Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
16 Dezember 1907, Elberfeld
34. Erdenanfang und Erdenende
[ 1 ] Über Erdenanfang und Erdenende zu sprechen, scheint zunächst ein sehr vermessenes Beginnen zu sein. Nur wenn man bedenkt, welche unendliche Wichtigkeit es hat für den Menschen, einmal den Blick über seinen ganzen Wohnplatz zu lenken, kann es verständlich werden, wie wichtig es ist, auf einmal den Blick auf den Anfang und das Ende unseres Planeten zu lenken.
[ 2 ] Man darf das nicht nur nicht vergessen, sondern muss einsehen, dass es nichts Unzeitgemäßes ist; denn alles Denken und Fühlen unserer Zeitgenossen auf diesem Gebiete, das wir vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt betreten werden, ist auf dem Boden der sogenannten naturwissenschaftlichen Tatsachen erwachsen und will nur auf diesem Boden wissenschaftliche Erkenntnisse dulden. Wir werden heute manches besprechen müssen, wovon man wahrscheinlich denken wird, dass es nicht auf dem sicheren Boden der Tatsachen stehe, was scheinbar mit dem im Widerspruch steht, was heute als wissenschaftliche Tatsache gilt.
[ 3 ] Die Geisteswissenschaft kann sich aber nie und nimmer [darauf] beschränken, stehen zu bleiben bei dem, was man heute [gern die] Tatsachen[welt] nennt — das, was des Menschen Sinne um sich herum betrachten, in der Außenwelt wahrnehmen oder durch unsere wissenschaftlichen Methoden sich durch den Verstand, der sich auf [das, was die Sinne durch Augen, Ohren und Hand begreifen], die Sinnesforschung, stützt, kombinieren lässt.
[ 4 ] Die Geisteswissenschaft oder, wie man sie im Sinne einer neuen Strömung nennt, Theosophie ist aber deshalb keineswegs etwas, was irgendwie in einen Zwiespalt käme mit den naturwissenschaftlichen Tatsachen. Das wäre nicht nur vermessen, sondern ein unsinniges Beginnen, wollte man irgendeine Theorie aufstellen, die im Widerspruch stände mit festgefügten, gründlich erforschten Tatsachen.
[ 5 ] Aber es gilt zu unterscheiden zwischen dem, was menschliche Theorie und Hypothese aus diesen Tatsachen wie ein Bekenntnis herausgezimmert haben; denn es [gibt] neben allen anderen religiösen Weltanschauungen in unserer Zeit eine Art materialistischer Religion, oder, da dies ein nicht mehr übliches Wort ist, eine Art materialistisches Bekenntnis, welches nur in Harmonie und Einklang stehen will mit dem, was die Sinne sehen, welches nur das gelten lassen will, was man [mit Augen sehen], mit Händen greifen kann [oder ähnlich dem sich vorstellen kann, was in der Umwelt wirklich sinnliche Tatsachen sind]. Damit könnte die Theosophie in Widerspruch kommen.
[ 6 ] Aber [die Theosophie], sie steht auf zwei festen Säulen, zwei Erkenntnissen - Hypothesen mögen Sie es nennen; für den Theosophen sind es Grundtatsachen, nicht nur Überzeugungen.
[ 7 ] Die eine Tatsache ist die, dass es hinter der sinnlichen Welt eine geistige, unsichtbare, übersinnliche Welt gibt.
[ 8 ] Die andere Tatsache ist die, dass es dem Menschen möglich ist, in diese unsichtbare Welt einzudringen durch seine Erkenntnis, durch seine Forschung.
[ 9 ] Da gibt es viele in unserer Zeit, die sagen: Wenn es Übersinnliches gäbe, wenn es eine geistige Welt gäbe, so können wir sie doch nicht erforschen. Das, was wir sicher wissen, wissen wir dadurch, dass wir unsere Augen auf die sichtbaren Dinge richten können.
[ 10 ] Die Geisteswissenschaft aber sagt: [Gewiss], mit den Fähigkeiten der Menschennatur, von denen eine solche Weltanschauung spricht, die sich nur auf die Sinneswelt beschränkt, können wir nicht in die übersinnliche Welt eindringen. Aber die Geisteswissenschaft hält in viel strengerem Sinne als jede auf äußere Tatsachen gegründete Erkenntnis fest an dem, was wir Entwicklung nennen. Von Entwicklung wird heute viel gesprochen — auch wird nachgewiesen, wie sich der Mensch durch viele Stufen hinaufentwickelt hat zu seiner gegenwärtigen Gestalt. Aber wenn diese Anschauung da angekommen ist, möchte sie stehen bleiben auf einem gewissen Punkt. Sie nimmt an, der Mensch hat sich entwickelt bis jetzt; aber von Weiterentwicklung will diese Anschauung nichts wissen. Es hat das eine sonderbare Inkonsequenz, die man vielleicht theoretisch nicht zugibt, die sich aber Schritt für Schritt in Gesinnungen und Gefühlen ausdrückt dadurch, dass man sagt: Der Mensch hat sich entwickelt, aber von einer Weiterentwicklung kann keine Rede sein.
[ 11 ] Man könnte die Menschen mit dieser Anschauung die Man- und Wir-Menschen nennen.
[ 12 ] Wenn wir uns versetzen in die populären Zeitungsartikel oder andere populäre Schriften, in denen das, was scheinbar festgefügte Wissenschaft ist, in tausend Kanälen in die Welt einströmt, so finden wir häufig diesen Ausdruck: «man kann nicht wissen», «man kann nicht erkennen» oder «wir können nicht erkennen», et cetera.
