Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
1 Dezember 1907, Nürnberg
33. Die Naturwissenschaft am Scheidewege
[ 1 ] Mehr als in einer noch so weisen Gelehrsamkeit enthüllt sich uns oftmals in einfachen Mythen und Sagen eine tiefe, tiefe Weisheit und Wahrheit. So scheint es, als ob eine urewige Wahrheit der Menschenbrust an unsere Seele heranspräche, wenn wir ein sehr einfaches, aber tief ergreifendes mongolisches Märchen vernehmen. Dieses Märchen heißt etwa so: Es ist eine alte Frau. Diese alte Frau hat nur ein einziges großes Auge oben am Kopf, sonst keine Augen, mit denen sie sehen könnte. Sie geht alle möglichen Wege durch die Welt, und alles, was ihr am Weg begegnet, hebt sie auf, jeden Stein, jede Pflanze, alles, alles; und dann führt sie das, was sie so aufhebt, zu ihrem einzigen Auge, um es zu besehen, und wenn sie es besehen hat, drückt sich etwas wie ein ungeheures Entsetzen in ihrem Gesicht aus. Dann wirft sie den Gegenstand weit von sich. Diese Erzählung sagt uns weiter: Diese alte Frau hat einstmals ihr einziges Kind verloren, und nun sucht sie überall in der Welt nach diesem einzigen Kind und glaubt, in jedem Stein, in jedem Gegenstand, der ihr begegnet, dies Kind zu finden. Hat sie einen Gegenstand wiederum zum Auge gehoben und ist sie wiederum gewahr geworden, dass das nicht das ist, was so tief zu ihr gehört, dann malt sich Enttäuschung auf ihr Gesicht, und sie wirft den Gegenstand weg.
[ 2 ] Nun könnten wir, wenn wir Märchen und Sagen deuten wollten, gerade in diesem Märchen, das in ursprünglichsten Volksgemütern lebte, eine tiefe Weisheit finden. Das wollen wir jetzt nicht. In solchen Märchen kann man ja viele, viele Deutungen finden; aber es scheint uns, als ob uns dieses Märchen ausdrückt eine Sehnsucht in eines jeden Menschen Brust. Ein jeder Mensch, wenn er sich klar und deutlich über seine tiefsten Seelenwerte wird, fühlt, wie er etwas in aller Welt suchen muss, etwas, was am tiefsten verwandt ist mit dem Innersten seiner Seele, von dem er glauben muss, dass es in jedem Stein, in jedem Wesen sich ankündigen könne. Und ein jeder Mensch fühlt, dass er das, was er eigentlich sucht, nicht mit den äußeren Augen sehen und unmittelbar wahrnehmen kann. Ein jeder Mensch fühlt in sich ein höheres geistiges Auge, mit dem er durch die Welt wandelt, und er ahnt, dass das, was den äußeren Sinnen begegnet, nur die Ausdrucksmittel sind für etwas, was dahinter lebt, und so geht er in der Welt herum wie jene Frau und sieht jeden Gegenstand an. Solange er nur mit den äußeren Sinnen ihn betrachtet, gibt [dies]er ihm etwas, das, wenn er es an das Auge seiner Sehnsucht hält, ihn tief enttäuscht. Und er wirft ihn weg, sich sagend: Wieder, wieder nicht dasjenige, was ich fühle, was in allen äußeren Dingen leben muss. Denn es ist ja der Geist hinter allen sinnlichen physischen Wesen, den der Mensch unabänderlich und immerwährend sucht, der Geist, von dem er weiß, dass er in seinem Innern lebt, und von dem er weiß, dass er ihn irgendwie finden müsse auch hinter den äußeren Gegenständen. Es ist die Geisteswissenschaft, welche den Menschen hinweist auf das, was hinter den sinnlichen Dingen ist und was seinen geistigen Blick wirklich befriedigen kann.
[ 3 ] Diese Geisteswissenschaft hat, wenn man die Dinge objektiv betrachtet, bis heute, trotz ihres kurzen Lebens, in den letzten Jahrzehnten eine ziemlich weite Verbreitung innerhalb der Gebildeten unseres Erdkreises gefunden. Dennoch sind bei vielen Menschen, die sich mit dieser Sache nur oberflächlich befassen, die merkwürdigsten Vorurteile im Umlaufe. Da hören wir immer: Diese Theosophie will nichts anderes, als irgendeine orientalische Weltanschauung hereinverpflanzen nach Europa. Wir hören, dass sie eine Sekte sei, dass sie zum krassesten Aberglauben führe.
[ 4 ] Von alledem ist nicht eine Spur der Wirklichkeit entsprechend. Es erfordert aber allerdings, dass der Mensch der Gegenwart sich tiefer und tiefer einlasse auf diese Geisteswissenschaft, wenn er sehen will, was sie dem Menschen zu geben imstande ist. Gibt sie wirklich das Geistige, befriedigt sie die charakterisierte menschliche Sehnsucht, so ist sie mehr, als was die bloße Neugierde befriedigen kann. Sie ist etwas, was der Mensch braucht zu seinem Leben. Sie gibt dem Menschen wieder Klarheit, dass im Geist der Ursprung, der Keim, der Quell von allem, auch vom Physischen ist, und wenn das der Fall ist, dann gibt sie mit dem Geist dem Menschen zu gleicher Zeit Kraft, Quellen des Lebens überhaupt. Die, die sich tiefer auf sie einlassen, finden das im vollsten Maße.
[ 5 ] Nichts ist so fundamental, so bedeutsam für diese Geisteswissenschaft als der Satz, dass auch das Geistige in uns, dass unsere Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Tatsachen sind, die eine tiefe Wirkung und Bedeutung für das äußere Leben haben. Wenn wir das speziell anwenden, wenn wir eines herausgreifen, so können wir sagen: Wahre, echte Gedanken des Geistes geben dem Menschen Zufriedenheit, innere Harmonie. Innere Harmonie, Zufriedenheit bedeuten aber, wenn der Geist wirklich Kraft ist, in ihrer Wirkung auf den physischen Organismus Gesundheit, während der Zweifel die Abgeschlossenheit von der geistigen Welt dem Menschen innerlich Unsicherheit, Hoffnungslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit gibt. Es nagt an seinem tiefsten Wesen. Und weil Gedanken Tatsachen sind, wirken der Zweifel, die Hoffnungslosigkeit so auf seine Gesundheit, dass sie diese schwächen. Das ist zunächst eine Behauptung. Allein, wer sich tiefer einlässt, der wird sich von ihrer Stichhaltigkeit nach und nach überzeugen können.
[ 6 ] Nun gibt es heute mannigfache Hindernisse, wenn der Mensch an diese Geisteswissenschaft herankommen will. Wer selbst in dieser Geisteswissenschaft steht, ist keineswegs, wenn er unbefangen die Dinge betrachtet, geneigt, die schweren Hindernisse, die dem Menschen entgegenstehen, wenn er zum Verständnis der Geisteswissenschaft kommen will, zu unterschätzen. Unter diesen mannigfaltigen Hindernissen ist nun etwas, was gerade zusammenhängt mit den größten Fortschritten, bedeutsamsten Errungenschaften unseres Zeitalters, mit der Naturwissenschaft. Aber nicht mit den naturwissenschaftlichen Tatsachen! Denn zu behaupten, dass Geisteswissenschaft, überhaupt ein Wahrheitsstreben mit den naturwissenschaftlichen Tatsachen in Widerstreit kommen könnte, ist Wahnsinn. Tatsachen sind Tatsachen. Und es kann nichts geben, was irgendwie mit den naturwissenschaftlichen Tatsachen in Widerstreit kommt.
