Mystery Sites of the Middle Ages
Rosicrucianism and the Modern Principle of Initiation
GA 233a
5 January 1924, Dornach
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Mystery Sites of the Middle Ages, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Gestern begann ich zu Ihnen von den geisteswissenschaftlichen Bestrebungen vom 9., 10. nachchristlichen Jahrhundert zu sprechen, bis in die Zeit hinein, solange es im Ernste noch solche geisteswissenschaftlichen Bestrebungen gegeben hat: was eigentlich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Anfang des 19. Jahrhunderts dauerte, und ich versuchte gestern, einiges von dem Inhalte solcher Bestrebungen zu Ihnen zu sprechen. Heute möchte ich nun mehr das Historische berühren. Es handelt sich nämlich darum, daß ja durch das alte eigentliche Mysterienwesen in den Mysterienstätten in der Art, wie ich das während der Weihnachtstagung in den Abendvorträgen dargelegt habe, wirklich eine Begegnung der Menschen, der Initiierten und der zu Initiierenden, mit den Göttern stattfinden konnte, daß gewissermaßen in den Initiationsstätten die Möglichkeit vorhanden war, wenn ich den pedantischen Ausdruck gebrauchen darf, offizielle Orte zu finden, die eigens ihrer Lokalität nach dazu eingerichtet waren, eine solche Begegnung herbeizuführen.
[ 1 ] Yesterday I began to speak to you about the spiritual-scientific endeavors of the 9th and 10th centuries A.D., up to the time when such spiritual-scientific endeavors were still being pursued in earnest—which actually lasted until the end of the 18th century and the beginning of the 19th century—and yesterday I tried to speak to you about some of the content of those endeavors. Today I would like to focus more on the historical aspect. The point is that, through the ancient, authentic mystery tradition in the mystery sites—as I explained during the Christmas Conference in the evening lectures—a genuine encounter between human beings—the initiates and those to be initiated—and the gods could indeed take place; that, so to speak, within the initiation sites there existed the possibility—if I may use this pedantic term— to find “official places” that were specifically designed, by virtue of their location, to bring about such an encounter.
[ 2 ] Diese Einrichtungen, die zugrunde liegen als die eigentlichen Impulsgeber allen alten Zivilisationen, sind nach und nach hingeschwunden, und man kann sagen: In der alten Form fanden sie sich eigentlich nicht mehr seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Da und dort waren noch Nachzügler vorhanden, aber in dieser strengen alten Form fanden sie sich nicht mehr. Dagegen hat ja die Initiation im Grunde genommen niemals aufgehört; die Formen, in denen die zu Initiierenden ihren Weg fanden, die änderten sich. Und ich habe ja auch schon darauf hingewiesen, wie im Mittelalter die Sache so war, daß einzelne anspruchslose, in aller Bescheidenheit lebende Menschen da oder dort vorhanden waren, die nicht gerade offizielle Schülerkreise an bestimmten Orten um sich sammelten, sondern die so, wie es das Menschheits- und Volkskarma ergab, da oder dort ihre Schüler hatten. Ich habe ja einen solchen Fall bei der Besprechung des Johannes Tauler in meiner «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» charakterisiert. Über diesen brauche ich nicht zu sprechen. Dagegen möchte ich einen anderen Fall gerade heute besprechen als einen, ich möchte sagen, charakteristisch-typischen Fall, einen Fall, der von einem großen Einflusse war, der vom 12., 13. Jahrhundert an bis ins 15. Jahrhundert vieles bewirkt hat, was an spirituellen Strömungen bis ins 15. Jahrhundert vorhanden war. Ich möchte diesen Fall skizzenhaft charakterisieren.
[ 2 ] These institutions, which served as the actual driving forces behind all ancient civilizations, gradually faded away, and it can be said that they had essentially ceased to exist in their original form since the 4th century A.D. Here and there, a few stragglers remained, but they no longer existed in that strict, ancient form. On the other hand, initiation has, in essence, never ceased; it was the forms through which those to be initiated found their way that changed. And I have already pointed out how things were in the Middle Ages: there were here and there individual, unassuming people living in all modesty who did not exactly gather official circles of students around themselves in specific places, but who, as dictated by human and national karma, had their students here and there. I have, in fact, described such a case in my discussion of Johannes Tauler in *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life*. I need not speak of him here. Instead, I would like to discuss another case today—one that I would describe as a characteristic, typical case, a case that exerted a great influence and, from the 12th and 13th centuries through the 15th century, shaped much of what existed in spiritual currents up to the 15th century. I would like to sketch out the characteristics of this case.
[ 3 ] Die Zeit, in der er stattgefunden hat, ist um das Jahr 1200 herum. Es gab in jener Zeit wirklich eine größere Anzahl von Menschen, jungen Menschen, die in sich den Drang nach höherem Wissen verspürten, nach einer Verbindung mit der geistigen Welt, man kann schon sagen, nach einer Begegnung mit den Göttern. Und es war ja eben durchaus nach der Lage der Zeitverhältnisse so, daß es oftmals fast wie zufällig aussah, wenn solch ein strebender Mensch seinen Lehrer fand, was ja damals nicht durch Bücher geschehen konnte, sondern was damals nur ganz persönlich geschehen konnte. Es war natürlich tiefe Schicksalsfügung darin und sah nur äußerlich wie ein Zufall aus. Von einem solchen Schüler möchte ich sprechen.
[ 3 ] The period in which this took place was around the year 1200. At that time, there really was a large number of people—young people—who felt within themselves a longing for higher knowledge, for a connection with the spiritual world; one might even say, for an encounter with the gods. And given the circumstances of the time, it was indeed often the case that it seemed almost coincidental when such an aspiring person found his teacher—something that could not happen through books back then, but could only take place in a very personal way. There was, of course, a profound twist of fate involved, and it only appeared to be a coincidence on the surface. I would like to speak about such a student.
[ 4 ] Er fand durch einen solchen scheinbaren Zufall in einem Orte des mittleren Europa einen Lehrer. Er traf mit einem älteren Menschen zusammen, demgegenüber er alsbald das Gefühl entwickelte, der könne ihn weiterleiten in dem Streben, das den tiefsten Drang seiner Seele bildete. Und ich möchte Ihnen zunächst sozusagen ein Gespräch skizzieren. Natürlich hat nicht nur ein solches Gespräch zwischen dem Lehrer und dem Schüler stattgefunden, aber ich fasse verschiedene Gespräche in eines zusammen.
[ 4 ] Through such an apparent coincidence, he found a teacher in a town in Central Europe. He met an older man toward whom he immediately felt could guide him in the quest that constituted the deepest longing of his soul. And I would like to begin by outlining a conversation, so to speak. Of course, more than one such conversation took place between the teacher and the student, but I am summarizing several conversations into one.