[ 13 ] Fragen wir uns nun das eine: Kann eine wirklich sich selbst verstehende Logik, ein wirklich [sich] selbst verstehendes Denken sich auf einen solchen Standpunkt stellen? Ist das nicht der Standpunkt, auf den sich der Blinde stellen würde, wenn der Sehende ihm von Licht, Glanz und Farbe erzählen würde, und er erwiderte: Alles, was du mir erzählst, ist eitel Träumerei, ist eitel Phantasie; das kann man nicht erkennen? — Ebenso nimmt sich gegenüber einer wirklichen geistigen Entwicklungslehre das aus, was unsere Zeitgenossen — die Man- und WirMenschen — sagen.
[ 14 ] Die Geisteswissenschaft sagt: Es gibt in jedem Menschen schlummernde Fähigkeiten, geistige Organe, die entwickelt werden können und durch die er mehr sehen und wahrnehmen kann als durch seine sinnlichen Organe. Jene andern sagen dann wohl: Das ist Phantastik, das ist eitel Träumerei, wir können das nicht wissen.
[ 15 ] Aber wenn man sich tiefer einlässt auf das, was [in diesen Zeiten] durch die Theosophie in die Menschheit kommen soll, dann wird man sehen, dass es in Bezug auf die geistige Entwicklung für die Menschheit ein Ereignis gibt, das viel [höher und] glänzender ist als das, was jemand erlebt, der blind geboren ist und operiert und sehend wird. Wird der Blindgeborene operiert, dann treten ihm aus der Welt, die bisher für ihn in Dunkel gehüllt war, die ihm nur durch den Tastsinn bekannt war, Licht und Farbe und Klarheit entgegen. Eine neue Welt leuchtet vor ihm auf. Übertragen wir das ins geistige Leben, so haben wir das, was [wir bezeichnen als] die Erweckung des «geistigen Auges», [wie es] Goethe nennt. [Goethe sagt: Durch das, was wir wissen, dürfen wir nicht abgrenzen das, was da ist.]
[ 16 ] Diese Erweckung, diese Wiedergeburt des Menschen gibt es; diese neue Welt, die er nur nicht kennt, sie ist da. Niemals dürfen wir durch das, was wir wissen, begrenzt glauben alles, was hier ist. Mit jedem neuen Organ geht dem Menschen eine neue Welt auf. Entwicklung des Menschen über den Standpunkt hinaus, zu dem ihn die Natur gebracht hat, das ist das, woran die Geisteswissenschaft sich hält, und wo sie einsetzt. Von dem, was wir unfreiwillig geworden, zu dem, was wir freiwillig werden sollen, führt uns die Theosophie. Die sinnlichen Augen hat uns die Natur um uns herum gegeben, die geistigen Augen erwecken, erwerben wir uns selber. Wie die sinnlichen Augen sinnliches Licht wahrnehmen, so werden die geistigen Augen eine geistige Welt aufnehmen.
[ 17 ] Da die Theosophie auf ganz andere Quellen sich beruft als die kombinierende Art unserer heutigen Zeitgenossen, [auf festen Tatsachen ein Ereignis zu zimmern], so mag es anfangs erscheinen, als bestände ein herber Widerspruch zwischen dem, was Naturwissenschaft ist, und dem, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat; doch nichts von dem, was die Naturwissenschaft sagt, leugnet die Geisteswissenschaft. Aber bei einem solchen Thema wie dem heutigen, wo wir zusammenschließen den fernen Anfang der Menschheit und das Ziel der Menschheitsentwicklung in der fernen Zukunft, da wird der Widerspruch der Geisteswissenschaft gegen die Naturwissenschaft scheinbar da sein. In Wirklichkeit steht die Geisteswissenschaft fest auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Tatsachen. Fragen wir zunächst: Was hat die Naturwissenschaft über unser Thema zu sagen, und mit welchen Mitteln sucht sie die allmähliche Entfaltung unserer Erdengeschöpfe zu erkennen?
[ 18 ] Die Naturwissenschaft beschränkt sich auf die sinnliche Wahrnehmung. Sie betrachtet, was in der Gegenwart um uns herum ist, sowie die Überreste einer mehr oder weniger fernen Vergangenheit.
[ 19 ] In den Schichten unserer Erde finden wir nicht nur, was unser heutiges Leben fördert und trägt, sondern auch Leichname von Wesenheiten, Überreste von Wesen, die in ferner Urzeit noch zu unserer Erde gehört haben. Graben wir da hinein, oder legen wir auf sonstige Weise bloß, was die Schichten unserer Erde enthalten, so enthüllen sich uns Urdenkmäler dessen, was in der Vorzeit sich abgespielt hat auf unserem Erdenrund.
[ 20 ] Wir finden zunächst die Überreste einer nicht sehr fernen Vergangenheit in dem, was erhalten ist von den Gräbern und Wohnungen unserer Vorfahren. Dadurch können wir uns ein Bild machen von diesen primitiven Vorfahren, von ihren Gebräuchen, wie sie gelebt, wie sie gekocht, wie sie gejagt haben.
[ 21 ] Weiter finden wir Knochen, Überreste von Tieren, die heute noch existieren, aber in der Vergangenheit eine andere Gestalt gehabt haben. Schließlich finden wir Überreste von jetzt ausgestorbenen Tierarten. So ist leicht einzusehen, dass hier eine Schicht über der anderen liegt: das, was sich später entwickelt hat, immer nach oben. Wenn wir das alles sorgfältig betrachten, können wir nachkonstruierend ein Bild machen, wie die Wesen auf unserer Erde gelebt und sich entwickelt haben.
