Vom Leben des Menschen und der Erde
Über das Wesen des Christentums
GA 349
17 März 1923, Dornach
5. Die Gliederung der menschlichen Wesenheit
[ 1 ] Guten Morgen, meine Herren! Ich möchte zu dem zweiten Teil der neulich gestellten Frage noch einiges sagen. Es ist ja so, daß, wenn große Lebensfragen gestellt werden, man über diese großen Lebensfragen immer außerordentlich viel reden muß; denn eigentlich müßte man bei diesen Lebensfragen immer die ganze Wissenschaft herbeiziehen, weil die ganze Wissenschaft dazu da ist, die großen Lebensfragen zu beantworten.
[ 2 ] Nun, ich habe Ihnen gesagt: Derjenige, der das eigentlich menschliche geistig-seelische Leben begreifen will, der muß wirklich den Menschen studieren. Wir haben das das letzte Mal mit dem Gedächtnis getan. Und ich habe Ihnen gezeigt, wie das Gedächtnis, die Erinnerung, schon durchaus etwas rein Geistiges im Menschen ist. Heute will ich nun einmal von einer ganz anderen Seite her den Menschen betrachten und Ihnen einiges vorführen, was wir schon besprochen haben. Aber wir müssen eben diese Dinge zusammenhalten.
[ 3 ] Vergleichen wir heute einmal die Entwickelung des Tieres mit der Entwickelung des Menschen. Wenn das Tier auch manches lernt im Leben, das Allerwichtigste kann das Tier eigentlich schon durch sich selber. Das Tier würde sehr wenig lernen können, wenn es nicht schon so viel könnte. Denken Sie sich einmal, ein Huhn, das aus dem Ei ausschlüpft, das pickt gleich die richtigen Körner auf. Das ist schon in ihm gelegen. Der Mensch muß das alles erst lernen. Nun sind es drei Dinge, die der Mensch im Lauf seines allerersten Erdenlebens lernen muß. Das ist erstens dasjenige, was man das Gehen nennt. Das Tier hat es leichter, weil es leichter gehen kann. Es steht auf vier Beinen, und auf vier Beinen ist es leichter zu gehen als auf zwei Beinen. Wenn man auf zwei Beinen geht, muß man erst ins Gleichgewicht kommen. Das Tier ist schon in seinem Gleichgewicht drinnen, weil es vier Beine hat.
[ 4 ] Nun können Sie sagen: Aber es gibt doch Tiere, welche die vorderen Gliedmaßen auch so ähnlich verwenden wie der Mensch, zum Beispiel die Affen oder auch andere Tiere. Ja, da müssen Sie immer bedenken, daß ein Affe eigentlich mit seinen vorderen Gliedmaßen ungeschickt ist in bezug auf seine ganze Organisation. Wenn er auch mit seinen vorderen Gliedmaßen nicht immer auf der Erde tappt, so hat er doch nötig, sich mit den vorderen Gliedmaßen an etwas zu halten. Und wenn er sich nicht hält, wenn er nicht klettert, dann ist er eben durchaus ungeschickt. Er kann nicht in der richtigen Weise seine vorderen Gliedmaßen gebrauchen. Aber die meisten Tiere gehen eben doch auf allen vieren, und der Mensch geht im Anfange auch auf allen vieren. Er muß erst durch das Gleichgewicht das Gehen lernen. Das ist dasjenige, was der Mensch im Leben zu lernen hat: erstens, er muß das Gehen lernen.
[ 5 ] Zweitens aber wissen Sie alle, daß der Mensch etwas lernt, wozu das Tier nicht kommt, wenigstens nicht in derselben Weise; nur Phantasten können sagen, daß das Tier in derselben Weise dazu kommt: das ist die menschliche Sprache. Ich will nicht sagen, daß die Tiere sich nicht verständigen können. Ich habe Ihnen genug Sachen vorgetragen, welche Ihnen zeigen, daß die Tiere sich verständigen können. Aber sie verständigen sich ja nicht durch die Sprache. Sie beriechen sich oder so etwas Ähnliches, aber durch die Sprache verständigen sie sich nicht. Das zweite also, was der Mensch lernen muß, das ist die Sprache.
[ 6 ] Das dritte, was der Mensch lernen muß, und was das Tier auch nicht in demselben Maß bekommt, das ist das Denken. Also drei Dinge muß der Mensch lernen: Gehen, Sprechen, Denken.
[ 7 ] Sie können sagen: Ja, das Denken, das der Mensch verrichtet, das kann man nicht so leicht unterscheiden vom Tiere. Man kann nicht wissen, ob nicht die Tiere auch denken. Aber derjenige, der sagt: Man kann nicht wissen, ob nicht die Tiere auch denken, wenn man die Tiere sich anschaut, der redet ungefähr so, wie einer, der sagt: Wenn meine Großmutter vier Räder hätte und vorne eine Deichsel, so wäre sie ein Omnibus! — Natürlich kann man alles sagen, wenn man nicht auf die Tatsachen sieht. Man kann natürlich, wenn man nicht auf Tatsachen sieht, sagen: Warum soll der Stein nicht auch reden oder denken? — Aber wenn man auf die Tatsachen sieht, so ist es so, daß die Tiere alles so tun, daß nicht eine persönliche Vernunft in ihnen lebt, sondern eine Weltenvernunft. Sie tun es ja nicht persönlich; deshalb ist es vielleicht viel gescheiter, was sie tun, aber es ist eben nicht persönlich. Sie denken viel, wie wir es ja gehört haben, aber es ist ihr Denken nicht persönlich.
[ 8 ] Sehen Sie, diese drei Dinge, die muß der Mensch erst lernen: Gehen, Sprechen, Denken.
[ 9 ] Ein richtig normal sich entwickelndes Kind lernt zuerst das Gehen, nachher das Sprechen, und nachher erst das Denken. Es ist ganz falsch, wenn man glaubt, daß der Mensch erst denkt und dann redet, sondern er lernt zuerst die Sprache durch Nachahmung. Er ahmt die Wörter, die er hört, nach, und erst in den Wörtern drinnen lernt er das Denken. Der Mensch lernt erst an der Sprache das Denken. Deshalb hat die ganze Menschheit so spät das Denken gelernt. Gesprochen haben auch schon die Urvölker, aber denken gelernt haben die Menschen erst später. An der Sprache haben sie denken gelernt.