[ 5 ] Der Schüler sprach zu dem Lehrer, er strebe darnach, in die geistige Welt hinein Blicke tun zu können, aber es sei ihm so, als ob in der Tat die Menschennatur, so wie sie nun einmal in jener Zeit sei — im 12. Jahrhundert ist es ungefähr, wovon ich spreche —, als ob die Menschennatur nicht vordringen könne zu den geistigen Welten. Man müsse doch, sagte der Schüler, in der Natur etwas sehen, was Werk, Schöpfung der göttlich-geistigen Wesenheiten sei. Man müsse aus dem, wie die Naturdinge seien in ihrem tieferen Sinne, wie die Naturvorgänge verlaufen, erkennen können, wie hinter diesen Naturdingen und Naturschöpfungen das Wirken von göttlich-geistigen Wesenheiten stehe. Aber es sei so, als ob die Menschennatur in der Gegenwart nicht durchkönne. Und schon hatte es sich in dem Schüler, in dem jungen Menschen — ich meine, jungen Menschen von fünfundzwanzig oder achtundzwanzig Jahren — stark geformt zu Gefühlen: Das gegenwärtige Menschentum, der physische Leib in seiner besonderen Verbindung mit der Seele, könne nicht vordringen, habe in sich selber Hindernisse.
[ 5 ] The student said to the teacher that he was striving to be able to glimpse into the spiritual world, but it seemed to him as if human nature—as it was at that time—roughly the 12th century, which is what I am referring to—as if human nature could not penetrate the spiritual worlds. One must surely, said the student, see in nature something that is the work, the creation, of divine-spiritual beings. One must be able to recognize, from the way natural things are in their deeper sense and from the way natural processes unfold, how the activity of divine-spiritual beings lies behind these natural things and natural creations. But it was as if human nature, in the present, could not break through. And already, a strong feeling had taken shape within the student, within the young person—I mean, young people aged twenty-five or twenty-eight—that present-day humanity, the physical body in its particular connection with the soul, could not penetrate, that it had obstacles within itself.
[ 6 ] Da sagte ihm zunächst der Lehrer, um ihn auf die Probe zu stellen: Nun ja, du hast doch deine Augen, du hast doch deine Ohren; sieh mit deinen Augen hin auf die Naturdinge, höre mit deinen Ohren dasjenige, was geschieht, und du wirst durch Farbe und Ton, in denen sich ja Geistiges offenbart, du wirst durch sie hindurch das Geistige sich offenbaren fühlen müssen. — Da sagte der Schüler: Ja, wenn ich meine Augen gebrauche, wenn ich hinausschaue in die Welt, die farbig ist, da ist es mir, als wenn mein Auge die Farbe aufhielte, als wenn die Farbe an meinen Augen erstarrte. Und wenn ich hinhorche mit meinen Ohren auf die Töne, ist es, als wenn die Töne in meinen Ohren verknöcherten und wie wenn die erstarrten Farben und die verknöcherten Töne durch meine Sinne den Geist der Natur nicht hindurchließen. — Da sagte der Lehrer: Sieh aber doch, es gibt doch auch eine Offenbarung; es gibt die Offenbarung des religiösen Lebens. Da wird dir erzählt, wie Götter die Welt gestaltet haben, wie in die Zeitentwickelung der Christus eingetreten ist, Mensch geworden ist. Es gibt also außer der Natur noch die Offenbarung. Was dir die Natur nicht geben kann, kann dir denn das nicht die Offenbarung geben? — Da sagte der Schüler: Die Offenbarung spricht ja sehr stark zu meinem Herzen, aber eigentlich kann ich sie nicht fassen, eigentlich ist es mir unmöglich, dasjenige, was draußen in der Natur ist, in Verbindung zu bringen mit dem, was mir die Offenbarung sagt. Und so, indem ich die Natur nicht verstehe, indem die Natur mir nichts offenbart, verstehe ich auch die religiöse Offenbarung nicht.
[ 6 ] At first, the teacher said to him, to put him to the test: “Well, you have your eyes, you have your ears; look with your eyes at the things of nature, listen with your ears to what is happening, and through color and sound—in which the spiritual reveals itself—you will surely feel the spiritual revealing itself through them. — Then the student said: “Yes, when I use my eyes, when I look out into the world, which is full of color, it seems to me as if my eye were holding the color back, as if the color were solidifying before my eyes.” And when I listen with my ears to the sounds, it is as if the sounds were ossifying in my ears, and as if the frozen colors and the ossified sounds were preventing the spirit of nature from passing through my senses. — Then the teacher said: “But look, there is also revelation; there is the revelation of religious life. There you are told how the gods shaped the world, how Christ entered the course of history and became human. So, in addition to nature, there is also revelation. What nature cannot give you—can’t revelation give it to you?” — Then the student said: “Revelation does speak very powerfully to my heart, but actually I cannot grasp it; in fact, it is impossible for me to connect what is out there in nature with what revelation tells me. And so, because I do not understand nature, because nature reveals nothing to me, I also do not understand religious revelation.”
[ 7 ] Da sagte der Lehrer: Nun gut, so wie du jetzt in der Welt drinnenstehst, so wirst du allerdings — wenn du so sprechen mußt, wenn es dir so ums Herz und um die Seele ist, daß du so sprechen mußt weder Natur noch Offenbarung verstehen können. Denn du lebst eben in einem Menschenleibe, der von der Sünde befallen ist — so war ja die Redensart dazumal —, und dieser von der Sünde befallene Menschenleib, der paßt eigentlich nicht zu der irdischen Umgebung, in der du lebst. Die irdische Umgebung gibt dir nicht die Bedingungen dazu, so deine Sinne zu gebrauchen und dein Gemüt zu gebrauchen, daß du Natur und Offenbarung als Erleuchtung, die von den Göttern kommt, ansehen könntest. Ich werde, wenn du willst, dich aus der Natur deiner irdischen Umgebung, die einfach nicht angepaßt ist an dein Wesen, hinwegführen und werde dir Gelegenheit geben, Offenbarung und Natur besser zu verstehen.
[ 7 ] Then the teacher said: “Very well, given your current state of mind—if you feel compelled to speak this way, if your heart and soul are in such a state that you must speak this way—you will indeed be unable to understand either nature or revelation. For you live in a human body that is afflicted by sin—as the saying went back then—and this human body, afflicted by sin, does not really fit into the earthly environment in which you live. Your earthly surroundings do not provide the conditions for you to use your senses and your mind in such a way that you could regard nature and revelation as enlightenment coming from the gods. If you wish, I will lead you away from the nature of your earthly surroundings—which are simply not suited to your being—and give you the opportunity to better understand revelation and nature.
