Vom Leben des Menschen und der Erde
Über das Wesen des Christentums
GA 349
4 April 1923, Dornach
7. Die Gliederung der menschlichen Wesenheit
[ 1 ] Meine Herren! Wissenschaft will nur dasjenige gelten lassen, was man mit Augen sehen, mit Händen greifen kann. Es gehört eine besondere Fähigkeit dazu, auch das zu erforschen, was man nicht mit Augen sehen, mit Händen greifen kann, und diese Fähigkeit will man sich nicht erwerben. Die mittelalterliche Glaubenswissenschaft hat gesagt, man habe eine Wissenschaft für alles, was irdisch ist, und eine Glaubenslehre, und das ist das, was in der Schrift steht. Und noch heute stehen die Menschen auf diesem Standpunkt. Die Menschen wollen sich nicht mehr getrauen, eine Wissenschaft zu haben, die sich nicht mit Händen greifen läßt, weil sie eigentlich über eine Wissenschaft, die sich mit Händen greifen läßt, noch nicht hinausgekommen sind. Ich möchte Ihnen das, was ich Ihnen gesagt habe, ein bißchen erklären durch etwas, das ja für die heutige Zeit schon alt ist; aber in bezug auf diese Dinge ist gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts das Ausschlaggebende geschehen. Ich brauche Ihnen nur die letzten Sätze eines Buches vorzulesen, so werden Sie gleich sehen, wie die heutige Wissenschaft gesinnt ist in dieser Beziehung. Sie sagt: Über die Grenzen unseres Erkennens hinaus führt uns kein Weg. In die pfadlose... (Lücke in der Nachschrift) können wir uns nur von der unerschöpflichen Hoffnung tragen lassen in mystisch süßem Halbschlummer, auf den Fittichen der Phantasie - und so weiter.
[ 2 ] Also was sagt der Herr? Er sagt: Dasjenige, was man mit Händen greifen kann, das ist Wissenschaft. Das andere ist ein Gebilde der Phantasie. Das kann jeder Mensch sich vormachen und vormachen lassen, eine Phantasie, denn über all das kann man ja gar nichts wissen. Und wenn sich die Menschen trösten mit allerlei übersinnlichen Dingen, nun, so braucht man ihnen das nicht zu nehmen.
[ 3 ] Es ist geradezu schrecklich, in welche Verworrenheit diese Sache hineingekommen ist. Aber nun möchte ich Ihnen zeigen, daß diese Herrschaften überhaupt mit dieser Wissenschaft das Denken verlernt haben. Das möchte ich Ihnen gerade mit einer anderen Stelle dieses Buches zeigen. Denn was tut der Herr, der also alles dasjenige, was man nicht mit Händen greifen kann, in das Gebiet der Glaubensvorstellungen schiebt? Er sagt: Von einem Ich, das eigentlich als ein ewiges Ich im Menschen wohnen soll, zu sprechen, ist eigentlich ein wissenschaftlicher Unsinn, denn das Ich ist ja nur die Zusammenfassung von all dem, was sonst in uns ist. Wir sind gewohnt, vom Anfang bis zum Ende alles, was wir vorstellen, was wir fühlen, zusammenzufassen zu einem Ganzen. Und dann, wenn wir es zu einem Ganzen zusammengefaßt haben, dann sagen wir dazu Ich. - So sagt der Herr.
[ 4 ] Nun will er das aber anschaulich machen. Er will anschaulich machen, daß man unter dem Worte Ich wirklich nur zusammenfaßt alles das, was man erlebt. Denn dann ist das Ich ja ein bloßes Wort, wenn man nur so zusammenfaßt. Da macht er einen Vergleich. Er vergleicht nämlich all das, was der Mensch erlebt, mit einer Heeresmasse, mit einer Kompanie Soldaten. Also was ich in der Jugend erlebt habe als Kind, was ich da gespielt habe, was ich gefühlt habe am Spiel, das ist der eine Trupp Soldaten; was ich ein bißchen später erlebt habe, ist der andere Trupp Soldaten und so weiter; bis zum heutigen Tage fasse ich alles das zusammen, wie die einzelnen Soldaten zu einer Kompanie zusammengefaßt werden, und sage dazu Ich. - So sagt er. Also er vergleicht alle die einzelnen Seelenerlebnisse mit einer Kompanie Soldaten, und die faßt er zusammen, wie man da zusammenfaßt, und sagt nicht, der Müller und der Lehmann und so weiter, sondern sagt: Die Kompanie 12 und so weiter. So faßt er alles, was man in der Seele erlebt als Ich, zu einer Kompanie Soldaten zusammen. Dann sagt er weiter: «Dagegen muß hier noch ein Wort gesagt werden über das Ich, sofern man darunter auch den Umstand verstehen kann, daß der Mensch sich von der Lebensperiode ab, wo ein Bewußtsein einigermaßen entwickelt ist, stets als dieselbe Persönlichkeit, als dasselbe Ich fühlt.» Er sagt also: Man muß dem Menschen das endlich abgewöhnen, daß er sich als ein Ich fühlt, man muß ihm angewöhnen, daß das nur so ist, wie wenn man eine Kompanie Soldaten zusammenfaßt.