[ 10 ] Nun bedenken Sie, was wäre das ganze menschliche Leben, wenn der Mensch nicht als Kind diese drei Dinge lernen würde: Gehen, Sprechen, Denken! Aber Sie werden auch einsehen: Zu diesen dreien, zum Gehen, zum Sprechen, zum Denken braucht der Mensch seinen Körper. Beim Gehen ist Ihnen ja das ohne weiteres klar. Die ganze Einrichtung des Körpers zeigt Ihnen, daß der Mensch eben zum Gehen seinen Körper braucht. Sie können sich gar nicht vorstellen, daß man geht ohne Körper. Also zum Gehen braucht der Mensch den Körper. Zum Sprechen - nun, ich habe Ihnen beschrieben, wie die Sprache zustande kommt — braucht der Mensch seinen Kehlkopf, seine Zunge und alles mögliche. Also auch zum Sprechen braucht er seinen Körper. Und zum Denken braucht der Mensch auch seinen Körper. Zum Denken braucht er nämlich sein Gehirn und sein Nervensystem. Sie können sich leicht davon überzeugen: Wenn einer nicht gut denken kann, und man untersucht das Gehirn, so wird man finden, daß das zu Brei geworden ist. Er kann nicht denken, weil das zu Brei geworden ist. Also der Mensch braucht seinen Körper gerade zu demjenigen, was er auf der Erde lernt.
[ 11 ] Aber nun müssen wir uns klar werden, was da eigentlich geschieht, wenn wir zum Beispiel gehen, wenn wir uns überhaupt bewegen. Wenn wir uns überhaupt bewegen, dann geht immer von uns etwas zugrunde. Wenn ich hier stehe und nur bis dorthin gehe und nachher meinen Körper untersuchen würde, so würde ich, nachdem ich gegangen bin, mehr Asche in meinem Körper finden, als vorher drinnen war, weil mittlerweile Stoffe drinnen verbrannt sind. Ich kann mich gar nicht bewegen, kann gar nicht das Gleichgewicht, die Schwerkraft mit mir in Zusammenhang bringen, wenn ich nicht irgend etwas in mir verbrenne. Also ich muß eine Verbrennung in mir bewirken, wenn ich dasjenige im Leben benütze, was ich durch das Gehen und durch das richtige Bewegen überhaupt mir erwerbe. Wenn ich aber nur fortwährend tätig wäre und fortwährend also in mir verbrennen würde, ja, da würde ich bald zugrunde gehen daran. Ich muß fortwährend auch wiederum dasjenige herstellen, was ich verbrannt habe.
[ 12 ] Aber sehen Sie, das tut mir die äußere Welt nicht. Die äußere Welt, die stellt mir das nicht her, was ich in mir verbrannt habe. Denn Sie brauchen nur zu sehen, wie der menschliche Leichnam sich ausnimmt. Der ist der äußeren Welt ganz übergeben. Die verbrennt ihn. Die äußere Welt verbrennt nämlich den Körper. Sie werden sagen: Nun ja, es werden nicht alle Menschen verbrannt, sondern manche auch begraben. Aber das Verwesen im Grabe, das ist nur ein langsamer Verbrennungsprozeß. Es ist nämlich ganz derselbe Vorgang. Wenn man rasch verbrennt, nun, da verbrennt der Körper in kurzer Zeit. Wer ins Grab gelegt wird, verbrennt langsam. Es ist immer ein richtiges Verbrennen, wie ich es Ihnen das letzte Mal bei der Flamme erklärt habe; nur wird er das eine Mal schnell verbrannt, total, das andere Mal verbrennt er langsam im Grabe.
[ 13 ] Nun, wenn wir uns als Leichnam der Erde übergeben, so verbrennen wir. Wenn wir gehen, wenn wir uns bewegen, verbrennen wir auch. Nur können wir den Leichnam nicht mehr lebendig machen, weil wir nicht den anderen Vorgang, der die Verbrennung wieder gut macht, mit ihm ausführen können. Wir können jederzeit den Leichnam wiederum lebendig machen, wenn wir die Verbrennung rückgängig machen. Ja, sehen Sie, die Verbrennung rückgängig machen, das können wir, solange wir leben. Da können wir richtig die Verbrennung rückgängig machen. Warum? Hätten wir nur den Leib, den wir ins Grab legen, da könnten wir die Verbrennung nicht rückgängig machen. Wir haben außer dem Leib, den wir ins Grab legen, auch noch den Ätherleib. Das ist ein feiner Leib. So daß wir, wenn wir den Menschen richtig zeichnen wollen, wir zunächst seinen physischen Leib haben und nachher seinen Ätherleib. Dadurch, daß wir diesen Ätherleib haben, können wir ganz richtig den Verbrennungsvorgang, den wir durch unsere Bewegung immer ausführen, wieder gutmachen. Also wir haben nicht nur einen physischen Leib, wir haben auch einen Ätherleib. Wenn wir schlafen, dann bessert fortwährend unser Ätherleib dasjenige wieder aus, was bei Tag die Verbrennungsprozesse gemacht haben. Das heißt: wir haben im Schlaf auch unseren Ätherleib. Im Bett liegt also der physische Leib und der Ätherleib des Menschen.
[ 14 ] Nun, wodurch unterscheidet sich der Ätherleib vom physischen Leib? Sie können es fühlen: Dasjenige, was Ihnen die Verbrennung bewirkt, wenn Sie sich der äußeren Welt überlassen, das ist die Schwere. Und der Ätherleib hat keine Schwere. - Und wenn man jetzt richtig die Gedanken, die man erinnert, ins Auge faßt, so muß man sagen, die gehören nicht zum physischen Leib, die gehören zum Ätherleib. Und daher ist es so, daß der Mensch in seinem Erinnern auch nicht der Schwere unterworfen ist. Sie können zu gleicher Zeit arbeiten und denken, obwohl es schwer geht, allein, das rührt von etwas anderem her. Das können wir später noch besprechen. Aber man kann zugleich arbeiten und denken. Das weiß jeder, weil durch das Arbeiten zunächst nur der physische Leib abgenützt wird. Der Ätherleib wird durch das Arbeiten nicht abgenützt. Das ist das Wichtige. Der Ätherleib, der ist nun im Menschen so tätig, daß der Mensch an diesem Ätherleib etwas hat, was ihn zunächst befähigt, seine Erinnerung, sein Gedächtnis zu haben.
