Jahrhundert die wesentlichsten Folgen hatte. Da war er, dieser Mensch, in einer Gegend des südlichen Orients, in Asien inkarniert, lebte in einer menschlichen Umgebung, wo die Menschen außerordentlich tierliebend waren. Sie wissen, daß die orientalischen Lehren in der Tierliebe etwas ungeheuer Ehrliches haben, sie ausdehnen dasjenige, was sie die Liebe zu den Menschen und zu den Dingen nennen, namentlich auf die Tiere. Es ist eben namentlich in älteren Zeiten gewissen Menschen in solchen Gegenden absolut naturgemäß gewesen, die Tiere ungeheuer zu lieben und gewisse Tiere sehr gut zu behandeln. Dieser Mensch, den ich meine, der in einer früheren Inkarnation lebte in einer Umgebung, wo man sich so zur Tierwelt verhielt, er war kein Tierfreund. Er war, wohl bewirkt durch frühere Inkarnationen — die wollen wir nicht untersuchen -, jetzt mitten unter einer tierliebenden Bevölkerung ein Mensch, der außerordentlich schlecht gewisse Tiere behandelte. Er quälte sie schon als Knabe, behandelte sie schlecht, quälte sie dann später, indem er die Haustiere mit allerlei Quälereien belegte, kurz, er wurde im umfänglichen Sinn ein Tierquäler. Das rief die stärkste Entrüstung hervor in der Umgebung, in der er lebte. Und er erlebte eigentlich viel an Konflikten zwischen seiner Sehnsucht, Tiere zu quälen, von der er nicht lassen konnte, die in ihm wie etwas war, was ein innerer Drang war — wir würden heute wiederum materialistisch gefärbt sagen: eine Perversität des Willens —; dabei nahm er, und das war seine Eigentümlichkeit damals, die spirituellen Lehren, welche die Bevölkerung in seiner Umgebung hatte, mit einer großartigen Empfänglichkeit

[ 8 ] na auf, konnte sich ganz in sie hineinfinden, hatte einen feinen Sinn für alles das, was die Religion in jenen Gegenden lehrte. Aber er geriet gerade mit den religiösesten Leuten seiner Umgebung in furchtbarste Konflikte, weil er eben die Tiere quälte. Namentlich die Tiere quälte er, die er in seinem eigenen Haus hatte, zuerst bei seinen Angehörigen, später indem er selbst eine Art Feldbebauer war. Die Tiere, die ihm die nächsten Wesen waren, die die Orientalen ganz besonders gut behandeln, wie zur Familie gehörig behandeln, diese Tiere quälte er ungeheuer.

