Rhythms in the Cosmos and in the Human Being
GA 350
16 June 1923, Dornach
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Rhythms in the Cosmos and in the Human Being, tr. SOL
6. Über die tieferen Ursachen der Weltkriegskatstrophe
6. On the Root Causes of the World War Catastrophe
[ 1 ] Ist Ihnen vielleicht etwas aufgefallen, meine Herren?
[ 1 ] Did you perhaps notice something, gentlemen?
[ 2 ] Herr Dollinger: Ich wollte fragen über das Menschenschicksal. Bei dem großen Weltkrieg sind Millionen von Menschen gefallen. Haben sie das als Schicksal mit auf die Welt gebracht? Wie schaut das in der geistigen Welt aus im Zusammenhang mit der Weltentwickelung?
[ 2 ] Mr. Dollinger: I wanted to ask about human destiny. Millions of people lost their lives in the Great War. Did they bring that fate with them when they were born? How does this relate to the spiritual world in the context of world development?
[ 3 ] Dr. Steiner: Auch davon können wir im Zusammenhang mit anderem sprechen, weil es durchaus nötig ist, daß man in der Anthroposophie nicht einfach die Dinge so erklärt, wie es die Leute manchmal machen. Es muß wissenschaftlich sein, was gesprochen wird. Nun möchte ich Ihnen gerade in bezug darauf etwas sagen, was uns dann darauf führen wird, zu verstehen, wie die große Katastrophe jetzt, dieses furchtbare Weltelend von so vielen Menschen überhaupt hat möglich sein können. Gewöhnlich beachtet man nämlich heute nicht mehr, wie der eine Mensch mit dem anderen eigentlich zusammenhängt. Es ist so, daß heute alle Menschen eigentlich vereinzelt in der Welt dastehen. Sogar wenn man heute aus Gewohnheit oder durch irgendeinen Rest von Aberglauben, den man hat, solche Dinge, wie ich sie Ihnen in der letzten Stunde erzählt habe, weiß und beobachtet, erklärt man sie in der Regel falsch.
[ 3 ] Dr. Steiner: We can also discuss this in connection with other topics, because it is absolutely necessary that, in anthroposophy, we do not simply explain things the way people sometimes do. What is said must be scientific. Now I would like to say something to you specifically in this regard, which will then lead us to understand how the great catastrophe of today—this terrible global misery affecting so many people—could have been possible at all. For today, people generally no longer take into account how one human being is actually connected to another. The fact is that today all human beings actually stand isolated in the world. Even when people today—out of habit or because of some remnant of superstition they still harbor—are aware of and observe the kinds of things I described to you in the last lecture, they generally misinterpret them.
[ 4 ] Nun will ich Ihnen einmal eine einfache Geschichte erzählen, die Ihnen zeigen kann, wie man heute gar nicht mehr daran denkt, daß ein Mensch mit dem anderen in irgendeinem Zusammenhang steht. Da trug sich einmal folgendes zu, was ganz gut verbürgt ist, wie eine wissenschaftliche Tatsache. In einer Familie war ein jüngeres Familienglied, ein achtzehn- oder neunzehnjähriges Mädchen, krank, nicht so krank, daß sie bettlägerig war, aber immer wieder sich hinlegen mußte. Nun war eine Zeitlang die Mutter bei ihr und pflegte sie. Sie lag auf dem Sofa, wurde also von ihrer Mutter gepflegt, und als sie einmal so ziemlich eingeschlafen war, da ging die Mutter in ein anderes Zimmer und las dort aus einem Buche ihrem Manne und anderen Familienmitgliedern etwas vor. Es war in einem Zimmer, das ziemlich weit von dem entfernt war, in dem die Kranke lag.
[ 4 ] Now I’d like to tell you a simple story that illustrates how, these days, people no longer even consider the idea that one person might be connected to another in any way. The following incident actually took place—and it is well documented, like a scientific fact. In one family, a younger member—an eighteen- or nineteen-year-old girl—was ill; not so ill that she was bedridden, but she had to lie down from time to time. For a while, her mother stayed with her and cared for her. She was lying on the sofa, being cared for by her mother, and once, when she had more or less fallen asleep, her mother went into another room and read aloud from a book to her husband and other family members. It was in a room quite far away from the one where the sick girl was lying.
[ 5 ] Die Kranke hatte nun folgendes Bewußtsein. Als die Mutter aus der Tür hinausgegangen war, hatte sie plötzlich den Drang, aufzustehen. Sie stand auf und ging der Mutter durch zwei Zimmer bis ins dritte Zimmer nach, wo sie dann die Mutter vorlesend fand. Sie war höchst erstaunt darüber, daß die gar nicht verwundert waren. Die Kranke, die kaum gehen konnte und eben schlafend verlassen worden war, erschien nun in dem Zimmer, wo die Mutter nur für eine Weile sein wollte, weil sie die anderen auch erwas versorgen wollte. Sie war ein bißchen sonderbar berührt davon, daß die ganz ruhig blieben. Nun sagte die Mutter, die da las, plötzlich: Jetzt muß ich aber nachschauen, was mit meiner Tochter ist! — und ging aus dem Zimmer heraus. Die Tochter ging aber nach. Die Mutter ging durch diese zwei Zimmer wiederum durch und fand die Tochter auf dem Sofa liegend, aber furchtbar bleich. Sie sprach sie zunächst gar nicht an. Dann aber, als sie sie ansprach, gab die Tochter keine Antwort, war ganz bleich. Die Tochter war also immer der Mutter nachgegangen und sie sah nun, wie die Mutter dahinging, und sie, die Tochter, sah sich selbst auf dem Sofa liegen. Und die Tochter war wiederum sehr verwundert darüber, erstens, daß sie sich selbst auf dem Sofa liegen sah, zweitens, daß die Mutter da sie ansprach. In dem Momente ist es der Tochter, wie wenn sie einen furchtbaren Schlag kriegt, und da wird das, was da auf dem Sofa liegt, von etwas besserer Hautfarbe, und die Sache ist wieder beim alten.
[ 5 ] The sick woman now had the following realization. When her mother had walked out the door, she suddenly felt the urge to get up. She stood up and followed her mother through two rooms into the third room, where she found her mother reading aloud. She was extremely surprised that they didn’t seem at all surprised. The sick girl, who could barely walk and had just been left while she was asleep, now appeared in the room where her mother had intended to stay only for a short while, since she also wanted to tend to the others. She was a little taken aback that they remained completely calm. Then the mother, who had been reading, suddenly said, “Now I must go and see how my daughter is doing!”—and walked out of the room. But the daughter followed her. The mother walked through those two rooms again and found the daughter lying on the sofa, looking terribly pale. At first, she didn’t speak to her at all. But then, when she spoke to her, the daughter gave no answer; she was completely pale. The daughter had, in fact, been following her mother the whole time, and now she saw her mother walking away, while she—the daughter—saw herself lying on the sofa. And the daughter was, in turn, very surprised—first, that she saw herself lying on the sofa, and second, that her mother was speaking to her there. At that moment, it was as if the daughter had been struck a terrible blow, and then what was lying there on the sofa took on a slightly better complexion, and everything was back to normal.
[ 6 ] Das ist eine ganz gut verbürgte Erzählung, die Sache hat stattgefunden. Aber jetzt kommen allerlei Leute, die das erklären wollen. Ja, die erklären die Sache dann zum Beispiel folgendermaßen: Nun ja, diese Tochter hat außerdem, daß sie einen physischen Leib hat, auch einen astralischen Leib. — Vom astralischen Leib haben ja die Leute bis zum 16. Jahrhundert, also bis vor vierhundert Jahren, immer gesprochen, so wie wir von der Nase oder dem Ohr sprechen. Das ist aber nicht etwas, was bis heute aufbewahrt worden ist, das ist im allgemeinen vergessen worden, Also jene Leute können eben vom astralischen Leib reden und können sagen: Nun ja, da ist eben der astralische Leib herausgegangen, ist durch die Zimmer spaziert, hat das mitgemacht, was die anderen da gelesen haben und so weiter, ist wieder zurückgegangen und ist hineingeschlüpft in dem Momente, wo die Mutter das Mädchen angesprochen hat.
[ 6 ] This is a fairly well-documented account; the event actually took place. But now all sorts of people are coming forward who want to explain it. Yes, they explain it, for example, as follows: Well, this daughter has not only a physical body but also an astral body. — People used to talk about the astral body all the way up until the 16th century—that is, four hundred years ago—just as we talk about the nose or the ear. But this isn’t something that has been preserved to this day; it has generally been forgotten. So those people can talk about the astral body and say: Well, the astral body simply went out, walked through the rooms, took part in what the others were reading there and so on, went back again, and slipped back in at the very moment the mother spoke to the girl.