[ 22 ] Deshalb glaubt der Naturforscher, mit Recht zu sagen: Wenn wir die Schichten durchforschen, welche nach ihrer Lage die ältesten sind, so zeigt sich, dass zuerst keine Lebewesen existiert haben nach unserer Art, dass dann einfache Lebewesen auftraten; dann immer kompliziertere, bis hinauf zum Menschen.
[ 23 ] Wir blicken zurück auf eine ferne Urzeit der Erde, wo die Erde noch wesentlich wärmer war, ja, wo sie noch in einem feuerflüssigen Zustande war. Wir sehen dann, wie die Erde sich allmählich abkühlte, wie die Metalle sich verhärten, wie das feste Gestein sich absetzt; wir sehen, wie auf eine für die Naturwissenschaft unergründliche Art die ersten einfachen Pflanzen und Tiere entstehen. Wir sehen die Erde bedeckt mit einfachen Pflanzen und Tieren in der Zeit, die man die silurische Zeit und die devonische Zeit nennt, - wo zuerst niedere Tiere da sind, wie die Fische, dann die Amphibien und Reptilien.
[ 24 ] Zeitalter sehen wir dann, in denen die Erde über weite Strecken mit riesigen, baumartigen Gewächsen bedeckt ist; wir sehen dann, wie dort Tierwesen gelebt haben, die uns heute abenteuerlich vorkommen, die heute ausgestorben sind. Dann sehen wir, wie diese Wesen aussterben, dann, wie die ersten Säugetiere entstehen — wie etwa Beuteltiere —, dann, wie verhältnismäßig spät, als die Erde sich verfestigt hatte, die späteren Säugetiere allmählich entstehen, wie sie sich hinaufentwickeln, wie sie sich hinaufentwickeln bis zu den Affen; und wie dann sehr, sehr spät erst die Menschen entstehen.
[ 25 ] Alles das weiß die Naturwissenschaft zu sagen, aber über die Art, wie aus dem Leblosen das Leben sich herausentwickelt, weiß die Naturwissenschaft nichts zu sagen. Sie sagt: Als einmal das Leben da war, da haben sich die Wesen immer höher entwickelt durch einen beständigen Kampf, [für den sie Organe gebraucht und entwickelt haben, und dadurch stiegen sie hinauf bis zum Menschen]. Dies ist das Bekenntnis, das sich rein auf sinnliche Tatsachen beschränkt — ein Bild, das sich darbieten müsste, vom Standpunkt der Naturwissenschaft, demjenigen, der sich einen Stuhl in den Weltenraum setzen und durch Jahrmillionen dem Werden der Welt zusehen könnte.
[ 26 ] Die Geisteswissenschaft ist nicht im Widerspruch mit diesem Bilde. Es kommt darauf an, dass man mit solchen Methoden ein richtiges Bild vom Werden der Erde entwickeln kann. Der Geistesforscher weiß, dass manches nicht richtig ist in diesem Bilde, denn dies Bild setzt voraus, dass aus dem niederen Materiellen immer Höheres entsprossen ist, bis [hinauf] zum Geiste. [Und so war auch zunächst das materielle Bild, das viele gewonnen haben aus den scheinbar feststehenden Tatsachen, dass der] Geist für die materialistische Gesinnung nichts anderes ist als das, was entsteht aus den materiellen Vorgängen. Es muss ein großer Wert darauf gelegt werden, dass dies nicht übersehen wird.
[ 27 ] [Wie gesagt], dieses sinnliche Bild wird von der Geisteswissenschaft nicht geleugnet. Es kann natürlich vom heutigen Menschen nur im Geiste nachgebildet werden. Soweit die Naturwissenschaft auf Tatsachen sich stützt [und daraus die Vergangenheit zu konstruieren sucht], so weit wäre es Unsinn und Torheit, sich gegen die Naturwissenschaft aufzulehnen. — Aber die Geisteswissenschaft sagt uns: Hinter allem sinnlichen Dasein und allem sinnlichen Werden steht das geistige Sein und das geistige Werden.
[ 28 ] Wir werden das am besten verstehen, wenn wir vom heutigen Menschen ausgehen, denn was die äußere sinnliche Erscheinung zeigt am Menschen, das ist für die Geisteswissenschaft nur ein Teil des menschlichen Wesens. Was sich den Sinnen, dem Verstande darbietet, das ist nur des Menschen physischer Leib. Dieser physische Leib des Menschen enthält dieselben Stoffe, wie [sie] die ganze um uns herum liegende, scheinbar leblose Natur enthält; Kräfte, die in jedem mineralischen Wesen leben. Nur sind sie im Menschen viel komplizierter zusammengesetzt.
[ 29 ] Für jedes Lebewesen, insbesondere für den Menschen, kennt die Geisteswissenschaft noch ein zweites Glied der Gesamtwesenheit: Das ist der Äther- oder Lebensleib. Wenn der physische Leib nur den physischen und chemischen Gesetzen überlassen wäre, würde er in sich zerfallen. In sich selbst ist der physische Leib physisch und chemisch eine unmögliche Mischung. Möglich wird sie nur dadurch, dass der physische Leib in jedem Moment durchsetzt ist wie ein von Wasser getränkter Schwamm vom Ätherleib, einem Kraftleib, der in jedem Moment Kämpfer ist gegen den Zerfall des physischen Leibes. Der Tod ist der Moment, wo der Ätherleib den physischen Leib verlässt. Da folgt der physische Leib den physischen und chemischen Gesetzen —- er wird Leichnam und zerfällt in seine Bestandteile.