[ 8 ] Und es wurde verabredet, wann der Lehrer den Schüler führen sollte. Und er führte ihn zunächst eines Tages einen hohen Berg hinauf, einen sehr hohen Berg, einen Berg hinauf, von dem aus man die gewöhnliche Erdoberfläche mit ihren Bäumen, Fluren und so weiter nicht mehr sehen konnte; sondern als der Schüler mit seinem Lehrer oben stand, konnte man nur noch — wie Sie das ja wohl auch aus dem Gebirge kennen — unten etwas wie ein Nebelmeer sehen, welches die gewöhnliche Erde bedeckte, und oben war man, wenigstens andeutungsweise, wie symptomatisch entrückt dem irdischen Treiben. Man sah nur hinschauend den Weltenraum mit seinen Wolkengebilden und unten etwas wie ein Meer, wie ein wogendes Meer, das eben aus Wolken bestand; Morgennebel, Morgenstimmung. Der Lehrer sprach Verschiedenes. Er sprach von Weltenweiten, von kosmischen Fernen, sprach davon, wie die Weite, in die der Blick herausgerichtet ist, in der Nachtzeit die Sterne aus sich herausleuchten läßt, sprach Verschiedenes, wodurch das Gemüt des Schülers ganz hingegeben ward an die Eigentümlichkeit des Naturdaseins, gewissermaßen erdentrückt ward.
[ 8 ] And they agreed on when the teacher would guide the student. And one day he first led him up a high mountain, a very high mountain, a mountain from which one could no longer see the ordinary surface of the earth with its trees, fields, and so on; but when the student stood at the top with his teacher, one could see only—as you are no doubt familiar with from the mountains—something like a sea of fog below, covering the ordinary earth, and up above one was, at least to some extent, as if symbolically removed from earthly goings-on. Looking out, one saw only the expanse of the universe with its cloud formations and, below, something like a sea—a surging sea—consisting entirely of clouds; morning mist, the atmosphere of dawn. The teacher spoke on various topics. He spoke of the vastness of the universe, of cosmic distances; he spoke of how the expanse toward which one’s gaze is directed allows the stars to shine forth from within it at night; he spoke on various topics, through which the student’s mind became wholly absorbed in the uniqueness of natural existence, as it were, detached from the earth.
[ 9 ] Und so lange dauerte die Vorbereitung, bis in der Tat etwas von jener Seelenstimmung da war bei dem Schüler, die man damit vergleichen könnte, daß dem Schüler erschien — nicht für einen Augenblick, sondern für längere Zeit — alles das, was er jemals während seines irdischen Lebens in dieser Inkarnation auf Erden erlebt hatte, wie wenn er es geträumt hätte. Und so wenig mannigfaltig eigentlich dasjenige war, was er da überblickte — das wallende wogende Nebelmeer, Wolkenmeer, wenige in der Nähe befindliche Gipfel, die Weltenweiten, höchstens da und dort eben mit Wolkenbildungen auch besetzt, aber kaum, nur am Ende —, so arm an Inhalt gegenüber der Mannigfaltigkeit dessen, was er unten auf dem Erdboden immer hatte erleben können, dies alles war, so war ihm das doch wie der Inhalt seines tagwachen Bewußtseins. Und alles, was er jemals auf der Erde erlebt hatte, war ihm, wie wenn er es so in der Nacherinnerung eines Traumes hätte. Er kam sich wie erwacht vor. Und während er also immer mehr und mehr erwachte in dieser Situation, trat ihm aus einer Felsenspalte, die er vorher nicht bemerkt hatte, ein junger Knabe von etwa zehn, elf Jahren entgegen, der auf ihn einen merkwürdigen Eindruck machte; denn alsbald erkannte er in diesem Knaben sich selber in seinem zehnten, elften Jahre. Was ihm da erschienen war, es war der Geist seiner Jugend. Und Sie erraten wohl, meine lieben Freunde, daß in dieser Szene eine der Anregungen war, die mich veranlaßt haben, in dem einen Mysteriendrama die Gestalt von Johannes’ Jugend einzuführen. Das Motiv nur liegt da; Sie müssen nicht an Photographie denken. Die Mysterien sind auch kein okkulter Schlüsselroman.
[ 9 ] And the preparation lasted until, in fact, a certain state of mind had taken hold of the student—one that could be compared to the student perceiving—not for a moment, but for a longer period of time—everything he had ever experienced during his earthly life in this incarnation on Earth, as if he had dreamed it. And as little variety as there actually was in what he surveyed there—the billowing, undulating sea of mist, a sea of clouds, a few nearby peaks, the vastness of the cosmos—at most dotted here and there with cloud formations, but scarcely so, only at the very edge—however meager in content compared to the diversity of what he had always been able to experience down on the earth’s surface, all of this was to him like the content of his waking consciousness. And everything he had ever experienced on Earth seemed to him as if he were recalling it in the afterglow of a dream. He felt as if he had just awakened. And as he thus awoke more and more in this situation, a young boy of about ten or eleven years old emerged from a crevice in the rock—one he had not noticed before—and approached him, making a strange impression on him; for he immediately recognized in this boy himself at the age of ten or eleven. What had appeared to him there was the spirit of his youth. And you can probably guess, my dear friends, that this scene was one of the inspirations that led me to introduce the figure of John’s youth into one of the Mystery Dramas. The motif is simply there; you need not think of it as a photograph. Nor are the Mysteries an occult roman à clef.
[ 10 ] Und er stand gegenüber dem Geiste seiner Knabenzeit, sich selber. Und er war auch da, mit seinen fünfundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren war er da, neben dem Geiste seiner Jugend. Und ein Gespräch konnte stattfinden, das der Lehrer führte, das aber eigentlich stattfand zwischen dem Schüler und seinem eigenen jüngeren Selbst. Solch ein Gespräch verläuft — Sie können das aus dem Mysteriendrama, aus dem Stil, der dort beobachtet ist, ja ersehen —, solch ein Gespräch verläuft in einer recht eigenartigen Weise. Denn wenn man, was ja immer sein kann, dem Geiste seiner Jugend entgegentritt, dann gibt man etwas vom reifen Verstande den kindlichen Vorstellungen, die der Geist der Jugend hat, und der Geist der Jugend gibt etwas von seiner Frische, von seiner Kindlichkeit demjenigen, was man in älteren Jahren ist. Und gerade dadurch, daß solch ein Austausch stattfindet, wird ein solches Gespräch ganz besonders fruchtbar. Und dieses Gespräch, das führte dazu, daß der Schüler lernte, die Offenbarung, die religiöse Offenbarung zu verstehen.