[ 7 ] Aber, meine Herren, Sie müssen sich doch klar sein, daß wenn man die Sache so erklärt, dann erklärt man sie so, als wenn ein zweiter physischer Mensch in einem drinnensteckte, als ob da ein Kreis herum wäre, dieser Kreis wäre groß, und als ob man da herausschlüpfte und spazieren ginge wie ein physischer Mensch. Das ist ein starker Aberglaube, daß man dies so erklärt. Dieser Aberglaube ist unter gelehrten Leuten heute sehr verbreitet, sonst würden sich solche Dinge, wie die von Oliver Lodge, die ich Ihnen erzählt habe, nicht zutragen. Es kommt immer darauf an, daß man weiß: Was ist wirklich da geschehen?
[ 7 ] But, gentlemen, you must realize that if one explains the matter this way, one is explaining it as if a second physical human being were inside you, as if there were a circle around you—a large circle—and as if you were slipping out of it and going for a walk like a physical human being. It is a strong superstition to explain it this way. This superstition is very widespread among learned people today; otherwise, things like what Oliver Lodge experienced—which I have told you about—would not happen. It always comes down to knowing: What really happened there?
[ 8 ] Nun, was da wirklich geschehen ist, das ist folgendes. Die Mutter sitzt bei ihrer Tochter und pflegt sie. Nicht wahr, da findet so etwas statt, was man liebevolle Pflege nennt, und der Tochter ist es sehr, sehr angenehm, daß sie von der Mutter gepflegt wird. Sie fühlt die Liebe der Mutter. In einem solchen Moment, meine Herren, wo einer so stark die Liebe des anderen fühlt und noch dazu sehr schwach ist, da tritt das Merkwürdige ein, daß er nicht mehr mit seinem eigenen Astralleib denkt. Der wird dumpf und der Astralleib des anderen gewinnt Macht über den eigenen Astralleib. Dann kommt es sogar vor, daß man mit den Gedanken des anderen, der neben einem ist, zu denken beginnt. Nun ist also das so gewesen, daß, während die Mutter noch die Tochter gepflegt hat, sich dieses Gefühl, das sich da entwickelt hat, so auf die Tochter übertragen hat, daß die Tochter ganz so gefühlt und gedacht hat wie ihre Mutter. Jetzt geht die Mutter weg. Geradeso wie eine Kugel, die ich stoße, dann fortrollt, so denkt die Tochter jetzt nicht mit ihren eigenen Gedanken, sondern mit den Gedanken der Mutter. Und während die Mutter durch die zwei Zimmer geht, denkt die Tochter immer mit den Gedanken der Mutter. Und während die Mutter vorliest, denkt die Tochter mit den Gedanken der Mutter.
[ 8 ] Well, what really happened there is this. The mother is sitting with her daughter and caring for her. Isn’t it true that what takes place there is what we call loving care, and the daughter finds it very, very pleasant to be cared for by her mother? She feels her mother’s love. At such a moment, gentlemen, when one feels the other’s love so strongly and is also very weak, something strange happens: one no longer thinks with one’s own astral body. It becomes dull, and the other person’s astral body gains power over one’s own astral body. Then it even happens that one begins to think with the thoughts of the other person who is beside them. So it was that, while the mother was still caring for her daughter, this feeling that had developed transferred to the daughter to such an extent that the daughter felt and thought exactly as her mother did. Now the mother is leaving. Just like a ball that I push and then rolls away, the daughter is now thinking not with her own thoughts, but with her mother’s thoughts. And as the mother walks through the two rooms, the daughter continues to think with her mother’s thoughts. And while the mother reads aloud, the daughter thinks with her mother’s thoughts.
[ 9 ] Also die Tochter bleibt natürlich ruhig liegen auf dem Sofa, aber sie denkt fortwährend mit den Gedanken der Mutter. Und als die Mutter dann unruhig wird, wiederum zurückgeht, da denkt die Tochter, auch sie gehe zurück. Und nun brauchen Sie sich nicht zu wundern, daß die Tochter bleich geworden ist. Denn bedenken Sie nur: Wenn Sie eine Zeitlang wie in einer tiefen Ohnmacht liegen, werden Sie auch bleich. Denn so etwas bewirkt natürlich einen ohnmachtartigen Zustand, wenn man mit den Gedanken des anderen denkt. Und als die Mutter wieder zurückkommt, da wirkt das auf die Tochter so, daß sie erschüttert wird und wiederum ihre eigenen Gedanken haben kann. Also Sie sehen, die richtige Erklärung ist in diesem Falle, daß ein Mensch gerade in seinem geistigen Teil auf den anderen außerordentlich stark wirkt. Das aber tritt besonders dann auf, wenn derjenige, auf den gewirkt wird, selber ganz schwach ist. Wenn er also selber die seelische Stärke nicht entwikkeln kann, dann hat sehr leicht die seelische Stärke des anderen auf ihn einen Einfluß.
[ 9 ] So, of course, the daughter remains lying quietly on the sofa, but she is constantly thinking the same thoughts as her mother. And when the mother becomes restless and goes back inside, the daughter thinks that she, too, should go back. And now you shouldn’t be surprised that the daughter has turned pale. Just consider this: If you lie there for a while as if in a deep faint, you’ll turn pale too. Because thinking with another person’s thoughts naturally induces a faint-like state. And when the mother comes back, it has such an effect on the daughter that she is shaken and can once again have her own thoughts. So you see, the correct explanation in this case is that one person exerts an extraordinarily strong influence on another, particularly in the spiritual realm. But this occurs especially when the person being influenced is very weak themselves. So if they cannot develop their own spiritual strength, then the spiritual strength of the other person very easily exerts an influence on them.
[ 10 ] So ist es aber überhaupt im Leben. Man denkt oftmals gar nicht, welchen großen Einfluß die Menschen aufeinander haben. Glauben Sie denn, wenn irgendeiner einem etwas erzählt, und man glaubt es dann, daß man da immer Gründe hat, verständige Gründe, wodurch man überzeugt ist? Das ist ja gar nicht wahr. Wenn man einen lieber hat, glaubt man ihm mehr als demjenigen, den man haßt. Das ist die Geschichte, daß die Seele des einen Menschen die Seele des anderen Menschen außerordentlich stark beeinflußt. So muß man sich sagen: Ich muß wissen, wie stark ein Mensch den anderen beeinflußt. Ich muß genau Bescheid wissen, wie es sich mit den geistigen Dingen verhält, wenn ich überhaupt darüber reden will.
[ 10 ] But that’s just how life is. People often don’t even realize what a huge influence others have on one another. Do you really think that when someone tells you something, and you believe it, you always have reasons—reasonable reasons—that convince you? That’s not true at all. When you love someone, you believe them more than you believe someone you hate. That’s the point: one person’s soul exerts an extraordinarily strong influence on another’s. So you have to tell yourself: I need to know how strongly one person influences another. I need to know exactly how things stand with spiritual matters if I want to talk about them at all.
[ 11 ] Ich will Ihnen jetzt ein anderes Beispiel zeigen, das ich Ihnen aus einer bestimmten Absicht erzähle. Denn es könnte einer jetzt sagen: Ja, der Dr. Steiner glaubt also überhaupt nicht daran, daß der Mensch aus sich heraustreten kann, er glaubt nur daran, daß ein Mensch den anderen beeinflussen kann. — Nein, ich erzählte Ihnen nur ein Beispiel, an dem Sie so ganz klar sehen konnten, wie ein Mensch den anderen, hier die Mutter die Tochter, beeinflußt hat.
[ 11 ] I’d like to give you another example now, which I’m sharing with you for a specific reason. Because someone might say: “So Dr. Steiner doesn’t believe at all that a person can step outside of themselves; he only believes that one person can influence another.” — No, I was simply giving you an example that clearly illustrates how one person—in this case, the mother influencing her daughter—has influenced another.
[ 12 ] Nun ein anderes Beispiel, wo gar nicht die Rede davon sein kann, daß ein Mensch beeinflußt worden ist. Da wohnen zwei Studenten zusammen in einem Zimmer. Das kommt ja bei Studenten alle Augenblicke vor. Der eine ist ein Mathematikstudent, der andere ist ein Student der Philologie und versteht nichts von Mathematik, versteht gar nichts von Mathematik. Nun aber, sie ochsen, wie man es in der Studentensprache nennt, einmal an einem Abend fürchterlich, der eine seine lateinische Grammatik, der andere an seinem Rechenexempel, das er lösen will und einfach nicht zusammenbringt. Er kann gar nichts machen. Dem mit der Sprache geht es leidlich, der legt sich ziemlich befriedigt ins Bett. Aber der Mathematikstudent legt sich nicht befriedigt ins Bett, denn er hat seine Aufgabe eben nicht gekonnt. Bei den Sprachen weiß man meistens nicht, ob man etwas gekonnt hat oder nicht. Man macht höchstens Fehler, aber die hält man für richtig. Bei der Mathematik ist es eben so, daß nichts herauskommt, wenn man nichts gekonnt hat. Das ist der Unterschied. Nun, sie gehen also ins Bett; so um halb zwölf oder zwölf Uhr gehen die beiden ins Bett.