[ 30 ] So hat der Mensch ein zweites Glied seiner Wesenheit, welches er mit allen Pflanzen und Tieren, [aber nicht mehr mit den Mineralien, der scheinbar leblosen Natur] gemeinsam hat — den Äther- oder Lebensleib.
[ 31 ] Dann gibt es ein drittes Glied der menschlichen Wesenheit. Der Mensch enthält nicht nur, was unter seiner Haut als Knochen, Muskeln, Nerven und Blut vorhanden ist, sondern im Menschen lebt etwas, was seiner Seele viel näher steht als Knochen, Muskeln und Blut. Das, was er genau kennt, weil es in jedem Augenblick des Wachens für ihn Erlebnis ist, das ist eine Summe von Freud und Leid, Begierde und Leidenschaft. — Alles, was wir Seelenleben nennen, von den niedrigsten Begierden bis zum höchsten Ideal — das ist sein Astralleib. Den hat der Mensch mit den Tieren gemeinschaftlich; nicht mehr mit den Pflanzen.
[ 32 ] Da hinzu tritt noch ein viertes Glied der menschlichen Wesenheit, der eigentliche Mittelpunkt des Menschen, durch welchen er die Krone der Erdenschöpfung ist. Eines wird von unseren zeitgenössischen Forschern niemals berücksichtigt in der richtigen Weise. Es gibt einen Namen, den jeder nur zu sich sagen kann; es ist der Name «Ich». Zum Pult kann jeder sagen «Pult», zum Tisch kann jeder sagen «Tisch». Aber eines gibt es, was jeder nur zu sich selber sagen kann, das ist das Wörtchen «Ich»! Es ist mehr damit gesagt, als man gewöhnlich glaubt. «Ich» kann keiner von uns zu einem andern sagen; es muss im Innersten der Seele selbst ertönen, wenn es bezeichnen soll, was in Wirklichkeit damit gemeint ist. Daher nannten die, welche wussten, welche Bedeutung dieses Wort hat, dies «Ich» den «unaussprechlichen Namen Gottes», Sie sagten: Wenn dieses «Ich» im Innern des Menschen ertönt, dann kündet sich der Tropfen der Gottheit, der Funken der Gottheit im Menschen an. Da führt die Seele Zwiesprache mit sich selber. Dahin hat nur Zugang das eigentlich göttliche Wesen. Das hat in der Seele Zugang dadurch, dass das «Ich bin» ausgesprochen wird. Jean Paul erinnert sich an den Moment, wo ihm zuerst das Bewusstsein aufging des «Ich bin». Da, sagt er, habe er «in das verhangene Allerheiligste seiner Seele» hineingeschaut.
[ 33 ] Das sind die vier Glieder der menschlichen Wesenheit: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Wenn der naturalistische Denker, welcher glaubt, rein auf naturwissenschaftlichen Tatsachen ein Bekenntnis gründen [zu] können, von diesen vier Gliedern der Menschennatur hört, dann wird er vielleicht lachen, [den Kopf schütteln] oder den als einen Dummkopf betrachten, der mit solchen Wortzusammenstellungen kommt und darauf eine Erkenntnis gründen will. Wortzusammenstellungen wären es aber gerade, wenn tatsächlich die materiellen Vorgänge des Leibes bewirken sollten die Gefühle, die Gedanken und das Ich. Die Geisteswissenschaft erkennt, dass gerade der äußere Leib nicht das Erste ist, sondern das Erste das Ich und der astralische Leib sind, und der Ätherleib und der physische Leib nichts sind als Verdichtungen des geistigen Wesens des Menschen.
[ 34 ] Für den Geistesforscher verhält sich der physische Leib zum Astralleib so wie Eis zum Wasser. Wenn ein Kind kommt und uns ein Stück Eis zeigt und fragt, was das ist — und wir sagen: Liebes Kind, das Eis ist Wasser in anderer Form!, - so wird es das vielleicht zuerst nicht glauben; aber wir können es ihm begreiflich machen; dann wird es das einsehen. So zeigt die Geisteswissenschaft, dass alles materielle Sein [umgeformter], verdichteter Geist ist. Alles Materielle ist aus dem Geistigen hervorgegangen.
[ 35 ] Blicken wir jetzt zurück auf unseren Erdenanfang im Sinne der Geisteswissenschaft, dann erkennen wir [Folgendes]: Alles das, was der hypothetische Mensch als sinnliches Werden nach und nach entstehen sehen würde, das würde er erkennen als Verdichtung eines vorherigen Geistigen, als ein Herausfließen aus dem Geiste. Im Anfang der Erdenentwicklung haben wir es mit nichts anderem zu tun als dem Geistigen. Alles Materielle - Mineralien, Pflanzen und Tiere, die ganze Sinnenwelt mit allen Wesen — sind herausentwickelt aus dem Geistigen.
[ 36 ] [Betrachten wir einmal den Schlafzustand.] Wenn wir heute den schlafenden Menschen betrachten, was sehen wir da? Der schlafende Mensch hat zunächst innerlich kein Bewusstsein. Lust und Leid, Wahrnehmung und Vorstellung, Ideale sinken beim Einschlafen ins Dunkel hinunter. Beim Aufwachen treten sie wieder heraus [ins Blickfeld des Menschen]. Die Geisteswissenschaft erklärt die Sache so: Wenn der Mensch schläft, so liegt im Bette der physische und Ätherleib; herausgehoben sind der astralische Leib und das Ich. Weil der Mensch mit der Umwelt nur in Beziehung treten kann durch die Instrumente des physischen Leibes, so kann der Astralleib nur Wahrnehmungen haben, er kann nur Lust und Leid erleben, wenn er in dem physischen Leib darinnen ist.
