Vom Leben des Menschen und der Erde
Über das Wesen des Christentums
GA 349
9 April 1923, Dornach
8. Traum, Tod und Wiederkunft
[ 1 ] Wollen wir nun weiter versuchen, die Dinge auszuführen, die wir in der letzten Zeit besprochen haben. Ich sagte Ihnen mehr so im allgemeinen, wie sich eigentlich dieses Geistig-Seelische des Menschen zum sinnlich-physischen Leben verhält. Nun will ich Ihnen das heute noch weiter ausführen. Ich habe Sie ja darauf aufmerksam gemacht, daß man, wenn man über diese Dinge etwas wissen will, nicht sagen kann: Ja, der Verstand, den ich einmal habe, der muß alles entscheiden, und was er nicht entscheiden kann, das gibt es nicht. - Man muß eben daran denken, daß man ja auch im gewöhnlichen Leben eine Entwickelung durchgemacht hat. Denken Sie sich nur einmal, wie es wäre, wenn wir auf der Stufe eines dreijährigen Kindes stehengeblieben wären! Wir würden die Welt ganz anders ansehen. Ein dreijähriges Kind sieht die Welt ganz anders an als ein erwachsener Mensch. Das dreijährige Kind, das läßt sich allerlei beibringen. Es schläft ja eigentlich noch in bezug auf das Leben. Das dreijährige Kind kann ja noch nicht einmal ordentlich sprechen; es läßt sich die Sprache beibringen. Überhaupt ist das dreijährige Kind bescheiden und nicht hochnäsig. Es läßt sich etwas beibringen. Es wäre wahrscheinlich nicht so bescheiden, wenn es nicht halb schliefe, und würde sagen: Warum soll man denn lernen? Wir wissen ja schon alles! - So sagt aber der heutige Mensch: Wir wissen ja schon alles; und da wir mit unserem Verstande das Geistig-Seelische nicht einsehen, so gibt es eben kein Geistig-Seelisches.
[ 2 ] Nun, wenn ich als dreijähriges Kind sagen würde: Ich will nichts weiter lernen; wenn ich sage: Papa, Mama, und noch ein paar andere Dinge, Rühräpfel und so weiter, so ist das schon genug — so wäre das ein Kinderstandpunkt. Aber wenn man schon den gewöhnlichen Menschenverstand sich angeeignet hat, kann man wirklich noch etwas in sich ausbilden. Und wenn man nun die gewöhnlichen Erkenntniskräfte, die man hat, noch weiter ausbildet, dann kommt es dazu, daß man eben einen solchen Sprung, möchte ich sagen, durchmacht, wie derjenige ist vom kleinen Kind bis zum erwachsenen Menschen. Das alles hängt natürlich davon ab, daß man die Einsicht bekommt, und daß man sie schon von Grund auf in die ganze Menschenerziehung hineinträgt. Heute kann der Mensch gar nicht anders, als in dieser Beziehung hochnäsig sein und sagen: Ich weiß schon alles, und was ich nicht weiß, das geht mich nichts an. —- Heute kann der Mensch gar nicht anders, als das sagen, weil er schon von der Volksschule an so erzogen ist, daß er dem Verstand, den er einmal hat, alles zuschreibt und von dem andern sagt: Nun ja, da kann man glauben daran, aber das kann man nicht erkennen.
[ 3 ] Sehen Sie, man muß sich nur ganz klar darüber sein, daß es wirklich ein solches Erwachen gibt von dem gewöhnlichen alltäglichen Leben zu einem wirklichen Wissen, wie es ein Erwachen gibt vom Schlafen und Träumen zum gewöhnlichen Leben. Sie müssen sich eben bekanntmachen damit, daß man über die Welt erst wirklich etwas wissen kann, wenn man von einem höheren Standpunkte aus dasjenige, was sich abspielt, durchschaut, geradeso wie vom Wachstandpunkt aus man den Traum durchschauen muß. Man weiß erst dann, daß der Traum keine Wirklichkeit ist, daß der Traum etwas ist, was vom wachen Leben abhängt, wenn man wach werden kann. Ich habe Ihnen schon letzthin gesagt: Wenn man niemals wach werden könnte, würde man dasjenige, was man träumt, für die einzige Wirklichkeit halten.
[ 4 ] Nun wollen wir aber sehen, was denn der Traum eigentlich ist. Sehen Sie, meine Herren, über den Traum haben ja die Leute furchtbar viel nachgedacht. Aber eigentlich ist alles dasjenige, was über den Traum geredet wird, im Grunde genommen eine Art Gefasel. Es ist wirklich eine Art Gefasel, denn die Menschen können sagen: Nun ja, wenn dann das Gehirn nur ein klein bißchen in Schwingungen kommt, dann träumt eben der Mensch. Ja, warum kommt denn das Gehirn nur ein klein bißchen in Schwingung? — Also dasjenige, was über den Traum gesagt wird, ist eigentlich eine Art Beweisen. Wenn Sie sich aber klar darüber sind, daß der Mensch nicht nur diesen physischen Leib hat, den man im Leben sieht und angreifen kann, sondern daß er eben noch diejenigen Wesensseiten hat, auf die ich Sie aufmerksam gemacht habe, daß der Mensch noch einen Ätherleib hat, einen astralischen Leib und ein Ich, und wenn Sie sich dann sagen: eben dieses Ich und dieser astralische Leib sind im Schlafe außerhalb des physischen Leibes und des Ätherleibes, dann können Sie sich erstens erklären, warum der Mensch im Schlafe nicht geht. Er geht nicht, weil das Ich nicht im physischen Leib drinnen ist. Sie können sich auch erklären, warum das kleine Kind nicht geht. Weil das Ich noch nicht erwacht ist beim kleinen Kind. Also Sie können sich erklären, warum der Mensch geht: Er geht, weil das Ich in seinen physischen Körper hineinschlüpft. Sie können sich auch erklären, warum der Mensch im Schlafe nicht denkt. Er denkt nicht, weil der astralische Leib nicht in seinem physischen Leib drinnen ist.