[ 12 ] Now, here’s another example where there can be no question of one person having been influenced by the other. Two students are living together in a room. That happens all the time with students. One is a math major; the other is a philology major and knows nothing about math—absolutely nothing about math. But one evening, as they say in student slang, they’re both struggling terribly—one with his Latin grammar, the other with a math problem he wants to solve but just can’t figure out. He’s completely stumped. The one studying languages is doing reasonably well; he goes to bed feeling quite satisfied. But the math student doesn’t go to bed satisfied, because he simply hasn’t been able to solve his problem. With languages, you usually don’t know whether you’ve gotten something right or not. At most, you make mistakes, but you think they’re correct. With math, it’s just the way it is: if you haven’t gotten it right, you get nothing. That’s the difference. Well, so they go to bed; around half past eleven or twelve o’clock, the two of them go to bed.
[ 13 ] Wie es etwa drei Uhr wird, steht der Mathematikstudent — der Sprachstudent hat auf die Uhr geschaut — auf, setzt sich wieder an sein Tischchen hin und fängt an zu rechnen, rechnet, rechnet. Der Sprachstudent ist höchst erstaunt darüber, aber er hat doch so viel Geistesgegenwart, daß er ruhig abwartet, was da geschieht. Der andere rechnet, rechnet, steht dann wieder auf vom Stuhl, legt sich ins Bett und schläft weiter.
[ 13 ] As the clock strikes about three, the math student—the language student had glanced at the clock—stands up, sits back down at his little table, and begins to calculate, calculating, calculating. The language student is extremely surprised by this, but he has enough presence of mind to calmly wait and see what happens. The other student calculates, calculates, then gets up from his chair again, lies down in bed, and goes back to sleep.
[ 14 ] Morgens um acht Uhr stehen beide auf. Der Mathematikstudent sagt: Donnerwetter, ich habe heute einen richtigen Brummschädel, wie wenn wir den ganzen Abend gekneipt hätten, und wir waren doch zu Haus! Da sagte der andere: Das wundert mich nicht! Warum bist du denn in der Nacht aufgestanden und hast gearbeitet? — Was, ich gearbeitet? Das ist mir gar nicht eingefallen! Ich bin doch die ganze Nacht im Bett gelegen —, sagt der Mathematikstudent. — Aber du bist doch aufgestanden! — sagt der andere. Du hast doch den Bleistift genommen und hast gerechnet, gerechnet! — Nun, sagt der eine wieder, da ist doch gar keine Rede davon! — Nun, schauen wir doch nach, sagt der Sprachstudent, das muß doch dastehen, was du geschrieben hast! — Der Mathematikstudent schaut nach. Da war die ganze Rechenaufgabe gelöst, alles gemacht, was er am Abend nicht gekonnt hat.
[ 14 ] At eight o’clock in the morning, both of them get up. The math student says, “Wow, I’ve got a real headache today—it’s as if we’d been out drinking all evening, even though we were at home!” The other one replies, “That doesn’t surprise me! Why did you get up in the middle of the night and work?” — What, me working? That never even crossed my mind! I was in bed the whole night —, says the math student. — But you did get up! — says the other. You picked up the pencil and did calculations, calculations! — Well, says the first one again, that’s not what happened at all! — Well, let’s take a look, said the language student; what you wrote must be there! — The math student looked. There was the entire math problem solved—everything he hadn’t been able to do the night before.
[ 15 ] Nun sehen Sie, da haben Sie ein Beispiel, wo ganz ohne Frage ist, daß der andere nicht geschwindelt hat, denn er hätte die Aufgabe nicht lösen können. Er war bloß ein Sprachstudent und hat außerdem gesehen, wie alles zugegangen ist. Da ist also der Betreffende, ohne daß er es selber wußte, aufgestanden und hat die ganze Rechnung gelöst. Es ist also gar keine Rede davon, daß irgendwie eine Beeinflussung von einem anderen hat stattfinden können. Da ist der Betreffende in der'Nacht tatsächlich aufgestanden.
[ 15 ] Now you see, here’s an example where there’s absolutely no question that the other person didn’t cheat, because he wouldn’t have been able to solve the problem. He was just a language student and, besides, he saw how everything unfolded. So the person in question, without even realizing it himself, got up and solved the entire problem. So there’s absolutely no question that anyone else could have influenced him in any way. The person in question actually got up that night.
[ 16 ] Aber da kommt jetzt, wenn man das erklärt, etwas sehr Merkwürdiges heraus. Sehen Sie, wir haben ja, wie Sie wissen, zuerst unseren physischen Leib, dann den Ätherleib, den Astralleib und den Ich-Leib. Ich nenne alles «Leiber», es sind ja natürlich nicht äußerliche Leiber, aber ich nenne diese vier Teile des Menschen «Leiber». Nun, meine Herren, wenn wir schlafen, dann liegt im Bett bloß unser physischer Leib und Ätherleib; der astralische Leib und der Ich-Leib sind heraußen. Die sehen wir außen um den physischen Leib und Ätherleib herum. Das alles habe ich Ihnen ja schon erklärt. So ist es auch bei diesem Rechenstudenten geschehen. Er legt sich ins Bett. Er kann wohl schlafen, also er bringt seinen astralischen Leib und seinen Ich-Leib heraus, aber er ist doch dadurch beunruhigt, daß er sein Rechenexempel nicht gelöst hat. Wäre jetzt der astralische Leib und der Ich-Leib hineingeschlüpft in seinen physischen Leib und in seinen Ätherleib, dann wäre er aufgewacht und hätte wieder nichts gekonnt, wahrscheinlich die Aufgabe wieder nicht gelöst. Das hat aber der astralische Leib und der Ich-Leib gar nicht getan, sondern durch die Unruhe, in die er gefallen ist, hat er ihn nur gepufft. Puffen kann der astralische Leib, er kann ein bißchen sogar die Haut puffen. Das kann aber nur geschehen durch die Luft, nicht physisch, denn der astralische Leib ist ja nicht physisch. Aber die Luft kann er in Bewegung setzen. Und das wirkt besonders auf die Augen, etwas auf die Ohren, besonders auf die Nase und den Mund. Überall, wo Sinnesorgane sind, da wirkt dieser Puff des astralischen Leibes sehr stark. Da legt sich der Rechenstudent also ins Bett, der astralische Leib pufft fortwährend von außen, aber geht nicht herein. Aber weil er pufft, fühlt sich der physische Leib mit dem Ätherleib ganz automatisch wie eine Maschine gedrängt, aufzustehen. Der Astralleib bleibt aber draußen, denn wenn er drinnen gewesen wäre, würde der Student bewußt geworden sein. Der setzt sich also hin. Seinem astralischen Leib und seinem Ich fällt es gar nicht ein, hineinzugehen. Ja, wer rechnet denn jetzt? Jetzt rechnet nämlich der physische Leib und der Ätherleib, und der Ätherleib ist imstande, die ganze Rechnung zu machen, die er nicht machen kann, wenn der astralische Leib und das Ich drinnen sind.
[ 16 ] But when you explain this, something very strange comes to light. You see, as you know, we first have our physical body, then the etheric body, the astral body, and the ego body. I call them all “bodies”—of course, they are not external bodies—but I refer to these four parts of the human being as “bodies.” Now, gentlemen, when we sleep, only our physical body and etheric body lie in bed; the astral body and the I-body are outside. We see them outside, surrounding the physical body and the etheric body. I’ve already explained all this to you. That’s exactly what happened to this math student. He lies down in bed. He’s able to fall asleep—that is, he brings his astral body and his I-body out—but he’s still troubled by the fact that he hasn’t solved his math problem. If his astral body and ego body had now slipped back into his physical body and etheric body, he would have woken up and still been unable to do anything—he probably wouldn’t have solved the problem again. But that is not at all what the astral body and ego body did; rather, because of the restlessness he had fallen into, they merely nudged him. The astral body can give a nudge; it can even nudge the skin a little. But this can only happen through the air, not physically, since the astral body is not physical. However, it can set the air in motion. And this affects the eyes in particular, the ears to some extent, and especially the nose and mouth. Wherever there are sense organs, this puffing of the astral body has a very strong effect. So the math student lies down in bed; the astral body puffs continuously from the outside but does not enter. But because it is puffing, the physical body, together with the etheric body, feels compelled—quite automatically, like a machine—to get up. The astral body, however, remains outside, for if it had been inside, the student would have become conscious. So he sits down. It does not even occur to his astral body or his “I” to go inside. Yes, who is doing the calculating now? Now it is the physical body and the etheric body that are calculating, and the etheric body is capable of performing the entire calculation—which it cannot do when the astral body and the “I” are inside.
