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The Rudolf Steiner Archive

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Vom Leben des Menschen und der Erde
Über das Wesen des Christentums
GA 349

14 März 1923, Dornach

4. Das Weltbild Dantes und das Heraufkommen des naturwissenschaftlichen Zeitalters

Ich habe eine Frage in bezug auf die Farben bekommen und werde gebeten, darüber noch etwas zu sagen.

[ 1 ] Nun will ich zunächst eingehen auf die Frage, die hier zuerst gestellt worden ist. Das ist die Frage nach dem Weltbilde, das sich Dante gemacht hat. Also der Herr hat Dante gelesen. Und wenn man Dante, diesen Dichter aus dem Mittelalter, liest, so sieht man, daß er ein ganz anderes Weltbild gehabt hat als wir.

[ 2 ] Nun bitte ich Sie, folgendes zu bedenken. Die Menschen, ich habe es Ihnen ja öfter gesagt, denken, daß dasjenige, was heute der Mensch weiß, eigentlich das allein Gescheite ist. Und wenn frühere Menschen anders gedacht haben, dann stellen sich die Leute vor: Nun ja, das war da einmal so. Und man hat gewartet, bis man etwas Vernünftiges über die Welt hat erfahren können.

[ 3 ] Sehen Sie, dasjenige, was heute die Leute in der Schule schon lernen, was ihnen in Fleisch und Blut übergeht über das Weltbild, das ist eigentlich erst so seit der Zeit, als Kopernikus dieses Weltbild zuerst ausgedacht hat. Nach diesem Weltbild also aus dem 16. Jahrhundert hat man sich vorgestellt, daß die Sonne in der Mitte unseres ganzen Planetensystems steht. Um die Sonne laufen zunächst herum der Merkur (Zeichnung Seite 70), dann die Venus, dann die Erde. Um die Erde läuft wiederum der Mond herum. Dann kommt der Mars, um die Sonne herumlaufend. Dann sind viele, im Verhältnis zum Weltenraum winzige Planeten da, die man Planetoiden nennt - oid, das heißt ähnlich, ähnlich den Planeten. Dann kommt der Jupiter, dann kommt der Saturn. Und dann noch Uranus und Neptun; die brauche ich nicht zu zeichnen, So stellt man sich das heute vor, lernt es schon in der Schule, daß die Sonne in der Mitte stillsteht. Eigentlich sind diese Linien, in denen die Planeten herumlaufen, etwas langgestreckt. Auf das kommt es uns heute nicht an. Man denkt sich also, daß zunächst Merkur, dann Venus, dann die Erde um die Sonne herumläuft. Nun wissen Sie, daß die Erde um die Sonne in einem Jahr herumläuft, also in 365 Tagen sechs Stunden und so weiter. Der Saturn läuft in ungefähr dreißig Jahren einmal herum, also wesentlich langsamer als die Erde. Der Jupiter zum Beispiel läuft in zwölf Jahren herum, also auch langsamer als die Erde. Der Merkur läuft ziemlich schnell herum. Also je näher die Planeten der Sonne sind, desto schneller laufen sie herum.

[ 4 ] Nun, nicht wahr, diese Vorstellung hält man heute für die richtige, lehrt sie schon in der Schule. Wir brauchen aber nur bis zum 14. Jahrhundert zurückzugehen, also 1300 etwa, dann hat ein so außerordentlich großer Geist, wie Dante, der dieses Gedicht von der Göttlichen Komödie gemacht hat, noch eine ganz andere Vorstellung. Das liegt also ein paar Jahrhunderte zurück hinter Kopernikus. Und der allergrößte Mensch, der dem Geist nach allergrößte Mensch, Dante, hat eine ganz andere Vorstellung.

[ 5 ] Nun wollen wir heute einmal zunächst gar nicht entscheiden, ob das eine richtig ist oder das andere richtig ist. Wir wollen uns jetzt nur einmal vorstellen, wie Dante, dieser bedeutendste Geist der damaligen Zeit, sich die Sache vorgestellt hat in einer Zeit also — jetzt haben wir 1900, damals 1300 -, die nur sechshundert Jahre zurückliegt. Wollen wir gar nicht denken, das eine ist falsch, das andere ist richtig, sondern uns nur hineinversetzen, wie Dante sich das vorgestellt hat. Der hat sich vorgestellt (Zeichnung Seite 73): Die Erde steht in der Mitte des Weltensystems. Und diese Erde ist nicht nur so da, daß der Mond zum Beispiel das Licht, das er von der Sonne bekommt, auf die Erde zurückwirft, sondern diese Erde, die ist nicht nur umgeben, sondern ganz eingehüllt von der Mondensphäre. Die Erde steckt ganz drinnen in der Mondensphäre. Den Mond hat sich Dante also viel größer vorgestellt als die Erde. Er hat sich vorgestellt: Das ist ein sehr feiner Körper, der viel größer ist als die Erde. Der ist also zwar fein, aber viel größer. Und das, was man sieht, das ist nur ein Stückchen, nämlich das feste Stückchen von dem Mond. Und dieses feste Stückchen, das läuft nur um die Erde herum. Können Sie sich das vorstellen? Bei Dante ist es so, daß die Erde im Mond drinnen ist, und das, was man sieht vom Mond, das ist nur ein kleines, festes Stückchen vom Mond. Das läuft herum. Aber eigentlich sind wir alle in den Kräften vom Mond drinnen. Die habe ich da rot gezeichnet.