[ 5 ] «Diese Tatsache dürfte, von unserem Standpunkte aus betrachtet, etwas besonders Überraschendes in keiner Weise haben. Zunächst muß man sich, wenn man der Sache näher treten will, klar darüber sein, was man unter der einzelnen Persönlichkeit der Außenwelt gegenüber überhaupt vorzustellen hat.» Also zuerst ermahnt er recht schön, man müsse sich eine Vorstellung machen. Die Antwort sagt er: «Es ist das Resultat von allerlei einzelnen Vorstellungen, ganz besonders aber derjenigen, welche die direkten Wechselbeziehungen des Organismus zur Außenwelt zusammenfassen zu einem mehr oder weniger kompakten Ganzen. Die Vorstellung des Ich ist nach unserer Anschauung nichts anderes als eine abstrakte Vorstellung, und zwar höchster Ordnung, aufgebaut auf der Summe alles Vorstellens, Fühlens und Wollens eines Individuums, insonderheit aber aller Vorstellungen der Wechselbeziehungen des eigenen Körpers zur Außenwelt. Es faßt der Begriff all dieses zusammen, wie der Begriff Pflanzenreich die unendliche Summe aller Pflanzen in sich begreift. Das Wort Ich» — jetzt wird es interessant! — «ist der Repräsentant all dieser Vorstellungen, etwa so, wie der Heerführer der Repräsentant aller einzelnen Soldaten ist. Wie man von den Taten eines Heerführers sagen kann, er bilde für die Vorstellungen der einzelnen Soldaten und Heeresabteilungen stets den mehr oder weniger dunklen unbewußten Untergrund, ganz ebenso bildet die Masse der einzelnen konkreten Vorstellungen und Gefühle den Untergrund des Begriffes Ich.»
[ 6 ] Nun, meine Herren, sehen Sie sich an, wie der Mann denkt. Also das Buch ist sehr gelehrt, das muß man voraussetzen, steht ganz auf der Höhe der Wissenschaft. Der Mann sagt: Da hat man eine Kompanie Soldaten und den Heerführer. Aber man faßt nur die Soldaten zusammen; der Heerführer ist bloß deren Repräsentant. So ist es auch mit den Vorstellungen und Gefühlen. Man faßt alle die Vorstellungen und Gefühle zusammen und das Ich ist bloß deren Repräsentant.
[ 7 ] Ja, aber wenn das Ich der Repräsentant, bloß das Wort ist, so muß man ja auch bei der Kompanie Soldaten den Heerführer nur als ein Wort ansehen. Haben Sie schon einmal entdeckt, daß der Heerführer, der eine Kompanie Soldaten führt, nur ein Wort ist, das da von allen Einzelnen zusammengestellt ist? Nun, man könnte sich ja vorstellen, daß der Heerführer nicht gerade besonders klug ist. Das Ich ist auch manchmal nicht besonders klug. Aber sich vorzustellen, daß der Heerführer nichts ist als ein bloßes Wort - und das braucht er als Vergleich dafür, wie das Ich zu den Vorstellungen steht —, das beweist doch, daß die gescheitesten Menschen, wenn sie anfangen sollen, über das Übersinnliche zu reden, dann ganz blitzdumm werden. Denn, nicht wahr, man kann ihnen nachweisen, wenn sie einen Vergleich anstellen, so ist er ohne alle Logik. Nicht die geringste Logik ist da drinnen.
[ 8 ] Nachdem der Herr diesen schönen Vergleich angestellt hat, sagt er weiter: «Daraus ergibt sich, daß sich der jeweilige Begriff des Ich ganz richtet nach der ihm zugrunde liegenden Vorstellung. So ist es am klarsten zutage liegend, wie er sich beim Kinde allmählich ausbildet. Aber auch jeder erwachsene denkende Mensch kann sich Rechenschaft darüber geben, wie er sich in jeder Beziehung als ein anderes Ich fühlt heute als zehn Jahre vorher.»
[ 9 ] Nun frage ich Herrn Erbsmehl oder Herrn Burle, ob Sie sich als ein ganz anderes Ich fühlen als zehn Jahre vorher! Das werden Sie doch unterscheiden können, ob Sie jetzt ein ganz anderer sind als zehn Jahre vorher! Aber auf solche Stellen treffen Sie heute auf Schritt und Tritt in den Büchern. Da werden die gewöhnlichsten Tatsachen des Lebens auf den Kopf gestellt. Es ist natürlich ein bloßer Unsinn, wenn einer sagt, er fühle sich heute als ein ganz anderes Ich als vor zehn Jahren. Aber das sagen die Herren. Aber in dem Augenblick, wo man anfängt, über das Ich nachzudenken, ob es heute dasselbe ist wie vor zehn Jahren, kommt man nicht mehr dazu, hat man nicht mehr die Möglichkeit, zu sagen: Das Ich stirbt, wenn der Leichnam sürbt. — Warum denn?
[ 10 ] Ich habe Ihnen ja auseinandergesetzt, meine Herren, Sie schneiden sich die Nägel, die Haut schuppt sich ab und so weiter; das geschieht alles in sieben bis acht Jahren. Kein Stoffteilchen haben Sie heute mehr in sich von dem, was Sie vor zehn Jahren in sich gehabt haben. Nämlich gerade so, wie sich Ihre Haut abschuppt, so rückt immerfort Ihr Inneres vom Körper fort. Sehen Sie, Ihr Körper ist ja so: oben schuppt er sich ab; dann rückt die nächste Schicht vorwärts, dann schuppt sich die wieder ab; dann rückt die nächste vorwärts, schuppt sich wieder ab, und nach sieben bis acht Jahren ist alles abgeschuppt. Wo ist das? Wo ist der Körper, den Sie vor zehn Jahren gehabt haben? Ja, der hat denselben Weg gemacht, den, nur auf etwas kompliziertere Weise, der Leichnam macht, wenn er ins Grab gelegt wird. Der Leichnam geht in der Erde auf. Wenn Sie den Leichnam nämlich in so kleine Dinge zersplittern würden, wie die Schuppen sind, die fortwährend von Ihnen abfallen, oder wie die Nägel, die Sie sich abschneiden, wenn Sie den in so kleine Teilchen zerlegen würden, würden Sie auch nicht bemerken, daß der Leichnam so irgendwohingeht. Man könnte ihn wegblasen. Und so geht während sieben bis acht Jahren der physische Körper in die Außenwelt auf.