[ 17 ] Daraus sehen Sie, meine Herren, daß Sie alle in Ihrem Ätherleib furchtbar viel gescheiter sind als in Ihrem Astralleib und in Ihrem Ich. Wenn Sie alles dasjenige können würden, was Sie in Ihrem Ätherleib können, Donnerwetter, da wären Sie gescheite Kerle! Denn das ganze Lernen besteht eigentlich darinnen, daß wir das, was wir in unserem Ätherleib schon haben, in den astralischen Leib heraufholen.
[ 17 ] From this you can see, gentlemen, that you are all far more intelligent in your etheric body than in your astral body or in your “I.” If you could do everything you’re capable of doing in your etheric body—good grief, you’d be some smart guys! For the whole point of learning is actually to bring up into the astral body what we already possess in our etheric body.
[ 18 ] Ja, was ist denn bei dem Rechenstudenten eigentlich geschehen? Sie wissen, in früheren Zeiten gab es unter den Studenten fast gar keine Abstinenten und Antialkoholiker, sondern die tranken sogar gewöhnlich ziemlich viel. Und so haben die zwei Kerle nicht jeden Abend so geochst, sondern sie sind auch viel in Kneipen gesessen, und dadurch ist — durch die Beeinflussung des Blutes von seiten des Alkohols — der astralische Leib ruiniert worden. Der Ätherleib ist weniger ruiniert worden. Und die Folge davon war, daß der Rechenstudent, wenn er weniger in die Kneipe gegangen wäre, ganz gut die Aufgabe hätte lösen können, aber weil er sich seinen astralischen Leib so stark beeinflußt hat, konnte er als Wacher die Aufgabe nicht lösen. Er mußte erst den verdorbenen astralischen Leib heraus haben; da konnte er sich an den Tisch hinsetzen und sein Ätherleib, der gescheiter geblieben ist, der löste die Rechenaufgabe. Wir können also gerade, was der Verstand tut, mit dem Ätherleib machen. Lieben können wir nicht mit dem Ätherleib, das muß der astralische Leib tun, aber alles, was der Verstand macht, das kann man mit dem Ätherleib, da muß der Ätherleib herhalten. So können wir also sagen: An diesem Beispiel sehen wir ganz klar, daß da nicht eine Beeinflussung von einer anderen Seite ist, sondern da hat es der Rechenstudent nur mit sich selber zu tun.
[ 18 ] Yes, what actually happened to that math student? You know, in the old days there were almost no teetotalers or anti-alcoholists among the students; in fact, they usually drank quite a lot. And so those two guys didn’t just study every evening; they also spent a lot of time in bars, and as a result—due to the alcohol’s effect on the blood—their astral bodies were ruined. The etheric body was less severely damaged. And the result of this was that the math student, had he gone to the pub less often, would have been able to solve the problem quite well; but because he had allowed his astral body to be so strongly influenced, he was unable to solve the problem while awake. He first had to rid himself of the corrupted astral body; only then could he sit down at the table, and his etheric body—which had remained more lucid—solved the math problem. So we can do exactly what the intellect does with the etheric body. We cannot love with the etheric body—that is the task of the astral body—but everything the intellect does can be accomplished with the etheric body; the etheric body must serve this purpose. Thus, we can say: From this example, we see quite clearly that there is no influence from another source, but rather that the student of arithmetic is dealing solely with himself.
[ 19 ] Jetzt stellen Sie sich ganz klar das vor: Da haben wir (Zeichnung) den physischen Leib, hier den Ätherleib (gelb); der geht durch den physischen Leib durch. Und jetzt, damit wir den ganzen Menschen leichter übersehen, zeichne ich Ihnen den astralischen Leib, der in der Nacht da ist, heraußen (rot). Der ist oben sehr klein, unten riesig bauchig. Dann das Ich, den Ich-Leib (violett). So sind wir also in der Nacht. Wir sind also eigentlich durchaus zwei Menschen in der Nacht. Sie müssen sich das da hier natürlich nicht als einen zweiten Menschen, der physisch ist, vorstellen, sondern es ist eben durchaus geistig, was da heraußen ist. Sonst würden Sie zu stark wiederum in den Materialismus verfallen, wenn Sie sich die Sache nicht geistig vorstellen würden. Daraus aber können Sie durchaus die Ansicht haben, daß der Mensch eigentlich an sich selber dieses zweispaltige Wesen ist, ein geistig-seelischer Teil und ein physischer Teil mit dem Ätherleib zusammen. Der Mensch, der wacht, ist nur dadurch so, wie er eben ist, daß richtig jeden Morgen der astralische Leib und der Ich-Leib in den physischen und Ätherleib eingereiht wird (Pfeile).
[ 19 ] Now imagine this very clearly: Here we have (drawing) the physical body, and here the etheric body (yellow); it passes right through the physical body. And now, to help us visualize the whole human being more easily, I’ll draw the astral body for you—which is present at night, right here on the outside (red). It’s very small at the top and huge and bulbous at the bottom. Then there’s the “I,” the “I”-body (violet). So that’s what we’re like at night. So we are actually two distinct beings at night. Of course, you must not imagine this as a second, physical human being; rather, what is out there is entirely spiritual. Otherwise, you would once again fall too deeply into materialism if you did not conceive of the matter in spiritual terms. From this, however, you can certainly hold the view that human beings are, in themselves, this dual-natured being—a spiritual-soul part and a physical part together with the etheric body. The waking human being is only as he is because, every morning, the astral body and the “I”-body are properly integrated into the physical and etheric bodies (arrows).
[ 20 ] Jetzt denken Sie aber, das könnte nicht immer ordentlich geschehen. Dafür gibt es wiederum sehr merkwürdige Fälle. Da war einmal ein Mädchen — es geschehen solche Dinge immer, wenn sie von selbst geschehen, wenn sie also nicht durch Übungen geschehen, dann, wenn der Mensch etwas schwach wird, also bei jungen Mädchen zum Beispiel, wenn sie gerade reif geworden sind, in der ersten Zeit der Frauenreife —, es war also ein Mädchen mit neunzehn, zwanzig Jahren, die hat folgendes gehabt. Sie hatte Tage, wo sie redete, aber diejenigen, die zu der Familie gehörten, die konnten nichts verstehen von dem, was sie redete, gar nichts. Sie redete von ganz unbekannten Dingen. Es war ganz merkwürdig. Sie konnte zum Beispiel sagen: Ah, guten Tag, es freut mich sehr, daß Sie mich besuchen. Wir haben uns vor zwei Tagen in... gesehen — ah ja, da sind wir spazieren gegangen in dem schönen Wald. Es war eine Quelle dort. — Dann wartete sie. Es war gerade wie beim Telephon, von dem anderen hörte man nichts, aber die Antwort dann. Es war so, wie wenn sie antwortete auf etwas: Na ja, gewiß, Sie haben das Glas genommen und getrunken. — Und so war es also, daß man immer das hörte, was die Betreffende als Antwort sagte auf etwas, was jemand anderer gesagt haben soll. Den anderen konnten eben diejenigen, die in der Umgebung waren, nicht sehen. Aber das Mädchen war da in einer ganz anderen Welt und redete darinnen. Es kam zum Beispiel das vor: Nun, nicht wahr, bewegen konnte sie sich nicht, sie blieb dann ganz ruhig an solchen Tagen. Aber wenn sie so saß und man puffte sie, da sagte sie nicht etwa: Warum pufft ihr mich denn? — sondern sie sagte: Es ist ein schrecklicher Wind! Macht das Fenster zu, es zieht so furchtbar! — Ganz andere Vorstellungen hatte sie über dasjenige, wenn man sie zum Beispiel puffte. Nun, so blieb sie ein oder zwei Tage. Dann kamen ein paar Tage oder längere Zeit, da war sie ganz besonnen, wußte alles, redete mit den Menschen ordentlich, wußte gar nichts von dem, was geschehen war in diesen anderen Tagen. Sie erinnerte sich an gar nichts. Wenn die Leute ihr etwas davon erzählten, so sagte sie, sie wisse gar nichts davon. Es war gerade so, als ob sie geschlafen hätte. Aber dafür trat etwas anderes ein. Wenn sie in diesem anderen Zustande war, dann erinnerte sie sich an alles dasjenige, was in diesem anderen Zustand war und an gar nichts von dem, was in ihrem gewöhnlichen Zustand vor sich ging. Sie konnte das ganze Leben übersehen, das sie so in einer, wie die anderen sagten, erträumten Welt durchgemacht hatte.