[ 6 ] Und nun hat sich Dante vorgestellt: Ja, wenn die Erde nicht drinnensteckte in diesen Kräften vom Mond, so würden zwar einmal durch irgendein Wunder auf die Erde Menschen kommen, aber sie könnten sich nicht fortpflanzen. Die Fortpflanzungskräfte sind es, die da in dem Rotgezeichneten drinnen enthalten sind. Die durchströmen auch den Menschen, und die machen, daß er fortpflanzungsfähig ist. Also der Dante hat sich vorgestellt: Die Erde ist ein fester, kleiner Körper; der Mond ist ein feiner — viel feiner als die Luft -, ein feiner großer Körper, in dem die Erde wie ein Kern drinnen ist. Sie können sich das so vorstellen, als wenn die Erde ein Zwetschgenkern wäre in dem weichen Zwetschgenfleisch. Und da draußen ist das feste Stückchen; das läuft herum. Aber das da (Zeichnung Seite 73, Mond) ist auch immer da, und das bewirkt, daß der Mensch fortpflanzungsfähig ist, und die Tiere auch fortpflanzungsfähig sind.

Wandtafel 1
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[ 7 ] Jetzt stellte er sich weiter vor: Die Erde ist jetzt nicht nur drinnen in Mondenkräften, sondern die Erde ist auch noch in weiteren Kräften drinnen — die will ich hier gelb zeichnen -, und die durchdringen das alles. Also die Mondenkräfte sind in dem drinnen, stecken da drinnen, so daß Erde und Mond wiederum da drinnen in diesem Gelben sind. Und da ist wiederum ein festes Stück. Dieses feste Stück ist der Merkur, und der läuft da herum. Und wenn der Mensch nicht fortwährend von diesen Merkurkräften durchdrungen wäre, so könnte er nicht verdauen. So daß sich also Dante vorgestellt hat: Die Mondenkräfte bewirken die Fortpflanzung; die Merkurkräfte, in denen wir auch immer drinnenstecken, die nur feiner sind als die Mondenkräfte, die bewirken, daß wir verdauen können, und daß die Tiere verdauen können. Sonst hätten wir in unserem Leib nur ein chemisches Laboratorium, stellte er sich vor. Daß es in unserem Leib anders zugeht als in einem chemischen Laboratorium, wo man nur die Stoffe mischt und wiederum voneinander trennt, das wird von den Merkurkräften bewirkt. Also der Merkur ist größer als die Erde und größer als der Mond.

[ 8 ] Und nun ist das alles wiederum drinnen in einer noch größeren Sphäre, wie Dante es nannte. So daß wir also auch in den Kräften drinnenstecken, die von diesem Planeten, von der Venus, kommen. Also wir stecken in all diesen Kräften drinnen, die durchdringen uns. Wir sind also auch von den Venuskräften durchdrungen. Und daß wir von den Venuskräften durchdrungen sind, das macht, daß wir nicht nur verdauen können, sondern das Verdaute ins Blut aufnehmen können. Venuskräfte leben in unserem Blute. Alles, was mit unserem Blut zusammenhängt, kommt von den Venuskräften. So stellte es sich Dante vor. Und diese Venuskräfte, die bewirken zum Beispiel auch dasjenige, was der Mensch in seinem Blut als Liebesgefühle hat; daher «Venus».

[ 9 ] Die nächste Sphäre ist dann diejenige, in der wir wiederum drinnenstecken, und da läuft wiederum als festes Stück die Sonne herum, Wir sind also überall in der Sonne drinnen. Die Sonne ist für Dante im Jahre 1300 nicht nur der Körper, der da auf- und niedergeht, sondern die Sonne ist überall da. Wenn ich hier stehe, bin ich in der Sonne drinnen. Denn das ist nur ein Stück von der Sonne, was da auf- und niedergeht, was da herumläuft. So hat er es sich vorgestellt. Und die Sonnenkräfte sind es vorzugsweise, welche im menschlichen Herzen tätig sind.