[ 11 ] Aber wenn man heute sich noch als ein Ich fühlt, und der physische Körper ist vor zwei bis drei Jahren schon gestorben, dann hat doch das Ich mit dem physischen Körper, wie man ihn da hat, gar nichts zu tun. So könnte man sagen. Aber sehen Sie, es hat doch so viel zu tun damit, daß, wenn Sie zum Beispiel eine Kreide nehmen, Sie sagen werden: Ich habe die Kreide genommen. Das sagt jeder Mensch. Ich hatte einen Schulkameraden - ich glaube, ich habe es Ihnen schon einmal erzählt -, der war, wie er so neunzehn, zwanzig Jahre alt war, auf dem Weg, ein richtiger Materialist zu werden. Wir sind viel miteinander spazierengegangen, und er hat immer gesagt: Mir ist das ganz einleuchtend, wir haben kein Ich, wir haben nur ein Gehirn; das Gehirn denkt. — Ich sagte ihm immer: Ja, schau einmal, du sagst doch: Ich gehe, du sagst sogar: Ich denke; warum lügst du denn? Wenn du wirklich die Wahrheit sagst, so müßtest du sagen: Mein Gehirn denkt! — Nicht einmal «mein» müßte man sagen, weil «mein» schon auf ein Ich hindeutet; da muß schon ein Ich da sein, wenn man «mein» sagt. Die Menschen sagen niemals: Mein Gehirn denkt, mein Gehirn geht, mein Gehirn nimmt die Kreide. - Es fällt ihnen gar nicht ein, weil der Mensch im Leben nicht Materialist sein kann, Er würde sofort einen Unsinn sagen, wenn er Materialist sein würde.
[ 12 ] Aber in der Theorie machen sich die Menschen den Materialismus zurecht und bedenken nicht, daß gerade die wirkliche Wissenschaft weiß, daß wir ja den Körper, den wir vor acht bis zehn Jahren hatten, heute nicht mehr haben, daß also das Ich geblieben ist. Und ebenso können Sie sich zurückerinnern bis in Ihre frühe Kindheit, bis ins zweite, dritte, vierte, fünfte Jahr. Es würde Ihnen gar nicht einfallen, zu sagen, daß das nicht dasselbe Ich ist, was dazumal als Bub herumgelaufen ist. Aber nehmen wir an, Sie sind mittlerweile vierzig Jahre alt geworden; da haben Sie bis zum dreiunddreißigsten Jahre einen Körper verloren, bis zum sechsundzwanzigsten Jahr den zweiten Körper verloren, bis zum neunzehnten Jahr den dritten Körper verloren, bis zum zwölften Jahr den vierten Körper verloren, bis zum fünften Jahr den fünften Körper verloren. Fünf Körper haben Sie verloren und Ihr Ich ist immer dasselbe geblieben. Also während des ganzen Lebens auf der Erde erhält sich dieses Ich.
[ 13 ] Dieses Ich kann aber auch etwas tun mit Ihrem Körper. Den Körper, den es verliert, kann das Ich fortwährend dirigieren. Sehen Sie, wenn ich gehe, so sind meine Beine, trotzdem sie schon alt sind, in Wirklichkeit stofflich nur höchstens sechs bis sieben Jahre alt. Aber ich dirigiere sie mit dem alten Ich, das schon da war, als ich als Bub herumgelaufen bin. Das Ich, das läuft noch immer herum. Das Ich dirigiert während des Erdenlebens den Körper.
[ 14 ] Nun habe ich Ihnen gesagt, daß das Kind in der Zeit, an die man sich nicht mehr zurückerinnert, gehen lernt, sprechen lernt, denken lernt. Man kann sich natürlich an die Zeit nicht mehr zurückerinnern, wo man noch nicht denken kann. Man lernt also gehen, überhaupt sich bewegen, den Körper gebrauchen, sprechen und denken. Das lernt man. Und da muß man den Körper ebenso dirigieren. Sie können nicht, wenn Sie als Kind noch auf allen vieren kriechen, den Körper aufrichten ohne Ihren Willen. Wenn Sie Ihre Hand bewegen, sagt das Ich: Ich bewege die Hand - das Ich mit seinem Willen. So aber geschieht das auch im Kinde mit dem Willen, daß es sich aufrichtet. Das Kind lernt sprechen mit dem Willen. Das Kind lernt denken mit dem Willen. Also müssen wir fragen: Woher kommt es, daß das Kind das alles lernt? - Und da kommen wir darauf, daß durch das "ganze Erdenleben, trotzdem der Körper fortwährend ausgetauscht wird, das Ich immer dasselbe bleibt, daß dieses Ich auch noch dasselbe ist in der Zeit, wo wir denken, wo wir sprechen und gehen gelernt haben. Da war schon dieses Ich wirksam im Körper.
[ 15 ] Meine Herren, ich habe Ihnen erklärt, wie man eigentlich den Körper bekommt. Sehen Sie, die Wissenschaft stellt sich vor - ich habe Ihnen das schon das letzte Mal anschaulich gemacht -: Nun ja, man bekommt halt den Körper von seiner Mutter, seinem Vater. Da ist er schon hergerichtet. Da ist man schon ein kleiner Mensch. Das erbt man; den Körper erbt man. — Ja, diese Wissenschaft, welche behauptet, daß man den Körper erbt, die ist nämlich in Wirklichkeit doch keinen Schuß Pulver wert, sondern es ist ja so, daß wenn Sie nur einen Knochen anschauen - Sie müssen sich jetzt erinnern an manches, was ich Ihnen schon früher gesagt habe -, wenn Sie zum Beispiel den Oberschenkelknochen anschauen, so finden Sie, der gibt einen wunderbaren Anblick. So ein Oberschenkelknochen hat ein ganzes Gerüst. Das Baugerüst vom Goetheanum war nichts gegen das schöne Gerüst, das dieser ganze Oberschenkelknochen hat, wenn man ihn mit dem Mikroskop betrachtet, ein wunderbares Gerüst, schön gebaut.