[ 7 ] Aber es handelt sich noch, wenn wir heute von Naturwissenschaft reden, für die meisten, die sich anlehnen an diese Naturwissenschaft, nicht bloß um Tatsachen, sondern vielmehr um ein Bekenntnis, um eine Art Glauben, der aus der Naturwissenschaft gewonnen worden ist. Und insbesondere sind es die letzten Sechziger- und Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts gewesen, welche nach und nach für viele eine Art wissenschaftliches Bekenntnis heraufgebracht haben. Es drückt sich dieses Bekenntnis darin aus, dass es viele Leute gibt, die sagen, von Geist, von einem göttlich-geistigen Hintergrund zu sprechen, sei dem heutigen Menschen unmöglich; von Geist oder Seele haben kindlich-phantastisch verflossene Zeitalter gesprochen. Für die heutige, reif gewordene Menschheit ist es unmöglich, von diesem Dingen zu sprechen, denn die naturwissenschaftlichen Tatsachen zwingen zu anderem. Und dasjenige, was als solche naturwissenschaftliche Religion sich heute verbreitet und mehr und mehr Anhänger gewinnt, nimmt das Vorstellungsleben vieler in solchem Umfange gefangen, dass es einfach wahr ist, dass viele, die in dieser Befangenheit sind, das, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, einfach für baren Unsinn, für Träumerei ansehen müssen.
[ 8 ] Begreifen muss der Geisteswissenschafter, um was es sich hier handelt. Wir können Folgendes durchaus erleben. Der Geisteswissenschafter tritt auf mit dem, was er glaubt, sagen zu können aus der treuen Beobachtung der geistigen Welt heraus, mit mannigfaltigen Lehren über das, was jenseits des physisch Wahrnehmbaren liegt. Zu Ihnen ist ja hier oftmals von diesen Dingen gesprochen worden, gesprochen worden von dem, was wir die höheren Glieder der Menschennatur nennen, von dem Schicksal des Menschen zwischen Tod und Wiedergeburt, von anderen Welten als der physischen. Was da gesagt wird, muss auf viele, die sich heute bekennen zu einer Art naturwissenschaftlicher Glaubenslehre, wie eine Phantasterei, wenn nicht wie etwas viel Schlimmeres erscheinen. Und heute ist unsere Betrachtung gewidmet im speziellen dieser Tatsache, der Tatsache: Was muss eigentlich jemand, der im Laufe der letzten sechzig Jahre aus dem, was nicht die naturwissenschaftlichen Tatsachen ganz unmittelbar geben, was sich aber entwickelt hat aufgrund derselben und sich zu dem bekennt, was muss er von der Theosophie oder Geisteswissenschaft denken, oder was kann er leicht davon denken?
[ 9 ] Bevor wir auf diese Stellung der Zeitgenossen, die ein naturwissenschaftliches Bekenntnis zu haben glauben, eingehen, müssen wir charakterisieren, worauf es für die fraglichen Punkte der Geisteswissenschaft ankommt. Der Geisteswissenschaft kommt es darauf an, in allem zu zeigen, dass der Geist das Ursprüngliche, die Materie das Abgeleitete, das ist, was als Wirkung des Geistes auftritt. Stoff, Materie, Sinnlichkeit ist für den Geistesforscher also auch Geist, aber wie Geist in anderer Form. Nehmen Sie einmal ein Kind. Das kommt zu Ihnen mit einem Stück Eis. Sie sagen zu dem Kind: Dies ist Wasser, wirkliches Wasser, nur in anderer Form. - Das Kind wird sagen: Ja, dies Eis ist doch nicht Wasser! — Da werden Sie sagen: Wenn du dich bekannt machst mit der Natur des Eises, dann wirst du es schon verstehen. So wird der Geisteswissenschafter, wenn jemand Materie, irgendetwas Sinnliches vor sich hat, sagen: Das ist Geist in anderer Form. - Da wird der Materialist sagen: Das ist doch Materie. Und der Geistesforscher wird, ebenso wie Sie dem Kinde antworten, sagen: Du musst dich erst bekannt machen, inwieferne Materie in anderer Form als Geist erscheint.
[ 10 ] Und dies, was so in ganz abstrakter Weise jetzt vor Ihre Seele hingestellt worden ist, das sucht Geisteswissenschaft in den Einzelheiten klarzulegen, zum Beispiel zu zeigen, dass das, was Sie als sinnlichen Menschen erkennen, mit den Augen sehen, Händen tasten, dass dieser äußere stoffliche Mensch nichts anderes ist als das Ergebnis eines geistigen Menschen. Wie das Eis Wasser in anderer Form ist, so ist der physische Mensch ein geistiger Mensch in anderer Form.
[ 11 ] Nun müssen wir ja natürlich, wenn wir heute in ein paar Strichen so etwas hinstellen, auf das, was in anderen Vorträgen gesagt worden ist, erinnern. Für die, die diese Vorträge nicht gehört haben, ist es schwer. Diese Geisteswissenschaft zeigt, dass, wenn Sie aus der Gegenwart immer weiter und weiter in der Zeit zurückgehen, Sie andere Formen im Laufe der Entwicklung finden, immer einfachere und einfachere äußere physische Menschenformen. Diese physischen Leiber des Menschen würden Ihnen, wenn Sie weit genug zurückgehen würden, immer einfacher erscheinen, bis, wenn Sie weit genug zurückgehen würden, Sie ganz einfache, primitive Menschenformen finden würden. Aber je weiter Sie zurückgehen, je primitiver die physischen Formen werden, desto mehr finden Sie mit dieser physischen Form eine überphysische, eine unsichtbare Menschenform verknüpft. Und wenn Sie noch weiter zurückgehen in die Zeiten, wo der physische Mensch immer kleiner und kleiner wird, wird der physische Leib unscheinbar, aber der geistige Mensch ist da, und der ist der Erzeuger dieser physischen Menschenform. Und wenn Sie noch weiter zurückgehen, dann verschwindet die Menschenform ganz, und Sie kommen zum ursprünglichen Menschen, aus dem heraus der physische sich geballt hat. Der ist ein geistiger Mensch.
[ 12 ] Versinnbildlichen wir uns einmal, wie die Bildung des Menschen jetzt geschieht, durch einen Vergleich. Nehmen Sie einmal eine gewisse Menge Wasser. In dieser lassen Sie eine kleine Menge darin zu Eis erstarren. Dann ist in der Mitte eine kleine Menge Eis und ringsherum Wasser. Jetzt lassen Sie mehr erstarren. Dann haben Sie eine kompliziertere Eisform. Wenn schon weniger Wasser als früher da ist, dann ist das Wasser zu Eis zusammengefügt. Je mehr Wasser zu Eis erstarrt, desto weniger Wasser bleibt übrig. Immer mehr und mehr Eis soll entstehen, bis wir so weit gehen, dass wir fast das ganze Wasser zu Eis haben erstarren lassen, sodass, was früher Wasser war, nunmehr in der harten, greifbaren Form des Eises zum Ausdruck kommt.