[ 10 ] Also Sie sehen: Mond, menschliche und auch tierische Fortpflanzung; Merkur: menschliche Verdauung; Venus: menschliche Blutbildung; Sonne: menschliches Herz.

[ 11 ] Jetzt hat sich Dante vorgestellt: Alles das ist wiederum in der riesig großen Marskugel drinnen. Da ist der Mars. Und dieser Mars, in dem wir also wiederum drinnenstecken, der hängt ebenso, wie die Sonne mit dem menschlichen Herzen zusammenhängt, mit alledem zusammen, was unsere Atmung und namentlich unsere Sprache betrifft, mit allem, was die Atmungsorgane sind. Das ist im Mars. Also Mars: Atmungsorgane. Und dann geht es weiter. Die nächste Sphäre ist dann die Jupitersphäre. Wir stecken wiederum in den Jupiterkräften drinnen. Nun, der Jupiter, der ist ja sehr wichtig; der hängt mit alledem zusammen, was unser Gehirn ist, eigentlich unsere Sinnesorgane, unser Gehirn mit den Sinnesorganen. Der Jupiter also hängt zusammen mit den Sinnesorganen. Und nun kommt der äußerste Planet, der Saturn. In dem ist wieder alles das drinnen. Und der Saturn hängt zusammen mit unserem Denkorgan.

[ 12 ] Mond: Menschliche Fortpflanzen
Merkur: Menschliche Verdauung
Venus: Menschliche Bluttbildung
Sonne: Menschliche Herz
Mars: Atmungsorgane
Jupiter: Sinnesorgane
Saturn: Denkorgane

[ 13 ] Also sehen Sie, dieser Dante, der nur sechshundert Jahre hinter uns zurückliegt, der stellte sich das ganze Weltgebäude anders vor. Der stellte sich zum Beispiel den Saturn als den größten Planeten vor, allerdings von feinem Stoff, aber als den größten Planeten, in dem wir drinnenstecken. Und diese Saturnkräfte, die bewirken unsere Denkorgane, die bewirken, daß wir denken können.

[ 14 ] Außerhalb nun von alledem, aber so, daß wir da auch drinnen sind, ist der Fixsternhimmel. Da sind also die Fixsterne, namentlich die Tierkreis-Fixsterne (Zeichnung Seite 73). Und noch größer ist dann dasjenige, was alles bewegt, der erste Beweger. Aber der ist nicht bloß da oben, sondern der ist auch hier überall der erste Beweger. Und hinter dem ist ewige Ruhe, die auch wiederum überall ist. So stellte sich das Dante vor.

[ 15 ] Nun, nicht wahr, kann der heutige Mensch sagen: Das ist eben so, daß die Leute das alles noch unvollkommen gesehen haben; aber heute sind wir endlich dahin gelangt, daß wir wissen, wie die Sachen sind. — Gewiß, das kann man auf der einen Seite sagen. Aber Dante war eben auch nicht gerade dumm, und dasjenige, was die andern heute sehen, das hat er schon auch gesehen. Also dumm war er nicht gerade. Und die anderen, von denen er das genommen hat, die alle dazumal das geglaubt haben, die waren eben auch nicht alle törichte Menschen, sondern man hat sich das anders vorgestellt. Und jetzt ist die Frage: Ja, wie kommt es, daß es in der Weltgeschichte so eingetreten ist, daß die Menschen über das ganze Weltgebäude früher anders gedacht haben, und dann plötzlich im 16. Jahrhundert alles drunter und drüber werfen und eine ganz andere Vorstellung vom Weltbild bekommen?

[ 16 ] Das ist ja natürlich eine sehr wichtige Frage, meine Herren. Und damit kommt man nicht zurecht, daß man sagt, nun ja, diese früheren Vorstellungen waren eben kindisch, sondern diese Leute haben eben noch ganz etwas anderes gesehen, als die heutigen Menschen sehen. Darüber muß man sich klar sein: die haben noch etwas ganz anderes gesehen. Die heutigen Menschen, die können so furchtbar gut denken. Ja, so gut denken, wie die heutigen Menschen, konnten diese alten Menschen nicht. Das Denken ist eigentlich erst aufgekommen. Vor dem Saturn, der mit dem Denkorgan zusammenhängt, haben die alten Menschen immer einen heillosen Respekt gehabt. Der Saturn, haben sie sich gedacht, der verdirbt den Menschen. Zuviel denken, das geht nicht. Der Saturn hat immer als ein finsterer Planet gegolten. Und die Kräfte, die von dem Saturn gekommen sind, von denen dachten sie, wenn die zu stark im Menschen sind, wird er ganz melancholisch. Er denkt immerfort und wird melancholisch. Also die Saturnkräfte, die hatten diese Leute gar nicht besonders gern, und sie stellten viel mehr in Bildern vor. Sie rechneten weniger. Heute rechnen wir ja alles aus. Dieses ganze Weltenbild hier von Kopernikus ist ja berechnet. Diese alten Menschen rechneten aber nicht. Aber diese alten Menschen wußten etwas anderes, was der heutige Mensch nicht weiß. Sie wußten, überall in der Welt, wo wir hinschauen, sind viele Kräfte da. Aber die Kräfte, die im Menschen drinnen sind, die sind nicht in dem da, was man mit dem Auge sieht, sondern die sind im Unsichtbaren drinnen.