[ 9 ] Nun, wie gesagt, wir werden uns nicht aufhalten bei einer zwischenliegenden Inkarnation, die in Betracht kommen könnte, sie hat nicht viel zu bedeuten für das folgende Leben dieses Menschen. Er lebte wieder in unserem Zeitalter, im 19. Jahrhundert, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In dieser Inkarnation, die also im weiteren Sinn unserer Zeit angehört, wurde er geboren als ein außerordentlich ängstlicher Mensch, der in seiner Ängstlichkeit darauf angewiesen war, Tiere an sich zu ketten, namentlich Hunde an sich zu ketten. Man konnte schon sagen, es war ein krankhafter Zug in dieser wiederum nicht ganz normalen Neigung zu Tieren, die er nun entwickelte. Das alles bekam einen Zug von Krankhaftigkeit dadurch, daß er eigentlich nicht eine besondere Liebe entwickelte zu den Hunden, wohl aber ein Gefühl, daß er sie haben müsse. Man sieht gerade an der Art, wie er sich mit Hunden einließ, erstens etwas Phantastisches, wie wir gleich sehen werden, zweitens aber etwas, worin ein innerlicher karmischer Zwang von vorneherein sichtbar ist. Dabei wird der Mensch in dieser Inkarnation ein außerordentlich begabter Mensch, der sich herüberträgt aus jener alten Inkarnation alles dasjenige, was er erlebt hat unter der orientalischen Bevölkerung an spirituellen Lehren, auch an spiritueller Religiosität. Das wird bei ihm nicht nur Gefühl und Empfindung, das wird bei ihm Lebenspraxis. Er kommt im Verlaufe seines Lebens nicht nur zu Phantasievorstellungen über das Geistige, sondern er kommt zu der Möglichkeit, in richtigen visionsartigen Imaginationen, die sich ihm mit elementarischer Selbstverständlichkeit ergeben, dichterisch zu bilden dasjenige, was physisch im Menschenleben da ist, und wo fortwährend hineinspielen geistige, elementarische Wesenheiten. Das ist das eine. So daß wir sehen, er ist Dichter, ausgezeichneter Dichter. Er ist nicht nur ausgezeichneter Dichter, sondern man kann schon sagen, er ist gerade im Dramatischen derjenige Dichter, den wir auf dem Kontinent am ehesten vergleichen möchten mit Shakespeare. Es ist Ferdinand Raimund, Raimund mit seinen extravaganten Zügen, mit seinem Riesentalent, der dramatische Dichtungen schreibt, welche zeigen, er hat das aus früheren Inkarnationen herübergebracht, Geistiges gestalten zu können, hineinstellen zu können ins Menschenleben. Man sehe sich nur an: «Der Alpenkönig und der Menschenfeind» und so weiter, und man darf ihn mit Shakespeare sogar darin vergleichen, daß er zugleich ein bedeutender Schauspieler ist, was auch davon kommt, daß er den innerlichen Impetus hat, aus dem Geistigen heraus Triviales und Nichttriviales auf der Bühne zu gestalten. Er ist ein unvergleichlicher Schauspieler, voller Humor auf der Bühne, im Leben ganz und gar unter der Einwirkung des anderen, was ihm herüberkommt aus der Tierquälerei, die er getrieben hat. So einheitlich ist hier das Pathologische und das Geniale untereinandergemischt, das Geniale, das ihn auf der einen Seite treibt, wirklich mit Shakespearescher Kraft und Gewalt und geistig-seelischer Dramatik zu schaffen und das auch auf der Bühne zu verkörpern, das Pathologische, das ihn auf der anderen Seite treibt, das Phantastische selbst in das äußerliche Leben hineinzutragen. Nun müssen wir uns einen besonderen Zug anschauen bei dieser Individualität des Ferdinand Raimund.

[ 10 ] Sehen Sie, in der Tierquälerei, die ihm damals in einer Inkarnation ein Bedürfnis war, fühlte er eine Art Wollust, das tat er gern, er quälte die Tiere aus innerer Lust. Daher kam er nicht während des Erdenlebens zum Bewußtsein, daß das etwas Schlechtes sei. Aber nachdem er durch die Todespforte geschritten war, da kam er dazu. Nun, dasjenige, was man durchlebt, indem man durch die Todespforte schreitet und dann weitergeht vom Tod zu einer neuen Geburt, das drückt sich aus zunächst in einem weiteren Sinne in der Kopforganisation. Da liegt dann das Moment, dasjenige, was man als Begabung mitbringt. Das hat er sich reichlich mitgebracht. Da lebt sich aber auch etwas aus, was im rhythmischen System, und namentlich im oberen rhythmischen System, im Atmungssystem, zutage tritt. Denn der Mensch ist ja so gebaut, wenn Sie sich den Menschen vorstellen schematisch (siehe Zeichnung): Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, rhythmisches System, Nerven-Sinnessystem. Dann wirkt herüber in das Nerven-Sinnessystem dasjenige, was aus früheren Erdenleben kommt, in sein rhythmisches System dasjenige, was zwischen Tod und neuer Geburt ist, und dasjenige, was auf der Erde ist, wirkt einzig und allein im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem.