[ 20 ] But now you might think that this couldn’t always happen properly. Yet there are, in fact, some very strange cases. There was once a girl—such things always happen when they occur spontaneously, that is, when they don’t result from practice, but rather when a person becomes somewhat vulnerable, as is the case with young girls, for example, when they’ve just reached maturity, in the early stages of womanhood—so there was a girl, nineteen or twenty years old, who experienced the following. She had days when she spoke, but her family members couldn’t understand a word of what she was saying—not a single word. She spoke of completely unfamiliar things. It was quite strange. For example, she might say: “Ah, hello, I’m very pleased that you’ve come to visit me.” We saw each other two days ago in...—ah yes, we went for a walk in that beautiful forest. There was a spring there.—Then she would wait. It was just like on the phone: you couldn’t hear the other person, but then you’d hear the reply. It was as if she were responding to something: “Well, yes, of course, you took the glass and drank from it.” — And so it was that one always heard what the person in question said in response to something someone else was supposed to have said. Those around her simply couldn’t see the other person. But the girl was there in a completely different world, speaking within it. For example, this happened: Well, she couldn’t move, could she? She’d remain completely still on days like that. But when she was sitting there like that and someone nudged her, she wouldn’t say, “Why are you nudging me?”—instead, she’d say, “It’s a terrible wind! Close the window—there’s such a draft!”—She had completely different ideas about what was happening when, for example, someone nudged her. Well, she’d stay that way for a day or two. Then there’d be a few days—or a longer period—when she was completely lucid, knew everything, spoke properly with people, and knew absolutely nothing about what had happened during those other days. She didn’t remember a thing. When people told her about it, she’d say she knew nothing about it. It was just as if she had been asleep. But then something else would take over. When she was in that other state, she remembered everything that had happened while she was in that other state and nothing at all of what had gone on during her normal state. She could look back on her entire life, which she had lived, as others said, in a dreamlike world.
[ 21 ] Was war es bei diesem Mädchen? Das, was ich Ihnen jetzt erzählte, kommt natürlich unzählige Male vor, und es kommt manchmal auf eine schauerliche Weise vor. Sehen Sie, ich hatte einen Bekannten, mit dem ich eine Zeitlang zusammen gearbeitet hatte. Er wurde dann Professor an einer deutschen Hochschule, und eines Tages verschwand er einfach. Kein Mensch wußte, wohin er verschwunden war. Alle Nachforschungen führten zuletzt zu nichts. Das einzige, was man herauskriegen konnte, war, daß er von dem Ort, wo er wohnte, zum Bahnhof gekommen war und sich ein Billett gelöst hatte. Aber da eine größere Anzahl von Menschen eingestiegen war, so wußte man nicht, wohin er sich ein Billett gelöst hatte. Er ist weggefahren. Er kam eben sehr lange nicht wieder. Dann kam es, daß in Berlin im Vagabundenasyl ein fremder Mensch hereinkommt, aufgenommen werden will, und als er nach seinen Papieren gefragt wurde, stellte es sich heraus: das war der Professor XY von da und da. Er ist in Berlin in einem Obdachlosenasyl gelandet. Er ist wieder zurückgekommen und konnte sein Professorenamt ganz gut wieder verrichten. Nicht wahr, das geht ja automatisch weiter; es schadet nicht, wenn man so ein bißchen Unterbrechung hat. Also er verrichtete das weiter. Aber seine Verwandten — er war ja sogar verheiratet — forschten weiter nach, was in der Zwischenzeit geschehen war. Und da war es ungefähr so, daß der Betreffende sich ein Billett gekauft hatte nach einer gewissen Station, nicht sehr weit. Das hatte er alles sehr schlau angestellt. Er war dann ausgestiegen, hatte sich wieder ein Billett gekauft — es war noch nicht in der Zeit, wo man Pässe gebraucht hat —, fuhr in ein ganz anderes Land, dann noch in ein anderes Land, dann noch einen ganz anderen Weg — es war in einer süddeutschen Stadt, wo er stationiert war — nach Berlin, lebte im Obdachlosenasyl, wurde dort aufgenommen, wußte von dem Ganzen absolut nichts, war ganz in einem anderen Bewußtseinszustand.
[ 21 ] What was it about this girl? What I’ve just told you, of course, happens countless times, and sometimes it happens in a truly chilling way. You see, I had an acquaintance with whom I’d worked for a while. He went on to become a professor at a German university, and one day he simply disappeared. No one knew where he had gone. All the investigations ultimately led nowhere. The only thing they were able to find out was that he had gone from where he lived to the train station and bought a ticket. But since a large number of people had boarded the train, no one knew where his ticket was for. He left. He just didn’t come back for a very long time. Then it happened that a stranger walked into a homeless shelter in Berlin, wanting to be admitted, and when he was asked for his papers, it turned out: that was Professor XY from such-and-such a place. He had ended up in a homeless shelter in Berlin. He came back and was able to resume his professorship quite well. Isn’t that right? Things just carry on automatically; it doesn’t hurt to have a little interruption like that. So he carried on with his work. But his relatives—he was even married, after all—continued to investigate what had happened in the meantime. And it turned out that the man in question had bought a ticket to a certain station, not very far away. He’d arranged it all very cleverly. He then got off the train, bought another ticket—this was before the time when passports were required— traveled to a completely different country, then to yet another country, then took a completely different route—he was stationed in a city in southern Germany—to Berlin, lived in a homeless shelter, was taken in there, knew absolutely nothing about the whole thing, and was in a completely different state of consciousness.
[ 22 ] Was geschieht denn bei einem solchen Menschen? Sehen Sie, bei einem solchen Menschen ist es ebenso wie bei einem solchen Mädchen. Bei einem solchen Menschen kommt, wenn er aufwachen soll, der astralische Leib und der Ich-Leib nicht ganz herein, pufft nur von außen, und da macht dann der physische Leib und der Ätherleib das alles durch. Solche Leute benehmen sich ungeheuer gescheit. Es ist das auch eine gut verbürgte Geschichte, die ähnlich ist der, die ich selbst bei einem Bekannten erlebt habe.
[ 22 ] What happens to such a person? You see, with such a person it is just the same as with such a girl. When such a person is about to wake up, the astral body and the “I” body do not fully enter; they merely push from the outside, and so the physical body and the etheric body go through the entire process on their own. Such people behave in an incredibly sensible manner. This, too, is a well-documented story, similar to one I myself experienced with an acquaintance.
[ 23 ] Eine andere Geschichte: Ein Mensch nimmt sich zunächst ein Eisenbahnbillert, macht es ebenso, fährt nach einer nicht weit liegenden Station. Dann muß er allerlei Finten ausdenken; das macht alles sein Ätherleib. Er kommt bis nach Indien und bleibt ein paar Jahre dort. Und dann, nachdem er alles vergessen hat, lebt er wiederum weiter wie früher.
[ 23 ] Another story: A person first buys a train ticket, does just that, and travels to a nearby station. Then he has to come up with all sorts of tricks; his etheric body does all of this. He travels all the way to India and stays there for a few years. And then, after he has forgotten everything, he goes on living just as before.
[ 24 ] Ja, sehen Sie, diese Dinge sind wirklich so, daß man sagen muß: Da sieht man tief hinein in die ganze Wesenheit des Menschen. — Denn was geschah jetzt mit dem Menschen, den ich also gut kannte, der seine Fahrt durch zwei Länder gemacht hat und im Obdachlosenasyl gelandet ist? Er war nun wiederum an seine Hochschule zurückgekommen, war sogar an eine andere Hochschule zum Ersatz von einem berühmten Professor berufen worden. Ich war eines Tages gerade in der betreffenden Stadt. Er verkehrte nicht mehr mit mir, wie es ja überhaupt gekommen ist, daß in der Zeit, als ich anthroposophische Vorträge hielt, viele Leute, die früher mit mir verkehrt hatten, nicht mehr mit mir verkehren wollten. Eines Tages heißt es: Ja, der Professor XY ist wieder gegangen. — Diesmal aber kam er nicht wieder zum Vorschein, sondern wurde als Leiche gefunden. Er hatte sich ertränkt. Ja, was war da geschehen? Sehen Sie, da war dies geschehen, daß er wiederum in denselben Zustand gekommen ist, wo ihn der astralische Leib nur gepufft hat. Da hat er in seinem Ätherleib sich wiederum an die früheren Ereignisse erinnert und ist so erschrocken darüber, daß er sich selbst gemordet hat. Also da sieht man schon gründlich in die Wesenheit des Menschen hinein, wenn man weiß, wie da die verschiedenen Glieder der menschlichen Wesenheit eben zusammenwirken.