[ 17 ] Und so hat sich Dante gesagt: Es gibt eine sichtbare Welt, und es gibt eine unsichtbare Welt. Die sichtbare Welt, nun ja, die ist diejenige, die wir sehen. Wenn wir hinausschauen in der Nacht, so sehen wir die Sterne, den Mond, die Venus und so weiter. Das ist die sichtbare Welt. Aber die unsichtbare Welt ist auch da. Und die unsichtbare Welt sind diese - man nannte das damals Sphären. Die unsichtbare Welt, das sind diese Sphären. Und man unterschied zwischen derjenigen Welt, die man mit Augen sieht, und nannte diese die physische Welt. Das war die physische Welt. Und dann unterschied man diejenige Welt, die man nicht mit Augen sieht. Das ist die Welt, die Dante gemeint hat, und die nannte man die ätherische Welt. Also die ätherische Welt, die Welt, die aus einem so feinen Stoff besteht, daß man fortwährend durchschaut.

[ 18 ] Ja, meine Herren, ich weiß nicht, ob es Ihnen auch schon so gegangen ist, aber ich habe Leute kennengelernt, die haben behauptet, daß es keine Luft gibt, weil man sie nicht sieht. Die haben gesagt: Ja, wenn ich von da bis dort gehe, so ist doch nichts da; ich gehe doch da nicht durch etwas. — Sie wissen, daß da Luft ist, wo ich durchgehe. Aber, wie gesagt, ich habe schon Leute kennengelernt, die waren nicht so schulgebildet, wie die heutigen Menschen schulgebildet sind, und die haben nicht geglaubt, daß da Luft ist; die haben gesagt: Da ist doch nichts. - Dante, der wußte, daß wiederum nicht nur Luft ist, sondern Mond ist, Venus ist und so weiter. Es ist ganz dasselbe. Sie sagen: Ich gehe durch die Luft. Dante sagte: Ich gehe durch den Mond, ich gehe durch die Venus, ich gehe durch den Mars. — Das ist der ganze Unterschied. Und all das, was man nicht auf die gewöhnliche Weise sieht, und was man auch nicht wahrnehmen kann durch die gewöhnlichen physikalischen und chemischen Instrumente, das nannte man ätherische Welt. Also Dante schilderte eben eine ganz andere Welt, eine ätherische Welt. Und worauf beruht denn das also, daß vor sechs Jahrhunderten Dante die Welt anders gesehen hat? Das beruht darauf, daß er etwas anderes beschrieben hat, daß er das Unsichtbare beschrieben hat, die ätherische Welt. Und Kopernikus hat nichts anderes gesagt als: Ach, kümmern wir uns nicht um die ätherische Welt und beschreiben wir die physische Welt. Darinnen besteht der Fortschritt. — Man darf sich also nicht vorstellen, daß Dante ein «dummer August» gewesen ist, sondern er hat einfach die ätherische Welt beschrieben und nicht die physische. Die physische Welt war ihm nicht besonders wichtig. Er hat die ätherische Welt beschrieben.

[ 19 ] Nun, sehen Sie, diese Sache hat sich im Grunde erst am Ende des 18. Jahrhunderts wesentlich geändert. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts haben die Menschen immer noch etwas gewußt von dieser ätherischen Welt. Im 19. Jahrhundert haben sie nichts mehr von ihr gewußt. Wir kommen wiederum darauf durch die Anthroposophie. Im 19. Jahrhundert haben die Menschen nichts gewußt von dieser ätherischen Welt.