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[ 11 ] Nun, alles dasjenige, was diese Individualität, die da jetzt Ferdinand Raimund ist, erleben konnte an bitterer Reue, an aufklärender, tief niederschmetternder Einsicht nach dem Tode in jener früheren Inkarnation über seine Sehnsucht zur Tierquälerei, all das wirkte sich ja aus immer in den Zuständen zwischen Tod und einer neuen Geburt, und beeinflußte das rhythmische System. Es kam im rhythmischen System dadurch zum Ausdruck, daß es bis ins Physische hineinwirkte. Denn in der Physis des Kopfes haben wir die Nachwirkung des vorigen Erdenlebens, in der Physis des rhythmischen Systems haben wir die Nachwirkung des Lebens zwischen Tod und einer neuen Geburt.

[ 12 ] In der Embryologie haben Sie diese Wahrheit zum Greifen nahe, auch äußerlich physisch-sinnlich. Bei dieser Individualität des Ferdinand Raimund sehen wir namentlich in seinem Atemsystem, in dem oberen rhythmischen System, wie all die Reue, die bitteren Einsichten hineinwirken, die über ihn kommen, indem er aus dem maßgebenden vorigen Erdenleben heraus durch die Pforte des Todes schritt. Und er wird dadurch veranlaßt, dasjenige auszubilden, was zu einer Art von Atemunregelmäßigkeit, zu geringer Aufnahme von Sauerstoff, zu starkem Durchdrungensein von Kohlensäure zu führen hat, Atmungsunregelmäßigkeiten, die, physisch betrachtet, an sich alle Angstzustände herbeirufen, die aber die Träger sein können von Elementarwesen der Angst. Alles dasjenige, was in Atmungsunregelmäßigkeiten lebt, was nicht die richtigen Mengen von Sauerstoff und Kohlensäure in dem Atmungsprozeß sein läßt, zieht Elementarwesen der Angst herbei. Das können Sie gut verfolgen im «Alpenkönig und Menschenfeind». Das war in Ferdinand Raimund ganz besonders gut ausgebildet, er war sozusagen «disponiert», wenn wir den gelehrten Ausdruck gebrauchen wollen, sein Atmungssystem zum Träger zu machen von Elementarwesen der Angst.

[ 13 ] Solche Elementarwesen der Angst sind aber nicht allein Elementarwesen der Angst, sondern, wenn man zu gleicher Zeit eben sich auch das mitbringt, was Ferdinand Raimund im Kopfe hatte aus früheren Erdenleben an psychisch-spirituellen Anschauungen, die seine Dramen so interessant machen, dann sieht man, wie durch das Hineinwirken dieser Angstdämonen, die auf diese Weise kommen, das Karma in einer ganz bestimmten Richtung läuft. Man sieht förmlich, wie diese Angstdämonen zu einer Auswirkung, zu einer krankhaften Auswirkung im Sinne des Karma drängen. Sie gießen sich hinein, möchte ich sagen, in die phantasievollen Imaginationen bis ins Visionäre sich hineinlebende Imaginationen — denn Raimunds Dramen liegt Visionäres zugrunde -, sie gießen sich hinein in das Visionäre und verursachen dadurch, daß der Mensch auch im Leben etwas Phantastisches entwickelt. Und auf diese Weise stößt eine Strömung im Karma durch, eine ungeheuer geniale Begabung, die sich auslebt. In einer besonderen Art geistigen Schaffens lebt die eine Strömung sich aus, die andere Strömung lebt parallel in einer Art Lebensphantasterei, die aber nicht sich äußerlich auslebt, sondern nach innen sieht, weil sie im rhythmischen System liegt, das ja das halb Innerliche ist, das aber in seinen unteren Organen sich wieder so auslebt, daß es sich auf das äußere Leben erstreckt, aber auch wieder nach dem Inneren zurückschlägt, wodurch seine geniale Individualität begleitet wurde von einem wirklich pathologischen Zug. Und dieser Zug, dieser pathologische Zug, der in Angstdämonen sich auslebte, der wurde das Vehikel für das Ausleben des Karma.