[ 13 ] So etwa müssen wir uns, wenn wir uns an den Vergleich halten, die Entwicklung des Menschen vorstellen. Nur das Wasser können wir noch sehen, den geistigen Menschen können wir nicht mehr sehen. Aus ihm fängt an zu leuchten die erste primitive, ursprüngliche Menschenform, die auf der niedrigsten Organisationsstufe steht. Ringsherum ist dieser geistige Mensch, er verdichtet sich. So geht es weiter bis heute. Unser heutiger Mensch, wie er vor uns steht, ist aus dem geistigen Menschen in das Physische herein gebildet worden. Immer stofflicher geworden ist die geistige Form. Der heutige Mensch ist der Ausdruck, die Offenbarung des unsichtbaren Menschen, der sichtbar geworden ist.
[ 14 ] Jetzt nehmen wir eine andere Gedankenreihe auf, nehmen an, wir hätten nicht einen solchen Wasserklumpen erstarren lassen, sondern eine Anzahl, Wir hätten den einen erstarren lassen auf allererster Stufe, dann hätten wir ihn herausgenommen. Er bleibt nun so, wie er war, und zeigt uns die Stufe der Entwicklung, die in einer gewissen Phase da war. Nun hätten wir einen zweiten Klumpen erstarren lassen, auf höherer Stufe. Wir nehmen ihn dann heraus. Er bleibt, wie er ist. Ein dritter ebenso. Schließlich können wir jetzt hinstellen die ganze lange Entwicklungsreihe, wo mehr und mehr Wasser zu Eis erstarrt, bis zuletzt ein Punkt erreicht ist, wo nur ein Eisklumpen da ist. Wir haben Eisstückchen, die verloren haben die Möglichkeit, noch anderes Eis anzusetzen, weil wir es vom Wasser abgetrennt haben. So, sehen Sie, stellt man sich im Sinne der Geisteswissenschaft die Entwicklung des Menschen vor in seinem Verhältnis zur Tierwelt.
[ 15 ] Einstmals gab es einen geistigen Menschen; er hat sich ursprünglich primitive Körper herausgebildet. Der Teil, der den geistigen Menschen mitbehielt und weiterentwickelte, der gelangte herauf bis zur heutigen Menschheit. Da aber, wo sich eine Entwicklungsstufe herausriss, blieb sie stehen. So riss sich einmal auf der ersten Stufe, als der geistige Mensch die primitive Form herausgebildet hatte, eine kleine gallertartige Kugel heraus, blieb übrig wie jenes Stückchen Eis und bildete die heutigen niedrigsten Tiere. Ihnen ist die geistige Grundlage verloren gegangen. Auf späterer Stufe blieben wieder Wesen zurück, die Würmer. Später wieder andere, die Fischform, später Amphibien und so weiter, bis endlich in einer Zeit, die für den Geistesforscher nicht lang ist, das Affengeschlecht sich herausgehoben hat aus dem Geist, sodass es nicht mehr mitgehen konnte. Der Mensch ist hinausgeschritten auch über diese Stufe.
[ 16 ] So können Sie niemals sagen, dass von irgendeiner jetzt vorhandenen Form sich der Mensch ableitete. Vielmehr ist es umgekehrt: Die Formen draußen, die überall Sie umgeben, diese Formen stellen uns Entwicklungsepochen vor, die der Mensch überwunden hat, weil er bei sich selber den ursprünglichen geistigen Menschen behielt, weil er nicht herausriss, was physisch geworden ist, aus dem Geist. Wenn der Mensch so hinaussieht in die Umgebung, dann sagt er sich: Ich bin der Erstling in unserer Entwicklungsreihe; damals, als noch nicht die ursprünglichsten Tiere da waren, war ich schon da. Ich habe alle diese Stufen durchgemacht; meine Etappen sehe ich in meiner Umgebung.
[ 17 ] So denkt der Geistesforscher über die Entwicklung des Menschen, der als Geistmensch heruntergestiegen ist aus dem Schoße der Gottheit, der weitergeschritten ist, während die Tiere abbröckelten, auf früherer Stufe haben zurückbleiben müssen, denn sie haben den Quell verloren. Da sehen wir, wenn wir irgend physische Wesen ansehen, wie sie aus dem Geist heraus gebildet sind.
[ 18 ] Aber der Geistesforscher geht weiter. Er sieht in allem, was um ihn herum ist, nicht nur in den Lebewesen, in allem Stofflichen sieht er gleichsam erstarrten Geist. Die Atome sind nichts anderes als erstarrter Geist. Für ihn ist das Geistige das Ursprüngliche, das Materielle das Abgeleitete. Wenn wir draußen einen Stein sehen, wie ist er zu denken? So, dass selbst dieser Stein verdichteter Geist ist.
[ 19 ] Diese Anschauung hat nichts zu tun mit der extremen Anschauung, die etwa die Materie leugnen wollte. Dadurch, dass man alle Materie zurückführt auf Geist, leugnet man sie nicht, denn es kommt beim Dasein nicht darauf an, dass man Geist nicht sieht, sondern dass man die Wirkung gewahr wird. Freilich haben die verdichteten Geister in der Materie andere Eigenschaften als die geistigen Wesen selber, das ist klar; man muss diese Dinge nur zu Ende denken. Gegen diese Grundtatsache der Geisteswissenschaft richten sich nun die Bekenntnisse, die seit den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts aus der Naturwissenschaft sich herausgebildet haben, die nur das Sinnliche als das Ursprüngliche gelten lassen und den Geist nicht anerkennen wollen.
[ 20 ] Wer erinnert sich denn nicht an die zwei anderen Gedankengänge, die einem entgegentreten in der heutigen Welt, wenn das, was nun gesagt worden ist, angeschlagen wird! Wer erinnert sich nicht an das, was heute als monistische Entwicklungslehre auftaucht, wobei die mit den Menschen verwandten Tiere nicht so aufgefasst werden, dass sie sich abgespaltet haben, sondern so, als wenn ursprünglich nur die niederen Tiere vorhanden gewesen wären, sodass der Mensch das zusammengesetzte Produkt aus den Einzelbausteinen der Tiere ist? Es wird hingewiesen darauf: Einstmals war nur einfacher Organismus vorhanden. So sollte sich nun im Sinne der andern Entwicklungslehre ein höheres Wesen entwickelt haben bis herauf zum Menschen. So wäre der Mensch dann einfach aus dem niederen Tierwesen seiner ganzen inneren Bedeutung nach entstanden.
[ 21 ] Und wer erinnert sich nicht an das andere, was gesagt wird? Sehen wir einen Gegenstand an, wie er uns entgegentritt. Woraus besteht er? Aus kleinsten Stoffteilen, Molekülen, Atomen, sagt man. Und diese kleinsten Stoffteilchen sind das einzig wahrhaft Wirkliche. Alle Wesen sind nur entstanden durch Zusammenwirkung dieser [Stoffteilchen]. Diese zwei Dinge stehen für viele Menschen heute so fest, sind so suggestive Begriffe, dass viele Menschen mit andern Dingen überhaupt keinen Sinn verbinden können. Ihnen muss man gerecht sein. Diese zwei Vorstellungsreihen hängen zusammen mit den fruchtbarsten Entwicklungsgängen des neunzehnten Jahrhunderts.