[ 15 ] Nun aber gehen wir zu dem zweiten über, was der Mensch lernen kann, zu der Sprache. Wenn wir sprechen lernen, dann ist das nicht so wie beim Gehen. Beim Gehen bewegen wir uns in der äußeren Welt. Wenn wir arbeiten, bewegen wir uns auch in der äußeren Welt. Wir kommen mit irgend etwas der äußeren Welt, was uns einen wahrnehmbaren Widerstand leistet, in Beziehung. Die Sprache, die sprechen wir heraus, und selbst wenn wir in einer dicken Luft sind, so merken wir gar nicht, daß die Sprache uns schwer wird. Wir merken an anderem, was die Luft an uns tut, wenn sie zu dick ist, wie sie störend ist. An der Sprache merken wir das nicht. Und dennoch, ohne die Luft könnten wir nicht sprechen, denn wir bewegen die Luft mit unserer Sprache.
[ 16 ] Nun gehen ja in uns auch nicht fortwährend bloß äußere Verbrennungsprozesse vor sich, sondern wenn Sie etwas essen, so muß das zunächst durch den Mund in den Magen gehen. Da muß es verarbeitet werden. Dann muß es in den ganzen Körper übergehen. Das ist eine innere Arbeit; die verbrennt auch den physischen Leib. Wenn der Ätherleib einen Augenblick nicht tätig wäre, ja, dann wär es aus mit dem Menschen. Dann würde er fortwährend durch seine eigenen Verbrennungsprozesse sich töten. Was der Mensch eigentlich tut in der irdischen Welt, ist alles auf das Töten abgestimmt.
[ 17 ] Beim Sprechen ist es nun nicht so. Wenn einer seine Herztätigkeit unterbricht, das heißt wenn die Verbrennung, die durch die Herztätigkeit hervorgerufen wird, nicht gleich wiederum durch den Ätherleib gutgemacht wird, würde das Herz stillstehen. Aber beim Sprechen können wir das nicht so sagen; denn gerade einer, der fortwährend spricht, der würde uns bald zuwider werden. Und sich selber würde er auch nicht gerade etwas besonders Gutes tun. Beim Sprechen ist es nicht so, daß der Mensch fortwährend sprechen muß. Er kann sprechen, wenn er will, und kann es auch unterlassen. Nun, die Ausgleichung der Herztätigkeit durch den Ätherleib kann er nicht unterlassen. Die muß er vom Anfang seines Erdenlebens bis zum Ende seines Erdenlebens durchführen.
[ 18 ] Es ist also ein großer Unterschied zwischen dem, was der Mensch innerlich tut, wenn er spricht, und wenn er einfach lebt. Leben tut man, indem man die Verbrennungsprozesse durchmacht. Sprechen tut man, wenn man will. Aber beim Sprechen ist es auch so, daß wir etwas in uns zerstören. Wir zerstören richtig in uns etwas. Sehen Sie, beim Atmen, da ist es so, daß wir fortwährend Sauerstoff aufnehmen, den Sauerstoff mit dem Blut verbinden, Kohlensäure abgeben. Den Stickstoff, den können wir dabei nicht in derselben Weise gebrauchen. Aber, wenn wir sprechen, dann nehmen wir immer zu viel Stickstoff auf. Das ist das Merkwürdige beim Sprechen, daß wir zu viel Stickstoff aufnehmen. Wir vergiften uns in einer gewissen Beziehung. Zu viel Stickstoff aufnehmen, heißt nämlich, dem Zyan ähnlicher werden. Denn das Zyan, das ist geradeso eine Verbindung von Kohlenstoff mit Stickstoff, wie die Kohlensäure eine Verbindung von Kohlenstoff mit Sauerstoff ist. Der Mensch zyanisiert sich fortwährend, wenn er redet. Und das muß er auch wiederum ausgleichen. Wenn der Mensch seine Sprachorgane in Bewegung setzt, so tötet er sich auch in gewisser Beziehung, wie er sich durch die Verbrennung bei der Bewegung tötet. Er muß das wiederum ausgleichen. Und das tut der astralische Leib. — Sie brauchen sich nicht an dem Wort «astralisch» zu stoßen. Ich könnte es auch anders nennen. Darauf kommt es nicht an. Das tut also der astralische Leib. Dieser astralische Leib, der ist ebenso im Menschen vorhanden, und der lebt im Atmen und im Sprechen.
[ 19 ] Und jetzt können Sie den großen Unterschied merken, der da besteht zwischen dem astralischen Leib und dem Ätherleib. Wenn wir in der Nacht, während wir schlafen, unsere Verbrennung, die während des Tages bewirkt wird, nicht fortwährend gutmachen würden, so würden wir nicht schlafen, sondern sterben. Also den Ätherleib müssen wir während des Erdenlebens immer beim physischen Leib lassen. Reden können wir nicht in der Nacht, während wir schlafen; da müssen wir erst aufwachen. Das Reden hängt mit dem astralischen Leib zusammen. Also ziehen wir unsern Astralleib in der Nacht einfach aus unserem physischen und Ätherleib heraus. Daher atmen wir auch in der Nacht etwas anders. Wir atmen weniger Kohlensäure aus in der Nacht als bei Tag. Kurz, wir haben einen dritten Leib in uns, einen astralischen Leib (Zeichnung Seite 89). Und der astralische Leib, der lebt in unserem Sprechen.
[ 20 ] Wenn wir das Tier ansehen, so kann das ja auch gehen, sich bewegen; es braucht es nur nicht zu lernen, es hat es instinktiv. Aber wenn Sie sich die Tiere anschauen, ja, sprechen können sie nicht. Aber sie haben ja auch Sprachorgane. Man muß eigentlich verwundert sein, warum der Hund nicht spricht, warum der Hund nur bellt. Er kann seinen astralischen Leib nicht zum Sprechen gebrauchen. Er lernt das Sprechen nicht. Wir müssen also als Menschen das Bewegen lernen, das Gehen lernen, wir müssen das Sprechen lernen. Das Tier lernt nichts für seinen Ätherleib, lernt nichts für seinen astralischen Leib. Wir Menschen aber lernen etwas.