[ 14 ] Man kann direkt ablesen das Karma Ferdinand Raimunds. Raimund ist genötigt, einen Hund zu halten. Er ist Phantast. Er tut, was andere Menschen nicht tun. Man kann das verstehen, kann auch durchaus seine Sympathien dafür haben. Denn man kann schon sagen, meine lieben Freunde, ich habe mehr Sympathie als für das Essen manches zum Kommerzienrat ernannten Bürgerlichen an der Hoftafel, wenn ich wahrnehme, daß Raimund aus einer phantastischen Laune heraus sich zu seinem Hund setzt und von der Mahlzeit seines Hundes sich etwas wegnimmt, um es zu verzehren. Das tut Raimund, Schauen Sie sich an, wie das Karma der Tierquälerei aus der früheren Inkarnation hereinspielt. Sehen Sie sich an, wie einfach diese Tatsache, die umgestaltet ist aus der Reue nach dem Tode und der Tierquälerei von früher, wie eine phantastische Sühne sich vollzieht, aber diese phantastische Sühne vollzieht sich in einer noch viel herberen Art. Gleich nachher kommen die Angstdämonen und wirken mit in der Vollziehung des Karmas. Ferdinand Raimund wird überfallen von der Idee: der Hund ist wütend, ich habe mit ihm gegessen, ich bin angesteckt von der Hundswut! — Nun sehen Sie, wie Raimund ganz niedergeschmettert ist. Während er unter Umständen das Genialste auf der Bühne tut - in dem Moment, wo er hinausgezogen ist aus dem Leben, von den Zwangsideen überfallen wird, ist ein Gefühl da, er sei von der Hundswut angesteckt.

[ 15 ] Dann unternimmt er zum Beispiel eine Reise mit einem Freunde. Sie reisen von Wien nach Salzburg, da überfällt ihn diese Idee, er sei von der Hundswut angesteckt, er müsse gleich wieder zurück nach Wien, um seine Heilung zu suchen. Es ist eine qualvolle Reise für ihn und für den Freund, wenn man die Reise verfolgt. Man sieht überall das Pathologische dem Genialen auf dem Fuße folgen. Nun, er wird sehr gut behandelt, Ferdinand Raimund, weil ihn die Leute außerordentlich gern haben. Allmählich kommt er ab von dieser Idee. Es ist wirklich etwas da wie eine Heilung durch das Leben, durch die Freude, durch all das Gute, was er von verschiedenen Seiten bekommt, was er nicht gern annimmt, weil er Hypochonder ist und bleibt, weil die Angstdämonen, wenn sie ihn nicht mit dem einen quälen, mit dem anderen quälen. So ist er immer hin und her pendelnd zwischen dem humoristischen Raimund und dem Hypochonder. Aber wenigstens kriegte er diese Idee los, daß er wütend wäre. Sie hat jahrelang gedauert, diese Idee. Aber er bleibt an die Tiere gefesselt. Wieder hat er einen Hund nach zehn Jahren, und siehe da, als er mit dem Hunde spielt, beißt er ihn wirklich. Wieder tritt die Idee auf — kurioserweise ist es auch konstatiert worden, daß der Hund an Hundswut litt, es war aber ganz unbedeutend —, Raimund stand da, er war gebissen von dem Hund, der hat Hundswut! Raimund fährt nach Pottenstein, schießt sich eine Kugel in den Kopf, die in die hintere Höhlung hinaufgeht und weit zurück sitzt. Sie kann nicht operiert werden; Raimund stirbt an dem Schuß nach etwa drei Tagen. Sie sehen, die erste sozusagen «Wahnidee» hat er losbekommen, aber das Karma hat fortgewirkt.