[ 22 ] Wir wollen nicht weit zurückgehen, aber wir werden uns erinnern an zwei Fundamentaltatsachen der Naturwissenschaft, Tatsachen, die miteinander verwandt sind, die beiden großen Errungenschaften von Schleiden und Schwann. Schleiden kam in seinen Untersuchungen über die Pflanze darauf, dass sie aus kleinsten Teilen besteht, den Zellen, dass jeder Pflanzenkörper zusammengesetzt ist aus Zellen, kleinsten Lebewesen, sodass von da aus der Gedanke Platz greift: man hat eigentlich die Pflanze studiert, wenn man die Natur der Zelle studiert hat, denn diese sind das eigentlich Wirkliche. Die Pflanze ist nur eine Zusammensetzung aus ihnen. Als Schwann für das Tierreich dasselbe fand, da war auch diese Anschauung, dass man ein Wesen erkennen kann, wenn man die Teile, aus denen es sich zusammensetzt, studiert, maßgebend für das Tierreich. Die Wunder, die sich der mikroskopischen Forschung auftaten, waren bewundernswert. Was dadurch gefunden worden ist, ist etwas Großes und Gewaltiges. Aber es kamen noch andere Dinge. Es kamen die großen Entdeckungen auf dem Gebiete der Chemie, Physik, Biologie.
[ 23 ] Nur an Einzelnes will ich erinnern: Wie Darwin einen großen Eindruck gemacht hat, als er die Verwandlungsfähigkeit bei den Tierwesen und Pflanzenwesen zeigte. Mit ungeheurem Fleiß und großer Wissenschaftlichkeit hat er Tatsachen zusammengestellt, die die Verwandtschaft der Tiere und Pflanzen klarlegten, bis herauf zum Menschen. Wir brauchen nur daran zu erinnern, wie durch die Spektralanalyse der Mensch nun imstande war, hinauszuschauen in die Himmelsräume, um zu finden, dass die Stoffe der Himmelskörper dieselben sind wie die unserer Erde. Die Entdeckungen von Kirchhoff und Bunsen, die die Zusammensetzung des Weltenalls enthüllten, mit Recht nennt man sie groß. Das waren aber ebenso sehr Tatsachen, die diese Menschengeister an das Stoffliche fesselten.
[ 24 ] Derjenige, der noch etwas zurückschauen kann in die Entwicklung des Geisteslebens, weiß, wie das geschehen ist, wie man vor Schleiden und Schwann versucht hat, durch Aufwendung von Geisteskräften die ganze Pflanze zu begreifen, wie man sich dann klar wurde, dass man den Urorganismus in dem immerhin noch sinnlich wahrnehmbaren Zellenorganismus vor sich hat. Das Auge hat so Wunderbares erobert, dass der Mensch glaubte, es gäbe außerdem nichts mehr. Durch eine solche Sache wie die Spektralanalyse musste der menschliche Geist an den Stoff gebunden werden. Er hatte hineingeschaut in die stofflichen Ereignisse des Weltenalls. Da war es nicht zu verwundern, dass er vergaß, dass drinnen auch Geist ist, sodass gerade diese Eroberungszüge am Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Atomismus erzeugten, die Anschauung erzeugten, dass man nur bis zum kleinsten Stofflichen und immer Kleinerem gehen brauche, und die Erklärung im kleinsten Stofflichen finde.
[ 25 ] Wenn das bloß Theorie geblieben wäre, dann hätte das keine so große Bedeutung gehabt für den Geistesweg der Menschheit. Das konnte es aber nicht bleiben. Bei jenen kühnen Geistern des neunzehnten Jahrhunderts, die ohne Verschämtheit sich zum krassen Materialismus bequemten, sehen wir, wohin solches an den Stoff gebundene Denken führen muss. Da haben wir solche Geister wie Büchner, Moleschott und so weiter. Heute wird schon viel über sie geschimpft, das ist aber eine Halbheit, nicht die Ganzheit. Man sagt, man wäre über sie hinaus. Man lässt die krassesten Behauptungen fallen, steht aber auf demselben Boden wie sie. Man sieht nicht, dass der Boden nur konsequenter ausgestaltet worden ist.
[ 26 ] Erst die Geisteswissenschaft ist dazu berufen, das zu überwinden. Wir brauchen nur zu erinnern an so etwas, was Carl Vogt ausgesprochen hat, dass die Gedanken Ausschwitzungsprodukte des Gehirns seien wie irgendwelche andern Vorgänge beim Stoffwechsel. Wie die Nieren gewisse Stoffe ausschwitzen, so die Bewegung der Gehirnteilchen die Gedanken. So etwas kann nicht Theorie bleiben, wenn es geglaubt wird. Ist das der Fall, sind die Gedanken, die Empfindungen des Menschen Erzeugnisse der stofflichen Bewegung der Gehirnteile, dann schwindet mit dem Tode, wo die Stoffe, die den Menschen zusammenfügen, sich auflösen, alle innerste Wesenheit des Menschen dahin, dann ist nicht die Spur einer Möglichkeit, zu sprechen von geistigen und seelischen Wesenheiten, die den Menschen überdauerten. Sind die kleinsten stofflichen Teile das Wesentliche, dann ist die Denkungsweise Vogts konsequent, dann legt man den Menschen ins Grab, er zerfällt, und nichts darf von ihm übrig bleiben. Diese Konsequenzen haben diese Denker gezogen und waren im Grunde genommen viel konsequenter als manche, die damals Idealisten sein wollten und die in ihrem Innern eigentlich materialistisch gedacht haben. Charakteristisch für die Art und Weise, wie damals die Denkungsart angefressen war vom Materialismus, war ein Streit zwischen Vogt und einem Münchner Gelehrten, der an Seele und Geist festhielt und Artikel veröffentlichte in einer Münchner Zeitschrift, in denen er gegen Vogt auftrat. Wagner hieß dieser Mensch; und Vogt hat ein geistvolles Büchelchen gegen ihn geschrieben. Es war ein Leichtes, den Mann mit der spirituellen Glaubenslehre und der materialistischen Art zu denken, zu widerlegen. Denn wie stellte sich jener Wagner den Übergang der Seele von den Eltern auf die Kinder ungefähr vor? So, wie wenn ein Maß in Achtel zerfällt. Das heißt, an einen Seelenstoff glauben, gerade so, wie wenn man ihn abwiegen könnte. So etwas war leicht zu widerlegen. Darauf kommt es an; nicht, ob man eine Glaubenslehre hat, die spirituell ist, sondern ob man sich wirklich in den Geist hineinleben kann. Das konnten die, welche damals spirituell glaubten, nicht. So fest hielten die materiellen Errungenschaften von damals sie in dem Bann, dass nach und nach alles um uns für die Menschen ein Ausdruck wurde der Bewegung der kleinsten materiellen Teile.
[ 27 ] Auf dem Gebiete der Lebewesen war man nicht zufrieden mit den Zellen, sondern man setzte sie aus Atomen zusammen. Das Leben war nunmehr nur ein komplizierter Bewegungsvorgang kleinster Teile. Komplizierte Bewegung war dann die Bewegung in unserem Gehirn; und das, als was sich diese Bewegung darstellte, waren die menschlichen Gedanken und Empfindungen. Und selbst die, die erst vor zwanzig, dreißig Jahren in diesem Gebiet Physik, Physiologie studiert haben, die haben etwas erlebt, was jetzt seltener geworden ist, das, was man Zurückführung aller Erlebnisse nennt auf Vorgänge bewegter Atome. Man sagte: Außer uns gibt es nur Stoff. Was nennt ihr Farbe? Sie ist nichts anderes als eine gewisse Bewegung der Atome, welche schwingen. Die Schwingungen kommen an das Auge heran. Die eine Schwingungsform, die eine Geschwindigkeit erscheint uns als Rot, die andere als Blau, die dritte als Grün. Rot, Blau und Grün sind nichts anderes als subjektive Eindrücke dessen, was draußen existiert. Und da draußen sind nur Schwingungsvorgänge in den kleinsten Ätherteilchen. Wendest du dein Auge hin, sodass, was draußen schwingt, an dich herankommen kann, so kommt dir das zum Bewusstsein in dem Eindrucke Rot, Blau oder Grün. Wendest du dich weg, dann ist nichts anderes vorhanden als ein schwingender Vorgang.