[ 20 ] Zur anderen Frage:

[ 21 ] Wenn wir ins 18. Jahrhundert zurückgehen, da hat man zum Beispiel folgendes gemacht. Da hat man gesagt: Hier haben wir eine Kerze; da ist der Docht; da brennt die Kerze. Nun wissen Sie ja, wenn die Kerze brennt, ist sie in der Mitte bläulich, am Rand gelblich. Das können Sie sich fein zurechtlegen durch das, was wir über die Farben gesagt haben. Nämlich, da in der Mitte, da ist es finster, und hell ist es hier (außen am Rande). Und die Folge davon ist, daß man das Finstere durch das Licht sieht. Und Sie wissen, das habe ich Ihnen neulich gesagt, wenn man das Finstere durch das Licht sieht, erscheint es blau.

[ 22 ] Daher erscheint das Innere der brennenden Kerze blau, weil man da das Finstere durch das Licht sieht. Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, damit Sie sehen: die Farbgedanken, die Farbanschauungen, die ich Ihnen das letzte Mal gesagt habe, lassen sich auf alles an wenden. 77

[ 23 ] Nun aber wissen Sie, wenn die Kerze brennt, wird sie immer weniger und weniger. Oben ist die Flamme, und in die Flamme geht dasjenige, was hier (an der Kerze) abschmilzt, über. Zuletzt ist die Kerze nicht mehr da. Das, was in der Kerze ist, das hat sich in die Luft verbreiter.

[ 24 ] Denken Sie sich jetzt solch einen Menschen, sagen wir, im Jahre 1750, also vor noch nicht einmal zweihundert Jahren; der sagte: Ja, wenn da die Kerze verbrennt, und das alles in Luft aufgeht, dann geht etwas von der Kerze in den freien Raum hinaus. Zuletzt ist ja nichts mehr da. Es muß also die ganze Kerze in den freien Raum hinausgehen. Weiter sagte er: sie besteht aus ganz feinem Stoff, Feuerstoff. Dieser feine Feuerstoff verbindet sich mit der Flamme und geht nach allen Seiten heraus. So daß also der Mann im Jahre 1750 noch sagte: Da drinnen in diesem Wachs, da ist ein Stoff, der nur zusammengeschoppt ist, dicht gemacht ist. Wenn ihn die Flamme fein macht, geht er in den freien Raum hinaus. Diesen Stoff nannte man dazumal Phlogiston. Also es geht etwas von der Kerze fort. Der Feuerstoff, das Phlogiston geht fort von der Kerze.

[ 25 ] Nun kam am Ende des 18. Jahrhunderts ein anderer. Der sagte: Nein, die Geschichte glaube ich nicht recht, daß da ein Phlogiston ist, das in die Welt hinausgeht. Das glaube ich nicht! - Was hat er gemacht? Er hat folgendes gemacht. Er hat das Ganze auch verbrannt, aber er hat es so verbrannt, daß er alles, was sich da gebildet hat, aufgefangen hat. Er hat es in einem abgeschlossenen Raum verbrannt, so daß er alles das, was sich da bilden konnte, auffangen konnte. Und dann hat er es gewogen. Und dann hat er gefunden, daß das nicht leichter wird. Er hat also zuerst die ganze Kerze gewogen, und dann hat er das Stückchen, das noch geblieben ist, gewogen, wenn die Kerze bis dahin verbrannt ist (es wird gezeichnet); und dasjenige, was sich da beim Verbrennen gebildet hat, das hat er aufgefangen, hat es gewogen und hat gefunden, daß es dann etwas schwerer ist als vorher. Also, wenn etwas brennt, sagte er, dann wird dasjenige, was sich bildet, nicht leichter, sondern es wird schwerer.

[ 26 ] Und dieser Mensch, der das gemacht hat, das war Lavoisier. Worauf beruhte denn also das, daß er eine ganz andere Ansicht bekam? Ja, das beruhte darauf, daß er zuerst die Waage anwendete, daß er alles wog. Und da sagte er: Wenn das schwerer ist, so muß nicht etwas weggegangen sein, muß nicht das Phlogiston weggegangen sein, sondern es muß etwas dazugekommen sein. Das ist der Sauerstoff, sagte er. Also man stellte sich vorher vor, daß das Phlogiston wegfliegt, und nachher stellte man sich vor, wenn etwas verbrennt, so dringt eigentlich der Sauerstoff herein, und die Verbrennung ist nicht die Zerstreuung von Phlogiston, sondern gerade die Anziehung von Sauerstoff. Das ist also dadurch gekommen, daß Lavoisier zuerst gewogen hat. Früher hat man nicht gewogen.