[ 21 ] Nun, sehen Sie, daß wir etwas lernen können, das rührt davon her, daß wir Gedanken bekommen. Alles Lernen besteht darinnen, daß der Mensch Gedanken bekommt. Wenn er spricht, braucht er bloß nachzuahmen. Wenn er denkt, muß er selbst tätig sein. Der Mensch also lernt durch Gedanken. Er lernt auch das Gehen, er lernt auch das Sprechen durch Gedanken; nur weiß er es noch nicht. Er hat noch nicht die Gedanken beim Gehen und beim Sprechen. Und daß wir lernen können, was das Tier nicht kann, das kommt daher, daß wir außer dem physischen Leib und dem Ätherleib und dem astralischen Leib noch ein Ich haben, das uns ganz durchdringt. Also ein Ich haben wir noch (Zeichnung Seite 89). Dann haben wir die richtigen vier Glieder des ganzen Menschen: physischen Leib, ätherischen Leib, astralischen Leib und Ich.
[ 22 ] Das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, das beruht auf einer richtigen Betrachtung des ganzen Menschen, auf einer wirklichen Wissenschaft. Die gewöhnliche Wissenschaft ist eben keine wirkliche Wissenschaft. Sie kümmtert sich nicht um dasjenige, was Tatsachen sind. Es ist keine Frage, daß jeder Mensch, der irgend etwas lernt, sagen müßte: Der Mensch hat den physischen Leib, den Ätherleib, den astralischen Leib und das Ich. Aber er sagt es nicht, weil die Menschen sich eben nicht um die Tatsachen kümmern.
[ 23 ] Und jetzt wollen wir uns einmal vor Augen führen, wie das beim Tode eigentlich ist. Sehen Sie, man kann sich dieses eigentlich nicht vor Augen führen, wenn man nicht das Lernen noch etwas weiter fortsetzt, als das heute gewöhnlich geschieht. Es ist schon so, daß die heutigen Kulturmenschen, wie sie sich nennen, furchtbar bequem sind. Was tun denn die heutigen Kulturmenschen? Daß der Mensch gehen lernt, darum kümmern sie sich ja überhaupt nicht sehr viel, denn das ergibt sich halt beim Kinde durch Nachahmung der Großen. Da wendet man nicht besondere Sorgfalt an.
[ 24 ] Daß der Mensch sprechen lernt, verwundert die Menschen auch nicht besonders. Es hat einmal eine Zeit auf der Erde gegeben, da konnten alle Menschen noch nicht sprechen. Da gab es eine Art von Gebärdensprache. Dann haben die Menschen das Sprechen gelernt. Aber das ist ja längst vergessen von der Menschheit. Geschichte betrachtet man heute eben einfach so, daß man auf die Menschen der Vorzeit hinschaut, die schon haben sprechen können. Und daß die Sprache etwas ist, was man auch tätig lernen muß, darum kümmern sich die Menschen heute gar nicht. Darum ist der Streit zwischen den Völkern. Würden die Völker nur einmal darauf kommen, daß sie die Sprache gelernt haben, und die Sprache etwas ist, was die Menschen gelernt haben, dann würden sie nicht so hochmütig in bezug auf die Sprache sein und sich nach Völkergruppen unterscheiden wollen. Die Menschen haben eben ganz vergessen, daß die Sprache aus dem Innern heraus gelernt werden muß.
[ 25 ] Wenn man nun zu der Anthroposophie kommen will, dann muß man, ich möchte sagen, die Sprache wiederum ganz neu lernen. Denn Sie werden sehen, wenn Ihnen irgendeiner der heutigen Gelehrten etwas vorträgt, ja, Donnerwetter, das geht ja wie aus einer Maschine heraus. Beobachten Sie es nur einmal: es geht wie aus der Maschine heraus. Es ist anders, als wenn man Ihnen aus der Geisteswissenschaft, aus der Anthroposophie, etwas vorträgt. Da muß man immerfort nach den Worten suchen, da muß man die Worte innerlich immer neu aufgreifen. Und nachher, wenn man die Worte gebildet hat, dann kriegt man erst recht Angst, daß sie eigentlich nicht das Richtige bezeichnet haben. Es ist bei der Anthroposophie ein ganz anderes Verhältnis zu denjenigen, die einem zuhören, als es sonst bei den heutigen Gelehrten ist. Die heutigen Gelehrten, die kümmern sich nicht mehr um die Sprache. In der Anthroposophie muß man sich immer um die Sprache kümmern.
[ 26 ] Sehen Sie, das ist dasjenige, was in einer besonderen Weise zutage tritt, wenn ich meine Bücher schreibe; dann bin ich in einer fortwährenden, ich möchte sagen, inneren Unruhe, die Sprache richtig zu gestalten, daß die Menschen auch das verstehen können, was geschrieben wird. Es ist erwas Neues, was man da mit der Sprache schaffen muß. Die heutigen gelehrten Menschen sagen einfach, ich schreibe einen schlechten Stil, ich schreibe kein ordentliches Deutsch, weil die gewohnt sind, die Worte nur so hintereinander zu setzen, wie es der Gehmechanismus macht. Sie reden nicht aus der Seele heraus. Daher sind sie nicht gewohnt, daß man seine Sätze etwas anders formt, als sie es tun. Und so sehen Sie, daß sich die heutigen Menschen nicht mehr viel um die Sprache kümmern.