[ 10 ] And he stood face to face with the spirit of his boyhood—himself. And he was there, too; at the age of twenty-five to twenty-eight, he was there, alongside the spirit of his youth. And a conversation could take place—one led by the teacher, but which actually took place between the student and his own younger self. Such a conversation unfolds—as you can see from the Mystery Drama, from the style observed there—in a rather peculiar way. For when one encounters—as can always happen—the spirit of one’s youth, one imparts something of one’s mature intellect to the childlike ideas held by the spirit of youth, and the spirit of youth imparts something of its freshness, of its childlikeness, to who one has become in later years. And it is precisely because such an exchange takes place that such a conversation becomes particularly fruitful. And this conversation led the student to understand revelation—religious revelation.
[ 11 ] Das Gespräch wurde vorzugsweise geführt über die Genesis, über den Anfang des Alten Testaments, und wurde geführt über die Menschwerdung Christi. Unter der Leitung des Lehrers und unter der besonderen Art der Fruchtbarkeit, die in diesem Gespräche waltete, endete eben dieses Gespräch für den Schüler damit, daß er sagte: Jetzt verstehe ich, welcher Geist in der Offenbarung waltet. Nur dann, wenn man in die Lage kommt, fern von dem Irdischen, wie in Ätherhöhen versetzt zu sein, um die Ätherhöhen ideell zu ergreifen mit der in die spätere Lebenszeit heraufragenden Kindheitskraft, nur dann versteht man recht die Offenbarung. Und jetzt verstehe ich, daß die Götter den Menschen die Offenbarung gegeben haben, weil die Menschen in der Lage, in der sie auf der Erde sind, durch die Werke der Natur hindurch nicht die Werke der Götter erforschen können. Und so gaben sie ihnen die Offenbarung, die ja natürlich gar nicht zu verstehen ist gerade im reifen Lebensalter, die aber verstanden werden kann, wenn real lebendig wird Kindheit im reifen Lebensalter. Also eigentlich ist es etwas Abnormes, die Offenbarung zu verstehen. — Das machte einen gewaltigen Eindruck auf den Schüler. Der Eindruck blieb. Er blieb ihm unvergeßlich. Der Geist der Jugend verschwand wiederum. Die erste Phase der Unterweisung war das.
[ 11 ] The discussion focused primarily on Genesis, the beginning of the Old Testament, and on the Incarnation of Christ. Under the teacher’s guidance and thanks to the special spirit of fruitfulness that prevailed during this discussion, the student concluded by saying: “Now I understand what spirit prevails in Revelation. Only when one is able to be transported far from the earthly realm, as if to the etheric heights, and to grasp those etheric heights ideationally with the power of childhood that reaches up into later life—only then does one truly understand Revelation.” And now I understand that the gods gave Revelation to humankind because, in their earthly condition, people cannot fathom the works of the gods through the works of nature. And so they gave them Revelation, which, of course, cannot be understood at all in mature adulthood, but which can be understood when childhood becomes truly alive in mature adulthood. So, actually, it is something abnormal to understand revelation. — This made a tremendous impression on the student. The impression remained. It remained unforgettable to him. The spirit of youth vanished once again. That was the first phase of the instruction.
[ 12 ] Es sollte eine zweite folgen. Die zweite, die verlief in der folgenden Art. Wiederum führte der Lehrer den Schüler einen Weg. Jetzt führte er ihn nicht einen Berg hinauf, sondern jetzt führte er ihn an einen Berg, zu dem der Lehrer den Eingang durch ein Höhle wußte, in tiefe innere Bergesklüfte, weit hinunter bis in Bergwerksschächte, so daß der Schüler mit dem Lehrer in der Erdentiefe war, jetzt nicht in Ätherhöhen hoch oben über der Oberfläche der Erde, sondern in Erdentiefen, wie versenkt gegenüber der Oberfläche der Erde.
[ 12 ] A second one was to follow. The second one went something like this. Once again, the teacher led the student along a path. Now he did not lead him up a mountain, but rather to a mountain to which the teacher knew the entrance through a cave, into deep inner mountain crevices, far down into mine shafts, so that the student was with the teacher in the depths of the earth—now not in the ethereal heights high above the earth’s surface, but in the depths of the earth, as if submerged relative to the earth’s surface.
[ 13 ] Wiederum wurde es dem Bewußtsein des Schülers so, als ob ihm nachging alles dasjenige, was er auf der Erde jemals erlebt hatte, wie Träume. Denn er lebte unten in einer Umgebung, in der jetzt sein Bewußtsein besonders erwachte. Verwandt wurde er mit den Erdentiefen. Sehen Sie, es spielte sich da etwas ab, was dann zugrunde lag solchen Sagen wie etwa die von dem Leben des Kaisers Barbarossa im Kyffhäuser oder des Kaisers Karl des Großen im Untersberg bei Salzburg. So etwas spielte sich, wenn auch für kurze Zeit, wirklich ab, solch ein Leben in den Erdentiefen, fern von dem irdischen Leben des Menschen. Und wiederum konnte der Lehrer durch besondere Redeführung dieses Verbundensein mit den Erdentiefen ins Bewußtsein des Schülers hineinbringen. Aus einer Wand kam jetzt dem Schüler ein Greis entgegen, der ihm allerdings weniger bekannt war als der Geist seiner eigenen Jugend, den er aber fühlte als den, der er sein wird nach Jahrzehnten. Er fühlte sich selber im zukünftigen Greisenalter.
[ 13 ] Once again, it seemed to the student’s consciousness as if everything he had ever experienced on Earth was passing before him like dreams. For he lived down below in an environment where his consciousness was now particularly awakened. He became attuned to the depths of the Earth. You see, something was taking place there that later formed the basis for legends such as those about the life of Emperor Barbarossa in the Kyffhäuser Mountains or that of Emperor Charlemagne in the Untersberg near Salzburg. Such a life in the depths of the earth, far removed from human life on the surface, really did take place—albeit for a short time. And once again, through his special way of speaking, the teacher was able to bring this connection with the depths of the earth into the student’s consciousness. An old man now emerged from a wall toward the student; though less familiar to him than the spirit of his own youth, the student sensed him as the person he himself would become decades later. He felt himself in his future old age.