[ 5 ] Nicht wahr, das zeigt Ihnen, daß man sozusagen unterscheiden muß zwischen dem, was physischer Leib ist und Ätherleib - die liegen im Bett - und dem Ich und dem astralischen Leib, die im Schlafe draußen sind.
[ 6 ] Jetzt denken Sie sich einmal, wie es ist, wenn man aufwacht oder einschläft. Wenn man einschläft, da ist es so, daß gerade das Ich und der astralische Leib herausgehen. Es gibt also auch einmal einen Zustand, wo sie halb drinnen sind im Herausgehen. Nachher kommt erst der Zustand, wo sie ganz draußen sind, das Ich und der astralische Leib. Also solch einen Zustand gibt es auch, wo sie noch halb drinnen und schon halb draußen sind. Da träumt man.
[ 7 ] Man glaubt sonst nur, daß man träumt während der Nacht. Eigentlich träumt man nur beim Einschlafen und beim Aufwachen. Und was träumt man denn da? Ja, sehen Sie, meine Herren, die Leute glauben, daß man da träumt aus dem Grunde, weil man im Wachen sein Gehirn gebraucht — so sagen die heutigen Gelehrten —, aber im Schlafe nur sein Rückenmark gebraucht. So meinen die Leute.
[ 8 ] Aber diese Leute können überhaupt gar nicht beobachten! Nehmen Sie einmal einen richtigen Traum. Nehmen Sie zum Beispiel den Traum von einer Feuersbrunst. Sie träumen von einer ganzen Feuersbrunst; Sie träumen von allem möglichen. Und Sie wachen auf — da schreit man draußen: «Feurio!» Sie haben in Wirklichkeit nichts anderes wahrgenommen — von Feuer und so weiter haben Sie ja nichts gewußt -; also Sie haben, weil das Ohr da offen ist, gerade dieses «Feurio!» halb und halb gehört. Da bringen Sie das, weil Sie das gewöhnt sind, mit dem Feuer zusammen, aber so halb und halb dunkel. Und dasjenige, was Sie vom Feuer träumen, das kann unter Umständen etwas ganz anderes sein als das, was Sie sehen. Sie können zum Beispiel träumen, daß das Feuer von einem Vulkanausbruch herrühre. Sie können etwas ganz anderes träumen. Und wenn Sie von erwas träumen, was Sie vor vielen Jahren erlebt haben, dann werden Sie wissen, wie verworren der Traum ist. Sie haben vielleicht einmal als kleiner Junge, sagen wir, irgendwie mit einem anderen einen kleinen Streit gehabt. Nun träumen Sie nach Jahren von diesem Streit; aber Sie träumen so davon, als ob Sie erschlagen worden wären, oder daß Sie den andern erschlagen hätten. Der Traum verwirrt alles. Und das können Sie überall beim Traum wahrnehmen, daß er alles verwirrt macht.
[ 9 ] Nun, wenn wir beim Einschlafen träumen, dann bleibt die Geschichte verwirrt. Wenn wir beim Aufwachen träumen, dann korrigiert es sich, weil wir wirklich das sehen, was da vorliegt. Wir haben davon geträumt, daß uns einer ermordet. Er steckt uns einen Knäuel in den Mund; nachher kommt er und bearbeitet uns mit irgendeinem Instrument — wir wachen auf und haben unglücklicherweise einen Zipfel der Bettdecke in den Mund gekriegt.
[ 10 ] Sie sehen, der Traum nimmt einen kleinen Anlaß, und setzt vieles dazu und verwirrt die Geschichte. Wenn zum Beispiel die Luft schlecht ist in dem Zimmer, in dem Sie schlafen, dann verspüren Sie das sogenannte Alpdrücken. Aber Sie sagen sich im Traume nicht: Da ist die Luft schlecht, da kann ich keinen guten Schlaf bekommen -, sondern Sie bekommen den Eindruck, als ob ein böser Geist auf Ihrer Brust sitze und drücken würde. Sie kennen ja alle die Sage von der Trut. Die beruht darauf, daß man schlechte Luft in die Lunge hineinbekommen hat. Das Alpdrücken beruht darauf.
[ 11 ] Worauf beruht denn das Träumen?
[ 12 ] Nun, meine Herren, nehmen wir jetzt den Aufwachetraum. Da ist es so, daß das Ich und der astralische Leib gerade hineinrutschen und noch nicht ganz drinnen sind. Das sind die Träume, von denen wir am meisten wissen. Wenn Sie ganz drinnen sind in Ihrem physischen Leibe, dann gucken Sie aus Ihren Augen heraus. Wenn Sie aber nicht ganz drinnen sind, dann gucken Sie nicht aus Ihren Augen heraus. Sie müssen sich vorstellen: Wenn Sie hereingehen in Ihren physischen Leib, dann drehen Sie sich gewissermaßen um und gucken aus Ihren Augen heraus. Wenn Sie aber noch halb draußen sind, gehen Sie durch Ihre Augen hindurch, schlüpfen so durch Ihre Augen durch, und da sehen Sie alles undeutlich. Da knüpfen Sie allerlei verwirrte Phantasievorstellungen an. Aber etwas anderes haben wir nicht, wenn wir vom Nachtschlaf in unseren Körper hereingehen, als diese verwirrten Vorstellungen. Und wie kriegen wir sie überhaupt zurecht? Wir kriegen sie nicht zurecht. Nur unser Körper macht sie uns zurecht. Sonst würden wir ewig den feuerspeienden Vesuv sehen, wenn wir draußen «Feurio» hören würden. Unsere Augen sind so wunderbar eingerichtet, daß wir durch sie erst das Richtige sehen können. Das heißt, wir würden uns das ganze Leben hindurch nur allerlei phantastischen Dingen hingeben, wenn wir das ganze Leben außer unserem Körper wären. Der Körper ist es, der es macht, daß wir das Leben ordentlich sehen können.