[ 28 ] Da wurden die Studenten gequält mit der mechanischen Wärmetheorie. Das, woran man sich die Finger verbrennt, ist nichts anderes als ein subjektiver Eindruck. Objektiv vorhanden sind die schwingenden Atome. Sie denken sich in einem Gefäße Milliarden kleinster Kügelchen eines gasförmigen Körpers. Die schwingen durcheinander, bewegen, stoßen sich, prallen an die Wände und wieder zurück. Diese ungeheure in sich gegliederte Bewegungsform stellt dar, was sich als Wärmeeindruck kundgibt, wenn man die Hand hinlegt. Außer uns ist nichts von dem, was wir erfahren, sondern nur Bewegung kleinster Teile. Wärme gibt es nicht, Licht gibt es nicht, nur Bewegung kleinster Teile. Keine Elektrizität gibt es, sondern nur Bewegung von Atomen. So waren die Atome für jene Leute das einzig Wirkliche, absolut Bestehende geworden. Wenn wir einen Menschen vor uns haben und ihn zuletzt zergliedern, dann ist alles, was wir an ihm sehen, ein subjektiver Eindruck. Der Mensch vor uns ist nichts Weiteres als ein ungeheuer komplizierter Bewegungsvorgang. Was bleibt, sind die Atome, die, wenn der Mensch stirbt, in andere Bewegungsvorgänge übergehen und neue Gruppen bilden. Das Ewige, das Unvergängliche wurde das Atom!
[ 29 ] Nun hatte die Chemie eine Anzahl von Stoffen gefunden, etliche 70. Diese Stoffe zeichneten sich dadurch aus, dass man sie zunächst nicht weiter in einfachere zerlegen kann. Wasser kann man zerlegen; Sauerstoff nicht mehr, also ist er ein einfacher Stoff. Was war solch ein einfacher Stoff? In ihrer Art waren sie etwas Ewiges; aber wie ewig? Jedes Element repräsentiert den Zusammenhalt von kleinsten Teilen. Die waren im Weltenall in der verschiedensten Weise durcheinandergewürfelt, hier einfacher, dort komplizierter. Aber immer nur war die Welt die Ineinanderwürfelung der 72 verschiedenen «ewigen» Elemente. Die waren das einzige Wirkliche. Höchstens noch die Kräfte ließ man gelten. Für die materialistisch Denkenden muss der Satz gelten: Ein Ewiges ist das einzelne Atom. Das muss dagewesen sein seit Urzeiten und muss dableiben in Urzeiten hinein, das ist das Ewige. Das gleichgültige Atom, das bewusstlose Atom, das ist es, was der ursprüngliche Baustein ist. Und es war, wenn alles nur die Durcheinanderwürfelung von Atomen darstellt, nur konsequent, alles Übrige anzusehen als Schein und Dunst, als Wesenloses, das aufsteigt wie ein Nebel. Das ist eine Vorstellung, die mit großer suggestiver Gewalt wirkt. Es hat immer Leute gegeben, welche wussten, was für eine Ungeheuerlichkeit es ist, auf diese Weise die Ewigkeit des Stoffes als den Grundstein aller Weltanschauung zu behaupten. Gewisses Aufsehen hat es gemacht, als auf einer Naturforscherversammlung Du Bois-Reymond sein «Wir können nicht wissen» sprach. Was wollte er damit sagen? Er sagte: Ja, nehmt einmal an, ihr hättet es so weit gebracht, dass ihr wüsstet, wenn ihr einen Gedanken hegt, wie sich die Atome in eurem Gehirn bewegen, habt ihr dann etwas anderes begriffen als Bewegung? Habt ihr begriffen, warum sich gewisse Atome so und andere so bewegen? Was ihr da innerlich erlebt: Ich sehe Rot, ich rieche Rosenduft? — Er hatte angeknüpft an einen Ausspruch von Leibniz: Von gewissem Gesichtspunkte aus ist das Gehirn eine Stoffzusammensetzung von Atomen. - Nehmen wir an, sagt Du BoisReymond, wir könnten seine Zusammensetzung sehen, nehmen wir an, das Gehirn wäre so riesengroß, dass ihr darin herumspazieren könntet, dass ihr den ganzen Mechanismus des Gehirns verstündet. Denkt euch, es versuche einer zu verstehen: Wenn da eine solche Bewegung ist, was eigentlich dieser Mensch, dem das Gehirn gehört, während dieser Bewegung erlebt in seiner Seele, ob, wenn sich die Teile so oder so bewegen, er die oder die Empfindung hat! Bewegungen sehen wir, mechanische Vorgänge sehen wir! Niemals können wir den Übergang von diesem mechanischen Vorgang zu den inneren Erlebnissen der Seele wahrnehmen.
[ 30 ] Du Bois-Reymond verstieg sich noch weiter. Er sagte: Wenn nun ein Mensch schläft und ihr untersucht jetzt die Bewegungen seines Gehirns, da ist im Menschen nicht die Tatsache vorhanden: Ich sehe Rot, ich rieche Rosenduft. Diesen schlafenden Menschen könne man begreifen, meinte er. Sobald er aber aufwacht, da hört das naturwissenschaftliche Begreifen aus dem Mechanismus heraus auf.
[ 31 ] Das war etwas, wo die Theosophie oder Geisteswissenschaft wie zum Fenster der Naturanschauung hereinschaute. Der Geistesforscher zeigt ja, dass, wenn wir schlafen, im Bett physischer und Ätherleib liegen und außerhalb desselben der Astralleib mit dem Ich ist, dass der geistige und der seelische Mensch herausgehoben sind aus dem physischen Leibe. Was übrig bleibt, findet Du Bois-Reymond erklärbar. Allerdings liegt darin noch ein Fehler: Das Leben wurde übersehen. Sehen Sie, hier haben Sie den ersten Vorposten der Theosophie, aber zu gleicher Zeit etwas, was die Trostlosigkeit einer solchen naturwissenschaftlichen Anschauung ausdrückt: Wir werden nicht wissen, sagt Du Bois-Reymond. Wenn es auch wahr ist, dass man nicht begreifen kann, so gibt es doch niemals eine andere Erklärung als die aus den Bewegungen heraus. Das bedeutet den Verzicht auf jede Erklärung des Geistes.
[ 32 ] Da ist eine andere Sache. Ein Chemiker, Ostwald, sprach auf der Naturforscherversammlung in Lübeck von seinem chemisch-physikalischen Standpunkte aus über die Überwindung des Materialismus. Er zeigte, dass es keinen Sinn hat, von Stoff zu sprechen. Einen derben Vergleich machte er. Wenn jemand mit einem Stock auf einen andern schlägt, so kann es diesem, da der Stock Stoff ist, gleichgültig sein. Was ihr empfindet, sagte er, ist die Kraft, die an euch wirkt. - So versuchte Ostwald die Anschauung zu begründen, alles bestünde aus einzelnen Kräften. Auf die Kraft, die wir wahrnehmen, komme es an.