[ 14 ] Und nun entspann sich ein ähnliches Gespräch zwischen dem Schüler und seinem eigenen älteren Selbst, seinem greisenhaften Selbst, wiederum unter der Führung des Lehrers. Und nun kam aber aus diesem Gespräch etwas ganz anderes hervor als aus dem ersten Gespräche, denn jetzt fing an, in dem Schüler ein Bewußtsein aufzusteigen von seiner eigenen physischen Organisation. Er fühlte wie sein Blut in sich kreisen, jedes einzelne Blutteilchen, so war es ihm, fühlte er in sich kreisen, er begleitete die Blutäderchen, die Nervenstränge, und die einzelnen Organe des menschlichen Organismus fühlte er in ihrer sinnvollen Bedeutung für den gesamten Organismus. Und er fühlte in sich dasjenige hereinwirken, was draußen im Kosmos ist und verwandt mit dem Menschen ist. Er fühlte in sich hereinwirken das Blühende in den Pflanzen, das Wurzelhafte in den Pflanzen, das Mineralische in dem Erdboden in seinen Wirkungen im menschlichen Organismus. Er fühlte da in den Erdentiefen die Kräfte der Erde selber, in Organisation gebracht, in seinem eigenen Wesen zirkulierend, schaffen, sich umwandeln, Substanzen vernichten und gestalten. Er fühlte das Schaffen und Weben und Wesen der Erde in sich selber. Und das Ergebnis dieses Gespräches war, daß der Schüler, nachdem der alte Mann, der er selbst war, verschwunden war, sagen konnte: Jetzt hat wirklich die Erde, in der ich inkarniert bin, durch ihre Wesenhaftigkeit zu mir gesprochen, jetzt habe ich einen Moment gehabt, durch den ich hindurchgesehen habe durch die Naturdinge und Naturprozesse auf dasjenige, was Werk der Götter hinter diesen Erdendingen und hinter diesen Erdenprozessen ist.
[ 14 ] And now a similar conversation unfolded between the student and his own older self—his aged self—again under the guidance of the teacher. But this conversation yielded something entirely different from the first, for now an awareness of his own physical constitution began to arise within the student. He felt his blood circulating within him; every single particle of blood—so it seemed to him—he felt circulating within himself; he followed the tiny blood vessels and the nerve tracts, and he sensed the individual organs of the human organism in their meaningful significance for the entire organism. And he felt within himself the influence of that which exists out there in the cosmos and is related to humankind. He felt within himself the influence of the flowering aspect of plants, the root-like aspect of plants, and the mineral aspect of the earth—and their effects within the human organism. He felt there, in the depths of the earth, the forces of the earth itself—organized and circulating within his own being—creating, transforming, destroying, and shaping substances. He felt the creative power, the weaving, and the very essence of the earth within himself. And the result of this conversation was that the student, after the old man—who was himself—had vanished, was able to say: Now the Earth in which I am incarnated has truly spoken to me through its very essence; now I have had a moment in which I have seen through the things and processes of nature to that which is the work of the gods behind these earthly things and behind these earthly processes.
[ 15 ] Der Lehrer führte den Schüler wieder heraus, und ehe er ihn für diesmal verabschiedete, sagte er ihm: Sieh einmal, so wenig passen der heutige Mensch und die heutige Erde zusammen, daß du die Offenbarung der Religion empfangen mußt von dem Geiste deiner eigenen Jugend hoch auf dem Berge über der Erde und daß du die Offenbarung der Natur empfangen mußt tief unter der Erde, in den Klüften der Erde unter ihrer Oberfläche. Und wenn es dir gelingt, mit dem Lichte, das deine Seele vom Berge geholt hat, zu beleuchten dasjenige, was deine Seele empfunden hat in der Erde Höhlenklüften, dann wirst du zur Weisheit gelangen.
[ 15 ] The teacher led the student back outside, and before saying goodbye for now, he told him: “Look, modern man and the modern world are so out of step with one another that you must receive the revelation of religion from the spirit of your own youth high up on the mountain above the earth, and you must receive the revelation of nature deep beneath the earth, in the crevices of the earth beneath its surface. And if you succeed in using the light that your soul has brought down from the mountain to illuminate what your soul has sensed in the earth’s caves and crevices, then you will attain wisdom.
[ 16 ] Sehen Sie, in dieser Form wurde dazumal — um das Jahr 1200 war es, wovon ich spreche — die Vertiefung, die Weisheitserfüllung der menschlichen Seele bewirkt. Dieser Schüler war dadurch ja tatsächlich in die Einweihung, in die Initiation hineingestellt, und er wußte nun, welche Kraft er anwenden müsse in der Seele, um regsam zu machen das Licht der Höhen und das Gefühl der Tiefen. Und einige weitere Anleitungen gab ihm der Lehrer, die im wesentlichen darinnen bestanden, daß er dem Schüler sagte: Selbsterkennen besteht eigentlich immer darin, daß man im eigenen Menscheninnern dasjenige auf der einen Seite wahrnimmt, was hoch über demErdenmenschen liegt, und dasjenige, was tief unter dem Erdenmenschen liegt. Die müssen sich im Menscheninnern begegnen. Dann findet der Mensch in seinem eigenen Innern die Kraft des schaffenden Gottes.
[ 16 ] You see, back then—around the year 1200, which is what I am referring to—this was the way in which the deepening and the filling with wisdom of the human soul were brought about. Through this, the student was indeed brought into the initiation, and he now knew what power he had to apply within his soul to awaken the light of the heights and the feeling of the depths. And the teacher gave him some further instructions, which essentially consisted of telling the student: Self-knowledge actually always consists in perceiving within one’s own inner being, on the one hand, that which lies high above the earthly human being, and, on the other hand, that which lies deep below the earthly human being. These must meet within the human being. Then the human being finds within himself the power of the creative God.
[ 17 ] Von solchen Einweihungen, wie die ist, die ich Ihnen hier als eine charakteristisch-typische erzählt habe, ging das Bestreben aus, das man dann mittelalterliche Mystik nennen kann in der späteren Zeit, das hintendierte nach Selbsterkenntnis, aber um im eigenen Selbst den Weg zum Göttlichen zu finden. Es ist nur diese Mystik dann in der späteren Zeit abstrakt geworden. Jene konkrete Verbindung mit der Außenwelt, wie sie gegeben war für diese Schüler in dem Entrücktsein in Ätherhöhen und in Erdentiefen, die wurde nicht mehr gesucht. Daher wurde auch die innere Erschütterung, die ganze Intensität des inneren Erlebnisses nicht mehr erreicht. Aber gesucht wurde dennoch unter solchen Anregungen, unter solchen Impulsen im Innern. Im Innern wurde der Gott, das göttliche Schaffen gesucht. Und im Grunde genommen ist alles das, was gesucht worden ist von dem Meister Eckhart, von Johannes Tauler und den späteren Mystikern, die ich dargestellt habe in meinem Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens», impulsiert von solchen wirklichen mittelalterlichen Einweihungen. Aber diejenigen, die nun wahrhaftig im Sinne solcher mittelalterlichen Einweihungen gewirkt haben, die wurden vielfach verkannt. Und man gerät eigentlich nur sehr schwer an dasjenige heran, was diese Schüler der mittelalterlichen Eingeweihten in Wirklichkeit waren.