[ 13 ] Also Sie sehen, wenn wir uns anschauen außerhalb unseres Körpers, da sind wir in Wirklichkeit innerlich in unserem Ich und in unserer Seele; wir sind Phantasten, die sich allerlei verworrene Vorstellungen in ihrem Ich machen, und die nur immer in unserem Körper, jeden Morgen, wenn wir aufwachen, zurechtgerückt werden müssen. Unser Körper ist es, dem wir es verdanken, daß wir die Dinge ordentlich sehen. Eigentlich sind wir im Erdenleben Phantasten. Der Traum zeigt uns, wir wir in Wirklichkeit im Erdenleben sind.
[ 14 ] Wenn man nun dazu kommt, die Dinge wirklich einzusehen dadurch, daß man noch in einer gewissen Weise später aufgewacht ist in bezug auf sein Erkennen, da sieht man erst recht: Der Mensch ist in seinem Erdenleben das, was er träumt. Er ist eigentlich ein Phantast, und er muß sich durch den Körper immer zurechtrücken lassen. Und wenn er ganz schläft, so ist er eigentlich ganz ohnmächtig. Da kann er gar nichts von der Welt wahrnehmen. Nur wenn er ein Stückchen von seinem Körper hat, so nimmt er die Welt phantastisch wahr.
[ 15 ] Aber gerade wenn man das weiß, so sagt man sich: Was ist denn eigentlich der Traum? Was zeigt denn eigentlich der Traum? Der Traum zeigt uns, daß wir eigentlich von unserem Körper gar nichts wissen; denn wüßten wir etwas, so könnten wir auch ordentlich sehen, was draußen ist. Wir könnten in Gedanken und im Geiste die Augen nachbilden. Aber wir können das nicht; wir sind erst angewiesen darauf, daß uns unser Körper die Kraft der Augen gibt. Also zeigt uns der Traum, wie wenig wir von unserem Körper wissen.
[ 16 ] Nun erinnern Sie sich aber, daß ich ja letzthin gesagt habe, wir müssen uns ja diesen Körper selber machen. Vererbung ist nichts. Dasjenige, was vorliegt, wenn der Mensch sein Dasein auf Erden beginnt, das ist, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe, eine zu Staub zermürbte Materie. Da muß erst das Geistig-Seelische hinein. Der Mensch muß sich erst seine ganze Materie selber aufbauen. Wenn er den Traum versteht, weiß er, daß er das nicht kann. Und wenn man dazu kommt, den Traum zu durchschauen, lernt man noch etwas anderes.
[ 17 ] Denken Sie einmal nach darüber, wie schwer es ist, sich in die ersten Kinderjahre zurückzuversetzen. Da fällt einem plötzlich ein Ereignis ein, von dem man weiß: Das hat mir die Mutter nicht erzählt, das habe ich selber gesehen. Bei dem einen Menschen fällt es ins dritte Jahr, bei dem andern ins vierte Jahr und so weiter. Ja, meine Herren, vorher hat man ja ganz geschlafen, richtig geschlafen. Aber wenn man so ein dreijähriges Kind betrachtet, das eigentlich noch richtig schlafen kann — denn man erinnert sich ja nicht zurück, geradeso wie man sich an den gewöhnlichen Schlaf nicht zurückerinnert -, wenn Sie dieses dreijährige Kind in bezug auf das Leben betrachten, so kann das etwas, was man später nicht mehr kann.
[ 18 ] Ich habe Ihnen gesagt: Bis zum Zahnwechsel, bis zum siebenten Jahr wird das Gehirn fein aufgebaut. Schauen Sie sich ein Gehirn von einem Kinde an, das eben geboren worden ist, und ein Gehirn von einem siebenjährigen Kinde. Da ist etwas vorgegangen bei diesem siebenjährigen Kinde, was gearbeitet hat an diesem Gehirn. Das Gehirn selber kann nichts machen. Das Gehirn ist wie eine Dynamomaschine. Eine Dynamomaschine entwickelt den Magnetismus, und die ganze Bewegung der Fabrik wird abhängig von dieser Dynamomaschine. Aber da muß erst der elektrische Strom durchgehen, sonst steht sie still, diese Dynamomaschine. Das Gehirn steht still, wenn nicht der Strom des seelischen Lebens durchgeht. Beim Kind geht viel mächtiger der Strom des seelischen Lebens durch, denn das Kind arbeitet bis zum Zahnwechsel hin das ganze Gehirn aus, und am meisten in den allerersten Lebensjahren. Deshalb habe ich Ihnen erzählt, daß Jean Paul, der ein sehr gescheiter Mensch war, sagte: Der Mensch lernt in seinen ersten drei Jahren viel mehr, als in seinen drei Universitätsjahren. Es ist viel kunstvoller, was man da arbeiten muß, als was man jemals später äußerlich zu bearbeiten hat.
[ 19 ] Da sagt man sich: Ja, das haben wir gehabt; das ist uns verlorengegangen. Gerade als wir bewußt geworden sind, ist uns dieses innere seelische Arbeiten verlorengegangen. Das haben wir nicht mehr. Und derjenige, der zu dieser Erkenntnis kommt, der merkt, daß er das immer weniger kann. Wenn man sich später die Gabe erringt, zurückzuschauen ins Leben, da wird es einem ganz schwummerig von dem, was da vorgegangen ist. Denn als man ein vierzehnjähriger Junge war, hat man vielleicht noch etwas von dem gekonnt, was man in Hülle und Fülle gekonnt hat, als man ein dreijähriges Kind war oder gar gerade geboren worden ist. Da konnte man am meisten; mit vierzehn Jahren konnte man schon viel weniger davon. Ist man dreißig Jahre geworden, da kann man gerade noch so viel, daß man verdauen kann — aber man kann nicht mehr etwas ausarbeiten. Ist man fünfzig oder sechzig Jahre geworden, dann ist man mit Bezug auf diese Arbeit, mit der man den menschlichen Körper ausarbeitet, erst ein richtiger Esel geworden. Man wird sich erst klar darüber, ein wie großer Esel man im Laufe des Erdenlebens wird! Das ist nämlich notwendig, daß man darauf kommt: Machst du die Lebenszeit von zwanzig bis dreißig Jahren durch, so verlierst du etwas von deiner Weisheit. Machst du die Lebenszeit von dreißig bis vierzig Jahren durch, da verlierst du schon gar viel mehr. Und nachher, da ist man schon ein furchtbarer Esel mit Bezug auf alles dasjenige, was man innerlich verarbeiten soll.