[ 16 ] Es ist ein Fall, wo in seltener Art das Karma sich reinlich auswirkt; denn denken Sie nur einmal folgendes: Es ist subjektiv nicht ganz ein Selbstmord, denn Raimund hat nicht ganz die volle Verantwortlichkeit, es ist nicht subjektiv ein voller Selbstmord. Es ist objektiv auch kein voller Selbstmord, denn wenn gerade an der Stelle dazumal hätte operiert werden können, so wäre Raimund gerettet worden. Aber man konnte dazumal nicht an der Stelle operieren, man mußte die Kugel drinnen lassen und das führte nach drei Tagen zum Tode. Es ist kein reiner Selbstmord, weder subjektiv noch objektiv. Man kann also nicht sagen, daß da sich irgend etwas anschließt wegen Selbstmords im Karma. Das Karma setzt sich nicht fort, es lebte sich aus mit dem, was er in diesem Leben erlebt hat bis zum Schlußpunkt, bis zu der Art, wie sich die selbstmörderische Absicht verwirklichte. Aber man sieht förmlich heraufschlagen, deutlich erkennbar, das Karma aus dem früheren Leben, sieht es so herüberschlagen, daß man sich nun sagen kann, wir haben folgendes gesehen.

[ 17 ] Wir haben gesehen, wie es Menschen gibt - die sind durch eine besondere karmische Veranlagung da, die wir nur für das Erdenleben betrachtet haben -, die veranlagt sind, daß sie ihr Ich, ihren astralischen Leib, ihren Ätherleib entweder sogleich oder stufenweise, etappenweise so haben, daß sie in die geistige Welt visionär hineinbrechen: die heilige Theresia, Mechthild von Magdeburg und viele andere. Wir haben solche Persönlichkeiten, welche nach der einen Richtung hin, nach der Richtung nach dem Geistigen, eine Abnormität zeigen. Wir haben bei denjenigen, die nach der einen Seite hin eine solche Abnormität zeigen, nicht nötig, auf die Einzelheiten des Karmas einzugehen. Natürlich ist es karmisch veranlagt. Aber wir brauchen nicht auf die Einzelheiten des Karmas einzugehen. Denn man durchschaut den Fall in einem einzelnen Erdenleben.

[ 18 ] Ebenso auf der anderen Seite, die wir gestern betrachtet haben. Wir sehen, wie die Menschen sich abnorm hineinentwickeln in ihren physisch-ätherischen Organismus und so mehr untertauchen in den physischen Leib und dann pathologisch werden, wie ich Ihnen gestern gezeigt habe, in drei Etappen. Das Pathologische ist in dem Karma veranlagt. Aber man braucht nur bis zu dem Allgemeinen zu gehen, daß bei solchen Persönlichkeiten, wie die heilige Theresia, die Individualität in früheren Erdenleben ganz besonders stark geworden ist, bei den Psychopathen oder pathologischen Persönlichkeiten, die wir hier im Auge haben, besonders schwach sich ausgebildet hat, daher hereingezogen wird durch die niederen Glieder das Höhere. Man braucht wieder nur zu der allgemeinen Eigenschaft der Individualität zu gehen, nicht das Karma im einzelnen ins Auge zu fassen.

[ 19 ] Aber nun haben wir in Ferdinand Raimund eine eigentümliche Persönlichkeit. Sie entwickelte sich nicht nach dem Visionären allein, sondern gleichzeitig ist die andere Entwickelung da. Es sind beides polarische Gegensätze, die fortwährend im Leben zusammenstoßen. Beide sind in seiner Persönlichkeit; das Pathologische und Geniale spielen gerade in ihm auf der einen Seite wunderbar, auf der anderen Seite schreckhaft ineinander. Wir haben da nötig, dann auf das Konkrete des Karmas einzugehen. Da muß man schon einsehen, wie das Karma wirkt, beide Pole zu erzeugen und sie auch wiederum auseinanderzuhalten, zuweilen ineinander wirken zu lassen. Sie werden in Ferdinand Raimunds Dramen zahlreiche Stellen finden, denen gegenüber Sie sich sagen können: Da drinnen wirkt ja zu gleicher Zeit seine geistige Schau, aber auch wirkt da hinein dasjenige, was von den Angstdämonen kommt. In der dramatischen Gestaltung sehen Sie es zuweilen.