[ 17 ] It was from initiations such as the one I have described here—a characteristic and typical example—that the aspiration arose which, in later times, came to be called medieval mysticism; this aspiration sought self-knowledge, but with the aim of finding the path to the Divine within one’s own self. It is only that this mysticism later became abstract. That concrete connection with the external world—as it existed for these disciples in their rapture in the heights of the ether and the depths of the earth—was no longer sought. Consequently, the inner tremor, the full intensity of the inner experience, was no longer attained. Yet a search continued, inspired by such inner stirrings and impulses. Within, they sought God, the divine creative act. And fundamentally, everything that was sought by Meister Eckhart, Johannes Tauler, and the later mystics whom I have described in my book *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life* was inspired by such genuine medieval initiations. But those who truly worked in the spirit of such medieval initiations were often misunderstood. And it is actually very difficult to grasp what these disciples of the medieval initiates really were.
[ 18 ] Man kann ja wirklich ziemlich weit kommen in der Verfolgung der Wege in die geistige Welt hinein. Und diejenigen, welche solche Dinge wirklich ganz energisch befolgen, wie sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» stehen, die finden schon den Weg in die geistigen Welten hinein. Alles, was in der Vergangenheit physisch real war, ist ja natürlich heute nur durch die geistige Welt zu finden, also auch solche Szenen, wie ich sie eben geschildert habe, denn es gibt ja keine physischen Dokumente, die über solche Szenen berichten würden. Aber es gibt eben solche Gebiete, die schwer zugänglich sind auch für ein schon weit vorgeschrittenes geistiges Vermögen. Man muß wirklich, um diese Gebiete zu erforschen, dahin gekommen sein, mit den Wesenheiten der geistigen Welt in selbstverständlicher Weise Umgang zu haben wie mit Menschen. Dann ergibt sich aber auch der Zusammenhang zwischen diesen Eingeweihten, von denen ich Ihnen eben erzählt habe, und ihren Schülern, zum Beispiel einem solchen Schüler, der durch das, was historisch vermittelt ist, ja recht fragwürdig erscheint, Raimundus Lullus, der vom Jahre 1234 bis 1315 lebte.
[ 18 ] One can indeed go quite far in pursuing the paths into the spiritual world. And those who truly follow such practices with great dedication—as described in my book *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?*—will indeed find their way into the spiritual worlds. Everything that was physically real in the past can, of course, only be found today through the spiritual world—including scenes such as those I have just described—since there are no physical documents that would report on such scenes. But there are indeed certain realms that are difficult to access, even for a spiritual faculty that is already highly advanced. To explore these realms, one must truly have reached the point where one interacts with the beings of the spiritual world as naturally as one does with human beings. Then, however, the connection also becomes clear between these initiates, of whom I have just told you, and their students—for example, a student who, based on what has been historically recorded, does indeed seem quite questionable: Raimundus Lullus, who lived from 1234 to 1315.
[ 19 ] Was Sie von Raimundus Lullus durch historische Dokumente kennenlernen können, ist ja herzlich wenig. Aber was man von ihm kennenlernen kann, wenn man — verzeihen Sie, daß ich den paradoxen Ausdruck gebrauche, aber Sie werden nach dem, was ich in den letzten Tagen und seit vierzehn Tagen hier dargestellt habe, den Ausdruck doch nicht mehr als paradox empfinden —, wenn man sozusagen ein persönliches Verhältnis gewinnt zu Raimundus Lullus, dann stellt er sich doch noch als etwas anderes dar, als das ist, was die historischen Dokumente aus ihm machen. Da stellt er sich in der folgenden Weise dar. Er ist im eminentesten Sinne eine Persönlichkeit, die unter Anregung gerade desjenigen Eingeweihten, von dem ich hier als dem Schüler des anderen gesprochen habe, dazu kam, mit aller Kraft wiederum so etwas in seiner Zeit erneuern zu wollen, wie es im Altertum die Mysterien des Wortes, des Logos waren. Er wollte die Mysterien des Logos wieder erneuern. Und er wollte sie wieder erneuern durch die Selbsterkenntnis, von der ich Ihnen ja gesagt habe, daß sie in einer so mächtigen Weise angeregt worden ist im 12., im 13. Jahrhundert. Und von diesem Gesichtspunkte aus ist die sogenannte «Ars magna» des Raimundus Lullus zu beurteilen. Er sagte sich: Wenn der Mensch spricht, so ist im Sprechen eigentlich auch ein Mikrokosmos gegeben. Dasjenige, was der Mensch spricht, ist eigentlich der ganze Mensch, konzentriert auf die Sprachorgane. Aber das Geheimnis jedes Wortes liegt im ganzen Menschen, und wiederum, weil es im ganzen Menschen liegt, liegt es eigentlich in der Welt.
[ 19 ] What you can learn about Raimundus Lullus from historical documents is, of course, very little. But what one can learn about him—forgive me for using this paradoxical expression, but after what I have presented here over the past few days and for the past two weeks, you will no longer find the expression paradoxical—if, so to speak, one develops a personal relationship with Raimundus Lullus, then he reveals himself to be something other than what the historical documents make of him. He presents himself in the following way. He is, in the most eminent sense, a personality who, inspired precisely by that initiate of whom I have spoken here as the disciple of the other, came to desire with all his might to renew in his own time something akin to what the mysteries of the Word, the Logos, were in antiquity. He wanted to renew the mysteries of the Logos. And he wanted to revive them through self-knowledge, which, as I have told you, was so powerfully inspired in the 12th and 13th centuries. And it is from this perspective that the so-called “Ars Magna” of Raimundus Lullus must be assessed. He reasoned: When a person speaks, speech itself actually constitutes a microcosm. What a person speaks is, in fact, the whole person, concentrated in the organs of speech. But the mystery of every word lies in the whole person, and in turn, because it lies in the whole person, it actually lies in the world.
[ 20 ] Und so kam er darauf, daß man eigentlich das Geheimnis der Sprache erst im Menschen suchen müsse, indem man tief untertaucht von den bloßen Sprachorganen zu der Gesamtorganisation des Menschen, und dann im Kosmos, indem man wiederum die Gesamtorganisation des Menschen aus dem Kosmos heraus begreift. Zum Beispiel, sagen wir, jemand wolle den Laut A in seiner wirklichen Bedeutung begreifen. Da handelt es sich darum, daß der Mensch darauf kommt, daß der Laut A, der im geformten Aushauch zum Vorschein kommt, auf einer gewissen inneren Attitüde des Ätherleibes beruht, auf einer Attitüde des Ätherleibes, die Sie heute kennenlernen können. Durch die Eurythmie sehen wir, auf welcher Attitüde des Ätherleibes der Laut A beruht, denn diese Attitüde wird auf den physischen Leib übertragen und gilt dann als die eurythmische Geste für den A-Laut.