[ 20 ] Fängt man aber mit der Erkenntnis an, wenn man sich die Fähigkeit aneignet, zurückzuschauen ins Leben, so wird man eigentlich von Respekt erfüllt, was man für ein gescheites Wesen war, als man ein ganz kleines Kind war. Da war man einmal furchtbar häßlich; aber man hat alles umändern können, wenn man ein häßlicher Kerl gewesen ist. Mit fünfzehn Jahren kann man sich nicht mehr schön machen. Als kleines Kind kann man sogar gerade das. Alle kleinen Kinder können das.
[ 21 ] Also das ist wichtig, daß man merkt: Was bist du für ein Esel geworden im Laufe deines Lebens. Das ist eine wichtige Seite des Lebens. Man wird nicht unbescheiden dabei, sondern ein furchtbar bescheidener Mensch. Man merkt beim richtigen Erkennen: Als du ein kleines Kind warst, bist du eigentlich auf dem Esel gesessen und hast den Esel selber angetrieben. Jetzt, da du ein alter Kerl geworden bist, hast du dich in den Esel selber verwandelt. — Sehen Sie, man muß das so drastisch ausdrücken, sonst kommt gar nichts dabei heraus.
[ 22 ] Auf diese Weise kommt man auch darauf, was der Traum bedeutet. Sie werden es selbst schon erlebt haben; im Traume kann man sogar meinen, daß man der Kaiser von China ist oder irgend etwas anderes. Es gibt noch viele andere Träume. Man kann alles mögliche träumen. Aber was zeigt uns denn der Traum? Da-muß man nur den Traum verfolgen, wie er im Laufe des Erdenlebens sich verändert.
[ 23 ] Kleinkinderträume sind ganz wunderbar. Kleinkinderträume zeigen einem noch, daß das Kind in sich noch die Kräfte hat, seinen Körper zu gestalten. Sie sind richtig kosmisch. Das Kind träumt von dem, was es erlebt hat, bevor es auf die Erde heruntergestiegen ist, weil diese Kräfte noch in ihm sind. Die braucht es, um sein Gehirn auszubilden. Wenn Sie dieses wunderbar gestaltete Gehirn haben, das so im obersten Schädel drinnen ist (Zeichnung Seite 152), dann hat es da das Auge, aber da hier sind die Nerven, die man braucht, um zu sehen. Das alles muß man fein ausarbeiten. Das muß fein ausgearbeitet werden. Ja, meine Herren, das kann man nicht ausarbeiten mit dem Erdenwissen. Mit dem Erdenwissen kann man hier und da Maschinen ausarbeiten; aber mit dem Erdenwissen kann man nicht das Gehirn ausarbeiten. Bei den Kleinkinderträumen sieht man noch genau: die haben in ihren Träumen das, wie sie ihr Gehirn ausarbeiten. Später werden die Träume auch sehr merkwürdig, wenn der Mensch nicht ein geordnetes Leben führt; sie werden immer ungeordneter. Und daß der Traum verwirrt ist, das rührt eigentlich davon her, daß man so wenig von seinem physischen Leibe weiß, weil man nicht drinnen steckt.
[ 24 ] Also das ist der Grund, daß man so wenig von seinem physischen Leibe weiß, weil man dasjenige, was man als Weisheit mitbekommen hat, als man ins Erdenleben heruntergestiegen ist, im Laufe des Lebens verloren hat, in Eselhaftigkeit verwandelt hat. Wenn man aufgewacht ist und sich sagt: Nun, wenn du das alles glaubst, was du jetzt geträumt hast - daß du der Kaiser von China bist -, so bist du natürlich ein Esel. Aber wir selber können gar nichts anderes, als Eselhaftigkeit entwickeln, weil wir den Körper nicht haben. Indem wir nicht drinnenstecken, können wir gar nicht anders, als daß der Traum uns verwirrt. Wir haben die Fähigkeit ganz verloren, die wir als kleine Kinder gehabt haben, unseren Körper richtig aufzubauen. Er muß uns von außen kommen. Wenn wir aufwachen, kommt er uns von außen. Aber wenn wir wieder herunterkommen auf die Erde, kommt er uns nicht von außen. Da kommt uns von außen eine zerstörte Materie im Ei entgegen. Die müssen wir Stück für Stück aufbauen.
[ 25 ] Ja, meine Herren, das müssen wir nämlich alles lernen zwischen zwei Erdenleben. Zwischen zwei Erdenleben müssen wir lernen, was der träumende Mensch nicht kann. Sehen Sie, es gibt Feinde und Gegner der Anthroposophie, die sagen: Ach, das sind ja doch nur Leute, die träumen wollen; allerlei phantastische Sachen machen sie sich über die Welt zurecht. - Ja, aber die Anthroposophie besteht ja gerade darinnen, daß man nichts mehr auf den Traum gibt, weil der Traum zeigt, daß wir das nicht können, was wir können, wenn wir ins Erdenleben hereintreten, wenn wir hereintreten mit diesem dunklen, unbewußten Wissen, das wir als kleines Kind haben. Da sind wir uns klar darüber, daß wir uns das in einer Welt angeeignet haben, die nicht die Welt auf Erden ist, denn in der Welt auf Erden können wir uns nur zu Phantasten bilden in bezug auf unser eigentliches Ich. So schön diese Welt ist, wir können uns nur zu Phantasten bilden in bezug auf unser eigentliches Ich. Die Beziehung zu unserem Körper, das ganze Verhältnis zu unserem Körper, das müssen wir uns in einer anderen Welt aneignen.