[ 20 ] Sie sehen, wir kommen auf eine ganz selbstverständliche Art, wenn wir in dieser Weise verfolgen menschliche Charaktere, in karmische Betrachtungen hinein und müssen daraus ersehen, wie einseitig es eigentlich ist, wenn man auf der einen Seite die abstrakte Lehre nimmt, die innerhalb gewisser Zivilisationsströmungen des Altertums vorhanden war: Die Krankheit kommt von der Sünde -, es wirkt nur die abnorme Geistigkeit im Menschen. In dieser Abstraktheit lassen sich Dinge natürlich behaupten, bleiben Theorien auch dann, wenn man die Menschen darnach behandelt. Auch das andere ist eine abstrakte Einseitigkeit, wenn man sagt: Die Sünde kommt von der Krankheit -, und es sind physische Substanzen, physische Prozesse im Menschenleben zu bekämpfen. Man muß auf das Konkrete eingehen, einmal auf das Konkrete der menschlichen Organisation, wie die höheren Leiber zueinander stehen, ob sie voneinander angezogen werden, oder ob sie sich entfernen von den niederen, und man muß auf entsprechende Weise sehen können in einem solchen Ineinanderwirken von Genialität und Pathologischem, wie es bei Raimund der Fall ist, das Wirken von Karma. Denn wenn man sich für solche Dinge ein Verständnis aneignet, dann wird man schon im Leben finden die Möglichkeit, hinzuzufügen zu demjenigen, was man im physischen Heilungsprozeß leistet, das Wort, das man braucht als Ergänzung des physischen Heilungsprozesses. Man wird durchaus dazu kommen, nicht in Befangenheit bloß im physischen Heilungsprozeß das Um und Auf zu sehen, sondern zu wissen, wie in manchen Fällen notwendig ist, das Moralische der Heilung hinzuzufügen. Es braucht ja nicht darin zu bestehen, daß man philiströser Tröster wird und an den Kranken herangeht mit allerlei philiströsen Tröstereien. Die wirken in der Regel wenig, denn dafür haben die Kranken nicht viel übrig, für die Teetantentröstereien und gutmütigen Pfeifenonkeltröstereien, dafür haben die Kranken eigentlich nicht sonderlich viel übrig. Aber sie haben für das außerordentlich viel übrig, was im natürlichen Verhalten liegt, in dem, was im «Wie» des Aussprechens liegt, nicht in dem «Was». Da hinein findet man sich aber ganz instinktiv, wenn man eben geneigt ist, seine Weltanschauung und Lebensauffassung und Lebensbetrachtung in solches Licht zu stellen, das mit den geistigen Zusammenhängen so sich verträgt, wie es sich vertragen kann, wenn man solche Beispiele, wie das angeführte, wirklich völlig ernst nehmen kann.