[ 20 ] And so he came to the conclusion that the secret of language must actually be sought first within the human being—by delving deeply from the mere speech organs to the overall organization of the human being—and then in the cosmos, by understanding the overall organization of the human being from the perspective of the cosmos. For example, let’s say someone wants to understand the sound A in its true meaning. The point here is that the human being comes to realize that the sound A, which emerges in the shaped exhalation, is based on a certain inner attitude of the etheric body—an attitude of the etheric body that you can become acquainted with today. Through eurythmy, we see on which attitude of the etheric body the sound A is based, for this attitude is transferred to the physical body and is then regarded as the eurythmic gesture for the sound A.
[ 21 ] Ganz klar wurde das dem Raimundus Lullus nicht, sondern alles blieb bei ihm Ahnung. Aber seine Ahnung kam so weit, daß er nun die innere Attitüde, die innere Geste des Menschen gewissermaßen hinausverfolgte in den Kosmos, zum Beispiel daß er sagte: Richtest du die Blickrichtung nach dem Löwen, nach dem Sternbilde des Löwen, und richtest du die Blickrichtung nach der Waage, dann gibt dir der Zusammenhang der beiden Blickrichtungen das A. Richtest du den Blick nach dem Saturn, so hält der Saturn deine Blickrichtung auf. Und wenn der Saturn zum Beispiel vor dem Widder steht, so mußt du mit dem Saturn dich um den Widder herumdrehen. Das gibt dir aus dem Kosmos heraus die Empfindung des O.
[ 21 ] This was not entirely clear to Raimundus Lullus; for him, it all remained a hunch. But his hunch went so far that he, in a sense, extended the inner attitude, the inner gesture of the human being, out into the cosmos—for example, when he said: If you direct your gaze toward Leo, toward the constellation of Leo, and if you direct your gaze toward Libra, then the connection between these two directions of gaze gives you the A. If you direct your gaze toward Saturn, then Saturn holds your direction of gaze in place. And if, for example, Saturn is positioned in front of Aries, then you must turn around Aries along with Saturn. This gives you, from the cosmos, the sensation of O.


[ 22 ] Und aus solchen Ahnungen heraus fand Raimundus Lullus gewisse Figuren, an deren Ecken und Seiten er die Buchstaben schrieb. Und nun war er sich klar darüber: Wenn man aus seinen Empfindungen heraus Linien zieht in den Figuren, durch Diagonalen oder dergleichen meinetwegen in einem Fünfeck a b c d e irgendwie verbindet — das ist nur schematisch —, dann muß man darin Lautverbindungen sehen, und diese Lautverbindungen sprechen gewisse Geheimnisse des Weltenalls, des Kosmos aus.
[ 22 ] And based on such intuitions, Raimundus Lullus devised certain figures on whose corners and sides he wrote letters. And now it was clear to him: If, based on his intuitions, one draws lines within the figures—connecting them somehow via diagonals or the like, say, in a pentagon a b c d e—this is merely a schematic representation—then one must see sound combinations within them, and these sound combinations express certain mysteries of the universe, of the cosmos.


[ 23 ] Also Raimundus Lullus suchte eine Art Renaissance der Geheimnisse des Logos, wie sie üblich waren in den alten Mysterien. Diese Sache wird ja entstellt dargestellt in den historischen Dokumenten. Aber wenn man eben nach und nach sozusagen in ein persönliches Verhältnis zu Raimundus Lullus kommt, so kommt man darauf, daß Raimundus Lullus versuchte, durch solche Bestrebungen das Weltenwort wiederum zu enträtseln. Und in diesen Bestrebungen lebten eigentlich die Schüler der mittelalterlichen Eingeweihten noch einige Jahrhunderte fort. Es war ein ganz intensives Bemühen, erst in den Menschen unterzutauchen und dann durch das Untertauchen in den Menschen hinauszukommen über den Menschen in die Geheimnisse des Kosmos hinein.
[ 23 ] Thus, Raimundus Lullus sought a kind of renaissance of the mysteries of the Logos, as was customary in the ancient mysteries. This matter is, of course, misrepresented in historical documents. But as one gradually develops, so to speak, a personal relationship with Raimundus Lullus, one comes to realize that Raimundus Lullus sought, through such endeavors, to unravel the Word of the World once again. And it was through these endeavors that the disciples of the medieval initiates actually continued to live on for several more centuries. It was a very intense endeavor: first to immerse oneself within humanity, and then, through that immersion, to emerge beyond humanity and into the mysteries of the cosmos.
[ 24 ] In dieser Weise versuchten diese — man darf sie Weise nennen —, diese Weisen, zu verbinden die Offenbarung mit der Natur. Und sie glaubten, auf diese Weise — und vieles von ihrem Glauben war ja tief begründet —, sie glaubten, auf diese Weise hinter die Offenbarung des Religiösen und hinter die Offenbarung der Natur zu kommen. Denn sie waren sich klar darüber, daß eben der Mensch, so wie er nun einmal in ihrer Zeit auf der Erde lebte, eigentlich bestimmt war, die vierte Hierarchie zu werden, daß er aber einen Fall getan habe, durch den er unter sein eigentliches Wesen heruntergekommen ist und tiefer drinnen steckt in dem physischen Dasein, als er eigentlich sollte, daß er aber dennoch wiederum für dieses tiefe Drinnenstecken nicht die Kraft hat, sein Geistig-Seelisches entsprechend spirituell auszubilden. Und aus solchen Bestrebungen heraus entstand ja dann das Rosenkreuzer-Bestreben.
[ 24 ] In this way, these—one might call them sages—these sages sought to connect revelation with nature. And they believed that in this way—and much of their belief was, after all, deeply grounded—they believed that in this way they could get to the heart of the revelation of the religious and the revelation of nature. For they were well aware that it was precisely the human being, as he happened to live on Earth in their time, was actually destined to become the fourth hierarchy; but that he had suffered a fall through which he had descended below his true nature and was more deeply entrenched in physical existence than he ought to be; yet, despite this deep entrenchment, he lacked the strength to develop his spiritual-soul aspect in a correspondingly spiritual way. And it was out of such aspirations that the Rosicrucian movement arose.