[ 33 ] Was waren Atome? Früher waren es kleinste Teile. Für Ostwald waren sie eine kleine Zusammenfügung von Kräften; wenn sie kristallisieren, dann werden sie Atome, Stoff. Da haben wir den ersten Schritt vom Atomismus weg. Zwar ist ein solcher Mensch wie Ostwald nicht imstande, sich aufzuschwingen zu der Anschauung, dass alles Geist ist. Er sagte, alles sei Kraft, die Stoffteile ballten sich zusammen aus Kraft. — Das war Spekulation. Aber unzählige Gründe sprachen dafür. Dazumal konnte man sich erinnern an etwas, was längst gesagt worden war. Und gerade von mir wurde damals in der allerschärfsten Weise hingedeutet auf Folgendes: Goethe, der als Naturforscher ebenso groß ist wie als Dichter, war es, der sagte: Wenn die Menschen nur nichts hinter den Erscheinungen suchten! Die Erscheinungen sind selbst die Lehre.
[ 34 ] Für eine Anschauung der Welt, die im Sinne Goethes gehalten ist, gilt der Satz: Was wir wahrnehmen, ist Wirklichkeit. — Was sind die Atome für solch eine Anschauung? Was ist ein Atom? Können wir eine Vorstellung damit verbinden? Was wir uns vorstellen, sind Eigenschaften der Dinge. Durch Eigenschaften nehmen wir die Dinge wahr. Hat das Atom solche Eigenschaften? Hat es eine Farbe? Nach der Anschauung der Atomistik: nein. Die Farbe entsteht ja erst durch Bewegung. Riechen sie, schmecken sie? Nein! Denn dies entsteht ja erst durch Bewegung. Zeigen sie bestimmte Temperatur? Nein. Alle Eigenschaften um uns herum müssen dem Atom abgesprochen werden. Was ist das Atom für das gesunde Denken ohne die Eigenschaften? Eine phantastische Konstruktion, weiter nichts. Es ist dem, was in der Umgebung lebt, jede Eigenschaft abgesprochen. Etwas Gedachtes wie ein Batzen im Raum ist das Atom, aber doch sind ihm alle Eigenschaften abgesprochen, die es haben müsste. Das ist das Charakteristische für die atomistische Theorie, für diesem Grundstock des Materialismus, dass diese Theorie das Phantastischste ist, was man sich denken kann, die reine Träumerei. Was man sich als das Ewige erkannt hat, ist erfunden, es widerspricht allem gesunden Denken.
[ 35 ] Ein solches phantastisches Wirkliche in den Raum hineinzuzaubern versucht der Materialismus. Ohne dass der Materialismus es bemerkt hat, hat er den krassesten Aberglauben aufgebaut. Es ist kein Unterschied zwischen dem Fetischismus, der die Holzstücke anbetet, und dem Materialismus, der die kleinen materiellen Batzen anbetet. Der «Wilde» sieht wenigstens seinen Holzklotz; die Materialisten bilden sich Milliarden kleiner Götzen, die niemals in der Erfahrung auftreten können. Der Atomismus hat den Götzendienst des Atoms aufgestellt, gebaut auf den reinen phantastischen Gedanken. Die 72 Elemente existieren für uns, insofern sie Eigenschaften haben. Erdichten wir sie als bestehend aus Atomen, so verfällt das dem krassesten materialistischen Aberglauben. Alle die durcheinandergesprudelten Atome, alle diese Schachsteine sind erfunden, sind die phantastische Grundlage eines Gedachten.
[ 36 ] Nun war, wie gesagt, durch einen solchen Menschen wie den Chemiker Ostwald wenigstens darauf hingewiesen worden, dass es keinen Sinn habe, von einem reinen Stoff zu sprechen, dass alles sich in Kraft auflöse. Kraft nehmen wir wahr, Stoff nehmen wir überhaupt nicht wahr.
[ 37 ] So war der Stand in den Achtziger-, Neunzigerjahren. Seit jener Zeit ist es ganz anders geworden. Bis dorthin musste man sich, bei aller Überwindung des Materialismus, verlassen auf gesundes Denken. Nun ist das zwar das Sicherste, womit er überwunden werden kann; aber in unserem Zeitalter hilft das nicht viel. Wer, wie der, der vor Ihnen spricht, alle die großen Formeln durchdenken musste, mit denen zum Beispiel die roten Lichtstrahlen berechnet worden sind — Bewegung der Ätheratome —, wer mit ansehen musste, wie alle daran glaubten: Da bewegen sich die Wellen des Äthers so und so, und dann empfindet man rot; wenn wie in einem mit Gas gefüllten Gefäß hin- und hergeworfen werden die Moleküle, dann entsteht dieser Grad von Wärme und so weiter - wer das gesehen hat, der weiß etwas über die Physiologie dieser Dinge zu erzählen; und er weiß, dass es schwer sein kann, mit gesunder Vernunft, mit wirklicher Geisteswissenschaft da etwas auszurichten. So war es im Anfange der Neunzigerjahre. Heute ist es anders.
[ 38 ] Höchst merkwürdig ist ein Ausspruch, der vor einigen Jahren getan worden ist von einem englischen Denker, der ein Physiker ist, und zwar ein guter Physiker, von Minister Balfour. Er ist ein außerordentlich scharfsinniger physikalischer Denker. Er sagte: Wenn wir nach den neueren Anschauungen das denken wollen, was Atom ist, was ist da das Atom? — Er sah in ihm etwas, was wie aus fließender Elektrizität erstarrt, ähnlich wie Eis aus Wasser. Balfour hat erwas mehr im Atom gesehen wie Ostwald. Er sah fließende Elektrizitätsströme, in denen die einzelnen Materieteilchen aus verdichteter Elektrizität entstehen. Also sind die Atome eigentlich verdichtete Elektrizität. Sehen Sie, noch immer haben wir nicht die gesunde Anschauung, dass das Physische verdichteter Geist ist; aber schon sind wir jetzt so weit, dass wir hören können, dass das Physische etwas Verdichtetes ist. Denken Sie sich den ungeheuren Fortschritt! Was war Elektrizität noch vor kurzer Zeit? Atom! Die kleinen Fetische hatten Bewegung und der Ausdruck davon war Elektrizität. Jetzt war das Atom schon verdichtete Elektrizität geworden. Dies ist das Wirkliche. Das ist ein interessanter Umschlag. Worauf war dieser Umschlag gestützt? Er war nicht bloß auf die Erfahrung des Geistesforschers oder auf gesundes Denken gegründet, sondern auf bestimmte Erfahrung. Die Physik selbst hatte in ihrem Fortschritt die Menschen gezwungen, solches zu denken. Hierher gehören die Erscheinungen in ausgepumpten Glasröhren, durch die Elektrizität geleitet wird — Crook’sche Glasröhren. Es wurden Erscheinungen gefunden, die dazu geführt haben, dass man erkannt hat: Was in einer solchen Röhre fließt, ist fließende Elektrizität; dass Elektrizität überhaupt im Raume dahinfließt. Was vorher nur Eigenschaft war, war jetzt etwas Reales, Wirkliches.