[ 26 ] Nun will ich Ihnen sagen, daß derjenige, der das Ganze durchschaut und also auch einsieht, wie das Eselwerden immer weiter und weiter vorrückt, weiß: Dieses Wissen verlieren ist leicht. Nun, es ist ja dies nicht viel anders, als wenn einer eine Prüfung macht. Wenn einer eine Prüfung macht, dann ochst er oftmals zwei Jahre darauf hin. Vergessen hat er es wiederum geschwind, furchtbar geschwind. So ist es nämlich auch mit dem Wissen, das wir brauchen, um unseren Körper aufzubauen: vergessen können wir es schnell. Nur ist da das «Schnell» etwas anderes als bei einer Prüfung, einem Examen. Das «Schnell» ist unser ganzes Erdenleben. Wenn wir gestorben sind, haben wir ungefähr vergessen, was wir bei unserer Geburt heruntergebracht haben ins physische Leben. Unsere Lebenszeit ist ungefähr die Vergessenszeit.
[ 27 ] Nun denken Sie einmal, der eine von Ihnen hat ein Erlebnis, von dem er weiß: Da bist du aufwachsend als Kind; woran du erst erinnerst, das ist gewesen, sagen wir, als ich vier Jahre alt war. Nehmen Sie an, er ist schon sechzig Jahre alt geworden, und er erinnert sich mit sechzig Jahren zurück an ein Ereignis; da war er gerade vier Jahre alt. Nun hat er sechsundfünfzig Jahre gebraucht nach diesen vier Jahren, um zu vergessen, um innerlich zu. vergessen. Sechsundfünfzig Jahre lang ist das Vergessen immer stärker und stärker geworden. Er ist sechsundfünfzig Jahre lang immer mehr und mehr ein Esel geworden. Wievielmal mehr Zeit hat er also gebraucht zum Vergessen dessen, was er noch bis zum vierten Jahre gehabt hat? Nun, er hat sovielmal mehr gebraucht, als 4 in 56 enthalten ist: vierzehnmal seine erste Kindeszeit hat er gebraucht, um zu vergessen. Wenn er sechzig Jahre alt geworden ist, so braucht er wiederum vierzehnmal so lang, um sich in der geistigen Welt das wiederzugewinnen, was er da vergessen hat. Also er braucht 60 mal 14 Jahre, 840 Jahre. Dann hat er sich wiederum in der geistigen Welt die Fähigkeit erworben, so etwas zu haben, wie das kleine Kind in seinen ersten vier Jahren gehabt hat, um aufzubauen. Das heißt, nach 840 Jahren kann er wiederum auf die Erde kommen.
[ 28 ] Dies kann man sich nur dann mit voller Verantwortung ausrechnen, wie ich es Ihnen jetzt an die Tafel hingeschrieben habe, wenn man sich wirklich klar wird darüber, daß das so ist, wenn man prüfen kann dasjenige, was in den Träumen liegt, wie die Träume einen immer mehr und mehr entfernen von der geistigen Welt.
[ 29 ] Und sehen Sie, wenn einer herumgeht und zu einer bestimmten Zeit überhaupt nicht hineinkann in seinen physischen Leib, dann ist er ein Medium. Wenn einer zur rechten Zeit in seinen physischen Leib hineinkommt und ihn wieder gebraucht, nun ja, dann ist er ein normaler Mensch. Wenn aber einer immerfort in dem Zustand herumgeht, ohne daß das Ich in den physischen Leib hineingegangen ist - man kann ja sogar als Nachtwandler herumgehen; sogar sprechen kann man als Nachtwandler, oder wenn man im Bett liegt, sprechen -, dann braucht man sich nicht darüber zu verwundern; denn wenn man, sagen wir, eine Kugel wirft, und es ist alles eben, so rollt sie auch allein weiter. So kann unter Umständen, wenn der Mensch nicht ganz gesund ist, wenn alles leicht geht bei ihm, wenn sein Körper nicht die richtige Festigkeit hat, die Tätigkeit, die sonst im Bewußtsein ist, noch nachwirken. Dann ist aber der Mensch ein Automat. Ein Nachtwandler ist kein Mensch, sondern ein Automat. Und einer, der aus dem Schlaf spricht, spricht auch nichts Menschliches. Versuchen Sie es nur einmal: Sie können, wenn einer aus dem Schlafe spricht, die dümmsten Sachen hören, weil er ein Automat wird, und sein Ich und seine Seele nicht in seinem Leib drinnen sind.
[ 30 ] Aber wenn das halb der Fall ist, wenn der Mensch nur halb ein Automat ist — das Hineinrücken geschieht nämlich von hinten aus, also so, daß der Mensch von dem hinteren Teil des Gehirnes aus nach vorne hineinrückt -— wenn da der Mensch nur halb hineinrückt, so kann er die Augen schließen, und dann nimmt er, weil da hinten die Sehnerven sind (rechts), etwas wahr, was aber phantastisch ist. Und dann kann er einem auch allerlei Phantastisches vorreden, denn, nicht wahr, er sieht nicht, sondern er bekommt da Bilder. Das Gehör sitzt da (Mitte). Und der Sprachsinn, der sitzt da (links). Da kann er Ihnen auch vorreden. Die Medien reden daher, aber sie sind nicht in der Welt drinnen. Daher ist gar nichts auf dasjenige zu geben, was die Medien sagen, weil sie halb in ihrem physischen Leibe drinnen sind. Gar nichts ist darauf zu geben. Dasjenige, was die Medien sagen, das ist eben nur das, was der Mensch in seiner - ich muß den Ausdruck immer wieder gebrauchen -, in seiner Eselhaftigkeit wahrnimmt.
[ 31 ] Ja, meine Herren, ich habe aber auch schon von Medien gehört, die wirklich großartige Dinge sagen. Das ist auch wahr, die Medien sagen auch großartige Dinge; aber das braucht einen gar nicht zu verwundern. Denn, sehen Sie, wenn zum Beispiel irgendwo ein starkes Erdbeben ausbricht, dann wandern zunächst die Tiere aus; die Menschen bleiben und lassen sich vom Erdbeben zugrunde richten. Die Tiere sind von vornherein prophetisch, weil der Verstand überall ist; sie haben den Verstand noch nicht in sich hineingeschoppt. So ist das Medium etwas, was bis zum Tier heruntersteigt. Es kann wunderbare Sachen machen, es kann sogar Verse sagen, die schöner sind als die Goetheschen Verse — nun ja, weil es heruntersteigt bis zum Tierverstand.