[ 25 ] An einer Lehrstätte der Rosenkreuzer, der ersten ursprünglichen Rosenkreuzer, war es, daß einmal gerade die Szenen, die ich Ihnen heute schilderte, die Szene hoch oben auf dem Berge zwischen dem Lehrer und dem Schüler und unten tief in den Erdenklüften, daß diese Szenen wie in einer Art zeitlicher Fata Morgana auftauchten, man möchte sagen, wie als Gespenst wiederkamen, sich spiegelten als Vision innerhalb einer Rosenkreuzer-Lehrstätte. Und daraus erkannte man, daß der Mensch durch innerliches Streben zweierlei erreichen müsse, um zur wirklichen Selbsterkenntnis zu kommen, um wiederum seine Anpassung an die Erde zu finden, um dahin zu gelangen, wirklich ein Angehöriger der vierten Hierarchie zu werden. Denn aus alledem, was nun innerhalb der Rosenkreuzer-Schule möglich war, erkannte man, was mit dem Schüler, als er den Geist seiner eigenen Jugend leibhaftig vor sich gesehen hat, vorgegangen war. Mit dem war vorgegangen eine Loslösung des astralischen Leibes, die stärker ist, als sie sonst irgendwie im menschlichen Leben ist. Und in dieser Loslösung des astralischen Leibes hat er den Sinn der Offenbarung erkannt. Und wiederum wurde in dieser Rosenkreuzer-Schule klar, was vorgegangen war mit dem Schüler in den Tiefen der Erde. Da war der astralische Leib ganz in das Innere zurückgezogen. Da war er völlig zusammengezogen, so daß der Schüler die Geheimnisse des eigenen Menscheninnern wahrnahm. Und jetzt wurden innerhalb der Rosenkreuzerei Exerzitien, Übungen gefunden, die verhältnismäßig einfach waren, die in symbolischen Figuren bestanden, denen man das Gemüt hingab, über die man meditierte. Und durch die Kraft, die in den menschlichen Seelenbesitz kam durch die Hingabe an solche Figuren, erreichte man, daß man auf der einen Seite den astralischen Leib loslöste und wurde wie der Schüler auf Bergeshöhe, in Ätherhöhen, daß man auf der andern Seite, indem sich der astralische Leib zusammenkrampfte, zusammenzog, wurde wie der Schüler in Erdenklüften. Und dann konnte man, indem man nicht die äußere Umgebung hatte, sondern eine starke innere Übung machte, in das menschliche Innere kommen.
[ 25 ] It was at a teaching center of the Rosicrucians—the first, original Rosicrucians—that the very scenes I have described to you today—the scene high up on the mountain between the teacher and the student, and down deep in the earth’s crevices—appeared as if in a kind of temporal mirage, one might say, as if they had returned as ghosts, reflecting themselves as a vision within a Rosicrucian school. And from this, it was recognized that through inner striving, a person must achieve two things in order to attain true self-knowledge, to once again find their place on Earth, and to become a true member of the fourth hierarchy. For from all that was now possible within the Rosicrucian school, one came to understand what had happened to the student when he saw the spirit of his own youth standing before him in the flesh. What had occurred was a detachment of the astral body that is stronger than it is in any other way in human life. And in this detachment of the astral body, he recognized the meaning of the revelation. And once again, within this Rosicrucian School, it became clear what had happened to the student in the depths of the Earth. There, the astral body had been completely withdrawn into the innermost being. There, it had been entirely contracted, so that the student perceived the mysteries of his own inner being. And now, within the Rosicrucian Order, spiritual exercises were developed that were relatively simple, consisting of symbolic figures to which one devoted one’s mind and upon which one meditated. And through the power that entered the human soul through devotion to such figures, one achieved, on the one hand, the detachment of the astral body and became like the student on a mountain peak, in the heights of the ether; and on the other hand, as the astral body contracted and drew in upon itself, one became like the student in the crevices of the earth. And then, by focusing not on the external environment but on intense inner practice, one could enter the innermost depths of the human being.
[ 26 ] Sehen Sie, ich schildere Ihnen damit etwas, was ich nur ganz leise angedeutet habe in dem neuen Vorwort zu der letzten Auflage meiner «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geistesleben». Da habe ich ja gesagt, daß dasjenige, was aufgetreten ist bei Meister Eckhart, Johannes Tauler, bei Nikolaus Cusanus, dem Kardinal, bei Valentin Weigel und den anderen, das Spätprodukt war eines kolossalen ursprünglichen Menschheitsstrebens, das vorangegangen ist. Und dieses ursprüngliche Menschheitsstreben, das dem Streben des Meister Eckhart, dem Streben des Johannes Tauler vorangegangen ist, dieses konkrete Streben im Geiste, dieses Suchen nach Selbsterkenntnis beim Menschen im Zusammenhange mit Offenbarung und Naturerleuchtung, dieses wollte ich Ihnen heute schildern als eine der Strömungen, die da liefen im sogenannten finsteren Mittelalter, wo es aber wirklich in der Finsternis, die der moderne Mensch heute hineinphantasiert, recht erleuchtete Geister gab, so erleuchtete Geister, daß die heute erleuchtetsten Geister das Licht dieser Erleuchteten eben nicht verstehen und daher finster bleiben. Aber das ist ja überhaupt vielfach das Charakteristikum der heutigen Zeit, daß man das Licht finster und die Finsternis hell findet.
[ 26 ] You see, I am describing to you something that I only hinted at very briefly in the new preface to the latest edition of my *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life*. There I stated that what emerged in Meister Eckhart, Johannes Tauler, Cardinal Nicholas of Cusa, Valentin Weigel, and the others was the late manifestation of a colossal, primordial human striving that had preceded them. And this primordial human striving, which preceded the striving of Meister Eckhart and that of Johannes Tauler—this concrete striving in the spirit, this search for self-knowledge in human beings in connection with revelation and the enlightenment of nature— this is what I wanted to describe to you today as one of the currents that flowed during the so-called Dark Ages, where, however, even in the darkness that modern people today imagine, there were truly enlightened spirits—spirits so enlightened that even the most enlightened minds of today simply do not understand the light of these enlightened ones and therefore remain in darkness. But this, after all, is in many ways the defining characteristic of our time: that people find light to be dark and darkness to be light.
[ 27 ] Aber ein merkwürdiger, gewaltiger Eindruck bleibt zurück, wenn man in die Hintergründe desjenigen schaut, was in der Literatur wie in einem Abglanze dieser Zeit gelebt hat. Einiges von dem wollte ich Ihnen heute schildern; einiges von dem, was dann das Bild ergänzen, zu einem Ganzen abrunden wird, werde ich Ihnen morgen schildern.
[ 27 ] But a strange, powerful impression lingers when one looks into the background of what has lived on in literature as a reflection of that era. I wanted to describe some of that to you today; tomorrow I will describe some of what will then complete the picture and round it out into a whole.