[ 27 ] Aber nun das dritte, das Denken. Ja, auf das Denken sind die heutigen Menschen ganz besonders stolz. Aber ich sage: Die Menschen denken heute überhaupt nicht. Meistens denken die Menschen heute überhaupt nicht. Ich will Ihnen an einem Beispiel zeigen, daß die Menschen heute überhaupt nicht denken. Das kann man an dem Beispiel der Religion lernen. Die Religionen sind da. Ja, sie waren nicht immer da. Die Menschen haben sich erst zu den Religionen gebildet. Und wenn man wirklich Geschichte studiert, dann wird man sehen, wie die Menschen gerungen haben, um sich ihre religiösen Überzeugungen herauszubilden. Deshalb hat es früher auch das gegeben, was ein Ringen zu den religiösen Überzeugungen war. Was tun die Menschen heute? Ja, sie nehmen durch Erbschaft das auf, was man einmal als Religiöses gehabt hat. Aber neue Gedanken über das Übersinnliche oder so etwas wollen sie nicht aufnehmen. Wenn die Menschen immer so gewesen wären, wären sie heute noch Viecher — das ist nämlich wahr —, weil sie niemals Gedanken über das Übersinnliche aufgenommen hätten. Heute sind die Menschen nicht fähig, Gedanken aufzunehmen über das Übersinnliche. Sie nehmen nur das auf, was ihnen konservativ in den Kirchen erhalten ist, dasjenige, was in früheren Zeiten über das und jenes gedacht worden ist. Die Wissenschafter freilich werden Ihnen sagen: Wir sind von der Kirche ganz unabhängig. Wir haben Gedanken, die wir uns selber machen. - Das ist nicht wahr. Wer nämlich wirklich die Kirche kennt, der wird sehen, daß die Gedanken, die sich die heutigen Gelehrten machen, nur die Gedanken der früheren Kirche sind.
[ 28 ] Da gab es einen großen Gelehrten vor einiger Zeit in Berlin. Du BoisReymond hat er geheißen. Er war wirklich ein großer Gelehrter. Vor allen Dingen hat er sehr elegant geredet, weil es mechanisch abgelaufen ist, weil es aus der Erbschaft hervorgegangen ist - wie es der Großtante auch gefällt, weil der Pfarrer auf der Kanzel nur das sagt, was sie schon weiß; wenn er irgend etwas Neues sagen würde, würde es ihr wohl weniger gefallen, und sie würde dabei einschlafen. Also Du BoisReymond, ein großer Gelehrter, hat in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Leipzig eine große Rede gehalten auf der Naturforscherversammlung. Diese Rede ist sehr berühmt geworden. Er sagte etwa: Dasjenige, was wir mit den Sinnen wahrnehmen, können wir verstehen als Menschen. Ein Übersinnliches können wir nicht verstehen. Das kennen wir nicht. - Die Rede ist berühmt geworden als Ignorabimus-Rede - ignorabimus, das heißt: wir werden niemals etwas wissen. Das war der Schluß: Ignorabimus!
[ 29 ] Ja, warum hat denn der Du Bois-Reymond die Rede gehalten? Wäre einer von Ihnen hingegangen und hätte dem Du Bois-Reymond gesagt: Du bist ein Schüler - oder meinetwillen, einer von Ihnen hätte sagen können: Exzellenz, Sie sind ein Schüler von dem Kirchenlehrer Thomas von Aquino! Du Bois-Reymond würde puterrot geworden sein und hätte sich furchtbar aufgeregt, daß er ein Schüler des Thomas vor: Aquino, des katholischen Kirchenlehrers, sein soll. Das hätte er nicht gewollt. Er hat zwar bei einer anderen Rede einmal gesagt: Die deutschen Gelehrten sind eine wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern. — Das ist ein Ausspruch, der von denselben Gelehrten spricht, zu denen er gehört. Aber wenn er sich auch zu den Hohenzollern ganz freudig bekannt hat, zu dem katholischen Kirchenlehrer Thomas von Aquino würde er sich nicht bekannt haben.
[ 30 ] Ja, aber sehen Sie, was hat denn Thomas von Aquino gelehrt? Der hat auch gelehrt: Die sinnliche Welt, die kann der Mensch durch sich selber erkennen; um die übersinnliche Welt zu erkennen, braucht er die kirchliche Offenbarung; da kann er nicht selber darauf kommen! Nun, streichen Sie «die kirchliche Offenbarung» aus diesem Satze aus und sagen Sie, der Mensch kann nur die Sinneswelt erkennen, die übersinnliche Welt kann er durch sich selbst nicht erkennen; die Kirchenlehre nehme ich aber nicht an -, so haben Sie dasselbe, was Du BoisReymond gelehrt hat. Er hat nur eines, weil es ihm ein bißchen unbequem war, ausgestrichen. Er ist richtig ein Schüler von Thomas von Aquino. Es ist nämlich nicht wahr, daß die heutige Wissenschaft eigene Gedanken hat. Sie nimmt auch die Gedanken von der Kirche. Die Menschen merken es nur nicht. Eigene Gedanken werden nur erst wiederum entwickelt durch die Anthroposophie. Die Menschen merken es nicht, daß sie keine eigenen Gedanken haben.
[ 31 ] Und so wird heute nicht darauf geachtet, daß der Mensch gehen, sich bewegen lernt, wie der Mensch sprechen lernt, und wie der Mensch denken lernt. Das ist es eben: Achtet man darauf, wie die Sprache sich aus dem Innern gestaltet, achtet man darauf, wie man das Verbrennen wiederum ausgleichen muß aus dem Innern und achtet man darauf, wie das Denken namentlich aus dem Innern sich gestaltet, dann kommt man auf das Ewige, Unsterbliche im Menschen. Wenn man aber diese Dinge überhaupt nicht beachtet, so ist es ganz verständlich, daß man nicht auf das Ewige, Unsterbliche kommen kann. Es ist eben die Gedankenlosigkeit und die Unaufmerksamkeit gegenüber der Sprache und dem Gehen des Menschen, die es dahin bringt, daß der Mensch gar nicht darauf achtet, daß er etwas in sich hat, durch das er mehr ist als der Leichnam, den man, wenn er tot ist, ins Grab legt. Er muß ja diesen Leichnam jeden Moment bekämpfen, sonst würde er in jeder Minute sterben. Und er muß ihn bekämpfen durch seinen Ätherleib, seinen Astralleib und sein Ich. So daß also der Mensch den Tod fortwährend in sich selber bekämpfen muß. Der Tod ist ja fortwährend da. Wir könnten in jedem Moment sterben. Aber wir sterben nicht, solange wir in der richtigen Weise unseren Ätherleib, astralischen Leib und unser Ich schlafend und wachend verbinden können.