[ 27 ] Sehen Sie, meine Herren, da können Sie, ich möchte sagen, mit Händen greifen, was eigentlich geschehen ist. Am Ende des 18. Jahrhunderts hat man nicht mehr an erwas geglaubt, was sich nicht wägen läßt. Natürlich, das Phlogiston kann man nicht wägen. Das Phlogiston geht schon fort. Der Sauerstoff kommt auch heran. Aber den Sauerstoff, wenn er sich verbindet, den kann man auch wiegen. Das Phlogiston, das kann man nicht auffangen. Warum? Ja, alles dasjenige, was Kopernikus am Mars und Jupiter beobachtet hat, das ist dasjenige, was schwer ist, wenn man es wiegt. Was Kopernikus den Mars nennt, das ist dasjenige, was, wenn man es auf eine große Waage legen würde, etwas wiegen würde. Ebenso, was er den Jupiter nennt. Er hat die schweren Körper bloß allein beguckt.

[ 28 ] Dante hat nicht die schweren Körper bloß allein beguckt, sondern gerade dasjenige, was das Gegenteil hat von der Schwere, was immerzu fort will in den Weltenraum hinaus. Und das Phlogiston, das gehört einfach zu dem, was Dante beobachtet hat, und der Sauerstoff, der gehört zu dem, was Kopernikus beobachtet hat. Das Phlogiston ist das Unsichtbare, das sich zerstreut, der Äther. Der Sauerstoff ist ein Stoff, den man abwiegen kann.

Wandtafel 2
Wandtafel 2

[ 29 ] So sehen Sie, wie der Materialismus entstanden ist. Das ist etwas, was Ihnen außerordentlich wichtig werden kann. Der Materialismus ist dadurch entstanden, daß man angefangen hat nur das zu glauben, was man wiegen kann. Nur kann man das, was Dante noch gesehen hat, eben nicht abwiegen. Wenn Sie hier auf der Erde herumgehen, kann man Sie auch abwiegen. Sie sind schwer, und wenn man bloß dasjenige, was schwer ist, Mensch nennt, dann hat man bloß den Erdenmenschen. Aber denken Sie sich, dieser Erdenmensch wird ein Leichnam. Alles Schwere, alles das, was man mit der Waage behandeln kann, wird ein Leichnam. Dann liegt der Leichnam da. Sie können dann immer noch leben in demjenigen, was nicht schwer ist, in demjenigen, was die Erde umgibt, und was der Materialismus ableugnet, wovon Dante noch spricht, wovon wir wieder sprechen müssen, daß es da ist. So daß wir sagen können: Wenn der Mensch seinen äußeren, schweren Leib, den man abwägen kann, ablegt, so bleibt er zunächst im Ätherleib zurück.

[ 30 ] Nun will ich Ihnen aber sagen, was da eigentlich in diesem Ätherleib enthalten ist. Sehen Sie, wenn hier ein Stuhl ist, so kann ich diesen Stuhl sehen. Ich habe ein Bild in mir von diesem Stuhl. Doch wenn ich mich umdrehe, so sehe ich ihn nicht. Aber ich habe noch immer ein Bild von ihm drinnen in mir, richtig noch immer ein Bild. Dieses Bild ist das Erinnerungsbild.

[ 31 ] Nun denken Sie an die Erinnerungsbilder. Denken Sie, Sie haben vor recht langer Zeit einmal etwas erlebt. Sie haben zum Beispiel erlebt, sagen wir, Sie waren irgendwo, haben auf einem Marktplatz lustige Menschen tanzen gesehen und so weiter. Ich könnte auch irgend etwas anderes nennen. Das Bild haben Sie behalten. Das ist ja nicht mehr da, meine Herren, was Sie da als Bild haben, namentlich nicht mehr da unter den Dingen, die man wiegen kann, die schwer sind, gar nirgends ist es mehr da. Nur in Ihnen kann es vorgestellt werden. Sie können heute herumgehen und können, wenn Sie eine lebhafte Phantasie haben, sich ganz gut vorstellen, wie das alles war, bis zu den Farben derjenigen, die da herumgesprungen sind. Sie haben das ganze Bild vor sich. Aber Sie werden keinen Augenblick daran denken, daß man das wiegen kann, was Sie damals gesehen haben. Das hier können Sie auf eine Waage legen. Die einzelnen Menschen sind schwer. Dasjenige, was Sie heute in sich tragen als Erinnerungsbilder, das können Sie nicht auf die Waage legen. Das gibt es nicht. Das ist geblieben, ohne daß die Sache selbst physisch noch da ist. Wie steckt denn das in Ihnen, was das Erinnerungsbild ist? Das steckt in Ihnen ätherisch. Nicht mehr physisch, sondern ätherisch steckt es in Ihnen.