[ 37 ] Fichte sagt: Nicht die Augen sehen, sondern das Ich nimmt wahr durch sie. — In einem zukünftigen Entwicklungszustand der Menschheit wird der Astralleib für sich [Wahrnehmungsorgane] haben, womit er wahrnehmen kann; der Eingeweihte hat sie schon jetzt. Dann wird er die geistige Welt wahrnehmen, wie es der Eingeweihte schon heute tut. Der Astralleib kann im schlafenden Zustand des Menschen die Welt um sich herum nicht wahrnehmen. Aber es wäre Unsinn, wollte man sagen, abends werde der Astralleib und das Ich des Menschen vernichtet und morgen erstehen sie von Neuem. — Nein, der astralische Mensch war nur in seiner eigentlichen Heimat, der Astralwelt.
[ 38 ] Für die Geisteswissenschaft ist der schlafende Mensch ein anderes Wesen als der wachende Mensch. Wir fragen nun: Was macht die ganze Nacht hindurch, während der Mensch schläft, der astralische Leib und das Ich? Alles, was in der Welt, im Kosmos ist, hat seine Aufgabe; so auch der Astralleib und das Ich. Alles ist im Kosmos weise eingerichtet. Ohne Schlaf könnte ein Wesen, wie es der Mensch heute ist, nicht bestehen. Wenn der Astralleib immer im physischen Körper wäre, immer in den Sinnen, Augen und Ohren, den Händen tätig wäre, so würde die Ermüdung zuletzt aufreibend wirken.
[ 39 ] In der Vorzeit lebte der Astralleib in der astralischen Welt. Dort war er im Einklang mit seiner Welt. Erst im Laufe der Zeit hat er sich eingegliedert in den physischen Leib. Eine völlige Harmonie mit dem physischen Leib besteht noch nicht. Das kommt zum Ausdruck durch die Ermüdung. Während der Nachtzeit muss die Ermüdung fortgeschafft werden. Stärkung erhalten wir im Schlaf durch die Arbeit des astralischen Leibes am physischen Leibe während der Nacht. Die Naturwissenschaft sagt, der Mensch[enkörper] werde erfrischt durch physische Vorgänge. Das leugnet der Geistesforscher nicht; aber auch das Andere geschieht.
[ 40 ] Die Geistesforschung sieht zu den äußeren Tatsachen die dahinterstehenden geistigen Gründe. Stellen wir uns zum Beispiel vor zwei Menschen, von denen der eine dem anderen eine Ohrfeige gibt. Von zwei Zuschauern erklärt der eine: Dieser Mensch hatte eine besondere innere Zornesaufwallung, [deshalb erhob er die Hand zum Schlage]; das war die Ursache der Ohrfeige. — Der andere aber sagt: Sie sind ein Träumer, ich habe es doch gesehen: Er hob den Arm, bewegte die Hand nach des andern Gesicht, und dadurch hat dieser die Ohrfeige bekommen. — Diesen Vorgang leugnet der Seelenforscher natürlich nicht; aber er sieht, dass noch etwas anderes vor sich ging. So steht der Geistesforscher dem Naturforscher gegenüber.
[ 41 ] Der eigentliche Mensch — das Ich — lebt während des Nachtzustandes, wenn auch unbewusst, in einem geistigen Dasein und arbeitet an seinem physischen Körper. Wenn wir dies Bild zurückverfolgen im Laufe der Erdentwicklung, dann ändert es sich fortwährend. Das heutige Verhältnis zwischen Tagwachen und dem Schlafe der Nacht finden wir nicht zu allen Zeiten. Heute haben wir ein Verhältnis zwischen Wachen und Schlafen wie zwei Drittel zu einem Drittel. Gehen wir zurück, so kommen wir zu Zeiten, in denen der Mensch viel mehr schläft — viel längere Zeit außerhalb seines physischen Leibes ist, und in fernen Urzeiten finden wir, dass der Mensch den größten Teil der Zeit verschläft, dass er nur ganz kurze Zeit im physischen Leibe ist. Dafür ist aber die Tätigkeit, die der astralische Leib am physischen Leib verrichten kann, eine immer mächtigere und mächtigere. Gleichzeitig sehen wir, dass der physische Leib immer einfacher wird und der Geist des Menschen immer mehr in Anspruch genommen wird. — Würden wir noch weiter zurückgehen, so würden wir finden, dass der Mensch noch keinen physischen und noch keinen Ätherleib hat, sondern dass er ein rein astralisches Wesen ist.
[ 42 ] Wir können uns das so vorstellen: Denken wir uns, wir hätten eine Wassermasse und veranlassten in dieser durch irgendeinen Prozess, dass ein Teil darinnen sich zu Eis umbildete. Nunmehr veranlassen wir [den gleichen Vorgang so], dass sich mehr Wasser zu Eis umbildet, und [so fort], dass dieses Eis immer komplizierter wird. Die Wassermasse wird immer mehr aufgebraucht, die Eismasse wird immer komplizierter und größer, bis zuletzt alles Wasser aufgebraucht ist und wir nur noch ein kompliziertes Eisgebilde haben.