[ 16 ] Wenn Sie sich die Nasenspitze abschneiden — es braucht ja nur ein kleines Stückchen zu sein, nicht wahr, denn viel, das ist nicht gesund, aber man kann schon so viel abschneiden, daß es einem nichts schadet — und es im Mikroskop betrachten, so bekommen Sie wiederum einen solch wunderbaren Körper mit einem Gerüst, sehr schön gebaut. Ja, meine Herren, Sie haben gar keine Ahnung, wie schön der kleinwinzigste Teil von Ihrer Nasenspitze ist! Bewundernswert schön! Und so ist es mit jedem Glied vom menschlichen Körper. Er ist schön gebaut, schön angeordnet. Der beste Bildhauer könnte es nicht besser machen.
[ 17 ] Nur ein Gebilde gibt es im menschlichen Organismus, da muß alles zerstört werden und da müssen nur bloße Stoffe da sein - ich habe Sie schon das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht -: das ist das Ei, aus dem der Mensch entsteht. Und bei der Befruchtung geschieht noch der letzte Akt; da wird alles, was der Stoff hat an Bildung, weggemacht.
[ 18 ] So daß man sagen kann: Der Knochen ist schön; alles einzelne ist schön. Die Nasenspitze ist nicht mehr so schön wie der Knochen, aber auch noch wunderschön. Aber das Ei, aus dem später der Mensch entsteht, das enthält nur einen ganz ungeordneten Stoff, weil in ihm alles zersplittert. Da ist alles Atom, da ist gar keine Bildung drinnen. Warum?
[ 19 ] In einen Knochen kann keine menschliche Seele ohne weiteres hineinfahren. Die abergläubischen Leute glauben zwar manchmal, daß irgendwo in ihren Knochen oder Gliedern ein kleiner Teufel sitzt. Nun ja, das ist ja manchmal in einem etwas übertragenen Sinne der Fall, aber ein Mensch kann jedenfalls nicht in einen solchen Knochen hineinfahren. Ein Mensch kann auch nicht in Ihre Nasenspitze hereinfahren.
[ 20 ] Ich habe zwar eine Dame gekannt, die behauptete, sie habe einen kleinen Geist in ihrem linken Zeigefinger, und den fragte sie immer, wenn sie irgend etwas wissen wollte. Wenn sie spazieren gehen sollte, so fragte sie ihn, und so weiter. Aber das ist natürlich ein Unsinn, ein Aberglaube. Dasjenige, was wir uns sagen müssen, ist: In einen solchen wohlgebildeten Knochen oder. auch in unsere Nasenspitze, ja, da kann kein menschliches Wesen, keine menschliche Seele, kein menschlicher Geist hineinkommen unmittelbar. Die Sache ist diese: Das menschliche Seelisch-Geistige, das eigentliche Ich, kann nur in den Eikeim hineinkommen, weil da der Stoff ganz nur noch Staub ist, Weltstaub ist. Da tritt das ein, daß die Seele jetzt den Weltstaub bearbeitet mit den Kräften, die sie sich mitgebracht hat aus der geistigen Welt.
[ 21 ] Wenn die Menschen glauben, daß einfach durch gewöhnliche Vererbung von Vater und Mutter dasjenige kommt, was der Mensch ist, dann muß man annehmen, daß der Mensch eben schon ein kleines Menschlein ist. Aber das ist ja gegen die Wissenschaft. Die Wissenschaft sagt ja eben, daß der Eiweißstoff ganz zerpulvert ist. Und aus diesem zerpulverten Eiweißstoff baut die Seele, die aus der geistigen, aus der übersinnlichen Welt kommt, in Wirklichkeit eben erst den Menschenkörper auf.
[ 22 ] Nun können Sie sagen: Aber warum sieht denn das Kind der Mutter oder dem Vater ähnlich? Ja, meine Herren, das ist aus dem Grunde, weil das Kind immer am Nachahmen festhält. Derjenige, der da sagt: Dieses Kind ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten —, der könnte nämlich auch noch etwas anderes sagen. Sehen Sie — warten wir ein bißchen mit dem Kind -, da haben wir ein Kind, das schaut, sagen wir, seinem Vater oder seiner Mutter sehr ähnlich, obwohl das gar nicht so ausgesprochen ist; die Kinder werden später viel ähnlicher, als da sie noch ganz klein sind. Aber solche Sachen, die gehen ja die gelehrten Herrschaften nichts an. Aber, sehen Sie, warten wir ein bißchen, urteilen wir nicht schon, wenn das Kind acht oder vierzehn Tage oder einen Monat alt ist, warten wir, bis das Kind drei, vier Jahre alt ist. Da hat das Kind angefangen zu sprechen. Da kommt einer und sagt: Donnerwetter, der Vater ist ein Deutscher, das Kind, das fängt auch deutsch zu sprechen an, das muß es vom Vater haben; das hat es vom Vater geerbt, denn der Vater ist ein Deutscher. Das ist doch ganz wunderbar! Da das Kind aus dem Eikeim gekommen ist, muß die Sprache schon im Eikeim gesessen haben. Es ist nur wunderbar, daß das Kind, als es aus dem Eikeim gekommen ist, aus dem Leibe der Mutter, noch nicht reden konnte! Aber, nicht wahr, das Kind hat ja das Sprechen gar nicht geerbt, das Kind hat es durch Nachahmung sich angeeignet. Die Sprache ist ähnlich derjenigen von Vater und Mutter. Aber es wird keinem einfallen zu sagen, das Kind hat die Sprache geerbt.
[ 23 ] Ebenso ist das Gesicht ähnlich. Aber warum ist das Gesicht ähnlich? Ja, weil die Seele, wenn sie sich durch eine Mutter gebären läßt oder durch einen Vater zeugen läßt, der also der Herr Müller ist, dann macht sie das Gesicht ähnlich dem Vater oder der Mutter, so wie das Kind später die Sprache ähnlich Macht der Sprache von Vater und Mutter. Das müssen Sie nur bedenken. In der Sprache arbeitet sich das Kind die Laute, die Worte heraus, indem es sich ähnlich macht den Eltern oder den Erziehern. Aber noch früher arbeitet die Seele wie ein Bildhauer unbewußt an dem Gesichte oder selbst am Gang und so weiter. Und dadurch, daß das Kind in die Familie hineingeboren ist und sich ähnlich macht, wenn es noch kein Bewußtsein hat, entsteht die Ähnlichkeit so, wie die Ähnlichkeit der Sprache entsteht.