[ 32 ] Nun denken Sie sich einmal, Sie schwimmen, und durch irgendeinen Unglücksfall sind Sie nahe am Ertrinken; aber Sie werden gerettet. Solche Leute, die nahe am Ertrinken waren, und die gerettet worden sind, die haben zumeist von einem sehr interessanten Erinnerungsbild erzählt. Dieses Erinnerungsbild kann man dann ebenso wieder haben, wenn man nicht am Ertrinken ist, sondern wenn man sich geisteswissenschaftlich, anthroposophisch ausbildet. Diejenigen nämlich, die dem Ertrinken nahe waren, die haben einen Überblick über ihr ganzes irdisches Leben bis in die Kindheit. Es steigt alles auf. Auf einmal ist ein Erinnerungsbild da. Warum? Ja, meine Herren, weil der physische Leib, der jetzt im Wasser ist, etwas ganz Besonderes durchmacht. Und da müssen Sie sich an etwas erinnern, was ich Ihnen seinerzeit einmal gesagt habe. Ich habe Ihnen gesagt: Wenn man da hier Wasser hat und darinnen einen Körper, so wird der Körper im Wasser leichter. Er verliert von seinem Gewicht so viel, wie das Wasser wiegt, das als wässeriger Körper gerade so groß ist wie er selber.

[ 33 ] Das ist eine schöne Geschichte, wie das entdeckt worden ist. Es ist schon im alten Griechenland entdeckt worden, daß jeder Körper im Wasser leichter wird. Archimedes hat viel nachgedacht über solche Dinge. Und einmal war Archimedes im Bade. Die Leute waren höchst erstaunt — ja, in Griechenland hat man so gebadet, daß die anderen es auch gesehen haben; es war übrigens auf Sizilien, das dazumal zu Griechenland gehörte -, die Leute waren höchst erstaunt, als Archimedes plötzlich aus dem Bad sprang und schrie: Heureka! Heureka! Heureka! Das heißt: Ich hab’s gefunden! — Die Leute dachten: Was hat denn der im Bad gefunden? Er war nämlich im Bad drinnen bis zum Kopf untergetaucht, hatte ein Bein herausgestreckt aus dem Wasser, und da hat er gefunden: Wenn er ein Bein aus dem Wasser herausnimmt, wird es schwerer; wenn er es wiederum herunternimmt, wird es wieder leichter. Da hat er zum ersten Mal gefunden im Bade, daß jeder Körper leichter wird, wenn er im Wasser ist. Das ist das sogenannte Archimedische Prinzip. Also jeder Körper ist leichter, wenn er im Wasser ist. Also auch, wenn einer ertrinkt, so wird sein physischer Körper leichter, sehr leicht. Nun kann noch immer, was er im Ätherkörper hat, sich halten, und da gehen ihm die ganzen Erinnerungen auf. Und sehen Sie, da gehen die Erinnerungen aus dem Grunde auf, weil er nicht mehr so schwer ist. Wenn der Mensch nun, wenn er stirbt, ganz draußen ist aus seinem physischen Körper, aus seinem physischen Leib, so ist er ganz leicht. Da lebt er ganz und gar in der Äthersphäre. Und da hat der Mensch nach seinem Tode jedesmal eine vollständige Erinnerung an das, was er auf der Erde erlebt hat bis zur Kindheit. Das ist das erste Erlebnis, das man nach dem Tode hat: eine vollständige Erinnerung.

[ 34 ] Diese Erinnerung, die kann man prüfen. Nämlich die kann man so prüfen, daß man sich auf die Weise, wie ich das beschrieben habe in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ausbildet. Dann kann man diese Erinnerung immer haben. Dann weiß man, daß die Seele unabhängig wird vom Leibe. Da bekommt sie zunächst diese Erinnerung, denn sie lebt zunächst nicht in demjenigen Stoff, den man ablegen kann, sondern, im Gegenteil, der hinaus will in alle Welt. Das ist der erste Zustand nach dem Tode. Da erinnert man sich. Den zweiten Zustand, den möchte ich Ihnen das nächste Mal beschreiben. Jetzt will ich aber etwas, was uns vorbereitet, beschreiben. Denn die Frage, die gestellt worden ist, ist eine furchtbar schwerwiegende.

[ 35 ] Wenn man sich vorstellt, daß Dante sich über die Welt etwas vorgestellt hat, was die heutigen Menschen für eine Kinderei halten, dann ist nämlich das, was er sich weiter vorstellt, erst recht eine Kinderei für die heutigen Menschen. Wenn nämlich da auf der Erde (es wird gezeichnet) ein Mensch steht für Dante, dann stellt sich Dante vor: Hier in der Erde, abgewendet — also wenn man da durchgeht -, so würde man da in der Erde drinnen das haben, was er sich als Hölle vorstellt, Also er denkt sich: Da draußen, da ist überall Himmelsäther. Aber wenn ich hineinbohren würde in die Erde, da ist auf der andern Seite da die Hölle. Bevor ich aus der Erde herauskomme, ist da die Hölle.