[ 39 ] Nun war natürlich die Sache nicht mit einem Schritt abgetan. Für den Geisteswissenschafter ist Wärme ebenso wirklich wie Elektrizität, Licht ebenso. Stoff entsteht ebenso durch Erstarren des Lichtes und der Wärme wie durch Erstarrung der Elektrizität. In zwanzig Jahren wird es kein Unsinn mehr sein, das zu sagen. Da wird man von dem sprechen, was Wärme, was Licht ist, da wird man nicht mehr behaupten, dass diese kleinen Fetische von Atomen das Ursprüngliche seien, sondern erstarrte Eigenschaften, erstarrte Wahrnehmungen. Was um uns ist, ist Ausfluss, Bekundigung des Geistes. Das ist heute für den Physiker noch ein Unsinn, in zwanzig Jahren wird es festgestellte Tatsache sein.
[ 40 ] Das ist der Weg, allmählich dahin zu kommen, dass alles Stoffliche erstarrter Geist ist. Direkt bewegt sich das physikalische Denken nach dieser Richtung hin, die dazu führt, in dem Stoff verdichteten Geist zu sehen. Diese Richtung geht so weiter. Sie macht dann dem materialistischen Denken Kopfzerbrechen. Es muss aber gesagt werden: Der Geist macht sich heute bei den materialistisch Denkenden nicht so leicht los von der atomistischen Denkungsart. Da haben die Leute bemerkt, dass, wenn man Chlor und Kupfer mischt, etwas Merkwürdiges geschieht. Chlor ist, nach ihrer Anschauung, ein Element, bestehend aus schwingenden Atomen; und diese Atome wären etwas Ursprüngliches. Die Kupferatome wären wieder etwas Ursprüngliches. Entsteht die Verbindung, so werden die Atome ineinandergeschoben, dann entsteht Chlorkupfer. Nun geschieht aber etwas Merkwürdiges. Wenn Chlor und Kupfer sich wirklich verbinden, dann geschieht es unter Feuererscheinung. Wärme tritt auf. Diese ist etwas ebenso Reales wie Kupfer und Chlor. Dass sie etwas höchst Reales ist, zeigt sich, wenn wir das Chlorkupfer wieder auseinanderkriegen wollen. Dann müssen wir wieder die Wärme hineinführen, dieselbe Menge, die herausgetan worden ist.
[ 41 ] Das haben sich gewisse Leute, die nicht loskommen können vom materialistischen Atomismus, überlegt. Sie kamen auf Folgendes: Nun, wenn wir Chlor für sich haben und Kupfer für sich, das aus Atomen besteht, dann müssen wir uns diese Atome denken wie Säcke, die aber aufgeplustert sind von der Wärme; und jetzt, wenn wir Chlor und Kupfer zusammenbringen, sodass sie sich verbinden, wird die Wärme herausgetrieben, und jetzt sind durcheinandergepresst die leeren Säcke. Wenn die Körper zusammengesetzt sind, dann sind die Säcke ausgepresst. Wenn die Elemente auseinandergetrieben sind, dann plustert die Wärme die Säcke auf.
[ 42 ] Sehen Sie, da ist das Atom schon hingeschwunden, die Wärme ist etwas höchst Reales geworden. Wenn wir nicht von Säcken sprechen wollen — das haben die Materialisten selber getan, wir würden vielleicht das Bild gebraucht haben von dem Ballon -, dann müssen wir sagen: Wenn man die Hüllen wiederum trennt, dann werden sie aufgefüllt.
[ 43 ] Was wir da sehen, ist, dass was das Atom eigentlich zusammensetzt, schon auf sehr Geringes, auf die Hülle zusammengeschmolzen ist. Was dem Atom Größe gibt, ist die Wärme, die es aufnimmt. Das ist höchst interessant. Der Weg ist nicht mehr weit, wo die Häute endlich beseitigt sein werden. Denn warum sollen wir uns nicht vorstellen können, dass, wenn die Wärme sich aufplustern kann, man sie überhaupt entbehren kann? Warum soll es nicht denkbar sein, sich das Atom wie erstarrte Wärme vorzustellen? Dazu wird man kommen. Betrachten wir Weiteres. Noch interessanter ist der nächste Schritt, den die Naturwissenschaft gemacht hat. Nach dem Punkt, wo förmlich das Atom sich aufgelöst hatte in fließende Eigenschaften, kam das, was anfängt mit den Entdeckungen Becquerels, was da führte zu den gerade auf diesem Gebiete großartigen und gewaltigen Entdeckungen, zu den Entdeckungen am Radium. Was haben wir mit diesem vor uns? Wir wollen nicht entscheiden, inwiefern die Gedanken richtig sind, zu denen die Physiker herangebändigt worden sind. Uns obliegt, festzustellen, dass die Physiker an den Scheideweg gezwungen worden sind durch die Erscheinung am Radium. Das Radium sendet verschiedene Strahlenarten aus, elektrische und so weiter, deren Wirkungen sich auf der fotografischen Platte zeigen. Aber vor allem sendet es aus das, was man Emanation nennt. Diese Ausströmungen haben bestimmte Eigenschaften, Eigenschaften, die sich vom Radium selbst unterscheiden, aber ihm wieder ähnlich sind, die sich verlieren mit der Zeit, sodass die Ausströmung in etwas anderes übergeht. Es wirft Teile seines eigenen Stoffes aus sich heraus. Diese verlieren die Eigenschaften, werden etwas anderes. Die Physik hat es sogar über sich ergehen lassen müssen, dass nachgewiesen wurde, dass diese Ausströmung sich verwandelt in Helium. Oh, was haben wir jetzt! Aus dem Element Radium fließt etwas aus und hat andere Eigenschaften, fließt erwas aus und verwandelt sich wiederum in ein Element. Das führte die Chemiker dazu zu sagen: Das Atom selber zerfällt, zerfällt in ganz etwas anderes, sodass es in ein ganz neues Atom übergehen kann, sogar in ein anderes Element!
[ 44 ] Denken Sie sich, was das bedeutet! Die Teile eines Elementes, die man Atome nennt, sollten das Festeste sein. Jetzt zeigt das Experiment vor unseren Augen, dass diese Atome unter den Händen zerbröckeln, etwas ganz anderes werden. Das ist ja so etwas, wie wenn die Träume der Alchimisten sich verwirklichen würden, dass ein Stoff sich in einen andern verwandelt! Das ist heute alles im Anfangsstadium, aber schon sind die Naturwissenschafter gezwungen, sich zu sagen: Das Atom ist nichts Ursprüngliches, ist entstanden, wird sich wieder auflösen. Weit zurück gab es alle die Atome nicht, von denen die Leute gerade als von den kleinsten Fetischen sprachen. Allmählich sind sie entstanden und werden wieder vergehen, wenn das Radium zeigt, wie es nach und nach sein Atom zerbröckeln lässt. Es zerfällt das Atom des Physikers heute unter den Händen. Es wird Unsinn werden, vom Atom noch in der alten Art zu sprechen. Das ist jetzt etwas anderes, als was Ostwald gebracht hat. Der stützte sich noch auf Schlüsse, heute sprechen schon die Tatsachen; heute vernichtet die Tatsachenwelt selber das phantastische Gebilde «Atom».