[ 32 ] Bei demjenigen, der nach anthroposophischer Art zur Erkenntnis kommen soll, ist das Entgegengesetzte der Fall. Der darf nicht nur halb hineinrücken wie in seinen Träumen, sondern der muß alles so wissen, wie es der andere Mensch weiß, und außerdem noch das, was man wissen kann, wenn man ein zweites Mal aufwacht. Wenn man dieses zweite Mal aufwacht, dann bekommt man eben eine Vorstellung davon, wie das ist. Man sagt sich: Ja, wenn du in deinem Erdenleben dich ein wenig damit beschäftigt hast, den Menschen kennenzulernen, so hilft dir das nach dem Tode. Dann wird man es leichter haben nach dem Tode, den menschlichen Leib wiederum kennenzulernen. Aber das, was man kennenlernen muß zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das ist eben das Innere des menschlichen Leibes. Und da müssen Sie sich schon klar darüber sein: es ist sehr viel, die Welt kennenzulernen. Die Studenten schwitzen recht stark, wenn sie die äußere Welt kennenlernen sollen, wenn sie berechnen lernen sollen, wie die Sterne kreisen und so weiter; wenn sie berechnen lernen sollen, wie die Erde ausgeschaut hat, als noch nicht die jetzigen Krebse und so weiter waren. Da gibt es viel zu lernen. Ja aber, meine Herren, dieses, was man da zu lernen hat auf der Erde über das, was außerhalb des Menschen liegt, das ist nichts gegen das, was man zu lernen hat innerlich am Menschen.
[ 33 ] Nun werden Sie sagen: Ja, aber man lernt doch innerlich am Menschen, wenn der Mensch tot ist; da lernt man doch alles am Menschen. Man zerschnitzelt ihn, den Menschen, und man lernt am Leichnam, wie der Mensch eben innerlich ausschaut. — Aber das ist ein großer Unterschied. Mit dem ganzen Wissen, das Sie am Leichnam erzielen, können Sie nämlich niemals einen lebendigen Menschen zustande kriegen. Natürlich, um einen lebendigen Menschen zustande zu kriegen, ist die Empfängnis notwendig. Aber in der Empfängnis, da wirkt der Mensch, der erst gelernt hat in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt — der wirkt mit. Man kann auf der Erde sich nur eine Erkenntnis über dasjenige, was tot ist, erwerben. Man kann sich nicht eine Erkenntnis erwerben über dasjenige, was lebendig ist, oder gar über dasjenige, was empfindet und denkt.
[ 34 ] Und daß ich Ihnen diese Zahlen hier aufgeschrieben habe, das würde ich nicht gewagt haben, wenn nicht eben für die höhere Erkenntnis das vorläge, daß man sieht, wie der Mensch sich während seines Erdenlebens immer mehr und mehr von der geistigen Welt entfernt. Wenn er alt wird, hat er sich am meisten entfernt. Wenn er noch ein Kind ist —- nehmen wir an, er stirbt mit sechzehn Jahren -, ja, dann ist das anders, wenn er sich bis zu seinem vierten Jahr zurückerinnert. Er stirbt vielleicht mit sechzehn Jahren, erinnert sich zurück zwölf Jahre, das ist drei mal vier, und wenn er sechzehn Jahre alt geworden ist, braucht er also eigentlich nur achtundvierzig Jahre, um wiederum zu erscheinen. Es ist schon so, daß man das bis zu der Rechnung bringen kann!
[ 35 ] Nun kriegt man aber etwas höchst Merkwürdiges heraus, meine Herren. Das ist dieses: Sie wissen ja, man zählt immer seit alten Zeiten das Patriarchenalter zu etwa 72 Jahren. Wenn der Mensch 72 Jahre alt geworden ist, so sind die Jahre darüber eigentlich schon geschenkt. Nicht wahr, das ist das Patriarchenalter, 72 Jahre. Nehmen wir nun an, ein solcher Patriarch wäre ein ganz vorzüglicher Mensch, wie es solche ja in alten Zeiten auch gegeben hat. Wir, die wir heute so unaufmerksam sind, wir erinnern uns ja sehr wenig zurück in unsere Kindheit. Aber diese Leute, die haben sich zurückerinnert bis zum dritten oder zweiten Lebensjahr. Und dann haben sie also zum Vergessen der Kindesweisheit, der übersinnlichen Weisheit, 70 Jahre gehabt. Da drinnen ist zwei 35mal enthalten. Sie gehen also eine Zeit durch, wo sie in der geistigen Welt sind — wenn sie 72 Jahre alt geworden sind, sich weit zurückerinnern, viel länger als heute —, die 35 mal 72 Jahre ist, das ist also über 2000 Jahre.
[ 36 ] Sehen Sie, meine Herren, wenn Sie die Sonne im Frühling beobachten, so geht sie jetzt im Sternbild der Fische auf. Früher einmal ist sie im Sternbild des Widders aufgegangen. Im Kalender steht nämlich heute noch der Widder als Aufgangspunkt. Aber das stimmt nicht. Die Sonne ist nämlich im Sternbild des Widders bis zum 15. Jahrhundert aufgegangen. Da hat man mit Recht gesagt: die Sonne geht im Sternbild des Widders auf. Und seitdem sind die Astronomen faul geworden, und sie behalten das bei, trotzdem die Sonne heute gar nicht mehr im Sternbild des Widders aufgeht, sondern im Sternbild der Fische,
[ 37 ] Nehmen Sie an, das Sternbild der Fische, das hat eine gewisse Größe. Es gibt zwölf solche Sternbilder. Wenn die Sonne nun im nächsten Jahr heraufkommt, so ist sie, wie gesagt, am 21. März irgendwo im Sternbild der Fische. Und wenn Sie sie im nächsten Jahr beobachten, so ist sie ein Stückchen weitergerückt, kommt nicht mehr an derselben Stelle herauf, und im vorigen Jahr war sie ein Stückchen weiter zurück, kam auch nicht an derselben Stelle herauf, wie in diesem Jahr. Die Sonne braucht eine gewisse Zeit, um das Sternbild zu durchlaufen. Zunächst war sie ganz im Anfang der Fische, und nachher, in der Zukunft einmal, wird sie am Ende der Fische sein. Dann wird sie so weit vorgerückt sein, daß sie nicht mehr bei den Fischen herauskommt, sondern beim Wassermann. Also jetzt geht sie durch das Sternbild der Fische durch, dann später durch das Sternbild des Wassermanns, noch später durch das Sternbild des Steinbocks und so weiter. Um durch ein solches Sternbild durchzugehen, braucht die Sonne ungefähr so lange, als der Mensch durchschnittlich braucht, wenn er ganz alt geworden ist, um wiederzukommen.