[ 24 ] Sehen Sie, meine Herren, auf diese Weise kommt man darauf, daß tatsächlich der Mensch herauskommt aus der geistigen, aus der übersinnlichen Welt, und sich seinen Körper mit allen Ähnlichkeiten selber aufbaut. Jetzt schauen Sie sich einmal das kleine Kind an. Das kleine Kind wird geboren. Wenn die Kinder geboren werden, kann man sie ja manchmal, trotzdem sie alle Mütter sehr schön finden, von kleinen Tierlein nicht gut unterscheiden. Nicht wahr, die Menschen sind so kleine Tierlein, wenn sie geboren werden - im Verhältnis zu später natürlich. Sie sind ja wirklich recht unansehnlich, diese kleinen Kinder. Aber allmählich arbeitet das Seelische drinnen und macht alles ähnlicher, immer ähnlicher einem Menschen, bis der Moment kommt, da das Kind gehen lernt; das heißt, es findet sich, wie ich Ihnen das letzte Mal gesagt habe, in die Gleichgewichtslage der Erde hinein. Dann lernt das Kind sprechen. Es lernt seine Brustorgane gebrauchen, denn diese Organe sitzen in der Brust. Dann lernt das Kind denken, das heißt, es lernt seine Kopforgane gebrauchen.
[ 25 ] Nun, setzen wir uns das einmal vor die Seele. Das Kind lernt gehen, das heißt, Gleichgewicht halten und sich bewegen. Was lernt es denn mit dem Gehen? Nun, es lernt mit dem Gehen die Gliedmaßen gebrauchen. Aber man kann die Gliedmaßen nicht gebrauchen, ohne zugleich den Stoffwechsel zu gebrauchen. Wenn man die Gliedmaßen gebraucht, so wird immer etwas von uns verbrannt. Stoffe werden verbrannt. Wenn Sie nur einen Arm bewegen, werden da drinnen Stoffe verbrannt. Der Stoffwechsel ist mit den Gliedmaßen in Verbindung. Gehen, Gleichgewicht halten, sich bewegen hat zu tun mit dem Stoffwechsel und mit den Gliedmaßen.
[ 26 ] Dann lernt das Kind sprechen. Womit hat denn das zu tun? Sprechen hat zu tun mit den Brustorganen, mit dem Atmen. Atmen kann das Kind auch schon, wenn es ganz klein ist. Aber mit der ausgestoßenen Luft Worte verbinden, das lernt das Kind mit den Brustorganen. Also: Gleichgewicht halten ist in Verbindung mit den Gliedmaßen, Sprechen mit der Brust, und das Denken mit dem Kopf, den Nerven.
[ 27 ] Nun aber, jetzt haben wir drei Glieder vom Menschen. Beachten Sie nur, drei Glieder. Erstens haben wir Gliedmaßen und Stoffwechsel, zweitens haben wir die Brust, drittens haben wir das Denken, den Kopf. Wir haben drei Glieder vom Menschen.
[ 28 ] Jetzt wollen wir einmal das Kind betrachten. Beim Kind ist es so: Wenn es geboren wird, ist es dem erwachsenen Menschen nicht nur äußerlich unähnlich. Die Wangen sind unähnlich, die ganze Gestalt; an der Stirne ist es unähnlich; nicht wahr, das Kind ist unähnlich außen. Aber im Innern ist es erst recht unähnlich. Die Gehirnmasse ist schon mehr wie ein Gehirnbrei beim Kind. Und bis zum siebenten Jahre, bis das Kind die zweiten Zähne kriegt, da wird dieser Brei, dieser Gehirnbrei wunderschön gemacht. Das menschliche Gehirn hat nämlich wirklich vom siebenten Jahre an einen ganz wunderbaren Aufbau. Das hat die Seele, der Geist darinnen gemacht, das SeelischGeistige darinnen gemacht.
[ 29 ] Aber sehen Sie, meine Herren, wir könnten als Kind bis zum siebenten Jahre gar nicht dieses Gehirn so wunderbar ausbilden, wenn wir nicht fortwährend im Zusammenhang mit der Welt wären. Wenn Sie zum Beispiel ein blindgeborenes Kind haben, da sehen Sie gleich, daß die Sehnerven und damit ein ganzes Stück vom Gehirn eine Art Brei bleiben. Das wird nicht schön ausgebildet. Wenn der Mensch taub geboren wird, bleiben die Gehörnerven, also Nerven, welche vom Ohr gehen und sich hier kreuzen (es wird gezeichnet), und dann da herübergehen, die bleiben auf diesem Weg ein Stück Gehirnbrei. Also wir können nur dadurch, daß wir die Sinne haben, in den ersten sieben Lebensjahren unser Gehirn ordentlich ausbilden.
[ 30 ] Aber dasjenige, was Sie draußen mit Händen greifen können, das bildet Ihnen das Gehirn nicht aus. Sie könnten durch die Nasenlöcher ja meinetwillen greifbare Stoffe in das Gehirn hineinstopfen - ruinieren würden Sie das Gehirn, aber ausbilden kann das nichts. Also alle greif bare Materie hilft Ihnen nichts bei diesem Aufbau des Gehirnes in den ersten sieben Jahren. Da kommt die feinste Materie in Betracht, die im Licht lebt zum Beispiel. Da kommt der Äther in Betracht.