[ 24 ] Yes, you see, these things are truly such that one must say: Here one sees deep into the very essence of the human being. — For what had now become of the man I knew so well, who had traveled through two countries and ended up in a homeless shelter? He had since returned to his university; he had even been appointed to another university to replace a famous professor. One day I happened to be in that very city. He no longer associated with me—as, in fact, had become the case: during the time I was giving anthroposophical lectures, many people who had previously associated with me no longer wished to do so. One day, word got around: “Yes, Professor XY has left again.”—But this time he didn’t reappear; instead, he was found dead. He had drowned himself. Yes, what had happened there? You see, what had happened was that he had once again fallen into the same state where his astral body had simply pushed him aside. There, in his etheric body, he once again recalled the earlier events and was so terrified by them that he took his own life. So here one gains a thorough insight into the nature of the human being when one understands how the various members of the human being interact.
[ 25 ] Nun aber ist die Sache so: Da war einmal ein Mensch, der kam auch in solche Zustände, und da erzählte er wiederum so, wie wenn er ein ganz anderer Mensch wäre, als er jetzt war, so daß die anderen Menschen gar nichts verstanden. Er hat überhaupt geschildert — die Geschichte trug sich im 19. Jahrhundert zu —, wie er in der Französischen Revolution tätig war. Ganze Szenen schilderte er. Was war mit dem geschehen? Es war so ähnlich wie bei diesen Leuten, von denen ich Ihnen erzählt habe. Aber was war mit dem geschehen?
[ 25 ] But here’s the thing: There was once a man who also found himself in such a state, and when he spoke, it was as if he were a completely different person than he was at that moment, so that the other people couldn’t understand a thing. He described—the story took place in the 19th century—how he had been active during the French Revolution. He described entire scenes. What had happened to him? It was similar to what happened to those people I told you about. But what had happened to him?
[ 26 ] Von dem, was im astralischen Leib und in dem Ich-Leib vor sich geht, weiß ja der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein nicht gar viel, aber er erlebt dennoch sehr viel da drinnen. Nun, denken Sie sich einmal, es geschieht folgendes. Sehen Sie, ich will Ihnen schildern, wie es ist, wenn der Mensch aufwacht. Wenn der Mensch aufwacht, da spaltet sich zunächst dieser astralische Leib. Da hier (siehe Zeichnung S. 112) reißt er ab, und der eine Teil geht in den Kopf hinein, der andere, der untere, geht in den anderen Leib hinein. So geschieht das auch manchmal. Nun denken Sie sich: Wenn der Kopf leichter den astralischen Leib und das Ich aufnimmt als der untere Teil, dann kann der astralische Leib schon früher im Kopf drinnen sein, aber noch nicht in dem unteren Teil. In diesem Falle fängt der Mensch an so zu reden, daß er ein ganz anderer ist. Was tritt denn da ein? Sehen Sie, da tritt für einen Moment ein die Fähigkeit, in ein früheres Leben zurückzublicken. Da lernt man in ein früheres Leben zurückzublicken. Aber das kann man nicht recht deuten, das versteht man nicht, und da erfindet man irgend etwas, was man in der Geschichte gelernt hat. Der, welcher da in einem anderen Zustand war, weil sein astralischer Leib und sein Ich früher in seinen Kopf hinein kamen, erzählte, er wäre ein Franzose und erlebte die Französische Revolution. Das hatte er gelernt, das ist nur eine Umdeutung. Er erlebte sich aber in einer früheren Inkarnation, in einem früheren Leben, und das konnte er nicht gleich verstehen; deshalb deutete er es in dieser Weise-um.
[ 26 ] In ordinary consciousness, a person doesn’t know all that much about what goes on in the astral body and the I-body, but he nevertheless experiences a great deal there. Well, just imagine the following happening. You see, I want to describe to you what happens when a person wakes up. When a person wakes up, the astral body first splits apart. Here (see drawing on p. 112), it breaks away, and one part enters the head, while the other, the lower part, enters the rest of the body. This is how it sometimes happens. Now imagine this: If the head absorbs the astral body and the “I” more easily than the lower part, then the astral body may already be inside the head earlier on, but not yet in the lower part. In this case, the person begins to speak in such a way that they seem like a completely different person. What is happening here? You see, for a moment, the ability to look back on a past life arises. One learns to look back into a past life. But one cannot quite interpret it, one does not understand it, and so one invents something one has learned from history. The person who was in a different state—because his astral body and his “I” entered his head earlier—said he was a Frenchman and had experienced the French Revolution. He had learned that; it is merely a reinterpretation. But he experienced himself in a previous incarnation, in a past life, and he could not understand it right away; that is why he reinterpreted it in this way.
[ 27 ] Sie müssen sich nur klar sein: Wirklich bis zum 16. Jahrhundert — es ist also erst vier Jahrhunderte her — haben die Leute, wenn auch recht töricht und recht verschwommen, von solchen Sachen geredet. Das war den Leuten etwas außerordentlich Wichtiges. Überall, wo die Menschen zusammengekommen sind — nicht daß sie sich Gespenstergeschichten erzählten, sondern es war so, daß sie das ebenso so ernst genommen haben wie die anderen Ereignisse des Lebens —, haben sie sich solche Dinge erzählt und wußten, daß es das gibt. Es ist ja gar nicht wahr, daß die Menschen das nicht gewußt haben. Heute — ja bitte meine Herren, versuchen Sie es nur einmal und erzählen Sie in Ihren Parteiversammlungen solche Geschichten, wie ich sie Ihnen jetzt erzählt habe, Sie werden gleich sehen, wie Sie an die Luft gesetzt werden —, heute gibt es das nicht, daß man von diesen Dingen in naturgemäßer, vernünftiger Weise reden kann. Man redet gar nicht mehr davon. Und die Gelehrten reden am allerwenigsten davon. Das will ich Ihnen beweisen, daß die am allerwenigsten davon wissen.
[ 27 ] You just have to realize this: Right up until the 16th century—so only four centuries ago—people talked about such things, even if rather foolishly and rather vaguely. That was something extraordinarily important to them. Wherever people gathered—not that they were telling ghost stories, but rather that they took these matters just as seriously as other events in life—they told each other such stories and knew that such things existed. It’s simply not true that people didn’t know this. Today—well, gentlemen, just try it once and tell stories like the ones I’ve just told you at your party meetings, and you’ll see right away how you’ll be thrown out—today, it’s no longer possible to talk about these things in a natural, reasonable way. People don’t even talk about it anymore. And scholars, of all people, talk about it the least. I’ll prove to you that they know the least about it.
[ 28 ] Denken Sie jetzt einmal an eine der wichtigsten wissenschaftlichen Tatsachen, die sich im 19. Jahrhundert zugetragen hat. Da ist ein Heilbronner Einwohner Arzt geworden. Und da ihn die Leute auf der Universität Tübingen für einen ziemlich unbefähigten Menschen angesehen haben, so konnte er nicht viel werden, und so hat er sich im Jahre 1839 als Schiffsarzt anwerben lassen und fuhr mit einem sehr voll besetzten Schiff nach Hinterindien. Das Schiff hatte ziemlich Malheur. Es war eine ziemlich unruhige See und die Leute sind seekrank geworden. Als sie ankamen in Hinterindien, war fast die ganze Schiffsmannschaft krank. Der Schiffsarzt hatte fortwährend viel zu tun. Nun, dazumal war noch das übliche, wenn jemand das oder jenes hatte: man ließ ihm zur Ader. Das war das erste.
[ 28 ] Now think for a moment about one of the most important scientific developments that took place in the 19th century. A resident of Heilbronn became a doctor. And since the people at the University of Tübingen considered him to be a rather incompetent individual, he couldn’t go very far in his career, so in 1839 he signed on as a ship’s doctor and sailed to the East Indies on a very crowded ship. The ship ran into quite a bit of trouble. The seas were quite rough, and the passengers became seasick. By the time they arrived in the East Indies, nearly the entire crew was ill. The ship’s doctor was constantly kept busy. Now, back then, it was still customary that if someone had this or that ailment, they would be bled. That was the first thing.