[ 45 ] Damit stehen wir an einem wichtigen Punkte. Malen Sie sich aus die Konsequenzen aus dem, dass das Atom zerstiebt, diese feste Stütze. Es löst sich nicht nur in Gedanken auf, sondern in der Erscheinung, im Raum, in den Tatsachen. Das Atom hört auf, vor unseren Augen das zu sein, als was es vorgestellt worden ist. Wie Eis sich wieder auflöst, so das Atom. Heute können die materialistisch Denkenden noch nicht weit genug, sie können sich denken, dass Elektrizität sich zusammenballt; der Weg führt aber dahin, zu sehen, dass das Ursprüngliche der Geist ist. Das ist dasjenige, wozu heute der erste Schritt gemacht ist.
[ 46 ] So steht heute die Naturwissenschaft, wenn sie sich recht verstehen will, am Anfang der Denkungsweise, die direkt in die Geisteswissenschaft hineinführt. Sie kann gar nicht anders. Wenn der Mantel fällt, fällt der Herzog nach. Was zu der materialistischen Entwicklungslehre geführt hat, sind die Gedanken, die nicht von der Materie loskommen konnten. Sie setzt sich den Menschen aus Tierarten zusammen. Wird man begreifen können, dass das, was draußen in der physikalischen Welt geschieht, aus dem Geist heraus geschieht, dann wird man die Vorstellungsweise, die heute am Anfang besprochen worden ist, vom geistigen Urmenschen, der sich verdichtet hat, auch begreifen können. Das Begreifen hängt ab von den Denkgewohnheiten. Die Physiker werden die Menschen zwingen, in allem Materiellen verdichteten Geist zu sehen. Dann wird man, wenn man wissen wird, dass das Atom kein Ewiges ist, sondern entstanden ist, sich verändert in Geistiges, auch begreifen können, dass der Mensch aus Geist kommt und zu Geist geht. Das alles wird zu solchem drängen. Man muss das, was heute vorgeht in der naturwissenschaftlichen Welt, von innen betrachten. Die davon reden, können noch nicht dieser Entwicklungstendenz entsagen, die angekränkelt ist von den materialistischen Ideen.
[ 47 ] Aber es liegt in den Tatsachen die Garantie, dass die Naturwissenschaft einmünden wird in die Geisteswissenschaft, dass beide Versöhnung feiern werden. Es ist die Geisteswissenschaft etwas, was sich hinstellen muss vor die Menschen, um zu verkünden den Geist als die Ursache des Physischen. Man wird die Geisteswissenschaft brauchen, wenn die Naturwissenschaft nimmer aus sich selbst heraus kann; dann wird die Naturwissenschaft reif sein, einzumünden in die Geisteswissenschaft. Die Letztere ist der Vorposten, der hinstellt das, was die Leute werden wissen müssen, wenn die Tatsachen reif sind, um sich zu vereinigen mit den geisteswissenschaftlichen Tatsachen. Allein würde die Naturwissenschaft zum Unbegreiflichen führen. Man würde höchstens erstarrte Elektrizität in den Atomen sehen. Um die letzten Konsequenzen einzusehen, dazu gehört die Geisteswissenschaft.
[ 48 ] Wenn wir auf jahrhundertelanges Denken und Empfinden zurücksehen, so müssen wir sagen: Vor hundert Jahren, da war das, was man Naturwissenschaft nennt, gerade auf dem Weg, herunterzutauchen in das gröbste Stoffliche. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war die tiefste Stufe erreicht. In Vogt und seinem Ausspruch, dass der Gedanke eine Absonderung des Gehirns sei wie Galle eine Absonderung der Leber, da war es erreicht, allen Geist auszulöschen und für subjektive Erscheinung zu erklären. Auf diesem Weg war die Naturwissenschaft; sie war nicht reif, ihren Blick hinaufzuwenden zum Geist. Die Geisteswissenschaft, wo war sie vor hundert Jahren? Sie war in Abstraktionen drin, in Begriffen, die tief in den Geist hineinleuchten. Aber eins war diese nicht imstande: die großen Konzeptionen in der geistigen Welt herunterzuführen zum unmittelbaren Begreifen dessen, was äußerlich entgegentrat.
[ 49 ] Heute haben wir eine Naturwissenschaft, die in den Stoff heruntergetaucht ist, wo das Atom nun selber spricht, eine Naturwissenschaft, der das Atom unter den Händen zerfällt. Eine Geisteswissenschaft haben wir in der Theosophie, die hinuntersteigt zu den konkretesten Tatsachen, die da zeigt im physischen Leib etwas, was der Astralleib, der Ätherleib, das Ich herausgebildet haben, eine Geisteswissenschaft, die bis in die physische Welt geht. Eine Naturwissenschaft haben wir, die bis herauf an die Grenzen der Geisteswissenschaft reicht, und eine Geisteswissenschaft, die bis zu den Grenzen der Naturwissenschaft herabgestiegen ist. Das ist der Gang der Entwicklung.
[ 50 ] Vor hundert Jahren, da hat Schiller, hinblickend auf zwei Strömungen — eine Naturwissenschaft, die nicht hinaufreicht bis zur Geisteswissenschaft, und eine Philosophie, die nicht herunterreichte bis zur Naturwissenschaft — gesagt: Oh, ihr seid berufen, einmal einen Weg zu gehen, aber ihr müsst vorläufig noch getrennte Wege gehen, damit jede stark genug wird, der andern zu helfen. — Schnell hat sich das erfüllt. Die Naturwissenschaft ist in gewisser Weise durch ihre Schwäche stark, indem sie sich selbst überwindet durch eigne Tatsachen. Sie wird einmünden nach oben. Und die Geisteswissenschaft ist stark, weil sie das Materielle umfassen kann. Was Schiller erkannt, erhofft hat, das scheint sich zu erfüllen. Es wird bald hoffentlich viele Menschen geben, die mit dem einen geistigen Auge, wie die Frau im eingangs erzählten Märchen, nicht mehr die äußeren Wesen nehmen und sie von sich schleudern müssen, weil sie ihnen nichts sagen, sondern es wird Menschen geben, die jeden Stein in die Hand nehmen, ihn zu einem geistigen Auge führen und ihn erkennen als Ausdruck der geistigen Welt, weil alle Materie aus dem Geiste ist und ihn verkündet. Für den Materialismus gab es bloß Materie; da hat man nichts gefunden und man hat die Dinge weggeworfen. Die mit der Naturwissenschaft vereinte Geisteswissenschaft wird in jedem Materiellen dem Menschen ein Geistiges geben. Alles werden wir wieder lieb gewinnen, weil alles ein Ausdruck für die geistige Welt ist.
[ 51 ] Die Naturwissenschaft steht auf ihrer Scheide. Sie muss entweder nach der einen Seite gehen und verloren gehen, oder nach der andern, wo sie vereint mit der Geisteswissenschaft nun als die eine Weltanschauung dastehen wird; sodass die beiden vereint den Menschen hinaufführen selbst zu einer Lebensführung, die das Leben durchdringt vom Geist, sodass in dieser Vereinigung — die durch Tatsachen selbst bewirkt wird, ein großes Ziel zum Besten der Menschheit herbeigeführt wird. Wir sehen es heute vor uns. Versuchen wir das, was wir vor uns sehen, durch die Pflege der Geisteswissenschaft mehr anschaulich vor Augen zu stellen. Dann werden wir sehen, dass wir es nicht zu etwas tun, was bloß die Neugierde befriedigt, sondern zu etwas, was uns innerlich alle Zweifel nimmt und stark und kräftig und gesund für das Leben macht. Das wird die Frucht sein aus der Vereinigung der Naturwissenschaft mit der Geisteswissenschaft: Gesundheit und Kraft und Sicherheit im Leben!