[ 31 ] Sehen Sie, das ist sehr wichtig. Durch alle unsere Sinne saugen wir den Äther ein. Was arbeitet denn also von unserem Kopfe aus? Vom Kopfe aus arbeitet im Kind, auch in den übrigen Organismus hinein, nicht der physische Leib. Der physische Leib, der arbeitet nicht beim Kinde, während das Kind so wunderbar sein Gehirn ausbildet, sondern der Ätherleib arbeitet. Der Ätherleib, von dem ich Ihnen gesagt habe, daß wir ihn noch zwei, drei Tage nach dem Tode haben, der arbeitet im Kinde, und der bewirkt im Kinde, daß der Mensch ein vollkommenes Gehirn bekommt und dadurch ein denkender Mensch wird. So daß wir sagen können: Der Ätherleib arbeitet im Denken.
[ 32 ] Da haben wir das erste übersinnliche Glied des Menschen wieder gefunden: den Ätherleib. Das Kind könnte nicht sein Gehirn ausbilden, es könnte nicht ein menschliches Gehirn in seinem Innern haben, wenn es nicht mit dem Äther ringsherum arbeiten könnte. Man kann später, indem man die Muskeln anstrengt, durch das Physisch-Greifbare die Muskeln stärker machen. Aber, sagen wir zum Beispiel, den linken Scheitellappen im Gehirn, den können Sie nicht stärker machen durch ein Physisch-Greifbares. Wenn Sie den Muskel stärker machen wollen, so können Sie das dadurch, daß Sie ein Gewicht anhängen und es immer wieder und wieder aufheben, also die Schwere überwinden. Aber Sie müssen durch das Sinnlich-Greifbare den Muskel stärker machen. Geradeso wie Sie hier den Muskel haben, den Bizeps, und ihn durch das Heben und Senken von Gewichten stärker machen können, ebenso haben Sie, wenn Sie den Kopf von vorne anschauen, hier einen Gehirnlappen. Der hängt da hier so herüber, wie der Arm hier hängt. Da können Sie kein Gewicht anhängen. Und trotzdem, es ist gar nicht zu vergleichen, was da in der Ausbildung bei dem Armmuskel geschieht, gegenüber diesem Gehirnlappen! Der ist anfangs, wenn wir in die Welt kommen, ein Brei; wenn wir sieben Jahre alt sind, ist er ganz wunderbar ausgebildet. Geradeso wie der Armmuskel durch das Heben und Senken des Gewichtes, das heißt von etwas Greifbarem, von etwas Sichtbarem stärker wird, so wird das Gehirn stärker durch dasjenige, was im Äther ist. So wie der Mensch durch seinen physischen Leib mit der Umwelt in Verbindung steht, so steht er auch durch seinen Ätherleib mit der Umwelt in Verbindung. Und von dem hat er das Denken. Durch das bildet er das Innere seines Kopfes in den ersten sieben Jahren aus.
[ 33 ] Wenn der Mensch das Denken ausgebildet hat, dann kommt er, ich möchte sagen, auf das Sprechen wiederum zurück. Das Sprechenlernen ist etwas ganz anderes als das Denkenlernen. Das Denkenlernen, das arbeitet ja gerade an der Ausbildung unseres Körpers. Das macht uns sozusagen bildhauerisch, möchte ich sagen, dieses Denken. Das arbeitet in uns, daß wir richtig bis zum siebenten Jahre ein vollkommener Mensch werden. Während dieser Zeit lernen wir auch sprechen. Aber sehen Sie, das ist nicht möglich, daß wir das Sprechen auf die gleiche Weise lernen, wie wir das Denken lernen. Denn beim Sprechen, was geschieht denn da? Ja, meine Herren, sehen Sie, wenn Sie ein schweres Gewicht aufheben oder furchtbar stark zuschlagen mit Ihrem Arm, da tut Ihnen der Arm weh. Weh tun heißt, ein Gefühl haben. Wir haben richtig ein Gefühl, wenn wir irgendein Glied zu stark anstrengen und es dadurch irgendwie etwas verletzen. Immer, wenn man einen Schmerz hat, hat man etwas, wenn auch sehr wenig, verletzt. Da hat man ein Gefühl. Aber, meine Herren, die ganze Sprache kommt ja aus dem Gefühl. Wenn Sie dem Kind zuhören, so können Sie hören, wie aus dem Gefühl heraus die Sprache kommt. Das Kind wird lernen: Ei, ei - in seiner Sprache. Was will es denn ausdrücken, wenn es sagt: Ei, ei? Es schmiegt sich an. Es hat denjenigen, zu dem es ei, ei sagt, gern. Es legt sich hin mit dem Köpfchen, wenn es ei, ei sagt. Und so ist es bei allen Worten; so ist es bei allem, was ausgesprochen wird: ein Gefühl liegt zugrunde, Ja, aus dem Gehirn heraus kommt nicht das Gefühl, und aus dem, wonach sich das Gehirn ausbildet, kommt auch nicht das Gefühl.
[ 34 ] Sehen Sie, wenn es kein Sonnenlicht gäbe, das durch unsere Augen scheint, so würde der Äther, der um uns liegt, nicht an uns arbeiten können. Wir könnten in den ersten sieben Jahren uns nicht richtig ausleben. Das Kind hat während der ersten sieben Jahre auch mehr nur Gefühl. Die Sprache lernt es durch Nachahmung. Aber in dieser Nachahmung wirkt drinnen das Fühlen, das Gefühl. Und wir müssen sagen: Das Licht kann nicht Gefühl hervorrufen. Wenn wir die Sprache durch das Fühlen lernen, so ist etwas anderes da in uns. Dasjenige, was dann in der Sprache wirkt, wodurch der Mensch sprechen kann, das ist nicht bloß der Ätherleib, das ist dann der astralische Leib des Menschen. So daß wir sagen können: Wir haben zweitens zum Sprechenlernen den astralischen Leib — das ist nur ein Ausdruck, ich könnte ebensogut anders sagen —, wir haben den astralischen Leib, der vorzugsweise in der Brust wirkt, im Atmen, das sich dann zum Sprechen umgestaltet.