[ 38 ] Das bedeutet also sehr viel, daß die Sonne einmal vorrückt von einem Sternbild zum andern. Ich habe in meiner «Geheimwissenschaft» zunächst dargelegt, daß das mit dem Sonnenumgang zusammenhängt, wann der Mensch wiederkommt. Und wir dürfen daher annehmen die Erkenntnis zeigt uns das auch —, daß der Mensch, wenn er jetzt stirbt, dasjenige, was er zu lernen hat, um seinen Körper wieder aufzubauen, eben von den Einwirkungen der Fische bekommt. Und dann kommt er wieder, wenn er von den Fischen nichts mehr lernen kann, sondern vom Wassermann lernen muß. Und dann kommt er wieder, wenn er vom Steinbock lernen muß. Dann wiederum vom Schützen. Und dann wiederum kommt er wieder, wenn er vom Skorpion lernen muß. Und dann wiederum, wenn er von der Waage lernen muß; dann von der Jungfrau, dann vom Löwen, dann vom Krebs, dann von den Zwillingen, dann von dem Stier, dann von dem Widder. Dann kommt er wieder an den Anfang zurück. Da hat er aber natürlich viel gelernt. Da ist er in 25 815 Jahren einmal herumgegangen und hat zwölf Erdenleben ungefähr durchgemacht, elf bis zwölf Erdenleben durchgemacht. Wird nun einer sagen: Ja, da sagst du uns, der Mensch lernt dasjenige, was er auf der Erde braucht, immer von einem anderen Sternbild, von einem Sternbild, das ganz anders ausschaut. - Wenn Sie hinaufschauen zu dem Sternbild der Fische, so sieht das ganz anders aus als der Wassermann oder der Steinbock und so weiter.
[ 39 ] Ja aber, meine Herren, denken Sie sich, Sie waren da vor, sagen wir, 800, 1000, 1500, 2000 Jahren. Da war es ja auf der Erde noch ganz anders. Da hätten Sie ein ganz anderes Leben geführt. Vielleicht wären Sie da irgendein ganz kleiner, zufriedener Bauer gewesen, hätten sich ein Bäuchlein angemästet und wären ein ganz zufriedener Kerl geworden. Jetzt sind Sie in der industriellen Arbeiterbewegung. Das ist dasjenige, was Sie gelernt haben von den Fischen. Dazumal, als Sie sich das Bäuchlein angemästet hätten und ein zufriedener Bauer gewesen wären, hätten Sie das vom Widder gelernt. So lernt der Mensch das, was er auf Erden durchmacht, gerade von den Sternbildern.
[ 40 ] Sehen Sie, jetzt kommen wir dazu, zu sagen: Der Mensch kommt allmählich herum. Wenn Sie also zum Beispiel 825 nach Christo dagewesen wären, also im 9. Jahrhundert, da wären Sie dieses Bäuerlein mit dem dicken Bäuchlein gewesen; jetzt sind Sie unter dem Einfluß der Fische wiedergekommen. Aber wenn Sie da herumgehen, kommen Sie nach 25 815 Jahren wiederum bei den Fischen an. Jetzt haben Sie aber mittlerweile so viel gelernt, daß Sie nicht mehr das zu werden brauchen, was Sie vorher gewesen sind, sondern Sie stehen jetzt als Menschenwesen auf einer viel höheren Stufe. Das muß man sich eben sagen: Nach 25 815 Jahren, wenn wir gerade wiederum auf die Erde herunterwollen, da werden wir es nämlich nicht mehr nötig haben, so auf die Erde herunterzugehen, weil wir alles in einem entsprechenden Sternbild gelernt haben.
[ 41 ] Und sehen Sie, da kommt das in Betracht, worauf ich Sie auch schon einmal aufmerksam gemacht habe. Nicht wahr, diejenigen, die heute Geologie gelernt haben auf sehr gelehrte Weise, die erzählen einem: Vor 25 Millionen Jahren, da war es auf der Erde so und so. Nun, wie kommen denn die Leute darauf, daß vor 25 Millionen Jahren die Erde ein heißflüssiger Körper war? Ich habe Ihnen auch von ähnlichem gesprochen, aber nicht von so langen Zeiträumen. Wie kommen die Leute darauf?
[ 42 ] Sie prüfen zum Beispiel den Niagarafall. Der Wasserfall stürzt herunter. Jetzt nehmen sie den Stein, über den er da gerollt ist, heraus und rechnen aus, wieviel er im Jahr abgewaschen wird, und dann rechnen sie aus: wenn da im Jahre so und so viel abgewaschen wird, wie weit der Stein hinausgegangen sein kann, als das Wasser noch nicht zu Wasser abgefüllt war, sondern als Dunst vorhanden war. Und daraus bekommen sie dann diese 25 Millionen von Jahren.