[ 32 ] Was bleibt uns also im Tode übrig? Zunächst bleibt uns der Ätherleib übrig. Aber dieser Ätherleib, der hat eine ganz große Anziehung zu der Welt. Gewicht hat er nicht, Schwerkraft hat er nicht. Aber ausdehnen will er sich sogleich, wenn er frei ist, wenn wir aufhören zu leben. Was heißt das? Das heißt: Wir ziehen den Ätherleib heraus. Da müssen wir aber gleich sterben, wenn wir den Ätherleib herausziehen, denn der ist es ja, der uns leben läßt. Sterben heißt also zunächst, unseren Ätherleib herausziehen aus dem physischen Leib. Der physische Leib fängt jetzt an, richtig zu verbrennen, weil der Ätherleib nicht mehr drinnen ist. Aber dieser Ätherleib hat gleich das Bestreben, sich in die ganze Welt auszudehnen. Daher kommt es, daß der Mensch nach seinem Tode das Gedächtnis noch hat, denn das ist an den Ätherleib gebunden, wie ich Ihnen gesagt habe. Der Ätherleib dehnt sich aber rasch in die ganze Welt aus. Daher ist nach wenigen Tagen dieses Gedächtnis geschwunden. Also der Mensch hat zuerst ein paar Tage hindurch eine Erinnerung an sein letztes Erdenleben, wie es der Ertrinkende auch hat. Ich habe Ihnen das ja neulich schon erklärt.
[ 33 ] Sehen Sie, das behauptet ein Mensch, der Anthroposoph ist; er saugt sich das nicht bloß aus den Fingern heraus, sondern was tut er? Ja, er lernt zu dem, was man gewöhnlich lernt, noch etwas hinzu. Im gewöhnlichen heutigen Leben geht der Mensch. Er geht, das heißt, er schaut zu, wie er fortwährend verbrennt. Aber er schaut ja niemals zu, wie die Verbrennung wieder ausgeglichen wird. Wenn er zuschauen würde, wie die Verbrennung wieder ausgeglichen wird, was also geschieht, wenn ich nur meinen Fuß bewege und da wiederum hineingießen muß durch den Ätherleib die Ausgleichung der Verbrennung, so finge er ja an, den Ätherleib wahrzunehmen. Aber den vergißt der Mensch heute. Er schaut nicht hin auf seinen Ätherleib. Und darin besteht das anthroposophische Lernen: man lernt hinschauen auf den, Ätherleib. Man lernt hinschauen, wie sich im Menschen fortwährend ein Prozeß, der gegen den Tod gerichtet ist, ausbildet. Und nun macht man ja ebenso Experimente, wie man Experimente macht im physikalischen und chemischen Laboratorium. Ich will Ihnen ein solches Experiment beschreiben. Ich habe die ganze Methode, solche Experimente zu machen, in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben. Aber ich will Ihnen noch einmal zeigen, wie man diese Dinge macht.
[ 34 ] Nehmen Sie also an, ich habe irgend etwas bei Tag getan, irgendeine Arbeit getan, sie kann eine mehr körperliche, sie kann eine mehr geistige sein. Abends, bevor man einschläft, stellt man sich ganz genau vor: Da, da bist du, dieser Kerl. Aber den stellt man sich außerhalb vor. Und jetzt stellt man sich vor, wie man die Beine bewegt hat, die Hände bewegt hat, wie man gedacht hat, all das stellt man sich vor. Und dadurch, daß man es wieder vorstellt, kommt einem nach und nach eine ganz andere Vorstellung ganz von selber, nämlich die Vorstellung, wie das alles wieder gutgemacht werden muß. Man kriegt eine Vorstellung von seinem Ätherleib, ein Stückchen von seinem Ätherleib. Man kann das schon hervorrufen.
[ 35 ] Nur sagen die heutigen Menschen: Ach, wenn der Mensch nur gelernt hat, das äußere Leben zu betrachten, dann ist es schon genug! Bei den Kindern in der Schule sieht man einfach nicht darauf, daß sie etwas anderes kennenlernen. Das ist ja am allerbequemsten. Denn die Menschen, die mehr kennenlernen, die werden aufrührerisch. - Man brauchte nur in der zartesten Jugend diese Anlage heranzubilden, dann würden alle Menschen ja den Ätherleib wahrnehmen können.
[ 36 ] Sehen Sie, man kann die größten Übungen gemacht haben, um alles das wahrzunehmen, was man selber tut an Beweglichkeit, an Arbeit, es kann auch geistige Arbeit sein; man kann sich ganz klare Vorstellungen machen, aber die Geschichte ist wieder umgekehrt, denn nach drei Tagen haben Sie die Vorstellungen vergessen. Wenn Sie irgend etwas lernen, etwas einochsen von der physischen Welt, das bleibt in Ihnen, wenn Sie es richtig eingeochst haben. Die Vorstellungen, die Sie sich von der übersinnlichen Welt machen, also schon beim Ätherleib, die sind in drei Tagen verflogen; wenn man sie nicht zuerst in physische Vorstellungen umwandelt, sind sie verflogen. Warum? Weil das geradeso ist, wenn man es künstlich erzeugt als Experiment, wie es nach dem Tod ist. Nach dem Tod gehen einem auch die ätherischen Vorstellungen davon. So gehen sie einem auch davon, wenn man sie künstlich hervorruft. Geradeso wie man, sagen wir, kennenlernt die Verbindungen des Sauerstoffes in einem Laboratorium durch die physische Wissenschaft, so lernt man dies durch die Geisteswissenschaft kennen, wenn man die entsprechenden Experimente dann an sich selber macht. Aber das heißt eben, nicht stehen bleiben bei dem, was die gewöhnliche Wissenschaft ist. Deshalb ist mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» die Fortsetzung desjenigen, was die Menschen lernen, aber eine Art von Fortsetzung wie diese Tatsache, daß der Mensch nur zwei bis drei Tage die Erlebnisse seines Ätherleibes hat, die kann man ja nachmachen, und dann wird sie Wissenschaft.