[ 35 ] Sehen Sie, es ist immer der Glaube, daß der Mensch mit seinem physischen Leib, sagen wir, Hunger und Durst hat. Aber das ist ja ein Unsinn. Denken Sie sich einmal eine Maschine, die durch Wasser getrieben wird. Sie müssen der Maschine Wasser geben. Nun schön, dann geht sie, und wenn Sie ihr kein Wasser geben, hört sie auf zu gehen. Was heißt das: die Maschine hört auf zu gehen? Das heißt, Sie müssen ihr wieder Wasser geben, Sie müssen ihr zu trinken geben. Aber die Maschine hat vorher keinen Durst. Die Maschine hat keinen Durst; sie hört zwar auf zu gehen, aber einen Durst hat sie vorher nicht, sonst würde sie schreien. Das tut sie nicht. Sie hat keinen Durst.
[ 36 ] Wie ist denn der Zusammenhang beim Menschen? Wenn das Kind Durst hat, verhält es sich nicht wie die Maschine. Es bleibt nicht bloß stehen. Im Gegenteil, das Kind fängt gewaltig an zu brüllen, wenn es Durst hat. Welcher Zusammenhang ist denn zwischen dem Dursthaben und dem Schreien? Das Schreien sitzt nicht im Stoff, das sitzt aber auch nicht im Äther. Der Äther kann den Aufbau bilden; er kann also dasjenige, was unsere Gestalt ist, bilden. Aber der Äther veranlaßt uns nicht zum Schreien. Wenn uns der Äther zum Schreien veranlassen würde, da gäbe es ein furchtbares, vielleicht nicht ein Brüllen, aber ein fortwährendes Gezische in der Welt. Denn wenn wir gucken, da ist es der Äther, der mit unserem Auge zusammen bewirkt, daß wir sehen. Der Äther geht fortwährend in unser Auge hinein. Deshalb sehen wir. Ja, aber wenn der Äther in unser Auge hineingeht, da fängt es nicht an im Auge: s-s-s-e-] —, nicht wahr, das ist nicht der Ätherleib des Menschen; der lispelt nicht. Denken Sie sich einmal, wenn dadurch schon, daß wir gucken, in einem Saal ein fortwährendes Gewisper wäre, das wäre eine schöne Geschichte! Also der Ätherleib schreit nicht, wispert nicht. Da ist noch etwas anderes da. Das ist der Astralleib. Und wenn das Kind Durst hat und schreit, so ist es ein Gefühl des Durstes im Astralleib. Und dieses Schreien ist dasjenige, was das Gefühl des Kindes zu unserem Ohr bringt.
[ 37 ] Aber all das, was ich Ihnen jetzt beschrieben habe, das könnte noch nicht dazu führen, daß ich auch gehe. Denn, sehen Sie, wenn ich vom Kopfe aus durch den Ätherleib meinen Körper bilde, könnte ich mein ganzes Leben wie eine Bildsäule bleiben. Da könnte mein Körper gebildet werden, ich könnte brüllen wie ein Löwe; da könnte noch immer vom Astralleib aus mein Gebrüll gebildet werden. Aber wenn ich ins Gleichgewicht kommen will als Kind, wenn ich also den Willen anwenden will, daß ich gehe, daß ich greife, daß ich ins Gleichgewicht kommen kann, wo ich immer sage: Ich gehe, ich greife, ich komme ins Gleichgewicht -, da ist es noch das Ich, das hinzukommt, das etwas anderes ist als der Ätherleib und Astralleib. Und dieses Ich, das lebt in den Gliedmaßen und im Stoffwechsel. Wenn Sie die Gliedmaßen bewegen, so ist es das Ich. So daß Sie drei Teile vom Menschen haben außer dem physischen Leib: Sie haben den Ätherleib, den Astralleib und das Ich (Schema Seite 138).
[ 38 ] Und sehen Sie, diese drei Teile des Körpers kann man auch wahrnehmen, wenn man sich nur erst ausbildet dazu. Aber diese Ausbildung will die moderne Wissenschaft nicht. Und jetzt will ich Ihnen noch sagen, wie eigentlich die moderne Wissenschaft sich verhält, wenn sie das nicht will.
[ 39 ] Sie haben ja alle wohl schon einmal geträumt. Während des Träumens, da glauben Sie, daß das alles Wirklichkeit ist. Manchmal wachen Sie mit einer heillosen Angst auf, wenn Sie zum Beispiel an einem Abgrund stehen und Schwindel bekommen und herunterfallen. Nun wachen Sie auf, ganz schweißtriefend. Warum? Nun, weil Sie den Abgrund für Wirklichkeit gehalten haben. Sie liegen ruhig im Bett, es ist gar nicht gefährlich, aber Sie wachen auf vor der Gefahr, die Sie im Bilde gesehen haben. Denken Sie, wenn Sie Ihr ganzes Leben schlafen würden — das wäre eine nette Geschichte für manchen. Es gibt ja solche, die ihr ganzes Leben schlafen.
[ 40 ] Es war einmal einer, der hatte die Kopernikanische Theorie gelernt gehabt und war ein furchtbar fauler Kerl. Nun, der lag einmal im Straßengraben. Da kam ein anderer vorbei und sagte: «Warum liegst du denn da?» «Weil ich so viel tun muß!» «Na, du Kerl, du liegst doch da, du tust doch gar nichts.» Da sagte der: «Ich muß die Umdrehung der Erde um die Sonne mitmachen, und ich will zurückbleiben! Das ist mir unbequem, das ist mir zu viel Arbeit!»
[ 41 ] Nicht wahr, manche Menschen möchten nicht einmal die Umdrehung der Erde um die Sonne mitmachen! Aber wir machen ja unser ganzes waches Leben mit. Sehen Sie, wenn man das ganze Leben nur träumen würde, dann könnten wir in Europa im Bett liegen, einer würde unseren Körper nehmen, vielleicht auch mit der Bettstatt, damit es uns nicht aufweckt, auf ein Schiff nach Amerika bringen — das müßten natürlich Engel machen, weil die Menschen es nicht so leise könnten —, aber wir könnten nach Amerika spediert werden. Wir träumten da fort, das könnte alles mit uns gemacht werden, wir wissen ja gar nichts von uns. Wenn wir da träumten, würden wir niemals wissen, wie sich die Nase angreift, wie sich die linke Hand mit der rechten Hand angreift. Und dennoch, meine Herren, wir hätten ein ganzes Leben. Wenn man das ganze Leben hindurch träumen würde, es wäre etwas anderes — wir würden zum Beispiel fliegen können im Traume. Bloß auf der Erde kann man nicht fliegen; im Traume fliegt man. Wir würden uns für ganz andere Wesen halten und so weiter.