[ 43 ] Das ist geradeso, wie wenn ich das Herz eines Menschen untersuche. Heute ist der 9. April. Untersuchen wir heute das Herz, dann in einem Monat wiederum, da hat es sich schon ein bißchen verändert; nachher, wieder in einem Monat, hat es sich wieder etwas verändert. Und aus diesen kleinen Veränderungen rechnen wir aus und kommen darauf, wie das Herz vor 300 Jahren war. Aber da hat es ja noch nicht bestanden. Die Rechnung ist richtig. So sind die wissenschaftlichen Rechnungen oftmals: Die Rechnung ist richtig, aber die Dinge waren noch nicht da. Und so ist es mit dem, wie die Erde vor 25 Millionen Jahren ausgeschaut hat. Die Rechnung stimmt ganz genau, aber die Erde war noch nicht da. Und so rechnet man dann auch aus, wie die Erde nach 25 Millionen Jahren sein wird. Da rechnet man eben nach der anderen Seite. Aber da wird die Erde nicht mehr bestehen. Geradeso wie beim Herzen, das jeden Tag ein bißchen schlechter und schlechter wird, man sich ausrechnen kann, wie es in 300 Jahren sein wird, nur daß Sie in 300 Jahren als physischer Mensch nicht mehr da sein werden. Die Rechnungen sind ganz richtig. Das ist ja gerade das Blendende, das Täuschende, daß die Rechnungen furchtbar richtig sind; aber der Mensch dauert nicht so lange, als die Rechnungen angeben. Wenn Sie wiedererscheinen nach 25 815 Jahren, da hat sich die Erde inzwischen aufgelöst, und Sie haben überhaupt schon finden müssen in Ihren aufeinanderfolgenden Leben, wie Sie anders sich in die Erde hineinfinden müssen. Da ist die Erde nicht mehr; da sind Sie von der Erde befreit. Da sind Sie zu einem höheren Leben aufgestiegen.
[ 44 ] Und so kann man, wenn man wirklich hineindringt in die Sache, ganz richtig wissenschaftlich in die Zeit hineindringen, von der alte Sagen noch berichten, daß der Mensch eine Reihe von Erdenleben durchmacht, dann aber nicht mehr auf die Erde zurückzukehren braucht. Dann muß er so viel gelernt haben, daß er es eben nun aushalten kann, wenn er nicht mehr einen physischen Körper bekommt. Aber da muß der Mensch allmählich dazu gekommen sein, nicht mehr so verrückte Träume zu haben wie heute, und muß überhaupt sich nicht mehr so weit von der geistigen Welt entfernt haben.
[ 45 ] Da bekommen Sie aber ein sehr wichtiges Resultat heraus, meine Herren. Da müssen Sie sich sagen: Diejenigen Menschen, die sich sträuben gegen die Bekanntschaft mit der geistigen Welt, die wollen nicht das Wissen herankommen lassen an die Menschheit. Die wollen, daß der Mensch ein Esel bleibt auf der Erde und nicht wiederum zurückkehren kann. Denn dadurch, daß er sich schon auf der Erde etwas angeeignet hat über den Menschen und zwar etwas Lebendiges, nicht bloß ein Wissen am toten Körper, dadurch kommt er auch immer mehr und mehr in die Lage, bewußt zu durchschauen nach dem Tode, was er da durchzumachen hat.
[ 46 ] Dann, wenn der Mensch, wie es gewisse Dunkelmänner wollen, weil er auf der Erde einmal ein Esel werden muß, auch ein Esel bleiben soll, dann verleiten ihn diese Dunkelmänner dazu, daß er überhaupt sein geistiges Dasein verliert. Sie reden ihm die ewige Seligkeit vor. Aber so, wie sie ihm die Seligkeit vorreden, so nehmen sie ihm eben dasjenige, was ihm zugeteilt ist. So muß man eben reden; das ist etwas Furchtbares!
[ 47 ] Deshalb muß Anthroposophie dem Menschen zeigen, wie er wirklich der Erkenntnis gemäß ist, damit er allmählich auch wiederum fähig werde, in die geistige Welt hineinzukommen, Das ist es, sehen Sie, daß wirklich die Anthroposophie schon eine große Menschheitsaufgabe ist und eine große soziale Bedeutung hat. Denn es wird ja auch der ganze Verstand weggehen. Und dadurch, daß der Verstand nur drinnen bleiben will, daß man als Menschenweisheit das auftischt, was von der Leiche kommt, dadurch ist es eigentlich gekommen - nicht von etwas anderem -, daß die Menschheit in einer solchen Finsternis lebt und gar nicht weiß, was sie machen soll. Man muß zum Beispiel, um hinauszukommen über das ewige Kongressebilden und so weiter, um wiederum zu etwas zu kommen, schon den Menschen richtig aufwecken. Aber aufwachen, das hassen die Leute. Denn, nicht wahr, wenn man sich an Versammlungstischen zusammensetzt, kommt es nicht bloß darauf an, daß man sich zusammensetzt, sondern daß man etwas Vernünftiges redet; währenddem die Menschen heute so sind, daß sie eben nicht zugeben, daß sie erst sich zum Aufwachen finden müssen, etwas ihren Verstand beweglich machen müssen, damit sie auch wiederum eine Empfindung bekommen können für die soziale Frage. Deshalb ist alles übrige im Grunde genommen nur ein Kleistern. Dasjenige aber, was notwendig ist, das ist, daß wirklich die Menschen zu einer Erkenntnis ihres innerlichen Wesens schon auf dieser Erde kommen, daß sie vorbereitet sind für das, was sie in der geistigen Welt zu tun haben. Das ist schon so.
[ 48 ] Es fällt der Anthroposophie gar nicht ein, den einzelnen zu bekehren. Der einzelne kann nichts tun, aber viele; und Anthroposophie will nur dazu verhelfen, daß viele Menschen ein richtiges Wissen erwerben. Dann wird es auf dieser Erde möglich sein, tatsächlich bessere Zeiten heraufzubringen.
[ 49 ] Ich wollte Ihnen das auch noch sagen, meine Herren. Jetzt muß ich ja nach Zürich, St. Gallen und Winterthur fahren. Wenn ich wieder zurück bin, werde ich mit diesen Vorträgen wieder fortfahren. Vielleicht können Sie sich inzwischen einiges überlegen, was Sie fragen wollen.