[ 21 ] Man kann ja nicht, meine lieben Freunde, das geistige Wirken nur in Tiraden sehen, nur im Reden aus religiösen Tiraden heraus, sondern das geistige Leben muß an Tatsachen entwickelt werden. Denn wenn das geistige Leben in Tatsachen erfaßt wird, dann kann die Erfassung des geistigen Lebens in der notwendigen Menschenbehandlung erst angewendet werden. Dann kann es angewendet werden auf den gesunden und kranken Menschen. Namentlich bekommt man einen Instinkt für die Orientierung irgendeines Krankheitszustandes, der so oder so auftritt. Wir werden sehen, das geht auch in physische Erkrankungen hinein, aber wir müssen uns erst den Weg bahnen, diese Dinge dann auch in den physischen Erkrankungen zu sehen. Da sehen Sie, da kommen Sie schon darauf, wenn Sie solche Dinge, die ja durch mancherlei Beispiele vermehrt werden könnten, studieren. Von diesem Gesichtspunkt aus ist es interessant, vieler Menschen Leben, die gerade geniale Naturen waren, nicht vom Standpunkt eines Erzphilisters, wie Lombroso es war, zu studieren. Das Ekelhafte an Lombrosos Theorie ist nicht seine große Genialität, die ist ja da, aber das Ekelhafte ist, daß er ein Erzphilister ist, daß man auf jeder Seite ein philiströses Urteil liest. Es ist schon so, daß da die Wissenschaft wirklich einmal auf den Erzphilister gekommen ist. Wenn Sie die Dinge wirklich nicht vom Standpunkt des Erzphilisters nehmen, sondern sie nehmen vom Standpunkt des Durchschauens der Welt, das heißt des sinnlich-geistigen Lebens, dann wird man, wenn man in seinem inneren Beruf den Trost braucht, den Trost der Religion oder das Sakrament heranbringen an den Kranken, dieses Sakrament mit der richtigen spirituellen Aura darbieten. Aber ohne das dahinterliegende Verständnis nicht. Ob man dem Kranken, dazu, daß er genesen ist, dazu, daß er an der Genesung nicht seelisch Schaden nimmt, das Abendmahl in der richtigen Weise reicht, hängt davon ab, daß man für solche Dinge Verständnis hat.

[ 22 ] Sehen Sie, es hat schon einen Sinn — wir werden davon noch sprechen -, daß in Ergänzung des physischen Heilungsprozesses für gewisse Menschen das Abendmahl nötig ist, wenn sie genesen sind, damit das, was im Karma in Unordnung gebracht ist, in Ordnung gebracht werde. Aber wenn man das nicht weiß, kann man das nicht in die Aura des Sakraments hineintragen. Aber auf der anderen Seite wird auch der Arzt, der diese Dinge durchschaut, der in der Krankheit das wirkende Karma sieht, der pflichtgemäß eingreift in den Heilungsprozeß, sich in richtiger Weise hineinstellen können, wenn er weltanschauungsgemäß mit dem ganzen Menschen diese Dinge durchschaut. Aber dann wird etwas Objektives mit dem Arzt, mit dem Heiler vorgehen, wenn der Arzt mit seiner ganzen Seele sich wirkend weiß im Menschen mit den karmischen Prozessen. Dann wird seine Heilmission die andere Seite des Gottesdienstes, einen religiösen Zug bekommen, und er wird sich auffassen lernen als der Genosse des Priesters, als derjenige, der neben der Priesterschaft steht und die andere Seite des Gottesdienstes verrichtet; und Heilen wird Gottesdienst. Durch eine richtige anthroposophische Auffassung sind diejenigen Dinge, die die materialistische Weltanschauung aufgebracht hat im Naturdienst, das heißt Herumtanzen um das goldene Kalb, im hebräischen Sinne gesprochen, sind diese Dinge wieder zu verwandeln in Gottesdienst. Alles im Leben und Kunst und Religion verwandeln in Gottesdienst, das ist dasjenige, was schließlich Aufgabe sein kann der umfassendsten Pastoralmedizin, die getrieben werden kann innerhalb der anthroposophischen Bewegung. Aber der Anfang muß gemacht werden, indem zunächst diese Pastoralmedizin wenigstens andeutungsweise hier ausgeführt wird für diejenigen, von denen das Wirken für die beiden Seiten des wahren Gottesdienstes aus den geistigen Untergründen heraus hervorgehen muß.

[ 23 ] Daher wird Pastoralmedizin zunächst für Priester und für Ärzte vorgetragen innerhalb der anthroposophischen Bewegung, und diese werden dann die Möglichkeit finden, mit dem Wissen von Natur und Geist sie weiter zu verfolgen, aber auch gerade diejenigen Gebiete des Lebens, die innerhalb ihrer Mission liegen, damit zu penetrieren.

[ 24 ] Davon wollen wir morgen weiterreden.