[ 43 ] Stellen Sie sich nun vor, wir hätten nicht bloß eine, sondern eine ganze Menge solcher Wasserkugeln, von denen wir nur einen Teil, wie eben beschrieben, behandeln. Bei einem andern lassen wir aus der Wassermasse das erste Eiskügelchen gleich herausfallen; es kann sich aus ihm dann, weil es abgetrennt ist, kein kompliziertes Eiskügelchen bilden. Es bleibt immer so einfach. Auf immer weiteren Stufen lassen wir immer kompliziertere Eiskügelchen herausfallen, [auf der nächsten Stufe wieder mehr]: So haben wir neben den aus der ganzen Wassermasse entstandenen kompliziertesten Eisgebilden solche Gebilde, welche auf einer früheren, weniger komplizierten Stufe herausfallen aus dem Mutterwasser.
[ 44 ] Wenden wir dies Bild an auf die Entwicklung unserer Erde und des Menschen, [aber bedenken Sie hierbei]: Im Anfang unserer Erdentwicklung gab es noch nichts Physisches, Leibliches. Da war vom Menschen nur das vorhanden, was jetzt bei ihm herausschlüpft während des Schlafes bei der Nacht. Für die Geisteswissenschaft gibt es einen Satz: Alle andern Wesen auf der Erde, [Mineralien, Pflanzen, Tiere], sind später entstanden als der geistige Mensch. [Im Beginne war nichts da als der geistige Mensch!]
[ 45 ] Die Gesamterde war im Anfang, wie eine Maulbeere [aus den einzelnen Beerchen], zusammengesetzt aus den geistigen Menschen. Aus dem Astralischen gliederte sich zuerst das Physische ab wie Eiskügelchen aus dem Wasser. Manche behielten das Astrale bei [und bildeten erst auf höherer Stufe das Physische heraus]; bei anderen blieb das auf der ersten Stufe stehen, was sich aus der astralen Substanz anfangs herausgliederte. Die Moneren [Haeckels waren nicht früher da als der geistige Mensch und] waren der erste Versuch des Menschen, einen physischen Leib des Menschen zu bilden. Wo herausfielen aus dem Astralen die ersten physischen Ansätze zu einem physischen Leib, da bildeten sich die Moneren. Die Astralleiber aber, mit Einschluss des Physischen, entwickelten sich höher. Nur was herausfiel aus dem Astralen, das schritt nicht vorwärts.
[ 46 ] Auf jeder Stufe [bilden sich kompliziertere Wesen, und so weiter; auf jeder Stufe] bleiben Wesen stehen, die herausfallen aus dem Geistigen. Man sehe sich daraufhin die Wesenheiten auf verschiedenen Stufen an, die herausgefallen sind und daher stehen blieben. Diese Herausgefallenen sind stehen geblieben, während der Mensch, der der Erstling war unter allen anderen Wesenheiten, alles, was zunächst in seinem Geist war, herausgegliedert hat, sodass sein komplizierter physischer Leib entstand.
[ 47 ] Blicken wir auf eine in nicht sehr ferner Vergangenheit stehende Vorstufe der Menschheit, so sehen wir, wie der Mensch einen noch ungelenken Leib hat, aber auch noch die Geistigkeit, ihn auf höhere Stufen hinaufzuentwickeln. Aber gewisse Leiber bleiben auf dieser früheren Stufe stehen; sie fallen aus der Geistigkeit heraus, das sind die Affen; andere steigen hinauf, das sind die heutigen Menschen.
[ 48 ] Wenn wir in die Vergangenheit der Menschheit zurückgehen, finden wir, dass der geistige Mensch immer länger heraus ist aus dem physischen Leib; der schafft den physischen Leib um. So hat der astralische Mensch allmählich den heutigen Menschen herausgeschaffen, von der niedersten Form aufsteigend zu immer vollkommeneren Gebilden. In den niedersten Wesen haben wir nicht zu sehen Wesen, von denen wir abstammen, sondern zurückgebliebene Brüder des Menschen. Auch die anderen Wesen, Pflanzen und Steine, sind nicht etwa der Urgrund der höheren Wesen, [sondern im Gegenteil Abgliederungen, zurückgebliebene Produkte desselben].
[ 49 ] Falsch ist daher die Frage: Wie ist das Lebendige aus dem Unlebendigen hervorgegangen? Das gibt ein ganz falsches Bild. Wir wissen, dass die Steinkohle entstanden ist aus Pflanzen. Da ist auch zuerst das Lebendige dagewesen. Das ist umgewandelt in Unlebendiges. Einstmals waren auf der Erde große Farnwälder und schachtelhalmartige Gewächse. Die finden wir wieder in den Steinkohlenlagern. Alles, was wir als Kohle jetzt ausgraben, war einstmals Pflanze. Wir können da durch die Naturforschung sehen, wie das Gesteins-Reich hervorgegangen ist aus dem Pflanzenreich.
[ 50 ] Der Geistesforscher sagt nun: Alles Gesteinsreich ist einmal aus dem Pflanzenreich hervorgegangen. Damals war das Pflanzenreich anders geformt und lebte unter ganz anderen Lebensbedingungen, als es noch kein Gesteinsreich gab. Gehen wir zu den ältesten Ahnen des Gesteinsreiches: dem Granit, der besteht aus Quarz, [Feldspat] und Glimmerschiefer. In ferner Vorzeit ist er entstanden aus einer Verfestigung des Pflanzenreichs. Alles Mineralische ist aus Pflanzlichem entstanden, alles Pflanzliche aus Tierischem, alles Tierische aus Menschlichem.