[ 37 ] Nun, sehen Sie, so kann man den Ätherleib erleben. Aber man kann auch den astralischen Leib erleben. Wenn der Mensch Wasser anschaut, so weiß er ja gewöhnlich nicht, daß da Wasserstoff und Sauerstoff drinnen ist. Er muß erst durch einen galvanischen Apparat die zwei Stoffe voneinander trennen. Dann hat er den Wasserstoff und Sauerstoff nebeneinander in zwei Gefäßen. So muß man erst den astralischen Leib abtrennen können vom physischen Leib, um ihn wahrnehmen zu können. Man muß also in bezug auf diese Dinge wirkliche Wissenschaft betreiben. Da muß man zum Beispiel darauf achten: Du hast zu einer bestimmten Zeit des Tageslebens Wasser zu dir genommen, Wasser getrunken. Dann hast du lange Zeit nicht getrunken. Du bist durstig geworden. Wenn man durstig geworden ist, so will man wieder trinken. Geradeso wie, wenn die Sprache erscheinen soll, man erst wollen muß, daß die Sprache kommt. Es ist genau dasselbe. In der Sprache muß man wollen, daß man spricht; wenn man durstig ist, da will man trinken. Der Durst bedeutet gar nichts anderes, als daß man trinken will. Der Durst ist das Wollen des Trinkens. Und so kann man sagen, man merkt an sich selber, daß man Begierden bekommt, richtige Begierden bekommt. Beachten Sie, zuerst haben wir die Erinnerung. Die Erinnerungen, die kommen zuweilen, wenn man sie will, aber zumeist ganz von selber. Sie steigen auf, die Erinnerungen. Die haben mit dem Ätherleib zu tun. Die Begierden, wie Durst, Hunger oder die geistig-seelischen Begierden, die steigen so auf im Menschen, daß sie sind wie das Wollen. Da drinnen äußert sich der Wille des Menschen. Die Begierde ist solange da, bis sie befriedigt ist, bis der Wille zu seinem Recht gekommen ist.
[ 38 ] Nun beachten Sie, was man aber eigentlich will, wenn man, sagen wir, durstig ist. Was will man denn da? Ja, da hat man im Leibe einen Zustand, dem man Abhilfe verschaffen möchte. Was begehrt man denn eigentlich im Durst? Im Durst begehrt man, daß da drinnen Wasser zirkuliert, nach der Art, wie im Leibe Wasser zirkuliert. Weil es nicht zirkuliert, ist man eben durstig. Was will man denn eben eigentlich? Man will seinen Leib in einer richtigen Weise funktionierend haben. Beim Hunger will man auch seinen Leib in einer gewissen Weise funktionierend haben. Man will eigentlich immer etwas an sich selber. Nun, sehen Sie, dieses, was man da an sich selber will, das kann ja doch der Leib nicht bewirken. Das Wollen, die Begierde, das kann doch der Leib nicht entwickeln. Nicht wahr, wenn der Leib immerfort nur hergehen müßte, um die Begierde zu befriedigen, dann müßte er sich ja aufzehren. Der Leib kann die Begierde nicht entwickeln.
[ 39 ] Woher kommen also die Begierden? Die kommen eben aus der Seele. Und zwar nicht aus dem Ätherleib. Aus dem Ätherleib kommt so etwas wie die Erinnerung. Die Begierden kommen aus dem astralischen Leib. Die Begierde ist auch nicht immer da, während das Leben, das aus dem Ätherleib kommt, immer da ist. Die Begierde wechselt ab mit Befriedigtsein, weil sie beim astralischen Leib ist. So erkennen wir den Zusammenhang zwischen der Begierde und dem astralischen Leib.
[ 40 ] Aber was will eigentlich die Begierde? Einen gewissen Zustand des astralischen Leibes will sie haben. Nun kann eben der Mensch, wenn er in derselben Weise weiterlernt, wie ich Ihnen das gesagt habe für das Lernen am Ätherleib, auch weiterlernen in bezug auf die Begierden. Da kommt der Mensch nämlich merkwürdigerweise, wenn er da weiterlernt, immer weiter zurück in seinem Leben, und er kommt zurück bis zu dem Punkt, wo er in der Kindheit war. Da hat er lauter Begierden gehabt. Da hat er nämlich in der Zeit, an die man sich nicht zurückerinnert, lauter Begierden gehabt. Da tobt man und zappelt, hat lauter Begierden. Das Kind ist bloß Begierde, wenn es in die Welt hereinkommt. Und bis zu dieser Begierde kommt man zurück. Und da lernt man seinen astralischen Leib kennen.
[ 41 ] Man lernt seinen astralischen Leib nicht kennen, wenn man nicht das anwendet, was ich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe, denn man erinnert sich nur bis an den Punkt in der Kindheit zurück, wo der astralische Leib sich schon so mit dem physischen Leib vereinigt hat, daß man es nicht mehr unterscheiden kann. Aber hat man dieses ausgebildet, dann kommt man zurück, dann erinnert man sich, wie man als ganz kleines Kind den ganzen physischen Leib gewollt hat. Und dann fängt man an zu begreifen, was man nach dem Tode tut, wenn die Erinnerung einem genommen ist nach ein paar Tagen schon. Man begehrt nämlich fortwährend seinen physischen Leib vom letzten Leben. Und das dauert länger. Das kann man auch ausprobieren.
[ 42 ] Wenn einer nämlich, sagen wir, sechzig Jahre alt geworden ist, und er führt dieses innerliche Experiment aus, daß er sich zurückerinnert bis in seine Kindheit, und da auf den astralischen Leib kommt, dann lernt er diesen astralischen Leib schon ganz gut kennen. Aber er merkt, daß es ihm jetzt, wenn er sechzig Jahre alt geworden ist, damit ganz anders ist, als wenn er es vor zehn Jahren getan hätte. Das ändert sich mit dem Lebensalter. Nämlich mit sechzig Jahren, da kommt man leichter zurück als mit fünfzig Jahren. Und mit fünfundzwanzig Jahren kommt man fast gar nicht zurück. Mit zwanzig Jahren kann man nicht zurückkommen zum astralischen Leib. Also das ändert sich mit dem Leben.
[ 43 ] Man kann also den astralischen Leib kennenlernen, und dann kann man sagen: Der astralische Leib, der wird anders, je älter man wird. Je älter man wird, desto mehr Begierden entwickelt er nämlich, und er hat daher auch mehr Begierden, wenn man durch den Tod gegangen ist, wenn man älter geworden ist, als wenn man noch ganz klein ist. Da hat er weniger Begierden. Und solange der Mensch noch nicht dazu gekommen ist, nicht mehr seinen physischen Leib zu begehren, solange lebt er in seinem astralischen Leib nach dem Tode. Nun werde ich Ihnen das nächste Mal zeigen, warum man sagen muß: Der Mensch lebt nach dem Tode ein Drittel von seiner Lebenszeit im astralischen Leib, ein paar Tage nur in seinem Ätherleib. Es reicht heute nicht die Zeit dazu, um das näher auszuführen.