[ 36 ] Nun, dieses als kindisch aufzufassen, das wird ja dem heutigen Menschen furchtbar leicht. Man braucht nur zu sagen: Ja, aber Dante hätte nicht da zu stehen brauchen, sondern hier, dann hätte er da hineinbohren können, und dann wäre da (auf der andern Seite) die Hölle gewesen! - Natürlich, das kann der heutige Mensch sagen, weil der heutige Mensch weiß, auf der andern Seite leben auch Leute. Also kann er sehr leicht sagen: Ja, Dante war halt dumm; der hat noch durchaus nicht einsehen können, daß die Erde auf allen Seiten Menschen hat, und daß daher ebensogut hier die Hölle sein könnte wie dort. Denn der, der da steht, der kriegt nun den Himmel von der Seite, und für ihn wäre dann auf der andern Seite die Hölle.

[ 37 ] Sehen Sie, meine Herren, das ist so. Für die physische Welt kann es nur so sein: Wenn da der Himmel wäre, so könnte die Hölle nur hier sein; für die physische Welt könnte es nur so sein. Wenn ein Stuhl irgendwo steht, so kann er eben nur da stehen. Es gibt keinen zweiten Ort, wo er noch sein könnte.

[ 38 ] Aber so hat es sich Dante nicht vorgestellt. Er hat überhaupt nicht die physische Welt vorgestellt, sondern er hat sich Kräfte vorgestellt. Und er hat gesagt: Ja, wenn ein Mensch da steht, und er bewegt sich mit seinem eigenen Ätherleib in der Richtung nach oben, dann wird er immer leichter und leichter. Dann überwindet er immer mehr die Schwere. Wenn er aber hineingeht in die Erde, da muß er sich immer mehr und mehr anstrengen, und diese Anstrengung wird am größten, wenn er zum andern Ende gekommen ist. Da preßt ihn alles. Da wird die Schwere am allergrößten. Das hängt nicht davon ab, daß dort irgendeine besondere Hölle ist, sondern daß er erst das durchgemacht hat, um dorthin zu kommen. (Zeichnung auf Seite 73.)

[ 39 ] Und wenn sich Dante das so vorgestellt hat, so könnte er ja auch da stehen (am andern Ende). Wenn er sich da hinausbewegt, wird er immer leichter und leichter, kommt er immer mehr und mehr in den Äther hinein. Wenn er sich aber da hineinbewegt in die Erde, dann muß er das durchmachen (das Schwererwerden). Dann tritt für ihn der Zustand, das Erlebnis da ein, wo ich grün gezeichnet habe; früher aber da, wo ich gelb gezeichnet habe. Also darauf kommt es an. Dante sagt nicht, daß hier an diesem Ort gerade die Hölle ist, sondern Dante will sagen: Wenn einer durch die Erde sich durcharbeiten muß mit seinem Ätherleib, dann ist das so schwer, daß, wo er auch hinkommt, ob oben oder unten, für ihn ein Erlebnis eintritt, das höllisch ist. Das ist erst wiederum in der neuesten Zeit gekommen, daß sich die Leute die Hölle vorstellen an einem bestimmten Ort. Dante hat an das Erlebnis gedacht, das man bekommt, wenn man sich als Äthermensch durch die Erde durcharbeiten muß.

[ 40 ] Wenn einer sagt: Dante war dumm -, so fällt das auf ihn selbst zurück, weil er so dumm ist und sagt, Dante hätte sich vorgestellt, daß die Hölle am andern Ende der Erde sei. Sondern Dante hat sich vorgestellt: Wo ich auch immer über die Erde in den Himmel hinausfliege, werde ich seelisch leichter; wo ich in die Erde hineinkomme, wo ich auch immer ans andere Ende komme: höllisch.

[ 41 ] Also die ganze Vorstellung wurde eine andere. Und dann erst, wenn Sie ein wenig Rücksicht nehmen können auf die ganz andere Art, wie sich die Menschen das vorgestellt haben, dann können Sie auch das einsehen, was ich Ihnen das nächste Mal beantworten werde: Was bleibt von dem irdischen Menschen zurück, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist?

[ 42 ] Wenn es heute etwas schwerer war als sonst, so müssen Sie darauf Rücksicht nehmen, daß dies an der Frage liegt. Ich hoffe, daß es ein bißchen klarer geworden ist. Wir wollen dann am Samstag weiterkommen und den Menschen betrachten, wenn er durch den Tod geht, und was dann mit ihm wird.