[ 51 ] Im Anfang waren nur geistige Menschen auf der Erde; aus ihnen gliederte sich heraus das Tierische, Pflanzliche und Mineralische. Am spätesten ist das entstanden, was so oft als das Erste bezeichnet wird: das Mineralreich.
[ 52 ] [Es ist theosophischer Grundsatz:] Der Mensch ist der Erstling der Erdentwicklung; alles andere hat er in sich enthalten, alles andere ist aus ihm heraus entstanden. Alle Suggestionen der Naturwissenschaft widersprechen dem, aber wer sich auf die Geisteswissenschaft einlässt, wird die Wahrheit einsehen. Selbst da, wo das erste Mineralische, der Urnebel, auftritt, sagt die Geisteswissenschaft, dass dieser Urnebel schon eine Schöpfung des Geistes ist. Alles auf der Erde müssen wir verstehen lernen ausgehend von der menschlichen Natur.
[ 53 ] Auch die Zukunft der Erde kann man nur verstehen, wenn man vom Menschen ausgeht. [In seiner eigenen Menschennatur ist er ein kompliziertes Gebilde.] Der physische Leib des Menschen mit dem Wunderbau des Gehirns, des Herzens zeigt uns ein weisheitsvolles Gebilde. Das kleinste Stückchen Oberschenkelknochen ist so weisheitsvoll aus kleinen Balken zusammengefügt, dass der geschickteste Ingenieur es nicht nachmachen könnte. Dies weisheitsvolle Gebilde ist eine Verdichtung des Ätherleibes, und dieser wieder eine Verdichtung des Astralleibes. Und dieser Astralleib ist wiederum eine Schöpfung des Ich.
[ 54 ] Heute ist der Astralleib in der Nacht damit beschäftigt, die Ermüdungsstoffe aus dem physischen Leib wegzuarbeiten. In der Zukunft wird der Astralleib wieder schöpferisch dadurch, dass er jetzt wieder mit der Außenwelt in Beziehung tritt während des Tages und diese Außenwelt kennenlernt. Dadurch gewinnt er Wissen und Kräfte, und die bedeuten erhöhtes Schaffen; mit den so gewonnenen Kräften [wird er] weiter arbeiten und den physischen Leib auf Stufen höherer Entwicklung erheben. Der Geist hat geschaffen die Urgestalt des physischen Leibes, er hat die physische Gestaltung heraufgeführt bis zur jetzigen Form und wird in der zukünftigen Erdenentwicklung die menschliche Gestalt auf noch höhere Stufen erheben.
[ 55 ] Der Geistesforscher [erkennt nicht alle Organe als gleichwertig an; nicht gleichgültig betrachtet er sie nebeneinander, sondern schätzt sie nach verschiedenen Arten. Er] unterscheidet unter den physischen Organen solche, die auf dem Wege sind, zurückgebildet zu werden, [nach und nach] abzusterben, die in der Vergangenheit ihre Höhe erreicht haben, und solche, die heute noch nicht ihre Höhe erreicht haben, die auf dem Wege sind, sich noch immer mehr zu entwickeln, sich zu vervollkommnen. Dies ist der Fall mit dem menschlichen Herzen. Die niederen Organe, die mit des Menschen Begierden und Leidenschaften zusammenhängen, sind auf dem Wege des Absterbens; diejenigen aber, welche mit dem Höheren, mit idealen Bestrebungen zusammenhängen, sind auf dem Wege zur Vervollkommnung.
[ 56 ] Nehmen wir als Beispiel das Herz, welches ein Muskel ist, der dem Anatomen und [Physiologen] ein Rätsel bleibt. Alle Muskeln haben einen bestimmten Bau. Diejenigen mit willkürlicher Bewegung, zum Beispiel die Muskeln der Hand, haben eine quergestreifte Muskulatur, während die mit unwillkürlicher Bewegung längsgestreifte Muskulatur aufweisen. [Auch das Verdauungssystem mit unwillkürlicher Bewegung hat längsgestreifte Muskulatur; nur] das Herz, welches ein Muskel mit unwillkürlicher Bewegung ist, hat trotzdem quergestreifte Muskeln. Dadurch ist es eine Krux für die äußere Forschung.
[ 57 ] Die Geisteswissenschaft bringt aber Licht in dieses Dunkel der materiellen Forschung, [indem sie zeigt, dass] das Herz auf dem Wege ist, ein willkürlicher Muskel zu werden.
[ 58 ] In der Zukunft wird der Mensch von seiner Seele aus, mit seinen seelischen Eigenschaften, sein Herz, seinen Pulsschlag regulieren. Er wird seinen Leib in seine Gewalt bekommen. Sein Leib wird viel mehr als heute der unmittelbare Ausdruck seiner seelischen Eigenschaften sein.
[ 59 ] Durch zwei schon heute vorhandene Tatsachen im Seelenleben des Menschen können wir hierfür ein Verständnis gewinnen. Erstens dasjenige, was im Menschen auftritt, wenn er einer Gefahr entgegensieht. Die Angst, die er vor einem Ereignis hat, zeigt sich im Erblassen als Einfluss auf das Blut, welches zurücktritt aus den äußeren Teilen seines Körpers. Eine unmittelbare Folge des seelischen Vorganges ist das, was im Blute zum Ausdruck kommt. Das andere, der andere Pol dieser seelischen Äußerung, ist zu finden in dem, was wir als Schamgefühle bezeichnen, wo dem Menschen die Schamröte ins Gesicht tritt dadurch, dass das Blut nach den äußeren Teilen des Leibes strömt. Das sind die beiden Pole seelischen Empfindens.