[ 44 ] Und dann kommt der Mensch ganz los von seinen Begierden. Dann begehrt er nicht mehr seinen physischen Leib, und dann tritt etwas sehr Eigentümliches ein. Er bekommt jetzt zwar nicht die Begierde nach seinem physischen Leib, den er gehabt hat, aber er bekommt die Möglichkeit, vorzusorgen für seinen physischen Leib, den er in der Zukunft bekommen wird. Und er macht nun in der geistigen Welt eine Arbeit durch, die ihn dazu befähigt, wieder einen physischen Leib zu bekommen in einem nächsten Erdenleben. Das dauert dann am allerlängsten. Er kommt also wiederum zu einem Erdenleben.
[ 45 ] Ich werde Ihnen das nächste Mal ausführen, daß das, was man die Ewigkeit nennt, ganz gut begründet werden kann. Ich werde die Frage dann das nächste Mal zu Ende führen. Das ist nämlich ein Teil der Frage, die an mich gestellt worden ist.
[ 46 ] Aber, meine Herren, ich habe Ihnen die Sache so erklärt, daß ich Sie eigentlich zuerst zu dem Geistigen hingeführt habe. Ich habe Ihnen gesagt: Wir haben außer dem physischen Leib noch den Ätherleib, den astralischen Leib und das Ich. Das ist auch schon da, bevor der Mensch nicht nur geboren wird, sondern bevor er ein Keimesleben angenommen hat, konzipiert, empfangen wird. Das ist da.
[ 47 ] Ja, aber sehen Sie, es gibt ein gewisses kirchliches Dogma, das einen ganz merkwürdigen Inhalt hat. Das war schon ganz bald, nachdem das Christentum sich ausgebreitet hatte. Da verbietet nämlich die römische Kirche dem Menschen, an ein Leben vor dem Erdenleben zu glauben. Warum? Sehen Sie, um das Leben vor dem Erdenleben kümmern sich die Menschen nicht viel. Sie sagen: Nun, ich bin einmal da; was geht mich das Leben vor dem Erdenleben an. - Dagegen um das Leben nach dem Tode, darum kümmern sich die Menschen sehr stark, weil sie nicht aufhören möchten, zu leben. Das interessiert die Menschen.
[ 48 ] Nun kann man aber nicht das Leben nach dem Tode kennenlernen, wenn man nicht das Leben vor der Geburt, das heißt, vor der Empfängnis kennenlernt. Das eine ist nicht möglich ohne das andere. Was ist denn also dann geschehen, als dieses Dogma aufgestellt worden ist, daß man nicht hinschauen soll auf das Leben vor dem Erdenleben, daß man nicht glauben soll an das Leben vor dem Erdenleben? Da ist überhaupt die ganze Aussicht des Menschen auf ein Übersinnliches ihm abgeschnitten worden. Ja, hat das einen Sinn, daß gerade just die Kirche abschneidet diese Aussicht auf das Übersinnliche? O ja, es hat einen Sinn, denn dann kann die Kirche, weil der Mensch doch begehrt nach einem Leben nach dem Tode, das ganze Sterben in ihre Verwaltung nehmen. Dann erkennt der Mensch nichts von dem, was nach dem Tode ist, und ist angewiesen darauf, daß es ihm die Kirche sagt. Dann kriegt der Mensch die Sehnsucht, vor allen Dingen der Kirche zu glauben. Also es war sehr gut, für die Kirche nämlich, daß dieses Dogma aufgestellt worden ist: der Mensch lebt nach dem Erdenleben. Denn dadurch hat die Kirche das Sterben in ihre Verwaltung genommen.
[ 49 ] Ich habe einmal mit einem berühmten Astronomen ein Gespräch gehabt. Der glaubte nichts von Anthroposophie. Aber bei Astronomen ist es so, daß sie am allerleichtesten einsehen, daß man nicht beim Physischen stehenbleiben kann. Wir sprachen über Kirche und Staat. Er war zu beiden so gestellt, daß der Staat ihm recht gefiel, die Kirche weniger gefiel, weil sie den Menschen eben bis zum bloßen Glauben führt, nicht zur Erkenntnis. Und da sagte dieser Astronom sehr schön: Ach, die Kirche hat es gut, viel besser als der Staat, denn der Staat muß nur das Leben verwalten, die Kirche aber verwaltet das Sterben. Und weil die Kirche das Sterben verwaltet, hat sie viel mehr übrig für sich, hat sie viel mehr Erfolg.
[ 50 ] Die Geisteswissenschaft, Anthroposophie, will aber den Menschen zur Erkenntnis bringen, daß er sich sein Sterben selber verwaltet. Das ist die Geschichte. Sehen Sie, meine Herren, das wird ein wirklicher Fortschritt sein. Dann wird der Mensch sich nicht mehr bloß abhängig fühlen wollen, sondern er wird selber sein Leben in die Hand nehmen wollen. Und darauf kommt es an.
[ 51 ] Heute merken die Menschen schon, daß es nicht mehr so geht wie früher. Früher haben sie sich gedacht: Eine Zeitlang im Leben, da werde ich arbeiten, das muß schon so sein, denn wenn man nicht arbeiten würde, da würde das Leben ja nicht gehen; aber nachher lasse ich mich vom Staat pensionieren. — Das war schon so die Idee. Und wenn ich sterbe, sagten sie sich, dann pensioniert die Kirche meine Seele. Nicht wahr, da sind sie ja auch ohne ihre Erkenntnis, ohne ihr Zutun zur ewigen Seligkeit pensioniert.
[ 52 ] Das ist eben dasjenige, was der wirkliche Fortschritt sein soll, daß der Mensch sein Leben in die Hand nimmt, nicht sich von Staat oder Kirche verwalten läßt, sondern daß er aus Erkenntnis, aus dem Willen heraus, aus sich selber heraus zu etwas kommt. Und da muß er schon auch seine eigene Unsterblichkeit wissenschaftlich begreifen.