[ 29 ] Nun hat der Mensch ja zwei Arten von Adern. Die eine Ader, die hat solches Blut, daß, wenn das Blut beim Aderlassen herausspritzt, es rötlich ist. Daneben verläuft gleich eine andere Ader. Wenn das Blut da herausspritzt, ist es bläulich; es spritzt dann bläuliches Blut heraus. Wenn man ein gewöhnliches Menschenkind zur Ader läßt, so läßt man ja natürlich nicht das rote Blut heraus. Das braucht der Leib. Man läßt das bläuliche Blut heraus. Das weiß der Arzt genau. Der weiß ja auch, wo die blauen Adern verlaufen und sticht nicht in die roten hinein. Der gute Julius Robert Mayer, der da Schiffsarzt war, muß also viel zur Ader lassen. Aber überall kommt bei den Leuten, wie er hineinsticht, nicht das Blut richtig bläulich, sondern hellrötlich heraus. Donnerwetter, denkt er sich, da habe ich wieder daneben gestochen! — Aber als er das beim Nächsten macht und mehr acht gibt, kommt wiederum hellrötliches Blut heraus. Zuletzt kann er gar nicht mehr anders als sich sagen: Nun ja, wenn man in die Tropen, in die heiße Zone kommt, da ist es nicht so wie gewöhnlich, da wird das blaue Blut rötlich von der Hitze. — Das war natürlich etwas, was Julius Robert Mayer als eine sehr wichtige Entdeckung angesehen hat, und mit Recht. Er hat etwas außerordentlich Wichtiges gesehen.
[ 29 ] Now, humans have two types of veins. One type of vein contains blood such that, when it spurts out during bloodletting, it is reddish. Right next to it runs another vein. When blood spurts out of that vein, it is bluish; bluish blood then spurts out. When an ordinary child is bled, of course one does not let the red blood out. The body needs that. One lets the bluish blood out. The doctor knows this very well. He also knows where the blue veins run and does not pierce the red ones. So good old Julius Robert Mayer, who was the ship’s doctor there, has to perform a lot of bloodletting. But everywhere he pricks people, the blood that comes out isn’t really bluish, but rather bright red. “Good grief,” he thinks to himself, “I’ve pricked the wrong vein again!”—But when he does it to the next person and pays closer attention, bright red blood comes out again. Finally, he has no choice but to conclude: “Well, when you come to the tropics, to the hot zone, it’s not like usual—the blue blood turns reddish from the heat.” — This was, of course, something that Julius Robert Mayer regarded as a very important discovery, and rightly so. He had observed something extraordinarily significant.
[ 30 ] Jetzt aber müssen wir eine Hypothese, eine Annahme machen. Denken Sie sich, nicht im 19. Jahrhundert, sondern im 12. Jahrhundert wäre das irgend jemandem passiert. Er wäre mit Leuten irgendwohin gefahren. Man machte damals nicht solche großen Reisen, aber daß einem eine ganze Mannschaft beinahe zugrunde gegangen wäre, hätte einem da auch passieren können. Also nehmen wir an, es wäre damals eine ganze Mannschaft krank geworden, der Arzt hätte ihr zur Ader gelassen und hätte gefunden: Das Blut, das eigentlich blau sein soll, das ist ja rötlich. Da muß also eine größere Hitze sein. — Was hätte der gesagt? Ja, im 12. Jahrhundert, da hätte er gesagt: Was ist denn das, was das Blut blau macht? — Und er hätte, da er all die Dinge, die ich Ihnen erzählt habe, gewußt hätte, wenn auch verschwommen — denn Anthroposophie hat es nicht gegeben, und die Dinge waren verschwommen —, er hätte, weil er das also wenigstens geahnt hätte, gesagt: Ja, Donnerwetter, da senkt sich der astralische Leib nicht so tief in den physischen Leib hinein wie bei denen, bei welchen das Blut ganz blau ist! — Denn er hätte gewußt: Der astralische Leib ist das, was das Blut blau macht. Aber die Wärme hält den astralischen Leib heraußen. Daher wird das Blut weniger blau, bleibt dem roten Blut ähnlich. — Der hätte gesagt: Das ist eine wichtige Entdeckung, denn jetzt begreife ich, warum die alten Orientalen eine so hohe Weisheit gehabt haben. Bei denen ist der astralische Leib noch nicht so tief hineingegangen in den physischen Leib und Ätherleib. — Er hätte eine riesig große, starke Achtung bekommen von der Weisheit der alten Orientalen und hätte sich gesagt: Jetzt sind die Orientalen nur angesteckt von den Menschen, die viel bläuliches Blut haben, und da geht es nicht mehr, daß sie eben ihre alte Weisheit zutage bringen. — So hätte ein Schiffsarzt des 12. Jahrhunderts gesagt.
[ 30 ] But now we have to make a hypothesis, an assumption. Imagine if this had happened to someone—not in the 19th century, but in the 12th century. He would have traveled somewhere with a group of people. People didn’t undertake such long journeys back then, but it could still have happened that an entire crew nearly perished. So let’s assume that an entire crew had fallen ill back then; the doctor would have performed a bloodletting and discovered: The blood, which is supposed to be blue, is actually reddish. So there must be a high fever. — What would he have said? Yes, in the 12th century, he would have said: “What is it that makes the blood blue?” — And since he would have known all the things I’ve told you—even if only vaguely—because anthroposophy didn’t exist back then and things were vague—he would have said, because he would at least have sensed it: “Good heavens, the astral body doesn’t sink as deeply into the physical body as it does in those whose blood is completely blue!” — For he would have known: The astral body is what makes the blood blue. But the heat keeps the astral body outside. That is why the blood becomes less blue and remains similar to red blood. — He would have said: “This is an important discovery, for now I understand why the ancient Orientals possessed such great wisdom. In their case, the astral body has not yet penetrated so deeply into the physical body and the etheric body.” — He would have developed an immense, profound respect for the wisdom of the ancient Orientals and would have said to himself: “Now the Orientals have simply been influenced by people who have a lot of bluish blood, and so it is no longer possible for them to bring their ancient wisdom to light.” — That is what a 12th-century ship’s doctor would have said.
[ 31 ] Ein Schiffsarzt des 19. Jahrhunderts wußte von dem ganzen, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, gar nichts mehr. Was sagte er sich? Er sagte sich: Nun ja, da ist die Wärme. Die bewirkt Verbrennung. Eine stärkere Wärme bewirkt stärkere Verbrennung. Also verbrennt das Blut stärker, wenn man in der heißen Zone ist. — Und er fand das Gesetz von der Wärmeverwandlung in Kraft, das eine so große Rolle in der heutigen Physik spielt, ein ganz abstraktes Gesetz. Das andere interessierte ihn alles gar nicht. Er findet das Gesetz, das in der Dampfmaschine zum Beispiel eine große Rolle spielt, wo Wärme in Arbeit verwandelt wird. Und er sagte: Ich sehe daran, daß da rotes Blut herauskommt, daß einfach der Organismus in der heißen Zone stärker arbeitet, daher mehr Wärme erzeugt. — Also etwas ganz Maschinelles findet jetzt der Julius Robert Mayer.
[ 31 ] A 19th-century ship’s doctor knew absolutely nothing about everything I have just told you. What did he tell himself? He said to himself: Well, there’s heat. That causes combustion. Greater heat causes greater combustion. So the blood burns more intensely when you’re in the hot zone.” — And he found the law of heat conversion—which plays such a major role in modern physics—to be in effect; a completely abstract law. He wasn’t interested in any of the rest at all. He discovered the law that plays a major role in the steam engine, for example, where heat is converted into work. And he said: “I can see from the fact that red blood is coming out that the organism simply works harder in the hot zone, and therefore generates more heat.” — So Julius Robert Mayer has now discovered something entirely mechanical.
[ 32 ] Sehen Sie, das ist der große Unterschied. Im 12. Jahrhundert noch hätte man gesagt: Das Blut ist dort röter, weil der Astralleib sich nicht so tief hineinsenkt. — Im 19. Jahrhundert wußte man von all diesem Geistigen nichts mehr und sagte einfach: Da wirkt der Mensch wie eine Maschine, und die Sache ist eben so, daß die Wärme mehr Arbeit erzeugt und dadurch wiederum mehr Wärme im menschlichen Organismus verwandelt wird. — Ja, meine Herren, das was da der Julius Robert Mayer als der große Gelehrte gemacht hat, das ist ungefähr die Denkweise aller Menschen der heutigen Zeit. Das ist so. Aber dadurch, daß der Mensch in dieser Weise nur denken und fühlen kann über das, was nicht mehr geistig ist, dadurch hat er den Zusammenhang verloren mit den anderen Menschen. Und höchstens noch, wenn er krank und schwach wird wie das Mädchen, von dem ich Ihnen erzählt habe, dann lebt er sich so in den anderen Menschen hinein, daß er mit seinen Gedanken sogar mitgeht in ein anderes Zimmer. Das ist natürlich ein groRer Unterschied! Gewiß, wir sind ja ungeheuer vorwärts gekommen und haben große Fortschritte gemacht, aber unser Menschentum hat nicht Fortschritte gemacht; das ist zurückgegangen. Wir reden vom menschlichen physischen Organismus nur noch wie von einer Maschine. Und selbst die größten Gelehrten wie Julius Robert Mayer reden von ihm nur noch wie von einer Maschine.