[ 42 ] Aber bedenken Sie, eine Welt wäre ja um uns herum, wenn wir das ganze Leben träumen würden. Und wir wachen auf. Sagen wir: Ich wache auf und es hat mir geträumt, daß ich in der Nacht - ich will gleich ein sehr vielsprechendes Beispiel nehmen — aufgehängt worden bin, oder enthauptet worden bin. Nehmen wir an, es träumt einem, daß er enthauptet worden sei. Nun, meine Herren, wenn man das ganze Leben träumen würde, so würde man natürlich immer glauben, daß man enthauptet worden ist. Es würde einem zwar nicht so viel machen wie hier. Man würde es ja vielleicht häufiger erleben, daß man träumt, man werde enthauptet, und man würde glauben, daß einem das nicht schade. Jetzt wacht man auf - und siehe da, man hat sich ins Bett ein Buch mitgenommen. Das ist, als man sich herumgewälzt hat, hinten zu liegen gekommen. Nun liegt man mit dem Kopf auf dem Rand des Buches darauf, und daß man da unbequem liegt, das kommt einem im Traume so vor, als wenn man enthauptet worden sei. Wenn man wach geworden ist, dann merkt man, was der Traum bedeutet; nach dem Erwachen kann man es sich erklären, woher der Traum gekommen ist.
[ 43 ] Man muß also erst aufwachen. Aufs Aufwachen kommt es an. Menschen, die ihr ganzes Leben träumen würden, die würden die Traumwelt für ihre einzige Wirklichkeit halten. Wir fangen erst an, die Traumwelt für eine Phantasiewelt zu halten, wenn wir aufwachen.
[ 44 ] Nun, meine Herren, im Bett wacht halt der Mensch von sich selber und durch die umliegende Welt, die ihn aufrüttelt, auf. Aber aus dem Leben, in dem wir da drinnen sind, von dem wir glauben, es sei nur das Handgreifliche da, da wachen wir nur auf, wenn wir uns anstrengen. Und das, wie man da aufwacht, habe ich eben beschrieben in dem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» Geradeso wie man aus dem Traum aufwacht und weiß, daß der Traum eine Welt ist, die vom Wachsein bewirkt wird, so wacht man aus dem Wachsein auf durch die höhere Erkenntnis und weiß dann, daß von dem, was man jetzt vom höheren Wachsein wahrnimmt, unsere gewöhnliche Welt kommt. Das weiß man eben.
[ 45 ] Daher muß die künftige Wissenschaft darauf ausgehen, nicht immer nur fortzuträumen in der Welt, immer nur zu probieren: Wie macht man das im Laboratorium, im physikalischen Kabinett? — sondern sie muß den Menschen anleiten, nun aufzuwachen, Dann wird man nicht mehr sagen: Der Mensch ist nur ein physischer, stofflicher Körper, sondern dann wird man sagen: Der Mensch besteht aus physischem Stoff, aus dem Ätherleib, Astralleib und Ich. Und von denen kann man dann sagen: Man weiß jetzt, was vom Leichnam aufwachend ist, auch wenn man stirbt. Denn der Ätherleib, der mußte erst an den physischen Leib herankommen und durch den Kopf den physischen Leib gestalten. Der Astralleib mußte erst herankommen, mußte sich erst ein bißchen in die Brust eingraben, da lernte der Mensch sprechen. Und das Ich mußte herankommen an den physischen Leib und mußte ihn ins Gleichgewicht bringen in der äußeren Welt. Dadurch lernte er seine Gliedmaßen bewegen und den Stoffwechsel den Bewegungen anpassen. Der Mensch bringt also seinen Ätherleib, seinen Astralleib und das Ich aus der geistigen Welt mit, und den chaotischen Stoff, der pulverisiert ist, den gestaltet er sich nach Ätherleib, Astralleib und Ich. Und das, was er mitbringt, wenn er in die Welt kommt, das trägt er wieder durch den Tod hinaus. Ich habe Ihnen schon angedeutet, wie das ist. Es ist so, daß man ja, wenn man nun diese höhere Wissenschaft des Aufwachens wirklich ins Auge faßt, über das Leben nach dem Tode und vor dem irdischen Leben geradeso sprechen kann, wie man über dieses Erdenleben spricht. Das wollen wir nun das nächste Mal tun. Dann wird die Frage ganz beantwortet sein, wie der Mensch sich ausnimmt, wenn er keinen Körper hat, nämlich vor der Befruchtung.
[ 46 ] Der nächste Vortrag wird am Montag um neun Uhr sein. Es ist natürlich ein bißchen schwierig jetzt, aber das macht nichts. Denn daß es schwer ist, das kommt nur davon her, daß niemals die Menschen schon in ihrer Jugend auf diese Sachen vorbereitet werden. Würden sie vorbereitet, so würde es ihnen gar nicht schwer werden. Der Mensch muß sich heute, ich möchte sagen, abmühen, damit er dasjenige noch später erlernen kann, was in der Jugend dem Menschen nicht vorbereitet wird. Aber wenn Sie sehen, daß die heutigen Menschen es nur dazu bringen, daß sie sagen: Der Heerführer ist nur die Zusammenfassung von einer Kompanie Soldaten -, dann werden sie auch sehen, daß die heutige Wissenschaft es schon braucht, ausgebessert zu werden. Und das ist dann dasjenige, was wirklich dazu führt, das Übersinnliche zu begreifen.