[ 60 ] Weitergehend denke man sich, wie das Herz zu immer höheren Stufen einer Gestaltung des Inneren kommt, bis dem Willen immer mehr unterworfen sein wird, was im Blute wirkt, dann haben wir den Anfang von dem, was die Geisteswissenschaft darstellt als den zukünftigen Entwicklungsgang des Menschen. Er wird in Zukunft die Organe abwerfen, welche in die Vergangenheit zurückweisen, und ausgestalten die Organe der Zukunft. Wir blicken hin auf ein Erdenende, in dem der Mensch vergeistigt sein wird, sodass er dann, wie heute seine Hände der Willkür unterworfen sind, seinen ganzen Leib der Willkür unterworfen haben wird, in einer Weise, die heute, wenn wir davon hören, ans Wunderbare zu grenzen scheint. Heute schon hat der Mensch Herrschaft über mancherlei Naturkräfte. Immer weiter wird er seine Herrschaft ausbreiten, indem er sich selbst in seine Gewalt bekommt.
[ 61 ] Im Erdenanfang war der Mensch Geist; aber sein Bewusstsein war ein dumpfes Schlafbewusstsein. Sein physischer Leib war noch nicht vorhanden. Dann hat er sich herausgegliedert aus dem astralischen Leib. Nun wird der astralische Leib immer mehr den physischen Leib beherrschen und lernen, das Physische immer mehr zu vergeistigen. Bei der Höherentwicklung wird der Mensch wieder auf einer geistigen Stufe anlangen, aber bewusst. Am Ende wird er als der große König der Erde dastehen.
[ 62 ] Das Materielle ist eine Schöpfung des Geistigen, es steht in der Mitte. Vorher war nur das Geistige da und in Zukunft wird auch das Geistige wieder da sein. In Zukunft wird das Materielle wieder zurücktreten, und es wird daraus nur das bleiben, was der Geist als Frucht herausgezogen hat. Manche Bildungen am menschlichen Leibe sind schon zurückgetreten. Im Anfang war der Mensch ganz mit Haaren bedeckt. Die Haare sind schon jetzt in einem Rückbildungsprozess begriffen. Andere Organe sind auch in dem Rückbildungsprozess begriffen.
[ 63 ] Das Auge ist gebildet vom Geist. Es nimmt jetzt wahr die materielle Welt. Das Auge [als Organ] wird wieder vergehen; aber was das Auge gesehen hat, das nimmt der menschliche Geist als Frucht mit sich, das verleibt er sich ein. Ebenso werden die Ohren als Organe vergehen; aber was der Mensch mit ihnen gehört hat, das nimmt sein Geist als Frucht mit. Nicht umsonst hat der Mensch sich Organe gebildet; wenn alles Materielle aufhört, wird er dastehen als geistiges Wesen, reifer, innerlicher, vollendeter. [Einstmals wird alles Physische vollendet werden; die Erde wird zerbröckeln in einzelne Teile.] Dass die Erde einmal sich auflösen wird, das lehrt auch die Physik. Was aber bleibt [für den Materialisten] von [dem Leichenfeld] der Erde? Wenn wir es im materialistischen Sinne betrachten, bleibt nur das öde Nichts. Im Sinne der Geisteswissenschaft aber wissen wir: Alles, was durch diese sinnlichen Organe gesehen, gehört, empfunden wurde, das wird bleiben als Inhalt des Geistesmenschen, und mit diesem Inhalt wird der Mensch [in anderen Welten, noch ungekannten] zu einem neuen kosmischen Dasein aufsteigen.
[ 64 ] Wir sehen zu gleicher Zeit das Ziel der Menschheit, wenn wir Anfang und Ende der Erdentwicklung betrachten. Diese Theorie ist nicht nur grau, sondern etwas, was Hoffnung, [Vertrauen], Kraft und Zuversicht in unsere Seele gießt, [uns Mut und Arbeitslust erweckend. Es sind ferne Ideale; ja, aber] wenn der Mensch diese Ideale in seiner Seele aufnimmt, werden sie uns helfen [und tragen] bei der kleinsten Arbeit im Alltagsleben. Es ist das etwas, was uns arbeitsfreudig macht und lebensstark und zuversichtlich macht.
[ 65 ] Wir lernen dann, dass [wir da waren als Geist, bevor unsere physische Materie da war, und dass] er die Form erschafft, [die er verliert], aber sich durch die Form nur bereichert. [Der Geist wird wieder hervorgehen als Sieger.] Was wir durch Augen und Ohren erhalten, erleben in der Seele, das wird vergeistigt werden.
[ 66 ] [Diese geprägte Geistesform tragen wir zu immer höheren Stufen des Daseins hinauf.] Die das gewusst haben — [die, welche tiefer in das Weltenwesen hineinsahen] —, haben auch gewusst, dass der Mensch sein Dasein dem Himmel verdankt, dass er herausgeboren ist aus der Sternenwelt, dass er als Geist mehr ist als alles das, was auf der Erde ist.
[ 67 ] Wir können das zusammenfassen mit Goethes Worten. Er fühlte, dass der Mensch herausgeboren ist aus der großen kosmischen Welt, aus der die Sterne heraus entstanden sind. Das drückt er aus in den Worten, die er «orphische Urworte» nennt:
Wie an dem Tag, der Dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach Du angetreten.
So musst Du sein. Dir kannst Du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