[ 32 ] You see, that is the big difference. In the 12th century, people would have said: The blood is redder there because the astral body does not sink in as deeply. — In the 19th century, people knew nothing of all these spiritual matters anymore and simply said: “There, the human being functions like a machine, and the fact is that heat produces more work, which in turn generates more heat within the human organism.” — Yes, gentlemen, what Julius Robert Mayer, that great scholar, did—that is roughly the way of thinking of all people today. That is how it is. But because human beings can think and feel in this way only about what is no longer spiritual, they have lost their connection with other people. And at most, when they become ill and weak—like the girl I told you about—they empathize so deeply with others that their thoughts even follow them into another room. That, of course, is a huge difference! Certainly, we have made tremendous strides and achieved great progress, but our humanity has not progressed; it has regressed. We now speak of the human physical organism only as if it were a machine. And even the greatest scholars, such as Julius Robert Mayer, speak of it only as if it were a machine.
[ 33 ] Ja, meine Herren, wenn die Sache so weitergehen würde auf Erden, dann würde überhaupt alles Denken ein Chaos werden. Alle Schrecken und Katastrophen würden auftreten. Jetzt schon wissen die Menschen nicht mehr, was sie eigentlich machen sollen. Daher gehen sie an etwas heran mit aller Kraft und sagen: Ja, unsere Vernunft hält uns nicht mehr zusammen, da muß uns die Nationalität zusammenhalten. — Diese Nationalstaaten entstehen ja nur, weil die Menschen nicht mehr wissen, wie sie sich zusammenhalten sollen. Und das, meine Herren, daß man nichts mehr weiß von der geistigen Welt, das hat in Wirklichkeit das ungeheure Elend bewirkt — das andere ist die Äußerlichkeit —, das hat das ungeheure Elend bewirkt. Und zu sagen: Die Menschen haben das verdient, weil sie in ihrem früheren Leben Schlechtes getan haben —, das ist natürlich ein Unsinn, denn das ist nicht das Schicksal eines jeden einzelnen, sondern es ist das gemeinsame Schicksal jedes einzelnen. Aber es erlebt es jeder in diesem Leben. Denken Sie sich nur, wieviel Elend der Mensch im jetzigen Leben erlebt. Vom früheren Leben stammt es nicht her. Aber im nächsten Leben, da wird er die Folgen vom Elend von jetzt haben. Die Folge davon wird sein, daß er gescheiter sein wird und daß die Geistwelt in ihn eher hineingehen kann. So daß also das jetzige Elend schon für die Zukunft eine Erziehung ist.
[ 33 ] Yes, gentlemen, if things were to continue this way on Earth, then all thought would descend into chaos. All manner of horrors and catastrophes would occur. Even now, people no longer know what they are actually supposed to do. That is why they throw themselves into something with all their might and say: “Yes, our reason no longer holds us together; our nationality must hold us together.” — These nation-states arise only because people no longer know how to hold themselves together. And that, gentlemen—the fact that people no longer know anything about the spiritual world—is what has actually caused this immense misery—the rest is merely superficial—that is what has caused this immense misery. And to say: “People deserve this because they did wrong in their past lives”—that is, of course, nonsense, for this is not the fate of each individual, but rather the shared fate of every individual. Yet each person experiences it in this life. Just think how much misery a person experiences in this present life. It does not stem from a past life. But in the next life, they will face the consequences of the misery they are experiencing now. The result will be that they will be wiser and that the spiritual world will be able to enter them more readily. So the present misery is already a form of education for the future.
[ 34 ] Aber etwas anderes kann man daraus schließen. Denken Sie sich einmal, daß die Anthroposophie 1900 schon angefangen hat und wirklich sehr bekannt geworden ist. Aber die Menschen haben sich dagegen gestemmt und wollten nichts hören von der geistigen Welt. Nun, meine Herren, wenn Sie in früheren Zeiten einen Schuljungen hatten, der gar nichts hat lernen wollen — jetzt ist man davon abgekommen; ich will gar nichts sagen darüber, ob es richtig oder unrichtig ist —, dann hat man ihn richtig durchgebläut! Manche haben dann doch angefangen zu lernen. Es hat bei manchen geholfen. Ja, die Menschen haben nichts Geistiges lernen wollen bis 1914. Nun haben sie vom Weltenschicksal, vom gemeinsamen Schicksal die Prügel gekriegt dafür. Nun wird man sehen, ob die helfen.
[ 34 ] But one can draw a different conclusion from this. Just imagine that anthroposophy had already begun in 1900 and had actually become very well known. But people resisted it and didn’t want to hear anything about the spiritual world. Well, gentlemen, in the old days, if you had a schoolboy who didn’t want to learn anything at all—now we’ve moved away from that; I won’t say anything about whether it’s right or wrong—then you’d give him a good thrashing! Some of them did eventually start learning. It helped some of them. Yes, people didn’t want to learn anything spiritual until 1914. Now they’ve been punished for it by the fate of the world, by our shared destiny. Now we’ll see if that helps.
[ 35 ] Ja, das ist schon so, meine Herren, man muß das als ein gemeinsames Menschenschicksal ansehen! Denn, was ist geschehen? Sehen Sie, das Mädchen, von dem ich Ihnen erzählt habe, das hat mit den Gedanken ihrer Mutter gedacht. Die Menschen haben das Denken sich allmählich überhaupt ganz abgewöhnt und denken nur noch mit den Gedanken derjenigen, die sie als Autoritäten haben. Die Menschen müssen wiederum anfangen, jeder einzelne, selber zu denken, sonst werden sie, gerade wenn sie nichts wissen von der geistigen Welt, von ihr fortwährend beeinflußt, aber in schlechtem Sinne. Und dann kann man sagen: Man kann das schon, was als Elend über die Menschheit gekommen ist, richtig als Schicksalsprügel, möchte ich sagen, ansehen und noch daraus lernen. — Wenn man noch so viel Kongresse abhält, es hilft alles nichts. Die Leute, die mit dem heutigen Verstand die Mark stützen wollen, die werden bewirken, daß sie nachher um das Doppelte herabgeht, denn dieser Verstand, der ganz von der Erde ist, der ist nichts nütze, gar nichts. Wenn ein Körper nicht genügend Flüssigkeit in sich hat, so wird er sklerotisch, er verkalkt. Und wenn die Seele nichts von der geistigen Welt weiß, so kriegt sie zuletzt den Verstand, der nichts mehr nutz ist. Und diesem Schicksal geht die Menschheit entgegen, wenn sie nicht fortwährend Nahrung bekommt aus der geistigen Welt.
[ 35 ] Yes, that’s certainly true, gentlemen; one must view this as a shared human fate! For what has happened? You see, the girl I told you about—she was thinking with her mother’s thoughts. People have gradually lost the ability to think for themselves entirely and now think only with the thoughts of those they regard as authorities. People must once again begin—each and every one of them—to think for themselves; otherwise, precisely because they know nothing of the spiritual world, they will be constantly influenced by it—but in a negative sense. And then one can say: What has befallen humanity as misery can indeed be rightly regarded as a blow of fate, I would say, and we can still learn from it. — No matter how many conferences are held, it won’t help a bit. The people who want to prop up the mark with today’s kind of intellect will end up causing it to plummet by half, because this intellect, which is entirely of the earth, is of no use whatsoever. If a body lacks sufficient fluid, it becomes sclerotic; it calcifies. And if the soul knows nothing of the spiritual world, it eventually develops a mind that is no longer of any use. And humanity is heading toward this fate if it does not continually receive nourishment from the spiritual world.
[ 36 ] Also das einzig wirkliche Mittel ist, daß die Menschen sich zu interessieren anfangen für die geistige Welt. Sehen Sie, so muß man die Frage beantworten, die Herr Dollinger gestellt hat. Man muß die Dinge ein bißchen radikal ausdrücken, aber so sind die Zusammenhänge.
[ 36 ] So the only real solution is for people to start taking an interest in the spiritual world. You see, that is how one must answer the question Mr. Dollinger posed. One has to put it rather bluntly, but that is how the connections work.
[ 37 ] Ich muß nächste Woche nach Stuttgart fahren, aber ich komme sehr bald wieder zurück. Ich lasse Ihnen die nächste Stunde ankündigen.
[ 37 ] I have to go to Stuttgart next week, but I'll be back very soon. I'll have my next appointment announced to you.
